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Die Dauerschuld: Gesellschaftssatire
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eBook219 Seiten2 Stunden

Die Dauerschuld: Gesellschaftssatire

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Über dieses E-Book

Ein Kind kommt zur Welt und trägt bereits die Last auf seinen Schultern, durch seine bloße Existenz die Ehe seiner Eltern zerstört zu haben. Eine freche Satire - rund um Familie, Schuld und die Suche nach sich selbst

...

August wird in die Welt geworfen und ist von Anfang an schuldig. Seine Mutter schiebt ihn an seinen Vater ab, der wieder an seine Mutter. Niemand will ihn haben, niemand interessiert sich für ihn.
Deshalb bittet August seinen besten Freund Eduard, dass er, nach seinem Tod, seine Lebensgeschichte aufschreibt und veröffentlicht. Damit endlich jemand Notiz von ihm nimmt. Selbst Eduard hat dazu nicht die geringste Lust. Als er sich trotzdem dazu durchringt und alles aufgeschrieben hat, vergeht noch viel Zeit, bis sich ein Verleger findet, den Augusts Lebensgeschichte aber eigentlich auch nicht interessiert.
SpracheDeutsch
Herausgeberneobooks
Erscheinungsdatum18. Jan. 2015
ISBN9783738013252
Die Dauerschuld: Gesellschaftssatire

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    Buchvorschau

    Die Dauerschuld - Joana Goede

    Vorwort des Herausgebers

    Folgendes Manuskript über das merkwürdige Leben des August Amgine fiel mir auf dem Hinweg eines Besuchs meiner Schwester auf der Insel Eifel in die Hände. Ich setzte – wie gewohnt – mit der Fähre über und unterhielt mich bei der Überfahrt des Eifelkanals mit einem älteren Herrn hauptsächlich über Hunde.

    Es traf sich nämlich so, dass ich meinen jungen und ungenügend erzogenen Schäferhund Rika bei mir hatte. Rika neigt dazu, jeden zähnefletschend anzuknurren, der nicht ich bin. Selbst mein Sohn wird regelmäßig als Einbrecher gemeldet, wenn er das Haus betritt, obgleich dies jeden Tag um dieselbe Uhrzeit nach der Schule geschieht. Unzählig sind die Löcher in den Hosen meiner Gäste, mein Sohn hat keine Beinbekleidung mehr ohne einen Flicken. Wir fürchten, dass Rika kein Gedächtnis für Menschen hat. Ihr Gedächtnis für Fütterungszeiten dagegen funktioniert tadellos.

    Sie ist ein gesundes, herrlich anzuschauendes Exemplar ihrer edlen, hoffnungslos überteuerten Rasse. Ein Vermögen hat sie mich gekostet. Die großen Augen glänzen in eleganter Dunkelheit, die Fellzeichnung ist sauber und geordnet, das Fell selbst ist gepflegt und glatt, der Körperbau einwandfrei. Im Grunde wäre Rika der perfekte Schäferhund, wenn sie denn gehorchte und nicht in jedem Menschen gleich einen Feind zu erkennen glaubte.

    Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich erzählen, wie Rika auf der Fähre pausenlos sabbernd kläffte und an der Leine zerrte, nach Vorbeigehenden schnappte und ich alle Hände voll zu tun hatte, den Hund festzuhalten. Meine Hände waren dunkelrot vom Einschnüren der Leine, meine Finger wurden zusehends taub aufgrund der anhaltenden Unterbrechung der natürlichen Blutzirkulation. Dabei fragte ich mich oft genug, warum ich das Tier überhaupt mitgenommen und dazu auch noch auf der Fähre aus dem Kofferraum geholt hatte, wenn es nur meinen Körper und meine Nerven hinter sich her über das Fährendeck schleifte. Sicher, ich wollte dem Hund Gutes tun. Die Luft auf Eifel ist immer sehr erholsam, nicht umsonst ist die Insel ein beliebtes Reiseziel für Sommerurlauber und Winterurlauber wie einst Rügen oder Sylt. Mancher mag sich noch daran erinnern.

    Rika riss und bellte, zog mich mit den immensen Kräften eines ausgewachsenen, vor Jugend strotzenden, nicht ausgelasteten Schäferhundes quer über die Fähre, von einem Ende zum anderen, hartnäckig im Wechsel. Immerhin waren nicht sonderlich viele Menschen unterwegs, es war früh am Morgen und Spätherbst, da zieht es nicht viele Leute auf die Insel. Obwohl die Temperaturen dort das ganze Jahr über angenehm sind, aber es ist eben keine Ferienzeit.

    Rika gelang es letztlich, als ich schnaufend eine Pause brauchte und sie erschöpft an der Reling befestigte, mir den Schweiß von der Stirn, sogar aus den Augen wischte und einen winzigen Moment nicht auf den Hund achtete, meinen dilettantischen Knoten aufzureißen und ungebremst über die Fähre zu rasen. Hin zu einer ungeschützten Person am anderen Ende, der ich nur noch starr vor Schreck zurufen konnte: Geben Sie acht, mein Hund!

    Weitere Erklärungen waren unnötig.

    Der ältere Herr, dem ich dieses zugerufen hatte, erkannte seine gefährliche Lage im Bruchteil einer Sekunde und kletterte beschwingt auf das nächstbeste Autodach, um nichts weniger als sein Leben zu retten. Rika stellte sich, laute aggressive Hundelaute von sich gebend, auf die Hinterbeine, konnte den Flüchtling jedoch nicht erreichen. Ihre dicken Vorderpfoten, man könnte glatt Pranken dazu sagen, patschten mehrfach gegen den Lack des Wagens, ich fürchtete teure Zerstörungen an dem Eigentum eines anderen.

    Inzwischen war ich dem Fremden allerdings zur Hilfe geeilt, indem ich mit der Leine in der Hand Rika zur Vernunft bringen wollte, was freilich von keinem Erfolg gekrönt wurde. Ich musste sie, mich mit dem ganzen Körper gegen den wilden Zug des Hundes lehnend, an der Leine fortziehen und an einem Gitter festzurren. Dieses Mal gab ich mir bei dem Knoten alle Mühe. Und siehe da, er hielt!

    Das Auto blieb zu meiner Erleichterung unbeschädigt, der ältere Herr auch. Niemals wage ich mir konkret vorzustellen, was Rikas prächtiges Schäferhundgebiss in der Wade eines Fremden für Abdrücke hinterlassen müsste. Es ist fraglich, ob überhaupt genug Wade zurückbleiben könnte, um die Zahnabdrücke des wüsten, paranoiden Vierbeiners zu zeigen.

    Ich setzte an, mich zu entschuldigen, während ich aufgrund der offenkundigen Peinlichkeit der Situation hochrot angelaufen war: Mein Herr, verzeihen Sie das unmögliche Betragen meines Hundes. Er lässt sich einfach nicht erziehen. Wissen Sie, ich habe schon alles versucht! Das Tier stellt sich taub und blöde.

    Der ältere Herr hatte mittlerweile seinen Hochsitz auf dem Autodach wieder mit dem Fährendeck vertauscht, musterte mich in meiner Röte belustigt und meinte versöhnlich: Ach, die Hunde machen eben manchmal auch, was sie wollen. Ich nehme es Ihrem Tier nicht übel. Im übrigen ist es ein sehr schöner Schäferhund, mein Vater hat welche gezüchtet. Ich kenne mich also aus.

    Hocherfreut, einem Experten begegnet zu sein, konnte ich mich selbst kaum zurückhalten, ihn um einen Rat anzubetteln, wie ich aus Rika doch noch einen gesellschaftsfähigen Hund machen könnte. Ich war durchaus geneigt und auch bereit dazu, den potentiellen Retter auf Knien anzuflehen, mich armen, von der Unzähmbarkeit Rikas gepeinigten Hundebesitzer durch erfahrene Worte ein wenig zu entlasten, meine Qual auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Der ältere Herr kam mir jedoch mit einem Angebot zuvor, das mich sowohl erstaunte als auch erheiterte.

    Er wollte sein gesamtes Wissen aufwenden, um mir mit Rika zu helfen, sie zu erziehen und sein Möglichstes tun, diesem Hund Manieren beizubringen, dafür bat er sich allerdings auch eine Sache aus, die ich für ihn tun sollte. Es stellte sich rasch heraus, dass es ihm um das eingangs erwähnte Manuskript ging, welches er, wie er sagte, bereits seit Jahrzehnten mit sich in der Tasche trug und jemanden suchte, der es veröffentlichte. Ich lachte und sagte zu ihm: Mein Freund, ich bin kein Verleger! Ich habe keine Erfahrung mit Büchern! Bei mir stehen sie immer nur im Regal. Fragen Sie mich nicht, wie sie dorthin kommen. Jemand schreibt sie, ich kaufe und lese sie. Was dazwischen geschieht, ist mir ein Mysterium.

    Er entgegnete: Wollen Sie, dass Ihr Hund Ihnen gehorcht?

    Zerknirscht gab ich zur Antwort: Ich wünsche mir nichts sehnlicher. Sehen Sie, es ist jedes Mal ein Spießrutenlauf, wenn wir Gassi gehen. Ich wohne in der Stadt und habe keinen Garten. Jetzt nehme ich Rika schon extra mit zu meiner Schwester auf die Insel, um sie mal ein wenig frei laufen lassen zu können. Da sind um diese Jahreszeit nicht so viele Menschen, Sie verstehen, nicht so viele, die der bestialischen, artuntypischen Angriffslust dieses Viehs zum Opfer fallen könnten.

    Er: Sehen Sie! Dann nehmen Sie mein Angebot an.

    Der ältere Herr stellte sich mir als ein Schriftsteller vor, dessen Namen mir allerdings nichts sagte. Es gibt so viele. Man verliert rasch den Überblick über die Neuerscheinungen. Ich zögerte lange, dann ließ ich mir das Manuskript zeigen und blätterte es nachdenklich durch. Auf dem weißen Druckpapier waren Schmierspuren um den Text herum, einen Titel gab es nicht. Augenscheinlich wurde das Leben eines Mannes dargestellt, der nicht viel hatte richtig machen können, und das wenige, bei dem er die Chance dazu gehabt hätte, hatte er ordentlich vergeigt.

    Der Mensch gefiel mir. August Amgine, unbekannter Nationalität, hatte es mir angetan in seiner Unvollkommenheit, in seinem geheimnisvollen Wesen. Er schien mir ein Geworfener in der Welt, verloren in der Weite des Lebens. Seine Geschichte war geprägt von Wunderlichkeiten, denen man nicht alle Tage begegnet. Nebenbei gesagt: mir erschien die Sache zum Teil ein wenig zu unglaublich.

    Unsicher blickte ich mehrfach zwischen dem Manuskript in meinen Händen, dem nach wie vor bellenden Ungetüm an der Leine und dem älteren Herrn hin und her, in dessen Augen Hoffnung glänzte. Schließlich meinte ich: Sie plagen sich schon so lange mit diesem Buch herum und ich mit meinem Hund. Tauschen wir also einmal. Ich nehme Ihnen Ihr Buch ab und Sie mir meinen Hund. Notfalls bezahle ich die Veröffentlichung aus eigener Tasche.

    Er fiel mir um den Hals und ich ihm.

    Es war wie ein Erlösungsschlag für uns beide.

    Ich verließ die Fähre deutlich besser gelaunt, als ich sie betreten hatte. Mein Automotor brummte fröhlich, im Kofferraum hechelte Rika angespannt, als könne sie ihre erste Trainingsstunde bei dem netten Herrn gar nicht erwarten. So düsten wir frohen Mutes zu meiner Schwester, die nur wenige Kilometer von Rikas neuem Lehrer entfernt lebte. Das ist das Schöne an einer Insel – nichts ist weit von etwas anderem weg. Alles ist überschaubar und doch unbegrenzt in seinen Möglichkeiten. Ich pfiff ein Liedchen bei der Ankunft bei meiner herzensguten, aber manchmal etwas eigensinnigen Schwester, die mich nie hatte pfeifen hören und dementsprechend einen irritierten Blick aufsetzte. Ihr leicht angerunzeltes Gesicht – dabei ist sie gar nicht so alt, aber es macht wohl das Insel-Wetter – verzog sich dabei zu einer lächerlichen Fratze, der ich nichts erklären wollte. Sollte sie eben raten, was in mir und in Rika vorging. (Später habe ich es ihr natürlich doch erzählt. Der schwache Mensch kann Geheimnisse einfach nicht dauerhaft bewahren.)

    Ich habe mir vorbehalten, einiges in dem Manuskript zu ändern, was mir nicht gefiel. Als Herausgeber ist das schließlich mein gutes Recht. Vieles habe ich gekürzt, anderes, das mir sinnvoll für die Handlung erschien, habe ich ergänzt. Zu Beginn fehlte mir eine gewisse Anschaulichkeit der Geschichte, die ich mich redlich bemüht habe herzustellen. Mir ist bewusst, dass ich dadurch die Wahrheit verfälscht und August Amgines Leben künstlich aufgebügelt habe, um es mir selbst schmackhafter zu machen. Nichtsdestotrotz musste ich die Änderungen vornehmen, der geneigte, geschätzte Leser wird darüber hinwegsehen.

    Der Herausgeber.

    Der Autor an den Leser

    Einmal, es wird schon länger her sein, da saß ich bei August in seiner mickrigen Behausung und wir hatten uns nichts zu sagen. Diese Situation ist typisch für eine Unterhaltung mit August, die weit mehr aus einem peinlichen Schweigen als aus Worten besteht. Man würde es kaum ein Gespräch nennen können, wenn nicht hin und wieder doch einmal ein kurzer Dialog über Belanglosigkeiten aufkäme.

    August hatte immer die unangenehme Eigenschaft, nichts zu sagen, wenn er nichts zu sagen hatte. Damit bin ich nie gut zurechtgekommen. Solche Unterhaltungen, bei denen keiner von uns über Stunden einen Laut von sich gab, abgesehen von dem unausstehlichen Geräusch des Herunterschluckens von Kaffee, Tee, Bier oder ähnlichem, würde ich aus meiner Erinnerung gern streichen.

    Trotzdem: erinnere ich mich an August, dann zuerst stets an den stummen August, der mit locker aufeinandergelegten Lippen vor mir in seinem alten DDR-Sessel sitzt, betrübt vor sich hinblickt und tut, als sei ich nicht da.

    Deprimierend ist das. Schließlich konnte August sehr wohl sprechen. Er tat es eben nur nicht ständig. So häufig mir das Geplapper und Getratsche, der small talk und die lächerlichen Wochenendanekdoten der meisten Menschen auch auf den Keks gehen – Augusts Stille quälte mich. Sie folterte und traktierte mich ganze zwölf Jahre lang, denn so lange war August für mich das, was viele einen besten Freund nennen würden. Ich nenne es nicht so, denn dafür war unser geistiger Austausch einfach zu gering. Schließlich war ich für ihn zu sehr ein durchsichtiger, alberner Luftgeist, den man in seiner Wohnung duldet, weil man ihn ohnehin nie loswird (es gibt noch immer kein wirkungsvolles Rezept gegen Luftgeister); und er für mich zu sehr ein Felsbrocken. Was ist das für eine Basis für eine ordentliche Freundschaft, frage ich mich, wenn sich einer mit dem anderen schon seinem Material nach nicht verträgt? Wie soll ein Ding aus Luft ein Ding aus Stein lieben können?

    Dieser Wesensunterschied war wohl unser größtes Problem.

    Es gab Momente, in denen August aber plötzlich redselig wurde, in denen er sich vor mich setzte, mich offen anblickte und von sich aus zu erzählen begann. Oftmals handelte sein Erzählen von sich selbst, von seiner eigenen Vergangenheit. August war in nichts sonst Experte. Er hatte keine Ausbildung, keine Arbeit, keinen Beruf. Geduldig habe ich mir alles angehört, was er mir vorzutragen hatte, habe an den richtigen Stellen genickt, gelächelt, gezweifelt, gegähnt, gelangweilt an meiner Zigarette gezogen und gewartet, bis er endete. Das anschließende Schweigen war mir das herrlichste Erlebnis.

    Vor einigen Jahren bat August mich darum, seine Geschichte aufzuschreiben. Er selbst, meinte er, könne das nicht gut tun. Schließlich würde er sich seit langem ernsthaft bemühen, das meiste davon zu vergessen. (Unter uns gesagt: den Eindruck hatte ich nicht. August war für sich selbst das einzige und das schönste Thema...warum sollte er etwas davon vergessen wollen?)

    Leider hatte er mir, wie oben beschrieben, in jahrelanger Arbeit alles haarklein erzählt. Ich war also bestens über ihn im Bilde, ich war der einzige, der die Sache für ihn zu Papier bringen konnte. Das durfte ich nicht abstreiten. Niemals hat August mir gesagt, weshalb er sein Leben in geschriebener Form hinterlassen möchte. Dem ungeachtet schien es ihm ernst damit zu sein, denn er flehte und bat mich lange genug, bis ich einwilligte und sagte: Gut, ich werde sie schon irgendwann einmal aufschreiben.

    Bis heute habe ich es nicht getan.

    Ich habe dazu nämlich keine Lust.

    Augusts Geschichte ist nicht sonderlich mitreißend, hauptsächlich ist sie wohl traurig. Traurige Geschichten liegen mir nicht. Ich schreibe von Natur aus nur Lustiges. Mit traurigen Sachen kann man nicht gut Geld verdienen. Besonders nicht mit traurigen Geschichten, in denen nicht viel passiert. Lieber Leser, Dir wird also klar, warum ich mich bis jetzt nicht dazu herablassen konnte, den Kram zu verschriftlichen, den August mir in seiner kurzangebundenen und unkreativen Art dargelegt

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