Weit kommt man nur mit dem Wind: Noch mehr Wortgeschichten
Von Katrin Züger
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Über dieses E-Book
Katrin Züger
Katrin Züger, 1952 geboren. Studium der Germanistik, Philosophie und Komparatistik sowie der Betriebsökonomie FH. Von 1996 bis 2011 an der Universität Zürich tätig, daneben Lehraufträge an der Universität Zürich in Linguistik und Unterricht an der Schule für Angewandte Linguistik SAL in Zürich. Diverse Fachpublikationen. Von 2011 bis 2016 eigenes Schreibbüro «Text und Kontext». Von 2014 bis 2017 Projektleiterin 100-Jahr-Jubiläum der Zentralbibliothek Zürich. 2012 erschien ihre erste literarische Veröffentlichung «Meine Welt hat in einem Schächtelchen Platz», 2013 «Strandsteine in der Atacama», 2014 «Flaches Land», 2016 «Wolkig, zeitweise Sonne», 2018 «Tongasoa», 2019, 2021, 2022 und 2024 «Wortgeschichten», 2021, 2022 und 2024 «Bücher in meinem Haus». Katrin Züger lebt in Aeugst am Albis.
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Buchvorschau
Weit kommt man nur mit dem Wind - Katrin Züger
Wacholder, das Wort kam ihm in den Sinn. Was für ein schönes Wort. Er sprach es laut: Wacholder. Das waren so kleine schwarze Beeren, mit denen seine Mutter den Fisch gegart hatte.
Julia Franck, Die Mittagsfrau
Man muss noch nicht mal wissen, wie der Vogel heisst – er weiss es ja auch nicht. Er ist einfach da.
Arnulf Conradi, Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung
Seepferdchen. Allein diese Bezeichnung verlieh mir im Wasser ein Gefühl von Freiheit.
Andreas Neeser, Zwischen zwei Wassern
Und dann vor allem die Schönheit der wissenschaftlichen Bezeichnungen. Nichts beglückt mich so wie Horst-Graben-Struktur, Yardangs, Solifluktion, Kryoklastik – Wörter, die zum Reisen einladen und den inneren Funken nicht weniger entzünden als Venedig, Timbuktu und Valparaiso.
Sylvain Tesson, Kurzer Bericht von der Unermesslichkeit der Welt
Mich interessieren die Worte für wirkliche Dinge. Rollgabelschlüssel, Spandrille, Seidenpflanze, Malachit, Malawi, Nikubori, Drehdel.
Robert Olmstead, Amerika landeinwärts
Ich machte mir meine Gedanken über die Menschen, die sich die Namen für Pflanzen ausdachten. Ich nehme an, es waren Biologen. Aber bestimmte Biologen auf Drogen. Wie sonst kämen sie auf diese Namen. Für die Moosähnliche Wasserpest. Für die Dreifurchige Wasserlinse. Für die Österreichische Sumpfbinse. Für Bremis Wasserschlauch. Für das Lungenkraut, das man auch Pluderhose nennt. Für das Fettkraut, das man auch Tripmadam ruft. Für das Ausdauernde Bingelkraut. Für den strauchigen Baum oder auch bäumigen Strauch, der Eddie’s White Wonder heisst. Für den Medizinal-Rhabarber.
Max Küng, Das Magazin 14/2009
Inhalt
Vorwort
WEIT KOMMT MAN NUR MIT DEM WIND …
1 Marea Neagră
2 Alto Adige
3 Kandahar
4 Arabia Terra
5 Idaho
6 Drachenhauchloch
7 Häkeluntersätze
8 Vanil Noir
9 Fallätsche
10 Holzbirrliberg
11 Fünflibertal
12 Sunnebüel
13 Hirslen
14 Rueteli
15 Sala Capriasca
16 Fuhlsbüttel
17 Schutzengel
18 Tobel
19 Wasserschloss
20 Verwitterung
21 Strade Bianche
22 Wolken, die verhungern
SCHWEBEN WIE EIN SCHMETTERLING …
23 die Kleiderordnung der Tiere
24 Bewerbungskonzert
25 Abakkus
26 Palmendieb
27 Schweigemarsch der Pinguine
28 Amarok
29 Heidschnucke
30 Förster des Jahres
31 Heimfindevermögen
32 Glubschaugen
33 Auswurfhügel
34 Sternenfresser
35 Kasarka
36 Frankolin
37 Arakanga
38 Hyazintharas
39 Amarant
40 Ziegenmelker
41 pelagisch
42 Bienensprache
43 Bakterien
44 Bahnhofsordnung
WARTEN, BIS DIE BLUMEN BLÜHEN …
45 Advent
46 tapferes Chlorophyll
47 Auferstehungspflanze
48 Lengas
49 Würgefeige
50 Apfelbaum
51 Trugbild
52 Tanne
53 Fetthenne
54 Inkarnatklee
55 Luzerne
56 Patschuli
57 Mohnblume
58 Schwertlilie
59 Akelei
60 Viöli
61 Wiesensalbei
62 Mädesüss
63 Tintenfischpilz
64 Roter Gitterling
65 Armleuchter
66 Eumetazoa
ÜBER MAULWURFSHÜGEL STOLPERN …
67 Anatahan
68 Sakana
69 Ganymed
70 Vagabund
71 Patinaparadies
72 Bannwald
73 Mahd
74 Spuren im Schnee
75 Landschaftsgärtner
76 Fischteichdiskussion
77 Einsatzkräfte
78 Lebenszufriedenheit
79 Polizeiruf
80 Feuerwerk der Nerven
81 Ghüder
82 Filz
83 Sneaker
84 Zugstrecke
85 weltumfassende Vertröstungsinstanz
86 Inmitten dunkler Wirbelwinde
87 Traumland
88 Schnipsel
AUS DEM SCHNECKENHAUS HERAUSGEKROCHEN …
89 Lexikon der Gegenwart
90 die Schönheit des Universums
91 Meisterleistung
92 Aufmerksamkeitsblinzeln
93 Zweinutzungshuhn
94 Fische, die entwischen
95 Tiktaalik
96 Brandolinis Gesetz
97 Schneebeseneffekt
98 fliessende Flüssigkeiten
99 Schneeflocke
100 Rocksaumtheorie
101 Madeleine-Effekt
102 Bevölkerungsaustausch
103 Schwerkraft
104 Kreislauf
105 Petrichor
106 Seegfrörni
107 Verfügungsgewalt
108 Barchent
109 Flokati
110 Hautelisse
KEINE ANGST VOR ROTEN BEEREN …
111 Vollkornbrötli
112 Beerenbrot
113 Urkorn-Brot
114 Brot der Wüste
115 Freshly made
116 Gipfelstürmer
117 Sättigungsbeilage
118 Schüblig
119 Aufschnitt
120 Gemüse
121 Kefen
122 Muskatkürbis
123 Spanische Nüssli
124 Sesame
125 Münze
126 Amarone
127 Tempranillo
128 Kotsifali, Mandilari, Vidiano
129 Magenträs
130 Pollenhöschen
131 Chochlöffel
132 Truthahn
WENN DU EIN SCHIFF BAUEN WILLST …
133 Aquifer
134 Ablaufentstopfer
135 quietschen
136 Hammer
137 elektronische Einzeltierkennzeichnung
138 Schraubenfeder
139 Innensechskantschraube
140 Tellersense
141 Dübel
142 Lichtschalter
143 Pflückzange
144 Aussenfühler
145 Türspion
146 Filzgleiter
147 Absenkpfad
148 Garaventa
149 Hummelparadox
150 Katastrophenlücke
151 Stellwerkstörung
152 Gitarre
153 Klarinette
154 grünes Piano
HINTER VORGEHALTENER HAND …
155 Matterhornbär
156 Mieze Schindler
157 Fledermauswetter
158 Stuppy
159 Menagerie
160 Leuchtfalter
161 Schüttelhände
162 Clangeist
163 glücklicher Geburtstag
164 konfuses Quadrat
165 Wunderliches
166 Umwege und Abwege
167 Grundbasis
168 ein Amsele
169 Mahais
170 nicht hacken
171 Pestilenz
172 Schneewättchen
173 Fentisenien
174 Wobisch
175 Sloganitis
176 tabulos
AUF DEN PUNKT GEBRACHT …
177 ipunkt
178 Karrette
179 Klunker
180 Lausbub
181 Laferi
182 Sprechpausenverhinderungsmassnahme
183 durchkreuzte Wege
184 Kerngehäuse
185 Trittligasse
186 Zustupf
187 flattieren
188 ablagern
189 selbstvergessen
190 engmaschig
191 untersagen
192 testamentarisch
193 tote Linie
194 einisch
195 hemdsärmelig
196 no nett
197 warum
198 Sätzesammler
Bilder
Index und Referenzen
Vorwort
Ich habe Wörter gesammelt. Dreihundertsechsundsechzig in den «Wortgeschichten» und zweihundert in den «Neuen Wortgeschichten». Und sie in Geschichten eingebettet, kleinere, mittlere, grössere, ergänzt durch Erklärungen, Definitionen, Verweise, Zitate, begleitet von Staunen. Staunen darüber, wie viele Wörter es gibt, die ich nicht kenne, die mir unverhofft zufliegen, aus dem scheinbaren Nichts, die etwas anklingen lassen, was mich nachdenken lässt. Was bedeutet das Wort? Woher kommt es? Wie komme ich darauf?
Wörter meinen ja etwas, aber nicht nur durch sich selbst, sondern auch durch die Umgebung, in die sie eingebettet sind. Man spricht von Kotext und Kontext. Das geht leicht vergessen, wenn an einzelnen Wörtern herumgemäkelt wird. «Klimaleugner» zum Beispiel, weil ja nicht das Klima geleugnet werde, sondern die durch die Menschen gemachte Klimaveränderung, es müsse deshalb, wenn schon, «Menschengemachterklimawandelleugner» heissen. Doch sie verkennen ein wichtiges Merkmal der Sprache: das der Sprachökonomie – die Tendenz, komplexe sprachliche Formen durch einfachere zu ersetzen. Sprache tendiert zur Sparsamkeit und zieht dem Unsäglichen das Sagbare vor. Und nicht vergessen: Da ist ja immer auch noch der Ko- und Kontext, der die Unklarheit klärt (klären soll).
Überhaupt ist es so eine Sache mit der Sprachpolizei, die sich gern in Kommentaren zu Medienbeiträgen Ausdruck verschafft:
In einem Alters- und Pflegeheim spricht man von Bewohnerinnen und Bewohnern. Insassen finden sich in Strafanstalten.
Ein Ballon fliegt nicht, er fährt.
Wers glaubt wird seelig! Bitte aber nur mit einem «e».
Narrativ, wieder so ein neudeutsches Modewort.
Nur berühmte Architekten dürfen klotzen. Die anderen kleksen. – Kleckern, nicht kleksen. Wenn man schon Redensarten herbeimüht (sic!), sollten sie wenigstens korrekt sein.
Nimmt man ernst, was man sagt, überlegt man sich seine eigenen Worte, muss man bemerken, dass es weder physikalisch noch ökonomisch möglich ist, Arbeit zu geben oder zu nehmen. Die Wörter «Arbeitgeber» und «Arbeitnehmer» sind Sprachunsinn der höheren Art.
Andererseits wundert man sich über den lässigen Umgang mit Grammatik, Rechtschreibung und Interpunktion:
Nicht’s gegen amerikanische Marsmissionen und deren Finanzierung durch amerikanische Steuergelder.
China’s Geschichte geht tausende Jahre zurück und wir im Westen wohnten dazumal immer noch in den Höhlen.
Er erinnerte mich steht’s in vielem ans Schule geben …
Die Walliser hätten dieses Problem schon lange mit der Schrottflinte gelöst.
Demgegenüber hat er noch ein sehr langer Weg vor sich.
Wer braucht noch etwas so antiquiertes wie Hörsähle?
Ein Viertel der Menschheit hat kein dauernder Zugang zu Wasser geschweige den zu Trinkwasser.
Übers bräteln oder grillieren müsste man schon einmal nachdenken. Wenn ich al diese Minigrils sehe die den Rasen über Jahre mit brandnarben übersähen müsste man dieselben eigentlich verbieten.
Man kann über sprachliche Unzulänglichkeiten hinwegsehen, da man den Text ja auch so versteht. Schliesslich ist man doch immer so in Eile, und das Tippen ins kleinräumige Handy ist keine geringe Sache. Dennoch fühlt man sich ein bisschen peinlich berührt und fragt sich, was denn die Leute in der Schule gelernt haben. Könnte man sich nicht etwas mehr Mühe geben? Rechtschreibung und Zeichensetzung haben ja eine Funktion, vereinheitlichen das Schriftbild, erleichtern das Wiedererkennen von Wörtern und Formulierungen. Fehlerreich schreiben ist wie Sprechen mit vollem Mund – unanständig und der Verständigung abträglich. Oder weiss man es nicht besser? Umso schlimmer.
Über die Verluderung der Sprache wird seit der Antike lamentiert. Und was sehen wir? Die Sprache ist immer noch da, wir verwenden sie täglich, arbeiten damit, verständigen uns, mehr oder weniger erfolgreich, das heisst die Sprache funktioniert, erfüllt ihren Zweck. Aber sie verändert sich auch. Ob die Art, wie wir heute schreiben, in hundert Jahren noch verstanden wird? Vielleicht wird man sich über die seltsamen Fälle wie Genitiv, Dativ und Akkusativ wundern, über die Artikel vor den Substantiven, die Endstellung des Verbs in Nebensätzen, veraltete Wörter und Wortfolgen. Sicher ist, dass die Sprache dieses Vorworts aus der Zeit gefallen sein wird. Man mag das beklagen, die schöne Sprache bedroht sehen, den Prozess wird es nicht aufhalten. Einen idealen Zustand der Sprache gibt es nicht. Laute, Wörter, Grammatik sind einem anhaltenden Wandel unterworfen, das lehrt die Sprachgeschichte, und der Wandel wird immer als Verfall empfunden, früher wie heute. Wer heute so schriebe wie Goethe, hätte in der Schule ein ernsthaftes Problem.
Ist die deutsche Sprache tatsächlich am Verarmen, wie Sprachpessimisten gern behaupten? Das Deutsche sei durch das letzte Jahrhundert an Wörtern reicher geworden, im zwanzigsten Jahrhundert um gut fünf Millionen, besagt ein «Bericht zur Lage der deutschen Sprache» der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. Das liege daran, dass neue Welten wie die der Digitalisierung entstanden. Zudem gehen Geburt und Tod von Wörtern unterschiedlich vonstatten. Die Geburt passiert schnell, etwas Neues kommt auf, und schon hüpft das passende Wort in den Wortschatz: Roboter, Boykott, Pumps, Sandwich, Computer, Gourmet, Menü, Hasardeur, Amok, Baby, Tacheles, Popcorn, Jus, Make-up, Hedgefonds, Newsletter, Homeoffice, Shitstorm, Image, Clou, Smoothie, Date, Lockdown, Follower, Container, Jackpot, Stress, Deadline, Outfit, Slogan, Influencer, chatten, managen, faxen, simsen, mailen, beamen, updaten, chillen, campen, toasten, online, cool, fair, mega, nonstop. Hingegen stirbt ein Wort langsam, es wird seltener, auffälliger, wirkt antiquiert, überrascht, steht uns aber trotzdem noch Jahrzehnte oder Jahrhunderte zur Verfügung: Fräulein, Hagestolz, Bube, Eidam, Trulle, behände, sintemal, fürbass, wohlan. Die Grammatik dagegen ist tatsächlich etwas ärmer. Insgesamt resultiert insofern ein Gewinn, als der Wortschatz wichtiger ist als die Grammatik. Denn wer den Genitiv von «das Brot» nicht kann, bekommt im Laden trotzdem eines. Wer aber das Wort «Brot» nicht kennt, geht hungrig heim.
Und was ist mit der weitherum beklagten Anglisierung? Apokalyptiker wittern eine Invasion des Bösen. Doch die Forschung gibt Entwarnung. In den letzten neunzig Jahren hat die Zahl der Anglizismen zwar stark zugenommen, von tausend auf über zehntausend, ihr Anteil am Gesamtwortschatz ist aber weiterhin klein. Und neben den Zugängen sollte man auch die Abgänge im Blick haben. Manche Ausdrücke sind Modeerscheinungen und erledigen sich von selbst. Ausserdem werden viele Wörter nicht eins zu eins übernommen, sondern passen sich den Formen des Deutschen an, sodass es ihnen nicht gelingt, Struktur und Grammatik zu verändern: durch den Wald joggen, gegoogelt, downgeloadet, anturnen, computerisiert und so weiter.
Übrigens: Im Englischen sind dreissig bis vierzig Prozent des Wortschatzes französischen Ursprungs, und niemand käme auf die Idee, die Sprache leide an Überfremdung. Das Englische ist deshalb so erfolgreich, weil es sich zu einer hochanalytischen Sprache entwickelt hat. Anstelle komplexer Grammatik und unregelmässiger Beugungen hat es eine (scheinbar) simple und regelmässige Struktur, die den Lernern entgegenkommt. Möglicherweise steht uns das noch bevor: «Das Kind esst gern Glace, es stehlt Schokolade und befehlt: Nehm das weg!» Könnte doch sein.
Weit kommt man nur mit dem Wind …
1 Marea Neagră
Das Kind träumt manchmal. Vom kleinen Bruder. Sie waren unten am Fluss, im Hintergrund zirpten die Grillen, es war Sommer. Das Kind liess die kleine Hand nur einen Augenblick los, um einen Frosch zu fangen, freute sich schon, den Froschkönig gefunden zu haben, wollte seine Freude mit dem Bruder teilen, doch der Bruder war nicht mehr da. Still und klein, ohne sich zu wehren, schaukelte er auf dem wilden Wasser dahin, immer weiter weg, immer kleiner, bis er nur noch ein winziger Fleck war, den eine Welle überrollte. Das Kind träumt vom blonden Schopf, der auf den Wellen hin und her hüpft und immer wieder untertaucht, und schreit so laut es kann: Komm zurück, komm zurück, aber es kann nichts tun. Der kleine Bruder ist schon im Schwarzen Meer verschwunden. Das Kind ist sich sicher, dass es den Sonnenschein der Mutter ausgelöscht und sie in die Finsternis gestossen hat. Irgendwo muss das Meer sein, denkt das Kind, so gross, dass es das ganze Dorf ein paarmal ersäufen könnte. Das Meer ist unendlich. Steht man am Strand und schaut geradeaus, so sieht man nur das Meer und den Himmel und sonst nichts. Die Grossmutter und der Grossvater haben das Meer oft gesehen, und auch der Vater und die Mutter sind einmal ans Meer gereist, nachdem der kleine Bruder geboren worden war. Das Kind haben sie nicht mitgenommen, die Mutter wollte nur den kleinen Prinzen dabeihaben. War der Prinz in ihrer Nähe, hatte die Mutter ein anderes Gesicht. Er hatte keine Sommersprossen und keine roten Haare. Er war das Kind, das sie schon immer haben wollte.
Das Schwarze Meer. Das unbekannteste Meer Europas. Lange Zeit wenig zugänglich für Westeuropäer. Verborgen blieben die wunderbaren Küsten mit den steilen Klippen, den sandigen Ufern, den Vogelschwärmen und Hafenstädten. Verborgen auch der Ort, an dem sich die biblische Sintflut ereignet haben könnte. Lange war es ein Binnen- und Süsswassersee, irgendwann brach der Bosporus durch, der See erhielt eine dauerhafte Verbindung zum Mittelmeer und wurde salzig. Wie es genau passierte, beschäftigt die Geologen bis heute. Sechs Staaten gruppieren sich um das Meer: Ukraine, Russland, Georgien, Türkei, Bulgarien, Rumänien, jeder mit eigenem Namen für das Gewässer: Tschorne more, Tschornoje morje, Schawi sghwa, Kara Deniz, Tscherno more, Marea Neagră. Schön, nicht?
Aber warum Schwarzes Meer? Das Wasser ist ja nicht schwarz, sondern blau, manchmal trüb. Eine historische Erklärung geht so: Als die Osmanen Anatolien eroberten, übernahmen sie den Namen von den kolonisierenden Venezianern und Genuesern und übersetzten ihn ins Türkische – aus dem «Mare Maggiore» («Grosses Meer») wurde «Kara Deniz». «Kara» bedeutete damals nicht nur «gross», sondern auch «finster, trüb». Mit der Zeit verschob sich die Bedeutung zu «finster». Eine andere Theorie: Die Osmanen bezeichneten früher die Himmelsrichtungen mit Farben: Rot für den Süden, Blau für den Osten, Schwarz für den Norden, Weiss für den Westen, danach bekamen die nächstgelegenen Meere ihre Namen: Rotes Meer im Süden, Schwarzes Meer im Norden, Weisses Meer im Westen (die Ägäis heisst heute noch «Weisses Meer» auf Bulgarisch, Serbisch und Makedonisch). Infrage kommt auch eine biologische Erklärung: Das Wasser des Schwarzen Meers ist stellenweise tatsächlich irgendwie schwarz, sichtbar vor allem im Sediment, wegen sulfatreduzierender (sulfidogener) Bakterien, die Schwefelwasserstoff aus Sulfat bilden, woraus zusammen mit Eisenionen Eisensulfide entstehen. Es könnten auch Algen sein, die den Meeresboden und das Wasser manchmal besonders dunkel aussehen lassen. Mit anderen Worten: Warum das Schwarze Meer «Schwarzes Meer» heisst, weiss man nicht so genau.
Doch wie kommt das Kind auf die Idee, der Bach dort oben im Bündnerland fliesse ins Schwarze Meer? Ist vielleicht einer, der in den Inn mündet, dann in die Donau, die am Ende tatsächlich im Schwarzen Meer landet.
2 Alto Adige
Ein Sehnsuchtsort, schon wegen des Namens. Welcher Wohlklang, verglichen mit «Südtirol». Oder «Hochetsch» oder «Oberetsch». Aber auch wegen der Landschaften, der Berge, die so hell und unvergleichlich in die Höhe ragen. Man möchte hin und beginnt zu planen, angetrieben von einem weiteren schönen Namen: Marmolata, Königin der Dolomiten. Neben etwas weniger anmutigen wie Bozen, Meran, Brixen, Leifers, Bruneck, Eppan, Pflitsch, Sulden, Schnals, Ulten, Passeier, Ridnaun.
Doch «Alto Adige» ist umstritten. Nicht ästhetisch, sondern politisch, dem Namen nach. Es sei faschistisch angehaucht und solle deshalb nicht mehr verwendet werden, sagen die einen. Es stehe so in der Verfassung, sagen die anderen. Aber es steht nicht im Europagesetz, das der Landtag des Südtirols verabschiedet hat, dort steht nur «Provincia di Bolzano», der erste Teil des offiziellen Namens «Provincia autonoma di Bolzano – Alto Adige», und in der deutschen Fassung steht nur «Südtirol». Rom ist empört, spricht von einem Affront, von einer Vernachlässigung des Italienischen, verlangt, dass die italienische und die deutsche Version des Gesetzes identisch sind. Die Süd-Tiroler Freiheit will nichts davon wissen, hält die italienweite Polemik für verabscheuungswürdigen Nationalismus und prägt den Slogan «Sag niemals Alto Adige». Es gehe darum, den rechtlich korrekten italienischen Landesnamen für Südtirol zu verwenden. Dieser laute nicht «Alto Adige», sondern «Provincia di Bolzano». «Alto Adige» existiere rechtlich nur für die Institution der Region «Trentino-Alto Adige», nicht aber für das Land Südtirol, das in italienischer Sprache offiziell nur «Provincia di Bolzano» heisse. Keinesfalls dürfe sich Südtirol von Rom zwingen lassen, ruft deshalb die Politik und die Bevölkerung dazu auf, den faschistischen Begriff «Alto Adige» nicht mehr zu benutzen und stattdessen in italienischer Sprache die korrekte Landesbezeichnung «Provincia di Bolzano» oder die Kurzform «Sudtirolo» zu verwenden. Dazu muss man wissen, dass die Sprachenfrage hier politisch brisant ist. Südtirol ging nach dem ersten Weltkrieg von Österreich an Italien. Bis heute ist es mehrheitlich deutschsprachig, hinzu kommen eine grössere italienische und eine kleinere ladinische Minderheit.
Was genau ist nun «Alto Adige»? Wikipedia hilft, ein bisschen: Südtirol (italienisch Alto Adige, Sudtirolo, ladinisch Südtirol), amtliche Eigenbezeichnung «Autonome Provinz Bozen – Südtirol» (italienisch «Provincia autonoma di Bolzano – Alto Adige», ladinisch «Provinzia Autonoma de Balsan – Südtirol» [Gadertalisch] oder «Provinzia Autonoma de Bulsan – Südtirol» [Grödnerisch]), Kurzform «Land Südtirol» (italienisch «Alto Adige» oder «Sudtirolo», ladinisch «Südtirol»), die nördlichste Provinz Italiens, bildet zusammen mit der Provinz Trient die autonome Region Trentino-Alto Adige/Südtirol (italienisch «Trentino-Alto Adige», ladinisch «Trentin-Südtirol»). Alles klar?
Und was ist aus dem Streit geworden? Offenbar hat man sich geeinigt, und es bleibt alles, wie es ist.
3 Kandahar
Ein Berg, den es nicht gibt, weils nur ein Pass ist, etwas verschupft in Österreich, dabei wunderschön. Der Arlberg. Mit Lech, der Wiege des alpinen Skifahrens, St. Anton, St. Christoph, Stuben, Zürs und so. Eine Region, die ich eigentlich kennen müsste, so nah davon, wie ich aufgewachsen bin, und dennoch war ich nie da, glaube ich, wozu auch, zum Skifahren hatten wir ja die Flumserberge. Arlberger Skipioniere entwickelten Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts den Stemmbogen als Vorläufer des Parallelschwungs, nachdem man früher die Schneehänge mit Querfahrt und Spitzkehre bewältigte. Die Arlbergtechnik revolutionierte das Skifahren, Skilehrer vom Arlberg lehrten den Stil von Japan bis Amerika, seither bildet er das Fundament des modernen Alpin-Skilaufs. Achtundachtzig Seilbahnen und Lifte, über dreihundert Skiabfahrtskilometer, zweihundert Kilometer Tiefschneeabfahrten, Langlaufloipen, Rodelbahnen und Winterwanderwege, exklusive Hotels und internationale Bars kombiniert mit dörflichem Charme, von Gästen aus aller Welt geschätzt. Allen gemeinsam: die Suche nach der perfekten Spur durch den Schnee. Und als
