Kara Ben Nemsi - Neue Abenteuer 11: Im Reich der Shejitana
Von Thomas Ostwald
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Über dieses E-Book
In der alten Zitadelle von Kairo wird ein Anschlag auf den Khediven verübt, während der Verfolgung wird der Attentäter getötet. Bei der Untersuchung des Toten zeigt es sich, dass ihm die Zunge herausgeschnitten wurde. Eine Tätowierung gibt erste Hinweise.
Die Printausgabe umfasst 142 Buchseiten.
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Buchvorschau
Kara Ben Nemsi - Neue Abenteuer 11 - Thomas Ostwald
1.
al-Qāhira – die Siegreiche. Da breitete sie sich vor mir aus, die Stadt, die unter dem Vizekönig Ismail Pascha einen ungeheuren Aufschwung genommen hatte. Europäische Architekten waren von ihm in die Stadt gerufen worden, um ihr ein modernes Aussehen zu verleihen. Nach der Öffnung des Suezkanals im Jahre 1869 entwickelte sich Kairo zu einer gigantischen Metropole, und ich staunte bei jedem neuen Aufenthalt über die rasende Geschwindigkeit der Veränderungen. Wo eben noch einfache Lehmhütten gestanden hatten, waren moderne Geschäfts- und Wohnviertel entstanden, mit breiten, sauberen Straßen, angefüllt mit einem bunten Völkergemisch. Der Khedive pflegte einen freundlichen Umgang mit allen Religionen, und so verwunderte es kaum, dass man in den Straßen Kairos zahlreiche Juden schon an ihren auffälligen Hüten und ihren Bärten erkennen konnte. Dazu gab es alle Vertreter der christlichen Religion, von katholischen Christen bis zu den koptisch-orthodoxen hatten alle ihre Kirchen hier errichten dürfen. Man lebte in der gleichen Straße und sogar in den gleichen Häusern zusammen mit den Mohammedanern, und man lebte friedlich zusammen. Das war eigentlich auch gar nicht so verwunderlich, denn nach der alten Überlieferung war es ja der Evangelist Markus, der schon um das Jahr fünfzig in Ägypten missioniert haben soll. Ich hatte öfter Gelegenheit, auch die Randbezirke der ständig wachsenden Stadt zu besuchen, in der eine arme Bevölkerung in einfachen Hütten lebte. Allerdings herrschte auch hier ein fröhliches Miteinander, und verblüfft war ich nur über die zahlreichen Schweine, die natürlich nur von den Christen gehalten wurden, aber von den Moslems toleriert, wenn natürlich auch nicht berührt oder gar gegessen wurden.
Wir hatten einen sehr anstrengenden und langen Ritt nach Erreichen von Port Said hinter uns. Es wäre wesentlich bequemer für uns geworden, hätten wir die Eisenbahn über Ismailia nach Kairo nehmen können. Aber Hassan ben Khaifani, Oberst der Leibgarde des Vizekönigs, riet uns davon dringend ab. Nach unseren bisherigen Erlebnissen war er übervorsichtig geworden und hatte seine Agenten überall verteilt. Die eintreffenden Nachrichten bestätigten ihn nur, und als wir selbst in der Nähe der Stadt lagerten, noch etwa 120 Kilometer von Kairo entfernt, bestätigte uns ein berittener Melder, dass eine Bande arabisch sprechender Männer in schwarzen Gewändern und mit einem Gesichtsschleier den Zug überfallen und ausgeraubt hatten. Das war eine Provokation, praktisch unter den Augen des Vizekönigs und in der Nähe der Stadt, die nach ihm benannt war. 1863 von Ferdinand de Lesseps unter dem Namen Timsāh gegründet, nahm man bald den neuen Namen zu Ehren des Khediven an. Wir waren noch nicht in Kairo eingetroffen, als wir von anderen Spähern unterrichtet wurden, dass man eine bewaffnete Bande etwa zwanzig Kilometer vor Kairo in einer kleinen Oase gestellt hatte. Bei dem anschließenden Gefecht mit dem ägyptischen Militär wurden die Verbrecher getötet. Man fand fast die vollständige Beute aus dem Zugüberfall bei ihnen, allerdings blieb dieser Überfall rätselhaft und nicht vollständig aufgeklärt, denn offenbar hatte sich in der Nacht vor dem Gefecht der Anführer auf einem schnellen Hedschin, einem Rennkamel, in die Wüste abgesetzt und war nicht mehr aufzufinden.
Gern wäre ich einmal wieder im Hotel d’Orient abgestiegen, das ich während früherer Aufenthalte mehrfach als Quartier gewählt hatte. Doch davon konnte jetzt nicht die Rede sein, denn der Khedive war mein Freund geworden und duldete es nicht, dass ich in der Stadt und noch dazu in einem Hotel wohnen wollte. Sein Palast stand mir zur Verfügung, und das hatte natürlich erhebliche Vorteile für mich. Dabei war der gigantische Abdeen-Palast noch immer nicht ganz fertig gestellt, obwohl er durch den französischen Architekten Leon Rousseau schon im Jahre 1863 begonnen wurde. Der Palast in seinen unglaublichen Ausmaßen hatte bereits ein Vermögen für den Bau verschlungen, aber noch mehr Geld ließ der Vizekönig für die Innenausstattung fließen, die von Ausstattern aus Ägypten, der Türkei, Italien und Frankreich vorgenommen wurde. Ein erster Rundgang am Tag nach unserer Ankunft unter Führung Ismail Paschas nahm mir geradezu den Atem. Noch nie in meinem Leben hatte ich eine solche Pracht, einen solchen Reichtum in einem Palast gesehen.
Bislang galt die Zitadelle in Kairo als Sitz der Regierung. Dieser historische Bau, errichtet im 12. Jahrhundert unter dem König der Ayyubiden Salah ad-Din Yusuf ibn Ayyub ad-Dawīnī, mit dem Titel geehrt al-Malik an-Nasir, der siegreiche Herrscher, liegt auf einer Anhöhe.
Kurz nach Sonnenaufgang dieses Tages und dem verrichteten fadschr, dem Morgengebet, war Hassan in mein Gemach gekommen, um mich abzuholen. Im Innenhof dieses Palastteiles befanden sich bereits unsere Pferde, drei prachtvolle Rappen von edelstem Geblüt. Mein Herz schlug höher, denn sofort dachte ich an meinen herrlichen Rih, der weit entfernt von mir bei den Haddedihn und meinem lieben Halef weidete. Staunend umrundete ich diese Tiere und erfreute mich an der Schönheit ihres Baus, an den edlen Köpfen und den anmutigen Bewegungen, als sie leise schnaubend ihren Herrn begrüßten, der soeben aus einem Tor trat und mich begrüßte.
„Kara ben Nemsi – es ist ein herrlicher Morgen, und wir werden ihn nutzen, um einmal auf die Zitadelle zu reiten. Von dort werden wir heute einen unglaublichen Ausblick genießen können, und dann reiten wir hinüber zu meinem Museum. Dort bereden wir unser Vorgehen der nächsten Tage, und dann hält mich hier nichts mehr länger – meine Amtsgeschäfte sind geregelt, wir können aufbrechen!"
„as-salāmu ʿalaikum‚ der Frieden sei mit dir, Ismail Pascha! In der Tat, es verspricht, ein schöner Tag zu werden. Und sehe ich diese prachtvollen Reittiere, so möchte ich wohl gleich für einen noch längeren Ritt aufbrechen."
Wir saßen auf, Leibgardisten, die ihrem Herrn gefolgt waren, rissen die Tore auf, und als wir hinaus in die Straßen der Stadt ritten, wurden wir in gebührendem Abstand von einem Dutzend schwarz gekleideter und schwer bewaffneter Reiter begleitet. Jeder der Männer trug eine Revolvertasche am Gürtel, an der anderen Seite einen Säbel, auf dem Rücken Karabiner. Sie waren für das Volk schon von Weitem als Leibgarde des Khediven auszumachen, weil sie genau wie auch ihr Herr einen roten Fez trugen.
So waren wir alles andere als unauffällig bei dem Ritt durch Kairo, aber das lag auch nicht in der Absicht meines Freundes. Er zeigte sich überall und bei allen Gelegenheiten und hegte keinerlei Sorgen vor einem möglichen Attentat. Ismail Pascha vertraute darauf, dass sein Volk ihn liebte, und er hatte mit dieser Einstellung recht.
Obwohl die Sonne gerade erst ihre Strahlen über den Horizont schickte, tastend die gewaltige Stadt berührte und einen goldenen Schimmer auf sie legte, bemerkte ich schon das lebhafte Treiben in den Straßen. Überall waren Menschen unterwegs, die den Khediven auf fröhliche, aber ehrfurchtsvolle Weise grüßten.
Wir erreichten die Zitadelle, als die Sonne ihre Strahlen gerade auf die beiden Minarette der Moschee des an-Nasir Muhammad richtete, der wichtigsten Moschee der Stadt Kairo. Zum Beginn des 14. Jahrhunderts fertiggestellt, war sie die wichtigste Freitagsmoschee der Sultane. Hier stiegen wir von unseren prächtigen Pferden, die sofort von drei Leibgardisten in Empfang genommen wurden. Man führte sie in den Schatten, während uns der Vizekönig voranschritt und dabei die Richtung zum eigentlichen Zitadellenbereich einschlug. Unser Weg führte uns zunächst unter den Arkaden der Moschee entlang, und ich konnte die Säulen bewundern, für die man alte Spolien verwendet hatte, also Materialien aus vorislamischer Zeit. Auch das beeindruckende Brunnenhäuschen auf dem Innenhof der Moschee durfte ich bewundern, dann verließen wir diesen Bereich und schritten zu der mächtigen Mauer, die einst die ganze Zitadelle umrandet hatte. Es gab eine große Stelle, die vermutlich als Steinbruch zur Zeit der Pharaonen benutzt wurde, und das war das nächste Ziel meines Freundes Ismail Pascha.
„Kara ben Nemsi, hier stehen wir auf geschichtsträchtigem Boden. Niemand weiß genau, warum hier auf dem Berg der Zitadelle ein Stück fehlt. Immer wieder wurde behauptet, dass er zur Zeit der Pharaonen als Steinbruch verwendet wurde. Komm mit mir, mein Freund, ich will deinen Blick in die Zukunft lenken!"
Mit dieser seltsamen Ansprache eilte er auch schon weiter, sodass ich kaum Zeit hatte, den Ausblick einmal zu genießen. Gemeinsam stiegen wir eine Steintreppe zur Bastionsmauer hinauf und dann bot sich mir eine Fernsicht, die mir den Atem stocken ließ. An diesem frühen Morgen waren die Sichtverhältnisse so gut, dass ich mit dem bloßen Auge die Pyramiden von Gizeh erkennen konnte.
Hassan trat an meine Seite und nickte mir lächelnd zu.
„Und jetzt, mein Freund Kara, schau nach Süden hinunter – was erkennst du?"
„Die südliche Nekropole, den Ort, an dem wir uns getroffen haben!", antwortete ich, und der Vizekönig gab zurück:
„Nenne ihn ruhig beim richtigen Namen, Kara ben Nemsi. Es ist der Ort, an dem du mir und Hassan das Leben gerettet hast. Und genau an dieser Stelle werden wir in den nächsten Wochen und Monaten den Eingang zur alten Stadt Misr freilegen und die dort gefundenen Stücke ..."
Ich war der ausgestreckten Hand des Vizekönigs gefolgt und hatte dabei eine Bewegung über uns bemerkt. Wir standen auf einem stark ummauerten Teil der Festung, über uns befand sich ein gewölbtes Dach. Instinktiv hatte ich mich auf den Khediven geworfen, und im nächsten Augenblick prasselten mehrere Steine auf uns herunter, trafen uns aber glücklicherweise nur noch an den Beinen.
„Al-hamdu lillah, Khedive, du bist unverletzt!", hörte ich die Stimme Hassans, der einen fürchterlichen Anblick bot. Ein Stein hatte ihn mitten auf die Stirn getroffen und eine hässliche, sofort stark blutende Wunde hinterlassen. Der nachfolgende Staub hatte seine braune Gesichtsfarbe mit einem weißen Schleier bedeckt, das jetzt aus der Wunde tretende Blut vermischte sich damit. Aber Hassan ben Khaifani achtete nicht darauf, kniete sich neben Ismail Pascha nieder und half ihm
