Die Genese Europas II: Der europäische Kontinent vom antiken Griechenland bis heute
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Über dieses E-Book
Der zweite Teil beginnt 900 bei der Herrschaft der Sachsen im ostfränkischen Reich, schildert den Spagat der deutschen Kaiser zwischen Deutschland und Italien, widmet sich dem Investiturstreit und den Kreuzzügen, erklärt die "Universitas Christiana" als eine erste "europäische Union", geht dann auf die "Magna Carta" von 1215 und die "Goldene Bulle" von 1356 als erste Formen der politischen Partizipation in Europa ein.
Mit Beginn der Neuzeit prägen Renaissance, Humanismus und Reformation seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts das Leben in Europa. Nach einem verheerenden "30jährigen Krieg" gilt die Glaubensfreiheit auf dem Kontinent. Zeitgleich suchen Franzosen mit dem Absolutismus und Engländer mit dem durch die "Glorious Revolution" erkämpften Parlamentarismus einen Ausweg aus den Verheerungen der Jahrhunderte langen Kriege in Europa.
Mit der Aufklärung, also dem Versuch die Welt mit dem Wissen und nicht mit dem Glauben zu erfassen, kommt die nächste Zäsur über den Kontinent. Folge der Aufklärung ist die französische Revolution, die den Dreiklang "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" nach Europa gebracht hat. Mit dem "Wiener Kongress" wird Europa einer strengen Restauration unterworfen. Die alten Königshäuser wollen ihren Status behalten, den sie vor der Revolution in Frankreich innehatten.
In den Jahren zwischen 900 und 1815 erfährt Europa zahlreiche Prägungen, die bis heute sichtbar sind: Religionsfreiheit, aufgeklärtes Denken, Parlamentarismus oder auch die Trennung von Kirche und Staat. Die in diesen Jahrhunderten errungenen Erfolge haben einen Kontinent herausgebildet, der identisch ist, weil er nach Vorstellungen organisiert ist, die in Europa erdacht und erkämpft worden sind.
Matthias von Hellfeld
Matthias von Hellfeld ist promovierter Historiker und Journalist (WDR, VOX, Dt. Welle, ZDF, Deutschlandfunk, DRadioWissen), Autor zahlreicher historischer und politischer Sachbücher zur Geschichte Deutschlands und Europas und zum Rechtsextremismus. Zudem hat er zahlreiche TV- und Hörfunk-Beiträge zu historischen Themen verfasst. Er ist Dozent des Masterstudiengangs "OnlineRadio" der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg und beim Kölner Campus für lebenslanges Lernen, sowie Vertrauensdozent einer politischen Studienstiftung.
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Buchvorschau
Die Genese Europas II - Matthias von Hellfeld
Inhalt
1.) Vorwort
2.) Das Frühmittelalter
Europa am Ende des Karolingerreichs
Pornokratie
Italienische Verhältnisse
Heinrich I.
Otto I.
Familienherzogtümer und Reichskirchensystem
Die Schlacht auf dem Lechfeld
Konflikte in Italien
Angriff auf das Patrimonium Petri
Kaiserkrönung Ottos I.
„Renovatio Imperii"
Christliche Herrschaft
Ost- und Westfranken
Polen, Böhmen und Ungarn
Spagat zwischen „Deutschland und „Italien
„Renovatio Imperii Romani"
England
Spanien
Kirchenschisma
Weltliche Macht vs. Geistliche Macht
Gregor VII.
Der Investiturstreit
Heinrich IV.
Canossa
Die Schlacht von Manzikert
Die Macht der Territorialfürsten
Europa unter dem Kreuz der Christen
Erster Kreuzzug
Kreuzfahrerstaaten
Saladin I.
„Universitas Christiana"
3.) Das Hochmittelalter
Die Staufer
„Barbarossa" und der Lombardenbund
Osteuropa im 12. Jahrhundert
Das Kiewer Reich
Spanien und Frankreich
Wilhelm „der Eroberer"
Ideen wirken
Staufisch-welfischer Dualismus
Der „Knabe aus Apulien"
Magna Carta
Die erste „Europäische Union"
Inquisition
Christliche Judenfeindschaft
Bürger und Städte im 13. Jahrhundert
Interregnum
Frankreich und die deutsche Krone
Die „Deutsche Mystik"
Das Osmanische Reich
Die unruhige Mitte des Kontinents
Politische Partizipation in Deutschland
Die „goldene Bulle"
Das abendländische Schisma
Die „Reconquista"
Renaissance – Perestroika des Mittelalters
Humanismus
Europa am Ende des Mittelalters
Jeanne d’Arc und der „Hundertjährige Krieg"
4.) Die Neuzeit
Maximilian I. – der „letzte Ritter und der „erste Kanonier
Reformation
Der Ablasshandel
95 Thesen, die die Welt verändern
Karl V.
Bauernaufstände
Türken vor Wien
Confessio Augustana
Der Augsburger Religionsfriede
16. Jahrhundert
Spanien
Frankreich
Gegenreformation
30jähriger Krieg
Böhmisch-Pfälzischer Krieg von 1618 – 1624
Dänisch-Niedersächsischer Krieg von 1625 – 1629
Schwedischer Krieg von 1630 – 1635
Schwedisch-französischer Krieg 1635 – 1648
KSZE I – Westfälischer Frieden
Die „Deutsche Frage" I
Die Folgen des Krieges
Frankreich: Alle Macht dem König!
Richelieu
Absolutismus
Merkantilismus in Frankreich
England: Alle Macht dem Parlament
Glorious Revolution in England
Russland
Portugal und Spanien
Niederlande
Schweiz
Polen, Litauen und Ungarn
Skandinavien
Deutscher Flickenteppich
Der spanische Erbfolgekrieg
Preußen
Friedrich „der Große" und Maria Theresia
Globalisierung I
Polnische Teilungen 1772 – 1773 - 1795
Aufklärung: Es lebe die Vernunft!
Die „Deutsche Frage" II
Die Französische Revolution
Das „Reich der Vernunft"
Amerika wird unabhängig
Die Revolution beginnt
Die Revolution radikalisiert sich
Die Revolution frisst ihre Kinder
Napoleon
Kaiser Napoleon I.
Europäisches Satellitensystem
Der Rheinbund
Die Aufteilung Europas
Widerstand gegen Napoleon
Reformen in Preußen
Die Konvention von Tauroggen
Befreiungskrieg
Einer allein ist nicht stärker als die anderen zusammen
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa II
Restauration, Solidarität und Legitimität
Der Deutsche Bund
Die „Deutsche Frage" III
5.) Verwendete und empfohlene Literatur
1.) Vorwort
Der vorliegende Text ist der zweite Teil meiner über drei Trimester gehaltenen Vorlesung über die „Genese Europas am Kölner „Campus für Lernen
, die im Januar 2014 begonnen hat. Neben dem grundsätzlichen Verständnis für die Entwicklung des europäischen Kontinents von den Anfängen im antiken Griechenland bis zur Ausgestaltung der Europäischen Union im 21. Jahrhundert geht es in diesem Abschnitt der Vorlesung um die mittelalterliche und neuzeitliche Entwicklung Europas von den Ottonen bis zum Wiener Kongress 1815.
Nach dem Ende des Karolingerreichs entwickeln sich die ost- und die westfränkische Reichshälfte zu eigenständigen und unterschiedlichen König- und Kaiserreichen. Während sich westlich des Rheins ein zentralistisches Königreich herausbildet, haben in der Osthälfte des alten Karlsreiches die Territorialfürsten ein sehr viel größeres Mitspracherecht. Unabhängig davon herrscht über einen langen Zeitraum in Europa Einigkeit darüber, dass die Menschen Teil der Universitas Christiana sind, also eines christlichen Abendlands. Diese erste „Europäische Union hat zwar im Inneren Europas Zusammengehörigkeit und Identität gestiftet, ist aber gegen Andersgläubige, Häretiker, Juden oder so genannte „Hexen
mit kaum nachvollziehbarer Gewalt vorgegangen.
Die mittelalterliche Welt ist phasenweise von brutaler Gewalt geprägt gewesen. Gleichzeitig entstehen aber wesentliche Grundlagen der modernen politischen Ordnung des heutigen Europas: In England ebnen die Magna Carta und die Glorious Revolution dem Parlamentarismus und der konstitutionellen Monarchie den Weg; auf dem europäischen Kontinent verhelfen Renaissance, Humanismus und Reformation dem auch heute noch gültigen Grundsatz „Der Mensch ist das Maß der Dinge" zum Durchbruch; die Aufklärung setzt dem Glauben das Wissen entgegen und betrachtet die Welt mit den Augen der Erkenntnis und nicht des bedingungslosen Gehorsams dem Vatikan gegenüber. Das mündet in die Französische Revolution, die wie keine andere das Leben der Europäer beeinflusst hat: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.
Das europäische Mittelalter ist durch eine Vielzahl von Kriegen gekennzeichnet, von denen der 30jährige Krieg von 1618 – 1648 der wohl katastrophalste gewesen ist. Am Ende liegen Teile des europäischen Kontinents in Schutt und Asche. Aber nachdem das Morden beendet worden ist, übernehmen beim Westfälischen Frieden die europäischen Großmächte zum ersten Mal gemeinsam die Verantwortung für den Kontinent: Die erste „Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa". Eine weitere KSZE folgt beim Wiener Kongress 1815, nachdem eine europäische Militärallianz den französischen Kaiser Napoleon I. hat schlagen können. Vielleicht lässt sich daraus die Erkenntnis ableiten, dass die europäische Sicherheit nur von allen gemeinsam gewährleistet werden kann.
Köln, im Frühjahr 2014
Matthias von Hellfeld
2.) Das Frühmittelalter
Europa am Ende des Karolingerreichs
Mit Beginn des 10. Jahrhunderts ist das Karolingerreich in zwei große Teile auseinandergefallen. Im Westen herrschen die Kapetinger als französisches Königsgeschlecht. Im ostfränkischen Reich wechseln sich die Dynastien in rascher Folge ab. Während westlich des Rheins ein zentralistischer Staat im Werden ist, entwickeln sich im Osten starke Territorialfürsten, die nicht so sehr das gesamte Reich sondern vor allem auch ihre eigene Territorialmacht im Auge haben. In Europa sind mittlerweile viele Königreiche entstanden, die uns auch noch heute bekannt sind: Die skandinavischen Königreiche, Polen, Ungarn, Bulgarien, Kroatien, Frankeich, England und Schottland. In Spanien herrscht das muslimische Emirat von Cordoba, während der ostfränkische König als „römischer Kaiser" auch über einige Restgebiete des untergegangenen Imperium Romanum und damit über den größten Teil von Italien gebietet.
Abgesehen vom Emirat von Cordoba ist über ganz Europa das Christentum verbreitet. Seit die christliche Religion durch das Dekret des oströmischen Kaisers Theodosius I. (347 – 395) vom 27. Februar 380 zur Staatsreligion im gesamten damaligen Römischen Reich geworden ist, steht die junge Religion unter Staatsschutz und kann sich dementsprechend schnell ausbreiten. In den kontinentaleuropäischen Ländern ist das Christentum seitdem durch die strengen Vorgaben des Vatikans geprägt. Im östlichen, slawisch geprägten Gebiet ist die Form der Religionsausübung durch dort vorherrschende Traditionen geformt worden.
Am Weihnachtstag 800 ist Karl „der Große (747 – 814), der König der Franken, durch Papst Leo III. (750 – 816) zum römischen Kaiser gekrönt worden. Karl glaubt an die Theorie der „Translatio Imperii
- also an die „Übertragung des Imperium Romanum" an ihn und seine Nachfolger. Damit – so die Begründung dieser politischen Theorie, die sich auf die Bibel beruft – sei die Welt vor dem Untergang gefeit, der nach dem Ende der vier Reiche der Ägypter, der Perser, der Griechen und eben der Römer drohe. Mit der Übertragung an ihn, ist das römische Reich nicht untergegangen, sondern lebt in ihm und seinem Reich weiter. Da Karl den Cäsaren des Imperium Romanum nachfolgt, übernimmt er auch deren politische Hinterlassenschaften, zu denen das zur Staatsreligion erhobene Christentum gehört. Konsequenter Weise ist das Christentum auch Staatsreligion im Frankenreich. Da der Papst den Frankenkönig zum römischen Kaiser gekrönt hat und die Regentschaft mit göttlichem Segen versehen hat, sind beide eine Symbiose eingegangen: Der Papst versieht die Kaiserkrone mit seinem Segen, der Kaiser stellt den Kirchenstaat und das Christentum unter den Schutz seiner weltlichen Macht.
Das Christentum breitet sich aus und mit dieser Expansion kommt auch der Absolutheitsanspruch der christlichen Kirche über den europäischen Kontinent. Mit der Krönung Karls zum römischen Kaiser steht der Papst unter weltlichem Schutz, seine päpstliche Interpretation der Bibel prägt die gesamte damals bekannte, nichtislamische Welt. Von Rom aus steuern die Päpste fortan das religiöse Leben in Europa und können allmählich auch Einfluss auf die Politik nehmen.
Pornokratie
Aber das Papsttum im frühen Mittelalter ist nicht nur der Mittelpunkt der christlichen Welt, sondern erliegt zeitweise auch weltlichen Verlockungen. Zwischen 904 und 963 verkommen die Papstwahlen zu einer Farce, da sie den politischen Ränkespielen ihrer Zeit geopfert werden. Zudem hat der Vatikan in jenen Jahren offenbar unter dem unguten Einfluss eines Mutter-Tochter-Gespanns gestanden, dem es beinahe gelungen wäre, den Vatikan in ein päpstliches Freudenhaus zu verwandeln. Jedenfalls verwendet der renommierte Kirchenhistoriker Cesare Baronius (1538 – 1607) in seinem 1603 erschienenen Werk für diese Epoche den Begriff „Pornokratie". Ein weiterer Zeuge der Zustände ist der Historiker und Bischof von Cremona, Liutprand von Cremona (920 – 972). Wie korrekt diese erstaunliche Bezeichnung ist, verrät ein Blick in die Annalen der römischen Kurie. In den Augen der Chronisten wird der Vatikan in dieser Zeit tatsächlich von einem Hurengespann geleitet. Es handelt sich um ein Frauen-Tandem, Theodora (894 – 950) und Marozia (890 – 937), die beide Mätressen diverser Päpste sind.
Die Geschichte des Papsttums gleicht in diesen Jahren einer Räuberpistole. Besonders hemmungslos wird der christliche Kodex unter Sergius III. (850 - 911) mit Füßen getreten. 904 inszeniert er mit dem Ehemann seiner Mätresse Marozia, Herzog Alberich I. von Spoleto (889 – 925) einen Marsch auf Rom und lässt sich anschließend unter dem militärischen Schutz des Herzogs zum Papst weihen. Diesem ziemlich merkwürdigen Machtgebaren folgt ein Blutrausch, dem seine beiden Vorgänger und zwei christliche Mitbrüder zum Opfer fallen. Kommentatoren dieser Zeit bezichtigen den Stellvertreter Christi auf Erden, „ständig grenzenlose Abscheulichkeiten mit leichten Frauen zu begehen, womit sie nicht nur Sex mit Minderjährigen gemeint haben. Sergius III. ist offenbar „ein Sklave eines jeden Lasters und ein äußerst gottloser Mensch
, heißt es in den Überlieferungen weiter.
Im Mai 946 wird mit Johannes XII. (939 – 964) ein Sohn Alberichs I. auf dem Heiligen Stuhl platziert. Er trägt den Beinamen „der Schlechte" und das nicht zu Unrecht. Denn Papst Johannes XII. ist Atheist, hat jede Menge Geliebte beiderlei Geschlechts, mit denen er geradezu unglaubliche Orgien im Vatikan feiert. Der für seine papstkritischen Bemerkungen bekannte zeitgenössische Chronist Liutprand von Cremona berichtet nicht nur von einem Bordell im Vatikan, sondern auch noch von Mordanschlägen, Inzest, Simonie und einer Jagd- und Spielleidenschaft des Papstes, so dass der Vorwurf der permanenten Gotteslästerung nicht weiter ins Gewicht fällt. Sein Verhalten ist derart skandalös, dass ihm der Prozess gemacht werden soll. Die förmliche Anklage liest sich so:
„Wisset denn, nicht wenige, sondern alle, sowohl Weltliche als auch Geistliche, haben Euch angeklagt des Mordes, des Meineids, der Tempelschändung, der Blutschande mit Eurer eigener Verwandten und mit zwei Schwestern. Sie erklären noch anderes, wovor das Ohr sich sträubt, dass Ihr dem Teufel zugetrunken und beim Würfeln Zeus, Venus und andere Dämonen angerufen habt."
Über den Tod von Johannes XII. gibt es unterschiedliche Berichte. Vermutlich ist der Papst während eines Geschlechtsaktes mit einer verheirateten Römerin von deren Ehemann überrascht und mit mehreren wilden Hammerschlägen aus dem Leben befördert worden. Eine Synode hat ihn 991 zu Recht „ein Ungeheuer ohne jede Tugend" genannt.
Italienische Verhältnisse
Zweifellos sind diese knapp 60 Jahre des Papsttums kaum mehr als die Geschichte einer kriminellen Vereinigung gewesen. Der christliche Kodex ist mit Füßen getreten worden und nicht wenige Päpste in dieser Zeit haben ihren weltlichen Lastern ausgiebiger gefrönt als sie sich mit der Verbreitung der christlichen Lehre beschäftigt haben. Mit der Absetzung von Papst Johannes XII. hat diese beschämende Periode ein Ende gefunden.
Gleichzeitig wird in diesen Jahren auch ein anderer Konflikt deutlich. Denn die Päpste stehen unter zunehmendem Druck einiger mächtiger oberitalienischer Familien, die mehr Einfluss fordern, Gebietsansprüche stellen und mit dem Papstamt liebäugeln. Eine dieser Familien wird von Berengar II. von Ivrea (900 – 966) angeführt, der den Kirchenstaat dauerhaften Attacken aussetzt. Berengar II. will sich den Kirchenstaat einverleiben und – wenn es geht - auch noch den Rest von Italien. Berengar II. ist Nachfahre Karls „des Großen" und Markgraf von Ivrea, dessen Hausmacht im Norden Italiens in der Nähe von Mailand und Turin liegt. Neben dem Papst hat Berengar II. mit dem italienischen König Hugo I. von Arles (887 – 947) noch einen weiteren Gegner.
Für den Papst ist das eine schwierige Lage, denn er hat weder eigene militärische Möglichkeiten, noch kann er auf Nachbarn hoffen, die ihm zu Hilfe eilen. Deshalb entsinnt sich Johannes XII. wie sein Vorgänger Leo III. vor 150 Jahren eines starken weltlichen Herrschers, der ihm in dieser bedrohlichen Situation helfen könnte. Damals sind es die kampferprobten Langobarden gewesen, die Leo III. das Leben schwer gemacht haben, nun sind es norditalienische Territorialherren, die Johannes XII. in Angst und Schrecken versetzen. Damals ist der Frankenkönig Karl zu Hilfe gekommen – nun soll es ein Sachse sein, der hilft, die italienischen Verhältnisse zu klären.
Heinrich I.
Mit Heinrich I. (876 – 936) sitzt im Jahr 919 der erste Sachse auf dem ostfränkischen Königsthron. Nachdem er 921 den Gegenkönig Arnulf von Bayern (ca. 870 – 937) unterworfen hat, ist seine Machtposition unumstritten. Heinrich I. steht vor schweren Problemen, als er sein Amt antritt, denn die Ungarn sind Anfang des neuen Jahrhunderts von den Petschenegen aus ihrer ursprünglichen Heimat an den nordwestlichen Ufern des Schwarzen Meeres vertrieben worden und haben sich bei der Suche nach neuen Siedlungsräumen in Richtung Kontinentaleuropa aufgemacht. Dabei stellen sie sich nicht zimperlich an. Die Beschreibungen ihrer Überfälle lassen jedenfalls an Grausamkeit nichts zu wünschen übrig. Raub- und Plünderungszüge führen die ungarischen Heere nach Mähren, Kärnten, Sachsen, Thüringen und schließlich nach Bayern bis zur Lech, deren Ufer mehrfach mit dem Blut erschlagener Soldaten getränkt werden.
Mit Heinrich I. tritt den Hunnen aber ein Kriegsherr entgegen, der ihnen in nichts nachsteht und mit gleicher Brutalität gegen seine Gegner vorgeht. Die Kriege, die dieser Heinrich in seinem Leben geführt hat, sind kaum zu zählen, einige hat der sächsische Geschichtsschreiber Widukind von Corvey (925 – 973) notiert:
„er überfiel 928 plötzlich die Heveller. Er zermürbte sie in zahlreichen Gefechten (…) und nahm schließlich deren Hauptort Brandenburg durch Hunger, Schwert und Kälte. Nun wandte er sich gegen die Daleminzen. (…) Er belagerte ihre Stadt Gana und nahm sie nach 20 Tagen. Er überließ sie seinen Kriegern zur Plünderung; alle Männer wurden getötet, die Knaben und Mädchen als Sklaven weggeführt. Hierauf zog er mit seiner ganzen Streitmacht nach Prag, der Hauptstadt der Böhmen …"
929 erreicht Heinrich I. einen neunjährigen Waffenstillstand mit den Ungarn, in dem er sich bereit erklärt, Tributzahlungen an sie zu entrichten. Gleichzeitig lässt er das Land mit Schutz- und Trutzburgen überziehen, er bewaffnet einen Teil der Bauernschaft und stellt überall im Land gepanzerte Reiterheere zusammen. Vier Jahre später kündigt er die Tributzahlungen auf, woraufhin eine ungarische Streitmacht an den Grenzen zu Sachsen und Thüringen auftaucht.
Am 15. März 933 kommt es zwischen Heinrichs Heer und den Ungarn zur Schlacht an der Unstrut, einem Nebenfluss der Saale im heutigen Sachsen – Anhalt. An der Schlacht haben offenbar alle Völker des ostfränkischen Reiches teilgenommen - also Bayern und Schwaben genauso wie Franken, Lothringer, Sachsen oder Thüringer. Genau wie nach der Schlacht von Tours und Poitier, als 732 Karl Martell, der Großvater von Karl „dem Großen, die von Spanien nach Mitteleuropa vorrückenden Mauren geschlagen hat, ist nun Heinrich I. so etwas wie der von Gott bestätigte „Beschützer der Christenheit
.
Der sächsische Geschichtsschreiber Widukind von Corvey, der in drei Büchern die Geschichte der Sachsen bis etwa 970 niedergeschrieben hat, nennt den ostfränkischen König „Vater des Vaterlandes und Imperator. Die Regentschaft des Sachsen Heinrichs I. ist aber nicht nur wegen der erfolgreichen Bekämpfung der ungarischen Heere und wegen der Unterwerfung der Heveller im heutigen Brandenburg von Bedeutung. Mit seiner Krönung sitzt zum ersten Mal ein Herzog auf dem Königsstuhl, der weder Karolinger noch Franke – also Angehöriger der „Gründungsfamilien
des fränkischen Reichs - ist. Heinrich I. ist vielmehr Herzog der Sachsen, um deren Unterwerfung Karl „der Große bis 804 hart hat kämpfen müssen. Etwas mehr als 100 Jahre nach dieser besonders brutalen Unterwerfungsaktion Karls, die ihm zeitweise den Namen „Sachsenschlächter
eingebracht hat, bekommt der Sachse Heinrich die Zustimmung zu seiner Wahl zum ostfränkischen König von Franken, Bayern, Thüringern, Westfalen und Schwaben. Zwei Jahre später – 921 – scheint diese Gemeinsamkeit aber wieder zu zerbrechen, denn Bayern und Sachsen wählen mit Arnulf von Bayern einen Gegenkönig, der aber gegen Heinrich I. unterliegt.
Zum ersten und wahrlich nicht zum letzten Mal tritt die Uneinigkeit im ostfränkischen Reich zu Tage. Zwar sind es erst wenige Stämme, die das Land in der Mitte Europas besiedeln, aber auch diese wenigen können sich nicht auf eine gemeinsame Zentralgewalt einigen. Im westfränkischen Reich tritt dieses Auseinanderdriften von zentralen und partikularen Interessen nicht so sehr in den Vordergrund wie in Ostfranken. Eine Markierung, die bis weit ins 19. Jahrhundert so bleiben sollte.
Aus dem alten Reich Karls „des Großen entsteht im Osten also ein Reich, in dem der König zwar einerseits „König der Franken
genannt wird. Andererseits aber entfernt sich das ostfränkische Reich in seiner politischen Tradition immer mehr vom alten gesamtfränkischen Reich. Parallel zu dieser Distanzierung vom Ursprung des fränkischen Großreichs läuft auch die zunehmende Entfremdung zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil des ehemaligen Karlsreichs. Das, was viele Jahrhunderte später sich als Deutschland und Frankreich gegenübersteht, nimmt von nun an einen eigenständigen nicht selten entgegengesetzten Weg. Aus den Brüder und Schwestern im Frankenreich Karls werden Konkurrenten um die Macht in Europa – bevor sie in der Mitte des 20. Jahrhunderts wieder einander näher kommen werden. Dazwischen liegen viele unheilvolle Entwicklungen, die in der so genannten „Erbfeindschaft" und vielen Kriegen ihren Ausdruck finden.
Otto I.
Als Heinrich I. stirbt, folgt ihm 936 sein Sohn Otto I. (912 – 973), den er schon vorher zum Mitregenten erhoben hat. Otto I. wird ohne großen Widerspruch der übrigen Stammesherzöge gewählt. Der neue König überragt seine Mitmenschen um Haupteslänge; ein gesunder Menschenverstand und vor allem seine praktische Schläue sind überliefert. Von Anfang an steht er aber vor nicht unerheblichen innenpolitischen Schwierigkeiten, die ihm vor allem die Verwandtschaft bereitet. Denn schon kurz nach seiner Krönung fordert Otto I. die Unterwerfung der Herzöge und Landesfürsten unter seine Königsmacht. Die aber haben andere Pläne und machen damit ein weiteres Dilemma offenkundig, dem sich fortan alle Könige und Kaiser im Osten des alten Karlsreiches zu stellen haben.
Denn die Landesfürsten wollen ebenfalls einen Teil der Macht der Zentralgewalt. Wünscht der König die Unterwerfung verbunden mit dem Treueschwur, dann ist eine entsprechende Gegenleistung fällig – Geld zum Beispiel oder eigene Steuern und Zölle oder andere Privilegien. Ist der König stark, hat er eine eigene Hausmacht, dann kann er den Fürsten gegenüber Stärke zeigen und überhöhte Ansprüche abweisen. Andernfalls muss er nachgeben.
König Otto I. macht sich zu Beginn seiner Regentschaft daran, seine Macht abzusichern. 936 erzwingt er an der Spitze eines starken Heeres vom dänischen König und von den Slawenstämmen zwischen Elbe und Oder die Anerkennung seiner Königswürde. Auch gegenüber seinen Brüdern Thankmar (900 – 938) und Heinrich (919 – 955), die sich 939 gegen ihn erheben, reagiert er mit militärischer Härte. Thankmar stirbt während eines Aufstands gegen Otto I. beim Versuch, seinen Halbbruder zu befreien. Heinrich unterwirft sich 941, nachdem ein weiterer Versuch gescheitert ist, Otto I. aus dem Amt zu verdrängen. Auch die Herzöge Giselher von Lothringen (890 – 939) und Eberhard von Franken (855 – 939) scheitern mit ihren Aufständen gegen Otto I.
Familienherzogtümer und Reichskirchensystem
Den partikularen Bestrebungen der Landesfürsten setzt König Otto I. ab 944 eine wachsende Zahl so genannter „Familienherzogtümer entgegen. Lothringen geht an seinen Schwiegersohn Konrad „den Roten
(922 – 955), Bayern an seinen Bruder Heinrich und Schwaben an seinen Sohn Liudolf (930 – 957). Das stellt einen massiven Eingriff in die bisherige Ordnung dar und ruft die entsprechenden Reaktionen hervor. Die Herzöge planen Pfingsten 941 einen Mordkomplott. Aber der Plan fliegt auf, die Rebellion bleibt ohne Folgen. Der Streit aber wird Europa über viele Jahrhunderte in Atem halten, denn die Mitte des Kontinents bleibt lange instabil, weil die Verteilung der Macht in diesem geostrategisch höchst interessanten Gebiet umstritten ist. Während westlich des Rheins die Macht der Fürsten gebrochen und damit alsbald der Weg frei sein sollte für eine „vornationale" Staatlichkeit, geht es im Osten des alten Karlsreiches um die Frage, ob dieser Teil des alten fränkischen Großreichs in viele kleine, kaum überlebensfähige Territorien auseinander brechen würde.
Auf Grund der Erfahrungen mit seiner aufmüpfigen Familie zieht Otto I. die Mitglieder des hohen Klerus auch für weltliche Aufgaben heran, indem er ihnen bedeutende Staatsämter überträgt und sich damit eine eigene Machtbasis aufbaut. Meist stammen die Kirchenmänner aus wichtigen Familien, sind gut ausgebildet und können deshalb Verwaltungsaufgaben besser erledigen als die Kriegsherren des hohen Adels. Otto I. gewährt den Kirchen Königsschutz und Immunität und nimmt sie als „Reichskirchen in den Schoß der weltlichen Macht auf. Neben den wichtigen Staatsämtern bekommen die Kirchenmänner auch noch Reichs- und Kirchengut als Lehen. Für Otto ist das relativ ungefährlich, denn die geistlichen Würdenträger sterben – normalerweise jedenfalls – kinderlos und unverheiratet, so dass ihre Ämter und Lehen nach fränkischem Lehnsrecht wieder an den König zurück fallen, der sie dann immer wieder an vertrauenswürdige Männer weitergeben kann. Diese Verfahrensweise greift aber in die Vollmacht des obersten aller Christen ein, denn eigentlich ist nur der Papst berechtigt, Bischöfe oder Äbte in ein Amt einzusetzen. Bei Otto I. ist das kein Problem, da er ein ausgezeichnetes Verhältnis zum Primas der christlich-römischen Kirche hat. Später entzündet sich über dieses Recht der „Investitur
eine heftige Auseinandersetzung – der „Investiturstreit, der 1077 mit dem „Gang nach Canossa
enden wird. Zunächst aber hilft dieses „Reichskirchensystem" das Reich zu stabilisieren.
Stabilisierend wirkt auch das Grenzsicherungssystem der so genannten „Marken. Vor allem im Süden des Reiches wird die „Ostmark
als Abwehr-Bollwerk gegen die Ungarn große Bedeutung bekommen. 996 ist „Ostarrichi entlang der Donau gelegen; im Laufe der Zeit verschiebt sich „Ostarrichi
immer weiter nach Süden. Später entstehen daraus Österreich, die Steiermark und Krain. Rund 1000 Jahre später wird Adolf Hitler (1889 – 1945) beim so genannten „Anschluss Österreichs am 15. März 1938 verkünden, „die älteste Ostmark des deutschen Volkes zum jüngsten Bollwerk des Deutschen Reichs
zu machen:
„Ich proklamiere für dieses Land seine neue Mission. Sie entspricht dem Gebot, das einst die deutschen Siedler aus allen Gauen des Altreichs hierher gerufen hat. Die älteste Ostmark des deutschen Volkes soll von jetzt an das jüngste Bollwerk der deutschen Nation und damit des deutschen Reiches sein!"
Dabei hat er sich auf die politischen Verhältnisse des Mittelalters der Jahrtausendwende bezogen, als die Bewohner „Ostarrichis" zweifellos Mitglieder des ottonischen Reiches gewesen sind! Ein makabres Beispiel wie Geschichte willfährigen Interpretationen anheimfallen kann.
Die Schlacht auf dem Lechfeld
Ottos I. Regentschaft ist von unzähligen Schlachten gekennzeichnet, die für den Bestand des ostfränkischen Reiches von großer Bedeutung gewesen sind. Denn zur Mitte des 10. Jahrhunderts sind die brandschatzenden ungarischen Truppen zu einer echten Plage geworden. Kein Dorf, kein Hof und kein Kloster ist mehr sicher gewesen vor den Plünderern, die im wahren Sinne des Wortes „über Leichen gegangen sind. Die Angst der Menschen vor den marodierenden Banden ist inzwischen so groß geworden, dass Otto I. sich zum Handeln gezwungen sieht. Also zieht er in die Schlacht und besiegt die Hunnen 955 auf dem Lechfeld in der Nähe von Augsburg vernichtend. Bei dieser legendären Schlacht, nach der die Ungarn endgültig aus dem ostfränkischen Reich vertrieben sein werden, führt Otto I. ein Heer an, dessen Soldaten aus fünf Herzogtümern stammen. Er ist zwar der König des gesamten ostfränkischen Reichs, er befehligt aber nur „seine
sächsischen Ritter. Die anderen kommen aus Thüringen, Böhmen, Franken oder Schwaben – und als Angehörige dieser Stämme fühlen sie sich auch! Die Angehörigen der verschiedenen Stämme haben gemeinsam in einem Heer gekämpft, weil die Bedrohung in diesem Fall durch die Übergriffe der Hunnen weit schwerer gewogen hat, als der Wunsch nach Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von einem ostfränkischen König. Den Territorialherren geht es vor allem um die Erhaltung ihrer Stämme und Herzogtümer. Sie begeistern sich zwar an der Kriegskunst und der Tapferkeit des Königs und sie folgen ihm scheinbar bedingungslos. Herz und Seele aber hängen an ihren Schollen, ihren Wäldern und Seen, ihren Klöstern und Dörfern, den kleinen Städten und an dem von ihnen mühsam bewirtschafteten Grund und Boden. Das alles muss verteidigt werden – nicht der „Staat oder das „Reich
– und gegen die anstürmenden Hunnen geht das in diesem Moment eben nur mit einem gemeinsamen Heer. Manche Historiker sehen in dieser gemeinsamen Schlacht der „deutschen" Stämme dennoch den Beginn oder
