Friedhofsgemüse: Wundersame Legenden aus einer Seniorenresidenz
Von Hugo Baboons
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Über dieses E-Book
Manchmal schreibt das Leben die unerwartetsten Geschichten.
Anni und Grete begegnen sich nach Jahrzehnten erneut – ausgerechnet im gleichen Zimmer einer Seniorenresidenz. Wo einst Rivalität herrschte, entstehen Streit, Lachen und plötzliche Versöhnungen.
Für Hugo, den jungen Zivildienstleistenden, sind die Begegnungen mit den beiden Frauen zunächst eine Herausforderung. Doch bald entdeckt er die verborgene Wärme hinter den Fassaden und beginnt, ihre flüchtigen Momente aufzuschreiben. Geschichten, die fast dreißig Jahre in einer Schublade ruhen, bevor sie wieder ans Licht treten.
Ein Roman über das Altern, über Erinnerungen, die verbinden, und über die überraschende Kraft der Freundschaft.
Eine berührende Geschichte, die Leser*innen zeigt: Für Nähe und zweite Chancen ist es nie zu spät.
Hugo Baboons
Hugo Baboons lebt mit seiner Frau, seinen zwei Kindern, sieben Hühnern und einer Katze in Sachsen, wo er als Hausarzt arbeitet.
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Buchvorschau
Friedhofsgemüse - Hugo Baboons
Für die Bewohnerinnen und Bewohner des Heims,
von denen heute niemand mehr unter uns weilt
Inhaltsverzeichnis
VORWORT
Teil I: FRÜHSCHICHT IM FRÜHLING
1. Anni
2. Tante Grete
3. Der Morgenmond
4. Über die Flure
5. Den Bauch mit Federn gefüllt
6. Der ewige Kreislauf
7. Herribert Kalotte
8. Frühstück
9. Flurbetreuung
10. Hilfööö
11. Zwischenspiel
12. Helene Rose
13. Mittagessen
14. Charon
Teil II: EIN HALBES JAHR SPÄTER
15. Frieden & Unfrieden
16. Leihgabe
17. Station 3
18. Drei Männer
19. Valentin Bergen
20. Der Graf
21. Ewald Engelmann
22. Der obere Club
23. Der letzte Schliff
24. Kirschkerne
25. Bis an die Wurzel
26. Kein Kamm da
27. Schachspiel mit Kalotte
28. Zum Augenarzt
29. Die Lesebrille
30. Der Mann im Mercedes
31. Die Einladung
32. Der Männerchor
Teil III: SPÄTSCHICHT IM FRÜHLING
33. Die Grußkarte
34. Ein Gast
35. Zeitsparer
36. Der Bandweber und die Piratin
37. Der Vogelschwarm
38. Böse Menschen haben keine Lieder
39. Wasserspiele mit Kalotte
40. Das Elend
41. Gertrud zur Nacht
42. Anni und Tante Grete
43. Geisterstunde
44. Schlusswort
ANMERKUNGEN
DANKSAGUNG
ÜBER DEN AUTOR
Vorwort
Mein erster Eindruck von der Residenz?
Das ist ziemlich lange her, fast drei Jahrzehnte. Trotzdem: Zu Beginn meines Zivildienstes war ich siebenundzwanzig Jahre alt und in einem Seniorenheim bis dahin nicht einmal als Besucher gewesen. Also nie. Danach fragten aber die Schwestern, nach meinen Erfahrungen in der Pflege, während ich mich im Beisein der Geschäftsführerin bei ihnen vorstellen musste. Eine berechtigte Frage, immerhin würde ich sie ein Jahr lang mit meiner Arbeitskraft unterstützen. Sie saßen im Fäkalienraum an einem geschlossenen Fenster und rauchten. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie stickig die Luft war und dass eine der Schwestern die Augen verdrehte, als ich den Kopf schüttelte. Die andere verschränkte die Arme und sagte:
„Ach, du Scheiße."
Die Geschäftsführerin sagte nichts.
Eine Viertelstunde später unterschrieb ich in ihrem Büro den Vertrag.
I
Frühschicht im Frühling
1. Anni
„Wer is’ denn dat?", fragte sie irritiert und versuchte, mich irgendwo in ihr Raum- und Zeitgefüge einzugliedern. Ich war seit drei Wochen im Heim, der neue Zivi, und hatte sie geweckt. Da Anni Probleme mit dem Gedächtnis hatte, stellte ich mich zur Sicherheit nochmal vor.
„Hugo", sagte ich laut, weil sie zudem schlecht hörte. Ich lächelte breit, um meine Hilfsbereitschaft zu verdeutlichen, aber anstatt mit mir zu reden, starrte Anni auf meinen Mund. Sie kniff die Augen zusammen, bis mir ihr Blick unangenehm wurde, und die Frage, die sie mir dann stellte, sprach sie mit überzeugtem Unglauben aus.
„Sind die etwa alle echt?"
Anni war sechsundneunzig Jahre alt, und in ihrem Mund gab es nicht einen einzigen festen Zahn. Ihr Gebiss vertrocknete in einem Glas über dem Waschbecken. Vermutlich passte es seit Monaten nicht mehr.
Sie zog den Nachttisch an ihr Bett und öffnete die oberste Schublade, um nach der Uhrzeit zu sehen.
„Is’ ja erst halb fünf, protestierte sie. „Da steh’ ich noch nicht auf.
Ohne zu zögern versenkte sie ihren Kopf im Kissen und verschloss fest die Augen. Die kurze Zeit, die ich im Heim arbeitete, reichte aus, um zu wissen, dass der Wecker die Batterien längst aufgebraucht hatte.
Unschlüssig stand ich da und überlegte.
Genau genommen wollte ich gar nicht hier sein. Ich wurde gezwungen. Viel lieber hätte ich an einem Strand gelegen, irgendwo am Indischen Ozean unter Palmen, anstatt in einem Heim alten Menschen, die ich nicht kannte, den Hintern abzuwischen. Aber mich fragte niemand. Der deutsche Staat bot mir diese Alternative zur Bundeswehr an. Oder das Gefängnis. Es war egal, dass ich nach meiner Ausbildung zum Vollzugsbeamten ein Jahr in verschiedenen Ministerien gearbeitet hatte. Zu kurz. Daher versuchte ich mich heute wenigstens mit der Vorstellung zu trösten, dass ich mir die Seniorenresidenz in Wuppertal selbst ausgesucht hatte. Falls es mir hier zu bunt wurde, konnte ich immer noch abhauen und auswandern, überlegte ich.
Im Radio beendete der Westdeutsche Rundfunk die Vorhersage auf das Wetter, bevor Rudi Carrell von einem Sommer sang, der nicht mehr so war wie die Sommer von früher. Die Schwarze Schwester hatte den Schlagersender eingestellt, mit dem sie mich seit meiner Ankunft jeden Morgen quälte. Das Lied strömte über den Flur in die offenen Zimmer hinein.
Anni richtete sich wieder auf.
„Dat Grete will auch nicht aufsteh’n, sagte sie, um ihren Protest zu untermauern. „Is’ ja noch dunkel draußen.
Tante Grete lag zwei Schritte entfernt in ihrem Bett hinter einem Gitter aus Eisen.
2. Tante Grete
Anni kramte ein zerfranstes Stofftaschentuch hervor, in dem Bonbons eingewickelt waren, die sie während der schlaflosen Nächte mit Tante Grete teilte. Sie bot mir eins an, das ich aus der Verpackung löste, Zitronengeschmack.
„Halt mich mal, sagte sie. „Ich muss pissen.
Hörten andere Leute mit, sprach sie vornehm vom Wasser. Dann erklärte sie, indem sie jedes Wort betonte, dass sie mal Wasser lassen muss. Um die Dringlichkeit zu verdeutlichen, warf sie die Arme vor und sank laut stöhnend auf den Nachtstuhl. Sie ließ ihrem Drang freien Lauf und schaute auf die nackten Füße herab.
„Mir hat man versprochen, wenn einem wat fehlt, bräucht’ man nur wat sagen. Ich bräucht’ neue Pantoffeln, meinte sie bitter und winkelte ihren Unterarm ab. Konzentriert betrachtete sie die Finger, die sie streckte, zu einer Faust schloss und dicht vor die Augen hielt. Ungläubig schüttelte sie den Kopf. „Ich seh’ alles verschwommen. Wat hammer denn heute, Mittwoch?
„Montag", korrigierte ich.
„Hier kam früher immer ein Doktor vorbei …"
„Der war Freitag da, Anni."
„Dann ist er an Grete und mir vorbei gegangen", entgegnete sie bissig.
„Du bist doch kerngesund", versuchte ich sie aufzuheitern.
„Von wegen."
„Was willst du denn von dem Doktor?"
„Jee!", herrschte sie mich plötzlich an. „Wat ich von dem will? Wat bist du neugierig. Übers Wetter reden", erklärte sie ironisch und blickte für das, was sie anschloss, nicht einmal auf: „Wat denkst du? Übers Ficken unterhalten?"
Solange Anni damit beschäftigt war, ihren Oberkörper einzuseifen und kräftig durchzukneten, bevor sie die Schultern und Arme mit ihrem Handtuch abrubbelte, hatte ich etwas Zeit, mich um Tante Grete zu kümmern.
Behutsam löste ich das Seitengitter aus der Verankerung und klappte es leise ab. Tante Grete erwachte.
Sie spreizte ihre Lippen, und ich sah eine Zunge, einen Brocken aus rohem Fleisch, der die Mundhöhle voll ausfüllte.
„Wat machs’n für krumme Musik?, bellte sie mich an und meinte das Lied aus dem Radio. Den Takt wiederholte sie mit einer rauchigen Stimme: „Rummtata, rumm-tatam …
Anni fühlte sich vernachlässigt. Ihrer Meinung nach werkelte ich bereits zu ausgiebig an Tante Grete herum. Vom Waschbecken aus fragte sie, wie lange sie so dasitzen und sich halb zu Tode frieren müsse.
„Früher kam immer einer, lamentierte sie, „der hat gefragt, ob alles in Ordnung is’. Dem würd’ ich sagen, dat wir ’ne neue Heizung bräuchten. Aber der kommt nicht mehr.
Tante Grete wurde ungeduldig.
„Mach voran", keifte sie mich an.
Ich zog Anni vom Spülstein weg und schob Tante Grete hin, fliegender Wechsel. Anni half ich in eine Wollstrumpfhose hinein, danach in abgewetzte Lederschuhe.
„Wat hammer denn heute, fragte sie wieder. „Sonntag?
„Montag", sagte ich.
„Wenn der Doktor kommt, der soll mir wat zum Einreiben besorgen." Sie meinte ihren Arm. Als Beweis, dass sie ihn überhaupt nicht bewegen konnte, hob sie ihn hoch in die Luft. Währenddessen nahm ich ein Kleid aus dem Schrank.
„Da sind keine Taschen dran", lehnte sie ab. Ich zog ein anderes vom Bügel, hielt es empor und lächelte.
„Dat sieht aus wie Lumpenjetta, urteilte sie. „Drei Renten hatte ich, kricht alles dat Heim.
Ich präsentierte das nächste Kleid. „Halbtrauer", winkte sie ab, „dat wollt’ ich immer wegschmeißen. Ich hatte mal sooo schöne Kleider."
Aus heiterem Himmel meldete sich Tante Grete zu Wort:
„Du faul’ Gedrieten!, schrie sie Anni an. „Kannst dich nicht selbst anzieh’n?
„Wat bist du dann?, konterte Anni. „Kannst dich doch auch nicht anzieh’n.
Empört schlüpfte sie in die Ärmel des Halbtrauerkleides, richtete ihre Haare und fügte kleinlaut hinzu:
„Dat zieh’ ich morgen aber nicht mehr an."
3. Der Morgenmond
Ausdruckslos verfolgte Tante Grete, nachdem sie den Abflussstöpsel gezogen hatte, wie das Wasser kreiselnd und gurgelnd in die Rohre verschwand. Ich hatte nur ein kleines Zeitfenster, um ihr eine Windel umzulegen. Grete hielt sich gewöhnlich am Waschbecken oder am Bettgitter fest, und ich tänzelte hastig um sie herum, bevor die Kraft versiegte und ihre Beine nachgaben. Anni, vom Beobachtungsposten am Tisch aus, kommentierte mit angewidertem Gesicht: „So’n Mann wollt ich ja nicht haben, der immer an den ollen Weibern da unten rummacht."
„Voran!, bellte Tante Grete. „Ich kann nich’ mehr steh’n
, und Anni
