Staunen unterm Himmelszelt: Sternstunden zwischen Spiritualität und Astronomie
Von Alfred Hirsch
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Über dieses E-Book
Alfred Hirsch
Alfred Hirsch, Jahrgang 1962, ist Gemeindereferent in Dillingen/Donau. Der engagierte Seelsorger und begeisterte Sternengucker führt immer wieder Gruppen durch Teleskopabende in den Sternenhimmel ein und leitet Pilgerwanderungen unter dem Nachthimmel.
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Buchvorschau
Staunen unterm Himmelszelt - Alfred Hirsch
1. Mein eigener Weg zur Astronomie
Bis heute kommt in mir eine innere Freude auf, wenn ich an einen unvergesslichen Moment meiner Teenagerjahre denke. Ein guter Freund zeigte mir am Abendhimmel mit seinem Teleskop erstmals den Saturn. Im Okular des Fernrohres sah ich den Planeten mit seinen zarten Ringen im tiefschwarzen All. Dieser fantastische Anblick des „Königs der Ringe" erweckte in mir damals die Liebe zur Astronomie und begleitet mich bis heute.
In der folgenden Zeit zeigte mir mein Freund mit seinem Teleskop weitere Perlen des Nachthimmels: den Planeten Jupiter, den Andromedanebel, den Doppelsternhaufen im Perseus, den Ringnebel in der Leier und den Kugelsternhaufen Messier 13. Die Teleskoptreffen mit meinem Freund waren jedes Mal ein einmaliges Highlight. Beschenkt ging ich anschließend nach Hause. Dafür bin ich ihm bis heute sehr dankbar. Er verschaffte mir einen Zugang zu einer Welt, die das Staunen über das Geheimnis des Lebens immens vergrößerte.
Natürlich wünschte ich mir für das nächste Weihnachtsfest ein eigenes Fernrohr. Meine lieben Eltern erfüllten mir den Wunsch für ein Refraktorfernrohr mit sechs Zentimeter Öffnung, dasselbe Teleskop, das mein Freund hatte. Damit ich mich am Himmel besser zurechtfand, kaufte ich mir die ersten astronomischen Bücher. Mit einer Taschenlampe und einem Sternenbuch ging ich dann in die tiefe Nacht hinaus. Nacheinander lernte ich die hellen Sternbilder am Nachthimmel kennen, wie etwa den Löwen, den Großen Bären, den Schwan und den Fuhrmann. Mithilfe der Sternkarten und der Unterstützung meines Freundes konnte ich bald die ersten Himmelsobjekte mit meinem Teleskop am Himmel finden. Es waren große Glücksmomente, wenn ein gesuchtes Himmelsziel plötzlich im Okular des Fernrohres auftauchte. Mein Freund machte mich auch darauf aufmerksam, die Sonne nie ohne einen montierten Sonnenfilter am Fernrohr zu betrachten, sonst würde ich mein Augenlicht verlieren. Wir beobachteten mit dem Filter die Fotosphäre der Sonne, die Oberfläche, die wir mit bloßem Auge sehen können. Manchmal sahen wir kleine dunkle Flecken, die sogenannten Sonnenflecken – Stellen auf der Sonne mit niedrigeren Temperaturen.
Es gab auch Jahre, in denen ich mich weniger mit der Astronomie beschäftigte, aber die Sehnsucht, immer wieder unter den Sternenhimmel zu gehen, ist nie erloschen. Jede Beobachtungsnacht nach einer längeren Pause entfachte die Sehnsucht neu. Die Nächte draußen in der Stille schenkten mir unbeschreiblich schöne Erlebnisse, die sich auch positiv auf mein Alltagsleben auswirkten.
Die technische Entwicklung machte auch im Teleskopbau keinen Halt, so ist das Sterneschauen inzwischen wesentlich bequemer und einfacher geworden. Die heutigen Montierungen, Okulare und Stative ermöglichen eine größere Stabilität und ein leichteres Finden der Beobachtungsziele. Bei meinen ersten Nachtbeobachtungen war das Gestirn durch manchen Wackler am Teleskop schnell wieder aus dem Gesichtsfeld des Okulars verschwunden. Ein Aha-Erlebnis war für mich die Beschaffung von Weitwinkelokularen, die das bisherige Gesichtsfeld im Okular enorm vergrößerten. Als ich durch eines der neuen Weitwinkelokulare den Himmel betrachtete, war dies ein großer Qualitätssprung. Das lange Suchen nach einem bestimmten Gestirn, so manches Mal bei eisigen Temperaturen, gehört damit weitgehend der Vergangenheit an.
Als schließlich die Computertechnik im Fernrohrmarkt angekommen war, legte ich mir auch ein Teleskop zu, in dem per Computersteuerung das gesuchte Objekt automatisch gefunden wird. Es macht mir allerdings bis heute unvergleichlich mehr Freude, ein Gestirn am Himmel manuell ohne Computersteuerung zu entdecken. So besteht nicht die Gefahr, die Orientierung am Sternenhimmel zu verlieren. Ich setze das computergesteuertes Fernrohr, das ich seit über zwanzig Jahren besitze, vor allem ein, wenn ich mit Gruppen den Nachthimmel beobachte. Hier kommt die Stärke des Teleskops zum Tragen. Durch die automatische Nachführung bleibt das gesuchte Himmelsobjekt immer im Okular.
Es ist etwas Wunderbares und Atemberaubendes, mit einem Teleskop in den Nachthimmel zu schauen. Das möchte ich nie mehr missen. Aber um sich in den Sternenhimmel zu verlieben, ihn zu bestaunen und zu bewundern, ist kein Teleskop vonnöten, auch wenn uns Fernrohre neue fantastische Himmelsanblicke eröffnen.
Ich gehe daher auch gerne ohne optische Hilfsmittel unter dem weiten Sternenmeer spazieren. Der Sternenhimmel ist in seiner Schönheit und Brillanz bereits für das normale Auge zu erfassen. Unzählige Sterne glitzern bei einem dunklen Nachthimmel jenseits aller störenden Lichtquellen. Sie lassen uns dem Schönen und Zauberhaften der Natur begegnen, wecken die Sehnsucht, immer wieder den Glanz der Sterne zu bestaunen, weil es für diesen Blick gar kein Sattsehen gibt. Denn wir treffen hier auf eine grenzenlose Dimension des Schönen. Wir begegnen den unergründlichen und unfassbaren Geheimnissen des Universums.
Für mich gehört die Wahrnehmung des prachtvollen Sternenhimmels zu den schönsten und genialsten Wegen, Erfahrungen des Staunens zu machen. Spätestens mit der Beschaffung meines computergesteuerten Teleskops war mir klar, ich möchte möglichst vielen Menschen das Geschenk geben, die zahlreichen Schätze und Wunder des Sternenhimmels mit eigenem Auge bewundern zu können. Da ich als Gemeindereferent in einer katholischen Pfarreiengemeinschaft tätig bin, hatte ich paradiesische Startmöglichkeiten, mein Vorhaben umzusetzen. Ich komme bis heute beruflich mit vielen Menschen in Kontakt und erteile in der Grundschule Religionsunterricht. Mein damaliger unmittelbarer Dienstvorgesetzter, der als Pfarrer die Pfarreiengemeinschaft leitete, gab mir sofort „grünes Licht", weil er hinsichtlich des geplanten Astronomieprojektes mit mir auf einer Wellenlänge lag. Ebenso unterstützten die darauffolgenden Dienstvorgesetzten mein Vorhaben. Somit konnte ich eines meiner Hobbys zu beruflichen Zwecken einsetzen. Ich halte unter anderem Vorträge über das Weltall, integriere das gemeinsame Sterneschauen in das Programm der Erstkommunionvorbereitung und gebe Kindern in der Pfarrgemeinde und in der Schule die Möglichkeit, mit dem Sonnenteleskop unseren Heimatstern zu bewundern. Bei besonders auffälligen Himmelsereignissen am Tageshimmel, wie einer partiellen Sonnenfinsternis, biete ich die Möglichkeit an, an einem öffentlichen Platz in der Stadt das Himmelsspektakel zu beobachten. Ich gestalte immer wieder Pilgerwanderungen für Kinder und Erwachsene unter dem Nachthimmel und lade auch zu offenen Teleskopabenden ein, bei denen alle willkommen sind. Ich konnte meine Leidenschaft auch innerhalb der Familie weitergeben: Inzwischen unterstützt mich mein Sohn bei den Teleskoptreffen.
Aus meinen eigenen Beobachtungen und durch die Begegnungen mit anderen Menschen ist mir klar geworden: Ein erster bedeutender Schritt, um an einen Schöpfer glauben zu können, ist die Erfahrung des Staunens. Treffend hat es der bekannte Benediktiner und Bestsellerautor Notker Wolf (1940–2024) ausgedrückt, als er einmal gefragt wurde, wo Kinder heute noch Erfahrungen des Staunens machen können:
Wir mögen Kindern einmal das Wunder der Milchstraße zeigen oder sie in die Stille der Kirche führen, eine Kapelle als Ort der verborgenen Gegenwart Gottes. Wir können aber auch eine Weizenähre nehmen und die entsprechenden Worte Jesu verdeutlichen, auch den Gedanken, wie die vielen zu einem Leib Christi zusammenwirken.¹
Das Staunen entfacht die Sehnsucht, dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen. Die Sehnsucht motiviert, sich auf die Suche nach dem „Mehr" im Leben zu machen. Gerade die Natur ist ein genialer Zugang, das Staunen zu lernen und die Basis zu schaffen für ein reifes religiöses Leben, in dem die Freude an einem Leben mit dem Schöpfer im Vordergrund steht. Wir sind im Tiefsten darauf angelegt, dass das Staunen die Sehnsucht in uns weckt, dem Geheimnis des Universums nachzugehen. Es ist faktisch die Sehnsucht nach Wahrheit, die immer mit Liebe zu tun hat.
2. Sehen lernen
Im Brennpunkt der Spiritualität ist der Augenblick
Für das Wort „Spiritualität existiert keine feste Definition. Es gibt eine Vielzahl von Umschreibungen. Von der Wortbedeutung stammt das Wort „Spiritualität
von dem lateinischen Wort spiritus ab, was „Atem, Geist, Luft bedeutet. Vom christlichen Standpunkt aus geht es in der Spiritualität um ein bewusstes Leben aus dem Geist Gottes. Der Zugang dazu ist der Augenblick. Wer sich auf den gegenwärtigen Augenblick fokussiert, gewinnt ein tieferes Sehen und damit auch eine tiefere Verwurzelung in Gott – nichts anderes ist das Ziel der Spiritualität. Die Bibel spricht von einem Gott, der sich im Gewöhnlichen, im gegenwärtigen Alltag zeigt. Um das zu erkennen, müssen wir unseren Blick und unsere Aufmerksamkeit bewusst ausrichten. Sehen im biblischen Sinne bedeutet „ein genaues Hinschauen
. Dies hat sehr viel mit Respekt zu tun. Respekt kommt vom lateinischen Wort respicere und bedeutet übersetzt: „noch einmal genau hinschauen. Es ist also ein Sehen, in dem wir selbstlos, achtsam und liebevoll schauen. Dabei führt uns das „Sehen
im biblischen Sinne zu einer Erkenntnis, weil wir so das Wesentliche hinter allem wahrnehmen. „Sehen im biblischen Verständnis bedeutet gleichermaßen „erkennen
.
Gott ist ein Gott der Gegenwart, der nur in der Gegenwart wahrnehmbar ist. Nicht unser Denken oder angesammeltes Wissen führt uns in die Präsenz Gottes, sondern unsere aufmerksame Wahrnehmung des Augenblicks und das Verweilen im Jetzt. Im Neuen Testament spielt in der Verkündigung Jesu daher das Sehenlernen eine entscheidende Rolle. „Das Reich Gottes ist mitten unter euch, waren die ersten Worte Jesu in der Öffentlichkeit. Seine Devise, um das verborgene Reich wahrzunehmen, lautet: „Kommt und seht
(Johannes 1,39).
Gott offenbart sich nicht nur durch das biblische Wort, sondern er spricht auch durch die Wirklichkeit, die uns umgibt. Um für Gottes Stimme empfänglich zu sein, müssen wir uns dem aufmerksamen und absichtslosen Schauen auf den gegenwärtigen Augenblick öffnen. Durch alles kann Gott sich uns mitteilen, wenn wir hellwach im Hier und Jetzt sind.
Der Sternenhimmel lädt uns alle ein, in den Augenblick einzutauchen. Er bringt uns ins Staunen und damit fängt das Sehen an. In dem Moment, indem wir achtsam und absichtslos in die Sterne blicken, lassen wir alle unsere Sorgen und Gedanken los, wir lassen alle störenden Einflüsse, die den klaren Blick für das Angeschaute versperren, zurück. Erst dadurch bekommen wir die Möglichkeit zu einer intensiven Begegnung mit dem Angeschauten.
Wie wir schauen, entscheidet, was wir sehen und uns vor Augen tritt. Stehen wir mit einem Kopf voller Gedanken unter dem funkelnden Himmelszelt, kommen wir über den Horizont der eigenen Gedankenwelt nicht hinaus. Wir sehen nur, was wir selber sind.
Das Sehen im Fokus der christlichen Tradition
Eine lange christliche Tradition betont die hohe Bedeutsamkeit des richtigen Sehens in Bezug auf Gottes Gegenwart. Dabei tauchen verschiedene Umschreibungen für das wahre Sehen auf wie beispielsweise Himmelsauge, drittes Auge, nichtduales Denken, intuitives Denken, kontemplatives Sehen. Die Voraussetzung, um dieses Ziel des wahren Sehens zu erreichen, ist ein Übungsweg, der uns in eine tiefere Wahrnehmung der Wirklichkeit führt. Es geht hierbei um ein Sehenlernen mit dem Herzen, das uns an die Worte Jesu erinnert, mit denen er diejenigen seligpreist, die ein reines Herz haben (Matthäus 5,8).
Das richtige Sehen zu lernen ist in der christlichen Tradition kein Automatismus oder die Beherrschung einer Technik. Es wird uns geschenkt, wenn wir immer wieder aufmerksam sind für die Gegenwart Gottes, damit Gottes Energie an uns wirken kann. Im Epheserbrief gibt uns der Apostel Paulus eine klare Orientierungshilfe, wie wir um das richtige Sehenlernen beten können:
Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt. Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt. (Epheser 1,17–18)
Wer auf der Suche nach Gott den Fokus auf das Beten um Erleuchtung und auf die Wahrnehmung des Augenblicks richtet, kann lange Umwege oder Sackgassen auf dem Weg zur Erkenntnis der Gegenwart Gottes vermeiden. Denn die Schöpfung ist nicht stumm, sie ist eine Anrede Gottes an die Menschen. Gott kann in der Sprache der Sterne, der Tiere, der Blumen, der Menschen zu uns sprechen. Die umgebende Wirklichkeit ist wie ein Buch, in dem sich Gott unmittelbar an uns wendet. Alles Sichtbare hat einen Gleichnischarakter, der auf Gottes Gegenwart hinweist.
So hat in der irischen, in der ignatianischen und franziskanischen Spiritualität, in der die Schöpfung als Offenbarungsort Gottes gilt, das
