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Schrödingers Ente: Warum eine Lüge keine Meinung ist
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eBook236 Seiten2 Stunden

Schrödingers Ente: Warum eine Lüge keine Meinung ist

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Über dieses E-Book

"Bei der Vereidigung von Donald Trump waren mehr Besucher als bei der von Barack Obama!" Früher gab es für derartige Behauptungen einen Fachausdruck. Nämlich: Lüge. Heute spricht man lieber von "alternativen Fakten". Liegt hier vielleicht ein Missverständnis vor, beruhend auf dem als "Schrödingers Katze" bekannt gewordenen Gedankenexperiment, in dem eine Katze nach den Regeln der Quantenmechanik gleichzeitig tot und lebendig sein kann?

Florian Scheuba, Österreichs renommiertester Kabarettist, forscht amüsant und unterhaltsam faktischen Verhältnissen nach, die so absurd sind, dass man sie nicht erfinden kann. Er geht der Frage nach, was Wahrheit bedeutet und warum es sich lohnt, für sie einzustehen. Er schlägt eine Neudefinition vor: Wahrheit ist kein für Menschen erreichbares Ziel, sondern eine Richtung. Es ist mit ihr ein bisschen so, wie mit dem Erdkern. Technisch ist es uns bislang nicht möglich bis zum Erdkern vorzudringen. Aber wir wissen: Wenn wir es versuchen wollen, müssen wir nach unten graben. Und nicht nach oben.
SpracheDeutsch
HerausgeberChristian Brandstätter Verlag
Erscheinungsdatum28. Dez. 2018
ISBN9783710603617
Schrödingers Ente: Warum eine Lüge keine Meinung ist
Autor

Florian Scheuba

Florian Scheuba ist seit seinem 16. Lebensjahr Kabarettist und Satiriker. Im Fernsehen wirkte er als Autor und Darsteller maßgeblich an den Serien „Die kranken Schwestern“, „Dorfers Donnerstalk“, „Die4da“ und „Wir Staatskünstler“ mit.

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    Buchvorschau

    Schrödingers Ente - Florian Scheuba

    SCHRÖDINGERS ENTE

    – oder warum eine Lüge keine Meinung ist

    Auf die oft gehörte Frage „Ist nicht mittlerweile die Wirklichkeit das beste Kabarett?" pflege ich stets zu antworten, dass es sehr wohl noch einen Unterschied zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik gibt. Aber ich muss gestehen: Es passiert ab und zu, dass ich mir selbst nicht mehr sicher bin, ob man mich gerade mit einer beabsichtigten satirischen Idee zu erheitern versucht, oder ob das tatsächlich ernst gemeint sein soll.

    Einen solchen Moment erlebte ich am 21. Jänner 2017. Es begann mit Sean Spicer, dem Pressesprecher des Weißen Hauses, der Zweifeln an den Angaben Präsident Trumps über die Besuchermenge bei seiner Amtseinsetzung mit den Worten entgegnete, es sei „das größte Publikum jemals bei einer Amtseinsetzung gewesen, sowohl physisch anwesend, wie weltweit".

    Kurz darauf wurden Fotos der Amtseinsetzung Trumps und jener seines Vorgängers Obama veröffentlicht, durch die Spicers Behauptung schonungslos als Lüge entlarvt wurde. Mit dieser Erkenntnis konfrontiert erklärte nun Trumps Chefberaterin Kellyanne Conway, Spicer hätte „alternative Fakten präsentiert. Was dieser wiederum zwei Tage später mit folgenden Worten bestätigte: „Sometimes the White House can disagree with the facts.

    Nun ist der Begriff „alternative Fakten für sich genommen ähnlich sinnvoll wie „viereckiges Dreieck oder „vegetarischer Schlachthof. In seiner gestelzten Bemühtheit, den Sachverhalt „Lüge zu umschreiben, erinnert er an gewisse sprachliche Stilblüten der „Politischen Korrektheit – ein Themenfeld, das wiederum überhaupt nicht zu Donald Trump zu passen scheint. Aber vielleicht findet ja hier ein Umdenken statt, und Trump wird in Zukunft „politisch korrekte Ausdrucksweise für den Umgang mit ihm selbst einfordern. Sollte dies der Fall sein, dürfen wir vermutlich bald mit weiteren Sprachregelungen rechnen. Statt „Bankrotteur wird es dann „bilanzbuchhalterisch anders Begabter heißen, „statt „Rassismus sagt man „Fremdpigment-Unverträglichkeit, „Pussygrabbing wird als „vaginal orientierte Haptik bezeichnet, und „Arschloch wird durch „charakterlich Herausgeforderter ersetzt.

    Es gibt allerdings einen Aspekt in der Groteske um „alternative Fakten, bei dem – mir zumindest – das Lachen vergeht. Zwei amerikanische Wissenschaftler haben bekennenden Trump-Unterstützern die beiden Fotos der Amtseinsetzungen Trumps und Obamas gezeigt, und dazu die Frage gestellt: „Auf welchem dieser Bilder sehen Sie mehr Menschen?

    Jeder siebente hat geantwortet: „Auf dem von 2017"

    Muss ich diese Menschen verstehen?

    Und wenn mir das nicht gelingt, bin ich dann elitär?

    Oder anders formuliert: Wenn man mir ins Hirn scheißt, bin ich dann nur ein Opfer? Oder muss ich mir die zumindest Frage gefallen lassen: Warum hast Du nicht rechtzeitig den Kopf weggezogen?

    Nur um es kurz klarzustellen: Die Wahrheit ist kein für Menschen erreichbares Ziel, sondern eine Richtung. Mit der Wahrheit ist es ein bisschen so wie mit dem Erdkern. Es ist Menschen technisch bislang nicht möglich, bis zum Erdkern vorzudringen. Aber wir wissen: Wenn wir es versuchen wollen, müssen wir nach unten graben.

    Und nicht nach oben.

    Angelobung Obama, 20.01.2009

    Angelobung Trump, 20.01.2017

    Deshalb ist die Behauptung, dass auf dem Foto von 2017 mehr Leute zu sehen sind, auch keine Meinung, sondern eine Lüge.

    Wenn wir aufhören, zwischen mehr und weniger wahren Aussagen zu unterscheiden, geben wir nicht nur das Projekt der Aufklärung auf, sondern auch jenes der Zivilisation.

    Warum muss man solche Selbstverständlichkeiten heutzutage überhaupt betonen? Vielleicht liegt es ja an einem durch Fehlinterpretation von Wissenschaft ausgelöstem Missverständnis, beruhend auf dem als „Schrödingers Katze" bekannt gewordenen Gedankenexperiment, in dem eine Katze nach den Regeln der Quantenmechanik gleichzeitig tot und lebendig sein kann.

    Ein Zustand, der aber in der uns zugänglichen Welt nicht vorkommt. Deshalb waren bei der Amtseinsetzung Donald Trumps auch nicht mehr und weniger Menschen als bei jener von Obama 2009 anwesend – sondern nur weniger.

    Meldungen, wonach es mehr gewesen seien, sind leicht als sogenannte „Enten zu entlarven. Ungeachtet dessen hat sich aber in der heutigen Medienwelt – befeuert durch die Allgegenwart sozialer Medien und den unzähligen Möglichkeiten ihres Missbrauchs – ein Umgang mit Fakten etabliert, den man als „Schrödingers Ente bezeichnen könnte. So erlogen kann eine Behauptung gar nicht sein, dass sich nicht irgendwo wer findet, der sie mit dem Argument „Das ist eben meine Wahrheit" verteidigt und deshalb mit Aussagen über die Realität gleichbehandelt wissen will.

    Gegen diese Form der Gleichbehandlung richtet sich dieses Buch. Es enthält einige meiner Kolumnen, die ich in den vergangenen fünf Jahren für die Tageszeitung „Der Standard geschrieben habe. Ich habe sie nicht chronologisch gereiht, sondern versucht, Querverbindungen aufzuzeigen und sie in den Überleitungen um die jüngsten Entwicklungen zu ergänzen. Gemeinsam ist diesen Texten meine darin zum Ausdruck kommende Überzeugung, wonach das heimliche Motto der Jünger des Postfaktischen „Es lügen doch eh alle! ein großartiges Geschenk für ganz bestimmte Leute ist: Nämlich für jene, die tatsächlich lügen.

    Dafür, wie weit man es mit konsequentem Lügen bringen kann, hat Donald Trump neue Maßstäbe gesetzt. Es war interessant zu beobachten, wer sich hierzulande darüber besonders gefreut hat.

    DAS IST KEINE ÜBERSCHRIFT

    Auf der Suche nach Erklärungen für das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl kann sich ein Blick ins Archiv lohnen. Konkret in die Ausgabe des „Kurier" vom 3. November 2006. Dort findet sich folgende Meldung:

    „Aus Protest gegen ihren Bürgermeister haben die Bewohner von Müsküle im Nordwesten der Türkei absichtlich vier als Dorftrottel verschriene Männer in den Gemeinderat gewählt. Die Neo-Politiker sind begeistert, aber heillos überfordert. Der Bürgermeister unternahm angesichts der Schmach einen Selbstmordversuch – schoss sich aber nur in den Arm."

    Dazu muss man lediglich anmerken, dass die gedemütigten Demokraten sich nicht nach der Wahl in den Arm, sondern schon vorher mit der Festlegung auf Clinton ins Knie geschossen haben. Ansonsten trifft die Geschichte den Kern der Sache punktgenau, der da lautet: Protest ist Protest ist Protest.

    Wer seine Wahlentscheidung konsequent nach diesem Prinzip ausrichtet, dem ist es letztlich vollkommen wurscht, ob er dafür seine Stimme Beppe Grillo, Frauke Petry, Norbert Hofer, Donald Trump, Kim Kardashian, Long Dong Silver, Bernie Madoff, Felix Baumgartner, dem Hustinettenbär oder einer alten Campingliege gibt.

    Zu dieser Einsicht hat sich faszinierenderweise sogar Donald Trump im Januar 2016 bei einem Vortrag im US-Bundestaat Iowa selbst durchgerungen, als er feststellte: „Ich könnte mitten auf der 5th Avenue stehen und jemanden erschießen und würde dadurch keinen Wähler verlieren."

    Abgesehen von der aus diesem Zitat folgenden Erkenntnis, dass es sich bei dem Erschossenen um keinen Trump-Wähler handeln darf, kann man festhalten: Das Motto „anything goes gilt hier also wirklich für „anything, und das wiederum erklärt die Begeisterung über Trumps Sieg bei Leuten wie Heinz-Christian Strache. Jahrelang musste er sich anhören, eine nicht nur beim Sprach- und Stimmgebrauch misslungene Haider-Kopie zu sein, die versucht ohne Talent, Intelligenz und Charisma des Originals durchzukommen. Nun kann er diesen Kritikern ein herzhaftes „Wer lasst fragen?" entgegenschmettern.

    Sein neu gewonnenes Selbstbewusstsein äußerte sich bereits am vergangenen Wochenende in einem Facebook-Eintrag des FPÖ-Obmanns, in dem er sich vorgeblich auf Trump bezieht, offensichtlich aber einen Frontalangriff auf den parteiinternen Rivalen Norbert Hofer reitet, dem Strache mit folgenden Worten in den Rücken fällt: „Wie wäre es, wenn man einfach ein demokratisches Wahlergebnis und den Willen der Wähler einmal respektiert und als Unterlegener auch akzeptiert, verloren zu haben."

    Der parteiinterne Machtkampf ist also eröffnet. Falls Strache sich auch dabei an Trump orientiert, werden wir wohl bald hören, dass Hofer nicht in Österreich geboren wurde, den IS gegründet hat, wo er die Paraglider-Selbstmord-Schwadrone kommandiert hat und eigentlich ins Gefängnis gehört.

    Denn wenn uns der amerikanische Wahlsieg des psychopathischen Bankrotteurs etwas gelehrt hat, dann ist es die Falsifikation der These, dass Lügen ab einem gewissen Absurditätsgrad von niemandem mehr geglaubt werden.

    Und deshalb: Sollte Ihnen dieser Text nicht gefallen haben, gibt es eine gute Nachricht für Sie: Er ist nämlich nie erschienen. Ich habe ihn nie geschrieben. Es gibt ihn gar nicht. Und dafür gibt es Beweise: Diese Kolumne hat nicht nur keine Überschrift, sondern auch kein Ende und hört deshalb niemals auf!

    Nur zu Sicherheit: Den Facebook-Eintrag von HC Strache gab es wirklich. Die Bemerkung über die vom „Unterlegenen zu akzeptierenden Wahlergebnisse" ließ, nachdem die FPÖ gerade die von Hofer verlorene Bundespräsidentenwahl angefochten hatte, eben unterschiedliche Interpretationen zu.

    Meine Behauptungen bezüglich der Überschrift, der gleichzeitigen Nicht-Existenz und Unendlichkeit der Kolumne hingegen, erfüllen alle Kriterien von Fake-News. Wobei man diesen Begriff auch gleich hinterfragen sollte.

    DER FAKE-NEWS-FAKE

    Nein, früher war nicht alles besser.

    Aber manches schon. Zum Beispiel das:

    „Es existiert ein Mensch, der alleine schuld an allen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen von heute hat."

    „Wer?"

    „DER STEINSCHEISSER-KOARL!!!"

    Wer Zeuge eines solchen Dialogs wurde, hatte früher zwei Reaktionsmöglichkeiten. Kenner des alten Tabuwort-Spiels, in dem es darum geht, den Mitspieler zum Stellen der Frage „Wer? zu verleiten, woraufhin man mit dem Ausruf „der Steinscheißer-Koarl! seinen Triumph feiert, ließen sich ein anerkennendes „G‘schossen" entlocken. Alle anderen reagierten mit belustigter oder distanzierter Ratlosigkeit.

    In unseren Tagen ist noch eine dritte Möglichkeit dazugekommen: das Ernstnehmen. Es mündet nahezu zwangsläufig in auf diversen Internet-Portalen expliziten Enthüllungen, wonach es sich bei Karl Steinscheißer um einen von den Bilderbergern, George Soros, Andrea Merkel und der Homosexuellen-Lobby gedungenen Ostküsten-ISCIA-Trippelagentenfreimaurer handelt, dessen Name ganz eindeutig auf Karl Marx und den „Stein der Weisen von Zion" Bezug nimmt.

    Diese Tendenz zur Verblödung lässt sich noch anhand eines anderen Beispiels illustrieren. Wer früher den Satz „Das steht aber so in der ‚Prawda‘ aussprach, gab mit dem Verweis auf die für ihre Realitätsferne legendäre russische Parteizeitung selbstironisch zu erkennen, dass ihm die Zweifelhaftigkeit einer Information bewusst war. Wer sich heute in dieser Art auf „Prawda-Nachfolger wie „Russia Today oder „Sputnik beruft, erwartet ernsthaft ernst genommen zu werden.

    Begünstigt wird diese Entwicklung noch durch die missbräuchliche Verwendung der Kategorie Fake-News. Unter diesem Begriff versteht man seit den 1980er-Jahren eine satirische Ausdrucksform, bei der eine Pointe im Stil einer Nachrichtenmeldung formuliert wird. Was Satire-Medien wie „Die Tagespresse produzieren, sind Fake-News. Meldungen über einen bevorstehenden Atomschlag Israels gegen Pakistan oder die Unterstützung des Papstes für Donald Trump sind keine Fake-News, sondern Lügen. Wenn ich behaupte, dass die Grünen eine Resolution planen gegen die in Nordsee-Filialen übliche Foltermethode des Waterboardings bei Fischen, bin ich Urheber einer Fake-News. Wer aber behauptet, Alexander Van der Bellens Vater war ein Nazi, ist ein Lügner. Oder im konkreten Fall eine Lügnerin, deren verwerfliches Verhalten auch nicht als „b‘soffene G‘schicht zu verharmlosen ist.

    Darüber hinaus hat die allgemeine Verharmlosung des Lügens mittlerweile sogar dazu geführt, dass Betrug ganz offiziell als Dienstleistung in Form von Computerprogrammen angeboten wird, welche politische Unterstützung durch real nicht existierende Personen automatisiert vortäuschen. In Deutschland hat sich die AfD schon ungeniert

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