Gefangene der Wildnis 2: Diana: Historischer Liebesroman
Von Gabriele Ketterl
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Buchvorschau
Gefangene der Wildnis 2 - Gabriele Ketterl
1.
Er drehte sich nicht um, kein einziges Mal, obwohl er wusste, dass der alte Mann ihm nachblickte. Sicherlich stand der ruhig und hoch aufgerichtet, die langsam müde werdenden Augen mit der Hand beschattend, auf dem Deck des Schoners im Hafen von New Orleans. Es war nicht leicht, ihn hier hinter sich zu lassen. Es gab in seinem Leben nicht viele Menschen, die ihm wichtig waren, Menschen, die sein Leben bereicherten. Der alte Matrose war einer davon.
Miguel aber musste nach vorne sehen, nicht zurück. Denn seit kurzer Zeit wusste er, dass es vielleicht doch so etwas wie Wunder gab. Gut, daran zu glauben war verrückt, mindestens ebenso verrückt, wie das, was er hier gerade tat. Sein Plan grenzte an Wahnsinn und doch, sein bisheriges Leben hatte etwas Gutes: Er hatte nichts zu verlieren.
Great Lakes Region, Anfang November
Die Wintersonne fiel schräg durch das kleine Fensterchen, das Maroque, der ebenso verrückte wie fürsorgliche Franzose, mühsam für sie in das Dach des Blockhauses eingebaut hatte. Die vorwitzigen Strahlen kitzelten sie an der Nase. Diana setzte sich ein wenig mühsam auf und streckte die steifen Arme und Beine. Noch immer verkrampfte sie sich in den langen Nächten, noch immer suchten dunkle Träume sie heim. Es war besser geworden in den letzten Tagen, aber sie waren noch da. Natürlich waren sie das nach der doch erst kurzen Zeit. Allerdings gelang es ihr nach dem Erwachen schnell, sie zu verdrängen. Ihr neues Leben erschien ihr wie ein Wunder. Ein Wunder, das ihre Schwester Louisa, deren Gefährte Jacques, dessen Bruder Sunk’Pala und vor allem der Vater der beiden, Wanbli Waste, ihr schenkten.
Der Herbst war beinahe vorüber, die Nächte hier oben in den Wäldern wurden bereits empfindlich kalt. Diana krabbelte unter der Decke und dem warmen Fell, das Wanbli Waste ihr für ihr Lager mitgebracht hatte, hervor und tapste auf bloßen Füßen zu dem Fensterchen. Draußen war der Morgen angebrochen und die Sonne tat ihr Möglichstes, um den Tag ein wenig zu erwärmen. Sie selbst fror jedoch, es war eine Kälte, die aus ihrem Inneren kam, eine Kälte, die sich nicht so einfach mit Fellen oder Decken besiegen ließ. Wann immer in den Nächten die Träume kamen, klebte ihr Nachthemd schweißnass an ihrem Körper. Bisher gelang es ihr, diesen Umstand vor Louisa und Jacques zu verbergen und sie hoffte, dass es auch weiterhin gelingen würde. Sie wollte nicht, dass ihre große Schwester, die sich sowieso schon viel zu viel um sie sorgte, noch mehr beunruhigt wurde.
Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, wann immer sie an Louisa dachte und oft auch, wenn sie die Ältere beobachtete. Diana war so unglaublich stolz auf Louisa, auf das, was in der Zeit hier in der Wildnis aus ihr geworden war. Die kapriziöse, anspruchsvolle und an ihren Mitmenschen nicht immer gerecht handelnde herrschaftliche Dame war ein für alle Mal verschwunden. Dafür stand eine strahlend schöne Frau in einer kleinen, verrauchten Küche, buk Brot und Kuchen, kochte Kaffee, nahm Fische aus und verwandelte sie in ein köstliches Abendessen.
Seit sie denken konnte, war Diana ihrer Schwester in Liebe verbunden gewesen, diese neue Louisa aber betete sie regelrecht an. Damit war sie allerdings nicht alleine. Jacques, der große, stolze Lakotakrieger, der Louisa mit so viel Einfühlungsvermögen und unendlich viel Geduld zurück ins Leben geholt hatte, liebte ihre Schwester ebenfalls aus ganzem Herzen. Louisa erwiderte diese Liebe so offen und so herzlich, dass es ihr in unbeobachteten Momenten nicht selten die Tränen in die Augen trieb. Die drei Lakota waren dafür verantwortlich, dass ihr ein neues Leben und eine neue Schwester samt Familie geschenkt worden waren.
Während sie in die warmen Lederstiefel schlüpfte, die ihr Sunk’Pala vor wenigen Tagen wortlos neben das Bett gestellt hatte, erschien vor ihren Augen ein Bild aus Zeiten, an die sie eigentlich nicht mehr denken wollte. Der herrische Vater und die sanfte, ebenso wie sie langsam verzweifelnde Mutter. Und die Reichen und Mächtigen Chicagos, die ihr Vater stets um sich versammelte. Nicht einmal ein Jahr war nötig gewesen, um Frank Kedleston hier in Amerika zu einem der einflussreichsten Geschäftsleute werden zu lassen. Auch wenn alle dachten, sie würde es nicht verstehen: Diana verstand nur zu gut. Nie wieder wollte ihr Vater die Schmach erdulden müssen, mittellos dazustehen, nachdem zuvor schon einmal der Bankrott der Familie durch seine eigenen, falschen Entscheidungen verursacht worden war. Waren seine Handlungen in England noch als annähernd fair und gerecht zu bezeichnen gewesen, so war er nun zu einem rücksichtslosen und absolut gnadenlosen Menschen geworden. Sein ursprüngliches Ziel, seiner Familie eine lebenswerte und gesicherte Zukunft in diesem jungen Land bieten zu können, war längst der Gier nach Macht und den lockenden Reichtümern gewichen, die das aufstrebende Amerika in Aussicht stellte. Diana vermochte es nicht in Worte zu fassen, wie dankbar sie dafür war, diesem Teufelskreis aus Macht, Geld, Einflussnahme und Tyrannei entkommen zu sein. Sie zog ihr Schultertuch fest um sich und stieg leise die Holztreppe, die von ihrer gemütlichen Dachkammer in den Wohnraum führte, nach unten. Ein Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit: Geschafft, sie war tatsächlich vor allen anderen wach. Dass der Franzose, der gerade wieder zu Besuch bei ihnen weilte, noch schlief, war kein Wunder. Maroque, der in Chicago erfolgreich ein großes Bordell betrieb, liebte es, lange zu schlafen.
Louisa und Jacques jedoch waren sonst so gut wie immer vor ihr auf den Beinen. Sehr zufrieden entfachte sie ein Feuer im Kamin und trug einen der brennenden Späne zum Ofen in der Küche, wo sie einige dünne Holzscheite entzündete und so das Feuer zum Bereiten des Frühstücks in Gang brachte. Sehr gut, das wäre schon einmal gelungen. Schmunzelnd dachte sie an ihre ersten Versuche, nach denen Jacques sie nicht selten zunächst zum Brunnen geschickt hatte, um sich den Ruß aus dem Gesicht und von diversen anderen Körperteilen zu waschen.
Jetzt stellte sie Wasser für Kaffee auf den Herd, deckte den Tisch, schnitt das von Louisa frisch gebackene Brot in Scheiben und holte den von Jacques geräucherten Bärenschinken und die beiden Tontöpfe mit Ahornhonig und Beerenmus. Nachdenklich betrachtete sie ihr Werk. Da fehlte doch noch etwas. Leise öffnete sie die Haustür. Kühle, aber angenehme Luft strömte ihr entgegen. Vor dem riesigen dunklen Schatten, der, kaum dass sie auch nur einen Fuß nach draußen setzte, an ihr hochsprang und sie mit feuchter Schnauze begrüßte, fürchtete sie sich nicht mehr.
»Tatanka, wirst du das wohl bleiben lassen? Wir wollen sie doch noch nicht aufwecken.« Liebevoll kraulte sie den schwarzen Wolfshybriden hinter den aufmerksam aufgestellten Ohren.
Dass er ihr, sobald sie auf den Waldrand neben dem Blockhaus zulief, nicht von der Seite wich, war Diana schon gewöhnt und es war gut so. Die Gegenwart des gigantischen Tieres beruhigte sie, bot ihr Geborgenheit und das gute Gefühl von absoluter Sicherheit.
Die Luft war klar und es war so still, dass man das Rauschen der Bäume hören konnte. Ein paar wenige wilde Herbstblumen fanden sich noch an den Waldrändern und auf den Lichtungen und davon pflückte Diana nun einige. Auf dem Rückweg vergaß sie nicht, Arrow, den beeindruckenden Hengst und Sandy, die sanfte Stute zu streicheln. Sandys Tochter Tanka war zu einem lebendigen, bildhübschen Fohlen geworden und streckte nun neugierig ihre weichen Nüstern in Dianas Haare. Sie lachte leise und lehnte eine winzige Weile ihre Wange an das warme Fell Tankas.
»Guten Morgen, meine Schöne. Ich hoffe, ihr alle habt gut geschlafen?«
Jacques ließ die Pferde derzeit noch über Nacht im Freien. So lange wie möglich sollten sie die Freiheit genießen können, ehe es im Winter zurück in die Enge des Stalles ging. Indianerponys waren widerstandsfähig und zäh, das wusste Diana mittlerweile. Vor allem, da Sunk’Pala sie schon des Öfteren mit einem verglichen hatte. Die Neckereien des grimmigen Kriegers taten ihr unendlich gut und amüsierten sie. Er hatte seinen Teil dazu beigetragen, sie aus diesem grauenhaften Haus zu holen. Ihr eigener Vater war sich nicht zu schade gewesen, die jüngste Tochter in ein Sanatorium für Geisteskranke zu stecken.
Sie war nicht geisteskrank, keineswegs. Sie hatte nur die Grausamkeit des Vaters nicht mehr ertragen, etwas, das dieser niemals würde begreifen können. Ab und an befürchtete Diana, ihr Vater habe seine Menschlichkeit abgelegt, ein Umstand, der sie zutiefst erschreckte.
Arrows Schnauben riss sie aus ihren Gedanken und es gelang ihr gerade noch, ihre frisch gepflückten Blumen vor Tankas Maul in Sicherheit zu bringen.
»Nichts da, du frisst brav dein Heu, meine mühsam erkämpfte Tischdekoration lässt du schön in Ruhe.«
Lachend drückte sie dem sichtlich enttäuschten Fohlen einen Kuss auf die helle Blesse und machte sich auf den Weg zurück ins Haus. »Bonjour, ma belle. Comment vas-tu?«
»Danke, Maroque, es geht mir gut.« Sie strahlte den Franzosen erfreut an.
Der schien sich da nicht so sicher zu sein. Während er sich mit allen zehn Fingern durch die verwuschelte, widerspenstige Lockenmähne kämmte, musterte er sie nachdenklich. »Du bist noch immer viel zu blass. Mon Dieu, du lebst mitten in der Natur, du müsstest endlich mehr Farbe im Gesicht haben.«
Diana neigte den Kopf leicht zur Seite und runzelte die Stirn. »Maroque, so lange bin ich nun auch noch nicht hier und du darfst bei der Gesichtsfarbe nicht immer von dir ausgehen. Das schaffe ich beim besten Willen nicht.«
»Du bist ganz schön frech geworden, meine Kleine. Aber gut so, raus damit. So mag ich das.« Lachend schloss er sie in die Arme und drückte ihr einen liebevollen Kuss auf die Haare.
Als er sie losließ, fiel sein Blick auf den gedeckten Tisch. »Wie lange bist du denn schon wach, Diana? Du hast ja schon alles fertig. Der Duft von Kaffee hat mich geweckt.«
Sie zuckte ein wenig unsicher die Achseln. »Ich bin seit Sonnenaufgang wach. Die Sonne hat mich geweckt.«
Sie hätte wissen müssen, dass sie ihm nichts vormachen konnte. »Die Sonne? Kleines, sie sind also noch da, diese bösen Träume? Ich sehe an deiner Miene, dass ich recht habe. Du kannst dich nicht verstellen, in deinem hübschen Gesicht kann man lesen wie in einem offenen Buch.«
Diana füllte an der Wasserschüssel einen kleinen Tonkrug und stellte die Blumen hinein. »Es ist bereits viel besser geworden. Ich kann die Erinnerung einfach nicht ausschalten. Das schaffe ich nicht, noch nicht. Aber ich arbeite daran und ich fühle, dass ich Erfolg habe.« Ihre Stimme klang nicht ganz so sicher, wie sie es sich gewünscht hätte.
»Komm her, ma chérie.« Der große Franzose nahm sie kurzerhand fest in die Arme. »Du bist endgültig in Sicherheit.« Er drückte sie an sich, dann ließ er sie los und warf einen erwartungsvollen Blick in Richtung Herd. »Wie war das doch gleich wieder? Sprachen wir nicht von Frühstück?«
Louisa erwachte von den leisen Stimmen im Wohnraum und reckte sich genüsslich. Neben ihr schlief Jacques noch den Schlaf der Gerechten. Die letzten drei Tage waren für ihn und Maroque sehr anstrengend gewesen. Zum wiederholten Male bauten sie nun das Haus größer aus. Der Anbau, der durch eine Tür mit dem Haupthaus verbunden werden sollte, war zwar nicht unbedingt notwendig, aber doch sinnvoll. So wie letzte Nacht, als Maroque bereits dort geschlafen hatte. Zwar enthielt das neue Zimmer bis jetzt nur eine schmale, unbequeme Pritsche und ein Fell, das Diana hatte auslegen wollen, um das Ganze etwas wohnlicher zu gestalten, aber die Wände waren solide und dick und ließen keinen Windhauch ein.
Der neu gewonnene Raum war immerhin gut drei Meter breit und zweieinhalb Meter lang, genug also, um ihn schön herrichten und sinnvoll nutzen zu können. Eine winzige Feuerstelle genügte, um ihn zu heizen, und so war er ein Gewinn für die beständig größer werdende Familie.
Es war so schön, ihre kleine Schwester wieder in der Nähe zu haben und zu wissen, dass sie nun unter ihrem und dem Schutz der Lakota stand. Allerdings würde Diana sicherlich vorerst nicht aus ihrer Dachkammer in das neue Zimmer umziehen. Noch fühlte sie sich in der Nähe ihrer großen Schwester und ganz besonders in der von Jacques behütet und beschützt. Die ersten Nächte nach Dianas Rettung hatte sie in ihren Armen geschlafen, was angesichts der bösen Träume, die sie plagten, auch notwendig gewesen war. Inzwischen war sie etwas kräftiger, sicherer und, was Louisa am meisten freute, sie fand ihren Humor wieder.
Sie streckte sich ein letztes Mal, sorgsam darauf bedacht, Jacques noch nicht zu wecken, rollte sich leise aus dem Bett, schlüpfte in eine lange, weiche Wolljacke und öffnete behutsam die Tür. Der Anblick, der sich ihr bot, war himmlisch. Maroque und ihre Schwester standen nebeneinander am Herd und während Diana sorgsam Kaffee in eine große Kanne goss, bereitete der Franzose appetitlich duftende Rühreier zu. Maroque war barfuß und trug nur seine schwarze Lederhose und ein offenes Hemd, was ihm zusammen mit den langen schwarzen Locken ein leicht verruchtes Aussehen verlieh.
Ein perfektes Ambiente für die Piratenprinzessin, denn langsam kam in Diana wieder die einst so fröhliche, wagemutige »Schwarze Diana« zum Vorschein, die nichts lieber tun wollte, als mit den Freibeutern über die sieben Weltmeere zu segeln. Schmunzelnd pirschte Louisa sich an die beiden in ihr Tun versunkenen Menschen heran. »Guten Morgen. Störe ich oder darf ich bleiben?«
2.
Du bist dir dessen bewusst, dass die Kleine noch lange nicht über den Berg ist? Sie ist eine begnadete Schauspielerin. Wir müssen achtsam sein, sie darf weder sich selbst noch uns belügen.« Maroque musterte Louisa besorgt.
Die nickte mit ernster Miene. »Ich weiß, Maroque, aber alles, was ich tun kann, ist Geduld zu zeigen und für sie da zu sein, wann immer sie mich braucht.«
»Ich hätte da noch eine andere Idee. Jacques’ Vater hat ihr schon in den ersten Tagen sehr geholfen. Ich bin mir dessen gewiss, dass er ihr guttun würde.«
»Das ist sicher wahr. Vielleicht finden wir ja eine Möglichkeit, bald wieder ins Dorf der Lakota zu reiten. Ich möchte Wanbli Waste nicht über Gebühr mit unseren Problemen belasten.«
Ungehalten schüttelte der Franzose den Kopf. »Das ist Unfug, Louisa, er liebt dich und die Kleine, als wärt ihr seine eigenen Töchter.« Er hielt schmunzelnd inne. »Was bei den beiden ausgesprochen starrsinnigen Kerlen, die er da in die Welt gesetzt hat, nicht weiter verwunderlich erscheint. Sanfte, liebenswerte Mädchen bieten da doch einen kleinen Ausgleich.«
Louisa konnte das in ihr aufsteigende Lachen nicht mehr unterdrücken. »Sanft und liebenswert? Danke, Maroque, das ist charmant, sehr charmant. Aber dennoch eine Lüge und das weißt du.«
Sein Gesicht zeigte keine Regung, als er antwortete. »Ich sprach von Diana.«
»Das nun wiederum war nicht liebenswürdig.«
»Aber ehrlich.« Der Franzose konnte außerordentlich schnell sein, wenn es darum ging, das Weite zu suchen.
Louisa wusste, dass er recht hatte. Diana litt noch immer, versteckte ihren Schmerz hinter einem Lächeln, um niemandem zur Last zu fallen. Zwar wurde es zunehmend besser, nachdem die dunklen Tage in Chicago nun doch schon ein klein wenig zurücklagen, aber der Schatten über ihrer Seele war keineswegs verschwunden. Wenn jemand der kleinen Schwester dies nachfühlen konnte, dann sie selbst.
Als Maroque mit einer Handvoll getrockneter Beeren neben ihr auftauchte, erschrak sie nur kurz. Das plötzliche Erscheinen von Menschen löste schon lange keine Panik mehr in ihr aus. Schon gar nicht, wenn das Friedensangebot aus köstlichen, süßen Blaubeeren bestand.
»Dein Sirup ist köstlich, mach doch neuen, ehe der alte zur Neige geht.« Lächelnd streckte Maroque ihr die Köstlichkeit entgegen.
In gespielter Entrüstung runzelte sie die Stirn. »Fürchtest du um dein persönliches Wohlergehen am morgendlichen Frühstückstisch? Hast du Angst, deine Pfannkuchen ohne Beerensirup und Ahornhonig verspeisen zu müssen?«
»Ich wusste doch, dass du gut im Schlussfolgern bist.« Der Franzose hob lauschend die Hand. »Hörst du das? Die Wälder sprechen mit uns.«
Schweigend hob Louisa den Kopf und blickte nach oben in das Blätterdach, in dem sich Laub- und Nadelbäume mischten. Seit einer Stunde schon spazierte sie mit Maroque durch die Wälder, an deren Schönheit sie sich nicht sattsehen konnte. Jetzt wurden die bunten Blätter weniger, aber noch vor Kurzem war es einfach traumhaft schön gewesen. Noch niemals zuvor hatte sie eine solche Farbenvielfalt gesehen, noch nie so viele Rottöne, vermischt mit Gold, Gelb und Kupfer, nebeneinander erlebt. Der Herbst war hier in den Wäldern weitab von Chicago überwältigend. Die Luft roch nach den Gräsern und Kräutern, die wild und in sattem Grün wuchsen, die Flüsse waren glasklar und voller Fische. Die Natur wartete mit einer Vielfalt auf, die sie nie zuvor erlebt hatte. Wobei sie sich durchaus darüber im Klaren war, dass sie England damit bitter unrecht tat. Auch dort waren die einzelnen Jahreszeiten von ganz eigener Schönheit geprägt. Abgesehen von dem vielen Regen war vor allem Devonshire wunderschön gewesen.
Ab und an plagte sie fast schon das schlechte Gewissen, da sie, ganz im Gegensatz zu ihren ersten Tagen in dieser neuen Welt, kaum mehr einen Gedanken an die alte Heimat verschwendete. Nur selten dachte sie an die geliebte Tante, die sicher noch immer in London lebte, und an Kedleston House, wo sie ihre Kindheit verbracht hatte und mit dem sie zahllose herrliche Erlebnisse verband. Ihr Leben war jetzt hier, in den Wäldern hinter den Großen Seen, den Wäldern, in die sich die eigentlichen Herren dieses schönen Landes immer mehr zurückzogen. Von den Weißen aus ihren angestammten Jagdgründen vertrieben, zerstreuten sich die Stämme, auf der Suche nach einer Möglichkeit, in Frieden weiterleben zu können.
»Woran denkst du gerade?«
Louisa zuckte die Schultern. »An alles und nichts, an mein altes Leben, an mein neues Leben und an all das, was mich zu der gemacht hat, die ich heute bin.«
Sie spürte, wie Maroque ihr mitfühlend über den Rücken strich. »Auf einiges davon hättest du besser verzichten sollen, ma chérie.«
Vehement verneinte sie daraufhin. »Keineswegs. Sonst wäre ich noch immer das starrsinnige, unbelehrbare Wesen, das anderen das Leben schwermacht.«
»Wäre?«
»Maroque?«
»Ja, Louisa?«
»Lauf!«
Natürlich war er mit seinen langen Beinen schneller als sie und erreichte das Blockhaus vor ihr. Mit entspannt wirkendem Blick saß er, die Beine nachlässig von sich gestreckt, auf der massiven Holzbank, die Jacques aus einem dicken Baumstamm gefertigt und vor dem Haus aufgestellt hatte.
»Also wirklich, Louisa, ich warte hier seit Stunden. Wo bleibst du denn so lange?«
»Eine freche Lüge, ich höre deine schweren Atemzüge und dein Herz schon, seit ich den Waldrand hinter mir gelassen habe.« Prustend ließ sie sich neben ihn auf die Bank fallen und versuchte, wieder zu Atem zu kommen.
Ihr Blick fiel auf den Pferch für die Pferde. Tanka vergnügte sich mit einem Büschel Heu, das sie sich aus dem Sack geklaut hatte, der am Stall hing, Sandy und Arrow waren noch nicht wieder hier. Das bedeutete, dass auch Jacques und Diana noch am Fluss waren, um zu fischen. Ihre kleine Schwester liebte die Ruhe dort und Jacques wusste das. Behutsam führte er Diana wieder an ein normales, ausgeglichenes Leben heran. Sie genoss es sichtlich, selbst wenn dieses neue Leben ab und an doch recht hart war. Er war ein exzellenter Zuhörer. Wenn jemand das wusste, dann war sie das und sie wusste auch um die nahezu magische Fähigkeit ihres Gefährten, Wunden zu heilen, die niemand sehen konnte.
»Was gedenkst du zu unternehmen? Du kannst doch nicht zulassen, dass deine beiden Töchter wie die Wilden leben, abseits jeglicher Zivilisation?« Franks Bruder blickte fassungslos zu ihm auf.
Seit etwa einer Stunde wanderte Frank Kedleston nun schon unruhig, wie von bösen Geistern getrieben, durch den riesigen, höchst edel möblierten Raum. Das Büro seines Bruders war zwar ausgesprochen eindrucksvoll, aber sein eigenes stand dem nicht mehr in vielen Dingen nach. Er könnte zufrieden sein, mit sich und mit seinem Erfolg. Und doch: Frank war wütend. Immer wieder kamen in den letzten Tagen, sowohl aus der Familie wie auch aus dem erlesenen Freundeskreis, die Fragen nach dem Verbleib seiner beiden Töchter.
Die von Louisa inszenierte Befreiungsaktion ihrer jüngeren Schwester war zu einer Flutwelle geworden, die er gerade noch hatte eindämmen können. Seit jenem Abend versuchte er alles, um endlich den Mantel des Vergessens über die damaligen Geschehnisse zu breiten. Leider misslang dies fortwährend, insbesondere, da vor allem sein älterer Bruder der Meinung war, er müsse die Mädchen zurück in die ‚Zivilisation‘ holen. Dazu verspürte er allerdings so gar keine Lust. Gut, das, was er als Exempel an Louisa hatte statuieren wollen, war gründlich schiefgegangen. Sein Plan, dass das Mädchen höchstens eine Stunde, nachdem er sie bei Schnee und Kälte auf die Straße gejagt hatte, reumütig und endlich einsichtig zurückkehren würde, war nicht aufgegangen. Stattdessen tauchte sie viele Monate später, selbst fast zu einer Wilden geworden, an der Seite von Indianern wieder auf, um ihn vor allen bloßzustellen.
Selbst wenn er, tief in seinem Herzen, froh darüber war, sein Kind lebendig zu wissen, so musste er doch sehr schnell feststellen, dass sie und ihr Starrsinn unverändert geblieben waren. Die Zeit in der Wildnis war ihr offenbar gut bekommen, denn ihr Selbstbewusstsein war gewachsen. Geläutert jedoch war sie keinesfalls. Nun auch noch Diana in den Fängen dieser Wilden zu wissen und andauernd die neugierigen Fragen zu ihrem Verbleib beantworten zu müssen, zerrte an seinen Nerven.
»Was soll ich denn deiner Meinung nach tun? Einen Suchtrupp zusammenstellen und sie gegen ihren Willen wieder hierher holen? Damit alles von Neuem beginnt? Denkst du wirklich, dass Louisa uns nicht allen die Hölle heißmachen würde? Natürlich bin ich wütend, dass ich mich in meinem eigenen Heim von diesen dunklen Gestalten bedrohen lassen musste. Vergiss aber bitte nicht, dass sich auch meine Frau gegen mich stellte.«
Marcus Kedleston schüttelte missbilligend sein kahles Haupt. »Du lässt dich von den Weibern unterdrücken? Frank, was ist denn nur los mit dir? Ich erkenne dich kaum wieder. Sobald du die Mädchen wieder unter deinem Dach hast, kannst du ihnen beibringen, wie sich junge Damen zu benehmen haben. Es ist unerträglich, welchen Schaden dir diese beiden ungezogenen Wesen zufügen. Sie besudeln deinen Ruf als Familienoberhaupt und machen dich vor der Gesellschaft lächerlich. So versteh das doch endlich, Frank: Du hast keine Wahl, du musst etwas unternehmen.« Freudlos lächelnd drehte Marcus das Glas mit dem teuren französischen Cognac in den Händen. »Und wenn dabei die Indianer draufgingen, wäre das eine durchaus akzeptable Lösung für alle.«
Frank setzte sich schwer atmend in einen der wuchtigen Ledersessel. »Ich muss darüber nachdenken. Mir darf – nur angenommen, ich täte es tatsächlich – kein Fehler unterlaufen. Wie du schon sagst, falls ich etwas unternehme, dann darf es keinen Grund mehr für die beiden geben, jemals wieder in diese vermaledeiten Wälder zurückzukehren.«
3.
Na warte, ich bekomme dich noch klein. So schnell gebe ich nicht auf.« Mit hochrotem Kopf sprang Diana hinter der großen Forelle her, die ihr zum wiederholten Male aus den Händen gerutscht war.
Während Jacques und Maroque sich auf der Bank sitzend vor Lachen krümmten, warf Louisa ihnen nur einen tadelnden Blick zu. »Hört auf der Stelle auf, euch lustig zu machen. Aller Anfang ist schwer. Es ist ja nicht so, dass diese schleimigen Tierchen sich freiwillig zum Ausnehmen öffnen.«
»Wer weiß, vielleicht fehlen euch einfach die guten Gründe, um sie zu überzeugen?« Maroque schaffte es gerade noch, dem nassen Lappen, den Louisa nach ihm warf auszuweichen. »Frauen! Kaum gehen ihnen die Argumente aus, schon greifen sie zu Gewalt.«
»Sei achtsam, du großspuriger Franzose, sonst könnte dieser Tag übel für dich enden.« Louisa hatte ihre liebe Mühe, Haltung zu bewahren.
»Es ist schön, dass ihr euch auf meine Kosten so hervorragend amüsiert. Aber darf ich darauf hinweisen, dass es um euer aller Abendessen finster bestellt sein könnte, wenn ich keinen Erfolg habe?« Diana stand, heftig atmend, aber den Fisch nun gut im Griff wieder neben dem Brunnen.
»Das ist eine ernste Drohung, ich denke, wir sollten alle helfen.« Sichtlich erheitert gesellte sich Jacques zu Diana und ihrer Schwester.
Louisa warf ihm einen liebevollen Blick zu und widmete sich dann wieder ihrem eigenen, wenn auch toten, so doch noch immer widerspenstigem Tier.
»Darf ich euch etwas fragen?« Dianas Blick war ein wenig unsicher und huschte nervös zwischen ihr und Jacques hin und her.
»Aber natürlich, frag, kleine Schwester.« Sie sah die Jüngere aufmunternd an und wünschte sich ein paar Sekunden später, sie doch nicht ermutigt zu haben.
»Ich weiß, dass ich jetzt sehr neugierig bin und wenn es unverschämt erscheinen mag, müsst ihr mir nicht antworten. Aber wie sieht eine Hochzeitszeremonie bei den Lakota aus?«
Jacques tunkte grinsend seinen sauberen Fisch in einen Eimer mit eiskaltem Wasser, ehe er ihn auf das große Holzbrett legte, auf dem bereits vier weitere ihrer Zubereitung harten. »Warum, möchtest du heiraten? Und wer ist der Glückliche?«
»Was ist das denn für eine Frage? Du natürlich ... also nicht für mich, für Louisa selbstverständlich.«
»Diana! Das ist nun aber wirklich ein wenig neugierig.« Sie spürte, wie ihre Wangen sich erwärmten, und vermied es, Jacques anzublicken.
Der schien das weit weniger schwer zu nehmen. »Die Zeremonie dauert einen ganzen Tag, ehe der Häuptling die beiden Liebenden einander zuführt und miteinander verbindet.«
Diana nickte zufrieden. »Das klingt gut. Darüber musst du mir unbedingt bald mehr erzählen.«
»Diana!«
Jacques legte seinen Zeigefinger unter ihr Kinn und hob es sanft an. »Lass sie doch. Ich finde unsere Zeremonien durchaus interessant. Du solltest sie kennenlernen.«
Falls ihre Wangen überhaupt noch dunkler werden konnten, so geschah das sicherlich in diesem Augenblick. Sonst nicht um rasche Antworten verlegen, wandte sie sich mit einem entschuldigenden Lächeln ab. Was dachte Diana sich dabei, ihn mehr oder weniger aufzufordern, sie nun schnell zu heiraten? Denn nicht anders musste Jacques ihre Worte doch auffassen.
Maroque löste die seltsame Stimmung, indem er Diana aufforderte, mit ihm in den Wald zu gehen, um die nötigen Kräuter für die Fische und das Wildgemüse zu suchen.
Die beiden eilten in Richtung des nahegelegenen Waldrandes, während Louisa sich angestrengt darum bemühte, Jacques nicht ins Gesicht zu sehen.
»Was hast du? Du bist so schweigsam seit Dianas Frage.«
»Das verwundert dich? Schließlich hat sie dich gerade mehr oder weniger aufgefordert, mich bald zu heiraten.«
»Hast du das so verstanden? Ich nicht. Ich deutete ihre Worte als reine, kindliche Neugier.« Täuschte sie sich oder schwang da ein Lächeln in seiner Stimme mit?
»Gib doch zu, dass du zuerst den gleichen Gedanken hattest«, sagte sie.
Er legte die letzte Forelle auf das Brett, goss das schmutzige Wasser aus und wusch sich schweigend die Hände. Sie argwöhnte bereits, dass sie keine Antwort mehr erhalten würde, sah sich aber sehr schnell im Irrtum.
Sich das kalte Wasser von den Händen schüttelnd kam er auf sie zu und nahm sie in die Arme. »Nun einmal ernsthaft, Louisa, erinnerst du dich an den Tag am See, dort an der Flussmündung? Der Tag, an dem du Maroque das erste Mal gesehen hast?«
Wenn sie nun errötete, dann aus einem ganz anderen Grund. Natürlich erinnerte sie sich an diesen Nachmittag, sie hatten sich in freier Natur und unter blauem Himmel geliebt und Jacques hatte sie am selben Tag gefragt ob ... »Oh!«
»Ah, ich sehe, es fällt dir wieder ein. Ich muss gestehen, würdest du dich nicht an diesen Tag erinnern, dann müsste ich mir so meine Gedanken machen.« Seine Umarmung wurde noch ein wenig fester. »Also weißt du sicher auch noch, dass ich dich gefragt habe, ob du dir ein Leben hier draußen vorstellen könntest und das als meine Frau.«
Ihre Antwort klang unweigerlich ein wenig zerknirscht. »Selbstverständlich erinnere ich mich auch daran.«
»Und was, bitteschön, denkst du, dass ich damit bezweckt habe?«
»Erfahren, ob ich mir ein Leben hier draußen vorstellen kann.«
Sie hörte sein leises Seufzen. »Und außerdem?«
»Ob ich mir ein Leben hier draußen mit dir vorstellen kann.«
»Louisa!«
»Es fällt mir sehr schwer, das zu glauben, was ich denke. Oh, Jacques, nun mach es mir doch nicht so schwer.« Ihr Mund war plötzlich sehr trocken und ihr Herz schlug wesentlich schneller als noch vor wenigen Minuten.
»Dann lass mich dir helfen, du unsicheres Geschöpf des Waldes.« Er löste seinen rechten Arm, hob erneut ihr Gesicht zu sich an und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. »Hast du denn auch nur im Entferntesten eine Ahnung davon, wie viel du mir bedeutest? Weißt du auch nur annähernd, wie sehr ich dich liebe, du Mädchen aus dem See? Ist dir bewusst, dass es dir mit deiner bloßen Gegenwart gelungen ist, die dunklen Schatten meiner Vergangenheit, die allgegenwärtigen Schuldgefühle wegen Sophies Tod zu vertreiben? An manchen Tagen glaube ich, sie hat mir dich geschickt, um mein Leben zurückzubekommen und die Liebe zu finden. Mir ist bewusst, dass ich dich wohl nie nach deinen Gesetzen werde heiraten können, doch das, was ich dir anbieten kann, das tue ich aus ganzem Herzen.« Seine Stimme klang mit einem Mal seltsam rau. »Louisa, willst du meine Frau werden? Mein Vater und unser Häuptling würden uns mit Freuden miteinander verbinden. Denkst du, du kannst mich ein ganzes Leben lang ertragen?«
Sie musste nicht nachdenken, keine Sekunde. »Dieses Leben und alle, die darauf folgen, bis in alle Ewigkeit. Ich habe noch niemals jemanden so sehr geliebt, wie ich dich liebe. Natürlich will ich deine Frau werden, das habe ich doch bereits laut und deutlich verkündet.«
Louisa entdeckte die kleine glitzernde Träne in seinem Augenwinkel sehr wohl, jedoch kannte sie die stolzen Männer inzwischen gut genug, um zu wissen, wann man besser schweigen sollte. Sein Kuss war zärtlich und beinahe scheu, so als könne sie sich in letzter Sekunde noch umentscheiden. Welch ein Irrtum! Noch nie war sie sich bei einer Sache so sicher gewesen, noch nie hatte sie sich so unendlich glücklich gefühlt. Sie grub ihre Hände in sein dichtes, langes Haar und zog ihn noch näher zu sich.
So kam es, dass Maroque und Diana sie eng umschlungen neben dem Pferch stehend fanden, als sie, beide Arme voller duftender Kräuter, zurückkehrten.
»Diana, siehst du, was ich sehe? Man kann sie nicht alleine lassen. Schon vernachlässigen sie ihre Pflichten.« Maroque verdrehte in gespielter Verzweiflung die Augen.
Jacques wandte sich, ohne sie loszulassen, dem Franzosen zu. »Mein lieber Freund, ich tue genau das, wozu ich mich am meisten verpflichtet sehe. Ich halte die Frau, die nun schnellstmöglich die meine werden wird, so fest ich nur kann.«
»Einen kleinen Augenblick bitte. Da ist man nur wenige Minuten fort und schon ereignen sich hier Dinge, die die Welt erschüttern. Was hast du gesagt?« Maroque trat lächelnd einen Schritt näher.
»Ich sagte, dass ich meinen Pflichten sehr wohl nachkäme.«
»Hör zu, du listenreicher Krieger
