Die Prinzessinnen: Helden und andere Dämonen
Von Christian Endres
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Über dieses E-Book
Narvila, Aiby, Decanra, Cinn und Mef wurden als Königstöchter geboren – heute sind sie eine Truppe knallharter Söldnerinnen. Mit Schwertlanze und Streitaxt stellen sie sich allen Bestien und Bastarden, wobei sie besonders oft Maiden in Nöten retten. Doch nun erhalten die Prinzessinnen den Auftrag, Prytos zu beschützen, den großen Helden des Götterkrieges, dessen Unsterblichkeit allerdings so gut wie aufgebraucht ist. Als Leibwächterinnen der ungebrochen selbstherrlichen und draufgängerischen Legende müssen es Narvila und die anderen mit Dämonen, Zauberern, Drachen, Seeungeheuern und Untoten aufnehmen. Und natürlich mit Prytos selbst …
»Düster, packend und feministisch – wie eine Kreuzung aus einem Quentin Tarantino-Film und den Märchen in ihrer ursprünglichen, blutigen Form.« – Christian Handel (Autor von »Schattengold«)
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Rezensionen für Die Prinzessinnen
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Buchvorschau
Die Prinzessinnen - Christian Endres
NARVILA
In wenigen Augenblicken werden die Prinzessinnen das Waldstück mit dem Blut, den Gedärmen und der Reue ihrer Gegner fluten.
Aber der Reihe nach.
Noch ist es friedlich auf der Straße, die zwischen zwei flachen, baumbewachsenen Böschungen liegt.
Narvila und die anderen vier Prinzessinnen sind wie üblich in lederne Hosen und Harnische gekleidet. Die Söldnerinnen haben den Auftrag, König Larnushkis Tochter Tiarlak zum Kloster von Ouduurm zu eskortieren. Dort soll diese vor ihrer anstehenden Hochzeit von den Göttern gesegnet werden, für eine glückliche und, machen wir uns nichts vor, vor allem fruchtbare Ehe, die möglichst bald einen Erben hervorbringt.
Tiarlak reist mit drei Zofen in einer quietschenden großen Kutsche voller Bequemlichkeit, die von sechs Pferden gezogen wird. Der blasse, schnurrbärtige Diener, der das Gefährt lenkt, hätte seinem mürrischen Verhalten nach sicher männliche Söldner als berittenen Geleitschutz bevorzugt.
Ob ihm das schmeckt oder nicht, neben und hinter der Kutsche reiten jetzt nun mal die Prinzessinnen:
Aiby, an der alles mächtig ist, angefangen bei ihren Muskeln, ihren verfilzten roten Zöpfen, ihrem ärmellosen Harnisch, ihrer riesigen Axt und ihren Tätowierungen nach Hochland-Art am ganzen Körper, die fast kein Weiß mehr durchscheinen lassen.
Decanra, die fingerlose Handschuhe und zu den diversen Rüstungsteilen als Einzige einen Kapuzenumhang trägt, der tiefbraune Haut, eine schwarze Mähne, eine endlose Zahl Wurfmesser und einen geschwungenen Krummsäbel aus den Juwelenstädten jenseits der Wüste verhüllt.
Cinn, bleich, klein und knochig, das kurze, an den Seiten abrasierte Haar weiß wie der Schnee im eisigen Norden, die Augen stechend hellblau, die bandagierten Hände für sich schon Waffen und dennoch stets an den Heften zweier Dolche.
Mef, mit ihrem auf den Rücken geschnallten Schwert, dem wallenden weizenfarbenen Haar und der Bräune von See und Tropensonne, deren lange Gliedmaßen in Handschuhen und Stiefeln mit Stulpen stecken und die bei jedem Grinsen eine Narbe zwischen Mundwinkel und Ohr tanzen lässt.
Und natürlich Narvila, in Sachen Statur und Haut Cinn näher als den anderen, ihre Schwertlanze hinter sich, die braunen Strähnen ungleichmäßig auf Kinnhöhe abgeschnitten – wie seit jenem Tag, an dem sie ihre Heimat Besgios samt ihrer königlichen Familie verlassen hat, um sich den Prinzessinnen anzuschließen.
Nicht dass etwas davon den schlecht gelaunten Arsch von Kutscher beeindrucken würde.
Wenigstens König Larnushkis Tochter scheint von ihrer Eskorte aufrichtig begeistert zu sein.
»Ich wünschte, ich wäre so mutig wie ihr!«, sagt Tiarlak gerade zu Narvila, die auf ihrem Schimmel neben dem geöffneten Kutschenfenster reitet und mit ihrer Schutzbefohlenen plaudert.
»Wollt Ihr denn eine Söldnerin werden, Hoheit?«, fragt Narvila schmunzelnd.
»Das könnte ich nie!« Prinzessin Tiarlak wirkt, als sei allein der Gedanke an solch einen Lebenswandel, solch einen Wandel ihres Lebens, vollkommen absurd. Tiarlak, nur unwesentlich jünger als Narvila und die anderen Prinzessinnen, hat ein herzförmiges hellbraunes Gesicht, schmale dunkle Augen, eine Stupsnase und das schwarze Haar zu einem Zopf geflochten. Sie trägt ein modisch geschnittenes rotes Kleid, wie Narvila lange keines mehr angehabt hat – sie vermisst es nicht. »Aber mir macht ja schon der Gedanke an die Priesterinnen im Kloster Angst«, fährt Tiarlak fort. »Von den Göttern ganz zu schweigen. Und ich könnte mir niemals so die Haare schneiden lassen!«
Tiarlak und ihre Zofen kichern angesichts der Vorstellung.
Narvila, die sich die Haare regelmäßig selbst mit einem Dolch absäbelt, nickt.
Sie weiß, was die baldige Braut meint.
Was die Leute sehen, wenn sie die Prinzessinnen betrachten, oder denken, sobald sie Narvilas Geschichte hören.
Narvila ist noch gar nicht so lange Teil der Truppe aus ehemaligen Thronerbinnen, denen das Schicksal einen anderen, blutigeren Pfad bestimmt hat – die gegen Bezahlung adelige Damen und andere Menschen in Nöten befreien, bewachen oder beschützen und darüber hinaus alle möglichen gefährlichen Aufträge annehmen, sich Mistkerlen und Monstern stellen, Bestien und Bastarden einheizen.
»Was war das Furchteinflößendste, gegen das ihr je kämpfen musstet?«, fragt Prinzessin Tiarlak Narvila da wie aufs Stichwort, und ihre Zofen lauschen schamlos.
Der Diener auf dem Kutschbock grunzt verächtlich.
Narvila ignoriert ihn und denkt an all die Gesetzlosen, Kultisten, Satyrn, Ghule, Drachen, Riesen, Kobolde, Untoten, Schattenkatzen und Oger, denen sie als Prinzessin bis jetzt schon ins Auge geblickt hat.
Und natürlich an die finstere Gottheit, deren Tentakel sich bis in ihre Welt gerankt haben.
Trotz der illustren Auswahl will Narvila eigentlich erwidern, dass ihre anerzogenen Hemmungen und erlernten Selbstzweifel die schlimmsten Übel gewesen sind, die sie teils noch heute immer wieder aufs Neue bekämpfen muss.
Diese Erwiderung würde Tiarlak und ihren Zofen mehr als spektakulär-schaurige Monstermärchen bieten.
Doch just als Narvila zu ihrer Antwort ansetzt, tut sich vor den Zugpferden und der Kutsche die Erde auf.
Aus einer bis eben noch von Zweigen und Laub verdeckten Grube mitten auf der Straße springt eine Handvoll schreiender Männer mit Schwertern, Dolchen, Messern und Beilen.
Die angeschirrten Pferde wiehern erschrocken, der maulfaule Diener zerrt plötzlich beredt fluchend an den Zügeln, Tiarlak und ihre Dienerinnen kreischen, und das von den Prinzessinnen bewachte Gefährt kommt schlingernd zum Stehen.
Eine Wurfaxt trifft den Kutscher im Gesicht und bleibt darin stecken. Der Mann kippt seitlich vom Bock.
Auch aus dem Wald links und rechts der Straße stürmen nun waffenschwingende Banditen, jeweils ein halbes Dutzend.
Narvila holt in einer Bewegung, die ihr in Fleisch und Blut übergegangen ist, ihre Schwertlanze vom Rücken. Ihr Herz klopft wild, aber das tut es vor jedem Angriff, jedem Kampf und jeder Auseinandersetzung, daran hat sie sich mittlerweile gewöhnt.
Das gehört dazu.
Ohne würde ihr sogar etwas fehlen.
Es bringt sie in die richtige Stimmung.
»Ich wusste, dass wir beobachtet werden«, sagt Cinn auf der anderen Seite der Kutsche seelenruhig und zügelt ihren Rappen. Ihr rauer Akzent schleift die Kanten aller Buchstaben.
»Und wieso hast du nichts gesagt?«, fragt Aiby schnaubend, während sie neben Cinn ihren stattlichen Braunen in Position bringt, um den Angreifern zu begegnen. »Macht die Fenster zu und verriegelt die Läden, Hoheit«, weist die Anführerin der Prinzessinnen Tiarlak außerdem an.
Cinn zückt ihre Dolche. »Was hätt’s geändert? Wir erwarten doch immer Ärger.«
»Aye …«, pflichtet Aiby ihr gedehnt bei und nimmt ihre schwere Axt in beide Hände, die ebenfalls bis zu den abgebrochenen, dreckigen Fingernägeln tätowiert sind.
Mef kommt unterdessen auf ihrem Falben nach vorn zu Narvila geritten. »Ich frag mich, wie lang die da unten in ihren eigenen Fürzen gehockt haben«, sagt sie und zieht ihr Schwert.
Hinter ihnen klettert Decanra leichtfüßig von ihrem Grauen aufs Dach der Kutsche und schleudert mehrere Wurfmesser auf die heranstürmenden Wegelagerer aus der Grube. Ihre Klingen bohren sich in Wangen, Augen, Nasen und Hälse. Vier der fünf Männer stürzen schreiend und blutend zu Boden. Decanra hüpft indes wehenden Umhangs auf die Straße, um den letzten Kerl aus der Drehung heraus mit dem Säbel niederzumachen.
»Wär’n sie mal besser da unten geblieben«, sagt sie anschließend.
Da prallen die ersten Banditen von links auf Narvila und Mef.
Stahl trifft klirrend auf Stahl.
Mef treibt ihre Waffe von oben durch Schädel und Hals eines Kerls bis tief in dessen Brust. Blut schwappt aus dem weit aufgerissenen Mund des Mannes. Ein zweiter Angreifer bekommt Mefs Stiefelspitze zu fressen und roten Stahl hinterher.
Auch Narvila lässt ihre Schwertlanze herabsausen, eine breite Klinge am Ende eines langen Metallschafts. Einer der Wegelagerer greift sich gurgelnd an die Kehle und die geöffnete Halsschlagader, ein anderer kreischt und starrt nur noch ausdruckslos auf die Stümpfe, wo eben noch seine Hände gewesen sind und nun zwei Blutfontänen hervorschießen.
Gemeinsam machen Narvila, Mef und Decanra mit ihren Angreifern auf dieser Seite der Kutsche kurzen Prozess.
Noch mehr Blut und Leben sickern in den Boden.
Als Mef und Narvila um die Kutsche herumreiten, sieht Narvila, dass Cinn vom Rücken ihres Hengstes geglitten ist, um drei Bewaffnete mit ihren eifrigen Dolchen aufzuschlitzen. Es sieht aus, als würde die Nordländerin in einem Wirbel aus Blut tanzen. Am Ende des Reigens steht nur noch Cinn, Haar und Gesicht rot gesprenkelt.
Vor Aibys wieherndem Ross liegen zwei Sterbende, hässliche Axtwunden im Rumpf und rote Pfützen unter sich. Mit einem brachialen Hieb enthauptet Aiby gerade einen letzten Schwertkämpfer. Der Kopf des Räubers fliegt durch die Luft, knallt gegen die Kutsche und hinterlässt einen blutigen Abdruck.
Beim Aufprall ertönen aus dem schaukelnden Gefährt spitze, panische Schreie und lautes Rumpeln.
»Denkt ihr, die haben durch Zufall genau hier ne Grube ausgehoben?«, fragt Mef indessen. »Oder wussten die, dass wir kommen?«
»Das müssen wir später klären«, sagt Decanra, die inzwischen wieder auf ihrem Grauen sitzt. »Da kommen noch mehr.«
Allerdings stürmen ein ganzes Stück hinter ihnen keine Menschen aus dem Unterholz und auf die Straße, sondern sechs Kobolde und drei Oger: die einen grün, spitzohrig, einen Kopf kleiner als Cinn und in Felle gehüllt, die anderen grau, massiger als Aiby, mit großen Hauern im Maul und bis auf einen Lendenschurz nackt.
»Seit wann arbeiten Oger und Kobolde zusammen?«, wundert sich Narvila und umfasst ihre tropfende Schwertlanze fester.
»Andere Länder, andere Sitten«, sagt Aiby schulterzuckend.
Narvila, die noch nie so weit im Süden gewesen ist, nickt skeptisch.
»Ob die auch zu denen gehören?«, überlegt Mef laut und spuckt auf die kopflose Leiche eines Kerls.
»Vermutlich waren sie in der Nähe und der Kampflärm hat sie angelockt«, spekuliert Decanra.
»Das werden die hässlichen Ficker gleich bereuen«, verspricht Cinn und zieht sich behände in den Sattel.
»Werden sie«, bestätigt Aiby, und die Prinzessinnen reiten der zweiten Welle aus Angreifern geschlossen entgegen.
Die Kobolde und Oger rennen brüllend auf sie zu.
Sie prallen mitten auf der Waldstraße zusammen.
Aiby hackt einem der Oger sofort den Arm ab, ein anderer Koloss bekommt erst zwei von Decanras Wurfmessern und dann einen von Cinns Dolchen in den Hals – Decanra weicht ihrerseits einem wütenden Keulenhieb aus. Sie und Cinn setzen nach. Als weitere Klingen in seinen Leib getrieben werden, geht der blutende Oger in die Knie. Cinns Dolch im Schädel gibt ihm den Rest.
Mef und Narvila mähen aus dem Sattel heraus mehrere Kobolde um und verteilen gelbes Blut auf Erde, Gras, Blättern und Moos. Ein Kobold-Bandit wird von Mefs Schwert förmlich in zwei Hälften zerteilt, einem anderen jagt Narvila die Lanze durch die Brust.
Zwei ihrer spitzohrigen Gegner tauchen jedoch unter den Waffen der Prinzessinnen hindurch und rennen hastig weiter.
»Narvila!«, ruft Aiby, derweil sie und Decanra den letzten stehenden Oger übernehmen, der mit wildem Knurren seinen Baumstamm von einer Keule schwingt. »Die Kutsche!«
Narvila reißt ihren Schimmel herum, reitet einen Kobold kurzerhand über den Haufen und rammt seinem Kumpan ihr Tötungswerkzeug in den Rücken, ehe seine Griffel auch nur den Schatten von Prinzessin Tiarlaks Gefährt berühren können.
Als der andere Räuber sich aufrappelt und schnatternd sein Beil zum Angriff über den Kopf hebt, sticht Narvila ihm mit etwas mehr Glück als Genauigkeit ins Auge und rupft es samt Sehnerv heraus, da der Kobold schreiend zurückzuckt.
Angewidert verzieht Narvila das Gesicht.
Plötzlich erschallt zwischen den Bäumen lautes Gebrüll – es übertönt sogar das schrille Gejammer des Kobolds, dem Narvila die Gnade einer Prinzessin zuteilwerden lässt.
Ein weiterer Oger bricht aus dem Wald und stapft auf die Straße. In seinen Pranken hält er zwei für Ritter gemachte Schwerter, die an ihm wie Cinns Dolche aussehen. Dröhnenden Schrittes hält das graue Ungeheuer auf die Prinzessinnen zu.
Narvila reitet zu ihren Freundinnen.
Aiby gibt bereits Anweisungen, wie sie das Biest angehen werden, und Narvila macht sich bereit.
Aber da zischt aus Richtung Kutsche ein schimmerndes Etwas zwischen den Söldnerinnen hindurch – so knapp an Narvilas Gesicht vorbei, dass sie es auf ihrer nicht mehr ganz so zarten Haut spüren kann. Der Speer fliegt pfeilgerade auf den Oger zu und flutscht mit einem rohen Knacken sowie einem feuchten Klatschen durch dessen Schädel. Von Blut, Knochen und Hirnmasse besudelt, schießt die Spitze der Waffe hinten wieder raus.
Das Ungetüm verharrt einen Moment regungslos, schwankt und kracht letztlich wie ein gefällter Baum zu Boden.
Die Prinzessinnen fahren gleichzeitig herum.
Auf dem Dach von Tiarlaks Kutsche steht ein Krieger mit Aibys Maßen und Muskeln. Auch er trägt einen ärmellosen Lederharnisch wie Narvila und die anderen, dazu einen über den Knien endenden Rock und Stiefel, allesamt aus dunkelroten Schuppen – eines Drachen, wenn Narvila sich nicht täuscht, und keines kleinen. Auf dem Kopf des Mannes steht nur ein handbreiter Streifen borstigen schwarzen Haars, der Rest ist glatt rasiert, ebenso das markante gebräunte Kinn. Hinter seinem Rücken hängt ein Rundschild, an seinem Gürtel noch ein Kurzschwert.
»Dankt mir nicht alle auf einmal!«, ruft der Kerl, während er es Decanra gleichtut, behände auf die von Leichen und Körperteilen übersäte Straße springt und sich sogleich wieder aufrichtet, wobei die Sonne sein Profil zur Geltung bringt, als hätten die beiden eine Vereinbarung. »Obwohl es kein Problem für mich wäre«, fügt er grinsend hinzu.
»Was ist das denn für ein verrückter Ficker?«, fragt Mef. »Hat der auch in dem Furzloch gesessen? Würd einiges erklären.«
»Wenn Ihr gestattet, werte Damen?«, sagt auf einmal ein weiterer Unbekannter, der neben der Kutsche ins Blickfeld der Prinzessinnen tritt. Er ist kleiner als der andere, hat glänzende braune Haut, einen Vollbart und das dunkle Haar zu einem kurzen Zopf aus mehreren geflochtenen Strängen gebunden. Seine Hose und sein Leinenhemd wirken weniger kriegerisch, nur seine Weste stammt ebenfalls von einem roten Drachen, wahrscheinlich demselben. Am Gürtel macht Narvila lediglich einen Dolch und eine Schleuder aus. »Mein Name ist Kaersec, und wie mein Vater und dessen Vater vor mir habe ich die Ehre, den edlen Prytos zu begleiten, seinen kühnen Taten beizuwohnen – und ihn Euch an diesem Tage vorzustellen!«
»Was zum …?«, murmelt Mef, aber Aiby gibt ihr per Handzeichen zu verstehen, die Klappe zu halten.
»Ihr habt richtig gehört«, fährt Kaersec fort – in der Manier eines Herolds oder fahrenden Händlers, findet Narvila. »Der legendäre Prytos, ruhmreicher Held des Götterkrieges, Bezwinger von Dämonen und vielen anderen Bestien, steht leibhaftig und in all seiner Pracht vor Euch!«
»Danke, Kaer«, meint der große Bursche und tut, als würde ihn das alles kaltlassen, obgleich er sich noch etwas mehr in Pose wirft. »Und wer seid Ihr, meine Holden? Eine Truppe Schauspielerinnen, nehme ich an? Das sind großartige Kostüme, alle Achtung.«
Er stolziert an Narvila und ihren Gefährtinnen vorbei, die blutigen Waffen und Leichen ignorierend. Dafür zwinkert er Aiby zungenschnalzend zu. Schließlich macht er sich daran, seinen mit Runen verzierten Metallspeer aus dem toten Oger zu ziehen.
Narvila versucht, das imposante Muskelspiel an Armen, Beinen, Schultern und Arsch des Typen nicht weiter zu beachten.
Der bewegt den Kadaver, als wöge er nichts.
»Wir«, erklärt Aiby säuerlich, »sind die Prinzessinnen. Söldnerinnen«, fügt sie hinzu, und Narvila kann hören, dass Aiby sich über ihre eigenen Worte und deren Notwendigkeit ärgert. Narvila pisst es auch an. »In der Kutsche sitzt Prinzessin Tiarlak, die wir im Auftrag Ihres Vaters König Larnushki zum Kloster von Ouduurm geleiten.«
»Lauter Prinzessinnen, soso«, sagt Prytos und putzt seinen Speer am Lendenschurz des Ogers ab, den er am Schluss mit der gesäuberten Spitze etwas anhebt, um darunterzulugen – und verächtlich zu grinsen.
»Wir sind Söldnerinnen«, wiederholt Decanra gereizt und setzt ihre Kapuze auf, wie sie es immer tut, wenn die Welt sie zu sehr nervt. »Kriegerinnen. Monsterjägerinnen. Leibwächterinnen. Beschützerinnen oder Befreierinnen von Prinzess…«
Doch es ist, als hätte sie nichts gesagt – als würde dieser Prytos bloß das hören, was er hören will.
»Das da drin ist die Ober-Prinzessin, ja?«, fragt er, schultert seinen Speer, zwinkert im Vorbeigehen diesmal Narvila zu, die zu ihrem eigenen Entsetzen errötet, und klopft in einem flotten Rhythmus an die Kutschentür. »Euer Flehen wurde erhöht, Hoheit. Es war mir ein Vergnügen, Euch aus dieser Notlage zu retten. Und ich werde Euch und Eure verkleideten Freundinnen sicher bis zu Eurem Bestimmungsort bringen, so wahr ich Prytos heiße.«
»Wir sind nicht verkleidet, verfickt noch mal!«, knurrt Decanra.
»Der tut ja grad so, als hätt er die alle ganz allein plattgemacht«, faucht Mef.
»Tut er«, bekräftigt Cinn gefährlich leise.
Die Prinzessinnen haben ihre Waffen noch nicht gesenkt.
In der Kutsche rumort es, Riegel werden geöffnet, und die Tür schwingt auf. Die erschüttert wirkende Tiarlak hält sich am Rahmen fest, sieht Prytos aus großen Augen an – und kotzt ihm beim Anblick der entstellten Leichen, die Narvila, Mef und Decanra unter dem Einstieg ihres Gefährts angerichtet haben, geradewegs vor die Füße.
Prytos tritt elegant zurück und lächelt dünn. »Es ist aufregend, den größten Helden aller Zeiten zu treffen, ich verstehe das«, räumt er großmütig ein. »Beruhigt Euch und macht Euch zurecht, dann können wir uns bei der nächsten Rast ein wenig unter vier Augen unterhalten. Ich erzähle Euch gern von meinen Heldentaten, wenn ich mich dafür etwas in Eurer wiederhergestellten Anmut sonnen darf.«
»Es … es wäre mir ein Vergnügen«, sagt Tiarlak und wischt sich mit dem Handrücken die Reste ihrer letzten Mahlzeit von den zitternden Lippen.
Hauptsache, ein Rest von Etikette bleibt gewahrt, über die hoheitliche Kotze kann man hinwegsehen.
Narvila erinnert sich mit Grauen an dieses verlogene Leben, aber auch an die Anfangszeit ihrer Söldnerinnen-Karriere, als sie nach jedem Kampf und jedem toten Untier gereihert hat und die anderen sie deswegen aufgezogen haben.
»Alles wird gut«, versichert Prytos der Prinzessin, den Zofen und den Söldnerinnen, und zwar mit der Stimme von jemandem, der scheue Tiere oder kleine Kinder beruhigen will, obwohl sie ihm eigentlich unwichtig sind. »Ihr steht fortan unter meinem Schutz. Mehr noch, Ihr seid nun ein Teil der unsterblichen, seit dem Götterkrieg währenden Legende von Prytos.«
»Aye, was haben wir für ein Glück«, ätzt Aiby und streicht energisch ihre blutbefleckten Zöpfe nach hinten.
Ihr Sarkasmus prallt an Prytos ab, der sich wieder in einen vorteilhaften Streifen Sonnenlicht stellt.
Sein Begleiter Kaer führt zwei Pferde zu ihm: einen feurigen Hengst, der die Dimension eines Schlachtrosses hat, und einen schlanken Rotschimmel mit wachsam zuckenden Ohren.
»Wir brauchen ihn nicht«, sagt Aiby zur sichtlich faszinierten Prinzessin Tiarlak. »Und es missfällt mir, dass er sich so aufdrängt.«
»Er ist ein Held«, haucht Tiarlak, als wäre damit alles erklärt. »In seiner Gegenwart fühle ich mich sehr sicher. Ich will, dass er uns begleitet.«
Narvila sieht dem Krieger zu, wie er sich ohne Mühe auf den riesigen Rappen schwingt, mit Speer und Schild auf dem Rücken.
Im Sattel dieses Rosses wirkt er noch eindrucksvoller.
Wie eine lebendig gewordene Statue.
»Hör auf zu gaffen, Süße, und bind dein Pferd lieber an die Kutsche«, sagt Mef, steigt aus dem Sattel und schickt sich an, selbst genau das zu tun.
»Wieso?«
Aber Mef lässt sie ohne Erklärung stehen. Sie ignoriert auch Prytos’ unverhohlene Musterung und zieht sich auf den verwaisten Bock. Narvila folgt ihr, bleibt allerdings neben der Leiche des Kutschers stehen. Das Beil steckt noch in seiner Stirn.
»Na komm.« Mef grinst und tätschelt die Sitzbank neben sich. »Nur weil du den großen Auftritt einer finsteren Gottheit verdorben hast, heißt das noch lang nicht, dass deine Ausbildung abgeschlossen ist.«
Narvila hebt das Kinn. »Ist das so, ja?«
Mefs Grinsen wird breiter, ihre Narbe springt. Mef hat noch nicht bemerkt, dass Sommersprossen aus Banditen-Blut ihr Gesicht sprenkeln. Wie die Narbe tun sie ihrer Schönheit keinen Abbruch. »Wird Zeit, dass du lernst, so ein Ding zu fahren.«
Narvila stutzt. »Eine Kutsche?«
»Was denn sonst? Jetzt schwing deinen Knackarsch hier rauf, wir sollten verschwinden. Die Scheißkerle fangen langsam an zu stinken. Na ja, haben sie wahrscheinlich vorher schon, aber du weißt, was ich mein …«
»Fürs erste Mal stellst du dich gar nicht so doof an«, sagt Mef.
Narvila bleckt die Zähne, von den Pferdestärken unter ihrer Kontrolle regelrecht berauscht, auch wenn sie im Moment ziemlich langsam fahren.
»Ich bin sicher, das sagst du zu allen hübschen Anfängerinnen, Mef.«
»Kann ich nicht mal abstreiten.«
»Dacht ich mir. Macht aber wirklich mehr Spaß als erwartet. Hab’s mir auch schwerer vorgestellt.«
»Das sagen sie hinterher dann auch alle …«
»Ha!«
»Es hilft immer, wenn beim ersten Mal jemand mit Erfahrung dabei ist«, wirft plötzlich Prytos von der Seite ein.
Der Krieger hat Narvilas Platz als berittener Gesprächspartner am Fenster von Prinzessin Tiarlak eingenommen. Seine tiefe, kräftige Stimme übertönt mühelos die Geräusche der Pferdehufe und der Kutschenräder.
Narvila und Mef ignorieren ihn, aber Prytos schäkert eh schon wieder mit Tiarlak und deren Dienerinnen.
Wenig später, als sie genug Abstand zwischen sich und die verstümmelten Leichen der Kobolde, Oger und Menschen gebracht haben, legen sie auf einer Waldlichtung eine Rast ein.
Das macht Narvila etwas nostalgisch – immerhin sind die anderen Prinzessinnen auf einer ähnlichen Lichtung in ihr Leben getreten und haben sie in mehr als einer Hinsicht gerettet.
Narvila und Mef tränken die Zugpferde und ihre Reittiere an einem kleinen, leise im Schatten murmelnden Bach. Prytos’ wortgewandter Begleiter Kaer führt seinen Rotschimmel und den Hengst seines Gefährten ebenfalls ans Wasser. Er lächelt Narvila zu, schweigt jedoch und tätschelt seinen Gaul.
Tiarlaks Zofen vertreten sich erst kurz die Beine und nehmen dann auf einer im Gras ausgebreiteten Steppdecke Platz, knabbern an ein paar Keksen aus einem Korb, trinken etwas verdünnten Wein, tuscheln miteinander.
Aiby, Decanra und Cinn halten Wache.
Prytos ist wie angekündigt zu einer Audienz bei Prinzessin Tiarlak in die Kutsche gestiegen. Türen und Fensterläden sind geschlossen, gelegentlich hört man das glockenhelle Gelächter von König Larnushkis Tochter, die ihren Schrecken und ihre Übelkeit anscheinend überwunden hat.
Nachdem die Tiere genug gesoffen haben und auf der Lichtung grasen, gesellen sich Narvila und Mef zu ihren Gefährtinnen.
Kaer folgt ihnen auch diesmal.
Aiby, die aus einem prallen Weinschlauch trinkt, hat schon auf ihn gewartet. »Also schön«, setzt sie nach einem weiteren Schluck an. »Ich weiß eine gut durchdachte Nummer und eine ordentliche Darbietung zu schätzen. Und Eure ist gut, daran besteht kein Zweifel. Die Geschichte, die Inszenierung – alles. Aber jetzt mal im Ernst: Wer ist Euer Freund wirklich?«
Kaer, der etwa fünf Jahre älter als Narvila sein dürfte, schenkt ihnen ein schwer zu deutendes Halblächeln und streicht sich mit drei Fingern über den Bart. »Obwohl Prytos oftmals ein wahres Schauspiel bietet, wenn er seine Kraft und sein Können entfesselt, ist alles an ihm echt.«
»Kommt schon.« Mef schüttelt den Kopf. »Ihr wollt uns wirklich erzählen, dass das da Prytos sein soll, der verfickte Held des letzten Götterkriegs? Das glaubt Ihr doch selbst nich.«
Auch Decanras Kapuze bewegt sich zweifelnd. »Dann müsste Euer Freund … was, hundertfünfzig Jahre alt sein? Niemals! Er ist vielleicht kein junger Mann mehr, aber …«
Narvila, die zwischen Cinn und Aiby im Gras Platz genommen hat, versucht sich an das zu erinnern, was sie über den Götterkrieg und insbesondere Prytos’ Rolle darin weiß.
Zum Glück ist es noch gar nicht so lange her, dass die Prinzessinnen eine fahrende Theatergruppe begleitet und regelmäßig ein Stück über den legendären Krieg der Götter gesehen haben. Aus Jux haben Narvila und Aiby sogar einmal in einer Aufführung über die schicksalsträchtigen Schlachten zwischen zwei göttlichen Fraktionen mitgespielt.
Sie muss kurz an Ilfyng aus besagter Truppe denken, den ersten jungen Mann, dem sie ihr Herz und mehr geschenkt hat.
Es sind ein paar Wochen vergangen, seit sie an Ilf und die anderen gedacht hat. Wenn man so lebt wie die Prinzessinnen, trifft man unterwegs dauernd Menschen, verbringt etwas Zeit zusammen, hinterlässt beieinander Eindruck, aber dann zieht man getrennter Wege weiter, und es bleiben lediglich verblassende Erinnerungen.
Und Narben.
Anstatt weiter über Ilfyng nachzusinnen, konzentriert sich Narvila wieder auf den Krieg, in dem ein Heer aus Göttern und Menschen gegen eine Armee aus Göttern und Dämonen gekämpft hat.
Die Legenden, Geschichten, Lieder, Gedichte und Dramen berichten, dass sich Prytos, ein einfacher menschlicher Soldat, in Vejalcii verliebt hat, die Göttin der Siegel. Angeblich hat Vejalcii diese Liebe erwidert und dem tapferen Krieger in ihrer ersten gemeinsamen Liebesnacht durch ihre Küsse einen Teil ihrer Unsterblichkeit und Stärke geschenkt. Das soll Prytos am nächsten Tag dazu genutzt haben, um ihre Seite zum Sieg über die finsteren Gottheiten und deren zahllose Dämonen-Schergen zu führen.
»Prytos wurde dank Vejalciis Gabe nicht im göttlichen Sinne unsterblich, aber so gut wie«, erklärt Kaer gerade, als Antwort auf Decanras Frage. »Er altert kaum, wird nie krank oder müde. Wunden heilen sofort und hinterlassen nicht mal eine Narbe. Er wurde also praktisch unbesiegbar.«
»Und woher wisst Ihr das alles so genau?«, fragt Decanra misstrauisch. »Vielleicht legt der Kerl Euch genauso rein wie alle leichtgläubigen Frauen, denen er begegnet.«
Kaer lächelt vertrauenerweckend. Das kann er gut, wie Narvila schon gemerkt hat. »Mein Großvater kämpfte damals mit Prytos im Krieg der Götter. Seit der Grundausbildung in Saldrovin waren die beiden Freunde. Als sie aus dem Krieg zurückkehrten, wurde mein Großvater Prytos’ Reisegefährte, sein Herold und Chronist. So wie nach ihm mein Vater und nach diesem meine Wenigkeit.«
»Ihr seid also … was, sein Knappe und sein Marktschreier?«, provoziert Mef.
Kaer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. »Es wäre doch irgendwie seltsam, würde ein Mann wie Prytos sein Pferd selbst versorgen, findet Ihr nicht? Oder den Lohn für seine Heldentaten verhandeln wie ein gemeiner Söldner. Nichts für ungut«, fügt Kaer mit seinem stoischen Lächeln hinzu.
Aiby winkt ab. »Ihr seid also auch noch sein … Vermittler?«
»So ist es«, bestätigt Kaer und klingt dabei einigermaßen stolz, als sei dies seine eigene famose Heldentat.
Sein Beitrag zur Geschichte.
»Ich bleib bei Knappe«, sagt Mef.
»Wieso muss ein wortwörtlich von den Göttern geküsster Held überhaupt etwas für seine glorreichen Taten verlangen?«, fragt Narvila indes. »Müsste er nicht allerorten mit Reichtum und Anerkennung überschüttet werden? Wenn er denn wirklich der große Prytos ist, wie Ihr sagt.«
»Er ist es, und am Anfang war das auch lange so.« Kaer zuckt mit den Schultern, kratzt sich am Bart, blickt kurz zur Kutsche. »Aber Ihr wisst doch, wie die Menschen sind. Wie die Welt funktioniert. Die Leute vergessen irgendwann. Meist eher früher als später. Sogar ihre Helden. Schon zu Zeiten meines Vaters kamen immer weniger Einladungen von Königen und Königinnen, die sich mit Prytos an ihrer Tafel oder zumindest in ihrer Armee schmücken wollten. Außerdem ist Prytos ein Vollblutkrieger. Er weiß die angenehmen Seiten des Ruhms durchaus zu schätzen und zu genießen. Auch den hoheitlichen Luxus, zuweilen. Allerdings nur für eine gewisse Zeit. Irgendwann muss er einfach zurück aufs Schlachtfeld, wieder in die Welt und den Kampf ziehen, die nächste Herausforderung, das nächste Monster suchen. So ist er einfach.«
»Kommt mir bekannt vor«, murmelt Narvila, aber ihre Begleiterinnen ignorieren sie, wollen nicht mit Prytos in einen Topf gesteckt werden, obwohl sie die Rastlosigkeit und den Hunger nach Abenteuern teilen. Darum fragt sie Kaer: »Er ist es also wirklich? Der große Held aus dem Götterkrieg?«
»Wie er leibt und lebt. Er trägt das Siegel von Vejalcii auf der Brust. Ich bin mir sicher, er zeigt es Euch, wenn Ihr ihn danach fragt.« Der Vermittler strahlt sie an. »Und eines könnt Ihr mir glauben: Es ist wirklich eine Ehre und ein Privileg sondergleichen, mit diesem vollkommenen Helden unter den Menschen und Göttern zu reisen. Mit diesem Schrecken aller Dämonen und Bestien. Diesem Beispiel an Mut, Kraft, Furchtlosigkeit und Tugendhaf…«
Kaers hübsche kleine Rede, die er sicher nicht zum ersten Mal hält, wird davon unterbrochen, dass die im Schatten geparkte Kutsche von Prinzessin Tiarlak anfängt, leise quietschend hin und her zu schaukeln.
Ab und an dringt aus der Karosse trotz der geschlossenen Fenster zudem ein Grunzen oder ein halb erstickter spitzer Schrei hervor.
Das Schaukeln und die Laute werden immer heftiger.
Draußen sagt niemand mehr etwas. Auch Tiarlaks tuschelnde Zofen sind verstummt.
Die Pferde wackeln neugierig mit den Ohren.
Schließlich steigern sich Quietschen und Schreien zum großen Finale.
Hinterher hält kurz Stille die Lichtung umfangen.
»Unser Held weiß wirklich, wie man den hoheitlichen Luxus genießt«, kommentiert Mef dann trocken.
Als sich wenig später die Kutschentür öffnet, tritt Prytos mit nacktem, glänzendem Oberkörper nach draußen.
Narvila kann nicht anders und muss hinsehen.
Da ist in der Tat das Siegel auf seiner Brust. Es erinnert an eine Tätowierung, schimmert im Licht der Sonne jedoch wie Silber, was mit weltlichen Mitteln unmöglich zu fälschen sein dürfte und keine schweißtreibende Kutschennummer überleben würde.
»Er ist es wirklich«, flüstert Narvila fasziniert.
»Sag ich doch.« Kaer lächelt zufrieden. »Willkommen in der Welt der Helden und Legenden!«
»In der es wohl auch nur um das eine geht«, meint Decanra.
»Nun.« Kaer zuckt mit den Schultern und lächelt vielsagend. »Auch das gehört zum Heldendasein …«
Ohne weitere Zwischenfälle liefern sie Prinzessin Tiarlak bei den Priesterinnen des Klosters von Ouduurm ab.
»Ich danke euch für euren Einsatz«, sagt König Larnushkis Tochter hoheitsvoll, als die Prinzessinnen sich von ihr verabschieden. »Und für eure Diskretion«, fügt sie etwas leiser hinzu.
Aiby nickt. »Denkt bitte daran, Eurem Vater von unserem Verdacht zu schreiben, Hoheit. Dass jemand diesen Überfall geplant hat und allem Anschein nach Eure anstehende Hochzeit verhindern will.«
Doch Tiarlak ist schon vollauf damit beschäftigt, sich von Prytos galant die Hand küssen zu lassen und beim Augenkontakt mit der Heldenlegende übers Gesicht und am Halsausschnitt zu erröten.
»Ein nettes Ding«, sagt Prytos später, als er, Kaer und die Prinzessinnen vom Kloster fortreiten. »Sehr unkompliziert. Und sie weiß genau, was sie will.«
»Das wissen sie in dem Alter selten«, versetzt Mef.
»Das sagst du doch nur, weil du bei ihr abgeblitzt bist«, meint Decanra.
»Hattest du seit dem Obsthändler vor Monaten eigentlich mal wieder jemanden, oder klebst du nur an deinen Fingern?«
Aiby seufzt. »Jetzt geht das wieder los.«
»Wohin zieht es Euch nun?«, fragt Narvila Prytos, und ein Teil von ihr kann es nicht fassen, neben dem unsterblichen Helden aus dem Götterkrieg zu reiten, zwanglos mit ihm zu plaudern.
»Wohin die Götter, das Schicksal und der Wind mich führen. So läuft das mit Helden und Legenden.«
»So ist es«, stimmt Kaer diensteifrig zu.
»Das Schicksal ist unser Wegweiser«, sagt Prytos stolz.
Die Straße schlängelt sich seit dem Kloster durch Felder und Wiesen, keine einzige Abzweigung in Sicht.
Also setzen sie ihren Weg fürs Erste gemeinsam fort.
Prytos lässt sich nicht lumpen, genau genommen nicht einmal bitten, und unterhält die Prinzessinnen mit Geschichten über seine fantastischen Abenteuer.
»Habt Ihr schon mal von meinen dreizehn Prüfungen und Heldentaten gehört? Die ich bestehen musste, um die Götter der Vulkane zu besänftigen, damit sie die Welt nicht mit Feuer und Fluten peinigen? Natürlich habe ich jede Aufgabe gemeistert, die sie mir stellten. Selbst die mit der Seeschlangen-Königin Silissiea, deren Liebe ich gewinnen musste.« Der Held grinst selbstzufrieden. »Am Ende gewann ich sogar einiges mehr von ihr.«
Narvila betrachtet Prytos, der vorn zwischen ihr und Aiby reitet, unauffällig von der Seite. Sie versucht sich vorzustellen, wie sein Leben verlaufen ist, diese Aneinanderreihung großer Leistungen, Taten, Schlachten.
Zu ihrem Entsetzen bemerkt Prytos ihren Blick.
»Wollt Ihr nur verschämt gucken, oder seid Ihr bereit für mehr?« Die Andeutung eines Schmunzelns schwebt um Prytos’ Mundwinkel. »Ihr dürft meinen Speer ruhig mal in die Hand nehmen, wenn Ihr möchtet. Oder eher, die Hände. Eine wird nicht reichen. Kommt, ziert Euch nicht! Ihr giert ja förmlich danach, ihn mal zu spüren.«
»Was?«, meldet sich Mef empört von hinten.
»Eure kleine Lanze ist aber auch irgendwie niedlich«, sagt Prytos. »Wirklich gute Schmiedekunst, das seh ich sofort. Nicht so gut wie ein von der göttlichen Vejalcii gesegneter Speer, aber dennoch.«
Weil Narvila zu perplex ist, um etwas zu erwidern, und er eigentlich keine Antwort erwartet, gibt Prytos einfach die nächsten Geschichten zum Besten.
Er berichtet von seinem Duell mit Jacalwan, dem Fürsten der Frostbringer, in dessen Verlauf die beiden mehrere Eisberge gespalten und zwei Gletscher pulverisiert haben. Von seinem Ritt auf dem Rücken der Walfisch-Prinzessin Xölmagio, Herrin der Leviathane, um auf der Insel Mharlank einen Nekromanten von dessen Untaten abzuhalten. Von seiner Gefangenschaft im Harem der Dryaden-Prinzessin Elptisz, die zu deren Erschöpfung und langem Schlaf führte. Vom Krieg der Elfen gegen die Kobolde, für dessen Beendigung Prytos in die verborgenen Königreiche der so unterschiedlichen Spitzohren reiste und die größten Streiter beider Armeen besiegte. Und selbstverständlich von der Erdbeben, Feuerstürme und Waldbrände auslösenden Schlacht, die er sich mit dem Drachen Zebwasniata lieferte, dessen schuppige Haut Prytos und Kaer heute tragen.
Das sind schon einige beeindruckende Geschichten, um nicht zu sagen, echte Legenden, wie Narvila zugeben muss. Allerdings fällt ihr auf, dass Prytos’ größte Taten, von denen er auch ohne Kaers Hilfe packend Zeugnis geben kann, alle schon eine gewisse Zeit zurückliegen.
Decanra bemerkt das ebenfalls. »Was habt Ihr eigentlich zuletzt so für Heldentaten vollbracht?«, fragt sie unschuldig unter ihrer Kapuze hervor. »Mich würde brennend eine neuere Geschichte interessieren. Aus diesem Jahr vielleicht? Oder letztem? Diesem Jahrzehnt zumindest? Etwas, dem ich mich ganz nahe fühle, wisst Ihr?«
Decanras übertrieben süßes Getue lässt Narvila knöchern grinsen.
»In jüngerer Vergangenheit, wie?« Prytos kratzt sich am kantigen Heldenkinn und schindet für seine Antwort Zeit. Dann hellt sich sein Gesicht auf, und er lächelt siegesgewiss. »Nun. Erst heute Vormittag habe ich Euch vor einem riesigen Oger gerettet. Wahrscheinlich dem größten Oger, den je ein Mensch zu Gesicht bekommen hat.«
»So ist es«, unterstützt Kaer den Krieger sogleich enthusiastisch. »Dem größten Oger aller Zeiten! Erst heute Morgen! Welch famose Tat. Bald werden die Barden Lieder über deinen Kampf mit dem Obersten der Oger dichten. Über Prytos’ Duell mit dem König der Oger!«
Narvila zieht die Augenbrauen hoch.
»König der Oger am Arsch«, murmelt Decanra.
Aiby schnaubt kopfschüttelnd, Mef stöhnt genervt.
»Ihr habt uns nicht vor ihm gerettet, sondern ihn uns weggenommen«, stellt Cinn eisig klar und schließt zu den anderen vorn auf. »Das war unser Kampf. Ihr hättet Euch nicht einmischen dürfen.«
Prytos sieht sie überrascht an – und legt den Kopf in den Nacken, um schallend loszulachen.
Kaer hüstelt diplomatisch, streicht über seinen Bart und konzentriert sich auf die von Hufabdrücken, Schlaglöchern, Rissen und Fahrrinnen durchzogene Straße.
Cinn starrt Prytos mit ihrem Blick an, der die meisten Menschen ebenso hart trifft wie ihre Fäuste und Dolche.
Irgendwann dämmert Prytos, dass nur er lacht. »Oh, Ihr meint das ernst. Hm. Nun ja. Ich denke, es war besser, Euch diesen Kampf wegzunehmen, wie Ihr es ausdrückt. Nur um sicherzugehen, dass Ihr nicht verletzt werdet. Der König der Oger, schon vergessen?«
»Ihr schuldet uns eine Bestie«, beharrt Narvilas Gefährtin.
»Cinn«, mahnt Aiby.
Doch die Nordländerin hört nicht. »Einen großen Kampf gegen einen würdigen Gegner. Ein Monster … oder einen Menschen.«
Narvila traut ihren Ohren kaum.
Hat Cinn da gerade den Helden aus dem
