Gespräche mit dem Henker. Ein Buch nach Tatsachen über den SS-General Jürgen Stroop, den Henker des Warschauer Ghettos
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Buchvorschau
Gespräche mit dem Henker. Ein Buch nach Tatsachen über den SS-General Jürgen Stroop, den Henker des Warschauer Ghettos - Kazimierz Moczarski
I. Kapitel
Auge in Auge mit Stroop
2. März 1949. Abteilung XI des Warschauer Gefängnisses Mokotów. Eben brachte man mich in eine Zelle, in der schon zwei Männer sitzen. Kaum ist die Tür verriegelt, beginnen wir uns, wie bei Häftlingen üblich, vorsichtig zu »beriechen«. Innerhalb der Zellenordnung sind mir die beiden im Augenblick überlegen, denn ich wurde zu ihnen in ihre Zelle verlegt. Ich habe zwar gewisse Möglichkeiten: Um eine schützende Distanz zu schaffen, könnte ich »Salzsäule« oder »Mann vom Mond« spielen. Die beiden Männer wären nicht in der Lage, sich ähnlich zu verhalten, denn sie bilden eine wechselseitige Gemeinschaft.
»Sind Sie Pole?«, fragt der Ältere, mittelgroß, schlank, mit blau geäderten Händen, einem Kartoffelbauch und großen Zahnlücken. Er trägt eine feldgraue Jacke, Drillichhosen und Holzpantinen, das Hemd ist auf der Brust weit geöffnet.
»Ja. Und Sie? «
»Deutsche. Sogenannte Kriegsverbrecher.«
Ich richte mich notdürftig ein, stopfe meine wenigen Habseligkeiten in einen Winkel. Der Ältere hilft mir, ohne dass ich ihn dazu auffordere. Es herrscht angespanntes Schweigen. Also Deutsche, denke ich. Zum ersten Mal in meinem Leben werde ich auf engstem Raum mit ihnen zusammen sein. An solche Nazis erinnere ich mich noch aus der Besatzungszeit so deutlich, als wäre es gestern gewesen. Eine schwierige Situation, aber in Mokotów wurden Gefangene häufig ohne Rücksicht auf ihre Nationalität in eine Zelle gesperrt. Von ihnen trennen mich Welten – die Last der Vergangenheit ebenso wie die Weltanschauung. Uns verbindet nur das Dasein als Zellengenossen. Kann das allein einen Abgrund überbrücken?
Meine chaotischen Gedankensprünge werden jäh unterbrochen, denn die Gewohnheit, stets auf der Hut zu sein, signalisiert mir: Warum drückt sich der andere Nazi so schweigsam in die Fensterecke? Ist er gefährlich, oder hat er Angst?
Beim Unterbringen meiner Sachen hilft mir Gustav Schielke¹ aus Hannover, viele Jahre kleiner Beamter bei der Sittenpolizei. Während des Krieges SS-Untersturmfuhrer, Archivar beim Befehlshaber der Sipo und SD in Krakau, das heißt beim Führer der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes im Generalgouvernement.
»Schon verurteilt?«, frage ich ihn.
»Nein.«
»Lange im Knast?«
»In Polen 1 Jahr, 9 Monate, 27 Tage. Davor saß ich bei den Alliierten in Westdeutschland.«
Er zählt noch die Tage, malt wahrscheinlich Striche an die Zellenwand und hofft, später einmal seinen Enkeln vom polnischen Gefängnis erzählen zu können – denke ich.
Der andere, der mich etwas beunruhigt, ist hochgewachsen und wirkt auf den ersten Blick breitschultrig. Er steht mit dem Rücken zum Licht und verdeckt einen Teil des Fensters. Es ist schwierig, ihn zu beobachten. Ich kenne diese Methoden. Typischer Untersuchungsgefangenen-Komplex, aber er verhält sich richtig, stelle ich fest.
»Stroop«, stellt er sich endlich vor. »Mein Name ist Stroop, mit zwei ›oo‹. Vorname: Jürgen. Ich bin Generalleutnant oder divisiongénéral ... Enchanté, monsieur.« Er ist erregt, seine Ohren sind gerötet. Ich bin es wohl auch. Das Erscheinen eines unbekannten Häftlings und eine fremde Zelle können schon aufregend sein.
Kaum hatte ich meinen Namen genannt, als ein Kessel mit dem Mittagessen hineingeschoben wird. Essengeruch breitet sich aus. Die Kalfaktoren², ebenfalls Deutsche, geben meinen Zellengenossen durch Zeichen zu verstehen, dass ich kein Spitzel bin. Sie kennen mich längst aus verschiedenen Begegnungen hier in Mokotów.
Stroop bekommt immer eine doppelte Portion zugeteilt. Er isst systematisch, mit Appetit. Das Essen verläuft schweigend. Ich bemühe mich, ganz entspannt zu kauen, um meine neuen Zellennachbarn nicht merken zu lassen, wie aufgewühlt ich bin.
Das also ist Stroop, der Vertraute Himmlers, SS- und Polizeiführer, Vorgänger des von uns hingerichteten Kutschera³, der Mann, der das Warschauer Ghetto liquidieren ließ? Er sitzt neben mir und verzehrt sein Mittagessen. Stroop ist etwa Mitte fünfzig. Auffallend sorgfältig gekleidet. Dunkelrote Windjacke, weißes Halstuch, kunstvoll unterm Kinn geknotet. Helle Hose. Dunkelbraune, leicht abgetragene, aber auf Hochglanz polierte Schuhe.
Schielke schaufelt das Essen in sich hinein. Er ist rasch fertig, summt vor sich hin: »In Hannover an der Leine haben Mädchen dicke Beine« und fragt wie nebenbei: »Sitzen Sie schon lange?« Ich antworte. Daraufhin schlägt er vor, mein Essgeschirr zu spülen. Ich muss sein Anerbieten ablehnen, denn diesen Gefallen nimmt man nur der Not gehorchend oder aus Freundschaft an. Stroop aß immer noch. Schließlich reichte er Schielke zwei Schüsseln zum Abwaschen. Dann lockerte er seine Hose und schloss sie mit einem Reserveknopf, den er sich »für alle Fälle«, je nach Bauchumfang, angenäht hatte.
Schielke säubert das Geschirr. Stroop sitzt, auf die Ellenbogen gestützt, das Gesicht in den Händen vergraben, am Fenstertisch. Zwischen den Fingern ragt seine fleischige Nase hervor. Die Haltung eines schmerzgebeugten Weisen.
Seine Denkerpose begann mich zu interessieren. Sie passte zu den Fotos und dem »Altar«, den sich Stroop auf dem Tischchen aufgebaut hat. Neben der Bibel lagen ein Päckchen Briefe aus der Bundesrepublik, einige Bücher, ein Heft, Bleistifte. Was mich am meisten verblüffte, war ein dreiteiliger Fotorahmen mit Aufnahmen von Stroops Familienangehörigen. Unter jedem Bild stand sorgfältig in gotischer Schrift: »unsere Mutter«, »unsere Tochter«, »unser Sohn« und »meine Frau«. In den Ecken des »Altars« kleine Andenken: die zarte Feder einer Blauracke und ein kleines, vertrocknetes Birkenblatt.
Stroops Nachdenklichkeit wirkt melancholisch, und ich frage ihn, worüber er sinniert. Ich nahm an, er würde antworten: »Das ist meine Privatangelegenheit«, was bedeutet hätte, dass er an seine Familie denkt und nicht gestört werden will. Aber Stroop entgegnete: »Ich habe vergessen, wie ein kleiner Vogel auf Polnisch heißt, mit dessen Namen man bei euch junge Frauen bezeichnet. Irgendwas mit schi ... schi ... schibka oder so ähnlich.«
»Wo haben Sie dieses Wort gehört?«
»Während eines Rundgangs, als Häftlinge aus den allgemeinen Untersuchungszellen eine weibliche Gefangene mit einem tollen Busen ansprachen, die in der Wäscherei arbeitet. Ich kann mir dieses Wort nicht merken, obwohl ich es jeden Tag wiederhole. Es klingt wie ›schibka, schtschirka‹ ...«
»Vielleicht riefen sie ›ścierka‹? Das ist aber kein Vogel.«
»Es war ganz sicher ein Vogel. Und bestimmt nicht ›schtscherka‹.«
»Da Sie auf einem Vogel bestehen, war es vielleicht ›sikorka‹?«
»Ja«, strahlte er auf, »schykorka, schykorka, die Meise. Dieses junge Ding aus der Wäscherei verdrehte den Hals wie eine Meise.«
»Wenn der General sich gestärkt hat«, röhrte Gustav Schielke, »wird er ganz geil nach so jungen Dingern. Die Zeiten sind vorbei, Herr General! Und außerdem, solange ich lebe, habe ich noch keine Meise mit Brüsten gesehen.«
Der General maß Schielke mit einem strengen Blick. Zum ersten Mal sah ich Stahl in den Augen Stroops aufblitzen.
In der Zelle befand sich ein einziges Bett, das tagsüber hochgeklappt und an der Wand festgemacht wurde (im Gefängnisjargon »Liegematte« genannt). Bisher hatte Stroop darauf geschlafen, während Schielke seinen Strohsack auf dem Boden ausbreitete. Gegen Abend mussten wir eine neue Schlafordnung aufstellen. Stroop wandte sich an mich: »Ich lege mich auf den Boden. Das Bett steht Ihnen zu, da Sie Angehöriger des hier herrschenden, also siegreichen Herrenvolkes sind.« Ich erstarrte. Stroop spielte keine Komödie, das war weder Höflichkeit noch Pose. Er hatte einfach seine Ansicht über die Art zwischenmenschlicher Beziehungen kundgetan. Die ihm seit Kindesbeinen eingetrichterten Eigenschaften, Anbetung der Macht und Unterwürfigkeit – das unvermeidliche Produkt blinden Gehorsams waren zum Vorschein gekommen.
Schielke pflichtete Stroop bei. Ich begründete meine Ablehnung mit der banalen Feststellung, dass während ihres Häftlingsdaseins alle Gefangenen gleich seien. Und bis zum letzten Tag meines Zellendaseins mit Stroop und Schielke schliefen wir alle drei auf dem Boden.
Kurz nach dem Meisen-Zusammenstoß mit Schielke bot mir Stroop an, seine Bücher durchzublättern. Er hatte mindestens 180 in der Zelle, die meisten aus der Gefängnisbibliothek. Alle in deutscher Sprache. Es waren wissenschaftliche Abhandlungen darunter, historische, geografische, ökonomische Werke, Schulbücher, Romane, Broschüren und sogar Propagandaschriften der NSDAP. Gierig griff ich nach allen Büchern – ein normaler Vorgang in einem Gefängnis. Anfangs blätterte ich die Texte, Abbildungen und Landkarten nur durch. Später las ich mich fest. Wir begannen zu diskutieren. Ich fraß Informationen über Deutschland in mich hinein und Kommentare der beiden Nazis zu verschiedenen, für einen Polen unverständlichen Vorgängen. Dabei vertiefte ich meine deutschen Sprachkenntnisse, lauschte den Berichten, Analysen und Meinungen und – was unvermeidlich war – mitunter auch persönlichsten Bekenntnissen.
Ich verfolgte aufmerksam die Erzählungen über deutsche Städte und Dörfer, über Berge, Täler und Wälder und erfuhr mehr über das Leben in den Städten und in einzelnen Familien. Ich nahm den Geruch der Küchen und Korridore wahr, der Esszimmer und Salons, der Kneipen und Gärten, der Feldschlachten und des Heimwehs. Ich, der ehemalige Soldat der polnischen Landesarmee⁴,⁵, begleitete Schritt für Schritt das Leben des Nationalsozialisten Stroop, folgte ihm und war gleichzeitig sein Gegner und sein Feind.
Jürgen Stroop. Freiwilliger im Ersten Weltkrieg. Ehemaliger Angehöriger des Preußisch-Detmold’schen Infanterie-Regiments. Mitbegründer der NSDAP im früheren Fürstentum Lippe. Im Gebrüll der Hitler umjubelnden Massen marschierte er durch die Straßen Nürnbergs. Mit tatkräftiger Unterstützung der SS klettert er, trotz einer mittelmäßigen Ausbildung, die Ämterleiter hinauf. Er ist in Münster und Hamburg tätig, regiert mit harter Faust, brutal und oft mörderisch – in der Tschechoslowakei, in Polen, in der Ukraine und im Kaukasus, in Griechenland, im westlichen Deutschland, in Frankreich und in Luxemburg. Er liebt seine Gattin und auch andere Frauen, aber nur seine eigenen Kinder, spricht mit Politikern des Dritten Reiches, mit Himmler und den Spitzen der SS. Seine Autos heißen »Horch« und »Maybach«. Er reitet über die Felder des Teutoburger Waldes und der Ukraine, trägt ein Monokel und sonnt sich in der Würde eines Nazi-Generals. Und nie wird er von Hitler oder Himmler anders sprechen als von »Adolf Hitler« und »Heinrich Himmler«; immer nennt er ihre Vornamen, womit er seine Treue und Ergebenheit gegenüber diesen »großen deutschen Gestalten des zwanzigsten Jahrhunderts« zum Ausdruck bringt. Ich folgte Stroop auch ins Warschauer Ghetto, obwohl es mir manchmal schwerfiel, seinen Berichten über die »Großaktion« in jenen April-Tagen zuzuhören. Denn ich spürte noch den Brandgeruch meiner im Jahre 1943 bezwungenen und zerstörten Stadt.
Und ich begleitete ihn auch während des Fememordes an Generalfeldmarschall von Kluge im Jahre 1944 und war bei der Liquidierung der in Kriegsgefangenschaft geratenen amerikanischen Flieger im westlichen Rheinland dabei.
Wir sprachen über viele Dinge, vor allem in den letzten Wochen unseres gemeinsamen Zellenaufenthaltes. Stroop war kein Schwätzer, aber er neigte dazu, viel von sich zu reden und sich selbst zu loben. Es waren die typischen Gewohnheiten eines Amtsträgers, die sich da bemerkbar machten. Er genoss es, ein Publikum zu haben. Jetzt waren Schielke und ich seine einzigen Zuhörer. Dieser Umstand erlaubte es mir, viele glaubwürdige, wenn auch nur mündlich weitergegebene Einzelheiten zu erfahren.
Stroop beschrieb sein Leben nicht chronologisch. Manchmal diskutierten wir stundenlang über ein einziges Problem. Ein andermal sprangen wir von Thema zu Thema. Ich bemühte mich, aus all diesen Gesprächen ein möglichst systematisch gegliedertes Buch zusammenzustellen. Gustav Schielke beurteilte manche Tatsachen und Ereignisse anders als Stroop. Er war psychisch geradliniger. In ihm waren noch Reste eines sozialdemokratischen Bewusstseins lebendig, Erinnerungen an die Bindung an Gewerkschafts- und Arbeiterkreise in seiner Jugend. Die von Schielke meist spontan, kaum bewusst geäußerten Überzeugungen bildeten einen Gegensatz zu Stroops Einseitigkeit. Sie waren auch eine Art Kontrollorgan und eine Ergänzung der Bekenntnisse Stroops. Anfangs war unser Verhältnis in der Zelle von Vorsicht und leiser Verwunderung geprägt, die sich aus der Ungewöhnlichkeit der Situation ergaben; später folgte ein diplomatisches Vorgehen und das Reden »zwischen den Zeilen« und schließlich das offene Artikulieren von Meinungen und Informationen.
Waren es ehrliche Gespräche? In den meisten Fallen gewiss, besonders als wir uns schon besser kannten. Angesichts des Unabwendbaren werden die Bekenntnisse von Todgeweihten ehrlich und einfach. Aber es war eine passive Offenheit, die darauf beruhte, alles zu vermeiden, was zufällig zum »Verzinken« des Mitgefangenen führen konnte. Außerdem herrschte in der Zelle das ungeschriebene Gesetz, grundsätzlich alle besonders kritischen Themen zu meiden oder sie zumindest behutsam zu behandeln.
Meinen Lesern gegenüber muss ich betonen, dass ich mich stets um größte Ehrlichkeit bemühte, um dadurch die volle Wahrheit über Stroop und sein Leben zu erfahren. Der Schock des Augenblicks, als ich mich plötzlich den zwei Nazis gegenüberfand, war rasch dem Entschluss gewichen: Wenn ich schon mit Kriegsverbrechern Zusammenleben muss, dann will ich sie genau kennenlernen, will versuchen, ihr Leben und ihre Persönlichkeit bis zur letzten Faser aufzudecken. Sollte mir das gelingen, so wäre ich in der Lage, wenigstens bis zu einem gewissen Grade mir selbst die Frage zu beantworten, welcher historische, psychologische und soziologische Mechanismus einen Teil der Deutschen zu Massenmördern werden ließ, die das Dritte Reich beherrschten und ihre »Neue Ordnung« in Europa und in der Welt einzuführen gedachten.
Ich befand mich also während meines fast neun Monate dauernden Aufenthaltes in Stroops Zelle Auge in Auge mit einem Massenmörder. Unsere Beziehungen verliefen im Rahmen einer eigentümlichen Loyalität. Obwohl es mir anfangs schwerfiel, bemühte ich mich, in Stroop nur den Menschen zu sehen. Er hatte meine Haltung begriffen, obwohl ich immer wieder meine Ablehnung und Feindseligkeit gegenüber der Ideologie, der er diente, und den Handlungen, die er begangen hatte, nachdrücklich unterstrich. Stroop seinerseits versuchte nicht, einen Freund der Polen zu mimen und seine eigenen Taten zu verurteilen.
Diese gemeinsam verbrachte Zeit wurde zum Impuls und lieferte das Quellenmaterial für dieses Buch. Das Bild, das ich hier zeichne, ist gewiss nicht vollständig. Und es ist nicht frei von meinen eigenen Kommentaren, obwohl ich versucht habe, sie zu vermeiden.
Gebe ich den Sinn der Worte und der Verhaltensweisen von Stroop und Schielke wahrheitsgetreu wieder? Ich glaube schon. Umso mehr, als ich mir kurz nach Verlassen des Gefängnisses Aufzeichnungen gemacht habe und einige Aussagen Stroops in den Archiven und den mir zugänglichen historischen Dokumenten überprüfte. Nirgends fand ich einen Hinweis, dass Stroop in unseren Gesprächen die Unwahrheit gesagt oder Schönfärberei betrieben hätte.
Bestimmte Teile der »Gespräche mit dem Henker« könnten zu Missverständnissen führen. Sollte dies der Fall sein, so ließen sie sich meiner Meinung nach nur damit erklären, dass es dem Leser unmöglich ist, seine Erfahrungen und seinen Wissensstand mit den hier beschriebenen Tatsachen gleichzusetzen; oder mit meiner subjektiven Unfähigkeit, diesen Bericht niederzuschreiben. Ich betone: Bericht; denn im Falle dieses Buches scheint mir jegliche literarische Fiktion unpassend.
Noch eine Anmerkung zu den Dialogen, die in einigen Kapiteln der »Gespräche mit dem Henker« vorkommen. Möglich, dass es zu viele sind. Aber mein 255⁶ Tage währendes Leben in dem Dreieck »Stroop, Schielke und ich« (nur für kurze Zeit war ein vierter Mitgefangener dabei) setzte sich aus Dialogen zusammen, jener Grundform sprachlicher Kontakte in kleinen Zellen. Warum sollte ich mich dieser Form nicht bedienen, da es um die Wahrheit geht?
II. Kapitel
Zu Füssen von Bismarcks Cherusker
Der SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS Stroop, bekannt als Jürgen, trug bis zu seinem 46. Lebensjahr den Vornamen Joseph¹, den er gemäß der Familientradition von seiner Mutter Katharina, geb. Welther, und dem Vater Konrad Stroop, einem Polizeichef im Fürstentum Lippe-Detmold, erhalten hatte. Josephs Eltern waren katholisch. Der Vater trug sein Glaubensbekenntnis kaum zur Schau, die Mutter dagegen war eine bigotte Frömmlerin, wie aus den Erzählungen Stroops in der Zelle hervorging.
Im Gefängnis von Mokotów trafen in den Jahren 1947–1953 in steiler gotischer Schrift geschriebene Briefe ein, in denen die Witwe Käthe Stroop ihrem Sohn Bibelsprüche schickte, obwohl er zum Abtrünnigen geworden war. (Zum Offizier der Waffen-SS befördert, brach er mit der römisch-katholischen Kirche und nannte sich »gottgläubig«.) Ich nehme an, dass seine Mutter die Sünden, für die der Sohn zuerst in Landsberg² und später in Polen im Gefängnis saß, nicht für Verbrechen hielt. So viel zumindest ging aus den Briefen hervor, die Stroop mir zu lesen gab.
Man könnte meinen, dass ein Polizeichef im Fürstentum Lippe-Detmold zur Elite der Regierenden zählte und in seinem Beruf hoch angesehen war. In Wahrheit bekleidete Konrad Stroop den Rang eines Polizeioberwachtmeisters und befehligte kaum fünf Polizisten. Diese Tatsache bestimmte sein berufliches Niveau und seine gesellschaftliche Stellung.
Das Fürstentum zählte vor dem Ersten Weltkrieg etwa 150000 Einwohner, stellte aber bis 1918 ein kleines, selbstständiges Staatsgebilde innerhalb des Kaiserreiches dar. Trotz umfangreicher dynastischer Traditionen und Verschwägerungen war der Fürst von Lippe-Detmold kein bedeutender Herrscher. Und sein Polizeichef war in Wirklichkeit nur Leiter einer Polizeiwache. Allerdings brauchten da auch nicht allzu viele Ordnungshüter beschäftigt zu werden. Geruhsame Zeiten, Heimatverbundenheit, überkommene Sitten und das Fehlen einer modernen Wirtschaftsstruktur führten – strafrechtlich gesehen – zu einem gediegenen moralischen Lebenswandel. In den Städten und Dörfern kannte jeder jeden, so dass die Angst vor der öffentlichen Meinung die Bereitschaft zu einem Verbrechen von vornherein lähmen konnte. Die aktiveren Elemente und Abenteurer wanderten in der Regel in das nahe Rheinland und nach Westfalen aus, wo sich die Industrie unaufhaltsam entwickelte.
Oberwachtmeister Konrad Stroop, der einer westfälischen Bauernfamilie entstammte, wohnte in der Mühlenstraße, fast im Zentrum des damals 11000 Einwohner zählenden Städtchens Detmold. Als ehemaliger Soldat war er gedrillt im Gehorsam gegenüber Gott, dem fernen Kaiser und dem Fürsten, seinem nahen Arbeitgeber. Ein Leben lang ein treuer Untergebener.
In seiner Jugend hatte er sich wohl manchmal aufgelehnt – nicht als Proletarier, sondern als Bauer. Von Zeit zu Zeit regten ihn die hochfahrenden Aristokraten auf, aber er verstand ihren Herrschaftsanspruch über Grund und Boden, denn in seinen geheimsten Träumen sah sich Oberwachtmeister Konrad Stroop als Besitzer eines Bauernhofes, wie mir sein Sohn in der Zelle erzählte.
Ich nehme an, dass am 26. September 1895, als sein Sohn Joseph in jener Mühlenstraße geboren wurde, seine Frau Käthe unter dem Federbett hervor zu ihrem Mann sagte:
»Wir beide gehören zwar noch nicht zur guten Gesellschaft, auch wenn dir der Fürst manchmal auf die Schulter klopft und auch zu mir freundlich ist. Aber ich werde alles tun, und du auch, mein Alter, damit aus Joseph etwas wird. Hier in Detmold.«
Das kleine Detmold war seit Jahrhunderten Hauptstadt dieses winzigen Staates und Residenz der Fürsten zu Lippe; früher trugen sie einen Grafentitel.
Im Gegensatz zum nahen Lemgo, der einzigen Hansestadt des Fürstentums, in welcher die unansehnlichen Bürgerhäuser vom merkantilen Geiz der Städtebauer zeugen, besitzt Detmold eine Reihe repräsentativer, ehemals fürstlicher Bauten, die jetzt der Allgemeinheit dienen. Außer Parkanlagen, Plätzen und Alleen, Gewächshäusern, einer Reithalle u.a. verfügt Detmold über einen klassizistischen Theaterbau, in dem seit hundertfünfzig Jahren Opern aufgeführt werden. Außerdem gibt es eine Landesbibliothek, ein lippisches Museum und ein »Heimathaus« mit einer Kunstsammlung, ein fürstliches Verwaltungsgebäude aus dem 17. Jahrhundert und ein ehemals barockes Palais, das im 19. Jahrhundert umgebaut wurde und heute die Nordwestdeutsche Musikakademie beherbergt. Es besitzt noch andere alte Gebäude, eine Gemäldegalerie, eine Gobelin- und Porzellansammlung, eine Altstadt und eine Neustadt, ein Rathaus, mehrere Kirchen der verschiedenen Glaubensbekenntnisse, einen Marktplatz sowie viele kommunale Einrichtungen – darunter einen Brunnen, den Stroop häufig erwähnte, mit den Skulpturen einer Göttin und eines Rehs (den sogenannten Donop-Brunnen).
Vor allem aber ist das Schloss dieser »kleinen, sauberen Garnisonsstadt Detmold« angestammter Sitz derer von Lippe. Diese Burg umfasste im 13. Jahrhundert ein Viertel der gesamten Stadt, die am Zusammenfluss von Werre und Berlebecke liegt. Eine so wehrhafte und zugleich verteidigungsgünstige Herrschaftsresidenz bildete ein wichtiges Instrument für politischen, gesellschaftlichen und moralischen Druck. Beim Anblick der mächtigen Mauern machte der brave Bürger jeden Tag im Geiste seinen Diener; er verbeugte sich vor der Machtfülle des Feudalherrn und der eigenen Bedeutungslosigkeit. Jahrhundertelang gab es für den Bürger von Detmold nur die Wahl zwischen Auflehnung (aber so etwas passierte in Lippe überaus selten) und der Koexistenz. Man wählte in der Regel die Koexistenz. Sie wandelte sich im Laufe von Generationen zu bedingungslosem Gehorsam.
Übereinstimmend mit den Traditionen Westfalens war die Detmolder Burg einst ein von schützenden Wassergräben umgebenes Wasserschloss. Als Stroop geboren wurde, gab es diese Festungsgräben nur noch an zwei Seiten des Schlosses, dessen Grundriss aus vier
Flügeln besteht – was, wie Stroop sich ausdrückte, »den Eindruck von maßvoller Macht« vermittelt. Stroop verstand nichts von Architektur und Kunstgeschichte. Aber seinen recht genauen Schilderungen konnte ich entnehmen, dass das Schloss in norddeutschem Renaissance-Stil erbaut war, mit einigen gotischen Resten.
Nachdem ich das Gefängnis verlassen hatte, fiel mir die Arbeit eines Dr. Gerhard Peters aus Lippe in die Hände. Ich fand darin einen Kommentar über die architektonisch-bildhauerische Ausschmückung des Schlosses: »Die Giebel, Erker, Ornamente sowie alle naturalistischen und abstrakten Verzierungen vermitteln in ihrer Gesamtheit eine romantische Lebensfreude, die die Zuverlässigkeit und das Selbstbewusstsein der herrschenden Familie widerspiegeln.«
Was soll man nur von diesen Detmoldern halten?! Wenn im Jahre 1960 ein Wissenschaftler aus Lippe solch schmeichelhafte Ansichten über die ehemaligen Herrscher dieses Ländchens verbreitet, dann darf man sich nicht wundern, wenn ein anderer Detmolder, der in seiner Jugend mit Aussagen ähnlicher Doktoren gefüttert wurde, nun ebenfalls das Lob dieser Fürstenfamilie sang und von der Notwendigkeit überzeugt war, man müsse Rittergüter in der Ukraine besitzen. Und dass er, genau wie Dr. Peters, hartnäckig an seiner Meinung festhielt. Es war die unerschütterliche Überzeugung von der Rechtmäßigkeit jeglicher Macht, solange sie über die Einhaltung einer »Ordnung« wacht, das heißt, solange sie den Bürger fest im Griff hat.
In Detmold lebten auch gebildete Leute, Gelehrte und Halbgelehrte, Künstler, Schriftsteller, Musiker, Geistliche, Lehrer und sogar Journalisten. Es erschienen zwei, zeitweise auch drei Zeitungen.
Auch regionale wissenschaftliche Gesellschaften, Musikvereine und soziale Verbände hatten hier ihren Sitz. Fürstin Pauline zu Lippe aus dem Hause Anhalt-Bernburg, eine Nichte Katharinas der Großen, gründete in Detmold im Jahre 1802 den ersten deutschen Kindergarten. Stroop erzählte von ihrer sozialen Tat: »Die in ganz Lippe hochverehrte Fürstin Pauline verzichtete damals auf den Kauf von einigen Kleidern und bestimmte das Geld, das sie dadurch gespart hatte, für die Gründung eines Kindergartens. Sie war mit Kaiserin Josephine, der Gemahlin Napoleons, befreundet.« »Mit Josephine, so so! Freundinnen ahmen sich gern nach. Hat eure Pauline ihrem Mann ebenfalls Hörner aufgesetzt?« scherzte ich.
»Warum unterstellen Sie Fürstin Pauline solche Schweinereien?«, empörte sich Stroop.
»Erstens ist es keine Schweinerei, einen ergebenen Geliebten zu haben«, entgegnete ich. »Und zweitens, ganz ohne Spaß, halte ich sehr viel von der Hilfsaktion der Fürstin für Mutter und Kind. Diese Fürstin war für die damaligen Zeiten durchaus fortschrittlich. Und das ist schon sehr viel.«
Hier setzte eine »grundsätzliche« Auseinandersetzung ein. Diskussionen in der Zelle sind eine sportliche Betätigung besonderer Art. Auch ich unterlag diesem Zwang oder auch Bedürfnis, bis ich mich an einen Satz von Puschkin erinnerte, in dem er rät, bei manchen Personen einem Disput aus dem Weg zu gehen.
Die Hügel des Teutoburger Waldes, der vor den Toren Detmolds liegt, sind wunderschön. Grün bewaldete Hänge erstrecken sich bis in die Täler, die von dürftigem Humus bedeckt sind. Eine zauberhafte Landschaft, aber ein felsiger Grund. Über diese Steine sagte mir Stroop einmal:
»Mit dem Boden kenne ich mich aus, Herr Moczarski, ich war Katasterinspektor im Fürstentum Lippe. Es gibt dort viele Steine, die man nicht beseitigen kann, weil sie in der Erde wachsen.«
»Wieso wachsen? Ein Stein lebt doch nicht, also kann er auch nicht wachsen.«
»Sie irren. Steine wachsen im Boden. Auch wenn man es mit dem bloßen Auge nicht erkennen kann. Jahr für Jahr kommt eine Schicht dazu, und nach einigen Jahrzehnten wird aus einem Steinchen ein Felsbrocken.«
Stroop kehrte mehrmals zu diesem Thema zurück. Er wusste, dass ich seine Meinung nicht teilte und kannte auch meine Begründung. Es gelang mir aber nicht, ihn zu überzeugen. Schließlich, als er mit seinen Ansichten etwas mutiger geworden war, meinte er:
»Herr Moczarski, Ihre These von den Steinen beweist, dass Sie marxistischem Gedankengut huldigen.«
Im steinigen Lippeland gibt es schöne Wälder, herrliche Nadel- und Laubbäume, kleine Seen, Bäche, romantische Felsengruppen, weite Lichtungen, Wiesen und etwas Ackerland. Es verfügt über reiche Jagdgründe; und wo gejagt wird, gibt es Pferde, Schaftstiefel, Hunde. Und manchmal auch Amazonen.
Vom Jagen sprach Stroop selten. Offensichtlich wurden zu Kaiserzeiten und während der Weimarer Republik weder er noch sein Vater zu den Jagdvergnügungen der Potentaten zugelassen – es sei denn in der Rolle von Bewachern. Über Pferde hingegen – westfälische, schwäbische, fränkische, Detmolder, ostpreußische, friesische, ungarische, polnische, ukrainische, polesische und andere sowie über Pferderassen und -gewohnheiten, über Reitschulen und die Kunst des Lenkens wurde ich bis zum Überdruss aufgeklärt.
Joseph Stroop hatte eine heitere, bäuerlich-bürgerliche Kindheit. Sein Vater war soldatisch streng, chauvinistisch und roch immer nach Pfeife. Er liebte es, mit Freunden beim Bier zu sitzen; und immer, wenn ihm sein Fürst ein Glas Wein oder einen Schnaps spendiert hatte, kehrte er strahlend nach Hause zurück. Die Mutter führte ein strenges Hausregiment. Sie duldete die bäuerliche Herkunft ihres im Polizeidienst stehenden Ehemannes, lebte aber ausschließlich das Leben einer Städterin, mit Nachbarinnen, der Bequemlichkeit der Einkaufsläden, dem täglichen Schwatz auf dem Marktplatz und der Sonntagspredigt des Pfarrers. Ihre Weltanschauung war zwischen der Kirchenkanzel und dem Sofakissen auf dem Fensterbrett angesiedelt.
So ein Fensterkissen ist schon eine praktische Angelegenheit. Man kann sich darauf stützen, ohne den Bauch einzudrücken, dabei stundenlang die Straße im Auge behalten und ohne alle Heimlichkeit die Nachbarn beobachten. Dieses Sofakissen scheint mir eine Antwort der deutschen Frau auf ihre traditionelle Sklavinnenrolle in der ehelichen Gemeinschaft zu sein. Das Kissen macht es möglich, sich mit dem Unterleib innerhalb der Wohnung aufzuhalten, mit dem Auge, dem Ohr und manchmal auch mit dem Mundwerk dagegen außerhalb. »Dabei wurde in Detmold eine Regel genau befolgt«, erinnerte sich Stroop. »Während man auf dem Kissen aus dem Fenster lehnte, musste die Gardine völlig zurückgezogen sein, es sei denn, der Gardinenstoff war durchsichtig. Auf keinen Fall durfte die Frau einen undurchlässigen Vorhang hinter sich haben. Diesen Brauch hatten die Bürger eingeführt«, berichtete Stroop, »nachdem eine Ehefrau ihre eheliche Treue zwar nach außen kund tat, wobei sie einsam aus dem Fenster lehnte, während sich zu gleicher Zeit ihr junger Liebhaber hinter dem schweren, geschlossenen Vorhang wacker mit ihr vergnügte.«
Laut Stroop ging diese Sitte (der offenen Gardine, nicht der Lustbarkeiten der Ehefrauen) auf die Zeit der Hexenverbrennungen zurück. Nach dem Dreißigjährigen Krieg hatte der Hexenwahn in Lippe einen Höhepunkt erreicht. In Detmold, das 1648 etwa 900 Einwohner zählte, wurden damals 19 Hexen und Zauberer hingerichtet. Die heißblütige Ehefrau eines angejahrten Bürgers, welcher enge Verbindungen zum Teufel nachgesagt wurden, soll diese scheinheilige Gardinenmethode erfunden haben. Es geht hier nicht um die Praktiken eines Fensterkissen-Ehebruchs oder um die Herkunft dieses Brauchs. Auch nicht um die Geschichte der Grausamkeiten unter den europäischen Völkern. Das Problem, das unsere Aufmerksamkeit verdient, liegt in der Hypothese, dass beständiges Unrecht, das im Namen des Dogmas vom widerspruchslosen Gehorsam gegenüber mächtigen Führern geduldet wird, bei gleichzeitigem Fehlen einer erzieherischen Gegenwirkung die Psyche der Menschen auf die Dauer deformiert. Als Beispiel eines in jener Zeit vielleicht ganz normalen Unrechts kann die Behandlung der Hexen in Lippe dienen. Ihre Zahl – sie betrifft zwei Prozent der Einwohner Detmolds – ist erstaunlich hoch. So als würde man heute 26000 bis 28000 Einwohner Warschaus auf dem Scheiterhaufen verbrennen.
Eines Tages klaute der kleine Joseph seiner Mutter das Sofakissen und rutschte damit auf dem Hof ein Brett hinunter. Er wollte seine Hose schonen. Die Mutter versohlte ihn nach diesem Experiment so gründlich, dass er es zeit seines Lebens nicht vergaß.
Von da an war Joseph auf eine mustergültige Weise gehorsam und folgte den Eltern aufs Wort. In der Gefängniszelle, während unserer Gespräche über die Vergangenheit und unsere Kindheitsabenteuer, unterstrich Stroop immer wieder, dass die soldatische Disziplin seines Vaters und die Strenge der Mutter seinen Charakter geformt und ihn vor übermäßigem Individualismus bewahrt hätten.
»Befehl ist Befehl, Herr Moczarski! Die Mächtigen haben immer Recht« (er dachte wohl an seinen Vater, an den Fürsten zu Lippe und an Himmler), »und Gott ist auch dafür« (hier erinnerte er sich wahrscheinlich an seine frömmelnde Mutter und an Wotan).
Die nächsten Prügel, diesmal nicht mehr auf den Hintern, bekam er um die Weihnachtszeit, lange vor dem Ersten Weltkrieg.
Nach altem westfälisch-detmoldschem Brauch versteckten die Eltern Weihnachtsgeschenke in den Schuhen ihrer Kinder. Der aufgeregte Joseph stellte fest, dass seine Pantoffeln leer waren, weil sich sein Bruder das für ihn bestimmte Geschenk »ausgeliehen« hatte. Also verdrosch er ihn. Die Mutter erwischte die beiden Kinder mitten in der hitzigen Prügelei. Sein Bruder hatte eine blutige Wange, und Josephs Augen funkelten vor Wut. Die Mutter versetzte Joseph ein paar schallende Ohrfeigen. Als jedoch der Vater erschien, lobte er seinen blauäugigen Erben dafür, dass er den »Dieb« verprügelt hatte, obwohl sein Bruder der Schwächere war. Auf diese Weise weihte der Oberwachtmeister seine Kinder schon damals in die Methoden deutschen Handelns ein: »Mein Sohn, prügele deine Feinde ohne Mitleid und so fest du kannst, so wie ich die Feinde des Vaterlandes verprügelt habe und auch Knopf, diesen Habenichts aus dem Walddorf, als er versuchte, Frau Direktor Müller ein Huhn zu stehlen!«
Die Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen, gab ihrem Mann aber später Recht. Der Sohn hatte mit Hilfe des Vaters und Polizisten gesiegt. Und doch war die Mutter bedrückt. Vielleicht hatte sie bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal das stahlharte Aufblitzen in den Augen ihres Sohnes bemerkt.
Josephs Kindheit verlief vorwiegend fröhlich, obgleich nicht alle seine Wünsche in Erfüllung gingen. Der Vater hatte ein bescheidenes Einkommen, aber die Mutter wirtschaftete sparsam, so dass sie einigermaßen leben konnten. Dazu zeigten sich die Nachbarn in der Stadt und die Bittsteller vom Lande dem Polizeichef für Hilfe, Schutz und legale Begünstigung erkenntlich.
Schon frühzeitig erwachte in Joseph das Verlangen nach irdischen Gütern. Er sah die eleganten Damen und vornehmen Herren im Park des Fürsten. Frau S., die Gattin des Zigarren-Hoflieferanten, trug ständig Seidenkleider, Spitzen und Brillanten und besaß eine Kutsche. Sein Schulfreund Kurt W. hatte ein Pony, und Luise, die Tochter des Möbelfabrikanten, konnte so viel Schokolade essen, wie sie wollte.
Den größten Reichtum aber verkörperte für den kleinen Stroop ein stattlicher Landauer mit zwei weißen Pferden. Er vergaß nie den Anblick Seiner Hoheit, des Fürsten zu Lippe-Detmold, während einer Ausfahrt durch die Alleen des Schlossparks, wobei der Potentat huldvoll die Ergebenheitsbezeugungen seiner Untertanen entgegennahm. Ergriffen erzählte Stroop immer wieder, wie sich entlang des Weges die festlich gekleideten Beamten, Gutsbesitzer, Offiziere, Kaufleute und Pensionäre samt ihren Familien aufstellten. Die Herren verbeugten sich feierlich oder legten die Hand an die Mütze, wobei sie die Hacken zusammenschlugen. Die Damen, feierlichen Zeremonien ohnehin zugetan, knicksten tief, während sie ihre Röcke ausbreiteten. Und der Vater, Oberwachtmeister Stroop, hielt den Kleinen an der Hand und flüsterte:
»Sieh hin und vergiss nichts! Das ist unser Fürst, unser Herrscher. Bleibe ihm immer ergeben und gehorsam wie ich, mein Sohn!«
Und sie verbeugten sich tief und untertänig, die beiden Stroops.
Joseph schwor sich im tiefsten Herzen, »unserem« Herrn bis ans Lebensende treu zu dienen, und beschloss gleichzeitig, eines Tages näher in das Zentrum der Macht vorzudringen. Er hatte das bescheidene Haus an der Mühlenstraße satt und auch den mühsamen Fußdienst des Vaters. Er wollte ein Pferd besitzen, viel gutes Essen und in seinem künftigen Haus einen Salon. (Von einem Landgut träumte er damals noch nicht.)
Der Mutter tat es weh, dass sie, die Stroops, dem Schloss und dem Fürsten so nahe waren, und dennoch so weit von den »Spitzen der Gesellschaft« in der Stadt und im Umland entfernt. Denn dieses Umland machte sich oft in den Straßen Detmolds bemerkbar, mit einer Kette von Pferdekutschen, Einspännern, Fuhrwerken und Reitern. Die Stadt war dann voll von Gutsherren und schönen, eleganten Frauen. Die Kaufleute machten ihre tiefen Bücklinge, die Gehilfen und Lehrlinge trugen Pakete zu den Wagen und schnupperten die teuren Parfüms der adeligen Damen. In den Fenstern waren alle Sofakissen belegt. Und durch Detmold schwirrten Klatschgeschichten aus der feinen Welt.
Die allergrößte Verehrung aber genoss in Lippe die Uniform. In das gastliche Fürstentum kamen in Ruhestand lebende Bürger aus ganz Deutschland, darunter viele Militärs. Denn in Lippe-Detmold lebte man billig, das Klima war gut, und der nötige Respekt für einen Offiziersrang und Orden war auch vorhanden. Ich vermute, dass kein pensionierter General auf die Idee gekommen wäre, sich in Detmold niederzulassen. Für solche Persönlichkeiten war das Städtchen zu klein und zu langweilig. Auch Oberste waren sicher an den Fingern beider Hände abzuzählen. Aber angejahrte Majore, Hauptleute und Oberleutnants aus der Zeit von Sedan und etwas jüngere von der Kolonialarmee, den Husaren-, Ulanen-, Artillerie-, Jäger- und Infanterieregimentern gab es in Überzahl. Die ganze Stadt strömte zusammen, wenn sich diese Veteranen in ihren historischen Uniformen zu den Jubiläen, Jahrestagen und Zapfenstreichen bei Fackelschein und Musik versammelten. Väter, Frauen und Kinder erbauten sich an den militärischen Festreden und Auftritten, sie sangen das »Niederländische Dankgebet«, »Die Wacht am Rhein« und »Deutschland, Deutschland über alles«. So nahmen sie teil an der militärischen Vergangenheit des Landes und ihres Fürsten.
Die Wurzeln der Tradition reichten tief. Bei Detmold war es, wo Arminius-Hermann, Herzog des germanischen Stammes der Cherusker, im Jahre 9 n.Chr. die vieltausendköpfigen römischen Legionen unter Führung des Varus besiegt hatte.
»Die Cherusker, die tapfersten unter den Germanen, sind unsere Vorfahren«, verkündeten die Einwohner von Lippe, darunter auch Stroop. »Wir stammen von ihnen ab. Wir, das Kernland des Reiches im Teutoburger Wald!« Lippe war stolz auf diese teutonische Abstammung. Auch der Vater von Stroop (wobei er vergaß, dass er eigentlich aus Westfalen stammte), auch die Mutter, und stolz bis in die kurz geschorenen Haarspitzen war auch Joseph (Jürgen) Stroop. Schon in frühester Kindheit hatte er Hermann dem Cherusker und der germanischen Rasse die Treue geschworen, obwohl die rassistisch-germanischen Theorien damals noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hatten. Aber das Denkmal Hermann des Cheruskers erhob sich bereits über dem Fürstentum Lippe. Es formte die Seelen des »Herrenvolkes«, war ein Symbol Germaniens, Erinnerung und – wie Stroop sich ausdrückte – Mahnung für die Deutschen.
Mit dem Bau des Denkmals wurde im Jahre 1838 auf dem Hügel der Groteburg bei Detmold begonnen. Der Entwurf stammte von Ernst von Bandel, der wie Millionen Deutsche von der pangermanischen Idee durchdrungen war.
Bis zum Beginn des Krieges zwischen Preußen und Frankreich kam der Denkmalsbau nur schleppend voran. Bis dahin hatte man lediglich den 28 Meter hohen Sockel errichtet. Erst der Sieg Bismarcks über Frankreich und das Gold, das aus den Wiedergutmachungszahlungen der Franzosen floss, gestattete einen beschleunigten Weiterbau. Der Reichstag bewilligte 10000 Taler, Kaiser Wilhelm I. steuerte 9000 bei, auch der Eiserne Kanzler stellte einen Teil seiner Siegesprämien für die Niederschlagung Frankreichs zur Verfügung. Alle Fürsten, Grafen, Freiherren, Generale, alle Landjunker, Gutsbesitzer, Industrielle, Bankiers, Kaufleute und Bauern steuerten ihr Scherflein bei. Sie unterstützten mit Vorliebe Unternehmungen, die den deutschen Nationalismus stärkten. Besonders jetzt, da der Mythos Preußens, welches die Deutschen zum Sieg geführt und auch gezeigt hatte, wie dieser Sieg verwirklicht werden konnte, zum Symbol für eine treu preußische, alldeutsche und pangermanische Haltung geworden war.
Die Gestalt Hermann des Cheruskers (26 Meter hoch) wurde eilig aus Kupferblech gehämmert und auf den fertigen Sockel gehoben, und im Jahre 1875 wurde das 14-stöckige Denkmal höchst feierlich enthüllt. Kaiser Wilhelm I. war in Begleitung von Königen und deutschen Fürsten erschienen. Die Stadt lebte in einem nationalistischen Taumel, was ihr übrigens nicht schwerfiel.
Der riesige Hermann der Cherusker, mit einem sieben Meter langen, gen Himmel gereckten Schwert, fand seinen Standort auf der Teutoburger Anhöhe dank einer Initiative Detmolds, auf Wunsch der deutschen Führung und mit Hilfe des Goldes, das den Franzosen abgenommen worden war.
Der Cherusker fand sich auch in den Kontenbüchern des Fürsten zu Lippe wieder, der seine feudal-herrschaftliche Position mit den neuen Errungenschaften des Industrie- und Handelskapitalismus zu verbinden trachtete. Der Fürst war gewiss der Meinung, dass »die Macht des Geldes hundertfach größer ist als die des Schwertes ... von Hermann dem Cherusker«, um ein altes chinesisches Sprichwort leicht abzuwandeln – und er sorgte dafür, dass die Pfennigbeträge für die Denkmalsbesichtigung in seine Kassen flossen, wie Stroop mir in der Zelle berichtete. Das Denkmal selbst war schlau konstruiert. Um unmittelbar vor der Gestalt des Arminius zu stehen, musste der patriotische Pilger über Treppen, die durch das Innere des Baus führen, eine Terrasse betreten, von der sich ein weiter Ausblick auf urdeutsches Land bot. Für den Zutritt zu den Knien des Cherusker-Herzogs musste ein Beitrag an den amtierenden Fürsten zu Lippe entrichtet werden. Diese mühelos erworbenen Einnahmen konnte Stroop seinem Herrn nicht verzeihen.
»Sagen Sie doch selbst, Herr Moczarski, ist es patriotisch, Geld von jenen zu verlangen, die zum Denkmal des großen Germanen gepilgert waren, um ihr Nationalgefühl zu stärken?«
»Eine solche architektonische Konstruktion des Denkmals«, bemerkte ich, »erfordert Aufsicht und Pflege. Der Fürst war für das Denkmal verantwortlich, also musste er Abgaben für die Instandhaltung einziehen.« »Er bezahlte nicht nur die Renovierungskosten, sondern verdiente jahrelang an dem Denkmal. Ich weiß das von meinem Vater.«
Kehren wir noch einmal zum Geld der Franzosen zurück, mit dem das Cherusker-Denkmal erbaut wurde. Denn bereits zum zweiten Mal machten sich die Bürger von Lippe Gold aus Frankreich zunutze, das ihnen die Kriegskonjunktur beschert hatte.
Schon 1759 machten sie im Detmolder Schloss klingende Kriegsbeute, die auf eine Million Gulden geschätzt wurde. Es war das Vermögen größerer französischer Militäreinheiten, deren Generäle nach der Schlacht von Minden im Schloss von Detmold Schutz gesucht hatten, bevor man sie dort wieder hinauswarf.
Ich bin Journalist und kein Historiker. Daher kann ich mir die sehr wahrscheinliche Annahme gestatten, dass diese Million den Herrscher von Lippe und seine Armee (ein Bataillon!) so faszinierte, dass das im Siebenjährigen Krieg bis dahin neutrale Heer alle seine Neutralität vergaß und, als der Feind geschwächt war, das Schloss mitsamt den Gulden in seine Gewalt brachte.
In dieser Überzeugung bestärkt mich der Direktor des Archivs von Detmold, Dr. Erich Kittel, der in einem historischen Abriss der Stadt schreibt, dass nicht das Vermögen des französischen Heeres, sondern ein umfangreicher Generalstross im Wert von einer Million Gulden von »den mit den Preußen vereinten Einheiten« erobert wurde. Um welche »Einheiten« mag es dem Archivar aus Detmold wohl gehen, wenn er vergisst, ihre Nationalität zu erwähnen? Doch wohl um die an Ort und Stelle ansässigen, geldhungrigen Krieger von Lippe und ihren obersten Chef und Fürsten? Sie waren kampflos zu Geld gekommen! Man kann die Geschicklichkeit derer von Lippe-Detmold sowohl in Friedens- als auch in Kriegszeiten nur bewundern.
Ihre Schlauheit und ihre Wirklichkeitsnähe imponierten Stroop ungemein.
Joseph Stroop gehörte nicht zu den begabten Schülern, obwohl die Mutter, die in ihm gern die Verwirklichung ihrer Träume gesehen hätte, die Ansicht verbreitete, er sei ein gescheiter und begabter Junge. Er war gründlich, fleißig, pedantisch sauber, immer glatt gekämmt und hatte eine schöne Handschrift, obwohl man ihm das Alphabet erst spät beigebracht hatte. Mit Vorliebe zeichnete und malte er Parolen, Eichenlaubgirlanden und Waffen. Ich merkte schnell, dass er die deutsche Literatur überhaupt nicht kannte, nicht einmal das, was man in der Schule mitbekommt. Für banale Schrifterzeugnisse empfänglich, verachtete er seine Altersgenossen, die intellektuelle Begabung oder Interesse für humanistisches Gedankengut verrieten. (»Bücherwürmer und Talmudisten« nannte er sie in unseren Zellengesprächen.) Er schwärmte für körperliche Kraft, Pferde- und Sattelgeruch. Uniformen und militärische Rüstungen zogen ihn unwiderstehlich an, dazu Auszeichnungen, Orden, Rangabzeichen und äußerer Drill.
Moralischer und körperlicher Mut dagegen gehörten nicht unbedingt zu seinen Vorzügen. Wir unterhielten uns einmal in der Zelle über Angst, Furcht und Grauen. Schielke hatte man gerade zur Gefängnisverwaltung gerufen. Stroop schien gelockerter und irgendwie ehrlicher als sonst. Er sprach von seinen Flegeljahren und erzählte, wie er vor Angst geschwitzt hatte, als er mit einigen Jungen über die aus dem Wasser ragenden Steine eines Gebirgsflusses springen sollte. Und als er von seinen Schulerlebnissen sprach, erwähnte er, dass es ihm unmöglich gewesen sei, dem Befehl eines Lehrers (eines ehemaligen Offiziers) zu widersprechen, der von ihm den Namen eines Schulfreundes verlangte, welcher dem Lehrer einen Streich gespielt hatte. Stroop verriet den Kameraden. Der Übeltäter wurde daraufhin ziemlich streng bestraft. Den Äußerungen Stroops konnte man entnehmen, dass er es grundsätzlich für falsch hielt, sich gegen einen Vorgesetzten aufzulehnen. Vor allem, so schien mir, fürchtete er sich vor dem Lehrer-Feldwebel. Seinen Schullehrern war er übermäßig ergeben. Das führte zu Schwierigkeiten mit einem kleinen Teil seiner Schulkameraden.
Die Mutter kannte ganz Detmold. Noch bevor sie den Oberwachtmeister Konrad heiratete, war sie häufig dem Fürsten begegnet, der mit vielen Bewohnern seines Fürstentums, den Beamten und deren Familien, unmittelbaren Kontakt pflegte. Der Fürst mochte Käthe Stroop, die loyal, ansehnlich und hübsch war. Ihr Aussehen hatte sie offensichtlich auf ihren Sohn vererbt. Obgleich er feingliedrig war, wirkte der Junge sehr männlich. Schon als Kind und später als junger Mann überragte er seine Altersgenossen um Haupteslänge. Er war 1,82 cm groß.
Die Volksschule besuchte er in Detmold, anschließend begann er am 1. April 1910 in der Steuerabteilung des Katasteramtes zu
