Lovecrafts Schriften des Grauens 49: Salzburger Schreckensnächte
Von Alfred Wallon (Editor)
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Über dieses E-Book
Als Collins in Salzburg ankommt, begreift er, wie ernst die Lage ist. Es beginnt mit dem Tod eines mittellosen und leider zu neugierigen Mannes in den Katakomben unterhalb der Salzburger Festung, und am Heiligabend soll das Ritual der Wiederkehr dann endgültig vollzogen werden. Wird es Collins gelingen, diesen verhängnisvollen Prozess zu stoppen? Oder wird Salzburg die neue Bastion finsterer Mächte werden?
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Rezensionen für Lovecrafts Schriften des Grauens 49
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Buchvorschau
Lovecrafts Schriften des Grauens 49 - Alfred Wallon
Kapitel Eins
Salzburg
16. Dezember 1957
Unweit des Mozartplatzes, gegen 17:00 Uhr
Dichte graue Wolken hatten sich über der Mozartstadt zusammengeballt, und der allmählich stärker einsetzende Wind trieb sie vor sich her und sorgte damit für kalte und unangenehme Temperaturen. Gestern Abend hatte es zu schneien begonnen, und der Schneefall hatte erst im Laufe des folgenden Tages gegen Mittag nachgelassen.
In den Nachrichten und Zeitungen war von der Hoffnung auf weiße Weihnachten in Salzburg berichtet worden, und vieles sprach dafür, dass die kalten Temperaturen und weitere Schneefälle in den nächsten Tagen dies garantieren würden. Für viele Menschen bedeutete dies eine entspannte und angenehme Zeit und Freude, an den Weihnachtstagen mit der Familie vereint zu sein und schöne Stunden zu verbringen.
Für Wolfgang Stadler bedeutete dies Einsamkeit und das Wissen, erst recht zu spüren, dass er allein war und zusehen musste, wie er bis zum Monatsende über die Runden kam. Er wusste, dass Weihnachten eine unbarmherzige Zeit war, die Menschen wie ihm vor Augen hielt, dass Liebe und Geborgenheit nur etwas für diejenigen Menschen waren, die im Leben Glück gehabt hatten.
Stadler trug einen alten Mantel, den er schon vor dem Krieg besessen hatte, aber der ihn gut vor den kalten Temperaturen schützte. Auf seinem Kopf saß eine ebenso alte Mütze, und die Handschuhe und Stiefel sorgten dafür, dass er nicht zu sehr fror. Er hatte gelernt, die Winterkälte zu ertragen, wenn er seine kleine Wohnung in der Getreidegasse verließ. Womit er allerdings immer noch nicht zurechtkam, war die Mitleidlosigkeit der meisten Menschen, die sich von ihm abwandten und teilweise sogar ignorierten, sobald sie wussten, wie schlecht es ihm ging.
Vor zwei Monaten hatte er seine Kündigung erhalten. Die Stadtverwaltung, die ihn seit Ende des Krieges als Landschaftsgärtner beschäftigte, hatte beide Augen zugedrückt, obwohl er oft krank gewesen war. Aber in den letzten beiden Jahren hatte das zugenommen, und man hatte ihm deshalb sehr deutlich mitgeteilt, dass er für diese Arbeiten gesundheitlich nicht länger geeignet sei, und ihn deshalb entlassen. Wenigstens war man so fair gewesen und hatte ihm noch drei Monatsgehälter zugesagt. Oder anders gesagt: Noch hatte er ein Auskommen, aber ab Januar würde er auch nicht mehr in der Lage sein, die Miete für seine kleine Wohnung zu zahlen. Das neue Jahr würde unter den schlechtmöglichsten Voraussetzungen beginnen.
Sein Vermieter wusste noch nichts davon, denn wahrscheinlich hätte er ihn sofort aufgefordert, sich eine neue Bleibe zu suchen, und dann unverzüglich Ausschau nach einem neuen Mieter gehalten. Die Nachkriegsjahre waren nicht immer von Expansion und Erfolg gekrönt. Manche Menschen kamen dabei auch unter die Räder, ohne dass andere etwas davon mitbekamen.
An diesem frühen Abend konnte es Wolfgang Stadler nicht länger in seinen eigenen vier Wänden aushalten. Die Stille dort belastete ihn an diesem Abend, und deshalb sah er als einzige Möglichkeit, auf andere Gedanken zu kommen, die Wohnung zu verlassen und sich zu betrinken. Er wusste zwar, dass er sich am nächsten Morgen beschissen fühlen würde, aber das war ihm in diesem Augenblick völlig egal.
Er hatte auch kein bestimmtes Ziel, als er mit hochgeschlagenem Mantelkragen durch die Straßen ging. An der erstbesten Kneipe machte er Halt, um ein Bier zu trinken. Er schüttete es in sich hinein, als sei er am Verdursten, und bestellte gleich ein zweites. Damit ließ er sich etwas mehr Zeit und stellte anschließend fest, dass seine eigene finanzielle und berufliche Situation nicht mehr ganz so beängstigend war. Der Alkohol tat ihm gut, und er trank noch zwei Obstler, um diese Stimmung möglichst lange zu genießen.
Allerdings redete er dabei vor sich hin, und andere Gäste fühlten sich dabei gestört. Sie blickten ratlos zum Wirt hinter der Theke, und der hatte begriffen, dass er jetzt etwas tun musste.
Er kam auf Stadler zu und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Für heute reicht es, sagte er zu ihm. „Sie gehen jetzt am besten.
„Ich ... ich will noch was trinken!, erwiderte Stadler mit gereizter Stimme. Dabei griff er in seine Manteltasche, holte seinen Geldbeutel heraus und legte einen Geldschein auf die Theke. „Ich kann zahlen, verdammt noch mal!
Trotzdem bestand der Wirt darauf, dass Stadler jetzt ging. Der nickte nur und steckte das Geld wieder kopfschüttelnd ein.
„Dieses Drecksloch betrete ich sowieso nicht mehr!, rief Stadler in seinem Zorn. „Von mir aus könnt ihr alle ...
Er kam nicht mehr dazu, diesen Satz zu vollenden. Stattdessen spürte er, wie ihn der Wirt packte und gewaltsam zur Tür dirigierte. Stadler wollte sich dagegen wehren, aber der Wirt war viel stärker als er. Er konnte nichts dagegen tun, dass er aus der Kneipe geworfen wurde und dazu noch einen Stoß in den Rücken bekam. Stadler rutschte auf der glatten Gasse aus, taumelte und fiel schließlich zu Boden.
Einige Passanten gingen kopfschüttelnd weiter, als sie ihn am Boden liegen sahen, und andere lachten sogar kurz über ihn. Das machte ihn noch wütender, als es ohnehin schon der Fall war.
„Schleicht’s euch!", rief er den Passanten zu und hob drohend die rechte Faust. Dann stemmte er sich hoch und versuchte, sich auf den Beinen zu halten. Die kalten Temperaturen ließen ihn frösteln. Das wohlige Gefühl von Wärme in seinem Magen wich einer tauben Stimmung, die alles noch schlimmer machte, bevor er versucht hatte, sich zu betrinken. Jetzt hatte ihn die Realität wieder eingeholt, und die Demütigung in der Kneipe setzte ihm jetzt noch mehr zu und hielt ihm deutlich vor Augen, dass er aus dieser Situation nicht mehr aus eigenem Antrieb herauskommen würde.
Selbst die schön geschmückten Fenster der Geschäfte mit weihnachtlichen Motiven vermittelten ihm nichts mehr, was seine trübe Stimmung verbessert hätte. Er ging einfach weiter in Richtung Domplatz. Dort befanden sich einige Stände, die um diese Jahreszeit den Passanten und Touristen Geschenkideen anboten. Auch hier ging er nur weiter, ohne ein konkretes Ziel vor Augen zu haben.
Er schaute hinauf zur Festung Hohensalzburg, eines der Wahrzeichen der Stadt. Stadler hatte sich immer wohl gefühlt in Salzburg, aber dieses Gefühl war der traurigen Realität gewichen, schon bald keine Wohnung mehr zu haben, auf der Straße leben zu müssen und höchstwahrscheinlich auf Almosen angewiesen zu sein. Ein Gedanke, der ihm keine Ruhe mehr ließ.
Er ging weiter in Richtung Petersdom und sah eine Gruppe von Menschen, die sich dem alten Friedhof hinter dem Dom näherten. Stadler sah zwei Männer, die ihm sehr bekannt vorkamen, und er wunderte sich darüber, was diese beiden Männer zu dieser ungewöhnlichen Stunde noch auf dem alten Friedhof zu tun hatten. Zumal es sich um Personen handelte, die er nicht unbedingt mit dem Thema Kirche und Glauben in Zusammenhang brachte.
Den einen Mann kannte er, weil er öfters mal in der Stadtverwaltung gewesen war, um den in diesem Jahr neu gewählten Salzburger Bürgermeister Alfred Bäck aufzusuchen. Bäck war bei den Bürgern der Stadt sehr beliebt und hatte die Wahl mit einem sehr eindeutigen Ergebnis gewonnen. Dass ausgerechnet Hofrat Anton Reiter zu dieser Gruppe gehörte, machte Stadler stutzig. Diese Neugier verstärkte sich noch, als er auch den zweiten Mann erkannte. Es handelte sich um Oberinspektor Josef Marek, der bei der Polizei eine Sonderkommission leitete.
Stadler erinnerte sich jetzt wieder an einen Zeitungsartikel, den er vor kurzem gelesen hatte, in dem es um den Mord an einem Antiquar ging. Das war gar nicht weit von hier gewesen – in der Judengasse. Wenn Stadler sich richtig erinnerte, war der Mörder bis jetzt nicht gefasst worden.
Die anderen vier Männer, die sich bei Marek und Reiter befanden, kannte Stadler nicht. Eigentlich hätte er jetzt einfach weitergehen und zurück in seine Wohnung gehen sollen, weil sich die Kälte immer deutlicher bemerkbar machte und ihm trotz des Mantels eine Gänsehaut über den Rücken streichen ließ. Stadler konnte sich selbst nicht erklären, warum er den Männern jetzt mit einigem Abstand folgte und dann erkannte, dass das Ziel der Gruppe die alten Katakomben waren.
Seltsam, dachte Stadler. Um diese Zeit finden doch keine Führungen mehr statt. Was wollen die Männer dort?
Die Katakomben im Petersfriedhof in der Altstadt von Salzburg waren neben dem Friedhof des Stiftes Nonnberg die vielleicht älteste christliche Begräbnisstätte Salzburgs sowie ein aus dem Konglomerat des Mönchsberges gehauenes Höhlensystem. Die Anfänge des Petersfriedhofs sowie die Katakomben gingen angeblich auf die spätrömische Stadt Iuvavum zurück, sie stammten jedenfalls aus frühromanischer Zeit.
1860 wurden die letzten Umbauten durchgeführt. Genau genommen handelte es sich bei den gemeinhin als Katakomben bekannten Höhlen um die Einsiedelei des Klosters St. Peter. Der Name Katakomben kam erst im frühen 19. Jahrhundert auf, ursprünglich hießen sie Einsiedelei, beziehungsweise Eremitorien, da hier Eremiten (Einsiedler) im kargen Fels Unterschlupf fanden.
Von außen wirkte die Einsiedelei mit seinen Kapellen sehr unscheinbar, da zuallererst nur kleine, leicht zu übersehende Öffnungen im Felsen sichtbar waren. Der Eingang zu den Höhlen erfolgte über den Petersfriedhof durch die leicht erhöhte Kommunegruft, wo Mozarts Schwester Nannerl, sein Freund, der Komponist Michael Haydn und der Architekt und Baumeister des Salzburger Domes, Santino Solari, beigesetzt waren. Dieser stille und sehr düster wirkende Ort war somit von erheblicher historischer Bedeutung und vermittelte noch immer einen Hauch alles Vergänglichen im Schatten des großen Doms und der Festung Hohensalzburg.
Während seiner Zeit als Landschaftsgärtner hatten Stadler und seine Kollegen natürlich auch für die Erhaltung und Pflege der alten historischen Gräber ihr Bestes gegeben. Dennoch hatte sich Stadler auf diesem Friedhof immer sehr unwohl gefühlt, obwohl er sich das nicht hatte erklären können. Vielleicht lag es an der morbiden Aura, die hier deutlicher zu spüren war als auf einem herkömmlichen Friedhof.
Genau diese Aura war es auch, die Stadler jetzt verstärkt zu spüren bekam, und je näher er sich dem Petersfriedhof näherte, umso weiter entfernt schienen die Menschen zu sein, die die Gassen der Stadt bevölkerten. Selbst das Geläut der Glocken, das in diesem Moment zu hören war, klang nicht versöhnlich, sondern Stadler empfand das eher als Warnung, diesen Ort besser zu meiden.
Trotzdem beschloss er, diesen Männern zu folgen. Hätte er gewusst, dass dies mit schrecklichen Konsequenzen für ihn verbunden war, dann hätte er sich auf der Stelle umgedreht und wäre weggerannt. Aber so hatte das Schicksal – oder besser formuliert – seine Neugier längst eine Entscheidung für ihn getroffen, und er war machtlos dagegen.
Salzburg
16. Dezember 1957
Auf dem Petersfriedhof bei den Katakomben
Gegen 20:00 Uhr
Das kleine Tor zum Petersfriedhof war nicht verschlossen. Stadler setzte etwas unsicher einen Fuß vor den anderen, während er an den historischen Grabstätten vorbeiging und zum Eingang der Katakomben schaute, wo soeben der letzte Mann der kleinen Gruppe im Treppenaufgang verschwunden war.
Näherte man sich dem Eingang, sah man oberhalb des Friedhofes mehrere Löcher im Felsen, welche die Lichtöffnungen der drei Höhlenkapellen darstellten. Durch ein Marmorportal und durch ein barockes Langhaus mit romanischem Chor gelangte man in die der Öffentlichkeit nicht zugängliche Ägydiuskapelle. Das war noch immer so, und Stadler hatte schon die seltsamsten Vermutungen gehört, was in ferner Vergangenheit dort einmal stattgefunden haben musste.
Eine Stiege mit achtundvierzig unregelmäßigen Stufen führte hinauf zur ersten Höhle. Am Ende der Treppe befand sich zur rechten, Richtung Nordwesten, die 1178 konsekrierte Gertraudenkapelle. Folgte man dem Weg weiter links, gelangte man zu einer kleinen Aussichtsplattform auf die Altstadt. Sechsunddreißig weitere Stufen, die erst im Jahr 1659 aus dem Felsen gehauen wurden, führten vom Aussichtspunkt hinauf in die Maximuskapelle. Vor der Errichtung der Treppenanlage war die Kapelle nur durch einen
