Einst Trümmerkind, dann um die Welt: 19 Reiseerlebnisse
Von Barbara Hillmann
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Über dieses E-Book
Barbara Hillmann
Nach Stationen wie Berlin, Brasilien, Köln, Australien und Hamburg sowie unzähligen Reisen, teils mit Frachtschiffen um die halbe Welt, wohnt die Autorin heute in Schleswig-Holstein. In ihrer Freizeit gehört sie einer Laienspielgruppe an, leitet eine Schreibwerkstatt sowie einen Debattierclub und ist Mitglied eines Literaturkreises.
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Buchvorschau
Einst Trümmerkind, dann um die Welt - Barbara Hillmann
Ein Großstadtkind
Im Berlin der Nachkriegsjahre lebt man beengt. Die kleine Familie – Mama, Papa und Bärbel – sind im 5. Stock bei Großtante Jette im Berliner Bezirk Tiergarten untergekommen. Tante Jette war früher Schneiderin in den sogenannten besseren Häusern. Heute zaubert sie ab und zu aus einem aufgetrennten Herrenanzug ein Tailleur-Kostüm. Oma und Opa sind auf Umwegen aus Pommern ebenfalls hierher geflüchtet. Bärbel freut sich immer auf die tägliche Schummerstunde. Es gibt noch oft Stromsperren in Berlin, die man mit der gemütlichen Schummerstunde und spätem Anzünden der Petroleumlampen überbrückt. Vorher werden die Zylinder mit Zeitungspapier poliert, bevor die Zeitung in akkurate Quadrate zerschnitten wird und an einer Strippe neben dem Klo als Toilettenpapier dient. Bärbel liegt dann in Opas Arm auf dem Canapee und lauscht den Geschichten aus seiner Armeezeit auf dem Segelschiff „Gneisenau. Auf Opas weißem Stoppelhaar sitzt ein Käppi; aus der Piepe dampft und gurgelt es. „Potzdonnerwetter, Willem, wie kannst du das Kind bloß so einräuchern
. Oma rauscht ins Zimmer und reißt ein Fenster auf. Morgens hilft Bärbel, die Kaninchen auf dem Balkon mit Kartoffelschalen zu füttern und die Tomaten zu begießen. An die Tabakpflanzen im Blumenkasten lässt Opa aber auch sie nicht ran. Heute ist Opa schon früh losgezogen. Er will im Tiergarten Stubben ausbuddeln. Das zersägte und getrocknete Holz hilft später, über den Winter zu kommen. Gegen Mittag pumpt sich Oma beim Kohlenhändler Miege einen großen Handwagen und zieht mit Bärbel los, Opa abzuholen. Sie haben für ihn Muckefuck und Klappstullen mit Schmalz mitgebracht. Der Handwagen wird beladen und die Drei zotteln nach Hause; Bärbel darf schieben. Abends sitzen alle beisammen. Es gibt aufregende Neuigkeiten. Ab Juni hat man Papa eine Arbeitsstelle versprochen. Mama musste heute zum Alex in den Osten. Opas Lokomotivführer-Rente wird zur Hälfte in Ostmark gezahlt. Das Geld muss im Ostsektor ausgegeben werden. Aber dort gibt’s auf offiziellem Weg noch weniger zu kaufen als in den Läden im Westen. An Stelle von Geld hat die Reichsbahn heute mit einem Freifahrtschein gezahlt. Was soll man bloß damit anfangen ? Opa hat die Lösung: „Ihr nehmt diesen Schein und besucht nächste Woche meinen Neffen Alfred in Kanin; das ist auf Usedom. Kein Mensch würde in diese kargen Zeit an Sommerfrische denken. Opa ist praktisch veranlagt: „Wir können diesen Schein doch nicht verfallen lassen. Alfred und Mia haben einen Bauernhof und da fahrt ihr hin, basta !
Mama erkundigt sich am Ostbahnhof nach den Verbindungen und schickt dann ein Telegramm nach Kanin: „gerda rudi baerbel kommen mittwoch stop bhf usedom 14 10 h stopp gruss onkel wilhelm".
Usedom ist von Berlin gar nicht soweit entfernt aber sie müssen sehr früh aufstehen. Die kleine Familie sieht merkwürdig selbstgestrickt aus. Das kam so: Neulich war Papa auf dem Schwarzmarkt, danach war seine Mundharmonika verschwunden und plötzlich röbbeln Oma, Mama und Tante Jette 6 Paar lange Unterhosen und langärmelige Unterhemden aus US-Army-Beständen auf, bewickeln große Topfdeckel mit der Wolle, tauchen sie in die Zinkbadewanne und nach dem Trocknen wird um die Wette gestrickt. Und nun klettern alle Drei in neuen olivfarbenen Strickjacken in die Eisenbahn. Als sie endlich in Kanin sind, kommt Bärbel aus dem Staunen nicht heraus. So viele rote Fahnen. „Mama haben die hier Kinderfest ? Onkel Alfred holt sie mit dem Pferdefuhrwerk ab. Auf dem Bock haben nicht alle Platz, aber hinten im Stroh zu sitzen ist sowieso schöner. Keine Ruinen, keine kaputten Straßen, keine zerbombten Bäume. Überall satte Wiesen mit Butterblumen. Sogar Kühe sieht sie. Auf dem Hof dann noch mehr Tiere. watschelnde Gänse, auf der Koppel Pferde, die süßen rosa Ferkel und auf der Türschwelle sonnt sich eine Katze. Am liebsten würde Bärbel alles anfassen. Und so viel Platz überall im Haus ! Tante Mia zeigt ihr sogar ein eigenes Mansardenzimmer mit Blick auf den Misthaufen; obendrauf wacht ein Gockel mit grün schillernden Schwanzfedern über seinen Harem. Dann wird aber erstmal Kaffee getrunken. Und wieder unglaubliches Staunen: Tante Mia verteilt riesige Stücke Rhabarberkuchen vom Blech; dazu gibt’s Sahne – so viel sie will. „Stopf nicht so
, mahnt Mama.
Später erzählen alle von Kriegs- und Nachkriegserlebnissen und Bärbel macht sich dünne. Im Stall war sie noch nicht. Drinnen ist es warm und es duftet so gut. Vladi, der polnische Arbeiter, winkt sie zu sich. Er füttert gerade zwei Kälbchen und zeigt ihr, was die mögen. Nun nuckeln die Kälber an ihren Fingern, das kribbelt schön. Vom Eingang her ein Schrei „Barbara, mein Gott, die Biester beißen meine Kleine". Mama ist entsetzt und Vladi hält sich den Bauch vor Lachen.
Vor dem Abendessen muss gemolken werden. Das ist Frauenarbeit. Alle haben ein Tuch am Hinterkopf verknotet. Natürlich muss Bärbel auch ein Kopftuch haben. Onkel Alfred kutschiert sie zur Weide und hievt nach dem Melken die schweren Kannen auf das Fuhrwerk. Bärbel ist mit ihren Melkversuchen unzufrieden. Stripp, strapp, strull, die Kuh bewegt sich und Bärbel kippt vom Schemel. Na, das wird schon noch.
Beim Abendessen verkündet sie „Mama, ich esse heute wie ein Scheunendr…. und schwupps schläft sie am Tisch ein. Am nächsten Morgen begleitet sie Papa runter zum Kleinen Haff. Beim Fischer wechselt eine Pulle selbst gebrannter Köhm seinen Besitzer gegen einen großen Korb frisch gefangener Heringe. „Sieh mal Papa, die haben hier auch eine Ruine
. „Das war mal ein Lokomotivhebewerk und bleibt als Denkmal stehen erklärt er. Das muss sie Opa erzählen, wenn sie wieder zu Hause sind.Und Freitag hat Onkel Alfred eine große Überraschung. Bärbel darf mit ihm zur Molkerei fahren – dreispännig. Auf freier Strecke lässt er sie sogar die Zügel halten. Rund um die Molkerei warten schon mehrere Fuhrwerke. Onkel Alfred reiht sich ein und verschwindet auf einen Plausch mit Nachbarn. „Wenn wir an der Reihe sind, ziehst du einfach ein Stück vor, du kannst das ja
, sagt er zu Bärbel und ist weg. Sie platzt fast vor Stolz, als er nach einer halben Stunde zurückkommt und sie gerade bis zur Rampe vorfährt – dreispännig wohlgemerkt.
Die Tage sind vollgepackt mit neuen Erlebnissen: Eier einsammeln, Wäsche auf der Bleichwiese auslegen, Samen im Gemüsegarten aussäen, nochmalige Melkversuche.
Als sie nach einer Woche nach Hause fahren – bepackt mit Eiern, einer Seite Speck, einer Mettwurst und Erdbeermarmelade - steht für Bärbel fest: „Ich heirate später mal einen Bauern" !
In einem fremden Land
Der Umzug ist fast geschafft. Nicht etwa ein Wohnungswechsel von Berlin nach Hamburg. Nein, von Berlin nach Campinas bei Sao Paulo, also nach Brasilien. Und weil man in Brasilien nur schwer Umlaute aussprechen kann, wird aus dem kleinen Bärbelchen von 11 Jahren nun Barbara. Bis zum Eintreffen des Hausstandes aus Deutschland werden Barbara und ihre Mama bei Onkel und Tante in Rio untergebracht, während der Papa bemüht ist, ein Haus in Campinas zu finden, Behördenkram zu erledigen und – nun ja - um zu arbeiten; dafür hatte man ihn vom Stammhaus seines Arbeitgebers schließlich
