Verhext: Phantastische Erzählungen
Von Markus Müller
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Über dieses E-Book
Wer von uns hat sich das nicht schon einmal gewünscht? Doch selbst mit Magie wird das Leben nicht unbedingt einfacher, das müssen auch die Helden in diesen fünf zauberhaften Geschichten am eigenen Leib erfahren.
Denn nicht selten funktioniert die Magie ganz anders als erwartet, und fast immer gilt es, einen Preis zu zahlen für die Erfüllung magischer Wünsche - sei es bei einem vermeintlich einfachen Liebeszauber oder gar bei dem Versuch, den Tod selbst zu überlisten …
Markus Müller
Markus Müller (Jg. 1955) studierte Erziehungswissenschaft und promovierte in Behindertenpädagogik. Er war Direktor der Pilgermission St. Chrischona und ist bis heute Pfarrer eines Altenheims bei Winterthur. Er ist Autor mehrerer Bücher, u. a. über gesellschaftliche Trends.
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Verhext - Markus Müller
Verhext
»Hast du dafür eine Erklärung?«
Geno, oberste Magierin der Rhoki-Schwesternschaft, trommelte tatsächlich mit den Fingern auf die Tischplatte, eine für ihre Verhältnisse sehr unbeherrschte Geste. Offensichtlich war sie stinkwütend.
»Nein, Schwester. Ehrlich gesagt nicht.« Catya war eine hoch gewachsene junge Frau mit einem runden Gesicht, dickem rotem Haar, das ihr, genau wie ihre endlos langen Arme und Beine, stets im Weg war, und einem für gewöhnlich recht unerschütterlichen Gemüt. Unter dem Zorn ihrer obersten Lehrmeisterin war sie allerdings endgültig auf die Hälfte ihrer üblichen Größe zusammengeschrumpft und schien fast nur noch aus Haaren zu bestehen. Seit dem Frühstück von jeder einzelnen Hierarchiestufe des Tempels gesondert angeschrien zu werden, hatte ihrer Laune einen empfindlichen Dämpfer verpasst. Und jetzt auch noch Geno, ein Rüffel von allerhöchster Stelle. Jenseits davon gab es nicht mehr viel, außer vielleicht, dass Rhoki selbst vom Tala-Hán herabstieg, um sie anzubrüllen. Was für ein Tag.
»Eine Reklamation!« Die Tempelherrin spuckte das Wort förmlich aus, und es hallte bedrohlich von den nackten Wänden des Arbeitszimmers wider. »Und noch dazu bei einem einfachen Liebeszauber. Gütige Rhoki, das ist einfach unfassbar! Selbst die Novizinnen im ersten Jahr wissen, wie das geht.«
Die Initiationswochen, wenn Dutzende ausgelassener junger Mädchen damit begannen, die Grundlagen der Magie zu erforschen, waren jedes Mal eine schwere Zeit für die umliegende Bevölkerung. Die Stadtbewohner hatten sich zwar im Laufe der Jahrhunderte an Tentakelwesen in ihren Küchen und unerklärliche erotische Verwicklungen unter den Dienstboten gewöhnt, aber peinlich war es trotzdem noch oft genug. Noch peinlicher war allerdings eine Rhoki-Schwester, die überhaupt nichts zustande brachte.
»Nun, Schwester … das hier ist irgendwie ein besonderer Fall«, verteidigte sich Catya kleinlaut.
»Allerdings ist es das«, wütete Geno. »In den vierhundert Jahren, die es diesen Tempel jetzt gibt, ist so etwas noch nie vorgekommen. Ein Tempelzauber, der versagt! Wie stehen wir denn jetzt da?«
»Ich hab ja wirklich mein Bestes getan, Schwester«, erwiderte Catya, die sich trotz aller Furcht allmählich ziemlich ungerecht behandelt fühlte. »Aber dieser Gorn ist eine echt harte Nuss …« Für einen Augenblick wanderten ihre Gedanken zu Gorn en Derek, einem mürrischen Fleischklops mit feuchten Händen und farblosen Schweinsäuglein, der in diesem Moment draußen im Vorraum saß und die typische Miene eines unzufriedenen Kunden zur Schau stellte. Wahrscheinlich war er bereits damit geboren worden – ein Erbstück seines Vaters. »Und Twila … na ja, von Fräulein Hochnäsig mit dem hübschen Gesicht will ich gar nicht erst anfangen.«
»Genau dafür«, unterbrach sie Geno ungehalten, »sind Liebeszauber da! Wäre er ein hübscher junger Soldat und sie eine naive Milchmagd, dann bräuchte er unsere Dienste nicht.«
»Ja, Schwester. Ich wollte auch nur sagen, dass …«
»Deine Ausflüchte interessieren mich nicht, Catya. Und Gorns Vater auch nicht. Alles, was ihn interessiert, ist der Beutel mit Gold, den er uns überlassen hat, damit sein Sohn die Frau kriegt, die er haben will. Und er ist nicht der reichste Kaufmann der Stadt geworden, weil er sich bei Geschäften übers Ohr hauen lässt.«
Catya zögerte, wagte sich dann aber doch an das Unaussprechliche: »Und wenn wir es einfach zurück…«
»Das kommt überhaupt nicht in Frage!« Genos Tonfall wurde noch um einiges frostiger. Offenbar hatte sie nicht viel übrig für diese spezielle Form der Ketzerei. Sie lehnte sich über den Tisch nach vorne und bedachte Catya mit einem entschieden mordlüsternen Blick. »Wo kämen wir denn hin, wenn wir plötzlich anfingen, den Leuten ihr Geld zurückzugeben? Wir haben schließlich einen Ruf zu verlieren.«
»Ich weiß, Schwester. Ich wollte nicht …«
»Natürlich nicht. Das wäre ja auch noch schöner.« Die oberste Magierin lehnte sich wieder in ihrem Stuhl zurück und atmete tief durch. »Magie ist beileibe kein Kinderspiel, und ich weiß nur zu gut, dass die Göttin manchmal so ihre Launen hat …« Sie machte eine kleine, bedeutungsvolle Pause, und ihr Blick ergänzte die unausgesprochene Spitze: Zum Beispiel, als sie ausgerechnet dir diese Gabe verlieh. »… aber ein einfacher Liebeszauber? Du sollst doch nur der Natur ein wenig auf die Sprünge helfen, verdammt noch mal! So schwer kann das doch selbst in Anbetracht der Umstände nun wirklich nicht sein. Für gewöhnlich bedeutet einen Liebeszauber auf Menschen anzuwenden so viel wie Milch in einen Kuhstall zu tragen.«
»Für gewöhnlich ja, Schwester. Aber in diesem Fall …«
»Genug! Keine weiteren Ausreden mehr. Mach dich lieber wieder an die Arbeit. Der Tempel hat immerhin sehr viel in deine Ausbildung investiert und dir ein ziemlich freudloses Leben zwischen Misthaufen und argwöhnischen Hinterwäldlern erspart, wenn ich mich recht erinnere. Willst du es uns danken, indem du uns noch länger vor aller Welt blamierst? Wir waren angesichts deiner … Talente bislang sehr nachsichtig mit dir, aber irgendwann ist auch meine Geduld einmal zu Ende. Du weißt, was mit jenen passiert, die vor der Göttin versagen?«
Catyas Miene wurde düster. Niemand wusste genau, was mit den Versagern geschah, was einen Großteil des Schreckens ausmachte. »Ähm … nein, Schwester. Eigentlich nicht.«
»Dann solltest du besser dafür sorgen, dass du es niemals herausfindest.«
»Ja, Schwester.« Catya hatte sich schon lange damit abgefunden, für den Rest ihres Lebens von selbstgerechten und verbitterten alten Frauen herumgeschubst zu werden, so lange, bis sie schließlich selbst eine wäre. Etwas Erschreckenderes konnte sie sich kaum vorstellen, weshalb die teils recht kindischen Mythen der Schwesternschaft für sie keinerlei besonderes Entsetzen mehr bereit hielten. »Ich soll also einen zweiten Zauber versuchen?«
»Und einen dritten. Und einen vierten. So lange, bis diese verdammte Geschichte aus der Welt geschafft ist. Hier geht es um unseren Ruf. Welcher dir, da bin ich absolut sicher, genauso am Herzen liegt wie mir. Die Kosten«, fügte sie mit giftigem Blick hinzu, »spielen also in diesem Fall keine Rolle. Du kannst jetzt gehen.«
Die Kosten …
Catya konnte sich gerade noch ein abfälliges Schnauben verkneifen. Tempelmagierinnen waren perfekt ausgebildete Spezialistinnen, die all ihr Können und ihre ganze Kraft der Magie widmeten und dafür in etwa die gleiche Bezahlung erhielten wie eine Küchenmagd. Dennoch wog man ihre Arbeit in Gold auf, und natürlich wurden Zutaten und Opfertiere extra berechnet. Von dem vielen Gold sah man als einfache Auserwählte Rhokis allerdings nur selten jemals etwas wieder, außer in Form einer winzigen Kammer, drei kargen Mahlzeiten am Tag und einer kostenlosen Robe pro Jahr. Offenbar war der Tempel der Meinung, dies und die Gnade der Göttin seien Lohn genug.
»Ja, Schwester. Danke, Schwester.« Catya verbeugte sich und verließ dann so würdevoll wie möglich das Zimmer. Draußen im Vorraum war Schwester Kardy, Genos ewig mürrische Assistentin, wie üblich über einen Stapel Papiere gebeugt und schenkte der Welt im Großen und Ganzen nur wenig Beachtung. Wahrscheinlich hatte sie Catyas Existenz bereits in dem Augenblick vergessen, in dem sie die Schülerin durch die Tür in Genos Arbeitszimmer geschoben hatte.
Catya blieb kurz unter dem Türbogen stehen und betrachtete über Kardy hinweg ihren Kunden. Gab es irgendeine Hoffnung, diesen Widerling überhaupt mit einer Frau zusammenzubringen, die sich auch nur einen Funken Selbstachtung bewahrt hatte? Ihr Pragmatismus beantwortete diese Frage recht prompt: wahrscheinlich nicht. Und dennoch bestand ausgerechnet er darauf, die schönste Frau der bewohnten Welt rumzukriegen, notfalls unter Aufgebot sämtlicher magischer Tricks, die sein Vater sich leisten konnte. Etwas an dieser Gleichung weigerte sich aufzugehen, egal, wie man sie drehte und wendete. Was auch immer Magie unter Umständen zustande bringen mochte, irgendwo in ihr rührte sich die Gewissheit, dass es Dinge gab, die sich auch mit Zauberei nicht ändern ließen.
Ich fürchte, das ist eine Nummer zu groß für mich, dachte sie resigniert. Vielleicht sollte ich statt dessen versuchen, die Sonne im Norden aufgehen zu lassen?
***
»Und du bist sicher, dass das funktioniert?« Gorns ansonsten eher quäkende Stimme schwebte durch den nächtlichen Garten von Twilas Haus wie der Nachhall einer gewaltigen Glocke.
Catya spähte zu dem Balkon hinauf, hinter dem sie Twilas Schlafzimmer vermutete, und fuhr dabei abwesend mit den Fingern über die Brandblasen auf ihrem Handrücken, die sie sich bei der Anrufung des Gesangszaubers zugezogen hatte. An Tagen wie diesem war sie durchaus der Meinung, dass es manchmal vielleicht besser war, einfach auf Zauberei zu verzichten und bestimmte Probleme sich selbst zu überlassen. Aber Geno und das Gold in den Kellern des Tempels waren leider einhellig anderer Ansicht.
»Klar doch. Ich meine: Hör dich an! Die Götter selbst werden von den Bergen herab steigen, um dich singen zu hören.«
»Tatsächlich?« Gorns Miene verfinsterte sich. »Davon hast du aber nichts erwähnt, als … oh! Das war nur so eine Redensart, stimmt´s?«
»Ja.« Catya seufzte. »Würdest du jetzt bitte endlich anfangen? Der Zauber wirkt nicht ewig.«
»Ich hoffe nur, ihr gefällt das Lied. Hab zwei Tage gebraucht, eines auszusuchen.« Trotz all der geballten Magie gelang es ihm tatsächlich, seiner Stimme einen mürrischen Unterton zu verleihen.
