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Worst Case: Spieglein Spieglein
Worst Case: Spieglein Spieglein
Worst Case: Spieglein Spieglein
eBook609 Seiten7 Stunden

Worst Case: Spieglein Spieglein

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Über dieses E-Book

Was würdest du tun, wenn du nicht wüsstest, wer du bist? Wenn du dir einen fremden Namen geben müsstest, um dich selbst als Mensch zu sehen? So geht es einer jungen Frau, die keine Erinnerung an ihr vorheriges Leben hat und die sich nun Milena nennt. Verzweifelt muss sie in einem fremden Land ums Überleben kämpfen.
Zur gleichen Zeit erfährt Albert von Sterzenbach von einem schrecklichen Autounfall, in den sein enger Freund Sebastian verwickelt ist. Der Unfall fordert das Leben von Sebastians Ehefrau. Albert ist schockiert.
In der gefährlichen Welt, in der die dunklen Seiten der menschlichen Natur ihr Unwesen treiben, kreuzen sich die Wege von Albert und Milena. Ihre Träume von Vergewaltigung und ihr gequälter Körper lassen Albert vermuten, dass sie den Mädchenhändlern entkommen ist, von denen er in der Zeitung gelesen hat. Er entscheidet sich, Milena als seine fiktive Ehefrau mit nach Heidelberg zu nehmen, um selbst einer arrangierten Ehe zu entgehen. Immer stärker gerät er in ihren Bann und auch sie ist Albert mehr als zugetan.
Doch eines Tages verschwindet sie spurlos. Albert ist verzweifelt. Er versucht mit Sebastians Hilfe Milena zu finden. Doch dann verschwindet auch sein Freund.
Albert taucht ein in menschliche Abgründe des Bösen. Er erlebt eine Welt, in der nichts ist, wie es scheint.
Ein Roman, in dem die dunklen Seiten der menschlichen Natur sowie die Suche nach Identität und Liebe thematisiert werden.
SpracheDeutsch
HerausgeberTWENTYSIX
Erscheinungsdatum8. Dez. 2023
ISBN9783740742973
Worst Case: Spieglein Spieglein
Autor

Christine Morandin

Christine Morandin, geb. Freitag, wurde am 4. Oktober 1955, als eins von elf Kindern in Herdecke-Kirchende geboren, wo sie aufwuchs und zur Schule ging. Nach der Schule absolvierte sie eine Ausbildung zur Friseurin. Nach der Familienzeit schulte sie zur Bürokauffrau um, arbeitete in einer Kanzlei sowie in der Verwaltung der Wittener Musikschule. Seit 36 Jahren lebt Christine Morandin in Wengern, in jenem Ort, wo die bekannte Kochbuchautorin Henriette Davidis geboren und aufgewachsen ist. Mit zehn Jahren schon galoppierte die Fantasie durch ihren Kopf. Sie schrieb die Geschichten in ihre Schreibhefte und träumte von einem eigenen Buch. Ihre Geschichten durchzieht immer etwas Wahres, etwas Erfundenes, etwas Recherchiertes, etwas zum Lächeln. Sprüche und Zitate, Musik, die sie liebt, und natürlich Liebe, Leid, Eifersucht, Gefahr und Mord. Mit ihren Erzählungen möchte sie die Leser auf eine Reise schicken, die Freude, Spannung und gelegentlich ein herzhaftes Lachen herbeizaubert.

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    Buchvorschau

    Worst Case - Christine Morandin

    Warnung in den Wind geschlagen - Albert

    Zwei Monate genieße ich schon die Auszeit von meiner Dozentenstelle an der Fakultät für Mathematik in Bielefeld und ärgere mich jedes Mal über die Raser auf der Mitropoleos, wenn ich ins Stadtinnere von Athen fahre. Es erschreckt mich immer wieder, wie rücksichtslos und unverantwortlich manche Autofahrer ihren Fuß nicht vom Gaspedal bekommen. Sie rasen, als ob ihr Leben davon abhängt, rechtzeitig ans Ziel zu kommen. Heute habe ich mein Date mit Filomena Basdeki vom ›Luxury Godlike Escort‹ Service. Ich hoffe, dass die Straße frei ist, ich nicht noch einen Umweg fahren muss.

    Während ich meine zweite Tasse Kaffee trinke, höre ich im Radio die Nachricht, dass sich auf der Mitropoleos ein schrecklicher Autounfall ereignet hat. Ein Journalist, der live vor Ort ist, hat den involvierten Lkw-Fahrer Jorgos am Mikrofon.

    Jorgos ist aufgeregt, seine Stimme vibriert bei jedem Wort, das er von sich gibt. Er spricht so schnell, dass es mir schwerfällt, seiner wie in Trance gesprochenen Erzählung zu folgen.

    »Plötzlich war der da, wie aus dem Nichts, der Aston Martin. Ich hab keine Chance zum Ausweichen gehabt, konnte nur noch aus dem Führerhaus springen. Dann der Knall, oh, Mann, und ein Funkenregen, der mir für einige Sekunden die Augen verschlossen hat. Es hat sich verdammt noch mal angefühlt, als hätte jemand einen Feuerwerkskörper auf die beiden verkeilten Autos geschleudert. Doch ich hab schnell reagiert, unglaublich schnell. Bin zum brennenden Aston gestürmt und habe es gerade noch rechtzeitig geschafft, den Fahrer und die brennende Frau herauszuziehen. Scheiße, die Haut von dem verunglückten Mann hing fast schon wie verbrannte Papierfetzen an seinem Gesicht und er hat wie am Spieß geschrien. Markerschütternd, sage ich Ihnen. Er hat immer wieder einen Namen gebrüllt. Hab ich aber nicht verstanden. Die Frau ist in meinen Armen gestorben. Scheiße, ja. Dann habe ich den Mann weiter weg ins Gras gezogen, weil die Flammen vom Wind zu uns herübergeweht sind. Das war mir echt zu heiß. Erst dann habe ich die Feuerwehr angerufen. Wissen Sie«, echauffiert er sich, »normalerweise ist die Straße mit Touristen-Autos so zugestopft, dass noch nicht mal ein Blatt Papier zwischen sie passt. Die Touris sind einfach zu faul, zum Strand zu laufen. Aber nein, gerade heute sind scheinbar alle in ihren Hotels und halten Mittagsschlaf. So war ich auf mich allein gestellt. Ach, ehe ich es vergesse, ich habe vor zwei Stunden noch gesehen, wie eine Anhalterin in den Aston gestiegen ist. Ob die noch im brennenden Wagen war, konnte ich nicht mehr erkennen. Ich hätte sie nicht aus dem Flammenmeer retten können.«

    Während ich zuhöre, greife ich zum Handy und wähle Filomenas Nummer. Ich sage das Date für heute ab und verabrede mich stattdessen für den nächsten Tag. Ich denke, es wird eine Weile dauern, bis die Straße wieder frei ist, und ich habe keine Lust, im Stau zu stehen.

    Am nächsten Tag lese ich in der Zeitung vom Ausmaß des Unfalls. Es wird ausführlich über die Rettungsaktion des tapferen Lkw-Fahrers Jorgos berichtet. Weder im verkohlten Auto noch im Umfeld des Unfallorts hat man die Frau gefunden, die der Lkw-Fahrer meinte gesehen zu haben. Stattdessen entdeckten die Rettungskräfte einen diamantbesetzten Platinring in der Asche. Der Anblick des Fotos vom ausgebrannten Auto, das nur noch als Karosserieskelett im Löschschaum liegt, schockiert mich.

    Plötzlich schleicht sich ein Gedanke in meinen Kopf, dass der Fahrer des Aston durchaus mein Freund Sebastian gewesen sein kann. Allerdings verdränge ich diesen Gedanken schnell. Schließlich gibt es mit Sicherheit nicht nur einen Halter eines solchen Luxusschlittens in Athen.

    Tage später erhalte ich einen Anruf vom ›Elpi’s General Hospital of Athens‹ mit der Bitte vorbeizukommen, da ein Herr Sebastian von Stetten nach mir fragt. Ein Schauer läuft mir den Rücken hinunter. Der Chefarzt des Krankenhauses informiert mich, dass zunächst niemand wusste, wer der Mann des Unglücks auf der Mitropoleos war, da seine Papiere den Flammen zum Opfer gefallen waren. Er erzählt mir, dass Sebastian erst nach einigen Tagen das Bewusstsein wiedererlangte und seinen vollständigen Namen mitteilen konnte. Weitere Informationen erhalte ich vorerst nicht. Die Vorahnung, dass der Fahrer des verunfallten Aston Martin Sebastian sein könnte, hat sich auf düstere Weise bestätigt. Doch das überrascht mich nicht, da Basti ständig alkoholisiert Auto fährt und niemanden um Hilfe bittet, ihn mitzunehmen und zudem alle Warnungen in den Wind schlägt. Voller Sorge mache ich mich direkt nach dem Telefonat auf den Weg ins Krankenhaus, um Sebastian einerseits meine Hilfe anzubieten und andererseits mein Bedauern auszudrücken.

    Als ich sein Zimmer betrete, fahre ich vor Schreck zusammen. »Basti!«, flüstere ich und lege meine Hand vorsichtig auf seine verbundene. Ich bin nicht fähig, vernünftige Fragen zu stellen.

    »Albert! Gut, dass du hier bist. Meine …, meine Frau ist bei dem Unfall ums Leben gekommen.« Sebastian stöhnt. Seine Stimme zittert. Ich spüre, wie seine Hand versucht, meine zu drücken. Immer wieder fallen ihm die Augen zu. »Wir waren auf dem Weg zurück ins Hotel, da tauchte auf einmal der Transporter vor uns auf. Ich weiß nicht mehr, was dann passiert ist.« Er seufzt schwach. Ein Seufzen, das mir durch Mark und Bein geht, so erbärmlich hört es sich an. »Es ging alles so schnell. Ich bin erst hier in diesem Bett wieder aufgewacht. Eine Krankenschwester hat mir berichtet, dass meine Frau bereits vor Ort ihren Verletzungen erlegen ist. Wir haben unterwegs eine Anhalterin mitgenommen, die uns aber am Strand wieder verlassen hat.« Er schweigt, holt dann Luft. »Die Polizei hat mich wegen der gelöchert, aber …«, erneutes Stöhnen, »aber ich kann doch über die nichts sagen.« Stille. Ich warte. Doch es kommt nichts mehr von ihm. Sebastian hat die Augen geschlossen und schläft. Gut so, denke ich. Der Schlaf heilt viele Wunden.

    Am nächsten und übernächsten Tag bin ich weiterhin stiller Begleiter seines Schlafs, den er nur kurzzeitig unterbricht und mich abwesend anschaut. Gelegentlich betritt eine Schwester das Zimmer, überprüft seinen Verband, misst seinen Puls und schüttelt seine Kissen auf. Ich unterstütze sie, indem ich behutsam Sebastians Kopf anhebe.

    Täglich erscheint eine Vielzahl von Ärzten zur Visite. Auch sie sind der Ansicht, dass der Schlaf Sebastian dabei hilft, das Unglück zu verarbeiten, und seine Wunden schneller heilen lässt. Allerdings wird er nie wieder so aussehen wie vor dem Unfall. Der Chefarzt teilt mir außerdem mit, dass Sebastian, sobald er einigermaßen fit ist, eine Traumatherapie benötigen wird.

    Eine Woche später öffnet mein Freund die Augen und lächelt mich an. Ich bemerke, dass seine Genesung fortschreitet. Seine Stimme gewinnt zunehmend an Festigkeit. Er fragt nach dem Wetter oder macht Scherze über die jungen Krankenschwestern. Doch es kommt kein Wort über seine verstorbene Frau über die Lippen und ich entscheide mich vorerst, ihn in Ruhe zu lassen.

    Doch heute, am fünften Tag, frage ich: »Basti! Wie kann ich dir helfen? Hat schon jemand deine Schwiegereltern benachrichtigt? Wenn du mir sagst, wie ich die Eltern erreichen kann, kümmere ich mich darum.«

    »Nicht nötig, Albert. Ihre Eltern leben nicht mehr. Meine Frau war ein Waisenkind. Ich habe sie vor einem Jahr hier in Griechenland kennen und lieben gelernt. Sie war so ein wundervoller Mensch, und ich werde sie vermissen.«

    Diese Worte kommen so trocken und fließend über Sebastians Lippen, dass ich beim besten Willen keinerlei Trauer heraushören kann. Hinzu kommt, dass er seine Frau hat längst beerdigen lassen. Für mich fühlt sich das so an, als habe er sie heimlich entsorgt. Absurd. Ich sage mir, dass das der Schock ist, der alle Emotionen bei meinem Freund eingefroren hat. Lasse aber nicht locker.

    »Wie hieß deine Frau mit Vornamen? Und in welchem Hotel seid ihr abgestiegen? Ich kann deine Rechnung begleichen, damit du dich nicht sorgen musst, eine zu bekommen, die dich umhaut.«

    Ein langes Schweigen füllt das Krankenzimmer, während ich mich ernsthaft frage, ob Sebastian sich nicht an den Namen seiner Frau erinnert oder wo sie gemeinsam abgestiegen sind. Doch nach einigen erdrückenden Minuten räuspert er sich schließlich:

    »Kannst du bitte dafür sorgen, dass ich in ein anderes Krankenhaus verlegt werde? Ich möchte in die Schweiz geflogen werden. Ich möchte dort meine Brandverletzungen behandeln und eine chirurgische Korrektur vornehmen zu lassen. So, wie ich jetzt wahrscheinlich aussehe, werde ich es nicht ertragen können, mich im Spiegel anzusehen.«

    Meine Fragen bleiben unbeantwortet.

    Bis ich mich jedoch endlich mit einer Klinik für Schönheitschirurgie in Verbindung setze, vergehen abermals etliche Tage, in denen ich mich mit Sebastian und den Ärzten des jetzigen Krankenhauses berate, welche Klinik infrage kommt. Schließlich gibt es keine Einwände gegen einen Aufenthalt in der ›Luzerne Clinik‹ in Luzern, einer der besten Kliniken für plastische Chirurgie weltweit.

    Vierzehn Tage später verlässt Sebastian Griechenland, um sein vernarbtes Gesicht wiederherstellen zu lassen.

    Der gestohlene Name - Milena

    In der trostlosen Welt der Obdach- und Heimatlosen ist es schwer zu überleben.

    Zuweilen spiegle ich mich in Schaufenstern und sehe, welch kümmerlichen Anblick ich biete. Ich sehe aus wie eine streunende, fast verhungerte Katze mit stumpfem und auf erbärmlichste Weise mit Flöhen besetztem Fell, oder wie ein zerlumpter Mensch, ähnlich einer Vogelscheuche, die man aus Altkleidern zusammengebastelt hat. Ich bin ein Mensch, der keinen Zufluchtsort hat. Jemand, der sich in dunklen Gassen herumdrückt und der von quälender Angst vor den Menschenmassen, die laut und geschäftig durch die Straßen eilen, gemartert wird.

    Beim hilflosen Herumgrübeln fühlt sich mein Kopf wie eine Schnecke an, die nicht von der Stelle kommt. In meinen Ohren dröhnt es derart laut, dass mir schwindelt. Völlig verzweifelt irre ich schon seit mehreren Tagen, vielleicht sogar seit Wochen, hilflos durch eine fremde Stadt, deren Bewohner mir ablehnend und feindlich begegnen. Misstrauisch und böse scheinen sie mich zu beäugen. Zwischen uns ist ein tiefer Graben der Fremdheit. Ihre Sprache verstehe ich nicht.

    Warum weiß ich nicht mehr, wer ich bin? Wo ist mein Zuhause? Habe ich Freunde, die mir aus dieser Kalamität heraushelfen könnten? Es ist, als wäre ich durch einen brennenden Spiegel getreten, der meinen ganzen Lebensweg bis hierher abgefackelt hat. Hinter mir ist nichts als undurchsichtiger Qualm. Ich scheine ausgelöscht, niemals dagewesen, eine Fata Morgana. Meine Erinnerungen sind weg. Verzweifelt versuche ich mich umzudrehen, den zurückgelegten Weg mit allen Sinnen nochmals abzutasten – vergebens! In meinen Träumen sehe ich die Vergewaltigung eines Mädchens, dessen Gesicht sich nicht erkennen lässt, auch wenn ich mich noch so anstrenge. Ich spüre ihren Schmerz, als wäre er mein eigener. Meine Zukunft verbirgt sich in dichtem Nebel. Es ist niemand da, an den ich mich wenden kann. Ich bewege mich im Nirgendwo. Vor mir liegt ein Weg, der mir Kräfte abverlangt, die mir fehlen. Ich sehne mich so sehr nach Frieden. Wenn nur die Flucht vor der Angst endlich ein Ende fände! Die tägliche zermürbende und oft vergebliche Suche nach Nahrung verzehrt mich von innen her. Ich sehne mich nach dem Tod und wünsche, mein Herz würde stillstehen wie eine alte Wanduhr, die nicht mehr aufgezogen wird.

    Ich flüchte vor all den Perverslingen, die gut getarnt hinter der Fassade des Biedermanns überall anzutreffen sind. Man glaubt´s kaum, aber darunter befinden sich auch Intellektuelle, die ihr gut situiertes Leben nach Feierabend in einen Spind sperren und einem Rauschzustand entgegenlechzen. Abartige Kerle. Nachtaktiv und ständig auf der Pirsch. Mir graust vor diesen sabbernden Ratten, die ihre Gier nicht unter Kontrolle haben und die wie Kakerlaken über mich herfallen würden. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft mich ein Schmierlappen angemacht oder angegriffen hat. Es ist jedes Mal ekelerregend und abstoßend. Allein meiner Weitsicht verdanke ich, dass ich noch nicht vergewaltigt worden bin, denn mittlerweile erkenne ich diese Gestalten bereits von Weitem.

    Alles an mir ist unansehnlich. Meine nackten Beine sind mit blauen Flecken übersät, die Hände rissig und blutig, das Gesicht rot von der Sonne, und das weiße Kleid hängt in Fetzen an mir herab. Meine Füße sind wund, denn ich besitze keine Schuhe, die mich vor dem heißen Asphalt der Straßen und den spitzen Steinen der Wege schützen.

    Manchmal klettere ich nachts über Zäune in Gärten, um meinen Hunger mit Obst oder rohem Gemüse zu stillen, was gelegentlich zur Folge hat, dass mir speiübel wird, da ich meinem leeren Magen zu viel zumute.

    Auch heute taumle ich wieder von Hunger geschwächt seit Stunden durch die staubigen Straßen der Stadt. Schon wieder überrollt mich eine Welle des Schmerzes, die meine Eingeweide zu zerreißen scheint. Schwindel packt mich, lässt mich torkeln und wirft mich nieder.

    Zum hundertsten Mal krampft sich mein Magen zusammen, schiebt die Galle mit würgenden Geräuschen empor, lässt sie grün und bitter durch meine Kehle laufen, bis ich sie keuchend aus meinem Mund tropfen lasse.

    Um wieder zu Kräften zu kommen, müsste ich dringend eine Mülltonne finden, in der sich Essensreste befinden. Und wenn es sich nur um Obst oder Gemüse handeln sollte, das achtlos in den Tonnen landet, weil es im Überfluss vorhanden ist.

    Ob ich Vegetarierin bin? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mich die matschige, stinkende Pampe von Fleisch und Fisch, in die ich beim Wühlen in den Mülltonnen gelegentlich greife, entsetzlich anekelt.

    Für mich ist es keine Selbstverständlichkeit, wenn ich mal etwas zu essen und zu trinken geschenkt bekomme. Die Nächstenliebe, von der so viel gepredigt wird, scheint in dieser Stadt fremd. Ich trinke Wasser aus dreckigen Zisternen oder Springbrunnen, in denen Kinder planschen. Habe ich Pech und werde verjagt, dann muss ich mich mit dem Trinkwasser der öffentlichen Toiletten zufriedengeben. Dann trinke ich aus verkalkten Wasserhähnen. Ich ekle mich jedes Mal, weil es dort nach Urin und Fäkalien stinkt. Manchmal stehe ich kurz vor einem Zusammenbruch. So ein Tag ist heute. Für ein trockenes Brötchen und einen Tropfen Wasser könnte ich einen Mord begehen. Meine Sorge zu verhungern wäre damit mit einem Schlage vorbei. Im Gefängnis hätte ich ein geregeltes Leben, jeden Tag drei Mahlzeiten und eine Pritsche zum Schlafen. Noch schöner wäre es natürlich, mal wieder in einem weichen Bett schlafen zu können. Obwohl ich mich nicht erinnere, überhaupt jemals in einem gelegen zu haben.

    Zur Zeit ist Sommer. Mitte August. Aber wie soll es weitergehen, wenn der Winter kommt? Momentan schlafe ich in Vorgärten. Aber was soll ich machen, wenn es kalt wird? Bin ich gezwungen, in leer stehende Häuser einzubrechen? Ich besitze keine warme Kleidung. Wieder rollen mir Tränen übers Gesicht, die mir allzu deutlich machen, wie aussichtslos es ist, mich zu erinnern, woher ich komme oder wie ich heiße. Hier in dieser Stadt werde ich ›Alitis‹ gerufen. Hört sich an, als sei ich eine Geschlechtskrankheit oder ein Mittel gegen Schädlinge.

    Vor einer Woche sprach mich ein Herr an, der so redete wie ich. Und es war ein wirklicher Herr. Kein irgendwer. Mein liebes Lottchen! Ein vornehmer Mensch, der ausschaute wie ein Angehöriger der Aristokratie. Hübsch war er jedoch nicht. Sein hageres, von Falten geprägtes Gesicht erinnerte eher an windverformte Dünen. Ohne sich an meinem Erscheinungsbild zu stoßen, bat er mich an einen Tisch vor dem Restaurant Akropolis und schob mir einen Teller Suppe und ein Stück Fladenbrot zu.

    »Wie heißt du, Kleine?«, fragte er, während ich die köstliche Kürbiskernsuppe gierig in mich hineinlöffelte.

    »Alitis!«, antwortete ich brav und biss in das knusprig warme Brot.

    Er lachte dröhnend auf. Vor Schreck blieb mir ein Stück Brot im Rachen stecken. Ich konnte sein groteskes Lachen nicht einordnen und war mir nicht sicher, ob er sich über mich lustig machte oder über meinen Namen, den ich selbst absonderlich fand.

    Ruckartig stand er auf, klopfte mir auf den Rücken und reichte mir ein Glas Weißwein, das ich mit einem Schluck hinunterkippte. Durch die unerwartete Wärme des Alkohols war mir zumute, als hätte sich auf meiner Kehlkopfschleimhaut und den Stimmbändern urplötzlich Wundbrand ausgebreitet.

    »Du willst mir doch nicht weismachen, dass deine Eltern dir diesen Namen gegeben haben? Diese Deutschen sind verrückt. Weißt du überhaupt, was dieser Name bedeutet?« Er betrachtete mich in belustigtem Mitleid.

    Ich schüttelte den Kopf und krächzte, immer noch hustend, halb nach Luft schnappend: »Kakerlake?«

    Wieder lachte er.

    »Fast, Kind, fast. Es heißt Pennerin. Ich hoffe sehr, dass das nicht dein wirklicher Name ist, sonst solltest du deine Eltern verklagen. Was hältst du davon, wenn ich dich Mouni nenne?«

    Anfangs war Herr Pavlidis, mit Vornamen Costas, was ›der Standhafte‹ bedeutete, noch sehr nett zu mir, gab mir eine Pizza und ein weiteres Glas Wein aus. Der Wein verwandelte mich, wie ich fand, zum Besseren, doch von außen betrachtet mag das anders gewirkt haben. Der blöde Alkohol schien irgendwelche Schrauben in meinem Inneren gelockert zu haben. Mit vermutlich glasigem Ausdruck und mich dennoch beseelt fühlend, schaute ich durch Herrn Pavlidis hindurch, war meiner Sprache nicht mehr mächtig. In meinem Kopf schwirrten zig Engelchen, denen Gott wohlwollend zuzuschauen schien, während der Teufel sich die Hände rieb, als ›der Standhafte‹ sein standhaftes Gemächt mit brüstenden, aber auch grundverderbten und schandhaften Worten feilbot. Eine Gitarrensaite konnte nicht schneller reißen, als ich weg war.

    Absurd von mir zu denken, dass mich jemand frei von Hintergedanken so mochte, wie ich war. Ausschließlich darauf bedacht, mir Gutes zu tun?

    Am nächsten Tag stahl ich mir aus dem Korb vor einer Buchhandlung ein deutsch-griechisches Wörterbuch, büffelte die Sprache in jeder Minute und fand heraus, was der Name Mouni bedeutete: Muschi! Dieser Scheißkerl!

    So kann es nicht weitergehen, denke ich, als ich in der Erinnerung wieder mit dieser peinlich brenzligen Situation konfrontiert werde. Also beschließe ich, mir einen passenden Namen zuzulegen. Und wie heißt es so schön? ›Gelegenheit macht Diebe‹. Eine Gelegenheit die ich herbeisehne. Zwar kann ich mir nicht die Identität einer Person stehlen, aber deren Namen.

    Die Sonne brennt erbarmungslos. Selbst der Wind ist so heiß, dass die Touristen und Einheimischen nervös und aggressiv sind. Ich traue mich nicht in die öffentlichen Toiletten oder an den Brunnen, wo es von Menschen nur so wimmelt. Aber am Morgen hatte ich das Glück, dass mir ein Hirte, der auf dem Markt Fleisch feilbot, seinen mit Wasser gefüllten Ziegenlederschlauch reichte. Wenngleich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, bin ich dem Verdurstungstod fürs Erste von der Schippe gesprungen. Dennoch weiß ich, dass ich spätestens am Nachmittag wieder Nachschub brauche, um nicht auszutrocknen. Jetzt schon ist der Durst quälend, und es ist erst gegen Mittag.

    Obwohl mir bewusst ist, dass es der denkbar schlechteste Ort ist, an dem man um Wasser bitten kann, die arroganten Verkäuferinnen meckern und geifern, wenn ich vor den Läden herumlungere, betrete ich eines der exklusiven Modegeschäfte und bitte um Wasser. Die Verkäuferin müht sich soeben mit einer Matrone ab. Einer Frau um die sechzig, die gewiss einen Geldbeutel besitzt, der genauso prall ist wie ihr Busen. Nun muss ihr dabei geholfen werden, sich in ein viel zu enges Kleid hineinzuquetschen.

    »Bitte, hätten Sie einen Schluck Wasser für mich? Ich habe schon seit zwei Tagen nichts mehr getrunken«, sage ich zaghaft. »Ich werde überall verjagt. Bitte, nur einen Schluck!«

    »Sehen Sie zu, dass Sie das Weite suchen, sonst rufe ich die Polizei!«, keift die Verkäuferin los, tritt nach mir und stößt mich zur Tür hinaus. Torkelnd lande ich direkt vor den Füßen eines Pärchens, das im Begriff ist, den Laden zu betreten.

    Auf meinem Hintern sitzend blicke ich empor und bin augenblicklich von dem gutaussehenden Paar geflasht. In erster Linie von der Frau, einem Abbild der Kleopatra!

    Sekundenlang starre ich sie wie gebannt an, bevor ich mich emporrapple und mit wackeligen Beinen in eine Ecke neben der Tür hocke.

    Das ist Kleopatra, auferstanden von den Toten. Nur ihr atemberaubend schönes rotes Etuikleid, an dem sich der blanke Hintern wie ein abgerundeter kleiner Hügel auf einer steilen Straße wölbt, will nicht so ganz zu Kleopatra passen. Im Geiste packe ich mich in das Kleid und stelle mir vor, wie ich wohl darin aussehen würde. Diese aufregende Vorstellung zaubert ein kleines Lächeln in mein verhärmtes Gesicht. Darin würde ich mich wie eine Königin oder Prinzessin fühlen.

    Meine Augen wandern zu dem Mann und mir bleibt fast das Herz stehen. Nur noch der Rest eines abgerupften Gedankens tobt durch meinen Kopf und löscht sämtliche anderen Gedanken hinweg: ›Schreck lass nach!‹ Die Nähe zu diesem Mann löst seltsame Gefühle in mir aus. Seine Attraktivität hat eine überwältigende Wirkung auf mich, vergleichbar mit einer starken Dosis des Serums ›Wolke 7‹. Alles an ihm ist … so unbeschreiblich, ich finde keine Worte für diesen dunklen, geheimnisvollen Mann.

    Ich schätze ihn auf mindestens einen Meter neunzig. Sein weißes Hemd, das sich wie eine zweite Haut an seinen Körper schmiegt, offenbart jeden einzelnen Muskel und seine massig-muskulösen Oberschenkel lassen mich rätseln. Nicht zu fassen, wie ist dieser Adonis bloß in seine Jeans gekommen?

    Erneut wandern meine Augen zu seinem ausdrucksvollen Gesicht, an dem ich mich nicht sattsehen kann. Kantig konturiert, von der Sonne gebräunt, mit einem dunklen Dreitagebart und einer Narbe am Kinn.

    In gestresstem Gebaren fährt er sich mit der Hand durch sein kohlrabenschwarzes Haar, das zu einem gepflegten Herrenschnitt zurechtgestutzt ist. Seine dunklen Augen treffen sich mit den meinen. Ich fahre erschrocken zusammen und warte förmlich darauf, dass er sich angewidert abwendet. Aber in seinem Blick lese ich nichts Abschätziges, sondern nur Erstaunen. Dann zaubert er ein Lächeln auf sein Gesicht. Sekundenlang schaut er mich an, bis ich verlegen den Kopf senke und er sich wieder seiner Begleitung zuwendet.

    Ob er wohl Grieche ist? Doch als er den Mund auftut, um murmelnd etwas kundzutun, tönt es in meiner Sprache. Er scheint über irgendetwas erzürnt zu sein. Der Dialog, der sich zwischen ihm und seiner Begleitung entspinnt, irritiert mich zutiefst.

    »Filomena Milena«, sagt er, »hättest du die Freundlichkeit, mich bitte zu unterrichten, wie lange du gedenkst, mich durch diese Stadt zu treiben? Ich würde mich glücklich schätzen, wenn wir endlich zum Punkt kämen. Aber wenn die Dame keine Lust hat«, er hebt abweisend die Hände und sein Gesicht wirkt mit einem Mal spröde wie Glas, das jeden Moment zu zerspringen droht, um sich in tausend Scherben über den Boden zu ergießen, »schaue ich mich nach einer anderen Gespie…«.

    Noch ehe er das Wort zur Gänze ausgesprochen hat, lässt Kleopatra die Eingangstür zum Geschäft los, dreht sich um, und hält ihm den Mund zu.

    »Albert! Nicht so laut! Du gedenkst nicht im Ernst, hier auf der Straße Sex zu praktizieren? Hier vor all den Leuten? Ich bitte dich! Ich wusste gar nicht, dass du solche Neigungen hast.«

    Er lacht konsterniert auf.

    »Von welchen Neigungen sprichst du? Du bist doch nicht ganz bei Sinnen. Stell dir bitte mal die BILDSchlagzeile vor: Graf Albert von Sterzenbach treibt es in aller Öffentlichkeit! Na, das wäre wohl ein gefundenes Fressen für die Klatschpresse. Die würden sich wie die Schmeißfliegen auf die Story stürzen. Meine Eltern würden mich auf der Stelle unter die Guillotine legen, die mir den Kopf vom Rumpf trennt, sodass Blut spritzt. Anschließend enterben sie mich.«

    Es folgt eine lange Pause, in der der Graf seine Begleitung kritisch betrachtet, und als er schließlich fortfährt, sind jegliches Augenzwinkern und jeglicher Humor aus seiner Stimme entwichen.

    »Mit Verlaub, meine liebe Filomena, das wäre eine Katastrophe für meine Eltern, hauptsächlich für meine Mutter, wenn die Presse womöglich auch noch das Gerücht in die Welt setzt, dass du meine zukünftige Gemahlin bist.« Ein ironischer Stoßseufzer verlässt seinen Mund und darüber hinaus blitzen aus seinen Augen auf beißend und verletzende Weise Hohn und Spott. »Das fehlte mir gerade noch.«

    Meine Güte, noch versnobter geht es wohl nicht? Der Graf scheint Gefallen daran zu haben, die arme Frau mit Worten zu quälen. Er hat es definitiv darauf abgesehen, dass sich seine sarkastischen Ergüsse wie Pfeile tief in ihr Herz bohren. Wenn er ihr noch mehr seelische Wunden zufügt, wird diese Liebe auf Dauer wohl kaum überleben.

    Aber wahrscheinlich ist sie ihm längst völlig verfallen, überlege ich, denn er sieht trotz seiner Arroganz irre gut aus. Als auch mich sein Hohnlachen trifft, erschaudere ich kurz. Mir scheint, als erwarte er, dass ich seine snobistisch geprägten Worte gutheiße.

    »Super!«, sagt die verschmähte Gemahlin gallebitter. »Danke für deine klaren Worte. Ist dir schon mal in den Sinn gekommen, dass ich gar kein Interesse daran haben könnte, deine Zukünftige zu sein?«

    Ihr Gebaren jedoch spricht eine andere Sprache. Der erregte Atem, das genervte Augenverdrehen und der beleidigte Schmollmund deuten darauf hin, dass sie gar nicht abgeneigt wäre, die Seinige zu werden.

    »Nun gut! Jetzt ist mir der Spaß eh vergangen«, stößt sie beleidigt hervor, fügt aber im gleichen Atemzug an: »Gehen wir noch etwas essen? Ich verhungere. Danach können wir in deiner Suite verschwinden. Dort werde ich mich dann um deinen Hunger kümmern und dafür sorgen, dass deine Investition an Zeit und Geld nicht vergebens war, okay?«

    Trotz der Disharmonie treffen sich die Lippen der beiden jetzt zu einem nicht enden wollenden Kuss. Währenddessen aber schaut der Graf aus einem Augenwinkel heraus auf mich und beobachtet meine aufgerissenen Augen und meinen offen stehenden Mund, der sich einfach nicht mehr zuklappen lässt. Meine Art, in voyeuristischer Weise auf diesen heißen Kuss zu reagieren.

    Wow, ich bin bis zum Rand mit Begeisterung befüllt. Als er mir belustigt zuzwinkert, stürmen derart aufregende Gefühle auf mich ein, dass mein Herz zu zerspringen droht.

    Nein, auf keinen Fall soll er mir anmerken, was diese gebotene Szene in mir ausgelöst hat. Ich bin verwirrt und hingerissen. Ich kneife die Augen zu, als wolle ich mich vor seinen spöttischen Blicken ducken. Als ich die Lider wieder öffne, sind die beiden verschwunden. Sie haben sich wie eine Fata Morgana in ein Nichts aufgelöst. Nur der vom Wind herbeigewehte Duft seines Rasierwassers, leicht herb, gemischt mit dem Geruch frisch gewaschener Wäsche und dem ihres schweren Parfüms zeigt mir, dass ich mir das Ganze nicht eingebildet habe. Verhallende Worte, die nicht mehr zu verstehen sind, entfernen sich immer weiter.

    So verfliegt die Anziehungskraft, die meine Vernunft kurz gänzlich außer Kraft gesetzt hat. Schade! Was bleibt, wird ein Traum sein, in dem er mich in den Armen hält. Ein Traum, der jedoch bald an meinen Verstand schrammt, mir die Realität vor Augen hält und auszurufen scheint, dass ich verrückt und nicht ganz bei Trost bin. So wie ich aussehe, würde der Herr Graf mir nicht einmal den kleinen Finger reichen. Sonst hätte er mir doch wohl aufgeholfen, als ich so hilflos vor seinen Füßen lag?

    Aber wahrscheinlich würde eher ein schmutziger Spüllappen in den Genuss kommen, von ihm angehoben zu werden.

    Reiß dich zusammen!, mahnt mein Verstand, ohne dass mich diese Ermahnung wirklich erreicht.

    Wichtig ist jetzt, dass ich einen Namen habe. Ab heute heiße ich Milena - so wie diese Frau. Schade nur, dass ich nicht so aussehe wie sie. Unwirsch wische ich diese Träumerei beiseite. Ich sollte mir lieber Gedanken machen, wo ich endlich etwas zu trinken und auch zu essen finde. Ich hab inzwischen riesigen Hunger. Mein Magen fleht um Nahrung und meine Zunge klebt vor lauter Durst am Gaumen fest. Ich klaube mich und das Wenige, das von mir übrig geblieben ist, zusammen und mache mich auf den Weg, um etwas Essbares zu finden, damit ich den Tag überlebe.

    Meine Hoffnung, fündig zu werden, schwindet von Stunde zu Stunde. Da heut eine Temperatur von über vierzig Grad erwartet wird, wurden die Mülltonnen am Morgen schon sehr früh geleert, da sie ansonsten unerträglich stinken würden. Eine kleine Hoffnung habe ich noch. Das Hotel Astir auf der anderen Straßenseite. Dort bekomme ich manchmal vom Küchenpersonal etwas zu essen. Reste von Gästen, die ihren Teller nicht leeren. Wie so oft zögere ich auch heute hinzugehen. Wegen Fernando, dem Wagenmeister. Er ist Portier des Hotels, steht am Hoteleingang und kümmert sich um die Gäste. Für die Koordinierung der ankommenden Fahrzeuge auf dem Parkplatz setzt er jedoch weniger wichtige Mitarbeiter ein, die seiner Meinung nach keine bedeutenden Funktionen haben.

    In schweren emotionalen Schwankungen gefangen, was der Angst vor Fernando geschuldet ist, ringe ich mit mir. Mache mich aber auf den Weg. Mein Magen gibt mir durch lautes Knurren unmissverständlich zu verstehen, dass er keinen Aufschub mehr duldet.

    Viel zu oft hat mich Fernando wie einen räudigen Hund mit Steinen beworfen, vom Hotelgelände gejagt und mehrmals mit der Polizei gedroht.

    Hupende Autos brüllen mich an und rasen an mir vorbei wie wütende Ungeheuer, als ich die Straße überquere, während sich in meinem Kopf alles dreht, meine Beine vor Schwäche zittern und sich die Hände zerschunden und taub anfühlen.

    Ich darf jetzt nicht schlappmachen. Nur noch ein paar Meter, dann habe ich es geschafft. Zwanzig Schritte noch. Halte durch, Milena!

    Endlich. Ich habe es geschafft, stehe vor dem Astir und schaue mich ängstlich nach dem Wagenmeister um. Er macht sich stets laut brüllend bemerkbar, und die Begegnung endet sehr oft damit, dass ich entweder eine weitere Beule am Kopf oder einen blauen Fleck auf meinem Rücken habe. Der knurrende und schmerzende Magen bleibt.

    Während ich noch von der Angst vor Fernando gestresst werde, vermeine ich, aus dem Augenwinkel heraus etwas Rotes auf mich zukommen zu sehen, das ich nur verschleiert wahrnehme. Begleitet wird dieses ›Etwas‹ von lauter Musik, die eine Erinnerung in mir auslöst. Musik von John Campbelljohn, ›Good To Go‹, und während ich in meinem Kopf nach weiteren Erinnerungen suche, fühle ich einen Schlag gegen meine rechte Seite.

    Ein scharfer Schmerz durchzuckt meinen Körper. Ich schreie und stürze. Der Wind bepustet mich mit seinem heißen Atem. Er scheint einen Engel herbeigeweht zu haben, der mich in seine großen Flügel hüllt und in eine erlösende Dunkelheit trägt. Alles wird so leicht und still, Hunger und Schmerz schwinden.

    Abschaum - Albert

    Ich bin soeben im Begriff, meinen Porsche vor dem Astir Palace zu parken, als eine wankende Gestalt wie aus dem Nichts auftaucht und vor meinen Wagen läuft. Geschockt trete ich auf die Bremse. Jedoch zu spät.

    Ein lauter Knall, und die 1075 Kilogramm meines Porsches 911 prallen gegen ein Leichtgewicht.

    »Verflucht!« Diesmal heult nicht der Motor auf, sondern ich. Außer mir vor Wut schlage ich mit den Fäusten auf das Lenkrad, reiße die Wagentür auf und stürme ins Freie, um nachzuschauen, wer mir vors Auto gelaufen ist. Verdammt noch mal. Ich bin nicht zu schnell gefahren!

    Plötzlich kommt der Wagenmeister angerannt. Muss das sein?

    Ich kenne Fernando, seit ich mit meinen Eltern, einem Cousin und dem Großneffen meiner Mutter hier die Ferien verbracht habe. Ein Schleimer durch und durch. Ich kann diesen widerwärtigen Kerl seit meiner frühesten Kindheit nicht leiden.

    »Herr Graf hier, Herr Graf da, wie belieben Herr Graf. Ach, möchten Herr Graf, dass ich seine Bonbontüte aufreiße?« Mein Gott, so spricht man nicht mit einem Kind.

    Vor meinem Auto liegt eine gekrümmte Gestalt. Doch Fernando hat nur einen Blick für meinen Kotflügel. Augenblicklich ranzt er los:

    »Eine Beule, Herr Graf! Dieser Abschaum hat ihren Kotflügel beschädigt!« Anklagend hebt er die Hände. »Verflucht! Du schon wieder?«, blökt er dann die darniederliegende Gestalt vor meinem Wagen an. »Habe ich dir nicht gesagt, dass du hier nichts zu suchen hast?« Er ballt die Fäuste, als wolle er jeden Moment zuschlagen.

    Nach dem unschönen Gegeifer wendet er sich wieder mir zu. Von einer Widerwärtigkeit in ihrer reinsten Form wandelt sich der Ausdruck auf seinem Gesicht in eine nicht minder widerwärtige Devotesse.

    »Verzeihung, Herr Graf. Ich habe diesen Abschaum der Gesellschaft zu spät gesehen, sonst hätte ich den Schaden an Ihrem Wagen noch abwenden können. Sie trifft auf keinen Fall eine Schuld. Soll ich die Polizei rufen lassen?«

    Vom abscheulichen Keifer hat er sich in einen Diener zurückverwandelt und neigt sich mir in einem servilen Verbeugungsansatz, die eine Hand auf den Rücken gelegt, leicht entgegen. Widerlicher Kerl.

    »Wenn Sie wollen, jage ich diese Pennerin sofort vom Platz. Die Drohung mit der Polizei wird reichen, diese schmierige Kröte zu vertreiben. Die ist schneller weg, als wir gucken können.«

    »Wer ist sie?«, frage ich, meinen Blick auf die gekrümmte Person gerichtet, die langsam ihr Bewusstsein zurückerlangt. »Kennen Sie das Mädchen?«

    »Keine Ahnung wer sie ist«, Fernando wirft ihr einen abfälligen Blick zu. »Aber sie taucht alle paar Tage hier auf.«

    Ich lehne mich an meinen Wagen und beobachte, wie er sich vorbeugt und das arme Geschöpf rücksichtslos am Arm packt. Gellend vor Schmerz heult die geschundene Kreatur auf. Fernando zeigt weder Ohr noch Herz für das Wehgeschrei, brutal versucht er, das Mädchen auf die Beine zu stellen.

    Schockiert über diese Rabiatesse und Rohheit möchte ich dem Kretin auf der Stelle eine runterhauen, reiße mich jedoch zusammen und stoße ihn stattdessen grob zur Seite, sodass er zurückstolpert und sich gerade noch an dem Aushängeschild des Hotels auffangen kann.

    Ohne Fernando weiter zu beachten, trete ich einen Schritt nach vorn und richte mein Augenmerk auf das zusammengekauerte Mädchen. Mein Gott! Der jämmerliche Anblick lässt meine Wut auf den Wagenmeister aufflackern und lodern. Das ist doch die Kleine aus der Boutique. Ich erinnere mich aus jenem Grund so genau, weil ich mich ihrer Aufmerksamkeit nicht entziehen konnte. Irgendwie glomm ein Feuer in ihr. Die unverhohlen lüsternen Blicke, die mein Erscheinungsbild bei einigen Frauen auslöst, sind mir nur allzu vertraut. Aber im Blick dieser Kleinen, in ihrem schmutzigen Kleidchen und mit dem verfilzten Wust auf dem Kopf, lag nichts Lüsternes. Sie hat mich angeschaut, als sei ich Gott. Augenblicklich fühlte ich mich beschämt, sie mit derart unverhohlener Neugier angestarrt und gleichzeitig den eitlen Pfau hervorgekehrt zu haben. Ein Pfau, der sein Gefieder ausbreiten muss, um seine Dominanz hervorzukehren. Ferner habe ich mich benommen wie ein Neandertaler aus Zeiten, bevor das Benehmen erfunden war, und ihr nicht einmal auf die Beine geholfen. Das ist gar nicht meine Art, im Gegenteil: Vom Schicksal getretene Menschen stehen in meiner Gunst ganz oben. Es ist kein Mitleid, das ich für sie empfinde, nein, es ist Bewunderung. Wie tapfer sie ihr jämmerliches Dasein ertragen.

    Zu Hause in Deutschland habe ich eine Initiative mit dem Namen ›Wir nehmen dein Leid wahr‹ ins Leben gerufen. Hunderte von Heidelbergern sammeln täglich Lebensmittel, Kleidung und Geld, die in speziell eingerichteten Häusern verteilt werden. Wir haben Menschen von der Straße geholt, ihnen mit der Hilfe von Spenden Wohnungen eingerichtet und Arbeit verschafft. Kurz und gut, ihr Leben wieder lebenswert gemacht. Die Ärzte und Psychologen der Stadt haben ihre Zeit zur Verfügung gestellt, diesen armen Menschen neuen Lebensmut zu geben, ihnen die Ängste zu nehmen und sie aus dem Teufelskreis zu befreien, in dem sie sich verfangen haben. Ich will mich hier nicht zum Heiligen machen, der mit einem Glorienschein durch die Weltgeschichte läuft, denn ich habe auch eine dunkle Seite, die mich vor der Scheinheiligkeit der Menschen und der himmelhochjauchzenden Liebe schützt.

    Ob ich Neid für all diejenigen empfinde, die lieben können? Ich weiß es nicht. Was die Liebe betrifft: Für mich zählt in erster Linie der Genuss, den sie mir bereitet. Es ist mir unmöglich, Emotionen, zärtliche Gefühle, wahre Liebe zuzulassen. Gefühle dieser Art, so sie mir entgegengebracht werden, übergieße ich mit Hohn und Spott und ertränke sie in Zynismus und denke an ein Zitat von Shakespeare. ›Der Kummer, der nicht spricht, nagt leis am Herzen, bis es bricht‹.

    Mein Herz ist schon in meiner Kindheit gebrochen. Liebe? Was ist verdammt noch mal Liebe? Die Liebe einer Mutter? Ganz bestimmt nicht. Gefühlsduseleien jedweder Art widern mich an. Ich vermisse nichts in meinem jetzigen Leben und habe längst aufgehört, mich zu fragen, warum ich keine Liebe brauche oder will. Vielleicht brauche ich sie nicht, weil ich keine Mutterliebe bekommen habe. Doch all diese Gedankenergüsse erfüllen mich mit Unwirsche. Lieber kehre ich ins Hier und Jetzt zurück.

    Ich stelle fest, dass die Kleine fast noch ein Kind ist, sechzehn Jahre vielleicht? Irgendwie erinnert sie mich an die wilden Katzen, die durch die Straßen Athens laufen und deren Fell wie ein zu heiß gewaschener Pullover aussieht. Manche von ihnen erinnern an verendende Ratten, die in ein Stromkabel gebissen haben.

    Die weizenblonden Haare der Kleinen sind ohne Glanz und zottelig. Ihr Gesicht ist nicht zu erkennen, da ihre wilden Locken den größten Teil verdecken. Blaue Flecken und verkrustete Wunden schreien mich an: »Ja, schau nur her!« Es ist kein Gramm Fett an ihr. Sie ist so dünn wie ein Spaghetto. Und wo sind ihre Schuhe? Die Füße sind so schwarz wie Kohlenstaub. Wunden und Blutkrusten weisen darauf hin, dass sie sich bereits seit ewigen Zeiten barfuß durchs Leben müht. Die Kette an ihrem Hals kann nicht viel wert sein. Der daran baumelnde Kupferpfennig soll wohl Glück bringen. Doch wo ist ihr Glück geblieben?

    Ich bücke mich, streiche ihr das Haar aus dem Gesicht und schaue in zwei große blaue Augen, die mit Tränen gefüllt sind. Mich überkommt ein seltsames Gefühl, das Gefühl, in diesen Tränen zu versinken. Der Tränenspiegel in ihren Augen steigt. Dicke Tropfen kullern über ihren Wangen und zeichnen helle Rinnen auf der schmutzigen Haut. Der Anblick trifft mich mitten ins Herz. Heilige Mutter Gottes! Der Schmerz in den Augen mit den turmalinschwarzen Pupillen ist unerträglich.

    Mein Blick wandert abwärts. Ich betrachte ihre zwar spröden, dennoch verdammt sinnlichen Lippen. Lippen, die zum Küssen einladen und eine eigentümlich flatternde Emotion in mir hervorrufen. Verwirrt fahre ich mir mit der Hand durchs Gesicht, als wolle ich einen Fluch von mir abwischen.

    »Tut … tut mir leid, ich habe dich nicht gesehen. Wie geht es dir?« Was für eine dumme Frage! Wie soll es ihr schon gehen? Neben dem Schock wird sie Schmerzen haben. »Hast du dich verletzt? Kann ich dir helfen?«, stammle ich wie ein Idiot. »Wie heißt du?«

    »Milena?«, sie stockt und zuckt hilflos die Schultern. »Valentina?« Fragend schaut sie mich an, so, als wüsste ich ihren Namen.

    Verdammt! Hat sie ihr Gedächtnis bei dem Aufprall verloren? Auf den ersten Blick scheint ihr Kopf in Ordnung. Weder sieht man eine Platzwunde noch Blut. Dennoch beschließe ich, dass ein Arzt her muss.

    Ich hebe diese zarte Person vorsichtig empor und trage sie in Richtung Hoteleingang. Sie ist leicht wie ein Skelett. Nur ein Provisorium ihres Selbst. Ein nach Abfall und Moder stinkendes Knochengerüst, so doch mit dem hinreißendsten Gesicht, das ich je gesehen habe. Aber ein Wesen, dem ich keinerlei erotische Begehrlichkeiten entgegenbringen möchte.

    Während ich auf den Eingang des Hotels zuschreite, rennt Fernando schnellen Schrittes herbei, um mich davon abzuhalten, hineinzugehen. Er versucht tatsächlich, mir die Kleine aus den Armen zu reißen.

    »Nein! Nicht, Herr von Sterzenbach, begehen Sie keine Dummheit. Sie dürfen dieses … dieses Ding nicht mit ins Hotel nehmen. Sie ist Schmutz der Straße und mit

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