Barkarole 3: Zu jung zum Sterben
Von Yavanna Franck
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Über dieses E-Book
Lukas und Nikol finden sich bereits mit der endgültigen Konsequenz aus Hannes’ Verschwinden ab, doch dann führt eine neue Spur sie mitten ins Rotlichtviertel. Es bedarf der vereinten Kraft von Freunden und Familien, ehe sich ein Licht am Horizont abzeichnet.
Yavanna Franck
Yavanna Franck, geboren 1967 in Berlin, begann bereits in ihrer Jugend mit dem Schreiben. Jedoch erst nach dem ihre drei Kinder auf eigenen Füßen standen, brachte sie ihre Ideen aufs Papier. Barkarole ist ein Herzensprojekt, erwachsen aus dem beruflichen Engagement für schwule und lesbische Jugendliche Anfang der Neunziger. Dort nahm auch die Liebe zur Stadt Frankfurt ihren Anfang und so ist Barkarole ebenso Drama, wie eine zeitgeschichtliche Reise ins Frankfurt der 70-iger und 80-iger Jahre.
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Barkarole 3 - Yavanna Franck
Bisher erschienen:
Barkarole 1 ISBN print 9783863619336
Barkarole 2 ISBN print 9783863619428
Auch als Ebook
Himmelstürmer Verlag, part of Production House,
Ortstr.6, 31619 Binnen
www.himmelstuermer.de
E-Mail: info@himmelstuermer.de
Originalausgabe, Februar 2022
© Production House GmbH
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages.
Zuwiderhandeln wird strafrechtlich verfolgt
Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage
Umschlaggestaltung:
Juliana von Farbenmelodie
https://julianafabula.de/grafikdesign/
ISBN print 978-3-86361-945-9
ISBN e-pub 978-3-86361-946-6
ISBN pdf 978-3-86361-947-3
Alle hier beschriebenen Personen und alle Begebenheiten sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist nicht beabsichtigt
Yavanna Franck
Barkarole 3
-Zu jung zum Sterben-
„Auf weinfarbenem Meer segelnd zu anderen Menschen"
Zitat aus Homers „Odyssee"
Was bisher geschah …
„Zu jung zum Sterben ist der Abschluss der Barkarole-Trilogie nach „Die Grenzen der Freiheit
und „Licht über dem Abgrund".
Im Herbst 1970 floh der damals zwölfjährige Hannes vor seinem gewalttätigen Vater, Hans Friedrich. In Frankfurt begegnete er Lukas, Kopf einer kriminellen Bande. Zwischen beiden entwickelte sich im Laufe der Monate eine zarte Romanze inmitten des alltäglichen Überlebenskampfes, mit teils drastischen Erfahrungen. Vier Jahre später erkrankte Hannes lebensbedrohlich. Der Preis für die Rettung durch Luka‘ Eltern war die Aufgabe des Straßenlebens. Hannes blieb allein auf der Straße zurück, jedoch konnte Lukas sein Versprechen, weiterhin für den Geliebten da zu sein, nicht halten. Hannes misslang der Ausstieg aus der Szene, er wurde beim Dealen geschnappt und verhaftet. Reuther, sein Pflichtverteidiger, begegnete Lukas und gemeinsam gelang es ihnen, Licht in Hannes’ Herkunft zu bringen. Sie stießen bei ihren Recherchen nicht nur auf Beweise für den jahrelangen Missbrauch an dem Jungen, sondern auch auf die SS-Vergangenheit von Hans Friedrich. Sie fanden heraus, dass der Makler Albrecht Kolbe Friedrich gedeckt hat. Als Reuther ihn damit konfrontierte, traf er im Haus des alten Mannes dessen Tochter, die in ihm den Vater ihres angeblich totgeborenen Kindes erkannte. Reuther erfuhr, dass Gloria und er die Eltern von Hannes waren und er somit eine Mitschuld an dessen Tragödie trägt. Als er Hannes die Wahrheit über seine Herkunft mitteilte, brach der zusammen und wurde in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Statt jedoch die erwartete Hilfe bei der Bewältigung seiner Vergangenheit zu bekommen, ging es ihm dort immer schlechter; jemandem Einflussreichen stand er im Weg.
Seine Mutter Gloria war in ihrer arrangierten Ehe gefangen und konnte sich nur unter Schwierigkeiten mit Reuther treffen, um dem Verdacht nachzugehen, den beide gegen ihren Vater hegten. In seiner Not entführte Lukas den Freund, um ihn dem Zugriff des Schuldigen zu entziehen. Es stellte sich jedoch heraus, dass nicht Kolbe, sondern dessen langjähriger Freund der Drahtzieher hinter den Vorkommnissen war, da dieser Hannes’ Ansprüche auf das Familienerbe als Glorias Erstgeborenem ausschließen wollte. Lukas und Hannes konnten ihren Traum vom „normalen" Leben nun endlich leben, was für Lukas den erfolgreichen Abschluss seines Medizinstudiums bedeutete. Hannes fand in seinem Großvater einen engen Vertrauten. Gloria verließ ihren Ehemann und zog zurück in das Haus ihres Vaters, wo sie mit Reuther zusammenlebte.
Crescendo
Lukas, Frankfurt Niederrad, Oktober 1986
Lukas schnippte die Asche auf den Boden und drückte die Kippe in den übervollen Aschenbecher, der neben einer leeren Zigarettenpackung auf dem Nachtschrank gleich am Kopfende des Doppelbettes stand. Er stieß dabei an das noch halbvolle Colaglas und der klebrige Rest seines letzten Cola-Wodkas ergoss sich über die fleckige Glasplatte. Lukas fluchte verhalten und schwang die Beine aus dem Bett. Hinter seiner Stirn pochte unangenehm pulsierender Schmerz und sein Magen erschien ihm wie eine Ansammlung verknoteter Gedärme, die sämtliche Inhalte entgegen ihrer natürlichen Ausrichtung entsorgen wollten. Er schluckte den bitteren Geschmack und rieb sich mit den Fingerknöcheln den Schlaf aus den Augen. Beim Aufstehen kickte sein rechter Fuß gegen die leere Wodkaflasche, die daraufhin laut scheppernd über den Boden rollte. Er konnte sich nicht erinnern, sie ausgetrunken zu haben, aber zumindest erklärte das sein körperliches Befinden.
Seine Brille fand er auf dem Fensterbrett neben einer weiteren, fast leeren Zigarettenpackung. Er schob die Brille ins Gesicht und ratschte mit zittrigen Fingern ein Streichholz an. Tief inhalierte er den Rauch der Filterlosen und blickte durch das schlierige Fenster auf den trüben Oktoberhimmel. Das Zittern seiner Hände ließ etwas nach und auch die Übelkeit verschwand allmählich.
Ein kurzer Blick auf die roten Leuchtziffern des digitalen Weckers auf der anderen Zimmerseite zeigte ihm die zwölfte Stunde, Siegfried war schon seit dem Morgen in der Uniklinik. Sein erstes Semester in der Vollzeitpromotion, einem langen Weg zu seiner klinischen Dissertation.
Lukas schüttelte verständnislos den Kopf. Acht Jahre allein bis zur Approbation und nun noch mindestens ein Semester mehr Aufwand, in dem kein Geld ins Haus kam. Ein halbes Jahr, in dem er weiterhin ohne finanzielle Unterstützung durch den Freund für das Auto, Lebensmittel, Getränke, ja selbst für ihre gemeinsamen Trips in Bars und Diskotheken aufkommen musste. Obwohl insbesondere Letztere inzwischen recht selten geworden waren.
Er hatte nicht mal zwölf Semester gebraucht, Promovierung eingeschlossen. Lukas seufzte laut, als ob dies an der Tatsache etwas ändern würde, dass Siegfrieds mangelhaftes Leistungsvermögen ihm wahnsinnig auf die Nerven ging.
Er zerrte eine frische Unterhose aus dem Berg der zwar gewaschenen, aber nicht zusammengelegten Wäsche, die sich seit Tagen auf dem Sessel stapelte. Auch wieder so eine Sache, wegen der er mit Siegfried haderte.
Seine zweiundsiebzig Stunden Schichten banden ihn jedes Mal tagelang an die Klinik. Zeit, in der Siegfried in der Wohnung nichts auf die Reihe bekam und am Ende sämtliche Hausarbeit an ihm hängen blieb, was den Frust darüber genauso ins Unermessliche steigerte, wie seinen Konsum von Zigaretten und Alkohol. Er hasste den ganzen Haushaltsscheiß und entsprechend sah die Bude meist auch aus. Oft nahm er sich vor, endlich aufzuräumen und mal zu putzen. Häufig blieb es jedoch bei den Plänen und so türmte sich in der Küche das benutzte Geschirr neben den verkrusteten Pfannen und Töpfen mit angetrockneten Nudeln und Resten weiß bepelzter Tomatensauce. Im Flur stand ein Wäscheständer mit seit Tagen trockener Wäsche, und der Korb mit der schmutzigen Kleidung war dauervoll.
Auch jetzt ignorierte er den Klamottenberg und das Hindernis im Flur und stapfte missmutig ins Bad.
Die heiße Dusche tat seinem verschwitzten Körper gut. Die Spannung im Kopf ließ nach und der Knoten im Magen wich einem angenehmen Appetit mit Lust auf Kaffee.
Hoffentlich war noch welcher da.
Er ließ gleich eine ganze Kanne durchlaufen und schob zwei Scheiben Brot in den Toaster. Die Butter war alle, aber das störte ihn nicht. Stattdessen legte er einen Streifen Schinken zusätzlich auf sein Sandwich. Einkaufen würde er wohl auch wieder müssen.
Erst am Sonntag musste er in der Klinik sein, zwei entspannte freie Tage, von denen er allerdings den ersten schon fast verschlafen hatte.
Egal. Das Auto stand vor der Tür, der nächste Penny-Markt war nur wenige Minuten entfernt.
Brot, Aufschnitt, Butter, Wodka, Zigaretten, Kaffee. Ein Päckchen Filtertüten und Kloreiniger. Lukas fuhr sich mit den Fingern durch das kurze Blondhaar. War es das? Am Süßwarenregal verharrte er einen Moment. Gummibären. Ob Luca noch immer so verrückt danach war? Siegfried jedenfalls nicht und er selbst machte sich nichts aus dem Süßkram. Dafür wanderten eine Packung Chips und gesalzene Kräcker in den Einkaufswagen. Bezahlen und raus.
In der Wohnung angekommen stellte er die Einkäufe zunächst in der Küche ab und fläzte sich bequem in den einzig noch freien Wohnzimmersessel. Die Beine lang ausgestreckt, eine Zigarette zwischen den Fingern und durchatmen.
War es das? Das, was man Leben nennt? Er zählte zweiunddreißig Jahre, noch weitere zwei Jahre, bis er endlich seinen Abschluss als Facharzt für Chirurgie haben würde. Jede Woche arbeitete er bis zum Umfallen, um auf möglichst viele Anrechnungszeiten zu kommen. Viel zu selten hatte er frei und wenn, dann versank er in Alkohol, um überhaupt komplett abschalten und trotz der unmenschlichen Müdigkeit schlafen zu können.
Die Beziehung mit Siegfried war schon lange nicht mehr das, was er sich für den Rest seines Lebens vorstellen wollte. Dazu kam das Zerwürfnis mit seinen Eltern, welches, obwohl er die beiden mittlerweile fast vier Jahre nicht gesehen hatte, ihn noch immer belastete. Sie hatten so verdammt viel getan und dafür lediglich erwartet, dass er in ihre Kleinstadtpraxis einstieg. Nicht mal ein Jahr hatte er es dort ausgehalten. Jeden Tag das Gelaber alter Leute, vereiterte Furunkel, eingewachsene Zehennägel … am Ende der große Bruch. Ein Streit, der alles veränderte.
Mit seinem überdurchschnittlichen Abschluss war es leicht gewesen, den Job an der DRK-Klinik zu bekommen. Die Bude in Niederrad dagegen schon schwieriger, sie kostete ihn ein Drittel seines Einkommens, doch das ließ sich aushalten, er verdiente, inzwischen als Assistenzarzt, akzeptabel und kam, zumindest in der Anfangszeit, meistens halbwegs klar. Den Job war er allerdings vier Monate später schon wieder los. Zu oft zu spät gekommen, Stress mit dem Chefarzt, Streitereien mit den Kollegen … von wegen nicht teamfähig! Er ließ sich nun mal ungern ausfragen und nur, weil die anderen Ärzte länger da waren und etwas schon immer so getan haben, musste das ja nicht so bleiben. Wozu schließlich war Innovation gut? Lukas war froh, dort nicht mehr hinzumüssen.
In der chirurgischen Privatpraxis waren es sogar nur drei Wochen, der Chef mochte es nicht, dass Lukas Einiges besser wusste als er, dabei war der Typ ein alter Sack und seine Arbeitsmethoden stammten gefühlt aus dem letzten Jahrhundert. Die gesamte Praxis war antiquiert wie die Ausrüstung eines mittelalterlichen Baders und seine Forderung vom Umgang untereinander entsprach eher höfischem Gebaren, inklusive Unterwürfigkeit und Ehrerbietung.
Bei seiner Bewerbung beim Uniklinikum hatte er diese Zeiten einfach weggelassen und sich vorgenommen, diesmal häufiger den Mund zu halten, wenn ihm etwas nicht passte, und sein Temperament, so gut es ging, zurückzufahren.
Es fiel ihm schwerer als gedacht, den lästigen Fragen und den anbiedernden Kennenlernversuchen der Kollegen auszuweichen, ohne auszuticken oder unhöflich zu sein.
Da er ohnehin ein Einzelgänger war, störte ihn das aus seiner Ablehnung resultierende distanzierte Verhalten der Kollegen am Anfang wenig. Sie sollten ihn schlicht in Ruhe lassen. Doch dass sie ihn auch aus ihren dienstlichen Gesprächen ausgrenzten, nervte schon sehr. Dadurch fehlten ihm Informationen, die er sich aufwendig selbst erarbeiten musste.
Die heimlichen Spitzen und das Gerede der anderen Assistenzärzte hinter dem Rücken, wegen seines angeblich arroganten Verhaltens, nahm er sehr wohl wahr. Insbesondere Dr. Melchior stach aus dieser Gruppe heraus. Er war zeitgleich mit Lukas fertig geworden, hatte aber vier Semester länger gebraucht und eine ganze Note schlechter abgeschlossen. Diese Tatsachen machten Lukas offensichtlich zu seinem persönlichen Feind und Lukas vermutete, dass er hinter den missgünstigen Redereien steckte, die über ihn auf der Station grassierten. Die Gerüchte bezogen sich mit feiner Regelmäßigkeit auf unlauteres Verhalten und Annährungsversuche den Schwestern gegenüber. Darüber war Lukas erhaben, aber es ärgerte ihn beträchtlich, da er sich kaum zu verteidigen vermochte, ohne mehr von sich preis zu geben, als ihm recht war.
Viel zu oft staute sich Wut in seiner Brust. Wut, die er hinunterschlucken musste, die sich in seinem Inneren wie ein Stein anfühlte. Niemand aus dem ganzen Kollegium verstand offensichtlich, dass er kein Interesse an privaten Ärztezimmergesprächen oder Schwesterngeschwafel hatte. Einzig die Oberschwester verhielt sich ihm gegenüber normal.
Professor Hohenheim, Chefarzt der chirurgischen Station, ignorierte ihn sowieso.
Siegfried sollte eine Gelegenheitsaffäre bleiben, neben der lockeren Beziehung zu Luca.
Doch der Jugendfreund hatte im Laufe der Wochen mehr und mehr an Bedeutung für ihn verloren. Zu groß waren am Ende die Unterschiede. Mit Luca verband ihn zweifellos eine bewegte Vergangenheit, die einer emotionalen Achterbahnfahrt gleichkam. Zudem war er der süßeste Kerl, den er je im Bett hatte. Aber seine Naivität und grenzenlose Lebensuntauglichkeit hatten Lukas schlicht die letzten Nerven gekostet.
Mit Siegfried war es dagegen komplett anders. Sie konnten über alles reden. Über ihre Träume und Vorstellungen vom idealen Job und über den besten Weg, erfolgreich durch das Studium zu kommen. Sie liebten es, über Gott und die Welt zu philosophieren, zusammen auszugehen, Spaß zu haben. Jeder Club stand ihnen offen, keiner sah Siegfried scheel an, weil er eben kein szenebekannter Stricher war.
Sigi war irgendwann nach dem Bruch mit den Eltern bei ihm eingezogen und die Beziehung schien in Ordnung zu sein. Doch machte sich Lukas nichts vor. Der Anblick des Freundes erregte ihn längst nicht mehr, denn aus dem schüchternen Erstsemester war ein gestandener Mann geworden. Männer jedoch hatten es Lukas noch nie angetan und mittlerweile hatte der Alltag den Rest ihrer zarten Liebe verschlungen. Was sie weiterhin zusammenhielt, war die Angst. Angst vor der neuen Seuche, die Monat für Monat mehr Opfer forderte und die die schwule Welt wie im Schock erstarren ließ. Wer wollte sich da schon noch freiwillig in das Abenteuer Lust stürzen? Selbst die jungen Kerle in der Stricherbar, wenn überhaupt welche nach seinem Geschmack dabei waren, ließen niemand ohne Gummi ran.
Verbittert sog Lukas an seiner Zigarette und stand endlich auf. Die Lebensmittel mussten in den Kühlschrank. Er kam sich entsetzlich spießig dabei vor, als er Salami, Butter und den Schnaps einsortierte und anschließend tatsächlich begann, den Wäschehimalaya abzubauen und zu geordneten und schrankfeinen Stapeln zusammen zu legen.
Und dann lag da bereits seit etlichen Monaten dieser Stapel ungeöffneter Post im untersten Fach der Flurkommode. Papierkram, mit dem er eigentlich nie etwas zu tun haben wollte. Rechnungen, Mahnungen, Briefe von der Bank, Finanzamt, dem Vermieter …? Wann war seine letzte Mietzahlung? Er wusste es nicht und hatte null Bock, sich mit dem Inhalt all der garantiert unangenehmen Schreiben jetzt zu beschäftigen, morgen würde er sich darum kümmern, ganz bestimmt.
Die Hausarbeit empfand er als extrem entwürdigend, wenn er später über mehr Einkommen verfügen würde, musste eine Putzkraft her. Doch noch war die Zeit dafür noch nicht reif. Das Geld war immer knapp und da niemand diesen beschissenen Job übernahm, blieb ihm nichts anderes übrig, als es selbst zu erledigen. So weit war es nun schon gekommen!
Es hätte Luca’s Job sein sollen. Merkwürdig, dass er ausgerechnet jetzt wieder öfter an ihn dachte. Dabei hatte Luca nie einen Sinn für Ordnung oder gar Aufräumen gehabt. Wozu auch? In ihrem alten Leben herrschte das absolute Chaos und in seiner neuen Welt hatte er eine Mutter und das Hauspersonal, die sich um alles kümmerten. Luca hatte es am Ende ziemlich gut getroffen, fand Lukas. Ein eigenes Zimmer in der Riesenvilla seines Großvaters, keinen Job, keine Pflichten, jeder Wunsch wurde ihm erfüllt. Dafür sorgte schon das schlechte Gewissen seiner Familie.
Ob er das Lesen und Schreiben am Ende wohl gelernt hatte? Lukas’ Kontakt zu den Reuthers hatte nicht lange genug angehalten, um die Entwicklung des ewigen Jungen weiter zu verfolgen. Und eigentlich war es inzwischen auch egal. Die Familie war ihm zu stressig. Mit der Scheidung und dem ganzen ätzenden Sorgerechtsstreit um Glorias merkwürdige, wie dressiert wirkende Kinder, wollte er nichts zu tun haben.
Der Streit um das Sorgerecht endete so unverhofft, wie er zuvor heftig geführt wurde. Kolbe hatte ihn mit einer Zahlung an Edgar Harder beigelegt und die Kinder wünschten scheinbar keinen weiteren Kontakt zu ihrem leiblichen Vater.
Vincent fand durch seinen neuen Job bei Rottleb & Partner, einer dieser Nobel-Kanzleien, die für den alten Kolbe arbeiteten, kaum noch Zeit für seinen jüngeren Freund und wenn sie miteinander sprachen, gab es für sie keine gemeinsamen Themen mehr.
Lukas hatte nur die Anfänge mitbekommen und das war schon mehr, als er zu ertragen bereit gewesen war. Der liebenswürdig-charmante und völlig verpeilte Vincent, der nur einen Anzug besessen und mehr Zeit in Gerardos Restaurant, als in seiner verkramten, ewig qualmigen Bude verbracht hatte, war unter der Last der neuen Verantwortung verschwunden. Der neue Vincent war ein anderer Mensch, ausgetauscht mit einem Modell geschniegelter Gleichförmigkeit, mit Brillantine gegen die wüsten, wilden Locken und einem sorgfältig rasierten Kinn.
Lukas war einfach nicht mehr hingegangen.
Hilflos drehte er sich im Zimmer um. Früher Freitagnachmittag und ihm fiel nichts Besseres ein, als Hausarbeit und Grübeleien! So weit war es mit ihm inzwischen bergab gegangen.
Angekommen im alltäglichen Leben, von dem er in der Jugend so sehnsuchtsvoll geträumt, das er während bitterkalter und klammer Nächte in vergammelten Buden ersehnt hatte: ein sicheres, warmes Zuhause, genug zu essen, Alkohol wann immer er Lust draufhatte, keine lebensgefährlichen Scheißjobs, ausreichend Geld, ein schnelles Auto, ein cooles Motorrad. Warum also war er nicht glücklich? War er früher glücklich? Was hatte er früher an einem vergleichbaren Tag unternommen?
Es gab keine vergleichbaren Tage, resümierte er bitter. Und er war doppelt so alt wie damals, als alles begann. Vielleicht wäre dies jetzt ein guter Zeitpunkt, um nach fast sechs Jahren mal wieder nach Luca zu sehen. Doch auch darauf verspürte er keine Lust. Was hätte er dem ehemaligen Freund schon zu sagen außer: Ja, ich bin Arzt, aber es ist nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Der Chefarzt ist ein ignorantes Arschloch und die ganzen Klinikhierarchien nerven mich. Wenn man klüger ist als andere, macht man sich keine Freunde und die vorgesetzten alten Säcke wissen sowieso alles besser und lassen sich nicht kritisieren oder nehmen gar Ratschläge an, zumindest nicht von einem popligen Assistenzarzt wie ihm. Und für neue Vorschläge oder Ideen sind die erst recht nicht offen.
Lukas ordnete sich ungern unter, er hasste all die einengenden Vorschriften, die eingefahrenen zwanghaften Routinen, die, Zwangsneurosen gleich, im ewigen Trott den Arbeitsalltag bestimmten. Und Teamarbeit lag ihm erst recht nicht, aber in der Klinik blieb ihm nichts anderes übrig, wenn er den Job behalten wollte. Und den brauchte er, um seinen Facharzt zu bekommen, um Karriere zu machen, um selbst eines Tages Chef zu sein und eigene Wege zu gehen. Er konnte nicht schon wieder hinschmeißen.
Lukas seufzte schwer, dann nahm er resigniert die Jacke vom Haken, schnappte den Autoschlüssel und trat vor die Tür.
Ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt. Der Himmel war spätoktobergrau bezogen, raschelndes, braungelbes Herbstlaub von Linden und Kastanien lag auf den Wegen, die Menschen versteckten sich unter tropfenden Regenschirmen und huschten gebeugt, wie um der alles durchkriechenden Feuchtigkeit zu entkommen, durch die nassglänzenden Straßen.
Lukas reckte das Gesicht nach oben und spürte die sanften Tropfen auf der Stirn und der Nase. Die Brille erblindete, dicke Rinnen sammelten sich am Gestell und suchten sich einen Weg in die Tiefe, über die Wangen, durch stacheliges Dreitagebartgestrüpp. Seine Zunge schmeckte das weiche Wasser auf den Lippen. Für einen Moment schloss er die Augen, dann
