Hammer + Veilchen Nr. 11: Flugschriften für neue Kurzprosa
Von Günther Emig (Editor)
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Über dieses E-Book
Das E-Book Hammer + Veilchen Nr. 11 wird angeboten von Emig, Günther und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Kurzprosa, Gegenwartsliteratur, Erzählungen
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Rezensionen für Hammer + Veilchen Nr. 11
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Buchvorschau
Hammer + Veilchen Nr. 11 - Peter Engel
Hammer + Veilchen
Flugschriften für neue Kurzprosa
Herausgegeben von Günther Emig und Peter Engel
Ausgabe 11 · 2017
Mit Beiträgen von Wolfgang Denkel · Thomas Glatz · Ronald Glomb · Andreas Greve · Martin Jürgens · Christian Maintz · Peter Salomon · Bruno Teuni · Orla Wolf
hammer_veilchenWolfgang Denkel
Lippenstift oder Leben in den großen Städten
Je heftiger eine Ordnung proponiert wird,
desto rapider ist die Unordnung,
die sie schließlich aufführt. (W. Serner)
Wird die Geschichte dem Autor ähnlich, damit man gleich spürt, daß sie erlebt ist? Oder wird sie dem Autor unähnlich, damit der sich einmal erholen kann von der Anstrengung, er selbst zu sein. (Denn es ist schrecklich, von morgens bis abends man selbst sein zu müssen. Schrecklicher ist nur, wenn einen jemand daran hindert.)
Sagen wir, die Geschichte beginnt an einem Abend, und es regnet. Eine Frau mittleren Alters läuft auf dem Gehsteig. Nicht wie eine Erwachsene, sondern wie ein junges Mädchen, dem diese Bewegung noch nicht ungewohnt ist. Sie hat ein Ziel, und in ihrem Gesicht zeigt sich dies als Schönheit. Sie hat unlängst etwas verstanden, aber wir wissen nicht was. Daß ihr Mantel durchnäßt ist, scheint ihr nichts auszumachen.
Auch der Autor fragt sich, wohin die Frau läuft. Und er fürchtet, ihre Absicht könnte eine allzu gewöhnliche sein. Was, wenn die Frau so entschlossen wirkt, um kurz vor Geschäftsschluß noch einen bestimmten Lippenstift zu kaufen?
Doch selbst wenn dem so wäre… Warum ist dieser Lippenstift für sie so wichtig? Vielleicht wird sie einem Menschen begegnen und will schön sein, auf eine bewährte, Schutz verleihende Weise. Doch sie ist ja auch jetzt schon schön, ohne Lippenstift, durch ihre Entschlossenheit, durch ihr Ja zu dem, was noch kommt. Der frisch aufgetragene Lippenstift freilich – das mag man ihr zugestehen – kann ein solches Einverständnis verdeutlichen. Außerdem kommt es darauf an, was sie für angemessen hält und nicht der Autor. Denn es ist ja ihre Geschichte, nicht seine. Wenn sie diesen Lippenstift für unentbehrlich hält – bitteschön.
Also, die Frau kauft einen Lippenstift und steckt ihn in die Tasche ihres Mantels. Nach dem kurzen Aufenthalt in der Kunstlichthelle der Drogerie umgibt sie wieder die Straßendunkelheit, die wegen der vielen Schaufenster jedoch keine vollständige ist. Die Frau scheint glücklich, als habe sie soeben etwas erreicht.
Der Leser und natürlich auch der Autor will, daß es etwas Großes sei, etwas des Erzählens Würdiges.
