Über dieses E-Book
Das Buch soll zeigen, welche menschlichen Abgründe unter dem Deckmantel einer fehlgeleiteten Politik möglich waren.
Die beschriebenen, unfassbaren Verbrechen sollen vor möglicher Idealisierung der Nazis warnen und verhindern, dass junge Menschen den heutigen Neo-Nazis vertrauen, ihnen sogar auf den Leim gehen.
Als Autor bin ich der Meinung, dass die Darstellung von lokalen Verbrechen im begrenzten, daher weitgehend unbekannten Umfang, deutlicher dargestellt werden muss, zum Nachdenken anregt soll. Besser als globale, nicht personenbezogene Schuldzuweisungen.
Bürger, die die Verlegung des "Geisterschiffes" in Bremerhaven aus Gründen der nächtlichen Ruhestörung durch Geschrei der Gefolterten, verlangten, weisen bereits 1938 den Verlust von Ethik und Menschlichkeit auf. Väter, die ihre taubstummen Töchter an Männer vermieten, haben jegliches menschliche Gefühl und Verantwortung verloren. Was muss im Kopf eines leicht geistig behinderten Jungen in der Pubertät vorgehen, der den Kampf seines Vaters gegen das Schlechte fortsetzen will. Die Beurteilung von Menschen nach Herkunft, Rasse und Glauben hat sich damals so stark eingeprägt, dass selbst heute noch Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und Diskriminierung von anders Aussehenden an der Tagesordnung sind. Das kann und darf nicht sein. Verbrechen, ja Morde sind keine Lösung. Und dennoch geschehen sie.
H. Peter Duhm
H. Peter Duhm schreibt über sein aufregendes Leben und über Verbrechen aus der Nachkriegszeit. In seiner neuen Heimat, Elten, Ortsteil von Emmerich am Rhein schreibt und recherchiert er. Neue, interessante Themen lassen sich überall finden. Man muss sehen und hören können. Auch am Niederrhein, der ihn seit Jahren begeistert. Sport und Arbeit haben ihn lebenslang motiviert, sich nicht unterkriegen zu lassen. 1942 in Hamburg geboren, überlebte er die Vernichtungsangriffe der britischen und amerikanischen Bombenangriffe. Das Trauma dieser Bombennächte blieb. Vielleicht ist er deshalb jahrzehntelang in der Modebranche tätig gewesen, weil er dort seine Kreativität und Reiselust, seinen Drang nach Neuem, insbesondere während der zahlreichen und ausgedehnten Auslandsreisen, die häufig zu asiatischen Bekleidungsherstellern führten, ausleben konnte. Der Hamburger Modemacher und Professor für Fashion-Management gab nie auf Neues zu entdecken. Sein Schreibstil ist kurz und direkt, sein Auftreten überzeugend. In seinen weiteren Büchern vereint er sorgfältige Recherche und Tatsachen mit einem prägnanten Schreibstil. Das zeichnet alle seine Bücher aus. Er selbst bezeichnet diesen neuesten Roman als ein Feature, als eine Reportage.
Andere Titel in Hass Reihe ( 2 )
Rache: Die Vergangenheit spricht mit der Gegenwart Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenHass: Auf der Reeperbahn nachts um... Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Mehr von H. Peter Duhm lesen
Anmaßung: Eiskalter Kriminalroman vom Eltener Berg Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Ähnlich wie Hass
Titel in dieser Serie (2)
Rache: Die Vergangenheit spricht mit der Gegenwart Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenHass: Auf der Reeperbahn nachts um... Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Ähnliche E-Books
Das Tor: Mystery-Thriller Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenUnter dem Tisch Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Aufstieg und unaufhaltsame Abstieg des Gerard B. Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAls Deutschlands Jungen ihre Jugend verloren Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenVerrat am Rhein: Kurt Zink und das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenMischa - vertrieben: Ein Junge auf der Flucht erzählt seine bewegende Geschickte! Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenMai 1940, unsere Flucht aus Breda: Die Erlebnisse eines sechsjährigen Mädchens Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenHeidelbeerkind: Historischer Liebesroman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGMO Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWir waren Kinder und es war Krieg: Erzählungen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEr war doch nur ein Frosch Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAuf der Straße ins Ungewisse: Das Lager Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWolkenjahre: Vierter Teil der Jahrhundert-Saga Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenShitomir Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAjor, die Halbjüdin: Erinnerungen. Herausgegeben von Dieter Baumhoff Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGeipel der Grenzgänger: Romanbiografie Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Blockwart wohnte nebenan: Eine Jugend in der Nazizeit Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDu verreckst schon nicht!: Wie mich meine Mutter in die Kriminalität und Prostitution trieb Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenHeidelbeerfrau: Historischer Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie nicht erschossene Frau: Nach einer wahren Begebenheit Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenGlaube und Gehorsam: Der Großvater erzählt von seiner Hitlerjungenzeit Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas Lager: Ein Fall für die Detektei Peters Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Consul: Roman Bewertung: 3 von 5 Sternen3/5Ein kleines Menschlein, ein stummes Vögelchen, ein Käfig und die Welt: Erzählungen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFranz: Schwul unterm Hakenkreuz Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSpurensuche: Biogafischer Roman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Regional-Krimi 04: Entschärft Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas Vermächtnis von Holnis Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas ungeteilte Vertrauen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen24 Stunden: Tauschgeschäfte Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Mystery für Sie
Der Amokläufer Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Tote in der Hochzeitstorte Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLass sie gehen (Ein Fiona Red FBI-Thriller – Band 1) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Perfekte Lüge (Ein spannender Psychothriller mit Jessie Hunt – Band Fünf) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKAI Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenErotische Krimis: 27 Erotikthrillern Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Die perfekte Frau (Ein spannender Psychothriller mit Jessie Hunt – Band Eins) Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Das Perfekte Image (Ein spannender Psychothriller mit Jessie Hunt—Band Sechzehn) Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Die letzte Nacht: Thriller | Der neue Thriller 2023 der SPIEGEL-Bestsellerautorin um den Ermittler Will Trent Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenHamlet Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWenn Sie Wüsste (Ein Kate Wise Mystery – Buch 1) Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Maigrets Pfeife Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Perfekte Schleier (Ein spannender Psychothriller mit Jessie Hunt—Band Siebzehn) Bewertung: 2 von 5 Sternen2/5Die Perfekte Geliebte (Ein spannender Psychothriller mit Jessie Hunt—Band Fünfzehn) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenEntsetzen: Thriller | Ein weiterer spannungsgeladener Roman der SPIEGEL-Bestsellerautorin – Will Trent im Einsatz Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Perfekte Affäre (Ein spannender Psychothriller mit Jessie Hunt – Band Sieben) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Perfekte Verkleidung (Ein spannender Psychothriller mit Jessie Hunt – Band Zehn) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenVerstummt: Thriller | Ein weiterer spannungsgeladener Roman der SPIEGEL-Bestsellerautorin – Will Trent im Einsatz Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Perfekte Eindruck (Ein spannender Psychothriller mit Jessie Hunt—Band Dreizehn) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDSA 104: Khunchomer Pfeffer: Das Schwarze Auge Roman Nr. 104 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenMüllers Morde Bewertung: 2 von 5 Sternen2/5Das Perfekte Haus (Ein spannender Psychothriller mit Jessie Hunt – Band Drei) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWeihnachten bei den Maigrets Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Perfekte Fehltritt (Ein spannender Psychothriller mit Jessie Hunt—Band Achtzehn) Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBelladonna Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Perfekte Look (Ein spannender Psychothriller mit Jessie Hunt – Band Sechs) Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5
Rezensionen für Hass
0 Bewertungen0 Rezensionen
Buchvorschau
Hass - H. Peter Duhm
Kapitel 1
Kriegsende in Hamburg, Mai 1945
Endlich war auch in Hamburg der fürchterliche Krieg seit drei Tagen vorbei. Wie viele Hamburger saß auch die Familie Sesilski, Vater Karl, Frau und Mutter Emma-Luise, deren unehelicher Sohn Rolf und die gemeinsame Tochter Eva, an diesem Nachmittag sehr angespannt vor dem kleinen schwarzen Kasten, ihrem Volksempfänger-Radio. Sie versuchten, die Anweisungen der britischen Besatzungstruppen über die Neuordnung des Lebens in Hamburg genau zu verstehen. Besonders Emma-Luise interessierte sich sehr für die Verlesung der Namen von Nazi-Verbrechern, die dringend gesucht wurden. Insgemein hoffte Sie, dass ihr Mann dabei sein würde. In diesen unsicheren Zeiten fürchtete sie wieder und wieder von ihm zusammenschlagen zu werden. Ihre Angst saß zu tief. Ihr Mann verhielt sich zu nervös. Die gesamte Bevölkerung wurde aufgerufen, die Aufenthaltsorte jeglicher Nazis, von Parteimitgliedern und Mitgliedern der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), den britischen Besatzungstruppen umgehend zu melden. Unter dem Krieg, besonders unter den Bombenangriffen auf Hamburg, waren sie alle vollkommen verstört und lauschten angespannt am Nachmittag des 6. Mai 1945 in den Apparat hinein. Blitzschnell griff Vater Karl zum Radio, schaltete das Gerät unvermittelt aus. „Den Quatsch müssen wir uns nicht anhören. Wir alle haben unsere Befehle gehabt. Was wollen die Tommys denn. Seine eiskalten Augen richteten sich auf seine Frau: „Du weißt, ich habe meine Befehle ausgeführt
. Er trat einen Schritt auf sie zu: „Oder bist du etwa anderer Meinung?" Wütend drehte sich Vater Karl um, ging zum Fenster, kratzte sich am Kopf.
Niemand aus der kleinen Familie wagte etwas, zu sagen. Wie eine viel zu schwere, grau verfilzte Wolldecke hatte sich die Angst vor den Bomben, vor den Gewalttaten des Vaters um sie gewickelt.
„Mama, was heißt das ‚Kriegsende‘? Die dreijährige Eva sah ihre Mutter fragend an. So wie immer beachtete sie ihren Vater nicht.
„Keine Bomben mehr, meine Kleine. Jetzt kannst du ruhiger schlafen!", meinte die Mutter. Sie ließ sich dabei ihre Sorgen nicht anmerken.
„Was wohl jetzt wird? Ich werde einfach wie immer zum Dienst gehen. Oder was meinst du? Unterbrach sie Karl Sesilski. Sah sie herausfordernd an. „Klar, warum denn nicht? Du wirst schon sehen, wie es in deinem Gefängnis am Holsten Wall weitergeht. Du bist schließlich Beamter!
Sie drehte sich um, ging über den kleinen Flur zur Haustür.
Bloß weg von diesem Mann, ich brauche unbedingt frische Luft, dachte sie. Ihre Gedanken an die vergangenen Monate jagten ihr einen eiskalten Schauer über den Rücken. Hoffentlich ändert sich doch etwas, schwirrte es durch Ihren Kopf. Etwas Freudiges setzte sich undeutlich, nebelhaft in ihr fest. „Vielleicht sind wir jetzt endlich frei. Ich kann nicht mehr, der Krieg und Karl, ich drehe bald durch," murmelte sie. Auf dem Gartenweg, zwischen den hohen Hecken. Sie atmete erst einmal tief durch.
Ihr Mann hatte sich in den letzten Monaten zum brutalsten Menschen entwickelt, von dem sie je gelesen oder gehört hatte. Sie wusste nicht, was mit ihm geschehen war. Ohne jedes Gefühl, ohne jeden Grund schlug er sie windelweich. Immer wieder auf die Beine, auf die Brust. Immer so, dass niemand etwas sah. Im Bett vergewaltigte er sie schlimmer als je zuvor. Zusätzlich drückte er ihr ein Kissen auf Mund und Kopf. Kurz vor dem Ersticken stieß er in sie hinein, dabei schliefen die Kinder fest, denn sie sollten von dieser Gräueltat nichts mitbekommen.
„Kinder kommt raus. Draußen ist was los. Vielleicht treffen wir Onkel Albert, Opas Bruder", rief Emma-Luise ins Haus.
In Hamburg, am Eidelstedter Weg, unter den dicken Eichen vor dem alten Forsthaus, standen viele Nachbarn aus den Nachbarhäusern zusammen. Sie diskutierten verstohlen, sehr leise über das Kriegsende. Endlich, die Frauen sahen sich mit grauen Gesichtern, tiefen schwarzen Ringen unter den Augen, an. Sie nickten sich zur Begrüßung nur kurz zu. Die gespenstische Ruhe über diesem Teil der Stadt lag wie ein Leichentuch auch über den Menschen. Endlich schüttelte sich Frau Hansen, aus Haus Nummer 47. Sie ging direkt auf Emma-Luise zu: „Was meinst du, kommen unsere Männer von der Front zurück? Wie das wohl alles weitergeht. Du hast ja Glück, deiner war nicht an der Front. Immer am Holsten Wall. War bestimmt nicht leicht. „Nee, war es wirklich nicht,
sie sah auf den Boden. Schweigen: „Nee, ich weiß auch nicht, wie‘s weitergeht. Seine Partei ist jetzt weg. Wo ist denn Nickel der Fettwanst. Als Ortsamtsleiter wusste der doch immer, wo es lang ging! „Der ist verschwunden. Der lässt sich bestimmt nicht blicken. Das fette Schwein. Und seine Alte, so aufgetakelt, wie die immer war.
Frau Hansen konnte vor Schreck den Satz nicht beenden, denn unten vom Weiher, dem kleinen Park am Anfang der Straße, aus Richtung der Nivea-Fabrik Beiersdorf, brummten schwere Lastwagen den Eidelstedter Weg hinauf. Neugierig, vorsichtig, aber auch sehr verängstigt zogen sich die Bewohner dieser Straße unter die dickste Eiche am Straßenrand zurück. Als ein offener Jeep vor ihnen anhielt, verschlug es einigen von ihnen die Sprache. Zwei riesige Farbige in englischen Uniformen, mit schweren Waffen im Arm, stiegen langsam aus. Kamen auf sie zu. Die weißen Zähne blitzten in ihren dunklen Gesichtern. Sie lachten, winkten mit der freien Hand. Einer sprach etwas Deutsch: „Kein Angst, nix tun. Kommen aus England. Alles besser jetzt! Aus der Jackentasche zog er mehrere braune, flache Tafeln hervor. Cadbury’s Schokolade. „Komm her Junge,
sprach er Uwe an. „Nimm, hier Schokolade. Uwe traute sich nicht gleich. Da rannte Rolf los, nahm dem Soldaten eine Tafel aus der Hand, rannte wieder zurück an die dicke Eiche, um sich dahinter halb zu verstecken. Er hielt die Tafel hoch und schrie: „Schokolade!
Plötzlich lachten die meisten der versammelten Bewohner. Schokolade hatten sie lange nicht mehr gesehen. Auf dem Kopfsteinpflaster polterten und dröhnten schwere Panzer und Lastwagen an ihnen vorbei. Immer in Richtung Hagenbecks Tierpark und Volksparkstadion. Mit offenen Mündern sahen die Bewohner sich an.
„Das ist also das Ende deines Tausendjährigen Reiches, fauchte Emma-Luise ihrem Mann Karl ins Ohr. Der hatte sich neben sie geschlichen. Unauffällig, unbemerkt von anderen Bewohnern: „Sieh dir die Trümmer an, alles kaputt. Und du Idiot hast daran geglaubt. Was jetzt? Willst du für die Tommys arbeiten? Immer hab‘ ich dir gesagt, lass mal Fünfe gerade sein, aber nein, du musstest den Tausendprozentigen machen. Immer drauf hauen auf die Schwachen.
Sie spukte vor ihrem Mann aus. Humpelnd, sich vor Schmerzen immer wieder bückend, an ihr Schienbein fassend, ging sie langsam auf den farbigen Offizier zu. Mit einer Hand hielt sie ihre lange Turnhose fest. Der Gummibund war gerissen.
Ihr Mann hatte sie, in einem winzigen unbeobachteten Moment, ganz nah an sich heran gerissen. Seine wässerigen, eisig strahlenden hellen Augen starrten sie wütend an. Blitzschnell trat er mit voller Wucht gegen ihr linkes Schienbein. Sie knickte zusammen, biss sich auf die Lippen. Schmeckte Blut. Als seine Hand auf sie zuflog, beugte sie sich noch weiter nach unten. Der Schlag ihres Mannes ging daneben. Zum ersten Mal in ihrer Ehe. Nur vor ihrem Mann hatte sie Angst. Nie hatte sie gewagt, sich zu wehren, doch das sollte sich jetzt ändern. Immer wieder hatte er ihr gedroht, ihren Sohn Rolf den Behörden zu melden. Er würde ihn als Schwachsinnigen anzeigen. Sie wüsste ja, was dann passieren würde. Dabei fuhr er sich manchmal mit der flachen Hand über den Kehlkopf. „Rübe ab, meinte er höhnisch lachend. Diese Gedanken gingen ihr durch den Kopf, als sie in diesem Moment die Hand ausstreckte und den britischen Offizier mit schmerzverzerrtem Gesicht anlächelte. Ohne zu fragen, ohne auch nur etwas zu denken, nahm sie dem, vor ihr nahe den Jeeps stehenden, riesigen Soldaten, der seine Waffe auf sie richtete, einen zerknüllten, dreckigen Zettel aus der linken Hand. Sie hatte genau beobachtet, als er dieses Papier aus seiner Brusttasche zog. Als wenn sie es geahnt hätte, es standen tatsächlich Namen darauf. Mit weit ausgestrecktem Arm zeigte sie auf Karl Sesilski, ihren Ehemann. Der stand ganz oben auf der Liste. Blitzschnell machte der Soldat einen riesigen Satz auf Karl zu. Der alles beobachtet hatte. Er versuchte wegzurennen. Da versperrten ihm seine Nachbarn den Weg. Mit hängendem Kopf, nach unten gebeugtem Nacken, die Hände auf dem Rücken fest im Griff des Soldaten, stand Karl für ein paar Sekunden hilflos da. Der Soldat schubste ihn vorwärts in den Jeep. Emma-Luise erfror fast von dem Blick, den ihr Mann ihr zuwarf. Sie spukte aus. Die Nachbarn klatschten. Die Kolonne der englischen Soldaten fuhr langsam wieder an. Hielt plötzlich auf den Bürgersteig fahrend nochmals an. Der Offizier zeigte auf Max Kruse aus Hausnummer 47. Zeigte ihm die Liste, zeigte sie nochmals Emma-Luise, beide schüttelten den Kopf. Die anderen gesuchten Männer waren abgehauen. „Die Nazis sind nicht mehr hier, sind weggelaufen, nächste Straße, Hellkamp Nummer 15, Ortsamtsleiter, Nazipartei
, erwiderte Kruse und nutze dazu sein bisschen Englisch. Der Offizier grinste. „Danke, dein Name, komm mit uns." Als Max Kruse nicht sofort antwortete, hob der Engländer die Waffe. Scharf fragte er erneut:
„Name. Kruse erklärte ihm, wer er sei. Der Soldat zog den Mann in den Jeep. Der jammernden Frau Kruse gab er Schokolade, versuchte sie, zu beruhigen: „Er ist jetzt unser Übersetzer. Er kommt bald zurück.
Die ersten schweren Lkws bogen bereits in den Hellkamp ein, als sich der Jeep mit den beiden Soldaten, dem Offizier, Kruse und Karl Sesilski, noch vor weiteren Panzern, in die Kolonne einreihte. Plötzlich löste sich die Anspannung der wartenden Anwohner. Alle rannten auf Emma-Luise zu. Herr Jungk aus Haus Nummer 45 stütze sie. Ihr Schienbein tat höllisch weh. „Wer stand auf der Liste? Was hast du gelesen? Mach zu, welche Namen? Emma-Luise sah hoch, sah in die vielen fragenden Gesichter, antwortete unsicher: „Viel konnte ich nicht lesen. Karl stand ganz oben, Fritz Wellmann und Heini Krasunke, der Scheißbonze, auch noch. Sonst weiß ich nichts. Ging alles viel zu schnell.
„Diese verfluchten Nazis, brummte Richard Wisch, der alte SPD-Mann. Er hatte wegen seiner politischen Überzeugung so viel gelitten, war aber um längere Aufenthalte im Gefängnis herumgekommen. Wieder und wieder holten sie ihn nachts ab, aber er kam zum Glück immer nach Hause zurück. Manchmal hatte er blutrote Striemen im Gesicht und auf den Händen. Dann blieb er für einige Tage in der Wohnung. Seine Frau sagte bei Beiersdorf Bescheid. Dort leitete er den technischen Wiederaufbau. Nach jedem Bombenangriff fingen er und seine Kollegen von vorne an. Sein Wissen um die Maschinen in diesem kriegswichtigen Betrieb rettete ihm wahrscheinlich das Leben. Langsam zerstreute sich die nachbarliche Ansammlung. Emma-Luise nahm ihre Kinder Rolf und Eva in die Arme. Sie humpelte in ihre Gartenlaube, neben dem Forsthaus am Eidelstedter Weg in Hamburg-Eimsbüttel, zurück. Die Kinder versuchten, sie zu stützen. Schweigend saßen sie noch lange im kleinen Wohnzimmer. Es war bereits spät abends, als die kleine Eva zum ersten Mal zu ihrem Bruder Rolf ins Bett krabbelte. Am nächsten Morgen kam seine Mutter nicht wie sonst in sein Zimmer gestürmt, um ihn zu schütteln. Er sollte aufwachen, bevor sein Vater ihn durch Schläge und Gebrülle wecken würde. Die letzten Jahre konnte er nicht vergessen. Das Zusammenleben mit seinem Vater war, je älter er geworden war, schwieriger, fast unmöglich geworden. Es gab nur noch Schläge für seine Mutter und ihn. Kam der Vater nach Hause, konnte der nicht anders. Zuerst war Rolf dran, egal was immer er machte, falsch oder richtig, sein Vater schlug zu. Rolf hatte sehr früh angefangen, seinen Vater zu hassen. Von dessen Arbeit wusste er fast nichts, nur, dass er im Gefängnis arbeitete. Nie hatte der etwas erzählt, nie konnte der lachen, nie kamen Freunde, Bekannte oder Nachbarn zu Besuch. Rolf, seine Mutter und seine kleine Schwester führten ein Leben ohne Vater. Dessen Familienleben bestand aus Terror gegen seine Frau und seinen Sohn. Eva, die kleine Tochter blieb verschont, sie wurde langsam zum Mittelpunkt des Familientrostes. Der Kontakt zu den Großeltern in Hamburg-Bergedorf war im Laufe der Jahre vollkommen abgerissen. Ihre Mutter nahm die Kinder zum Kuscheln in den Arm, wenn der Vater aus dem Haus war. Rolf, ihr großer, starker Bruder beschützte seine Schwester, wenn die Bomben fielen, wenn das Gartenhaus, ihr Zuhause, wackelte und zitterte. Nur er wusste, wie er seine Schwester beruhigen konnte. Wie oft hatte das kleine Mädchen mitbekommen, wie ihr Bruder bestraft wurde, wie oft die Mutter ihn vor dem Vater warnte. Ihr Bruder tat ihr oft leid, denn er konnte sich nicht wehren. Aber erinnern konnten sie sich alle gut, an die tägliche Angst, vom Morgen bis zum Abend, Terror vom Krieg mit den Bombennächten, mit den Trümmern ringsumher, mit den Zwangsarbeitern, die die Trümmer wegräumen mussten. Jeder ging an denen vorbei, blickte woanders hin, wollte damit nichts zu tun haben. Angst und Gewalt bestimmte tagaus und tagein das Leben draußen auf der Straße, in der Familie, im Bunker, einfach überall. Rolf hatte gelernt, dass nur Kraft, Mut und Brutalität sein Überleben sichern konnten. Nie wollte er die Schläge seines Vaters vergessen; er musste ihm eines Tages zeigen, wer der Herr im Hause war. Er musste stärker werden als der Verrückte, wie er seinen Vater heimlich nannte, als er mit dreizehn Jahren begriff, dass der Mann gefährlich für ihn wurde. Das war ihm bewusst geworden, als ihn sein Vater eines Tages zu einem Spaziergang durch die Kleingartenanlage ESV hinter dem Sportplatz mitnahm. Rolf hatte sich über dieses Zeichen der Ruhe gefreut, bloß raus aus dem Haus, wenn Vater da war. Zuerst schwiegen Vater und Sohn sich an. Dann, als sie vor dem Eisentor des Sportplatzes nach links abbogen, begann sein Vater von seiner Arbeit zu erzählen. „Weißt du, wie schwer es ist, unser Land zu schützen? Ich muss jeden Tag aufpassen, dass unsere Stadt nicht von Feinden zerstört wird. Verstehst du, was ich sage?
„Nicht so richtig Papa, antwortete Rolf ausweichend, machte einen großen Schritt nach rechts. Er tat so, als ob er über die dicke Hecke in den Kleingarten reingucken wollte. Er verschaffte sich dadurch einen Abstand zu seinem Vater. „Ach Junge, wir müssen die Feinde bestrafen, einsperren, manchmal sogar sterben lassen, weil sie sehr gefährlich sind.
„Und, was hast du damit zu tun?, fragte Rolf, neugierig geworden. „Ich muss auf alle aufpassen.
„Tun dir manche nicht leid, so im Gefängnis? „Hör mal,
fing sein Vater erneut an zu erzählen, dabei wurde seine Stimme gefährlich leise. Rolf blieb etwas zurück und lauschte angestrengt, immer auf der Hut, möglichen Schlägen ausweichen zu können. „Wenn bei uns Zuhause die verfluchten Kakerlaken unter der Tür durchkriechen, wenn im Herbst die dicken Spinnen die Wände hochkrabbeln und Fliegen, die eben noch auf der Hundescheiße vor dem Haus gesessen haben, mit ihren dreckigen Füßen auf deinem Marmeladenbrot tanzen, hast du dann Mitleid? Mit einem ernsten Blick, der keinen Widerspruch duldete, sah er zu seinem Sohn hinunter: „Hast du das verstanden?
Fragte er nochmals nach.
„Ja, habe ich. Du passt auf, damit das Ungeziefer keinen Dreck macht. Aber das sind Menschen, Papa, vielleicht Hamburger, Deutsche, oder? Unbeholfen blickte der Junge auf den Boden. Er wollte viel mehr sagen und fragen, traute sich aber nicht, weil es ihm schwerfiel, die richtigen Worte zu finden. Drohend machte Karl Sesilski einen großen Schritt auf seinen Sohn zu. „Merk dir Eines Junge, Dreck muss weg, Menschen können Dreck sein. Alles, was anderen Menschen schadet, ist Dreck. Ist das klar?
Schweigend gingen sie weiter. In Rolfs Kopf arbeiteten die Gedanken. Wie Mühlsteine, die alles in kleinste Teile zermahlen mussten, damit er richtig verstand, was sein Vater gesagt hatte. Waren er und seine Mutter auch Ungeziefer, das totgemacht werden sollte? Und seine kleine Schwester, war die was anderes? Warum prügelte der Vater nur ihn und seine Mutter. Täglich übte er in den Trümmern Liegestütze und auf dem Sportplatz lief er stundenlang seine Runden, obwohl die Aschenbahn löchrig und mit fleckigem Gras bewachsen war. Stark wollte er werden, er musste einfach erst seine Schwester und dann seine Mutter retten. Immer wieder kamen seine Erinnerungen an die Schläge seines Vaters hoch, spornten ihn an, stachelten ihn auf, nichts zu vergessen, weil er sich rächen wollte. Er wollte seinen Vater bestrafen, wollte dessen Grausamkeiten an der Familie wieder gutmachen. Besonders abends im Bett, wenn er nicht mit seiner Schwester kuscheln konnte, spiegelten sich seine Erinnerungen in der schmutzig grauen Glasscheibe. Fratzen, Monster, Ungeheuer pressten sich durch das Glas des Fensters und tanzten im flackernden Licht der vor dem Haus stehenden Gaslaterne. Wenn diese denn brannte, was selten genug war. Auch seine Mutter tauchte in seinen Erinnerungen immer wieder auf. Wie sie sich seit den Zeiten in Bergedorf bei den Großeltern mehr und mehr verändert hatte. Das alles schob er auf seinen Vater. Der hatte seine Mutter kaputtgemacht, hatte sie zur harten, unterwürfigen, gefühllosen Schaufensterpuppe geschlagen, hatte sie zu seiner Sklavin gemacht. Irgendwann würde sein Vater sie totschlagen, doch das musste er verhindern. Diese Erinnerungen verfolgten ihn, sein Hass, seine Wut gegen diesen gewalttätigen Mann, der nicht sein richtiger Vater war, fraß sich mehr und mehr in seinem Kopf fest. Warum hatte sie sich nie gewehrt? Warum mich nie beschützt? Mich nie richtig getröstet? Immer wieder murmelte er diese Gedanken vor sich hin. Er verstand seine Mutter nicht, nicht wirklich. Noch nicht. Je älter er wurde, je besser begriff er jedoch das Verhalten seiner Mutter. Sie hatte Angst um ihn, ihren Sohn gehabt. Seinen Stiefvater hatte er aus seinem Leben gestrichen, den wollte und konnte er niemals verstehen. Den wollte er nur bestrafen, so wie er selbst jahrelang für nichts bestraft wurde.
Jetzt, da etwas Ruhe in die Familie eingekehrt war, wanderten die Gedanken quälend, Furchen in seinem Geist hinterlassend, durch seinen Kopf. Gerade seine Mutter, manchmal weinte er leise vor sich hin, wenn die schwarzen Gedanken ihn in seinem Bett erdrückten. Wo sollte er hin mit seiner Wut, seinem Hass. Schon mit vierzehn Jahren entdeckte er an sich selbst ein Ventil, das Druck aus ihm herausnahm, dass ihn beruhigte und befriedigte. Zum ersten Mal in ihrem Leben schliefen sie am nächsten Morgen alle länger. Eva lag wieder in ihrem Bett. Ihr Bruder hatte sie im Halbschlaf zurückgebracht. Vati war weg. Irgendwie war die Luft jetzt sauberer in ihrem kleinen Gartenhaus. Man konnte endlich durchatmen. Rolf ging noch nicht zur Schule. Alles war zerstört, ungeordnet. Seine Mutter stützend, zogen sie zum Verschiebebahnhof Eidelstedt. Sie wollten ein paar Kohlen sammeln. Vom letzten Tritt des Vaters schmerzte Mutters Bein höllisch. Vati konnte nun nichts mehr für sie tun. Nicht schlagen, nicht schreien, aber auch nichts mehr mitbringen. Von seiner Arbeit hatte er immer genug Essen und Kohle mitgebracht. Gefroren und gehungert hatten sie nie. Auch gefragt hatten sie nie, woher er all die Sachen hatte. Rolf wunderte sich nur, dass die Nachbarn seinem Vater immer aus dem Weg gingen, aufhörten sich zu unterhalten, wenn er ihnen entgegenkam, ihn nie direkt ansahen. Selbst im Bunker, wenn alle jammerten und klagten, Angst hatten, manche Frauen weinten, herrschte Totenstille, wenn sein Vater mit ihnen dorthin geflüchtet war. Meistens blieb der aber in solchen Momenten zu Hause, oder er war auf seiner Arbeit im Gefängnis am Hamburger Holstenwall. Zärtlich strich Emma-Luise ihrem Sohn über das Haar. Erstaunt blickte Rolf zu ihr hoch. „Jetzt wird alles besser, brummelte sie. Die Kinder verstanden nichts. Ihre Angst saß zu tief. Nur eine Sache hatte Rolf für sein Leben von seinem Vater gelernt. Auch Menschen können Dreck sein, der weggeräumt werden musste. Vielleicht war er selbst auch Dreck, denn lernen konnte er nur schwer. Sein Vater hatte sich in der Schule für ihn eingesetzt, war in seiner schwarzen SS-Uniform zum Direktor gegangen. Zuhause prahlte er damals am Esstisch, sah seine Frau dabei mit eisigen Augen grinsend an: „Dem Jungen passiert nichts, die Gestapo wirkt immer. Dass du das man weißt, benimm dich also mir gegenüber, so wie ich es will, dann ist alles gut.
Dabei reckte sich Karl genüsslich, streckte die Arme zur niedrigen Decke. Zu Rolf gewandt meinte er nur: „Lass den Streit mit den anderen Kindern und Lehrern in der Schule. Ich will das nicht, klar?"
„Klar antwortete Rolf und starrte auf die geblümte Tischdecke.
Er wusste ja bereits, dass menschlicher Dreck weg musst und sein Ventil funktionierte jede Nacht. „Lass das nachts sein Junge. Das ist nicht gut. Du machst du kaputt damit. „Lass mich in Ruhe. Ich bin jetzt der Mann im Hause.
Kapitel 2
Das Mädchen Ella Kruse
Hamburg–Eimsbüttel,
August 1946 - Ende 1947
Es regnete in Strömen. „Ungewöhnlich dachte Elfriede Kruse. „Jetzt mitten im Jahr. Wir haben doch erst Anfang August.
Bestürzt sah sie aus dem Küchenfenster auf die Straße. Blutrot verwässerte der Regen Wasserfälle vom gegenüberliegenden Trümmerberg. Die vielen roten Mauersteine aus den Ruinen gaben ihre Farbe ab. „Sie bluten aus, sagten die Nachbarn. „Ja, genau wie wir alle ausbluten. Sogar die Steine lösen sich auf, so wie alles sich langsam auflöst,
ergänzte sie das Gerede der Nachbarn. Sie strich sich mit ihrer mageren Hand eine graue Haarsträhne aus dem Gesicht. „Was soll bloß werden. Sie konnte ihrer Tochter nicht einmal Brote zur Schule mitgeben, nichts zu trinken. „Heute gehe ich runter zum Einkaufen, mal sehen, was wir bekommen. Irgendwas haben die bestimmt. Wenigstens Brot und Schmalz, vielleicht hat Remmel Wurst.
„Ella hörst Du? Rief sie und lachte zynisch auf: „Wenn ich bloß etwas bekommen würde.
Immer wieder dachte sie daran. Die Verzweiflung stand ihr ins Gesicht geschrieben, denn heute hatte sie gar nichts Essbares mehr im Haus. Ein Jahr und gut zwei Monate nach Kriegsende, Anfang August 1946, hungerten sie alle, immer noch. Sie lief wieder in die Küche. Ella, ihre Tochter musste zur Schule. Das Mädchen sah sie mit großen Augen an. Ein Glas Fliederbeerensaft hatte sie schon getrunken. Ella Kruse besuchte die Helene-Lange-Mädchen-Oberschule in der Nähe zum Grindel. „Habt ihr heute Schwedenessen? Verschämt blickte ihre Mutter aus dem Küchenfenster, werkelte dabei am großen Herd herum. Wenigstens in der Küche hatte sich die Familie Kruse gemütlich eingerichtet. Der große Herd auf der einen Seite und direkt gegenüber der Tür zum Flur stand das rote Sofa, davor der Tisch mit dem Wachstuch, rechts der alte Küchenschrank, der schon so oft gestrichen worden war. Die Türen schlossen nicht richtig, zu viel Farbe dazwischen. In diesem Sommer leuchtete er in lindgrüner Ölfarbe. In der linken Eisblumenscheibe der oberen Tür fehlte ein Dreieck, aber Glas war nicht zu bekommen. Das Loch bleibt also so, weil es den ganzen Krieg so überstanden hatte. Ihr Familienleben spielte sich in eben dieser Küche ab. Genau. Seit Anfang August waren die meisten Schulen, die nicht zerbombt waren, wieder eröffnet worden. In Ellas Klasse waren sie bis jetzt nur vierzig Schüler, hatte sie der Mutter stolz berichtet. „Weißt du, bei Cousin Holger haben sie sechzig in der Klasse,
erzählte ihr Uschi Gora, ihre beste Freundin. „Bei mir sind wir jetzt vierzig Kinder, weil noch Flüchtlinge dazu gekommen sind. Ist jetzt echt voll. Uschi berichtete oft aus der Volksschule an der Lutterothstraße. Beide Mädchen gingen früher gemeinsam auf dieser Schule. Sie waren stolz wieder lernen zu dürfen. Elfriede Kruses Mann, Max Kruse, hatte sich gestern in der Nacht mit Nachbarn wieder auf den Weg gemacht. In Eidelstedt klauten sie sich Kohlen für den kommenden Winter zusammen. Herr Hansen sprang auf den langsam fahrenden Zug, kletterte auf den Kohlenberg hinauf, warf Kohlenbrocken herunter. Die anderen Männer und Frauen warteten eng an den Bahndamm gepresst, bis die roten Lampen am Ende des Zuges verschwunden waren. Die dreißig Zentimeter von den Kanten der Waggons mussten reichen. Sonst wären sie selbst im trüben Licht der Straßenlaternen zu sehen gewesen. Ihre Gesichter und Hände hatten sie vorher mit Kohlenstaub aus ihren Beuteln und Taschen geschwärzt. So konnten sie sicher sein. Die englischen Soldaten würden sie nicht erkennen, nicht auf sie schießen, weil sie unentdeckt blieben. Oft schossen die in die Luft. Hansen
