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Leben ist kein Wunschkonzert
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eBook423 Seiten4 Stunden

Leben ist kein Wunschkonzert

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Über dieses E-Book

Hier berichtet Heinz Siebeneicher über sein Leben, das nicht immer ein Wunschkonzert war, über seine Kindheit im Berlin der Kriegs- und Nachkriegsjahre zwischen Ost und West, über seinen Beruf bei der Post und über seine Berufung, über Träume, Sehnsüchte und Realitäten. Er erzählt von seinem Weg zum und im Rundfunk, er schreibt über Fernsehen, Fans und Chefs, über Kolleginnen und Kollegen, und er berichtet von einem Leben zwischen Nachrichten und "gefährlichen Moderationen", zwischen lockeren Sprüchen und Intrigen. Dazu plaudert er über öffentliche Auftritte sowie bekannte und beliebte Sendungen - unter anderem "Vom Telefon zum Mikrofon", "Wunschkonzert" oder "Fröhlicher Alltag". Aber in diesem Buch lernt der Leser nicht nur das "Radio-Urgestein" kennen, sondern auch die innersten Gedanken und die tiefsten Gefühle des Menschen Heinz Siebeneicher, nachdem das Kamera-Rotlicht erloschen und das Mikrofon ausgeschaltet ist.
SpracheDeutsch
HerausgeberAquensis Verlag Pressebüro Baden-Baden GmbH
Erscheinungsdatum31. Jan. 2013
ISBN9783954570133
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    Buchvorschau

    Leben ist kein Wunschkonzert - Heinz Siebeneicher

    Heinz Siebeneicher

    Leben ist kein Wunschkonzert

    Erinnerungen eines Radio-Urgesteins –

    viel mehr als „Vom Telefon zum Mikrofon"

    und „Fröhlicher Alltag".

    AQUENSIS

    Menschen

    Impressum

    Heinz Siebeneicher: Leben ist kein Wunschkonzert

    Copyright by AQUENSIS Verlag Pressebüro Baden-Baden GmbH 2009

    1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH

    Alle Rechte vorbehalten. Jede Verbreitung, auch durch Film, Funk, Fernsehen, photomechanische Wiedergabe jeder Art, elektronische Daten, im Internet, auszugsweiser Nachruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsunterlagen aller Art ist verboten.

    ISBN 9783954570140

    www.aquensis-verlag.de

    www.baden-baden-shop.de

    In diesem Buch...

    ...berichtet Heinz Siebeneicher über sein Leben, das nicht immer ein Wunschkonzert war, über seine Kindheit im Berlin der Kriegs- und Nachkriegsjahre, zwischen Ost und West, über seinen Beruf bei der Post und über seine Berufung, über Träume, Sehnsüchte und Realitäten. Er erzählt von seinem Weg zum und im Rundfunk, er schreibt über Fernsehen, Fans, Chefs und über Kolleginnen und Kollegen, und er berichtet von einem Leben zwischen Nachrichten und „gefährlichen Moderationen, zwischen lockeren Sprüchen und Intrigen. Dazu plaudert er über öffentliche Auftritte sowie bekannte und beliebten Sendungen – unter anderem „Vom Telefon zum Mikrofon, „Wunschkonzert oder „Fröhlicher Alltag. Aber in diesem Buch lernt der Leser nicht nur das „Radio-Urgestein" kennen, sondern auch die innersten Gedanken und die tiefsten Gefühle des Menschen Heinz Siebeneicher, nachdem das Kamera-Rotlicht erloschen und das Mikrofon aus ist.

    Zeit für Kaffee und Kuchen. Die Terrasse des Kurhauses in Baden-Baden ist gut besucht. Heinz Siebeneicher ist mit dem Fahrrad unterwegs und wie immer sehr pünktlich, keine Spur von Überheblichkeit oder Allüren. Ein Gast wie jeder andere. Beinahe jedenfalls, wie sich gleich herausstellen wird.

    Denn kaum hat er Platz genommen in einer ruhigen Ecke der Terrasse ist er, der personifizierte „Fröhliche Alltag" im Radio-Programm von SWR 4 und im Südwest-Fernsehen, von allen gefangen genommen.

    Da ist zunächst das freundliche Geplauder mit der Bedienung, die in vertraulich-freundlichem Ton nach seinen Wünschen fragt, die letzten, unsichtbaren Krümel von der Tischdecke wischt, das kleine Gläser-Arrangement zurecht rückt und Siebeneichers gestrige Sendung als „wirklich schön und mit so toller Musik beurteilt. Der Moderator bedankt sich artig, charmant und macht ihr überdies ein Kompliment: „Wie adrett sie heute wieder aussieht, sagt er wie vertraulich zu seinem Gegenüber und doch gezielt für die Ohren der Bedienung bestimmt. „Ach Herr Siebeneicher...", seufzt die Dame, freut sich bis hin zum leichten Erröten über diese persönliche Bemerkung aus berühmtem Mund und eilt in die Küche.

    Da eilt schon die Restaurant-Chefin herbei, wischt unbarmherzig die allerletzten, unsichtbaren Krümel von der Tischdecke, rückt das kleine Gläser-Arrangement noch mehr zurecht, glättet eine unsichtbare Falte in der Tischdecke und lässt sich nur zu gerne in ein Gespräch mit dem populären Gast ein.

    Jetzt endlich ist das Ehepaar zwei Tische weiter an der Reihe. „Das ist doch..., flüstert nach einem intensiven Seitenblick die Dame mittleren Alters ihrem Mann zu. „Könnte sein..., antwortet der mit einem prüfenden Blick auf das Subjekt der Begierde. „Die Stimme... natürlich, „ja, jetzt wo du’s sagst, „wenn ich das Margit erzähle. Soll ich ihn...? Ihren ganzen Mut zusammennehmend steht sie auf und tritt mit einem triumphierenden Lächeln an den Tisch des Moderators: „Sie sind doch der Herr Siebeneicher..., sagt sie in leichtem schwäbischen Dialekt und in einem Tonfall, als handele es sich um ihren ganz persönlichen Rundfunk-Moderator.

    „Ja bin ich. Hören Sie denn ab und zu meine Sendung? Gestik, Mimik und der Klang seiner Stimme vermitteln eindeutig den Eindruck, als habe Heinz Siebeneicher geradezu darauf gewartet, von dieser Dame angesprochen zu werden. „Freilich, sagt sie, „wir hören Sie jeden Tag, wenn wir daheim sind. Das ist eine tolle Sendung. Und im Fernsehen auch. „Das freut mich. Kann ich was für Sie spielen?. Die Dame ist überrascht und grenzenlos begeistert. „Sagen Sie mir nur, welche Musik und für wen. „Was soll ich sagen? Ich würd‘ gerne irgendwas von Gotthilf Fischer hören. Oder? Für meine Tochter Annette, wissen Sie, die studiert in Freiburg.... Während er den Namen der Mutter und der zu grüßenden Tochter sowie den Musikwunsch auf einen Bierdeckel notiert, kehrt die Dame triumphierend zu ihrem Mann zurück, wird noch ein bisschen mutiger und ruft von Tisch zu Tisch und fällt dabei immer mehr in den schwäbischen Dialekt: „Saget Sie mal Herr Siebeneicher, habet’se ihre Frau Wääber heut net dabei?"

    „Nein, leider nicht; Frau Wääber ist zu Hause und macht d‘Kehrwoch. Da staunt die Hörerin: „Sie wisset, was d’Kehrwoch isch? Des isch doch was ganz was Schwäbisches! Heinz Siebeneicher lächelt: „Natürlich weiß ich das, meine Mutter hat schließlich in Heidenheim gewohnt."

    „Ach was? Do guck noa. Hätt’sch du des denkt, Wolfgang, der Herr Siebeneicher aus Heidenheim? An seiner Stimme hört mer des aber garnet!"

    Der Berliner Junge Heinz Siebeneicher ein halber Schwabe? Hat eine der sieben Eichen ihre Wurzeln im Württembergischen?

    AQUENSIS Verlag

    Für meine Familie

    Inhaltsverzeichnis

    Cover

    Titel

    Impressum

    Vorwort

    Widmung

    Um es gleich vorweg zu sagen...

    Da komm ich her

    Mit dem Ende fängt’s an

    Das Studio unterm Tisch und ein sturer Opa

    Mein Hundeleben mit fünf Katzen

    Aber Frieden gab’s kaum in Schulzendorf

    Einmal Schlaraffenland und zurück

    In alle Winde verweht

    „Willste mitmachen?"

    Will mich denn keiner sprechen lassen?

    „Heil Moskau" und die schlimmsten Prügel meines Lebens

    Der Krieg ist aus, die Russen kommen

    Verschlungene Wege

    Warum nicht wie Klaus-Peter?

    Wenn es knirscht in der Liebe

    Elmer B.

    Ostwärts lockt die Liebe

    Wenn es funkt beim Sprechen…

    Keine Liebe war es nicht

    Ich werde nie wieder lachen

    Menschentypen

    Ohne Netz und doppelten Boden

    Oh! Wieder mal entgleist!

    Jubelrufe und bitterböse Briefe

    Freundschaft

    Hallo!! Hört mich denn keiner?

    „Vom Telefon zum Mikrofon"

    Vom Radio zum Fernsehen

    Von Radio zu Radio

    Fröhlicher Alltag

    Woher, wohin, warum?

    Radiostar Siebeneicher: Herzinfarkt!

    Zwei Frauen, dreimal geheiratet

    An meine nachfolgenden Generationen

    Und jetzt?

    Nachtrag

    weitere Werke

    Um es gleich vorweg zu sagen...

    ... ich halte weder mich noch mein Leben für so beispielhaft, dass andere einen Nachahmungstrieb entwickeln sollten. Es ist auch nicht so bedeutend, dass die Welt darüber ein Buch mit Geschichten erwarten müsse.

    Dennoch gab es Gründe, die Feder in die Hand genommen zu haben.

    Meine Familie wird mich an manchen Stellen so nicht wiedererkennen und Entscheidungen anders getroffen haben.

    Geschichte soll im Folgenden in zweifachem Sinne verstanden werden: Geschichte als Historie im Sinne einer schnörkellosen Berichterstattung und Geschichte als Erinnerungswerkstatt von erlebten Ereignissen aus Sicht des Betroffenen.

    Keinesfalls aber als Sammelsurium erfundener, schöner oder schlimmer Unwahrheiten.

    Also ein schwieriges Unterfangen, denn bei allem sollen meine Gedanken das Gefühlsbild und das Geschichtsbild subjektiv abrunden.

    Viele Episoden, die ich hier beschreibe, haben sich mir so wie geschildert dargestellt.

    Dabei kann es auch sehr gut sein, dass ich den Ereignissen und Personen Farben zugewiesen habe, die manchmal zu matt oder zu grell der wirklichen Nuance nicht entsprechen. Es gibt keine Wahrheit, die uns nicht gefiltert, gekürzt, verbogen, zu laut oder zu leise erreicht.

    Wir fügen als Leser neben unserer eigenen Farbenpalette noch die Lupensicht hinzu und sind verwundert über das gebotene Zerrbild.

    Die Frage, ob rein private Erlebnisse mit Mitgliedern der eigenen Familie Interesse bei Nichtbetroffenen wecken kann, ist die eigentliche Spannung in diesem Buch.

    Parallelen werden gesehen, beschriebene Ereignisse mit den Aufzeichnungen der Geschichtsbücher verglichen und die eigene Erfahrung hinzugefügt.

    Über manches wird man nur staunen können, anderes wird abschrecken. Doch irgendwo verstecken sich große und kleine Freuden.

    Gehen Sie auf die Suche danach. Diskutieren Sie mit Ihren Enkeln, und überspringen Sie dabei gewagte Unzulänglichkeiten. Mit wem haben Sie Mitleid, wem geben Sie Recht, was können wir aus dem Gebotenen lernen?

    Vergnügen wünsche ich Ihnen dabei nicht. Sollten Sie es dennoch finden, sind Sie schon viel weiter als ich.

    Ihr

    Heinz Siebeneicher

    „Über manches in diesem Buch und in meinem Leben wird man nur staunen können, anderes wird abschrecken. Doch irgendwo verstecken sich große und kleine Freuden. Gehen Sie auf die Suche danach. Diskutieren Sie und überspringen Sie dabei gewagte Unzulänglichkeiten. Mit wem haben Sie Mitleid, wem geben Sie Recht und was können wir aus dem Gebotenen lernen?" HS

    Da komm ich her

    In diesem Buch werden Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, viele Personen begegnen, die mein Leben auf die eine oder andere Weise beeinflusst haben. Manche Namen werden Sie kennen und viele werden Sie auf den folgenden Seiten kennen lernen. Vor allem die Familie von Heinz Siebeneicher.

    Die Großeltern mütterlicherseits

    Justin Siebeneicher und Elisabeth, geb. Gau

    mit den Kindern Elsbeth und Frieda

    Die Großeltern väterlicherseits

    Leonhard Zipperer und Marie, geb. Hacker

    mit den Kindern Eugen und Lotte

    Die Eltern

    Eugen und Elsbeth Zipperer, geb. Siebeneicher

    und ihr einziges Kind Heinz

    Die Tanten

    Lotte heiratet Willi Schoenebeck,sie haben keine Kinder.

    Frieda heiratet Otto Schmäske, auch diese Ehe bleibt kinderlos.

    Der Schulfreund

    Fritze Schukat, Kenner der Interna von Heinz, seit seiner Pensionierung Hobby-Journalist, Co-Redakteur einer Seniorenzeitschrift und Moderator der Norderstedter Erinnerungswerkstatt „Senioren schreiben als Zeitzeugen ihr Leben auf".

    Heinz

    wird am 15. Januar 1935 in Berlin geboren. Er wohnt mit seinem Eltern Eugen und Elsbeth und den Großeltern Leonhard und Marie in Schulzendorf, einem ruhigen Vorort südöstlich von Berlin.

    – Heinz geht von 1941 bis 1948 im Nachbarort Eichwalde auf die Einheitsschule

    – wechselt 1948 auf das Gymnasium in Berlin-West, absolviert dort 1955 das Abitur

    – tritt 1955 in den Dienst der deutschen Bundespost ein und ist 1966 zum ersten Mal im Rundfunk zu hören

    – nimmt 1966 den Geburtsnamen seiner Mutter Siebeneicher als Künstlernamen an

    – heiratet 1970 Brigitte. Sie haben zwei Kinder: Melanie und Jan

    – 1977 Scheidung von seiner Frau Brigitte, die er 1978 noch einmal heiratet

    – 1985 erneut Scheidung

    – heiratet 1988 Waltraud, geb. Weingärtner. Waltraud bringt zwei Kinder mit in die Ehe: Nadja und Tanja.

    Mit dem Ende fängt’s an

    Nach einer Kunstpause von 22 Sekunden hub er zu sprechen an. Es sollte eine klagende Philippika gegen den Ungeist der Menschheit werden, es wurde eine klägliche zur Beerdigung meines Vaters.

    Die Rede bestand aus Textbausteinen, die der Pfarrer auswendig gelernt und so aufgebaut hatte, dass er sie nach Bedarf umstellen konnte. An vorgesehenen Freiplätzen war nur der Name des Hingeschiedenen einzufügen. So leierte er die Bausteine gekonnt herunter. An der Stelle vom „anbefohlenen Ratschluss des Allmächtigen erhellte sich sein Gesicht für einen kurzen Augenblick, er muss an das folgende Mittagessen gedacht haben, das seine Köchin zu Hause schon bereitet hatte. Die Frage war: Klöße oder Speckpfannkuchen? Bei „Klöße verfinsterte sich sein Blick sofort wieder, denn Semmelknödeln und Ähnliches mochte er ums Verrecken nicht. Außerdem war jetzt gerade Baustein „Sünder" an der Reihe, die wir alle allzumal sind.

    Der Sündenfall war da: Der Herr Pfarrer hatte nämlich vergessen, den Namen des Verstorbenen an der richtigen Stelle einzufügen, was zu einiger bedeckter Unruhe bei den Trauergästen führte. Das konnte nur bei „Speckpfannkuchen" passiert sein, denn auf die freute er sich mächtig.

    Er blätterte schnell zurück, kniff die Augen zusammen – er war weitsichtig und verhaspelte sich bei dem Namen des Verstorbenen, der tatsächlich schwer auszusprechen war.

    Persönliches zu dem Toten fiel ihm nicht ein. „Wir stehen doch alle gleich vor unserem Schöpfer, ein jeglicher so wie sein beladener Nächster."

    Die hölzernen Sitzreihen der Einsegnungshalle boten Platz für 300 Personen. Die meist abgewetzten verbrauchten Sitzbänke waren unbequem, nicht zum Ausruhen geeignet. Der Raum war halb gefüllt, roch nach Gärtnerei und Frühbeet und schien jedes Hüsteln zu verstärken. Das unentwegte Scharren mit den Schuhen auf der rauen Zementplatte schadete den traurigen Worten wenig, die wir nun endlich erwarteten.

    Es war das typische Umfeld einer Trauerfeier. Schwarze Tücher rechts und links sollten dem Raum Würde verleihen, verdeckten aber nur den bröckelnden und rissigen Putz an den gekalkten Wänden. Jede optimistische Weltbetrachtung wäre in dieser Atmosphäre erstickt.

    Ganz vorne stand der blumenumkränzte Sarg. Auf Schleifen zwischen Gestecken und Sträußen stand das Übliche aus dem kargen Archiv der Beerdigungsfirma:

    „Ruhe sanft, „In bleibender Erinnerung, „Als letzten Gruß, „...werden wir stets in Achtung und Gedenken bewahren.

    „Die Kollegen, Die Freunde, „Dein Sohn, „Deine Frau.

    Sogar der Chef meines Vaters, Herr Schult, war gekommen. Das war der „scharfe Hund, wie mein Vater immer sagte, der die Mitarbeiter knechtete, sogar nachts aus dem Bett trommelte und bei jeder Kleinigkeit mit Rausschmiss und Entlassung drohte. „In ehrender Bewunderung war sein Beitrag.

    Jetzt schritt der Herr Pfarrer die erste Reihe ab, Händedruck, Beileid.

    Und dann die Rede. Jeder kannte sie schon.

    Ich dachte an den Tod meiner Mutter, die vor elf Jahren, 1967, beim Kuraufenthalt in Ottobeuren an Lungenembolie verstorben war.

    Sie benachrichtigten mich damals während einer fröhlichen Unterhaltungssendung, die ich zu moderieren hatte. Nach der vorletzten Pointe rief man mich ans Telefon. Nach der letzten reiste ich ab.

    Die Beerdigung war in Heidenheim an der Brenz, wo meine Mutter zuletzt Arbeitsstelle und Heimat gefunden hatte. Ich war allein, stand in der Leichenhalle dort, wo Mutter aufgebahrt war. Schräg, dass man sie besser sehen konnte in der abgedunkelten Halle. Sie sah blass und zerfurcht aus, resignierend mit geschlossenen Augen. Als wollte sie sagen: „...das war ein Leben!"

    Mein Vater war ohne Ankündigung aus Wolfsburg zur Trauerfeier erschienen. Das Traurigste war, dass er nicht trauern konnte.

    Mutter hätte ihn nicht erkannt, nach 17 Jahren Trennung wäre er ihr fremd gewesen.

    Das Studio unterm Tisch und ein sturer Opa

    So muss es gewesen sein: Durch irgendeinen genetischen Umstand oder durch das leichte Eingreifen des unergründlichen Schicksals wachte ich eines Tages auf – ich war vielleicht neun oder zehn Jahre alt – und spürte meine Faszination zum Rundfunk. An allem, was und wie gesendet wurde, aber auch an allem, was die Rundfunktechnik zu bieten hatte.

    Rundfunk war in unserer Familie etwas Alltägliches. Wir hatten mehrere Geräte, einen Volksempfänger, ein großes Telefunken-Radiogerät mit Mittel-, Lang- und Kurzwelle. UKW (oder FM) gab es zu jener Zeit noch nicht. Aber 1945, als die Russen in Berlin einmarschierten, mussten meine Eltern alle Rundfunkgeräte abgeben und durften sich – als die Russen wohl zuviel davon hatten – etwas später wieder ein Gerät abholen. Ein anderes.

    Die Russen und deren Statthalter nahmen so etwas nicht genau. Es war eine ungewöhnliche, erschreckende Zeit, von der noch zu berichten ist.

    Berlin war dennoch die ideale „Spielwiese für einen rundfunkbegeisterten Jungen. Gleich nach Kriegsende wurde hier ein Rundfunksender eingerichtet, der „DIAS – „Drahtfunk im amerikanischen Sektor, der wenig später in „Rundfunk im amerikanischen Sektor umbenannt wurde und bis zum Jahr 1993 sendete.

    Das war meine Welt! Das wollte ich verstehen, nachmachen, mitmachen und natürlich selbst senden!

    Der erste Schritt auf meinem Weg in die Welt des Rundfunks war der Eigenbau meines ersten Detektors. Das ist ein einfaches Gerät, mit dem über Kopfhörer Radio gehört werden kann, ohne Batterie und Netzanschluss.

    Also besorgte ich mir die nötigen Kleinigkeiten: Einen Kristall und eine Fühlnadel (Gleichrichter), wickelte aus Kupferdraht eine Spule, schaute mir die Schaltung irgendwo ab und konnte dann endlich RIAS-Berlin bei uns im Wohnzimmer in Schulzendorf hören. In einer lausigen Qualität mit enormen Störgeräuschen – aber immerhin, es klappte. Das Prinzip funktioniert natürlich auch heute noch, auch wenn sich kein Mensch und schon gar nicht ein zehnjähriger Junge die Mühe machen würde, so etwas zu bauen. Dafür gibt es heute Stereo-Receiver, Internet-Radio, Disc-Man, I-Pod, digitales Fernsehen und Play-Station.

    Das alles war damals noch fern. Ich hatte ja meinen Empfänger, mit dem ich auch nachts unter der Bettdecke Radio hören konnte.

    Das gab meiner, damals noch recht diffusen Sehnsucht, „irgendetwas mit Rundfunk zu machen", enormen Auftrieb. Ich hatte meinen Traum entdeckt.

    Mein Denken und Trachten drehte sich immer mehr um den Rundfunk. Natürlich versuchte ich meine Spielkameraden mit dieser Begeisterung anzustecken. Allen voran meinen Freund Udo Kisse, den es für mich zu überzeugen und zu interessieren galt.

    Udo spielte mit. Und Udos zwei Jahre jüngere Schwester Christel musste mitspielen.

    Wir trugen zusammen, was nur irgendwie nach Rundfunk aussah: Das Aufzieh-Grammophon und einige Schellack-Schallplatten von Udos Vater, zwei Haarbürsten als Mikrofone, der Platz unter dem großen Tisch im Wohnzimmer als Studio mit einer Decke drüber, und Christel musste sich still davor setzen. Sie war unser Publikum draußen an den Rundfunkgeräten und musste sich unser Programm anhören.

    Udo und ich spielten Rundfunk ohne Draht.

    „Hier ist RIAS- Berlin, eine freie Stimme der freien Welt. Sie hören jetzt Tanzmusik".

    Das waren die Worte meiner allerersten Moderation. Ich war 13 Jahre alt, saß in Schulzendorf unter dem Tisch im Wohnzimmer, sprach in eine Haarbürste und wusste, dass mir „draußen" jemand zuhörte. Und wenn es nur Udos kleine Schwester war.

    Dann legte ich eine Schellackplatte mit dem Orchester Willi Stanke auf. Dann Kutte Widmann.

    Unser Musikprogramm hielt sich in Grenzen. Wir spielten die wenigen Schallplatten, die wir hatten, rauf und runter: Orchester Willi Stanke, Orchester Willi Berking, Horst Kudritzki, Ilse Werner, Zarah Leander… Natürlich immer wieder unterbrochen von unseren Ansagen und dem nötigen Aufziehen des Grammophon- Motors.

    Zusätzliche Spannung bekamen unsere Rundfunkspiele durch die tatsächliche Rundfunksituation im Berlin jener Zeit: West- und Ostberlin bekämpften sich in diesen Jahren, in denen der Krieg, Gott sei Dank, vorüber war, der Kalte Krieg aber gerade begonnen hatte. Natürlich auch über die Ätherwellen. Hier RIAS- Berlin mit Sendungen wie „Aus der Zone, für die Zone" und dort Sendungen mit ähnlichem Inhalt, aber natürlich völlig anderer ideologischer Ausrichtung. Zwei Radionetzwerke in einem Berlin. Beide in Weltanschauung und Informationsfreiheit diametral entgegengesetzt, und beide taten so, als würden die Ostberliner der russenhörigen Ideologie zu 99,9 Prozent folgen und die im Westen ihrer freiheitlichen. Ich brauche nicht zu ergänzen, wer von beiden in Wirklichkeit Vertrauen genoss.

    Im Sowjetsektor waren der „Berliner Rundfunk (Ost) und der „Deutschlandsender (Ost) stationiert (Beispiel: „Die aktuelle Ätherwelle, dem späteren „Schwarzen Kanal ziemlich ähnlich). Im Westen gab es den „NWDR-Berlin, den späteren „SFB, den späteren „ORB, den späteren RBB) und RIAS-Berlin, nach der deutschen Wiedervereinigung aufgelöst und als „Deutschlandradio Kultur (West) mit der „Stimme der DDR (Ost) weitergeführt.

    Diesen Wirrwarr von politischer Berieselung aus dem Äther unmissverständlich aufzulösen, war damals auch für den Geübten keine leichte Aufgabe.

    Die Schwierigkeit, die geschickt platzierte politische Propaganda zu orten und zu unterscheiden, spiegelte sich auch in unserem Spiel wider. Einmal vertrat Udo den Ostsender, ich den Westsender und dann wieder umgekehrt. Wer „Ost war, konnte im Stile Karl-Eduard von Schnitzlers agieren! Wer „West war, räumte auf mit der Weltrevolution und der Irrlehre der sozialistischen Überlegenheit.

    Der Ostmann hatte es leichter, konnte er doch gleich draußen vor der Haustür den Segen der Planwirtschaft am eigenen Leibe fühlen.

    Es gab noch Lebensmittelkarten und leere Regale, es gab noch Hunger und Sorge um die Zukunft.

    So entwickelte sich bei mir die Faszination für den Rundfunk als Informations- und auch als Unterhaltungsmedium immer weiter und sollte eines Tages zur Vollendung gelangen.

    Mein Hundeleben mit fünf Katzen

    Rundfunk und alles, was damit zusammenhängt, ist eine meiner beherrschenden Kindheitserinnerungen. Drei andere Themen aus meiner frühen Wahrnehmung haben sich über die Jahre in meinen Gedanken und Gefühlen ebenso bewährt und gehalten. Gemeint ist die Erinnerung an meinen Großvater und an die beiden Hunde Türas und Pussy. Dabei vervollständigten sich die Erinnerungsfetzen erst viel später zu einigermaßen deutlichen Bildern. Meine Mutter sprach viel darüber und half mir damit, die Abläufe zu ordnen. Als ich etwa 16, 18 Jahre alt war, schilderte sie meine Entwicklungsgeschichte ausführlich und unermüdlich und vergaß dabei nie meine selbst gewählte Nähe zu Tieren. Der liebe Gott muss mir wohl eine latente Sorge und Zuneigung um und für Tiere mitgegeben haben. Das war früher schon so und ist bis heute so geblieben. Zum einen leben in unserem Haus fünf Katzen, die wir alle in erbärmlichem Zustand aufgenommen und aufgepäppelt hatten, und die jetzt einen Zustand genießen, den sie selbst wohl als Katzenhimmel auf Erden bezeichnen würden, sieht man einmal davon ab, dass wir ihnen den Drang zum anderen Geschlecht durch Kastration aus gutem Grund genommen haben. Dazu lebt in unserem Hause ein schäferhundähnliches Prachtexemplar, das stündlich und täglich den Begriff Treue ausführlich vorlebt.

    ***

    In der Nachkriegszeit war die Kleintierhaltung reglementiert. Jeder Bürger durfte maximal ein Huhn halten. Bei Überschreitung dieser Höchstgrenze hätte die „Überproduktion" abgeliefert werden müssen. Damals schon war der Staat ein gefräßiges Untier, das sich mit Kontrollen und Strafandrohung blendend zu ernähren wusste.

    Wir hatten vier Hühner: Für Oma, Mutter, Vater und für mich je eines. Alle vier Wochen kam der Viehzähler. Der musste feststellen, ob jemand illegal zusätzliches Geflügel in seinem Haus oder Grundstück hielt.

    Die Legeleistung der vorhandenen Hühner musste also möglichst hoch und von jedem einzelnen Huhn nachgewiesen sein. Zur Unterscheidung hatte Vater unsere Hühner mit verschiedenen Zahlenringen am Hühnerfuß ausgestattet. Kam dem Huhn der Legedrang, standen ihm Fallnester zur Verfügung, in die das Tier das Ei zu legen hatte.

    Das Huhn drückte beim Besuch des Nestes eine Klappe hoch, die kurz danach wieder herunterfiel und so dem Tier den freien Ausgang verwehrte. Wir konnten damit kontrollieren, welches Huhn wie viele Eier legte, wofür im Küchenschrank eine Liste vorbereitet war.

    Hühner pflegen sich durch Gackern bemerkbar zu machen, wenn sie ein Ei gelegt haben. Es war also Pflicht bei uns, bei jedem Gackern den Stall aufzusuchen, das Ei zu entnehmen und dabei das Huhn zu befreien und das Protokoll in der Küche zu vervollständigen.

    Ich weiß bis heute nicht, warum die Hühner freiwillig die Legefalle aufsuchten, sie hätten auch an jeder anderen freien Stelle des Hühnerhofes ihr Ei ablegen können. Ließ die nachgewiesene Eierproduktion nach, wurde das faule Huhn rücksichtslos dem Kochtopf zugeführt. Für mich ein ungerechtes, grausames Verfahren, vor dem ich alle unsere Hühner gern geschützt hätte, aber Vater war auch hier der Stärkere.

    Aus unserem Hühnerbestand war ein Tier mit dem Ring Nummer 14 auffällig zahm. Es lief mir nach, sprang auf meinen Stuhl, fraß aus der Hand und kuschelte sich auf meinen Arm.

    Auch mein Vater staunte über dieses wesensfremde Verhalten und ließ das Huhn gewähren. Selbst als die Eierlegequote sank, schenkte Vater dem Wunderhuhn das Leben.

    Da hatte er die Rechnung ohne den Viehzähler gemacht und so stand er vor der Entscheidung, entweder auf Eier zu verzichten und dem Huhn das Leben zu schenken oder mir mit einer Schlachtung weh zu tun. Mein harter Vater war unschlüssig. Als der Viehzähler kam, nahm ich dann die Lösung des

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