Dinge zurechtrücken: Gespräche aus vierzig Jahren
Von Joan Didion und Ann Kathrin Doerig
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Über dieses E-Book
Joan Didion
Joan Didion, geboren 1934 in Sacramento, Kalifornien, arbeitete als Journalistin für verschiedene amerikanische Zeitungen wie die New York Review of Books und den New Yorker und war u. a. Redakteurin der Vogue. Sie hat fünf Romane und zahlreiche Sachbücher veröffentlicht, darunter Das Jahr magischen Denkens, für das sie 2005 mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde. Gemeinsam mit ihrem 2003 verstorbenen Mann, dem Schriftsteller John Gregory Dunne, hat sie mehrere Drehbücher geschrieben. Joan Didion lebt in New York.
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Buchvorschau
Dinge zurechtrücken - Joan Didion
Hätt ich des Himmels reichbestickte Tücher,
bestickt aus Golden- und aus Silberlicht,
die dunklen, die blauen und die hellen Tücher,
aus Nacht, aus Tag und aus der Dämmerung,
legt ich die Tücher dir zu Füßen.
Doch ich bin arm und habe nichts als Träume,
so leg ich meine Träume dir zu Füßen.
Tritt leise, denn du trittst auf meine Träume.
William Butler Yeats
Freedom’s just another word for nothing left to lose.
Janis Joplin
You have to pick the places you don’t walk away from.
Joan Didion
Ich liebe Hotels.
Antworten auf den Proust-Fragebogen, 2003
Wovor fürchten Sie sich am meisten?
Ich habe eine irrationale Angst vor Schlangen. Als mein Mann und ich in eine Gegend des Los Angeles County zogen, wo es viele Klapperschlangen gibt, versuchte ich mich dagegen zu desensibilisieren, indem ich jeden Tag zur Hermosa Reptilienfarm fuhr und mich zwang, die Anakondas zu betrachten. Es schien zu funktionieren, aber vor einigen Jahren, als wir in Malibu lebten, fiel eine Königsnatter – eine harmlose, ungiftige Schlange, nicht zu vergleichen mit einer Anakonda – von der Garagendecke in meine Corvette. Meine damals vierjährige Tochter brachte sie mir. Ich muss beschämt gestehen, dass ich wegrannte. Noch heute denke ich darüber nach, was geschehen wäre, wenn ich zum Einkaufen auf dem Pacific Coast Highway unterwegs gewesen wäre und die Schlange auf dem Beifahrersitz entdeckt hätte.
Welchen Charakterzug an sich bedauern Sie am meisten?
Ich schiebe Dinge vor mir her. Ich spiele Solitär am Computer. Ich verfalle in dumpfe Trägheit. Es gefällt mir nicht, aber so ist es nun mal.
Welche Tugend halten Sie für besonders überschätzt?
Unbedingte Aufrichtigkeit halte ich für reichlich überschätzt, weil es in der Regel darauf hinausläuft, dass der Sprecher sich auf Kosten seines Gegenübers in ein günstiges Licht rückt.
Wie reisen Sie am liebsten?
Vor langer Zeit, als im Flugzeug noch keine Filme gezeigt wurden und man nicht die Blenden schließen musste, liebte ich es, auf Flügen in den Westen zu sehen, wie das Land sich öffnete und das Schachbrettmuster der Farmen im Mittleren Westen langsam in endlose Leere überging. Ich mochte es auch, bei Tag von Europa über den Pol nach Los Angeles zu fliegen und zu sehen, wie die Eisschollen und Inseln im Meer sich beinahe unmerklich in Seen auf dem Festland verwandelten. Diesen Wechsel in der Wahrnehmung empfand ich als faszinierend.
In welchen Situationen lügen Sie?
Ich lüge vermutlich ständig, wenn dazu auch das Verschweigen der Wahrheit gehört, um Konflikte zu vermeiden und andere Leute nicht vor den Kopf zu stoßen. Meine Mutter war gänzlich unfähig zu lügen. Ich erinnere mich, dass sie einmal bei einem furchtbaren Unwetter mit dem Wagen losfuhr, um bei einer Wahl des Tierschutzvereins für eine Bekannte zu stimmen. »Ich habe es Dorothy versprochen«, sagte sie, als ich es ihr auszureden versuchte. »Aber Dorothy wird nie davon erfahren.« – »Darum geht es nicht«, erwiderte meine Mutter. Ich muss gestehen, dass ich das sehr befremdlich fand.
Was missfällt Ihnen an Ihrem Aussehen am meisten?
Eine Zeit lang haderte ich mit meiner geringen Größe, aber inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Was nicht bedeutet, dass ich nicht lieber 1,78 Meter groß wäre und Designer-Mode gratis nach Hause geschickt bekommen würde.
Welche Wörter oder Ausdrücke benutzen Sie übertrieben häufig?
Fast alle, die schreiben, neigen zum übermäßigen Gebrauch bestimmter Wörter oder Phrasen – was einmal funktioniert, wird schnell zur Gewohnheit –, und ein Großteil des Geschäfts besteht darin, sie wieder zu streichen.
»Ich liebte es, auf Flügen zu sehen, wie das Land sich öffnete und das Schachbrettmuster der Farmen im Mittleren Westen langsam in endlose Leere überging.«
Wann und wo waren Sie am glücklichsten?
In meinem Roman Demokratie stellt sich die Protagonistin Inez Victor genau diese Frage, auf die sie keine Antwort weiß. Sie trinkt ihren Kaffee, sie raucht eine Zigarette, sie denkt darüber nach, und dann schließlich heißt es: »Im Rückblick schien sie am glücklichsten in den ihnen zur Verfügung gestellten Häusern und beim Mittagessen gewesen zu sein. Sie entsann sich, über die Maßen glücklich gewesen zu sein, als sie einmal allein in einem Hotelzimmer in Chicago zu Mittag gegessen hatte, während Schnee über die Fenstersimse trieb. Es gab ein Mittagessen in Paris, an das sie sich in allen Einzelheiten erinnerte: ein verspätetes Mittagessen mit Harry und den Zwillingen bei Regen im Pré Catelan.« Diese Mittagessen und die zur Verfügung gestellten Häuser kamen nicht von ungefähr.
Welche Gabe möchten Sie besitzen?
Ich würde gern eine andere Sprache außer Englisch fließend sprechen. Ich habe mich damit abgefunden, dass es wohl nie dazu kommen wird. Viele Dinge schieben sich dazwischen, nicht zuletzt die hartnäckige Furcht, mein einziges echtes Talent seit Kindheitstagen zu verlieren – die Fähigkeit, englische Sätze zu bilden.
»Elend bedeutet für mich, sich einem geliebten Menschen entfremdet zu fühlen. Elend heißt auch, nicht zu arbeiten.«
Welche eine Sache würden Sie gern an sich ändern?
Ich fürchte, diese »eine Sache« würde automatisch zur nächsten führen. Deswegen würde wohl nur ein Masochist diese Frage beantworten.
Was ist Ihr wertvollster Besitz?
Alles, was meine Tochter mir geschenkt hat, zum Beispiel – das fällt mir spontan ein, weil es immer auf meinem Schreibtisch liegt – ein Bilderbuch mit dem Titel Tierkinder mit ihren Müttern.
Was betrachten Sie als das größte Elend?
Elend bedeutet für mich, sich einem geliebten Menschen entfremdet zu fühlen. Elend heißt auch, nicht zu arbeiten. Beides scheint zusammenzugehören.
Wo möchten Sie leben?
Jeden Monat woanders. Momentan wäre ich gern am Kailua Beach, auf der Luvseite von O‘ahu. Im November wäre es vermutlich Paris, vorzugsweise das Hotel Bristol. Ich liebe Hotels. Als wir in verschiedenen Häusern in Los Angeles lebten, versuchte ich mit allerlei Berechnungen zu beweisen, dass wir Geld sparen könnten, wenn wir einen der Bungalows des Bel-Air mieteten, aber mein Mann wollte nichts davon wissen.
Was ist Ihre Lieblingsbeschäftigung?
Ich koche gern Gumbo. Ich mag Gartenarbeit. Ich schreibe gern, zumindest wenn es gut läuft, vielleicht weil es die Form von Handarbeit ist, die der Zubereitung von Gumbo oder der Gartenarbeit am nächsten kommt.
Was ist Ihr bezeichnendstes Merkmal?
Nach dem Urteil der anderen meine zarte Gestalt. Ich selbst würde eher eine gewisse Verschlossenheit nennen. Ich bin oft abwesend.
Wer ist Ihr liebster Romanheld?
Ich war immer von Axel Heyst in Joseph Conrads Sieg fasziniert. Wie er auf dem Kai steht, ich glaube, es war in Sumatra – vielleicht irre ich mich. Mein Gedächtnis ist schlecht. Sein großes Projekt, die Tropical Belt Coal Company, liegt in Trümmern. Doch dann begeht er eine beispiellos heldenhafte Tat, zu der er nur deshalb den Mut findet, weil er alle Sorge um die eigene Person hinter sich lässt.
Der Schriftsteller versucht immer, den Leser zum Zuhörer seines Traums zu machen.
Im Gespräch mit Linda Kuehl, 1978
Sie haben einmal gesagt, Schreiben sei ein feindseliger Akt. Warum?
Feindselig in der Weise, dass man jemandem seine Sicht der Dinge aufzuzwingen versucht. Es ist ein feindseliger Akt, das Denken eines Menschen in dieser Weise zu manipulieren. Häufig möchte man jemandem seinen Traum oder auch seinen Albtraum erzählen. Allerdings möchte niemand den Traum eines anderen hören, sei er nun schön oder schlimm; niemand möchte sich darauf einlassen. Der Schriftsteller versucht immer, den Leser zum Zuhörer seines Traums zu machen.
Sind Sie sich beim Schreiben des Lesers bewusst? Hören Sie beim Schreiben dem Leser zu, der Ihnen zuhört?
Offensichtlich höre ich einem Leser zu, aber der einzige Leser, den ich höre, bin ich selbst. Ich schreibe immer für mich selbst. Sehr wahrscheinlich begehe ich also einen aggressiven, feindseligen Akt gegen mich selbst.
Die Frage in vielen Ihrer nicht-fiktionalen Texte: »Haben Sie verstanden?«, ist also an Sie selbst gerichtet?
Ja. Als ich mit dem Schreiben anfing, habe ich gelegentlich versucht, für einen anderen Leser als mich selbst zu schreiben. Ich bin immer gescheitert. Jedes Mal bin ich erstarrt.
Wann wussten Sie, dass Sie schreiben wollten?
Ich habe schon als kleines Mädchen Geschichten geschrieben, aber ich wollte nicht Schriftstellerin werden, sondern Schauspielerin. Damals wusste ich noch nicht, dass beides dem gleichen Impuls entspringt. Es geht um Vorspiegelung. Um eine Aufführung. Der einzige Unterschied ist der, dass der Schriftsteller unabhängig ist. Das ging mir schlagartig auf, als eine Freundin, eine Schauspielerin, mit einigen Schriftstellerkollegen vor ein paar Jahren bei uns zum Essen war. Plötzlich wurde mir bewusst, dass sie die einzige Person im Raum war, die ihren Auftritt nicht planen konnte. Sie musste darauf warten, dass jemand anderes sie darum bat. Ein seltsames Leben.
»Die Sätze in meinen nicht-fiktionalen Texten sind viel komplizierter als in meinen Romanen. Wenn ich einen Roman schreibe, scheine ich viel weniger Nebensätze zu hören.«
Gab es jemanden, der Ihnen das Schreiben beigebracht hat?
Mark Schorer lehrte in Berkeley, als ich dort studierte, und er unterstützte mich. Ich meine damit nicht, dass er einzelne Sätze oder Passagen mit mir diskutierte – niemand hat die Zeit, die Arbeiten seiner Studenten so genau zu korrigieren. Aber er vermittelte mir ein Gefühl dafür, worum es beim Schreiben geht, wozu es gut ist.
Hat irgendein Autor Sie in besonderer Weise beeinflusst?
Ich sage immer Hemingway, weil er mir gezeigt hat, wie Sätze funktionieren. Als ich fünfzehn oder sechzehn war, tippte ich seine Erzählungen ab, um herauszufinden, wie diese Sätze funktionieren. So brachte ich mir gleichzeitig bei, mit der Maschine zu schreiben. Vor ein paar Jahren, als ich in Berkeley unterrichtete, las ich noch einmal In einem andern Land, und sofort waren diese Sätze wieder da. Es sind wirklich perfekte Sätze. Sehr direkt, sanfte Flüsse, klares Wasser über Granit, keine Untiefen.
Sie haben auch Henry James genannt …
James schrieb ebenfalls perfekte Sätze, allerdings sehr indirekte, sehr komplizierte Sätze. Sätze mit Untiefen. Man kann in ihnen ertrinken. Ich würde es nicht wagen, solche Sätze zu schreiben. Ich bin nicht mal sicher, ob ich es wagen würde, James noch einmal zu lesen. Ich liebte seine Romane so sehr, dass sie mich lange Zeit lähmten. Diese unendliche Fülle von Möglichkeiten. Dieser vollkommen durchdachte Stil. Das schüchterte mich so sehr ein, dass ich fürchtete, gar nichts mehr zu Papier zu bringen.
Ich frage mich, ob einige Ihrer nicht-fiktionalen Texte nicht wie ein einziger Satz von Henry James aufgebaut sind.
Das wäre ideal, nicht wahr? Ein ganzer Text – acht, zehn, zwanzig Seiten in einem einzigen Satz. Übrigens sind die Sätze in meinen nicht-fiktionalen Texten viel komplizierter als in meinen Romanen. Viel mehr Nebensätze. Mehr Semikolons. Wenn ich einen Roman schreibe, scheine ich viel weniger Nebensätze zu hören.
Sie haben gesagt, mit dem ersten Satz stehe der gesamte Text. Genau das hat Hemingway auch gesagt. Alles, was er brauchte, war der erste Satz, dann hatte er die ganze Geschichte.
Schwierig am ersten Satz ist, dass man daran hängen bleibt. Alles andere folgt daraus wie von selbst. Und wenn man die ersten beiden Sätze geschrieben hat, sind sämtliche Optionen dahin.
Der erste Satz ist eine Geste, der zweite eine Verpflichtung.
Ja, und der letzte Satz eines Textes ist ein neues Abenteuer. Er sollte einen Text öffnen. Er sollte den Leser dazu bringen, zurückzublättern und noch einmal von vorn anzufangen. So sollte es sein, aber das funktioniert nicht immer. Ich stelle mir das Schreiben immer als einen Hochseilakt vor. In dem Augenblick, in dem man Wörter zu Papier bringt, schließt man Möglichkeiten aus. Es sei denn, man ist Henry James.
Ich frage mich, ob Ihre Arbeitsmoral – was Sie Ihre »strenge protestantische Ethik« nennen – Ihnen nicht Türen verschließt, Sie daran hindert, sich alle Möglichkeiten offenzuhalten.
Vermutlich ist das ein Teil der Dynamik. Wenn ich ein Buch beginne, strebe ich nach Perfektion, es soll alle erdenklichen Farben, die ganze Welt enthalten. Schon nach zehn Seiten habe ich es vermasselt, habe es beschränkt, festgezurrt und verhunzt. Das ist sehr entmutigend. In diesem Moment hasse ich das Buch. Nach einer Weile finde ich einen Kompromiss: Nun, es ist nicht das ideale Werk, das mir vorschwebte, aber vielleicht – wenn ich dies nur erst einmal zu Ende bringe – gelingt es mir beim nächsten Mal. Vielleicht bekomme ich noch eine Chance.
Gibt es Autorinnen, die Sie in besonderer Weise beeinflusst haben?
Am ehesten als Modelle für einen Lebensentwurf, nicht für eine Schreibweise. Vermutlich
