Das Magische und Heilige des Waldes: Über die spirituellen Aspekte des Waldes
Von Wolf E. Matzker
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Über dieses E-Book
Der naturbelassene, wilde Wald ist eine Gegenwelt zur alles dominierenden Zivilisation.
Der Autor untersucht die Frage, wie man heute eine neue und freie Spiritualität der Natur leben kann.
Das Buch enthält 30 ganzseitige Farbseiten und viele weitere ästhetische Illustrationen.
Wolf E. Matzker
Wolf E. Matzker, geb. 1951, zivilisationskritischer Autor und naturverbundener Künstler (spirituelle Wildlife-Art), erforscht und lebt eine freie, kreative Spiritualität. Die Entfaltung der menschlichen Seele und Sensibilität, die Wertschätzung und Achtung der wilden Natur sind ihm ein zentrales Anliegen. Heute geht es mehr denn je um die Bewahrung alten Wissens und naturverbundener Lebensweisen.
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Buchvorschau
Das Magische und Heilige des Waldes - Wolf E. Matzker
Inhaltsverzeichnis:
Das Romantische, das Heilige und das Magische
Mein Traum vom Wald
Die Farbe Grün
Der heilige Raum der Göttin
Ferne Wälder
Der Wald in der Nähe
Der Wald in Gemälden
Wälder der Kindheit
Wälder der Heide
Wälder am Meer
Urwald Sababurg
Wälder in den Alpen
Wälder im Harz
Waldeinsamkeit
Walderfahrungen
Runen und Wald
Waldschmerz
Rieseneichen
Das Urwüchsige
Elfenkammweg
Rituale im Wald
1. Das Romantische, das Heilige und das Magische
Der Ausruf „oh schöner, grüner Wald" findet sich in einem Gedicht von Eichendorff. Der Satz drückt eine sehr tief empfundene Bewunderung und Wertschätzung des Waldes aus, die für Eichendorff und die Zeit der Romantik typisch ist. Der Wald ist ein sakraler Raum, der echte und wahre Werte vermittelt, die zeitlos, die ewig sind.
Joseph von Eichendorff
Abschied
O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächt´ger Aufenthalt!
Da draußen, stets betrogen,
Saust die geschäft´ge Welt,
Schlag noch einmal die Bogen
Um mich, du grünes Zelt!
Wenn es beginnt zu tagen,
Die Erde dampft und blinkt,
Die Vögel lustig schlagen,
Daß dir dein Herz erklingt:
Da mag vergehn, verwehen
Das trübe Erdenleid,
Da sollst du auferstehen
In junger Herrlichkeit!
Da steht im Wald geschrieben
Ein stilles, ernstes Wort
Von rechtem Tun und Lieben,
Und was des Menschen Hort.
Ich habe treu gelesen
Die Worte, schlicht und wahr,
Und durch mein ganzes Wesen
Ward´s unaussprechlich klar.
Bald werd ich dich verlassen,
Fremd in der Fremde gehn,
Auf buntbewegten Gassen
Des Lebens Schauspiel sehn;
Und mitten in dem Leben
Wird deines Ernsts Gewalt
Mich Einsamen erheben,
So wird mein Herz nicht alt.
Man sollte niemals ein Gedicht einmal schnell durchlesen, sondern ein zweites Mal, ein drittes Mal. Und man sollte bei einzelnen Zeilen verweilen, sie wirken lassen, ihnen nachsinnen, um sie in ihrer Tiefe zu erfassen. Man sollte auch die Entwicklung innerhalb eines Gedichts beachten.
Langsamkeit ist angesagt, Entschleunigung und Verweilen. Nur so erfasst man dieses Gedicht. Nur so erfasst man auch den Wald.
Natur war für Eichendorff und andere Romantiker nicht nur Umwelt draußen, sondern eben ein sakraler Raum, wo man den Kontakt und die Verbundenheit mit dem Göttlichen suchte und erfahren wollte. Sein bzw. ihr romantisches Verhältnis zum Wald war von Verehrung geprägt. (Vgl. dazu mein Buch Naturverehrung, in welchem ich Gedichte interpretiert habe.)
*
Was ist das eigentlich, das Heilige des Waldes? Das Magische?
Man könnte sagen, dass man es selbst spüren und erfahren muss. Das ist sicher richtig, aber es ist natürlich keine genaue Erklärung. Wir möchten als Menschen immer Erklärungen haben, selbst dann, wenn wir wissen, dass man es eigentlich gar nicht erklären kann.
Heilig ist etwas, wenn es in uns, in unserem Herzen, in unserem Geist und in unserer Seele höhere Vorstellungen erweckt. Wir können einfache Adjektive wie wunderbar, großartig, herrlich, zauberhaft, magisch und schön verwenden. Etwas berührt uns tief im Inneren. Vielleicht denken wir an einen Gott, eine Göttin oder allgemein an das Göttliche, aber das müssen wir nicht, denn Gemüt und Seele sind wichtiger und tiefer als unsere Gedanken.
Es ist größer und gewaltiger als wir selbst es sind. Wir hingegen sind klein, wir wollen nur ein Teil von dem Größeren und Universellem sein. Mehr nicht. Wir wollen nicht beherrschen, wir wollen nichts besitzen. Es genügt, dass wir da sind. Im Wald. Es reicht uns völlig in einem großen, schönen und alten Wald zu sein!
Wir nennen es „heilig", wenn wir es verehren können und wollen, weil es so wunderschön und großartig ist. Wir müssen uns das nicht vornehmen, es ergibt sich von selbst, wenn wir ein offenes Herz haben.
Man hat nach meinen Erfahrungen eine gewisse Scheu, wenn man sich dem Heiligen nähert. Automatisch ist man vorsichtig, behutsam und bittet die Naturgeister um Erlaubnis, den Ort betreten zu dürfen.
Von Magie würde ich sprechen wollen, wenn wir besondere Urkräfte der schöpferischen Erde spüren, die sich in einem besonderen Baum oder Waldstück ausdrücken. Die Magie will sich nicht von der Erde entfernen, wie man es oft beim Heiligen finden kann, sondern sie will sich der Erde tiefer und intensiver annähern, sich ihr widmen und sogar hingeben.
Wie alles, so sind auch das Magische und das Heilige der Vergänglichkeit unterworfen. Im endlosen schöpferischen Prozess der Natur kann es immer wieder neu und anders entstehen.
2. Mein Traum vom Wald
Bevor ich vom Meer und von den Bergen wusste, habe ich vom Wald geträumt. Bereits als kleines Kind, also mit drei, vier Jahren, war ich gerne im Wald. Bereits als kleines Kind hätte ich gerne im Wald gewohnt. In einem Forsthaus! Unser Wohnhaus, in dem meine Eltern und ich eine Wohnung im ersten Stockwerk (mehr gab es nicht) hatten, war für mich nicht sonderlich interessant. Auch nicht der Sandkasten oder der Garten, an den ich mich nicht erinnern kann. Vermutlich bot er nichts. An andere Gärten kann ich mich nämlich sehr wohl erinnern.
Aber der Wald war aufregend! Dort gab es große, mächtige Baumwesen. Dort gab es eine Welt voller Geheimnisse. Aber ich wollte sie nicht lösen, eher wollte ich sie erleben, in sie eintauchen und in ihnen verschwinden. Das war eine kindliche Form von Mystik. Ein Kind hat dafür keinen Namen, keine klugen Begriffe. Später hat man dann vielleicht Begriffe, aber kein Erlebnis mehr, jedenfalls keines, das die Seele ganz und gar erfüllt. Dafür wurde man zu oft verletzt und verwundet, gehasst und abgewiesen. Jeder kennt das.
Am Ende ist das „innere Kind tot. Oder es hat sich nur zurückgezogen und versteckt. Wenn es tot ist, dann ist man vielleicht schon eine tote Seele. Wenn das „innere Kind
noch da sein sollte, dann ist nicht alles verloren. Man kann in den Wald gehen und es rufen und suchen.
Psychologen haben viele Bücher über das „innere Kind" geschrieben. Man schreibt oft Bücher über das Verlorene. Der Wald der Kindheit ist ein verlorenes Paradies. Aber es ist nicht für immer verloren. Es gibt noch Wälder, es gibt auch noch wilde und geheimnisvolle Wälder, zumindest Waldregionen.
Der Traum vom Wald ist nicht etwa irreal, sondern er bezieht sich auf konkrete Wälder. Man muss nicht auf kluge Leute hören, die immer gerne alles als „irreal" abtun, weil sie in einer toten Welt von Aufgaben, Akten, Strukturen, Organisationen etc. leben. Sollen sie doch, wenn sie nichts Besseres kennen und haben.
Der Wald ist eine lebendige Zauberwelt. Ein sensibles Kind merkt das sofort und fühlt deshalb dort zuhause. Es kennt keine Angst. Weder vor Schlangen noch vor Wölfen, schon gar nicht vor Räubern. Unbewusst erinnert es sich an Jahrtausende, als es im Wald lebte und nur den Wald kannte. Wenn es zum allerersten Mal im Wald ist, dann wird etwas im Bewusstsein angeschaltet – und bei manchen wird es niemals wieder ausgeschaltet. Keine Prügel, keine Diffamierung, kein kluges Gerede und kein Zynismus können das bewirken.
„Ich bin ein Teil des Waldes, hat Wolf-Dieter Storl eines seiner Bücher betitelt. Das kann ich auch sagen. Man sagt dann als Kind nicht „Ich bin Hans
oder „Ich bin Dieter, nein, man sagt „Ich bin ein Teil des Waldes
. Man muss das natürlich nicht laut sagen. Die Eltern nennen einen beim Namen, den sie für gut gehalten haben, aber man selbst weiß, dass man ein ganz anderer ist. Man kommt aus dem Wald, und dahin will man zurück.
Ein Psychologe würde jetzt vielleicht von einem „Identitätsproblem" sprechen. Wer aus dem Wald kommt, hat eine andere Identität, die man nicht mit den menschlich-sozialen Kategorien erfassen kann, weil der Wald eine andere Dimension ist. Wer eine Waldseele hat, kann nicht Hans oder Dieter heißen, wobei die beiden Vornamen nur zwei von vielen dummen Vornamen sind.
Der Traum vom Wald ist ein Traum vom grünen Paradies. Die Tatsache, dass sich das politisch nicht durchsetzen lässt und von den Geldmenschen grundsätzlich abgelehnt wird, weil sie nur an ihre Profite denken können und wollen, spricht nicht gegen den Traum. Ein Traum ist eine andere Form des Lebens. Man darf es nicht als irreales Konzept eines Phantasten abtun, weil es ja sehr wohl Realität sein kann, werden kann. Der Traum vom Wald ist eine andere Lebensphilosophie, nach der man den Wald vor allem in Ruhe lässt. Man lässt die Bäume und Pflanzen einfach wachsen. Da muss man gar nichts tun.
Die Liebe zu der Schönheit des Waldes ist der richtige Geist, von dem man erfüllt sein muss.
Wenn man ihn hat, dann ist es gut. Wenn man ihn nicht hat, dann gibt es pädagogische Programme. Joseph Cornell ist ein amerikanischer Erlebnispädagoge, mit dem ich mich schon vor vielen Jahren befasst habe. Soweit es möglich war, habe ich einiges in der Schule angewendet. Aber wenn Schüler nur gelangweilt sind, wenn
