Über dieses E-Book
Télérama: Sein "Offener Brief an die muslimische Welt" ist ein vibrierender Aufruf zur Selbstkritik und zru Reform. Abdennour (sein Vorname bedeutet "Diener des Lichts") Bidar ist ein Hoffnungsträger.
Libération: Nach der Meinung des Philosophen wollen die Terroristen uns gegenseitig aufhetzen, Muslime gegen nicht-Muslime, Bürger gegen eine politische Klasse, die "unfähig sei, uns zu schützen".
La Croix: Abdennour Bidar, der engagierte Mediator.
20 minutes: Sein "Offener Brief an die muslimische Welt" wurde von Millionen Menschen nach den Attentaten gelesen. Ein Echo ohne Präzedenzfall.
Le Figaro: In einem Text, der auch in mehreren europäischen Tageszeitungen veröffentlicht wurde, warnt der Intellektuelle vor der Falle des "islamischen Staates" und ruft zur Fortentwicklung des Islam auf.
Abdennour Bidar
Abdennour Bidar ist ein französischer Philosoph, Essayist und Doktor der Philosophie. Er kam 1971 in Clermont-Ferrand zur Welt. Er ist spezialisiert auf religiöse Fragen. Seine Schwerpunktthemen sind aktuelle Entwicklungen des Islams und zeitgenössische Veränderungen des spirituellen Lebens. Er ist Mitglied der Redaktion der Zeitschrift Esprit, Autor diverser Bücher wie beispielsweise L'Islam sans soumission sowie Plaidoyer pour la Fraternité (beide bei Albin Michel, 1010 bzw. 2015) und des von der Zeitschrift L'Express preisgekrönten Werkes Les Tisserands (erschienen bei Les Liens qui Libèrent, 2016). Er veröffentlicht regelmäßig Beiträge in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften wie Le Monde, Libération, Le Monde des réligions und Philosophie Magazine.
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Buchvorschau
Offener Brief an die muslimische Welt - Abdennour Bidar
Inhaltsverzeichnis
Liebe muslimische Welt
Postface
Liebe muslimische Welt
Ich bin einer deiner fernen Söhne, die dich von außen betrachten, aus einer gewissen Distanz, von Frankreich aus, wo heute so viele deiner Kinder leben. Ich betrachte dich mit den strengen Augen eines Philosophen, dessen Geist von Kindheit an von Tasawwuf (Sufismus) und westlichem Denken gespeist wurde. Ich betrachte dich also aus meiner Position des Barzach , der Landenge zwischen den beiden Meeren des Orients und des Okzidents.
Und was sehe ich? Was sehe ich genauer als andere, wahrscheinlich gerade deshalb, weil ich dich von fern, aus der Distanz betrachte? Ich sehe dich in einem Zustand von Elend und Leiden, der mich unendlich betrübt, mein Urteil als Philosoph aber umso strenger macht.[!] Weil ich sehe, dass du gerade ein Ungeheuer gebierst, das sich den Namen Islamischer Staat anmaßt und dem manche lieber den Namen eines Dämons geben: Daesh. Doch schlimmer noch ist, dass ich sehe, wie du verlierst, wie du deine Zeit und deine Ehre verlierst mit der Weigerung, dieses Ungeheuer als etwas anzuerkennen, das aus dir geboren wurde, aus deinen Irrungen, deinen Widersprüchen, deiner ewigen Zerrissenheit zwischen Vergangenheit und Gegenwart, aus deiner allzu lang anhaltenden Unfähigkeit, deinen Platz in der menschlichen Zivilisation zu finden.
Was sagst du denn über dieses Ungeheuer? Was ist es, das du wieder und wieder sagst? Du rufst: „Das bin ich nicht!, „Das ist nicht der Islam!
Du schließt die Augen davor, dass die Verbrechen dieses Ungeheuers in deinem Namen begangen werden (#NotInMyName). Du entrüstest dich über eine solche Ungeheuerlichkeit, du empörst dich auch darüber, dass das Monster deine Identität usurpiert, und natürlich hast du damit Recht. Du musst unbedingt vor aller Welt laut und deutlich verkünden, dass im Islam kein Platz für Barbarei ist. Doch das reicht noch lange nicht! Denn du flüchtest dich damit in den Reflex der Selbstverteidigung, ohne zugleich – und vor allem! – auch die Verantwortung der Selbstkritik zu übernehmen. Du gibst dich mit deiner Empörung zufrieden, wo doch dieser historische Moment eine so hervorragende Gelegenheit böte, dich selbst zu hinterfragen! Und wie üblich klagst du an, statt selbst Verantwortung zu übernehmen. „Ihr Menschen im Westen und all ihr Feinde des Islam, hört auf damit, uns mit diesem Ungeheuer in Verbindung zu bringen! Der Terrorismus ist nicht der Islam, der wahre Islam, der gute Islam, der nicht Krieg predigt, sondern Frieden!"
Ich höre diesen Schrei der Empörung, der in dir aufsteigt, meine liebe muslimische Welt, und ich verstehe ihn. Ja, du hast Recht: wie jede der großen heiligen Lehren der Welt schuf auch der Islam im Laufe seiner Geschichte Schönheit, Gerechtigkeit, Sinn, Wohltaten, und machtvoll erhellte er die Menschen auf dem Weg des Geheimnisses des Seins. Hier im Westen kämpfe ich mit jedem meiner Bücher dafür, dass diese Weisheit des Islam und aller Religionen weder vergessen noch missachtet werde. Doch aus meiner distanzierten Position sehe ich auch noch etwas anderes – etwas, was du nicht sehen kannst oder nicht sehen willst. Und so stellt sich mir eine Frage, die große, die entscheidende Frage: warum raubt dir dieses Monster dein Gesicht? Warum wählte dieses schändliche Ungeheuer dein Gesicht und nicht ein anderes? Warum verschanzt es sich hinter der Maske des Islam und nicht hinter einer anderen? Dies ist so, weil sich in Wirklichkeit hinter diesem Bild des Ungeheuers ein riesiges Problem verbirgt, mit dem du dich offenbar nicht auseinandersetzen willst. Und doch musst du es tun, du musst den Mut dafür aufbringen.
Dieses Problem liegt in der Wurzel des Übels. Woher kommen die Verbrechen dieses sogenannten „Islamischen Staates"? Ich will es dir sagen, mein Freund. Und das wird dir nicht gefallen, doch es ist meine Aufgabe als Philosoph, dies zu tun. Die Wurzeln dieses Übels, das dir heute dein Gesicht raubt, liegen in dir selbst, das Ungeheuer entsprang deinen eigenen Eingeweiden, es ist der Krebs in deinem eigenen Körper. Und so lange du dich weigerst, dieser Wahrheit ins Gesicht zu sehen, so lange du zögerst, sie einzugestehen und endlich die Wurzel des Übels zu bekämpfen, werden aus deinem kranken Organismus in Zukunft neue – und noch schlimmere –
