Kinderjahre: Frühe Erinnerungen 1944-1951
Von Alrun Moll
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Über dieses E-Book
Alrun Moll
Alrun Moll, * 1940 in Kassel. Aufgewachsen in England und Deutschland. Musikstudium (Gesang) in Freiburg, Basel und Paris. Seit vierzig Jahren als Gesangspädagogin tätig. Kam spät über die »singende Stimme« zum »geschriebenen Wort«. Zahlreiche Gedichte von ihr wurden von Brian Ferneyhough, Peter Förtig und Berfried Pröwe vertont. Sie veröffentlichte die Lyrikbände »Mauersegler« und »grundrisse himmelan«.
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Buchvorschau
Kinderjahre - Alrun Moll
Meiner Enkelin Anna-Lu gewidmet
Inhaltsverzeichnis
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
Kapitel XXIV
Kapitel XXV
Kapitel XXVI
Kapitel XXVII
Kapitel XXVIII
Kapitel XXIX
Kapitel XXX
Kapitel XXXI
Kapitel XXXII
Kapitel XXXIII
Kapitel XXXIV
Kapitel XXXV
Kapitel XXXVI
Kapitel XXXVII
Kapitel XXXVIII
Kapitel XXXIX
Kapitel XL
Kapitel XLI
Kapitel XLII
Kapitel XLIII
Kapitel XLIV
Kapitel XLV
Kapitel XLVI
Kapitel XLVII
Kapitel XLVIII
Kapitel XLIX
Kapitel L
Kapitel LI
Kapitel LII
Kapitel LIII
Kapitel LIV
Kapitel LV
Kapitel LVI
Kapitel LVII
Kapitel LVIII
Kapitel LIX
Kapitel LX
Kapitel LXI
Kapitel LXII
Kapitel LXIII
I
Der Himmel liegt auf der Wiese. Flirrende Bläue im Haar meiner Mutter. Ich folge ihrem federnden Schritt durchs hohe Gras hinunter zum See. Wir sind barfuß. Es summt und duftet ringsum. Eine kurze Rast. Wir winden ein Kränzchen, mein helles Jauchzen, als es gelingt – weiter, Hand in Hand, bis das Schlagen der Wellen uns begrüßt. Am Ufer, auf den morgendlich glänzenden Kieseln bleiben Kleider und Kränzchen zurück.
Wie schon so oft nimmt sie mich auf ihre Schultern und schreitet aufrecht, wie eine Göttin, dem Wasser zu. Ihre Hände teilen das sanft schaukelnde Silber, die Wellen steigen, wir verwachsen, Kopf an Köpfchen, unzertrennlich. Meine kleinen Hände umschließen ihren Hals – es ist fast ein Würgen vor freudig ängstlicher Spannung – endlich der Moment des Eintauchens. Gemeinsam ziehen wir unsere immer größer werdenden Kreise dem Licht entgegen.
II
Es gibt ein kleines Foto von meinem Vater und mir, das einzige Foto von uns beiden.
Es muss in der frühen Zeit am Bodensee gewesen sein. Mein Vater in Zivil, er war wohl auf Fronturlaub, hockt neben mir auf dem Waldboden und redet auf mich ein. Mein Gesicht ist trotzig von ihm abgewandt. Wütend und verschlossen schaue ich in die Kamera. Ich erinnere mich lebhaft an diese Szene. Ich weigerte mich, meine Brezel mit dem Nachbarsbuben (nicht im Bild) zu teilen. Eine Brezel war damals etwas ganz Besonderes. Wo kam sie überhaupt her?
Warum hatte er sie mir zuerst geschenkt, um dann einen solchen Tribut einzufordern. Ich schrie und stampfte wild. Natürlich vergeblich, das Vaterwort war unerbittlich. Mir blieb nur das stumme, tief gekränkte Schmollen – und das hielt ich durch …
III
»Fritzle« gehörte zu unserer Hausgemeinschaft. Er war undefinierbaren Alters, trug immer ein zerbeultes Lodenhütchen und ein zerschlissenes Jankerl. Jeden Morgen schnitt ihm seine Mutter ein frisches Zweiglein, je nach Jahreszeit, mit welchem er wild, manchmal auch fast zärtlich vor seinem Gesicht herum wedelte. Nur seine Mutter verstand die lallenden Laute. Er trielte immer leicht vor sich hin, und in seinen Mundwinkeln bildeten sich hässliche Krusten. Fritzle war fast immer allein, die Dorfkinder hänselten ihn, hielten aber auf Abstand.
Er hatte ein tägliches Ritual. Am späten Nachmittag trottete er hinunter zum See, um dort auf den Sonnenuntergang zu warten. Oft folgte ich ihm, in gehörigem Abstand, immer bereit, die Flucht zu ergreifen. Er lief bis zum äußersten Ende des Bootsstegs, dort hockte er sich mit seinem inzwischen verwelkten Zweiglein nieder und beobachtete andächtig die sinkende Sonne.
Je tiefer der glühende Ball versank, um so intensiver blinzelte er in das schwindende Licht. Erst als der letzte mild schimmernde Streif am Horizont erlosch, stand er auf und trat den Heimweg an.
Später habe ich mich oft gefragt, wie es seiner Familie gelang, Fritzle – mit schwerem Down-Syndrom – heil durch die Nazizeit zu bekommen.
IV
Dann – eines Nachts – kamen die Flugzeuge und warfen ihre Bomben über dem See ab. Es sollte wohl zu unserer Abschreckung dienen. Meine Mutter ging gleich frühmorgens mit mir zum See.
Barfuß mit geschürztem Kleid stand sie im seichten Wasser, beide Hände überquellend von kleinen silbernen Fischen – tot. Immer mehr Fische wurden ans Ufer geschwemmt. Es bildete sich ein gekräuselter silberner Rand zu ihren Füßen … ein unvergessliches Bild von beklemmender Schönheit.
Ich hatte heimlich ein Fischlein mitgenommen und versteckte es in meinem Nachtkasten. Hoffte ich wirklich, es würde wieder lebendig, oder wollte ich es nur aufbewahren weil es so hübsch anzusehen war? Immer wieder schaute ich heimlich nach meinem Schatz – aber bald begann er erbärmlich zu stinken …
V
Viele Erwachsene stehen im großen Obstgarten hinterm Haus. Sie haben soeben gemeinsam eine tiefe Grube gegraben. Jetzt legen sie alle möglichen Gegenstände hinein und schaufeln immer wieder frische Erde darauf. Ich erkenne: in Handtücher verpacktes Tafelsilber – es wurde nur an Feiertagen benutzt –, Leuchter, die die Weihnachtstafel schmückten … Dann auch Abzeichen – die ich irgendwie von den Wehrmachtsuniformen kannte; ein Dolch mit geschnitztem Griff ist mir in Erinnerung geblieben. Alles verschwand in dem dunklen Loch –
Zum Schluss legte jemand ganz schnell meinen schwarzen nackten Bimbo auf die unsichtbaren Kostbarkeiten. Mein Vater hatte mir diese Puppe von einem Fronturlaub aus Frankreich mitgebracht. Vergeblich hatten die Frauen versucht, Bimbo mit einer Rasierklinge »weiß« zu kratzen. Erklärungen bekam ich nicht – es gab keine Tränen, ich stand nur stumm und staunend dabei.
VI
Nur zwei Männer gab es in unserem Haus – den alten Schiffsbauer und seinen schwer herzkranken Schwiegersohn. Beide waren »kriegsuntauglich«. Am Tag, bevor die Franzosen kamen, verbarrikadierten sie das ganze Haus; alle Türen und Fenster wurden mit Brettern und schwerer Pappe vernagelt, während dessen versuchten die Frauen alles Essbare zu verstecken – im Kachelofen, unter den Dielen, ja sogar hinter den Büchern! Ich stand auf der Treppe und schaute dem geschäftigen Treiben staunend zu.
VII
… und dann kamen sie, die Franzosen. Ich stand wieder auf der Treppe. Man hörte schon
