Weil sie Armenier*innen sind: Essay
Von Pınar Selek
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Über dieses E-Book
Pınar Selek wirft aus ihrer Perspektive als Türkin einen Blick auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf die türkische Gesellschaft bis heute. Durch ihre persönlichen und engagierten Erinnerungen, Beobachtungen und Begegnungen lernen wir, was es bedeutet, sich von Geschichtsumschreibungen in der Schule manipulieren zu lassen und aus irreführenden Geschichtsbüchern zu lernen, in einem Land zu leben, in dem armenische Geschichte aus dem Gedächtnis getilgt wurde.
Es ist das schonungslose Zeugnis einer Frau, die mit ihrem Schreiben einen kritischen Blick auf das politische System in der Türkei wirft und dafür teuer bezahlen musste und immer noch muss.
Pınar Selek
Pınar Selek, ist Soziologin, Journalistin, Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin. Sie machte sich mit ihren Schriften zur Armenien- und Kurd*innenfrage einen Namen und geriet deshalb 1998 zu Unrecht in der Türkei unter Terrorverdacht, kam ins Gefängnis, wurde dort gefoltert und schließlich viermal von allen Anklagepunkten freigesprochen. Sie konnte die Türkei schließlich verlassen und lebt seit 2011 als Geflüchtete in Frankreich, wo sie an der Universität von Nizza lehrt. 2023 wurde der Prozess in der Türkei gegen sie erneut aufgerollt. Glücklicherweise steht das Verfahren unter großer internationaler Beobachtung.
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Buchvorschau
Weil sie Armenier*innen sind - Pınar Selek
1.Der Aufsatz
Themenstellung: Die Lüge des Völkermords an den Armeniern
Titel: Vom Winde verweht, vom Wasser verschlungen
Name des Schülers: xxx
Alter des Schülers: xxx
Vorgabe: Beweisführung, dass die Armenier Anatoliens niemals vernichtet wurden
Schulort: Staatliche Grundschule xxx
Datum: 10. Juni 2003
Zuerst einmal muss klargestellt werden, dass es in unserem Land keine Massaker an den Armeniern gegeben hat. Persönlich habe ich sie jedenfalls noch nie gesehen. Ich hatte nie armenische Freunde und hätte auch gar keine haben wollen. Nach dem, was unser Lehrer sagt, sind sie sehr knauserig. Er ist ein gebildeter Mann und weiß eine ganze Menge. Was hätte ich von einem Schulkameraden, der mir nicht mal seinen Bleistift oder seinen Radiergummi leiht?
Niemand weiß wirklich, wer die Armenier waren und wie sie gelebt haben. Vielleicht waren sie so eine Art Gülyabanis,² von denen uns unsere Vorfahren erzählt haben, oder ähnliche Gestalten. Ich muss nur das Wort »Armenier« hören und kriege Angst. Ein Glück, dass es sie nicht gibt. Wenn es sie gäbe, würden sie uns sofort auffressen, das sagt unser Geschichtslehrer. Er sagt, sie wären alle Terroristen und würden die Einheit unseres Landes gefährden. Und jetzt würden sie versuchen, die Türken gegeneinander auszuspielen, indem sie behaupten, es hätte einen Völkermord gegeben.
Unser Lehrer hat uns erklärt, dass die Worte ermeni und terörist dieselbe Wurzel haben: er.³ Das Wort er lässt einen an die Armee denken, es erinnert an Tod, Morde, Massaker. Natürlich meine ich nicht die türkische Armee. Die türkischen Soldaten töten niemanden. Sie vergöttern Kinder und respektieren alte Leute. Die Armenier dagegen … Es heißt, sie würden sich vor allem an Kindern unseres Alters vergreifen. Erst schänden sie sie, dann trinken sie ihr Blut. Nachts habe ich Albträume, in denen sie mir als Riesen mit einem gewaltigen Kopf und einem Auge auf der Stirn erscheinen … Früher hatte ich Angst vor den Gülyabanis, aber jetzt glaube ich nicht mehr an sie. Mit den Armeniern wird es vielleicht genauso, und ich werde nicht mehr an sie glauben, wenn ich groß bin.
Ich habe meine Eltern zu dem Thema befragt, aber sie haben mir nichts gesagt. Mein Großvater auch nicht. Als ich ihn fragte, ist er wütend geworden: »Es gibt keine Armenier, sie existieren nicht! Wer hat dir das alles erzählt? Dass ich das Wort nie mehr aus deinem Mund höre!« Also, wenn ich diesen Aufsatz fertig habe, werde ich das Wort nie mehr aussprechen.
Der Geburtsort meiner Mutter gehörte den Armeniern. Ihr selbst ist die Geschichte eines Tages herausgerutscht. Da habe ich sie gefragt: »Habt ihr denn keine Angst gehabt, dort zu leben? Und wenn ihre Gespenster euch gefressen hätten?« Ich hätte eine saftige Ohrfeige verdient. Meine Mutter schlägt mich nie, eben weil sie keine Armenierin ist. Aber wenn man auf das Thema kommt, regt sie sich auf. Ihr Großvater war nach einer langen Reise in dieses Dorf ausgewandert. Als er ankam, war die Gegend offenbar seit langem verlassen, denn es gab weder eine Spur von Armeniern noch von sonst irgendjemandem. Die Geschichte dieses Dorfes geht auf die Hethiter zurück. Das steht in unseren Schulbüchern. Nach den Hethitern kamen die Seleukiden, danach die Osmanen und zuletzt unsere Republik.
Aber was ist dann aus den Armeniern geworden?
Sie müssen ganz einfach verschwunden sein, vorausgesetzt natürlich, dass es sie jemals gegeben hat … Dabei gibt es durchaus einige Hinweise auf ihre frühere Existenz. Sie finden sich vor allem in den Geschichten, mit denen man Kinder erschreckt. Wenn man größer wird, versteht man allerdings, dass es bloß Märchen sind. Wir haben sie nicht massakriert, denn die Türken würden keiner Fliege etwas zuleide tun. Sie können nicht einmal mit Waffen umgehen. Das merkt man daran, dass die Türken immer wieder ausrufen: »Friede dem Vaterland, Friede der Welt!« und die anderen bei den Händen fassen. Wieso sollten sie andere Leute töten? Türken sind anständig, arbeitsam und vertrauenswürdig. Glücklich, wer sich Türke nennt!⁴
Über den Völkermord an den Armeniern spricht niemand.
In Wirklichkeit waren sie es, die versucht haben, uns zu vernichten. Sie haben sich mit dem Teufel zusammengetan, um das Land zu zerstören. Mit ihren Schwertern sind sie auf uns losgegangen. Sie haben Frauen vergewaltigt. Manche haben sie behalten, andere verkauft. Sie haben unsere Ländereien gestohlen und unseren Besitz beschlagnahmt. Sie haben uns alle abgestochen, Kinder und Erwachsene. Keinen einzigen Türken haben sie in diesem Land übrig gelassen. Aber am Ende hat Allah sie bestraft und sie mit einer Handbewegung in die Hölle befördert.
Wie in den Märchen ist ein Wunder geschehen und wir sind zum Leben zurückgekehrt! Wir sind aus den Gräbern auferstanden und haben wieder angefangen zu leben. Ein Prinz hat uns mit einem Kuss wiedererweckt und eine gute Fee hat unsere Wunden geheilt. Seitdem gehört dieses paradiesische Land
