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Ein tödlicher Plan: Ein Krimi aus dem VEST Recklinghausen
Ein tödlicher Plan: Ein Krimi aus dem VEST Recklinghausen
Ein tödlicher Plan: Ein Krimi aus dem VEST Recklinghausen
eBook292 Seiten3 StundenKommissar Behrendtsen

Ein tödlicher Plan: Ein Krimi aus dem VEST Recklinghausen

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Über dieses E-Book

Die Prostituierte Maria Weiß meldet den Tod einer ihrer drei Kolleginnen, die in ihren Wohnwagen an der B225 ihrem Gewerbe nachgehen. Kommissar Berendtsen ermittelt. Der Verdacht fällt zunächst auf seinen Kollegen Oliver Hallstein, doch bald stellt sich heraus, dass Maria und ihre drei Kolleginnen aus der Szene aussteigen wollten, sehr zum Missfallen ihres Managers Andreas Wallbaum. Im Zuge der Untersuchungen stößt Berendtsen auf organisiertes Verbrechen großen Ausmaßes.
SpracheDeutsch
Herausgeberneobooks
Erscheinungsdatum23. März 2020
ISBN9783750228856
Ein tödlicher Plan: Ein Krimi aus dem VEST Recklinghausen
Autor

Gerhard Nattler

Nach naturwissenschaftlichem Studium und Aufenthalten in Süddeutschland, der Schweiz und Münster / Westf. ist der Autor in seine Heimatstadt Dorsten zurückgekehrt und hat 30 Jahre lang einen Betrieb aufgebaut und geführt. Nach dessen Verkauf hat er mit dem Schreiben angefangen.

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    Buchvorschau

    Ein tödlicher Plan - Gerhard Nattler

    Inhalt

    Gerhard Nattler

    KOMMISSAR BERENDTSEN

    EIN TÖDLICHER PLAN

    Krimi

    aus dem VEST Recklinghausen

    Impressum

    Texte: © Copyright by Gerhard Nattler

    Umschlag: © iStock.com/Slavica

    Gestaltung: Josephine Altmeyer

    Verlag: Verm.-Ges. b. R.

    Lessingstr. 1

    45896 Gelsenkirchen

    Druck: epubli, ein Service der

    Neopubli GmbH, Berlin

    Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.

    Mittwoch 01. August

    Das verschwommene Aufblitzen des Blaulichts war trotz des Regens auf der B 225 weithin zu sehen. Es verunsicherte die Fahrer auf dem Weg zu ihrer Arbeitsstelle. Sie drosselten ihre Geschwindigkeit und verloren wertvolle Zeit. Morgens hatte man es immer eilig. Von einem Unfall war jedoch weit und breit nichts zu sehen. Diejenigen, die vor der Ampel zu warten hatten, konnten erkennen, dass ein Streifenwagen die Einfahrt zu einem Parkplatz blockierte, der durch Bäume und Sträucher von der Fahrbahn kaum einzusehen war. Ursprünglich sollte dieses Areal an der Auffahrt zur A 52 den Fahrgemeinschaften als Treffpunkt dienen. Inzwischen standen dort jedoch drei Wohnwagen und ein Wohnmobil. Jeder wusste, dass sie nicht abgestellt waren, weil sie bis zum nächsten Urlaub nicht benötigt würden. Sie waren mehrere Stunden am Tag »in Betrieb«, wie die Leute die Geschäfte nannten, die dort geführt wurden. Besondere Geschäfte, bei denen die Kunden Freier hießen.

    Die beiden Beamten vor Ort hatten die Situation sofort erkannt. Es handelte sich offensichtlich um ein Tötungsdelikt. Polizeimeister Robert Feil sperrte den Parkplatz weiträumig ab. Die erste Rolle des rot-weißen Absperrbandes mit der Aufschrift »Polizei« hatte er bereits abgewickelt, als sein Kollege Achim Frank immer noch verzweifelt versuchte, in Recklinghausen jemanden von der Abteilung für diese Art Verbrechen zu erreichen. Mehrmals hatte er neu gewählt. Gefühlte hundert Mal hatte er jetzt durchschellen lassen. Dann meldete sich die Zentrale.

    »Polizeidienststelle Recklinghausen …« Weiter kam die Arme nicht.

    »Verdammter Mist!« fluchte er in sein Handy. »Wo sind die denn alle. Ich versuche hier seit zwanzig Minuten jemanden an die Strippe zu kriegen. Nichts! Ist heute Betriebsausflug? Habe ich vielleicht etwas nicht mitbekommen?«

    »Nun beruhigen Sie sich erst einmal. Bitte! Sie sprechen mit Marlene Brüggemann. Bitte nennen Sie mir Ihren Namen und den Grund ihres Anrufs.«

    Achim Frank nahm sich zehn Sekunden Zeit, atmete tief durch, reckte sich und versuchte, einen ruhigen Eindruck zu machen. Zunächst stelle er sich vor. Dann berichtete er, wie er es gelernt hatte. »Ich befinde mich zwischen Marl und Dorsten auf dem Parkplatz an der B 225, Kreuzung Hervester Straße, in der Nähe der Auffahrt zur A 52. Aufgrund eines Notrufes sind Polizeimeister Robert Feil und ich hier vor Ort und finden eine weibliche Leiche. Es besteht dringender Verdacht auf ein Gewaltverbrechen. Wir haben den Tatort abgesperrt und versuchen die Kriminalpolizei zu erreichen. Also – wo sind die Leute?«

    »Ich verbinde. Einen Moment.«

    Frank stellte den Lautsprecher an, drückte das Mikrofon seines Handys auf seine Lederjacke und rief seinem Kollegen zu: »Sie verbindet. Bin gespannt, ob sie … Ja? Hallo? Ich bin noch da … ok, ich warte. Bis dann.« An seinen Kollegen gewandt: »Die scheinen wirklich auf einem Betriebsfest zu sein. Auf dem Büro meldet sich keiner. Hast du darüber etwas erfahren? In meinen Nachrichten stand nichts. Bestimmt hat wieder jemand Geburtstag. Es ist zum … ja …? Ich warte.« Er legte auf und suchte nach seinem Kollegen. »Robert …!?«

    Der saß im Wagen und wartete. Von den Kommentaren seines Freundes und Kollegen hatte er nichts mitbekommen. Er spiele auf seinem Handy Autorennen.

    »Sauwetter!«, war der einzige Kommentar, den Feil abgab, als Frank in seinen Wagen stieg. Er wandte sich keinen Augenblick von seinem Spiel ab. Er drehte und wendete sein Handy engagiert hin und her.

    »Sie rufen zurück.« Er nahm einen Schluck Kaffee aus seiner Thermoskanne.

    »Hmmm …«. Feil hatte andere Probleme.

    In Recklinghausen war zwar kein Betriebsfest, aber es wurde ein neuer Kollege begrüßt, Albert Berendtsen. Neu war dieser Herr nur für die jüngeren Kollegen. Die Alten kannten ihn noch aus der Zeit, als er in Recklinghausen seine Laufbahn begonnen und drei Jahre später beendet hatte, um nach Hamburg zu gehen. Damals hatten sie hier in demselben Konferenzraum gestanden und seine Beförderung zum Kriminal-Kommissar und die damit verbundene Versetzung gefeiert. Heute hatte er eine neue Aufgabe in seinem alten Revier angetreten. Er war in Hamburg für das Resort »Bandenkriminalität« zuständig gewesen. Diese Erfahrung sollte er nun mit den Kollegen in Nordrhein-Westfalen teilen. Die neue Landesregierung hatte den einschlägigen Clans den Kampf angesagt. So hatte sich die Leitende Kriminaldirektorin Frau Dr. Vera Zimmermann ihres alten Schulfreunds erinnert und persönlich in Hamburg angerufen, um ihn zur Mitarbeit zu überreden. Sie waren zusammen in Telgte auf die Polizeischule gegangen und sie waren sogar ein Liebespaar gewesen. Ihre Wege hatten sich getrennt, als Vera ihr Jura-Studium in Münster aufnahm und er seine Anstellung in Recklinghausen. Zuerst hatten sie sich noch an Wochenenden getroffen, aber mit der Zeit aus den Augen verloren.

    Der Sekt war eingeschenkt, die Gläser erhoben und die Chefin wollte gerade zur Begrüßung anheben, als es an der Tür klopfte und Marlene Brüggemann unaufgefordert mit ihrem Kopf durch den Türspalt lugte.

    »Ich bitte vielmals um Entschuldigung wegen der Störung, aber ein ungehaltener Polizeiobermeister Achim Frank versucht verzweifelt die Abteilung für Tötungsdelikte zu erreichen. Es gibt eine weibliche Leiche auf dem Parkplatz an der B 225 nahe der Autobahnauffahrt. Dreißig Jahre alt. Es scheint eilig zu sein, denn es regnet heftig am Tatort. Wenn die SpuSi nicht bald käme, seien alle Spuren verwischt.«

    Damit war die Feier beendet, ehe sie begonnen hatte. Die Kriminaldirektorin bedauerte die Unterbrechung mit einem schmerzlichen Blick auf ihr volles Glas.

    »Geben Sie bitte Herrn Frank Bescheid. Die Leute sind unterwegs.« An die Kollegen und Kolleginnen, denen der neue Mitarbeiter vorgestellt werden sollte, gewandt: »Meine Damen und Herren, Sie haben es mitbekommen. Es gibt Arbeit.«

    Die Mitarbeiter des Innendienstes nahmen ihre Gläser mit, die anderen stellten sie zurück auf das Tablett, auf dem die Flaschen standen.

    Albert Berendtsen und sein ihm zugeteilter Mitarbeiter, Kriminalkommissar Oliver Hallstein, blieben, um den Einsatz zu besprechen.

    »Was ist mit dir, Albert? Möchtest du den Fall übernehmen? Oder willst du dich am ersten Tag noch schonen und dich zunächst mit den Gegebenheiten vertraut machen?« Vera fasste ihn an der Schulter, an derselben Stelle, an der sie ihn früher immer gestreichelt hatte. Ob sie auch daran dachte?

    »Ich würde gerne mitmachen. Es würde mich freuen, wenn Kollege Hallstein mich einweist. Learning by doing, sozusagen. Wenn es recht ist.«

    Hallstein war in den Augen Berendtsens kein junger Spund mehr. Mit seinen dreiunddreißig Jahren machte er auf ihn bereits einen erfahrenen Eindruck, nicht nur, weil er sich zutraute, den Fall selbst zu übernehmen. Er hatte schon schwere Verbrechen bearbeitet, wie er in früheren Telefongesprächen von Vera erfahren hatte, allerdings kein Tötungsdelikt. Schneidig sah er aus. Groß, kräftig, »vernünftig angezogen« mit Jeans und Jackett, weißem Hemd. Eine dicke Automatik-Uhr blinkte unter seinen Manschetten hervor. Berendtsen erkannte mit einem Blick die Marke, denn er selbst war begeisterter Liebhaber teurer Chronometer. Er hatte inzwischen vier solcher teuren Uhren. Zwei hatte er von seinem Vater geerbt, eine hatte ihm seine Frau geschenkt, nachdem er mit einem »kleinen Streifschuss«, wie er die Wunde genannt hatte, aus einem gefährlichen Einsatz im Hafen gekommen war. »… damit du weißt, was es geschlagen hat«, hatte sie ihm mit auf den Weg gegeben. Aber keine war von solchem Kaliber. Der Wert lag – wenn sie echt war - was er glaubte –, mindestens im fünfstelligen Bereich.

    »Ich kann heute auch ohne Sie anfangen. Ich berichte Ihnen und ab morgen arbeiten wir dann gemeinsam«, schlug Hallstein vor. Er kam damit nicht durch, denn Vera überließ Albert die Entscheidung.

    »Natürlich, hast du freie Hand. Ich zeige dir kurz dein Büro, wo du die Tasche abstellen kannst. Dann stürze dich in die Ermittlungen.«

    »Ich habe wirklich kein Problem damit, zunächst allein den Tatort zu besuchen. Viele Zeugen wird es nicht geben. Die Autofahrer sind unterwegs und die Mädchen noch nicht da. Die SpuSi hält sowieso immer alle von der Arbeit ab.«

    Eine halbe Stunde später trafen Albert Berendtsen und sein Kollege Oliver Hallstein am Tatort ein. Der Regen hatte gottlob aufgehört und war in ein leichtes Nieseln übergegangen, aber er hatte inzwischen ganze Arbeit geleistet, was die Vernichtung der Spuren auf dem Untergrund betraf. Dieser bestand teils aus Pflastersteintextur mit Gras zwischen den Blöcken, teils aus Schotter. Der Rest war Lehm. Der Wagen des Opferst stand in diesem Fall an der ungünstigsten Stelle bis zur Felge im Wasser.

    Berendtsen stellte sich den Streifenbeamten vor. Kollege Hallstein war bereits bekannt.

    Berendtsen schoss einige Fotos und skizzierte den Parkplatz auf seinem Minipad, während Frank berichtete: »Der Notruf kam um 8:37 Uhr. Wir waren acht Minuten später vor Ort und trafen Frau Maria Ritter, ausgewiesen durch Personalausweis und Arbeitserlaubnis, an der Einfahrt zum Parkplatz an, wo sie uns erwartete. Sie hatte die Tote gefunden und auch identifiziert als Irina Barami, Recklinghausen, gebürtig aus Breslau.«

    In diesem Augenblick erschien die Spurensicherung und schottete den näheren Tatort ab. Selbst die Kommissare hatten keine Möglichkeit, die Tote in Augenschein zu nehmen. »… wegen des Drecks, den sonst alle in den Wagen tragen.«

    Berendtsen klopfte an die Tür des Wohnwagens der Zeugin. Frau Ritter - der Kommissar schätze sie flüchtig auf fünfunddreißig Jahre -, öffnete in Arbeitskleidung, wie Berendtsen sie auch aus Hamburg kannte. Dieses Gewerbe unterschied sich regional kaum hinsichtlich des Outfits. Sie trug ein leuchtend rotes, kurzes Jäckchen, Kunstleder, über einer dünnen, leicht durchnässten und aus diesem Grunde beinahe durchsichtigen weißen Bluse, die in einem engen schwarzen Lederrock steckte, der auch als breiter Gürtel hätte durchgehen können. Rote Strümpfe. Zwei gelbe Gummistiefelchen stellte sie diskret beiseite und fischte dabei gewandt einen zum Oberteil passenden roten Handschuh mit langem Ärmel vom Boden und ließ ihn in einer Schublade verschwinden. Sie bat den Kommissar, der sich vorschriftsmäßig ausgewiesen und vorgestellt hatte, in ihr Gemach. Er wollte gerade seinen Kollegen vorstellen, als er Streit hörte. Hallstein hatte gegen den Willen der Spurensicherung den Tatort betreten. Diese hatte ihn handgreiflich herausgezerrt, so dass er mit einem Fuß in eine Pfütze getreten und beim Versuch, den Tritt im letzten Moment zu ändern, mit dem anderen in verwässerten Hundekot getreten war.

    »Scheiße, verdammte! Ihr Arschlöcher! Seht euch das an!« Er fluchte wie ein Besenbinder bis Berendtsen ihn durch eine dämpfende Handbewegung zur Mäßigung anhielt. Hallstein wischte sich mit einem nassen Farnbüschel, den er in der Nähe zu fassen bekam, die Schuhe sauber. Den Rest wusch er vorsichtig in einer Pfütze ab. Sein neuer Vorgesetzter ließ sich die Schuhe vorzeigen, ehe sie den Wagen betraten. »Wer nicht hören will …«, kommentierte er. Die Schuhe stellten sie unaufgefordert auf der Stufe im Wagen ab.

    Der linke Teil des Wagens war durch einen goldenen Vorhang abgeteilt. Dort brannte kein Licht und es war entsprechend dunkel. High Heels lugten hervor. Die Kommissare nahmen rechts in der Sitzecke Platz. Es duftete nach frischem Kaffee. Der Tisch, um den sich die drei Personen verteilten, wurde durch eine Deckenleuchte erhellt, wie sie in anderen Wohnwagen auch Standard waren. Die dicken Vorhänge an den Fenstern waren zugezogen. Blickdicht. Hallstein zog sie etwas beiseite, um einen Blick auf den anderen Wagen zu haben, in dem die Spurensicherung ihre Aufgabe wahrnahm.

    Frau Ritter erwies sich als angenehme Gastgeberin. Sie bot eine Auswahl an alkoholfreien Getränken an, dann setzte sie Kaffee vor. Eine Karaffe Wasser und Gläser standen auf dem Tisch bereit. Zucker, Milch, Orangensaft, eben alles, was den frühen Morgen angenehm machte. Berendtsen hatte in Hamburg schon viele Bekanntschaften in dieser Richtung gemacht, aber Maria hatte Klasse. Sie sah gut aus, sprach gepflegtes Deutsch und benahm sich in keiner Weise frivol, wie er in Hamburg diese Mädchen kennengelernt hatte. Dabei bewegte sie sich mit einer natürlichen Eleganz, die ihn anmachte, wie er sich eingestehen musste. Er lächelte sie unabsichtlich an, was sie erwiderte. »Sie hat ihre Businessbemalung bereits aufgelegt«, stellte er fest. Ihre mandelförmigen braunen Augen, die ihn an Sophia Loren erinnerten und deren Größe durch die konturierten Augenbrauen hervorgehoben wurde, schauten ihn verheißungsvoll an. Die feine Linie eines Kajalstiftes unterstrich die Fülle ihrer violett glänzenden Lippen.

    Er nahm einen Schluck Kaffee mit Milch und Zucker, setzte seine Untersuchungsmine auf und befragte die Zeugin.

    »Frau Ritter, was haben Sie gesehen?«

    »Maria. Nennen Sie mich Maria. - Also …« Sie blickte aus dem Fenster hinüber zu den weiß verkleideten Leuten der SpuSi. Die Kommissare warteten. Maria wischte sich vorsichtig eine Träne aus dem Augenwinkel, vergeblich bemüht, ihr Makeup nicht zu verwischen.

    »Sie kannten sich gut?«, vermutete Berendtsen.

    »Wir waren Freundinnen. Wir kennen uns schon … ich weiß nicht wie lange. Wir arbeiten hier seit Monaten Wagen an Wagen. Wir haben auch schon zusammengearbeitet. Manchmal sind wir gemeinsam ausgegangen.«

    Der Kommissar nickte auffordernd.

    »Ich habe heute Morgen um Viertel vor acht den Wagen aufgeschlossen. Irinas Wagen stand da wie immer. Sie fuhr abends mit ihrem Wohnmobil nach Hause und kam morgens um zehn Uhr zurück. Manchmal blieb sie über Nacht. So war es wohl auch von gestern auf heute. Der Wagen stand in einer Pfütze und es gab keine Reifenspuren. Das ist mir aufgefallen. Ich komme donnerstags häufig so früh, weil ich dann einen Gast auf Termin bediene. Als ich den Kunden später zur Tür begleitet habe, stellte ich fest, dass die Tür an diesem Wagen offenstand. Ich ging hinüber und wollte sie schließen, als ich auf Widerstand gestoßen bin. Der Läufer hatte sich mit einigen Fransen in der Zarge verklemmt. Er war verrutscht. Als ich die Tür ganz geöffnet habe, sah ich sie auf dem Bett liegen. Ich habe zunächst gedacht, sie schläft. Das passte allerdings nicht zu der Lage. Sie lag mit dem Kopf am Fußende. Als ich an ihren Fuß gefasst habe, dachte ich mir, dass sie tot ist. Auch habe ich zu dem Zeitpunkt erst das Blut unter ihrem Kopf gesehen. Ich bin in meinen Wagen und habe die 110 gewählt. Die Beamten waren sehr schnell hier.«

    »Also halb neun? Um diese Zeit haben Sie Ihren Gast verabschiedet?«

    »Ja.«

    Haben Sie irgendetwas gehört? Einen Schrei, Hilferufe?« Hallstein drängte sich vor.

    »Blödsinn! Wenn ich irgendetwas gehört hätte, … meinen Sie, ich wäre nicht eingeschritten?«

    »Haben Sie eine Vermutung, was geschehen sein könnte? Haben sie vielleicht eine Person gesehen, einen Wagen?«, fragte Hallstein weiter.

    »Waren andere Mädchen hier?«, wollte Berendtsen wissen.

    »Ich war allein. Mit dem Freier.«

    »Kennen Sie den Namen des Mannes?« Die Beamten wechselten sich ab.

    Sie lachte. »Cäsar. Ich sollte ihn Cäsar nennen. Er war der Herrscher.« Sie lachte. »So dominant war er gar nicht. Eher ein friedlicher Herr.« Sie sah wieder zu den weißen Anzügen hinüber.

    »Welchen Wagen fuhr er? Kennen Sie die Nummer? Lassen Sie sich nicht alles aus der Nase ziehen. Sie sind die wichtigste Zeugin. Wenn Sie erfahren wollen, wer Ihre Freundin getötet hat, müssen Sie den Mund aufmachen. Die Zeit rennt!« Hallstein trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Tischplatte.

    »Ein Kombi, schwarz. Die Nummer kenne ich nicht. Er parkt seinen Wagen immer außerhalb des Geländes und kommt zu Fuß. Ich glaube, die mittleren Buchstaben sind CS … Das habe ich einmal durch Zufall gesehen. Ich habe es behalten, weil es mich immer an Cäsar erinnert.« Sie schmunzelte, blickte aber weiterhin aus dem Fenster.

    Auf Drängen der Beamten berichtete sie vom Tagesablauf.

    »Ich komme immer morgens halb zehn hierher. Ich ziehe mich um, mache mich zurecht und dann bin ich ab zehn Uhr, manchmal halb elf, unter der Brücke. Viktoria Weiss, Vicky nennt sie sich, die Kollegin in dem rosa bemalten Wagen, ist dann immer schon da. Ihr Manager bringt sie früher, da er noch zwei andere Mädchen unter Vertrag hat. Die fährt er nach Bottrop. Heute allerdings ist sie nicht hier. Das wundert mich. Die Dritte in unserem Bund ist Tina, Tina Glissow. Sie kommt mit dem eigenen Wagen.« Sie blickte suchend aus dem Seitenfenster. »Sie ist heute allerdings auch noch nicht da. Sie arbeitet wie ich nach eigenen Regeln und auf eigene Rechnung. Wir sind insgesamt vier … also jetzt noch drei. Wir passen gegenseitig auf uns auf. Bisher ist nie etwas passiert. Von vier bis sechs haben wir Stoßzeit. Um diese Zeit kommen die Männer von der Montage zurück. Sie haben es nicht eilig, nach Hause zu kommen. Sie nehmen sich noch etwas Zeit für uns. Alle Mädchen sind zu dieser Zeit hier auf dem Platz. Gegen achtzehn Uhr dreißig machen wir Feierabend. Wer danach noch kommt, weil noch einige Fahrgemeinschaften durch Stau oder Überstunden aufgehalten wurden, ist zu müde für eine Unterhaltung und macht sich auf den Heimweg. Einmal hat einer bei Irina übernachtet. Der hatte Stress zuhause. Ich war auch eingeladen. Er hat für uns drei das Abendessen besorgt. Ich bin dann gefahren und sie haben sich einen schönen Abend gemacht.«

    »Sie arbeiten voll durch? Keine Pause?« Berendtsen schien die Neugier gepackt zu haben.

    »Mittags treffen wir uns in dem kleinen Restaurant bei den Geschäften am großen Parkplatz hier in der Nähe. Ludwig kocht gut. Und er ist sehr freundlich zu uns. Leider revanchiert er sich nicht mit einem Besuch. Auf Wunsch liefert er an den Wagen.«

    »Donnerwetter!« Berendtsen staunte. »Noch eine Frage: warum hat das Aufpassen heute nicht so funktioniert, wie es sollte?«

    Maria überlegte kurz. »Ich weiß es nicht. Wir waren noch nicht angefangen. Der normale Geschäftsbetrieb war noch nicht angelaufen. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass Irina schon Besuch hatte. Vielleicht hatte auch wieder jemand übernachtet. Einen fremden Wagen habe ich jedenfalls nicht gesehen. Die Wagen der Monteure sind uns allen bekannt.«

    »Könnte es sein, dass es Streit mit einem Kunden gegeben hat, weil er nicht bezahlen wollte oder mit dem Angebot unzufrieden war? Kommt so etwas vor?« Berendtsen wollte

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