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Roman einer Nacht
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eBook239 Seiten2 Stunden

Roman einer Nacht

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Über dieses E-Book

In einem Abteil des Luxuszuges nach Kopenhagen sitzen ein junger Herr und eine junge Dame. Die Frau liest in einem Magazin, das sie am Bahnhof gekauft hat, den Beginn der darin abgedruckten Novelle "Roman einer Nacht": "In einem Abteil des Luxuszuges, der den Kontinent mit dem Norden verbindet, sassen ein junger Herr und eine junge Dame. Der Herr richtete zärtliche Blicke auf seine schöne Reisegefährtin, die seine stumme Bewunderung nicht zu bemerken schien. Plötzlich stand der junge Herr auf …" Da spricht sie der junge Herr an, steht auf und setzt sich neben sie … Es ist, als würden die geschilderten Ereignisse der Novelle eben in diesem Augenblick in ihrer Lebenswelt Wirklichkeit werden! Der Zug wird gestoppt und durchsucht; man sucht den skrupellosen Agenten Fedor Sokoloff, der wohl einen Mord in Kopenhagen plant. Ein reizvolles Wechselspiel der Fiktion beginnt. Was ist Wirklichkeit, was ist Erfindung? "Die Figuren dieser Erzählung waren Fleisch und Blut geworden. Die Ereignisse griffen ineinander, ballten sich zu einem Konflikt, den sie dumpf erfühlte, der um sie kreiste, während sie das dünne Heft in ihrer Hand hielt … Das Buch begann ihr unbegreifliche Angst einzuflößen; sie wollte es fortschieben – sie vermochte es nicht. Unter einem unerklärlichen Zwang las sie weiter …" Mit "Roman einer Nacht" hat Paul Rosenhayn eines seiner originellsten und gelungensten Werke geschrieben.
SpracheDeutsch
HerausgeberSAGA Egmont
Erscheinungsdatum1. Jan. 2017
ISBN9788711592663
Roman einer Nacht

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    Buchvorschau

    Roman einer Nacht - Paul Rosenhayn

    I.

    Der Herr und die Dame, die an dem kleinen Tischchen des Speisewagens saßen, blickten sich lächelnd in die Augen.

    Die Dame war sehr schön. Sie mochte im Anfang der Zwanzig stehen; man stellte sich ihre Erschernung unwillkürlich in einem Salon der großen Gesellschaft vor, vielleicht in den Appartements eines Ministers. Sie war blond, das typische Blond der Dänin; mit jenem leisen weißlichen Hauch, den die herbe Seeluft des Nordens gibt. Ihre Augen, dunkelblau, groß, mit dem Ausdruck einer tiefen und gütigen Klugheit, wanderten durch den Raum. Der Wagen glitt federnd durch die Landschaft, über der schon das Gold des scheidenden Tages lag. Ein paar Gäste, die beim Mokka saßen, blickten interessiert hinüber; aber schon wandten sich ihre Augen von neuem dem Herrn zu, der ihr gegenüber saß.

    Er war, schon auf den ersten Blick, in fast allen Dingen das Gegenteil seiner Begleiterin: Haar und Augen von dunklem Typ, im Blick jenes lächelnde Glimmen, das den Frauen gefällt — und das aus dem Hinterhalt der Gedanken zu kommen scheint.

    Man konnte bei seinem Anblick an einen Mann denken, der eben aus Monte Carlo kam — und der vielleicht mit klugen und kühlen Berechnungen ein neues System erprobt hatte.

    Mit Erfolg. Das Lächeln in seinen Augen war ein Siegerlächeln.

    „In einer Stunde, sagte er mit einer Stimme, die gleichfalls seltsam dunkelgetönt war, „in einer Stunde sind wir in Kopenhagen.

    Die Dame nickte, und fast schien es, als ob sie erröte.

    „Werden Sie am Bahnhof erwartet?" fragte sie.

    Er schüttelte den Kopf.

    Der Kellner ging vorbei; er nahm die Sektflasche aus dem Kübel und füllte die beiden Gläser von neuem.

    Die Tür öffnete sich; der Zugführer ging mit bedächtigen Schritten durch den Wagen. Er blickte, fast ohne den Kopf zu wenden, zu dem Paar hinüber; der junge Herr, der die Augen des Beobachtenden auf sich ruhen fühlte, sah auf; schon ging der Zugführer weiter. Wieder blieb er stehen, jenseits der kleinen Glastür; wieder wandte er den Kopf zurück. Die beiden dort drüben flüsterten miteinander; ihre Augen hatten sich zärtlich ineinander versenkt. Der Herr legte seine Rechte einen Moment lang auf die Hand der Dame; sie wandte unruhig den Kopf, aber alle ihre Bewegungen schienen von einer seltsam verhaltenen Zärtlichkeit.

    *


    Der Telegraphist rollte die Tür des Marconiraums zurück und lief über den Teppich des Korridors. Die Wagen schaukelten in den Kurven; er tastete sich haltsuchend vorwärts, in der Linken das kleine Telegramm-Kuvert.

    In der Tür zum Speisewagen prallte er mit dem jungen Paar zusammen; mit einer flüchtigen Entschuldigung stürmte er weiter.

    „Wo ist der Zugführer?"

    Der Kellner deutete mit dem Daumen nach vorn.

    Der Telegraphist riß die Gangtür auf; es war der direkte Wagen Paris—Oslo.

    „Ein Telegramm, Herr Zugführer!"

    „Für wen?"

    „Für Sie."

    Der zuckte die Achseln und riß den Umschlag auf. Der Telegraphist sah dem Beamten verstohlen ins Gesicht, wie um den Eindruck zu erspähen, den die Depesche auf ihn machte. Aber der Gesichtsausdruck des Beamten veränderte sich nicht; der Marconimann wandte sich enttäuscht um und ging schlenkernd den Weg zurück, den er gekommen war.

    Der Zugführer hielt das Telegramm nachdenklich in der Hand; er wandte den Kopf in der Richtung nach dem Speisewagen.

    Eben ging grüßend ein Schaffner vorüber. Der Zugführer winkte ihn mit den Augen heran. „Ist das nun ein schlechter Scherz?" fragte er.

    Der Schaffner nahm die Depesche und las:

    „Zug soll bei Blockstation dreiundvierzig halten."

    *


    Die beiden, der Herr und die Dame, saßen sich von neuem gegenüber; in einem Abteil erster Klasse des Kontinent-Wagens. Die Dame hatte ein kleines elfenbeinernes Etui gezogen: russische Zigaretten.

    „Wollen Sie nicht rauchen?" fragte sie. In ihrer Stimme klang heimliches Lachen.

    „Danke. Gern."

    „Sie dürfen mich nicht falsch beurteilen, sagte sie leise. „Es ist das erstemal in meinem Leben. Noch nie habe ich mich auf der Reise in eine Unterhaltung mit einem fremden Herrn eingelassen.

    Er antwortete nicht; er machte lediglich ein Gesicht, so, als ob das, was die Dame sage, eine gewichtige Selbstverständlichkeit sei.

    „Sie müssen es mir glauben, fuhr die Dame fort. „Nur der Zufall hat es gefügt …

    „Ich bin sehr glücklich, sagte der Herr. „Dieser Zufall hat sich sehr freundschaftlich gegen mich benommen.

    Sie schüttelte den Kopf. „In einer halben Stunde ist es zu Ende."

    „Wenn ich doch nur wüßte, wann der Zeitungsverkäufer auf dem Bahnhof von Gjedser Geburtstag hat", sagte der Herr.

    „Mein Gott, wie interessant!"

    „Ich würde ihm ein herrliches Geschenk machen."

    „Das ist reizend von Ihnen, sagte die Dame. „Sind Sie mit ihm verwandt?

    Er lachte. „Er hat mich für Ihren Mann gehalten. Das war die größte Schmeichelei, die man mir in meinem Leben erwiesen hat."

    „Sie müssen mir erlauben, Ihnen die zwei Kronen wiederzugeben."

    Er nickte düster. „Vorher müßten Sie mich töten."

    „Ich kann unmöglich annehmen, daß Sie für mich …"

    „Sie scheinen es darauf abgesehen zu haben, gnädige Frau, alle meine Träume zu zerstören. Er hat Ihnen ein Magazin verkauft — er hat mir ein Magazin verkauft. Er hat uns für Mann und Frau gehalten …"

    „… und hat die zwei Kronen, die mein Magazin kostet, voh dem Zehnkronenschein abgezogen, den Sie ihm gegeben haben."

    „War das nicht die herrlichste Idee, die ein Zeitungshändler haben konnte? Er hat unsere Gedanken eine Stunde lang um die gleichen Dinge kreisen lassen."

    „Woher wissen Sie das?"

    Der Herr warf einen Blick auf das bunte Heft, das aufgeschlagen, Titelblatt und Schlußblatt nach oben, neben der Dame lag — und er zeigte mit der Hand auf ein zweites Heft, das genau wie jenes, Titelblatt und Schlußblatt nach oben, neben ihm lag. „Bitte: wie heißt die Novelle, die Sie lesen?"

    Sie griff nach dem Buch und wandte es herum:

    „Roman einer Nacht" stand über der Novelle.

    Der Herr nahm stumm sein Magazin, drehte es herum und hielt es der Dame unter die Augen.

    „Roman einer Nacht" las sie — und wieder, wohl gegen ihren eigenen Willen, errötete sie, so wie jemand errötet, der sich, in einer kleinen zärtlichen Intimität, plötzlich im Spiegel erblickt.

    „Wir beide haben eine Stunde lang die gleichen Dinge gedacht, fuhr der junge Herr fort. „Können Sie begreifen, welch ein glückliches Bewußtsein das für mich ist?

    „Sie meinen: weil die Situation der Novelle …?"

    Er nickte. „Haben Sie nicht dasselbe gedacht, als Sie anfingen, diese Novelle zu lesen? Ist es nicht, als ob der Autor von uns beiden spräche?"

    Die Dame nahm das Heft und überflog schweigend die ersten Zeilen.

    Die Novelle begann mit folgenden Worten:

    Roman einer Nacht

    „In einem Abteil des Luxuszuges, der den Kontinent mit dem Norden verbindet, sassen ein junger Herr und eine junge Dame. Der Herr richtete zärtliche Blicke auf seine schöne Reisegefährtin, die seine stumme Bewunderung nicht zu bemerken schien. Plötzlich stand der junge Herr auf …"

    Der dunkle Herr betrachtete lächelnd die blonde Frau, die vielleicht jetzt erst den seltsamen Zusammenhang begriff. Ein Abteil … des Luxuszuges, der den Kontinent mit dem Norden verband … ein junger Herr … eine junge Dame … der junge Herr zärtliche Blicke auf seine schöne Reisegefährtin richtend …

    Sie hob den Blick; der Herr, der sie unverwandt angesehen hatte, ließ schuldbewußt seine Augen zur Seite gleiten; sie senkte den Blick wieder; schon fühlte sie von neuem seine stumme Bewunderung. Nein: mit dem Instinkt der Frau fühlte sie: das war mehr als Bewunderung: das war Verliebtheit, vielleicht sogar eine gewisse begehrliche Verliebtheit.

    Ein Schatten fiel plötzlich über das Buch.

    Sie hob den Kopf; der Herr war aufgestanden.

    Erstaunt folgte sie ihm mit den Augen. Er ging zur Tür und zog die Vorhänge vor.

    Während er zurückkehrte, sah sie ihn fragend, wie mit einem leichten Kopfschütteln, entgegen.

    „Warum tun Sie das?"

    Der Herr stand einen Augenblick stumm vor ihr, so, als ob er auf diese Frage keine Antwort wisse. Der kleine Raum zitterte im leisen Takt der Räder, wie in einer sanften und streichelnden Melodie. Jenseits der Fenster lagen schon die Schatten des jungen Abends; die grünen und roten Lichter der Semaphore glitten vorüber; in rhythmischem Auf und Ab rasten Telegraphendrähte vorbei. Alles klang zusammen wie zu einer weichen und lockenden Melodie; die bläuliche Dämmerung — die Lichter der Stadt, die zusehends wuchsen; und dieser klingende, klirrende Zug, der ihn und sie in eine Nacht hineintrug, erfüllt von erregenden Geheimnissen.

    Ein glückliches Lächeln trat in sein Gesicht. Sie sah ihm forschend in die Augen; aber wie unter der suggestiven Gewalt seiner Gegenwart begann auch sie zu lächeln. Er beugte sich zu ihr nieder; sie ließ es geschehen, indem sie, vielleicht um ihm den Ausdruck ihres Gesichts nicht zu zeigen, den Kopf ein wenig senkte. Er schob das Magazin zur Seite und setzte sich neben sie. In stummer Zärtlichkeit nahm er ihre Hand und legte sie an seine Wange; das Magazin glitt auf den Fußboden. Er küßte ihre Hand mit einer scheuen, fast kindlichen Gebärde; langsam wandte er sich zu ihr herum, ihren Blick suchend.

    Sie sah mit einer schnellen, unruhigen Bewegung auf ihre rechte Hand, an der ein goldener Trauring blitzte; mit einem leisen Seufzer drehte sie den Kopf. In ihre dunklen Augen trat ein Ausdruck wie ein huschender Schatten — es schien, als ob sich in diesem Moment der Kontakt zwischen den beiden Menschen lockere. Aber von neuem fühlte sie den Druck seiner Hand, den heißen und werbenden Blick seiner Augen. Unschlüssig sah sie auf die dunklen Bäume, die draußen vorüberglitten. Am Horizont tauchten die fernen Türme der Stadt auf — wie eine Mahnung, daß diese Fahrt, diese Stunde, dieser Rausch bald zu Ende sein würde; sie fühlte, wie ihr Herz zu pochen begann; aus dem Takt der Räder hörte sie ein Flüstern; in einer beklommenen Ahnung mochte sie fühlen, daß es das Rauschen ihres eigenen Blutes war. Sie schloß die Augen; er preßte sie an sich; zärtlich schmiegte sie ihre Wange an die seine.

    „Ich liebe Sie!" flüsterte er leise, fast unhörbar; nur mit dem Gefühl begriff sie den Sinn seiner Worte. Noch immer hielt sie ihre Augen geschlossen.

    „Ich liebe Sie! stammelte er. „Ich werde in Kopenhagen bleiben, solange Sie es mir erlauben. Ich muß Sie wiedersehen!

    Sie antwortete nicht, mit keinem Wort, mit keiner Bewegung. Aber ihre stumme Regungslosigkeit dünkte ihn eine zärtliche Bejahung. Er preßte ihr Gesicht in seine Hände und küßte sie; mit einem leisen Seufzer ließ sie es geschehn. Während er zärtliche und irre Liebesworte stammelte, schmiegte sie sich an ihn; sie legte schweigend die Arme um seinen Hals, schweigend sah sie ihm in die Augen. Der tiefe und leidenschaftliche Ernst seines Blickes verwirrte sie vollends; sie fühlte die heiße Flamme, die auf sie überschlug, die sie einhüllte und die ihren Körper und ihre Sinne verzehrte. Wie in einer stummen Antwort auf eine leidenschaftliche Frage nickte sie; sie schloß die Augen, und während sie stockenden Atems zärtliche Worte flüsterte, küßte sie ihn wieder.

    *


    Die Glocke der Blockstation 43 hämmerte viermal durch den Abend: bimbam, bimbam, bimbam, bimbam; das Uhrwerk schnarrte auf; zum zweiten Male ging es: bimbam, bimbam, bimbam.

    Der Wärter lief aus dem Hause. Rasselnd zog er das Uhrwerk auf. Dann löste er den Sperrhaken der Seiltrommel; drüben an der Kreuzung der Chaussee ging der Schlagbaum nieder.

    Ein klingendes Geräusch kam von drüben, von den Flügeln des Semaphors. Erstaunt blickte der Wärter hinüber; vor seinen Augen stellte sich der Arm auf „Halt"; das rote Licht flammte auf.

    Der Wärter blickte ratlos den Schienenstrang hinunter; schon kam aus der Ferne das leise Geräusch des sich nähernden Kontinental-Zuges. Er wandte den Kopf nach rechts; nirgends war etwas zu sehen, was das Haltesignal erklärte.

    Die Hupe eines Autos gellte durch den Abend. Auf der Landstraße nach Kopenhagen tauchten die Lichtbündel zweier Scheinwerfer auf; der Wagen sauste bis hart an die geschlossene Schranke heran. Es war ein offenes Auto mit dunkelgrün lackierter Karosserie; vorn am Führersitz wehte die Staatsflagge.

    Drei Herren stiegen aus; sie blickten dem herannahenden Zuge entgegen, der seine Geschwindigkeit angesichts des kategorischen „Halt!" zusehends verminderte; einer von ihnen ging an die Seiltrommel und begann den Schlagbaum aufzuwinden.

    Der Blockwärter trat hinzu; der Herr sagte, ohne sich in seiner Arbeit stören zu lassen:

    „Polizei!"

    Die Köpfe der Passagiere tauchten an den Fenstern auf; der Zug hielt. Eine Tür ging auf; in ihrem Rahmen stand die breitschultrige Gestalt des Zugführers. Die drei stiegen ein. Ihr Chef zog eine Legitimation; salutierend legte der Zugführer die Hand an die Mütze.

    „Paßrevision!" sagte der Chef der drei; und während ihm der Bahnbeamte verständnislos ins Gesicht sah, setzte er hinzu:

    „Politische Polizei. Wir suchen einen Russen. Vielfacher Mörder."

    Der kleine Trupp setzte sich in Bewegung. Der Blockwärter gab irgendeine Meldung ins Telephon; fast augenblicklich erschien das grüne Licht am Signalmast; der Schlagbaum begann langsam vorüberzugleiten. Leises Rollen setzte ein: der Zug hatte die Fahrt wieder aufgenommen. — — —

    „Und hier, sagte der Zugführer, indem er auf die verhängten Fenster eines Abteils deutete — „und hier: hier sitzt ein Herr mit einer Dame, die beiden fallen mir schon seit Gjedser merkwürdig auf.

    Er wies auf den schimmernden Seidenvorhang und wandte sein entrüstetes Gesicht den dreien zu: auf der Seide zeichnete sich die Silhouette von zwei Köpfen ab, die sich küßten.

    Der Führer der drei schob krachend die Tür zurück und riß die Vorhänge auseinander.

    „Die Pässe bitte!"

    Die Dame, die der Tür am nächsten saß, knipste das Handtäschchen auf. Der Kontrollbeamte war einen Schritt ins Abteil getreten; die beiden andern und der Zugführer sahen neugierig hinein. Die Dame reichte das Paßbüchelchen herüber. Während der Beamte die Blätter durch die Finger gleiten ließ, kamen fremdartige Stempel zum Vorschein der Beweis einer langen internationalen Reise. Er drehte das Heft herum und schlug das Titelblatt auf. Er las den Namen der Besitzerin …

    In diesem Augenblick erlebten die drei, die draußen standen, ein seltsames Schauspiel: vor ihren leibhaftigen Augen verwandelte sich ein schnaubender fährtewitternder Büttel in einen lächelnden Untertan. Ein Jagdhund, der hachelnd vor dem Bau des gehetzten Wildes stand, wurde in einer einzigen Minute zu einem kleinen, weißen, zärtlichen Lamm.

    Er klappte das Buch zu, gab es mit einer tiefen Verbeugung zurück, trat auf

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