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Waldland in Flammen: Die Abartigen, Band 8
Waldland in Flammen: Die Abartigen, Band 8
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eBook401 Seiten4 StundenDie Abartigen

Waldland in Flammen: Die Abartigen, Band 8

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Über dieses E-Book

So schnell können geschmiedete Pläne sich in Luft auflösen. Eigentlich hatte Mikail doch nur mit Kossula, Puschpika und einigen anderen aus dem Land des größenwahnsinnigen Erhabenen fliehen wollen. Doch nun hat der plötzlich Loris und dessen Begleiter in der Hand. Im Kerker erleiden sie Schreckliches, und Mikail sucht verzweifelt nach einem Weg, seine Verbündeten zur Befreiung der Gefangenen zu überreden. Doch denen ist ihr eigenes Leben wichtiger als das irgendwelcher Fremder.
Erst als ein monströser Plan des Erhabenen ans Licht kommt, hat Mikail die rettende Idee. Das einzig Dumme daran: Der neue Plan führt Loris und dessen Begleiter direkt in einen Krieg … und Mikail selbst womöglich unters Henkersbeil.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum1. Juni 2024
ISBN9783384222589
Waldland in Flammen: Die Abartigen, Band 8
Autor

Sascha Raubal

Sascha Raubal wurde 1972 in Ulm an der Donau geboren und zog mit 4 Jahren nach Bayern. Er studierte Informatik an der TU München, arbeitete danach zuerst als Software-Entwickler und ist inzwischen freiberuflich als Spezialist für elektronischen Datenaustausch (kurz EDI) unterwegs. Seine erste Geschichte schrieb er mit etwa acht bis zehn Jahren. Dieses potentielle Meisterwerk der Weltliteratur – irgendwas über eine intelligente außerirdische Fliege – kam leider nie über wenige Seiten hinaus und muss heute als unwiederbringlich verschollen gelten. Seine erste ordentliche Veröffentlichung hatte er 2015 im Machandel-Verlag, den ersten Band einer inzwischen vierteiligen Reihe über den Münchner Privatdetektiv Kurt Odensen. Die Abartigen sind eine insgesamt zwölfteilige Reihe, Band 1 erschien im September 2022, Band 12 wurde am Ostersonntag 2023 fertig geschrieben und ist am 1. Juni 2025 erschienen. Die Serie wird im Herbst 2025 zusätzlich in drei Sammelbänden erhältlich sein.

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    Buchvorschau

    Waldland in Flammen - Sascha Raubal

    1

    »Nein.« Kossula schüttelte energisch den Kopf. »Freund hin oder her, wenn wir die drei aus dem Kerker holen, ist der ganze Fluchtplan im Eimer. Wir schleppen schon genug unnützen Ballast mit uns, weil du darauf bestehst. Aber ich werde ganz sicher nicht alle in helle Aufregung versetzen, indem ich den drei Idioten, die sich zu uns runtergewagt haben, zur Flucht verhelfe.«

    »Er kann uns nützen!«, wandte Mikail drängend ein, zwang sich, trotz seiner Erregung zu flüstern.

    »Wobei? Wir wollen aus diesem Land fliehen. Was soll uns da dein alter Freund nutzen?«

    »Nicht bei der Flucht selbst, aber Tiru will die Städte erobern. Er kann dabei helfen, sie gegen die Truppen des Erhabenen zu verteidigen. Der Junge ist ein Genie in solchen Sachen, er hat Or sogar gegen die Donnerechsen gehalten. Wir brauchen einen so klugen Kopf.«

    »Na und?« Der Leibgardist des Herrschers zuckte die Schultern. »Die Städte interessieren mich nicht. Als Gesegneter kann ich da eh nicht unterkommen.«

    Mikail schnaubte frustriert. Das durfte doch nicht wahr sein! Loris saß im Kerker des Erhabenen, und der Einzige, der die nötigen Verbindungen hatte, ihn da rauszuholen, weigerte sich stur.

    Er zwang sich, ruhig zu bleiben. »Na schön. Hast du dann Neuigkeiten über meine beiden Freunde, die mit mir die Wand runtergekommen sind?«

    »Sie sollen morgen eintreffen, das weißt du doch.«

    »Ja, ist ja gut.«

    »Der Erhabene hat dir nichts davon gesagt?«

    »Nein. Vielleicht will er es vor mir geheim halten.«

    »Durchaus möglich. Er liebt solche Spielchen.«

    »Wenn sie da sind … kannst du ihnen eine Nachricht von mir überbringen?«

    »Natürlich. Wenn nicht persönlich, dann über jemand anderen.«

    »Sehr gut.«

    »Wie lautet die Botschaft?«

    »Erst mal nur, dass ich hier bin und sie sich bereithalten sollen, schnell zu verschwinden.«

    »Das hatten wir ja sowieso schon besprochen, dass wir die beiden mitnehmen. Wie beweise ich ihnen, dass die Nachricht von dir ist? Sie kennen mich nicht, ich brauche etwas, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Oder derjenige, den ich zu ihnen schicke.«

    »Da hast du recht.« Mikail dachte einen Moment nach. Was könnte er Kossula als Beleg mitgeben, dass die Botschaft von ihm selbst kam? Ah, ja, darauf würde niemand kommen.

    »Gut«, sagte er, »sag ihnen Folgendes …« Er nannte ihm vier einfache Worte.

    Kossula starrte ihn an, als sei er verrückt. »Meinst du das ernst?«

    »Todernst.«

    »Na schön, wenn du das sagst.« Kossula schnaubte, erhob sich von Mikails Bettrand und strebte dem Ausgang zu. »Ich werde es ausrichten – oder jemand schicken. Du hörst von mir.« Damit verschwand er so lautlos, wie er mitten in der Nacht gekommen war.

    Mikail fluchte leise vor sich hin. Kossula war nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Es interessierte ihn nicht, dass Mikails bester Freund dem Erhabenen und dessen grausamen Handlangern ausgeliefert war. Nur seine eigene Flucht aus dem Land Gottes zählte für ihn. So wertvoll der Leibgardist als Verbündeter war, menschlich ließ er doch sehr zu wünschen übrig.

    Ob Loris den Wink verstanden hatte, den Mikail ihm heute im Beisein Tirus gegeben hatte? Er konnte es nur hoffen. Loris musste einfach wissen, dass er ihn nicht im Stich lassen würde – auch wenn er selbst im Moment noch keine Ahnung hatte, wie er das bewerkstelligen sollte.

    Aber es gab keine Alternative! Nie und nimmer ließe er seinen Freund im Kerker des Erhabenen verrotten. Und der Schlüssel zu Loris’ Befreiung waren Jekarina und Tabo, die morgen eintreffen sollten. Im Westen hatte man sie also aufgegriffen. Da waren sie weiter herumgekommen als er, lag doch der Felssturz, über den sie alle in dieses Land gekommen waren, im Nordosten.

    Was sie wohl erlebt hatten? Sie hatten sich wochenlang im Waldland aufgehalten und sicher viel mehr herausgefunden als er. Aber das spielte keine Rolle mehr. Tiru war fest entschlossen, das Land jenseits der Großen Wand unter seine Kontrolle zu bringen. Bisher wusste er nur von den Städten, doch es war unvermeidlich, dass er auch irgendwann von den Freien erfuhr. Beide Völker durften auf keinen Fall unter die Herrschaft dieses größenwahnsinnigen Irren geraten. Sie mussten so schnell wie möglich hier weg und das verhindern. Aber dabei konnte er Loris doch nicht im Stich lassen!

    Mikail fand kaum Schlaf in dieser Nacht. Die Sorge um seinen besten Freund machte ihn wahnsinnig.

    Am folgenden Morgen brachte ihm Puschpika das Frühstück. Nach wie vor hatte der Erhabene sein bildhübsches Eheweib mit der markanten Nase Mikail als Dienerin zugeteilt. Eine von vielen Methoden, mit denen der gewissenlose Herrscher seinen sogenannten Berater an sich zu binden suchte. Stehe mir treu bei der Eroberung der Städte zur Seite, und sie gehört dir, lautete das Versprechen. Mikail ließ Tiru in dem Glauben, sein halbwegs williger Gefolgsmann zu sein, ohne dabei allzu unglaubwürdig zu sein. Begeisterung zu heucheln wäre dumm gewesen, dass aber er, der das Töten verabscheute, dafür sorgen wollte, die unvermeidliche Eroberung der Städte so unblutig wie möglich zu halten, das nahm der Herrscher ihm ab. Der Mann mit dem Goldgebiss brauchte dieses Gefühl, alles und jeden kontrollieren und manipulieren zu können, für sein übergroßes Ego.

    Dass Puschpika selbst ihren Herrn und Meister abgrundtief hasste, wusste der nicht. Und erst recht nicht, dass sie und Mikail sich längst verbündet hatten, um gemeinsam zu fliehen. Kossula und viele andere waren erst später zu dieser Gruppe gestoßen.

    »Du scheinst nicht gut geschlafen zu haben«, bemerkte Puschpika, während sie ihm das Essen servierte.

    »Wie denn auch?«, gab er müde zurück. Wie üblich sprachen sie nur mit gedämpfter Stimme – eine Gewohnheit, die sie sich von Anfang an zugelegt hatten. Der Inhalt ihrer Gespräche war lebensgefährlich. »Ich muss Loris irgendwie aus dem Kerker bekommen und habe nicht den Schimmer einer Ahnung, wie ich das anstellen soll. Kossula ist auf jeden Fall keine Hilfe.«

    Sie sah ihn verwundert an. »Diesen Städter, der gestern mit zwei anderen gebracht wurde? Warum? Ich habe gehört, du hättest ihm fast ins Gesicht gespuckt.«

    Ach ja, sie hatten sich ja seitdem nicht gesehen. Mikail erklärte ihr, dass Loris sein bester Freund war und er die Schau am Vortag nur abgezogen hatte, um Tiru zu täuschen. »Mit Loris hat er ein weiteres Druckmittel gegen mich in der Hand, aber das weiß er noch nicht. Wenn er merkt, dass sein neuer Gefangener mir wichtig ist, wird er das gnadenlos einsetzen. Ich kann jetzt nicht fliehen. Nicht ohne meinen Freund. Blöderweise wird Tiru sofort mich verdächtigen, wenn irgendjemand Loris befreit. Wenn wir nicht gleich alle zusammen abhauen, habe ich ein riesiges Problem. Ich kann dann nur, so gut es geht, von mir ablenken und hoffen, dass er nicht sicher genug ist, um mich sofort als Schuldigen einzusperren. Aber Loris im Stich lassen, das geht auch nicht, egal, wie groß das Risiko ist.«

    »Geht es nur um ihn oder auch um seine Begleiter?«

    »Wenn wir ihn rausholen, dann natürlich auch die anderen beiden«, erklärte er ohne zu zögern. »Ich kenne Loris. Er würde sie auf keinen Fall im Stich lassen, da bin ich sicher.« Als er ihr zweifelndes Gesicht sah, setzte er hinzu: »Du bestehst ja auch darauf, dass wir Megumi mitnehmen und vor dem Großen Opfer retten. Obwohl ihr zwei nicht wirklich eng befreundet seid.«

    Sie nickte einsichtig. »Du hast recht. Aber wie willst du sie aus dem Kerker befreien, ohne unsere ganze Flucht zu gefährden?«

    »Das ist auch Kossulas Sorge«, gab er zu. »Es muss irgendwie so ablaufen, dass er mich möglichst nicht mit der Sache in Verbindung bringen kann.«

    »Obwohl er weiß, dass du diesen Mann kennst.« Sie war zu recht skeptisch, das musste Mikail zugeben.

    »Deshalb hab ich ja so getan, als sei mir Loris nichts wert. Ich hab zugelassen, dass man ihn wegsperrt und was weiß ich mit ihm anstellt, um den Verdacht schon im Voraus so weit wie möglich von mir abzulenken.«

    Puschpika wiegte den Kopf. »Da brauchst du aber noch viel mehr. Noch nie ist jemand aus dem Kerker entkommen. Wenn nun ausgerechnet dein Freund, der hier niemanden kennt, befreit wird, wen soll er denn sonst verdächtigen außer dir?«

    Ja, verdammte Scheiße, da hatte sie natürlich recht. Das bisschen Schauspiel würde nicht reichen, Tiru zu verwirren.

    »Was dann?«

    »Könnten deine beiden gesegneten Freunde einen Grund haben, ihn zu befreien?«

    »Hmm … nein. Laut unserer Geschichte können weder Tabo noch Jekarina Loris oder einen seiner Begleiter kennen. Beide waren angeblich nie in Or oder Kuvunja.«

    »Schade.« Sie rieb sich nachdenklich ihre große Nase. Mikail fiel wieder einmal auf, dass gerade dieser vermeintliche Makel es war, der aus einem sonst womöglich nur langweilig hübschen ein interessantes Gesicht machte. »Dann wäre es das Beste, wir holen sie erst raus, wenn wir alle fliehen. Ist ein gewisses zusätzliches Risiko, aber Tumult wird es dann sowieso geben.«

    »Das ist zu spät. Wir brauchen noch zwei Wochen, bis alles vorbereitet ist. In der Zeit wird Tiru sie seinen Leibgardisten ausliefern, und du selbst hast mir erzählt, dass einige von ihnen Spaß daran haben, Menschen zu quälen.«

    »Nicht nur die. Auch die Wächter, die für Folterungen eingeteilt werden, sind danach ausgesucht, dass sie es entweder genießen oder es ihnen zumindest vollkommen egal ist, was sie anderen antun. Aber er wird die drei nicht sofort foltern lassen. Anfangs wird er ihnen Gelegenheit geben, freiwillig alles zu verraten, was sie wissen. Tiru ist wahnsinnig, aber nicht grausam aus Spaß. Er glaubt allen Ernstes, all die Gewalt sei eben nötig, um den Frieden zu erhalten. Es bereitet ihm kein Vergnügen, aber auch keine Gewissensbisse.«

    »Glaubst du, er wird ihnen so lange Zeit geben, bis wir vorbereitet sind?«

    »Zwei Wochen?« Sie legte den Kopf schief. »Nein, das sicher nicht. Aber ein paar Tage womöglich.«

    Ein paar Tage. »Na schön. Das gibt mir zumindest Zeit, gründlich nachzudenken. Es muss eine Lösung geben. Ich kann sie nicht der Folter überlassen.«

    »Dann wirst du Kossula überzeugen müssen. Er hat die nötigen Kontakte zu Gardisten und Wächtern.«

    Ja, das war leider nicht zu leugnen. Obwohl Puschpika eines der sechs Eheweiber des Erhabenen war, besaß sie keinerlei Einfluss. Die Frauen waren nicht mehr als Dienerinnen, an denen Tiru ab und zu auch seine Lust befriedigte. Hielten sie das drei Jahre durch, ohne schwanger zu werden, gab er sie verdienten Wächtern oder Gardisten als Belohnung für deren treue Dienste. Trugen sie jedoch sein Kind, war das ihr Todesurteil. Sie und das Ungeborene starben beim sogenannten Großen Opfer, das nach außen hin zeigen sollte, wie ergeben der Erhabene Gott gegenüber war, wenn er ihm sogar seine eigenen Kinder opferte. In Wahrheit entledigte er sich damit der Nachkommen, die womöglich seine extreme Langlebigkeit geerbt hatten und ihm so irgendwann einmal gefährlich werden konnten. Megumi, eines seiner anderen Weiber, war in genau dieser Situation. Einige Monate noch, und der Erhabene persönlich würde ihr den Bauch aufschlitzen. Deshalb wollte Puschpika sie auch unbedingt auf der Flucht mitnehmen.

    »Kannst du deine Kontakte anhalten, schneller die benötigten Vorräte bereitzustellen? Jeder Tag, den wir früher hier wegkommen, hilft uns.«

    »Ich kann’s versuchen«, gab sie zögerlich zurück. »Aber du weißt, die Diener und Köche riskieren jetzt schon ihr Leben, indem sie Nahrungsmittel auf die Seite schaffen. Sie bestehlen den Erhabenen und damit Gott, das ist ein todeswürdiges Verbrechen.«

    Ja, das stimmte auch wieder. Einige dieser Menschen wollten nicht einmal selbst flüchten, weil sie Angst um ihre Angehörigen hatten, an denen Tiru sich rächen würde. Trotzdem unterstützten sie auf Bitten Puschpikas hin die Fluchtpläne anderer.

    Mikail seufzte tief. »Ahnenverdammter Sauscheiß, ehrlich! Wieso muss dieser Holzkopf denn auch hier auftauchen? Der sollte schön gemütlich in Or sitzen und sich von Mitena oder was weiß ich wem verwöhnen lassen.«

    Als Puschpika ihn verwirrt ansah, erklärte Mikail ihr, dass Mitena die Frau war, mit der Loris sich schon auf der schicksalhaften Karawane so besonders gut verstanden hatte. »Es sah damals alles danach aus, dass aus den beiden was wird. Ich konnte das nicht mehr mitverfolgen, bin ja aus der Stadt geworfen worden, aber ist auch egal. Die Mädels hatten schon immer viel für ihn übrig. Der Junge gehört ins Badehaus, links und rechts ein hübsches Ding, und nicht hierher in den Kerker. Ich möchte zu gerne wissen, wie er auf die Irrsinnsidee gekommen ist, diese verdammte Wand runterzuklettern.«

    »Tja, die Idee hatten ja noch andere, nicht?«, erwiderte sie grinsend.

    Mikail lachte leise. »Auch wieder wahr.«

    Eine Weile schwiegen sie. Mikail kaute recht lustlos auf einem Stück Hirsefladen herum, den er zuvor in eine scharfe Sauce getunkt hatte, und musterte Puschpika, die ein wenig Obst naschte und nachdenklich aus dem Fenster sah. Verdammt, das Mädel war aber auch hübsch! Tiefschwarze, lange Haare mit einem leichten bläulichen Schimmer, ebenso schwarze Augen, samtige, haselnussbraune Haut und eine zierliche Figur, der man die Energie nicht ansah, die in der Achtzehnjährigen steckte. Anders als die meisten jungen Frauen, die man an den Erhabenen zwangsverheiratete, ergab sie sich nicht einfach in ihr Schicksal oder sah es gar als Ehre an. Sie hatte sich gefügt, um ihr Leben zu schützen, doch als Tirus Handlanger ihren Vater und einige Freunde in ihrem Heimatdorf ermordeten, weil diese Mikail nicht an die Glaubenswächter ausgeliefert hatten, war Schluss damit gewesen. Erst hatte sie Mikail dafür die Schuld gegeben und sogar versucht, ihn umzubringen, doch schnell hatte sie eingesehen, dass er nicht gewusst hatte, in welches Unglück er die hilfsbereiten Menschen ungewollt gestürzt hatte. Nun war sie eifrig dabei, die Flucht möglichst vieler zu organisieren, die die Gewaltherrschaft der selbsternannten Stimme Gottes nicht mehr ertrugen. Sie riskierte ihr Leben, um anderen zu helfen. Doch Tiru hielt sie immer noch für ein unselbständiges Mädchen, das er verschachern konnte, wie es ihm beliebte. Bei all seinem Misstrauen machte ihn der Größenwahn doch blind dafür, dass er nicht alles und jeden so in der Hand hatte, wie er sich das vorstellte.

    »Was schaust du mich so an?«, riss Puschpikas Stimme Mikail aus den Gedanken.

    Er zuckte verlegen die Schultern. »Ich dachte nur grad dran, dass der ach so Erhabene mit seinen viereinhalb Jahrhunderten Lebenserfahrung dich vollkommen unterschätzt. Er glaubt immer noch, mich mit dir ködern zu können, während du längst mit mir zusammen gegen ihn arbeitest.«

    »Tja«, gab sie grinsend zurück, »über dreihundert dieser Jahre hatte er alles fest im Griff. Ich glaube, er kann sich einfach nicht mehr vorstellen, dass er irgendjemanden nicht kontrollieren kann.«

    Die Tür öffnete sich, und ein bestenfalls fünfzehnjähriges Mädchen trat ein, das seit zwei Tagen zu Mikails ständig wechselnder Dienerschaft gehörte. Hier griff dann wieder das ewige Misstrauen. Tiru hatte wirklich eine schwer nachvollziehbare Art zu denken.

    »Der Erhabene wünscht dich zu sehen«, verkündete das Mädchen. Hinter ihr erschien ein Gardist, der Mikail zu seinem Herrn geleiten sollte.

    »Du kannst das wegräumen«, erklärte er daraufhin Puschpika in seinem üblichen, freundlichen Befehlston, den er der Dienerschaft gegenüber generell an den Tag legte. Dass sie sich längst angefreundet hatten, durfte nicht nach außen dringen. Er erhob sich und folgte dem Gardisten.

    »Mikail!«, wurde er freudig begrüßt. Der Erhabene saß auf seinem Thron, einer goldüberzogenen Monstrosität, aus deren Rückenlehne ein ebenso goldener Strahlenkranz ragte, und wandte sich noch einmal kurz an einen Lehrer, der neben ihm stand und mit dem er sich bei Mikails Eintreffen unterhalten hatte. Der Mann trug zwar die übliche graue Kutte, am Rand der momentan zurückgeschlagenen Kapuze leuchtete jedoch eine Goldborte.

    »Ich habe deine Meinung zur Kenntnis genommen, mein guter Kiril. Vertraue auf Gott und seine unendliche Weisheit. Er wird mich und uns alle auf den rechten Weg führen.«

    Kiril? Den Namen hatte Mikail schon mal gehört. Er war der Oberlehrer, sozusagen der oberste der Kuttenträger, der dem Erhabenen die täglichen Routinepflichten des Religionsführers abnahm. Daher wohl der Goldschmuck am grauen Gewand.

    »Selbstverständlich vertraue ich auf die Weisheit des Herrn«, antwortete Kiril in einem Tonfall, der seine Worte Lügen strafte. »Ihr werdet wie immer wissen, was zu tun ist, Erhabener.« Mit einem eisigen Seitenblick zu Mikail ging er ein Stück rückwärts, verbeugte sich dabei mehrfach und verließ dann gemessenen Schrittes den Raum der Verkündigung. Tiru sah ihm mit gerunzelter Stirn hinterher.

    »Er ist nicht gerade begeistert«, erklärte er Mikail, »dass ich einen Gottlosen als Gast behandle und sogar zu meinem Berater mache. Man könnte beinahe glauben, er zweifelt an mir.«

    Mikail verbiss sich die sarkastische Bemerkung, die ihm auf der Zunge lag, und trat zum Thron. An den Seiten des Erhabenen standen wie üblich Leibgardisten. Einer war Kossula, der andere ein grober Klotz, den Mikail in den vergangenen Wochen schon mehrfach gesehen hatte, dessen Namen er aber nicht kannte. Beide starrten routiniert unbeteiligt in die Gegend. Mikail war sich allerdings sicher, dass Kossula sehr genau zuhörte bei allem, was besprochen wurde. Jede Information konnte wichtig sein. Sollte Kiril irgendetwas Interessantes gesagt haben, würde auch Mikail das hoffentlich bald erfahren.

    »Und was hält er von der Idee, das Land oberhalb der Wand zu erobern?«, fragte er trotzdem offen neugierig.

    »Oh, die unterstützt er natürlich vollkommen. Das Land der Gottlosen aus seiner Sündhaftigkeit zu befreien, den Mord an den von Gott Berührten zu beenden und alle Menschen der Liebe des Herrn zuzuführen, sind selbstverständlich Ziele, die jeder Gläubige nur befürworten kann.«

    Man merkte an seiner Art zu reden, dass noch weitere Personen anwesend waren, vor denen er seine alte Rolle als Stimme Gottes spielte. Draußen im Garten, in Sicherheit vor allen, die ihn belauschen konnten, hätte er bestimmt ganz anders gesprochen.

    »Aber die Gedankengänge des Oberlehrers sind für dich gar nicht relevant«, beendete Tiru das Thema unmissverständlich. »Ich habe dich rufen lassen, weil ich noch einige Fragen bezüglich unserer neuen Gäste habe.«

    In diesem Fall war das Wort Gäste blanker Hohn, aber Mikail sparte sich jeden Hinweis darauf. Er musste jetzt sehr genau aufpassen, was er sagte.

    »Du meinst Loris und diese anderen beiden.«

    »Natürlich. Was kannst du mir über sie noch alles sagen?«

    »Über die anderen zwei gar nichts. Die Frau meine ich schon mal gesehen zu haben, als ich kurz in Kuvunja war, um Vorräte zu kaufen. Wer sie ist und warum sie jetzt mit Loris hier ist, keine Ahnung. Den Mann kenne ich überhaupt nicht.«

    »Aber Loris kennst du schon lange.«

    »Ja. Wie ich gestern bereits sagte, waren wir zusammen in der Schule. Er ist nur gut zwei Monate älter als ich. Sein Vater hat zwei Eisenbergwerke und die dazugehörigen Stahlwerke.«

    »Wie ist er so?«

    »Faul und verwöhnt. Hat noch nie was von ehrlicher Arbeit gehalten.« Mikail musste nicht einmal lügen, Loris war früher tatsächlich jeglicher Anstrengung aus dem Weg gegangen. Dass er später sogar Dürrekommandant geworden war, sollte Tiru allerdings besser nicht erfahren.

    »Und das ist alles?«

    »Ach, bei den Mädchen war er umso fleißiger. Er ist ständig allem hinterhergestiegen, was nicht bei drei auf dem Baum war.« Nun ja, das war auch nur leicht übertrieben.

    »Du erwähntest einmal, dass man in Or einen Weg gefunden hat, die Donnerechsen zu töten. Glaubst du, er könnte wissen, wie sie das gemacht haben?«

    Oha, das war ein Punkt, in dem Mikail lügen musste, dass sich die Balken bogen. Wenn Tiru herausfand, dass Loris ein wichtiges Amt bekleidet hatte, würde er ihn sofort in die Mangel nehmen und nicht eher Ruhe geben, bis er alles aus ihm herausgepresst hatte. Er runzelte die Stirn, dachte unverhohlen angestrengt nach. »Ich schätze nicht«, antwortete er schließlich zögerlich. »So, wie ich seinen Vater kenne, hat der seinen Einfluss genutzt, um Loris von der Mauer und allen gefährlichen Bereichen fernzuhalten. Wahrscheinlich hat der Kerl gemütlich daheim gesessen und sich mit einem Mädchen vergnügt, während andere die Stadt verteidigten. Wie gesagt, Anstrengung war nicht seins. Und Gefahr schon gar nicht. Ich möchte wirklich wissen, wie ausgerechnet er zum Felsrutsch gekommen ist.«

    »Das werde ich ihn fragen, keine Sorge.« Tiru schwieg einen unangenehmen Moment lang, den Blick starr auf Mikail gerichtet. »Sein Vater ist also reich. Hat er auch Einfluss?«

    »Ist das nicht immer so? Natürlich hat er Einfluss, ich sagte ja gerade, dass er Loris vermutlich von jeder Gefahr ferngehalten hat.«

    »Ach ja, richtig. Könnte Loris über seinen Vater an Informationen gelangt sein, die uns nützen?«

    Mikail zuckte die Schultern. »Im Prinzip ja, aber er hat sich eigentlich nie dafür interessiert. Sein Vater war auch nie im Rat.«

    »Du meinst diesen Stadtrat.«

    Mikail nickte.

    »Tja nun. Das klingt nicht sehr vielversprechend. Aber wir werden sehen. Vielleicht hat er ja doch etwas Interessantes zu bieten. Oder die anderen beiden.«

    »Wie gesagt, über die weiß ich nichts. Wolltest du sonst noch etwas mit mir besprechen?«

    »Ja. Die zwei Gesegneten, die mit dir in unser Land gekommen sind …«

    »Hat man sie endlich gefunden?«

    »Nein, und das verwundert mich nun doch allmählich.«

    Damit war endgültig klar, dass Tiru ihm absichtlich verschwieg, dass man Jekarina und Tabo heute nach Tasik-Hutan brachte. Gut, denn wenn er nichts von ihnen wusste, konnte er sie auch nicht zu irgendetwas anstiften.

    »Sind sie so stark«, fuhr der Erhabene fort, »dass sie eine derart lange Zeit in einem unbekannten Land überleben können, ohne entdeckt zu werden? Oder dürfen wir davon ausgehen, dass sie längst irgendwo vermodern, und die Suche aufgeben?«

    »Oh, die beiden solltest du nicht unterschätzen«, erklärte Mikail und verkniff sich mühsam einen schnellen Blick auf Kossula. Der würde schon wissen, was er mit den Informationen anfing.

    »Jekarina ist nicht nur groß, sondern auch verdammt stark. Ich habe erlebt, wie sie ganz alleine einen Berglöwen besiegt hat. Diese Raubkatzen sind von Größe und Gefährlichkeit her ungefähr mit euren Tigern vergleichbar. Und einmal mussten wir zu dritt gegen mehrere Weißbären antreten. Riesige Viecher, aber sie hatte ihren Spaß. Jekarina und ihre Axt sind ein mörderisches Gespann. Sie ist nicht gerade die Klügste, muss man wohl sagen, aber im Kampf hat sie auch mich ins Schwitzen gebracht.«

    »Ihr habt miteinander gekämpft? Ich dachte, ihr seid Freunde.«

    »Reisegefährten trifft es eher. Es war kein ernsthafter Kampf, aber sie misst gern ihre Kräfte. Wenn gerade kein Raubtier als Gegner verfügbar war, mussten Tabo und ich herhalten. Er ist sehr schnell, wie Haidar, und auch er hat Spaß am Kämpfen. Wir sind mehrfach zu zweit gegen sie angetreten, aber oft hat sie uns beide besiegt.«

    »Klingt, als könne auch sie mit Mohanlal fertigwerden. Sollten wir sie doch noch finden, werde ich die beiden gegeneinander antreten lassen. Was meinst du?«

    Mikail schaute ihn unschuldig an. »Kommt ganz drauf an.«

    »Worauf?«

    »Ob du Mohanlal noch brauchst.«

    2

    »Das stinkt«, maulte Damir zum wiederholten Male. Solche kleinen Beschwerden waren allerdings so ziemlich das Einzige, was er überhaupt von sich gab. Ansonsten saß er still in seiner Ecke und litt vor sich hin.

    »Ich kann nichts dran ändern«, giftete Loris zurück, hob den Hintern vom Eimer und zog sich die Hose wieder hoch. Nicht einmal etwas zum Abwischen gab es hier. Anfangs hatten sie das Stroh genutzt, bis ein Wächter ihnen höhnisch erklärte, dass sie kein neues bekommen würden. Sie mussten also auf dem blanken Stein schlafen, wenn sie das bisschen Polstermaterial verschwendeten.

    »Wir dürfen uns wahrscheinlich schon dafür bedanken, dass man die Scheiße überhaupt einmal am Tag wegschafft.« Dunja klang müde. Kein Wunder, die letzte Nacht war grausig gewesen. Sie hatten in Schichten geschlafen, damit immer einer das ganze Stroh für sich hatte, wodurch aber jeder nur wenige Stunden Schlaf bekommen hatte.

    Andererseits brauchten sie sich nicht darum zu kümmern, ob Tag oder Nacht war, denn hier in ihrer Zelle, tief unter der Erde, sahen sie eh nur ein bisschen Fackelschein, der durch eine winzige Luke in der Tür hereindrang. Loris schätzte, dass sie inzwischen mindestens einen ganzen Tag in dem wenige Quadratmeter großen, stinkenden Raum saßen, den man als Kerker bezeichnete. Da wünschte er sich doch glatt die Zelle in Or zurück, in der er als vermeintlicher Mörder gesessen hatte. Bett, Tisch, Stuhl und ordentliches Essen, kein Vergleich zu dem hier. Selbst der Eimer war sofort geleert worden, wenn er Bescheid gesagt hatte. Der Fraß hier bestand aus irgendwelcher Pampe, die nach Mais und anderem schmeckte und die man ihnen in einem hölzernen Gefäß mit einem ebenfalls hölzernen Löffel durch eine Klappe hereinreichte. Aufteilen durften sie sich das Essen dann selbst.

    Leises Schluchzen ertönte aus Damirs Ecke. Oh nein, nicht schon wieder.

    »Es tut mir leid«, sagte Loris in die Dunkelheit.

    »Was?«, fragte Damir zwischen zwei Schluchzern. »Dass du uns in dieses Drecksloch gebracht hast? Dass wir deinetwegen aus unserer Heimat fliehen mussten? Dass …«

    »Damir!«, fuhr seine Zwillingsschwester scharf dazwischen. »Hör auf! Wir beide haben uns entschieden, Loris aus der Zelle zu holen. Du und ich, er konnte nichts dafür. Dass dann alles schiefgegangen ist, war auch nicht sein Fehler. Dieser Drecksack von Angus und seine bescheuerten Speichellecker sind an allem schuld, nicht Loris. Hör auf, ihn immer wieder für die Scheiße hier verantwortlich zu machen!«

    »Und wessen Idee war es, diese ahnenverschissene Wand runterzuklettern?«, schrie Damir nun wütend. »Dazu hat er uns überredet!«

    »Hör auf, sag ich«, plärrte nun Dunja ebenso zornig. »Das bringt uns kein Stück weiter. Wir sitzen zusammen in der Pampe, also müssen wir auch zusammenhalten, um da wieder rauszukommen.«

    Eine Weile herrschte Stille, dann schnaubte Damir. »Rauskommen.

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