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Kiki süss-sauer
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eBook422 Seiten4 Stunden

Kiki süss-sauer

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Über dieses E-Book

Den ganz normalen Wahnsinn einer Bilderbuchfamilie auszuhalten kann ziemlich anstrengend sein. Erst recht, wenn man versucht, einer dominanten Mutter, einer nervigen Schwester und einer pubertierenden Tochter gerecht zu werden.
Und wäre da nicht dieses beklemmende zwanzigjährige Geheimnis, welches endlich gehört werden will….
Riri will nur noch raus aus ihrem Gefängnis, raus aus ihrer Anpassung und ihrem alten Schwur, den sie sechzehnjährig aus Dankbarkeit und Loyalität ihrer Mutter gegenüber abgelegt hatte. In diesem Moment wirkt der unerwartete Wegzug ihrer Schwester wie das Öffnen einer verbotenen Türe.
Riri beginnt zu rebellieren und für sich einzustehen. Sie gelobt, bis zum 20. Jahrestag ihr Schweigen zu brechen.
Ein junger Kerl, der ihr den Kopf verdreht, eine attraktive Sekretärin, welche die Zeit ihres Mannes stiehlt und Mobbinggeschichten in der Schule ihrer Vierzehnjährigen, fordern sie heraus und torpedieren ihr Geständnis….
SpracheDeutsch
Herausgeberneobooks
Erscheinungsdatum22. Nov. 2019
ISBN9783750213807
Kiki süss-sauer

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    Buchvorschau

    Kiki süss-sauer - Doris Lilli Wenger

    für meine Familie

    Anmerkung der Autorin

    Dieses Buch ist ein Roman.

    Die Handlung und die Protagonisten sind frei erfunden.

    Es freut mich, wenn dir mein Buch gefällt.

    Gerne nehme ich Rückmeldungen, Feedback und Anregungen über wengerdo@bluewin.ch entgegen.

    Ebenso freue ich mich über eine Bewertung, bzw. deine Rezension bei buch.ch, exlibirs, amazon oder dem Anbieter, bei dem du es gekauft hast.

    Eine kurze Bewertung gibt mir eine direkte Rückmeldung und Motivation für mein Schaffen. Andere Interessierte erfahren gleichzeitig, ob mein Buch ihren Erwartungen entsprechen könnte.

    So erfahre ich durch dich, ob mein Schreiben berührt und kann mein nächstes Buch verbessern. Das ist mir sehr wichtig. Über positives Feedback freue ich mich besonders.

    Vielen Dank für deine Unterstützung!

    prolog

    Die Fotografie in meiner Hand zitterte wie ein Ahornblatt im Wind.

    Was hatte Kiki sich dabei gedacht? Die Aufnahme zeigte uns beide vor dem Haus. Wir waren vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Verkleidet als Clowns, mit übergrossen Kitteln, selbstgebastelten Papierhüten und Wasserfarbe auf den Wangen. Kiki lachte und kokettierte mit der Kamera, während ich selbst mir ein Handtuch an die Stirne gedrückt hielt. Bemüht meinen Schmerz wegzulächeln.

    Diesmal hatte ich mir den Kopf gestossen. An diesem doofen, eckigen, metallenen Briefkasten, unter welchem wir uns oft zum Plaudern hingesetzt hatten. Zerstossenes Eis, eingewickelt in ein Handtuch, direkt auf die Wunde gedrückt half, eine künftige Beule zu lindern. Auch wenn das tierisch wehtat.

    Kiki hatte sich nie dazu überwinden können. Schon als Kind hatte sie sich beschwerlichen Notwendigkeiten gegenüber verschlossen, hatte nie die Zähne zusammengebissen oder etwas ausgehalten. Das ging mir so auf den Geist. Kiki war weich und sanft. Ich konnte das nicht ausstehen. Noch heute nicht.

    Das war so anstrengend. Ich wollte raus aus meinem Käfig, raus aus meiner Anpassung, aus meinem Dank und dieser trügerischen Loyalität. Warum konnte ich mir nie den einfachen Weg erlauben? Wäre mir etwas erspart geblieben?

    Die Aufnahme wirkte stumpf. Es hatte geschneit und Kufen hatten dunkle Schatten in den ausgetretenen Schnee gezeichnet. Wir beide liebten den Winter und der Schlitten stand jeweils ab November bereit. Die Steigung hinter Nachbars Bauernhof rutschten wir beim kleinsten weissen Flaum hinunter. Dutzendmal, bis aller Schnee abgetragen war und wir im grünbraunen Matsch nach wenigen Metern stecken blieben.

    Dann sahen wir uns an, kicherten und rollten den Hang hinunter. Grübelte Kiki auch über solchen Dingen? Oder darüber, wie unbarmherzig das anschliessend zu Hause werden konnte?

    Auf dem Bild hielten wir uns an der Hand, klammerten uns gegenseitig fest. Die Geste trug etwas Inniges, Zärtliches in sich. Das zu sehen, besänftigte mich, weil es mich daran erinnerte, wie viel wir zu zweit unternommen hatten, wie oft wir gelacht oder uns gegenseitig getröstet hatten, wenn es wieder einmal kalt und stumm in unserem Zuhause geworden war. Wir fanden Halt aneinander.

    Es ist mein Fehler, der uns auseinandergebracht hat

    Wir sind unsere Familie. Kiki ist die Einzige, die ich noch habe. Und es gibt keinen anderen Menschen, der weiss, wie ich früher einmal war.

    Auch wenn wir verschieden sind, so sind wir doch beste Freundinnen.

    Dieses Foto werde ich ihr heute zur Beerdigung bringen

    1

    Riri stand in der Küche. An den Kühlschrank gelehnt.

    Erinnerungen waberten durch ihren Kopf.

    Sprachfetzen, der Geruch von Desinfektionsmitteln, ein Zerren in ihrem Bauch und das bohrende Gefühl, etwas ganz Grosses falsch gemacht zu haben.

    Schandfleck

    Die Vergangenheit schwappte in Wellen über sie her, sich stetig wiederholend, grausam, wieder und wieder und ohne Möglichkeit, diese einmal in Fluss geratene Naturkraft bremsen zu können. Die Rückschau zerrte an allen Sinnen, brachten sie durcheinander. Den ganzen Tag hatte sie versucht die Puzzleteile zusammenzusetzen. Angsttrunken hatte sie sich dagegen gewehrt, gekämpft. Jetzt war sie müde.

    Die Uhr zeigte Mitternacht. Alain würde bald heimkehren. Zittrig fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn.

    Zimtstern

    Jetzt hatte sie doch an ihn gedacht. Sie hätte ihn so gerne vergessen, diese Begegnung nie erlebt. Das war so lange her, fühlte sich so unwirklich an, als hätte sie irgendwo davon gelesen. Oder im Fernsehen gesehen.

    Ich wollte das nicht

    Sie drehte sich, betrachtete den vorbereiteten Frühstückstisch für den nächsten Tag. Hastig gedeckt für das Essen einer Familie, in welcher einer nach dem anderen sich schnell verpflegte, um zeitig aus dem Haus zu kommen. Nur der Kaffee fehlte.

    Sie lechzte danach. Sie startete die Espressomaschine, stellte ein Tässchen unter und drückte mechanisch die Taste. Herbsüsser Pausenduft umhüllte sie. Stehend genoss sie den kleinen Schwarzen. Mit geschlossenen Lidern. Ohne einen Gedanken. Als kurze Meditation. Mechanisch öffnete sie den Kühlschrank, tastete nach der angebrochenen Tafel Schokolade. Anschliessend liess sie die Tasse achtlos in der Spüle stehen, löschte das Licht und stieg die Treppe hoch.

    Sie linste in Jans Zimmer. Ihr Zwölfjähriger lag auf dem Rücken, die Arme ausgestreckt. Der Pyjama hochgerutscht, zeigte er seinen entblössten Nabel. Riri schmunzelte, zog die Türe leise zu.

    Im Raum ihrer Tochter blieb sie stehen. Sog genüsslich die gedrängte, warme Luft ein. Sana krümmte sich im Bett, die Decke zwischen die Beine geklemmt. Riri trat neben sie und strich ihr zart zwei verirrte Strähnen zurück.

    Sanas Übelkeit hatte alles ins Rollen gebracht.

    Am Morgen zuvor war Riri von einem klappenden Klodeckel aufgeschreckt worden. Im Bad hatte sie ihre Vierzehnjährige über der Toilettenschüssel angetroffen. Schweissgeperlt.

    «Sana?» Riri hatte nach einem Lappen gegriffen und dem Mädchen die Stirn abgewischt. «Was ist mit dir?» Überrascht hatte sie das Zittern ihrer eigenen Hände registriert.

    «Keine Ahnung. Mann, ist mir zum Kotzen», hatte Sana gegrunzt. «Die Kekse, die ich gestern im Jugendtreff genascht habe, waren vermutlich schlecht.» Dabei hatte sie Riri nicht angesehen, sich weggedreht und Wasser direkt vom Hahn in den Mund gesogen. Mit schlappen Haaren, nachtweisser Miene und einem «Scheisse» war sie in ihrem Zimmer verschwunden.

    Die Sommerferien waren eine Woche zuvor zu Ende gegangen und Sana hatte in die achte Klasse gewechselt. Die Lehrerin und die Stundenpläne waren mehrheitlich unverändert, so dass Riri sich kaum um Organisatorisches kümmern musste.

    Sana ging freitags um acht Uhr los. Riri wollte die Lehrerin informieren, verärgert, weil Sanas Unpässlichkeit ihren Tagesablauf durchkreuzte. Ein undefinierbares Kribbeln war in ihr hochgestiegen, welches sie zu ignorieren versucht hatte.

    Während sie nach der Nummer suchte, war Sana in die Küche getrabt. Angezogen, die Haare gebürstet und straff zu einem Rossschwanz gebunden. Die Augen hatten wegen ihrer Blässe dunkler gewirkt als sonst und ihr einen elfenhaften, bezaubernden Look verliehen.

    «Ich esse nichts, muss los.»

    «Du bleibst heute zu Hause, Mädchen!»

    «Hör auf, mich so zu nennen!» Störrisch hatte Sana das Kinn hochgereckt.

    «Na …» Riri wurde unterbrochen.

    «Mir war kurz übel. Jetzt geht’s wieder, mach kein Drama.» Abwehrend hatte Sana beide Hände vor die Brust gehoben. «Ich gehe zur Schule». Am Tee hatte sie nur lustlos genippt.

    Hatte Sana Morgenübelkeit?

    Eisig hatte der Gedanke Riri durchzuckt. Kurz nur, dann hatte sie das Gefühl in ihre dunklen Nervenzellen zurückgedrängt.

    «Tschüss Mami, am Nachmittag werde ich mit Chiara lernen. Bin gegen fünf daheim.» Von hinten hatte Sana ihr einen kalten Kuss an die Schläfe gedrückt, bevor sie die Haustüre hinter sich zugezogen hatte.

    Seither rang Riri mit dem Monster der Erinnerung. Sie würde ewig an diesen Tag zurückdenken.

    Später würde Sana sagen, dass alles an diesem Datum angefangen hatte.

    2

    Riri blinzelte. Die Sonne scheibelte sich durch die gekippten Jalousien und kitzelte sie in der Nase. Sie rollte sich zur Seite, stiess mit der Stirn an den Roman, welchen sie zum Einschlafen gebraucht hatte. Das Buch rutschte. Sofort versuchte sie es zu fassen, verhedderte sich auf halbem Weg im Bettlaken, zerrte. Statt den Band zu greifen, knallte er zu Boden.

    Sie hielt den Atem an. Alain rührte sich nicht.

    Er hat ein reines Gewissen

    Sie schälte sich aus der Wärme, liess das Buch liegen und betrat das Bad, liess die Lamellen hochfahren und Sommerlicht flutete den Raum. Staubsterne tanzten. Sie öffnete das Fenster und ihr erwachender Körper begrüsste die Frische mit sich aufstellenden Härchen. Trotz der Kühle war zu ahnen, dass ein heisser Tag bevorstand.

    07.38 Uhr. So spät?

    Die morgendliche Routine wärmte ihren Motor. Sie begann mit Zahnseide, Zahnbürste, stellte sich auf die Waage. Na ja. Sie hätte auf die Schokolade verzichten sollen.

    Mit beiden Händen fing sie den Wasserstrahl auf, tauchte ihr Gesicht mehrmals ins kalte Nass und wiederholte die Prozedur bis die Haut kribbelte und ihre Lider knackten.

    Sie ging zurück ins Schlafzimmer. Alain lag unverändert.

    Unerwartet zuckte sein Arm unter der Decke hervor und packte sie am Bein, hielt sie fest. «Hab dich», brummte er. Riris Herz setzte einen Schlag aus. «Oh, mein Gott, erschreck mich nicht so!»

    Was ist mit meinem Gewissen?

    «Komm her zu mir, kleine Frau», forderte er. Sie liess sich ins Bett ziehen, wartete bis sich ihr Herzschlag normalisiert hatte. Alain vergrub seine Nase in ihrer Halsbeuge. «Hm, dein Schlüsselbein riecht so lecker.»

    «Ich muss los», nörgelte sie. «Ich habe Maman versprochen vorbeizuschauen, um einen Brief, den sie von der Gemeindeverwaltung bekommen hat, durchzugehen. Weiss der Kuckuck was die von ihr wollen.»

    «Vergiss es.» Alain hatte tausend Hände.

    Riri wand sich, stand auf und zog sich an. Schwarze Hose, schwarze Bluse, die schwarz gelockten Haare lose zusammengebunden. Am Morgen war sie schnell. Äusserlichkeiten waren ihr nicht wichtig. Den Lipgloss benutzte sie trotzdem. Wegen Kiki.

    «Schaust du etwas auf Sana? Sie hat sich gestern übergeben.» Sie sah ihren Mann nicht an. Herzklopfen. Was war los mit ihr?

    «Nein, Riri, geh nicht!» Alain setzte sich auf. «Tu mir das nicht an. Ist doch egal, wenn du eine halbe Stunde später bist.»

    Sie fühlte sich schuldig. Das Gummiband in ihrem Innern spannte sich.

    «Kiki kommt auch und wenn ich früh da bin, bin ich bald wieder zu Hause. Der Nachmittag gehört dir. Die Kinder sind beide fort.» Sie zwinkerte Alain zu.

    Alain stemmte sich in die Höhe. «Was heisst hier: Kiki kommt auch?» Unangenehm ahmte er ihre Stimme nach. «Wie ich dich kenne, bist du erst nach dem Essen zurück. Du machst alles allein, den Schreibkram, aufräumen und die Damen bekochst du ebenfalls.» Ohne eine Antwort abzuwarten, schnaubte er. «Kiki!!» Er riss an seinen Jeans. «Und ich kann warten.»

    Dass sie an ihren Kurznamen festhielten, konnte er nicht ausstehen. Die Kürzungen hatten die Schwestern an einem frostigen Tag im Garten erfunden. Entschieden das Elend abzulegen, den die gellende Stimme der Mutter verursachte. Damals hatten sie sich weinend geschworen, sich nie wieder zu nennen wie sie hiessen. Sie rätselten und brüteten, bis sie einen passenden Ersatz gefunden hatten.

    Kiki statt Frédérique - Riri statt Aurélie.

    In intimen Stunden vergass Alain sich manchmal und raunte ihren vollen Namen. Sie genoss es, wie samt er ihn aussprach und bisweilen ertappte sie sich, dass sie heimlich stolz darauf war. Im Alltag indessen hallte „Aurélie" dermassen korrekt, dass sie keinem gestattete, sie so anzusprechen. Nur Maman nannte sie noch so. Und niemals hätte sie den Schwur mit ihrer Schwester gebrochen.

    «Ich beeile mich, Ehrenwort.» Sie liess die Arme hängen, legte den Kopf schief. Lächelnd. Sie wollte sich vom Ärger nicht anstecken lassen. Das Gummiband fühlte sich dick an.

    Ich bin eine Lügnerin

    Er griff nach ihr, liess seine Hose fallen und drückte sich nackt an sie. Riri lachte. Er überragte sie fast um eine Kopflänge. Sein drahtiger, knochiger Körper, seine natürliche Bräune und dieser eigene Duft wies sie darauf hin, wie einfach das Leben mit ihm die letzten sechzehn Jahre gewesen war. Es handelte sich um einen Fehlgriff des Schicksals. Dieses Glück, diese Liebe, hatte sie nicht verdient.

    Riri liess sich die Umarmung gerne gefallen. Sie liebte diesen Mann. Inniger als sie sich das je geträumt hatte.

    Damals, in diesem kleinen Käsereiladen um die Ecke, mitten in der Winterthurer Altstadt, war sie ihm in einer Pause das erste Mal begegnet. Seine Ausstrahlung hatte sie unmittelbar gefesselt, seine Aura, die den gesamten Raum zu erleuchten schien, hatte sie elektrisiert. Er hatte sie nicht bemerkt, schäkerte mit der Verkäuferin und diskutierte, welcher Käse das Reifestadium erreicht hätte. Sie mochte keinen Käse. Und sie war in Eile, musste zurück an ihre Arbeit in der Zahnarztpraxis, ihr Chef wartete. Sie war danach unkonzentriert geblieben, weil der schöne Fremde ihre Synapsen besetzte. Ihr Herz jubelte, als sie ihn am nächsten Tag erneut angetroffen und er sie angesprochen hatte. Oft hatten sie gelacht, weil auch er sie tags zuvor gesehen hatte und nur ihretwegen nochmals dort einkaufen ging.

    Er hatte sich gleich intensiv in sie verguckt, wie sie sich in ihn.

    Wenn er wüsste

    Riri drückte sich an ihn. «Schau mal dieses Licht. Das wird ein guter Tag. Ich lass mir die Laune von Kiki und Maman nicht verderben.»

    «Ich wäre auch gerne mit dir zusammen.» Alain liess sie los und schaute zu Boden. Sie spürte seine Enttäuschung. Sie tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Schulter und wartete eine Sekunde. Dann zog sie heftig Luft ein, schluckte, griff nach ihrer Jacke und rannte die Treppe hinunter.

    «Die Kinder müssen um neun Uhr dreissig beim Treffpunkt am Hauptbahnhof sein.» Alain antwortete nicht. «Und pass mir auf Sana auf!»

    Sie schlüpfte in ihre Mokassins und huschte aus dem Haus, schwang sich aufs Fahrrad und steuerte Richtung Zentrum Seuzach.

    Zum Haus ihrer Mutter in Reutlingen brauchte sie fünf Minuten. Fünfzehn, wenn sie den Umweg nahm, um bei der Bäckerei Hollenstein im Dorf vorbei zu fahren. Riri fühlte sich wohl in ihrer Haut. Wenn sie am Morgen mit den ersten Strahlen aufstand, wenn sie den ganzen Tag wusste, was zu tun war, dann fühlte sie sich sicher.

    Sie fuhr dem Chrebsbach entlang, genoss die Ruhe am Samstagmorgen, abseits der Hauptstrasse. Nach einem kurzen Stück auf einer Feldstrasse, überquerte sie die Autobahn. Sie liess sich vom Rhythmus ihrer Pedale, vom Takt ihres Atems mittragen. Die Nebenstrasse zog sich einsam übers Land, kein anderer Mensch war unterwegs.

    Aus der Ferne sah sie das Anwesen von Maria und Oscar Dunon - ihr Elternhaus. Ein Sog ging von ihrem Geburtsort aus und zerrte an ihr. Sie liess sich treiben, konnte den Blick nicht abwenden. Von weitem erkannte man nicht, dass das grosse Gebäude mit Giebeldach in eine rechte und eine linke Haushälfte unterteilt war. Die Trennung verlief unter dem First und der Grundriss der beiden Wohneinheiten war identisch, allerdings spiegelverkehrt angeordnet. Oft hatten sie gelacht, wenn sie sich auf der anderen Seite aufgehalten hatten. Wie eine umgestülpte Socke, stand die Welt Kopf.

    Seit Vaters Tod lebte ihre Mutter allein. Die andere Hälfte wurde von einem Witwer bewohnt, sein Sohn längst ausgeflogen.

    Die Liegenschaft lag leicht erhöht an einer Güterstrasse, welche ausserhalb von Reutlingen abzweigte und in einen Kiesvorplatz führte. Das Feld vor Riri ruhte im zarten Licht. Schüchtern strich der Wind darüber und die Bewegung der Ähren wisperte leise.

    Wie im Traum. Hier war sie schon tausendmal langgeradelt.

    Früher, auf dem Schulweg, war sie am Morgen der aufgehenden Sonne entgegengelaufen, entnervt, wenn sie über dem bewaldeten Hügel hervorlinste und sie blendete, sich der Schönheit der Umgebung kaum bewusst. Später war sie mit dem Fahrrad diese asphaltierte Strasse entlang zur Arbeit gefahren, bis sie mit zweiundzwanzig mit Alain zusammen in eine kleine Wohnung über der Gemeindeverwaltung in Seuzach gezogen war.

    Sie stoppte mitten auf der Strasse. Stand da, das Fahrrad zwischen ihren Knien, liess den Eindruck auf sich wirken. Die Nuance des Lichts verzauberte sie. Die Luft roch kühl und süss.

    Trauer fiel wie eine Decke auf sie herab. Sie kniff die Augen zu.

    Zimtstern

    Bald wäre es zwanzig Jahre her.

    Zwanzig Jahre, in welchen sie mit ihrem Schmerz einsam war. Trotz Alain. Trotz all dieser Liebe, die sie von ihm bekommen hatte. Trotz ihrer Mutter.

    20 Jahre ist genug

    Laut atmete sie durch die Nase ein, richtete ihren Brustkorb auf.

    Zwanzig Jahre lang hatte sie versucht, diese Qual und diese unglaublichen Schuldgefühle abzulegen, indem sie alles richtig machte, Haltung bewahrte.

    Alles Lüge

    Sie presste den angehaltenen Atem aus ihren Lungen, krümmte sich über den Lenker.

    Nein, sie hatte diese Gefühle verdrängt. Versucht zu verdrängen. Vergeblich.

    Mit der Morgenübelkeit ihrer halbwüchsigen Tochter waren ihre Empfindungen im Bruchteil einer Sekunde zurückgekehrt. Als wäre die Zeit stehen geblieben.

    Alles ist wieder da

    Riri blickte zum Himmel. Weiss zerkratzte ein Flugzeug das perfekte Himmelblau.

    Zimtstern, mein Zimtstern. Sana hat dich aufgeweckt

    Noch vor dem zwanzigsten Jahrestag werde ich darüber reden - Das ist ein Versprechen

    Angst kroch über ihre Schulter. Riri schaute nach vorn. Das Gebäude wirkte wie gemalt, eingefriedet von einem Metallzaun und hüfthohen Hecken. Die Läden im Erdgeschoss waren aufgestossen, die Fenster geöffnet und hellgelbe Gardinen winkten. Rote und lila Geranien wetteiferten der Sonne entgegen, Rosen umrankten den Zaun.

    Und dahinter thronte ihr alter Ahornbaum. Sie empfand Heimat für diesen Fleck Erde, der ihr so viel Leid und so viel Geborgenheit geschenkt hatte. War es hart und eisig im Haus, hatte sie der Garten sanft gerettet. Die verwildert romantische Wirkung war vor allem ihrer konsequenten und liebevollen Pflege zu verdanken.

    Ihre Mutter Maria trat in diesem Moment vors Haus und zupfte an den Blumen im Topf neben der Türe. Sie legte die Hand über die Brauen zum Schutz gegen die Sonne und schaute wie ein Soldat Richtung Strasse. Vermutlich hatte sie Riri trotz ihrer Sehschwäche ausgemacht.

    Die kleinen, fordernden Blicke von Maman stachen Riri wie feine Nadeln auf der Haut, hielten sie, wie so oft, gefangen. Über die Distanz nahm sie ihre verkniffenen Gesichtszüge, die Ungeduld ihrer Gesten wahr. Die Stimmung drängte sich klamm übers Land und durch die Wärme bis in ihre Seele.

    Auf Kommando stellte sich ihr schlechtes Gewissen ein. Da war es wieder, sie hatte sich daran gewöhnt. Riri schnaubte, wandte sich ab, fasste ihren Lenker und fuhr an. Im gleichen Moment wurde sie von einem schweren Motorrad überholt. Der Fahrer wich aus und fuhr knapp an ihr vorbei.

    Reflexartig riss Riri an den Bremsen. Sie trudelte, fing knapp einen Sturz auf und stoppte. Spontan riss sie ihre Hand hoch, schüttelte dem Schrecken ihre Faust hinterher. «Idiot.» Ihr Herz pochte laut. Beschämt über den kräftigen Fluch, welcher ihrer Kehle entwischt war, rieb sie ihre Lippen. Grinsend.

    Mit einem Blick über die Schulter rollte sie vorsichtig los. Mit zitternden Knien.

    Ihre Trauer war verflogen.

    3

    «Aurélie!»

    Sie wollte liegen bleiben, die Augen schliessen, vergessen.

    «Aurélie!»

    Die Stimme ihrer Mutter. Fordernd.

    Noch einmal blinzeln, einmal noch

    «Aurélie!»

    Sie schreckte hoch.

    Zimtstern

    Zögernd stand sie auf. Betrachtete ihre Gestalt im Spiegel. Als sähe sie sich zum ersten Mal. Im roten T-Shirt mit Diddlmaus Druck, die zerfledderten Haare, die braun gemusterten Leggins.

    «Ich komme.» Ein Flüstern nur.

    Sie öffnete ihren Schrank. Alle Kleider wirkten verlogen. Aus einem anderen Leben.

    Sie wollte nicht mehr.

    Zimtstern

    «Aurélie!» Dieses kreischende, befehlende Organ. Wie von einem trotzigen Kind.

    Sie blickte sich um. Nebeltröpfchen zogen unerwartet schnell an den Scheiben vorbei. Bald würde die Sonne den Kampf gegen die Feuchtigkeit gewinnen. Riri streckte die Hand, riss das Fenster auf, liess die feuchte Luft in den Raum.

    Ich lass mich nicht unterkriegen

    Die Gewissheit in ihrem Innern fühlte sich leise, warm und fest an.

    Langsam wandte sie den Kopf wieder ihrer Garderobe zu. Gelassen und ruhig griff sie nach einem schwarzen T-Shirt und schwarzen Hosen.

    Ich werde nur noch schwarz tragen

    «Aurélie!»

    Flink wechselte sie ihre Kluft.

    Im Bad strich sie sich ihre Haare aus der Stirn. Staunend. Band den langen Schopf zusammen. Den würde sie abschneiden.

    Ab heute, ist alles anders

    Die Entschiedenheit machte sie ruhig. Langsam wischte sie mit der Hand übers Gesicht.

    Ein Lächeln verirrte sich auf ihre Lippen, ohne die Augen zu erreichen.

    Ein bisschen üben und es sieht echt aus

    Mit zwei Fingern zwickte sie sich eine vorwitzige Strähne zurück. Dann blinzelte sie sich zu, drehte sich weg und rannte die Treppe hinunter.

    Die letzten drei Tritte sprang sie mit beiden Füssen gleichzeitig. Mit einem Satz stand sie bereit.

    «Da bin ich.» Grinsend.

    «Muss ich immer alles allein machen?» Ihre Mutter sass in der Küche, eine schlanke Zigarette zwischen den Zähnen. Die Fingernägel frisch lackiert, in die Höhe gestreckt.

    «Kein Problem, Maman. Ich erledige das.» Riri drehte sich um und begann, das Morgenessen abzuräumen.

    «Du weisst, was ich für dich getan habe.»

    Maman konnte es nicht lassen.

    4

    Das Haus roch nach frischem Kaffee, als Kiki die Küche ihrer Mutter betrat. Auf Riri war Verlass. Ihre Schwester hatte Croissants mitgebracht und sass mit Maman am Esstisch. Briefe und Papierbögen voller Grundrisse pflasterten einen Weg durch das Frühstück.

    Maman lachte über eine Bemerkung von Riri, welche Kiki nicht verstanden hatte. Riri lächelte, bückte sich über einen der Pläne und zeichnete mit dem Schreiber einer Linie entlang.

    Der Duft, die Atmosphäre, die kitzelnden Sonnenstrahlen sog Kiki ein. Klebrig schimmernde Honigtropfen auf dem Teller, verstreute Krümel auf den Papieren, das Kratzen des Stiftes vermischt mit dem Summen einer suchenden Fliege.

    Die Hand von Maman auf Riris Arm.

    Kiki fühlte sich mittendrin. Gleichwohl in sich selbst gefangen. Als stünde sie unter einer Glasglocke, drückte sich die Nase an der Scheibe platt und sehnte sich in diese märchenhafte Szene. Sie fühlte sich weggesperrt und bedeutungslos.

    Sie kannte diese stachlige Enge. Warum war sie nicht wie Riri?

    Egal was Kiki tat, sie verglich es mit dem, was ihre Schwester tat, tun würde oder getan hätte. Und egal wie sie es drehte und wendete, ihre eigene Handlungsweise, ihre eigene Art, mit Problemen, Schwierigkeiten, sogar mit Schönem umzugehen, schnitt im Vergleich durchgehend schlechter ab.

    Sie war es leid. Zum Glück war Vater nicht hier. Nicht mehr hier. Er hatte ihr täglich ihr Unvermögen bewusst gemacht.

    Ungenügend

    Riri hob den Kopf und zuckte. Ihre Bewegung fror ein. Die Stimmung kippte.

    «Hallo.» Riri zog die Stirn kraus. «Seit wann stehst du da und beobachtest uns?» Sie erhob sich, griff unaufgefordert nach einer Tasse, bediente den Automaten.

    Wie mich diese ungefragte Beflissenheit nervt

    Ohne ein Wort übernahm Kiki den angewärmten Platz an der Seite von Maman, lehnte sich an sie. So fühlte sie sich sicher. Daheim. Angekommen. Ihre Mutter hielt immer zu ihr, strich jetzt zärtlich mit den Knöcheln über ihre Wange, ihr Blick liebkoste sie.

    «Du siehst gut aus.» Maman schnupperte in Kikis langen, rötlichbraunen Haaren. Die volle Aufmerksamkeit galt ihr.

    Riri schaute ihnen zu. Sie war nur noch die kleine Schwester.

    «Der Nachbar will bauen.» Riri zeigte mit dem Daumen nach nebenan.

    Interesse flackerte in Kiki auf.

    «Daniel, der Sohn, hat die Liegenschaft übernommen. Er will vergrössern, bevor sie einziehen. Er hat drei Kinder», erklärte Riri.

    «Drei Kinder?» Kikis Braue wölbte sich. «Spielte er nicht schon früher dauernd mit Puppen?»

    Die drei Frauen schauten sich an und unangekündigt brach die alte Leere wieder auf.

    Kiki dachte an Maurice und Marcel Bucher und zog ihre dünne Jacke enger, legte ihre Hände um die heisse Henkeltasse. Die beiden Jungs, welche während ihrer Jugend im spiegelverkehrten Haus gewohnt hatten und in der Schulzeit ihre besten Spielkameraden gewesen waren - sie fehlten ihr noch immer. Sie hatten bei jeder Gelegenheit gemeinsam draussen gespielt. Im Geräteschuppen, der täglich andere Schätze bereithielt und auf dem grossen Ahorn, auf welchem sie später ihre Hütte gebaut hatten.

    Während hier in diesem Haus oft eisiges Klima herrschte, galt bei Buchers nebenan ein einladendes, herzliches und warmes Miteinander.

    Und dann der Schock über die unvorhergesehene Scheidung und den Verkauf des Hausteils. Diese Öde, als ihre Freunde plötzlich fort waren und sie in der Verständnislosigkeit zurückgelassen hatten. Dieses Nichts war jäh wieder da.

    Kiki beugte sich vor, neigte den Kopf zum offenstehenden Fenster und guckte hinüber zu Nachbars Anwesen. Die Fensterscheiben spiegelten das Blattwerk. Sie wäre gerne dort drüben aufgewachsen, in diesem temperamentvollen, lustigen und netten Heim. Sie lauschte. Sehnsüchtig, erwartungsvoll, ob da nicht lärmendes Rufen nach ihr erklingen würde. Doch das Haus stand still und stumm.

    Riri und Kiki war es schwergefallen, sich an die neuen Anwohner zu gewöhnen. Obwohl sie später dankbar mit Babysitten von Daniel ihr karges Taschengeld aufgebessert hatten.

    «Sie erweitern den Wohnbereich und oben richten sie einen zusätzlichen Raum ein.» Riris Stimme hallte in der Kälte ihrer Einsamkeit. «Sie werden den Affenbaum fällen.»

    Kiki stockte. Flatternd kehrte sie in die Gegenwart zurück.

    «Den Affenbaum? Unseren Affenbaum? Das werden sie nicht machen. Wir erlauben das nicht, oder Maman?» Ihre Pupillen blitzten. «Maman bitte! Niemals werden wir einwilligen, dass das gemacht wird?» Sie vergass zu atmen, ihre Stimme kratzte, Tränen glänzten.

    Dieser Baum war ihre Heimat. Der knorrige Ahorn und in dessen Krone ihr selbsterrichtetes Nest. Zu viert hatten sie unzählige Nachmittage damit verbracht, Bretter zu suchen und bei den umliegenden Bauern nach geeignetem Material nachzufragen. Mit einer Schubkarre hatten sie endlos Holz transportiert, um in wochen- und monatelanger Arbeit ihren Zufluchtsort zu zimmern. Ob sie traurig waren oder wütend, fröhlich oder blossgestellt, es war eine Pflanze, ein Baum, der sie aufnahm, ihr

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