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Waldwege: Der Wald in Zeiten des Klimawandels
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eBook324 Seiten3 Stunden

Waldwege: Der Wald in Zeiten des Klimawandels

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Über dieses E-Book

Ein Ich-Erzähler wandert auf Wegen durch verschiedene Waldgebiete und macht sich Gedanken über den Zustand und die Zukunft des Waldes. Dabei sucht er nach Möglichkeiten einer Natur-Spiritualität in Zeiten extremer Naturzerstörung. Der Mensch ist leider oft ein Zerstörer, aber geschaffen wurde er von der Natur.

Wie kann man die Natur verehren, wenn sie sogar selbst destruktiv ist?

Der Erzähler hinterfragt auf seinen Wanderungen immer den Zustand der Zivilisation, der Menschheit, der ganzen Kultur. Ist der Mensch am Ende seiner Welteroberung angekommen? Hat er so viel zerstört, dass er jetzt, wie der Wald, untergehen muss, weil er alles zu weit getrieben hat in seiner Gier und Sucht nach Geld und Macht?

Das Buch ist nicht nur Beschreibung eines desolaten Zustandes, sondern bietet eine Reihe von Perspektiven für eine naturverbundene Weltanschauung. Für den Autor gilt es, das Symbolische, das Schöne und das Magische der Natur ganz neu zu entdecken und zu würdigen.
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum2. Sept. 2021
ISBN9783754390214
Waldwege: Der Wald in Zeiten des Klimawandels
Autor

Wolf E. Matzker

Wolf E. Matzker, geb. 1951, zivilisationskritischer Autor und naturverbundener Künstler (spirituelle Wildlife-Art), erforscht und lebt eine freie, kreative Spiritualität. Die Entfaltung der menschlichen Seele und Sensibilität, die Wertschätzung und Achtung der wilden Natur sind ihm ein zentrales Anliegen. Heute geht es mehr denn je um die Bewahrung alten Wissens und naturverbundener Lebensweisen.

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    Buchvorschau

    Waldwege - Wolf E. Matzker

    Inhalt:

    2020

    1. Waldwege 1 – 48

    2. Mutwillige Zerstörung

    3. Die Gedenkstätte Bergen-Belsen – das Lager im Heidewald

    4. Waldwege 49 - 50

    5. Waldbrände in Sibirien

    6. Waldwege 51 – 67

    7. Waldbrände in Californien

    8. Waldwege 68 – 73

    2021

    9. Waldwege 74 – 100

    10. Anhang

    11. Ragnarök

    12. Eine Spiritualität des Waldes

    Vorwort

    Wir leben in einer Zeit der extremen und globalen Naturzerstörung. Ein Ende scheint nicht in Sicht. Viele Wälder sterben, werden abgeholzt, abgebrannt. Es ist schmerzlich, fürchterlich und schockierend, das mit ansehen zu müssen.

    Von einer verharmlosenden Spiritualität, die die Welt durch eine rosarote Brille betrachtet, habe ich noch nie etwas gehalten. Man muss realistisch sein. Man muss sich die Tatsachen anschauen. Vage Hoffnungen und imaginäre Spekulationen helfen nicht weiter.

    Welche Rolle kann eine Spiritualität der Natur spielen? Welchen Kräften und Energien können und sollten wir uns widmen? Was kann Heilung bewirken, für uns selbst und vor allem für die Natur?

    Die Zerstörung, die Vernichtung, die Teil der Natur ist, muss in einem neuen System einen Platz haben. Man ist nur ganzheitlich, wenn man die Zerstörung akzeptieren kann. Das fällt dem Menschen nicht leicht, keine Frage. Aber ein ganzheitliches System ist es nur dann, wenn alle Aspekte des Ganzen ihren Stellenwert haben. Weder aus ideologischen noch aus moralischen Gründen darf man Aspekte der Natur ausgrenzen. Tabus helfen nicht. Die Weltbevölkerung ist eindeutig zu hoch, die Zivilisation ist zu weit gegangen, die Städte sind zu groß, die Nutzung und Ausnutzung der Natur ist zu extrem, der Konsumismus ist es ebenfalls, um konkrete Beispiele zu nennen. All das muss in den kommenden Jahrzehnten überwunden werden.

    Das Extreme ist zwar in der Natur angelegt, führt aber letztendlich zum Untergang. Viele Zivilisationen und Kulturen vor uns sind untergegangen. Wer die Geschichte kennt, der weiß das. Also könnte diese Welt, wie wir sie kennen, ebenfalls untergehen.

    Das natur-spirituelle Weltbild, das ich vertrete, ist an den Tatsachen der Natur orientiert, es ist nicht anthropozentrisch, sondern sieht und achtet das ganze Leben, alle Lebewesen, Formen und Gestaltungen der Natur.

    „Ganzheitlichkeit" ist ein beliebter Begriff (gewesen). Jeder weiß von den Polaritäten des Lebens, von Himmel und Erde, von Sonne und Mond, von yin und yang, von Mann und Frau und so weiter (in den Büchern von Hermann Hesse klingt das immer so wunderbar), aber die Polaritäten, die unser Leben und Dasein definitiv bestimmen, nämlich die von Kreation und Destruktion, von Entstehen und Auslöschen, wer will diese Polarität in der ganzen Tragweite akzeptieren?

    Alles das, was ist, hat letztendlich die Natur geschaffen. Alles, was sie geschaffen hat, kann sie wieder zerstören. Wir mögen das fürchterlich finden, aber so ist es nun einmal. Als Individuum werden wir wieder ausgelöscht (= Tod).

    Unsere Ewigkeitsansprüche sind überzogen. Teile von uns mögen weiterleben, wie auch immer, ob als genetischer Code, als Idee, als Inspiration, als Impuls, als Schwingung im großen Netz, aber am Ende kann uns das egal sein, weil wir als Individuum nur in einem bestimmten Zeitfenster so und nicht anders existieren. Wir haben nur eine bestimmte Zeitepoche zur Verfügung. Am Ende steht die Auslöschung.

    Wie kann man Natur-Spiritualität leben, wenn so viel Natur zerstört wird, wenn ganze Wälder sterben, abbrennen oder abgeholzt werden? Wie passt das zusammen, einerseits die vielen Zerstörungen, andererseits die Schönheit, die Magie und das Zauberhafte der Natur und des Waldes?

    Die psychische, spirituelle Entwicklung im „Roman" (der Ich-Erzähler steht für den Naturmenschen schlechthin) geht von der Fassungslosigkeit, dem Schock und der tiefen Betroffenheit wegen der immensen Waldschäden hin zu einer Gelassenheit, dem einfachen Aushalten der Katastrophe und der Suche nach neuen Perspektiven und Sichtweisen.

    Am Ende steht die Erkenntnis, dass die Natur den längeren Atem hat und den Menschen nicht braucht. Die Magie der Natur, ihre Kreativität und ihr Erneuerungs- und Entwicklungsstreben werden die Oberhand behalten. Der Mensch sollte seine Allmachtsansprüche aufgeben und sich endlich in den Kreislauf der Natur integrieren, was bedeutet, die Zivilisation in allen Bereichen zurückzufahren und der Natur mehr Raum zu geben, also auch und gerade dem natürlichen Wald.

    2020

    Waldweg 1 (Elm)

    Schon immer bin ich gerne in den Wald gegangen. Mir erschien das immer als die richtige Welt, oder die richtigere Welt, gegenüber der normalen, alltäglichen Welt im Dorf oder in der Stadt.

    Im Wald findet man die Wahrheit.

    Im Wald zeigt sich einem das wahre Gesicht der Welt.

    Das muss nicht immer schön sein, denn auch die Natur hat ein böses, ein dunkles Gesicht.

    Man geht solange in den Wald, bis man nicht mehr gehen kann, also bis zum Ende aller eigenen Wege. Wenn man nicht mehr in den Wald gehen kann, dann ist es vorbei. Danach kommt nichts mehr, denn das Individuelle wird von der Natur wieder ausgelöscht. Neben dem ewigen Wandel, den schon der griechische Philosoph Heraklit feststellte, panta rhei, alles fließt, alles fließt dahin, alles ist endlose Bewegung, daneben gibt es die Auslöschung.

    In einem buddhistischen Spruch ist von „höherer Wiedergeburt" die Rede. Ich glaube das nicht. Von Sprüchen halte ich nicht mehr viel. Sie täuschen Weisheit vor, wo eigentlich keine ist. Im Wald helfen dir keine Sprüche.

    Du musst den Weg selbst finden, du musst wissen, wo du bist, auch ohne Karte oder Smartphone mit google-maps. Du musst den Wald kennen, so wie der Hirsch, der Luchs und der Wolf. Alle Tiere haben ihr natürliches Orientierungssystem.

    Warum können manche nicht mit einem Leben zufrieden sein? Warum wollen sie auferstehen oder noch einmal existieren, als König oder Kaiser? Das Leben ist nur ein Weg durch einen Wald und am Ende steht der Tod. So war es schon immer. Alle Generationen der Menschen sind ihre Wege durch die Natur gegangen, bis heute. Jetzt, wo sie so ziemlich alles vermasselt haben mit ihrer Überbevölkerung und Übertechnisierung und dem Überkonsum, wird die Natur sie auslöschen.

    Ich gehe weiter meinen Waldweg.

    Freue mich, wenn meine Freunde, die Bäume, also bestimmte Bäume, die ich seit Jahren kenne, noch da sind, noch leben, noch nicht abgestorben oder abgehauen worden sind – und ich bin traurig, wenn sie fort sind, wenn das fehlende Wasser oder das Feuer sie vernichtet hat.

    Vor Jahren schrieb ich ein Buch über den „Heiligen Wald". Für das Cover verwendete ich ein Foto von Buchen, die an einem Waldrand stehen. Es stehen dort weitere alte Buchen. Sie stehen noch dort. Man lässt den Waldrand wohl in Ruhe. Ansonsten leben die Förster und die Jäger im Wald ihre Gier, ihre Süchte, ihren Todestrieb aus. Ich hasse diese Typen. Es sind die Zerstörer! Sicher, es gibt auch gute unter ihnen, aber die meisten scheinen mir doch nur Zerstörer zu sein, wenn ich ihr Treiben betrachte.

    Während der Waldrand gut aussieht, sehe ich auf dem Höhenweg viel Holz neben dem Forstfahrweg. Altes Buchenholz. Man hatte es wohl nicht verkaufen können. Nun verrottet es einfach so. Es sollten Bäume nur auf Bestellung geschlagen werden, denke ich. Und für die nächsten 30 Jahre sollte man eine Pause machen. Einfach mal aufhören!

    Am höchsten Punkt kann ich endlich rechts abbiegen, und den Pfad durch den Wald gehen. Dieser Weg gefällt mir, weil er schmal ist, weil er sich hin und her windet. Dieses Waldstück kam mir schon vor Jahren wie die Taiga vor. Die Begegnung mit einem Wolf würde mich nicht überraschen. Aber, soweit ich weiß, gibt es hier keine. Sie sind weiter nördlich, in den Heidegebieten.

    Ich gehe einen großen Kreis, gelange wieder zurück zu den magischen Buchen, die ich für mein Buch fotografiert hatte. Man kann einen Weg zu einem besonderen Punkt gehen, und wieder zurück – oder man geht einen Kreis, wie ich es heute mache. Es gibt nicht so viele Möglichkeiten. Manche reden von „unendlichen", aber das stimmt nicht. Wir können immer nur ein paar Wege gehen, nicht mehr. Das ist nicht schlimm. Das ist einfach eine Tatsache. Und wenn man jeden Tag denselben Weg durch den Wald geht, dann ist das auch in Ordnung.

    Waldweg 2 (Bad Harzburg)

    Ich laufe den Kammweg in östliche Richtung. Ich habe ihn vor Jahren „Elfenkammweg" getauft, weil in diesem schmalen Waldstück, durch das nur ein langer Weg führt, aus meiner Sicht viele Elfen wohnen.

    Es ist sehr windig und ich gehe achtsam. Viele der Buchen sind geschädigt. Überall können Äste herausbrechen. Viele der Bäume sind bereits umgeweht worden. Die kommenden Sturmböen werden ihren Tribut fordern. Am Ende des Weges liegt ein vor kurzem abgebrochener langer Ast neben dem Weg. Das hell-gelbe Holz wirkt wie ein abgebrochener Riesenknochen. Aber die Buche war schon tot. Jetzt ist nur noch ein Stammrest vorhanden. 2 bis 3 Meter in der Höhe.

    Diese Stämme der ehemaligen Bäume sind schon seltsame Gestalten. Mahner der großen Zerstörung, die noch kommen wird.

    Nachdem ich an ein paar Häusern vorbeigelaufen bin, kann ich wieder durch den Wald gehen. Ich steige weiter hoch, zu einem höheren Weg und gehe ihn in südwestliche Richtung bis zum Stübchental. Der Bach fließt, wenn auch nicht sehr intensiv. Es regnet einfach zu wenig.

    Weiter geht mein Weg um den Eichenberg herum. Richtung Krodotal, das ich noch genauer erkunden will. Krodo, dieser merkwürdige Gott aus uralten Zeiten der Sachsen, von dem man nichts Genaues weiß. Warum auch? Man sollte ja dem neuen Gott aus dem Morgenland huldigen, einzig und allein ihm, nur ihm und sonst niemandem, so wollte es der Kaiser und seine Soldaten, Kaiser Karl, den sie den Großen nennen, haha, den großen Schlächter, den großen Mörder, den großen Zerstörer. Die Geschichte, die man uns in der Schule erzählt hat, ist die Geschichte der Sieger, nicht die Geschichte der Ermordeten und Unterdrückten. Aus Widukinds Perspektive würde sich das alles anders darstellen.

    Heute, in der Gegenwart, ist das Krodotal ein merkwürdig abseitiges Tal. Ich muss es noch erkunden, wie gesagt. Es wirkt von oben so, als hätten sich hier Leute versteckt. Welche, und warum?

    Ich komme an einem Schild vorbei. Darauf steht dick und fett: Diakonissen Mutterhaus. Kinderheil. Kein öffentlicher Durchgang.

    Kinderheil. Spontan denke ich, dass sie hier Kinder gequält haben. Diese Frauen, die kein richtiges FrauSein, kein natürliches MutterSein gelebt haben, sie haben die armen Kinder von anderen gequält.

    Man hat so viel von Missbrauch gehört in den letzten Jahren, dass man sich nur das vorstellt. Vielleicht stimmt es, vielleicht auch nicht. Ich habe keine Information. Es ist nur meine spontane Reaktion auf das große Abwehrschild.

    Ich wende meinen Blick zu den Schwarzkiefern. Ein paar sind markiert, sollen wohl entfernt werden. Aber viele scheinen noch lebendig. Ich sehe grüne Nadeln.

    Heute freut man sich, wenn man grüne Nadeln sieht, weil in der gegenwärtigen Zeit so viele Bäume sterben.

    Ich studiere die Rinde.

    Auf einem der Stämme kann ich eine archaische Mutterfigur erkennen. Die wahre Mutter ist die erd- und baumverbundene, denke ich.

    Heute kommt mir die Mutter des Herrn, wie sie genannt wird, falsch vor. Aber es liegt nicht so sehr an ihr, sondern an den Pharisäern, Priestern und all den Vermarktern der Spiritualität, die die Menschen belogen und betrogen haben, und es oft immer noch tun.

    Die Rinde ist schön, denke ich. Je länger man sie betrachtet, desto mehr Gesichter zeigen sich einem.

    Waldweg 3 (Grenzwald)

    Vor drei Jahren war der Wald noch in Ordnung. Der Parkplatz lag unter großen, dunklen Fichten.

    Heute ist es hier kahl. Man hat alle toten Fichten abgesägt. Jetzt muss man zwischen den noch frischen Baumstümpfen parken. Die Zweige der Fichten hat man zusammen geschoben, damit man parken an. Neue Bäume sind bisher keine gepflanzt worden.

    Das erste Stück des Weges führt durch tote Fichten. Weiter oben wechseln sich dann noch lebende mit gestorbenen Fichten ab. Ich versuche meinen Blick auf junge Fichten zu fokussieren, denn ihnen gehört die Zukunft, sofern es eine gibt. Könnte ja sein, dass im kommenden Dürresommer alles in Flammen aufgeht, denn da es viel zu wenig Regen gibt, erwarte ich einen weiteren Dürresommer. Das Wort Sommer habe ich durch Dürresommer ersetzt. Mein Gefühl, das mich hoffentlich trügen möge, sagt mir, dass es viele Dürresommer geben wird.

    Hinter der ersten Wegkreuzung fallen mir die ganz kleinen Fichten neben dem Weg auf. 10 bis 20 cm sind sie groß. Nicht alle werden zu großen Bäumen heranwachsen, aber hoffentlich möglichst viele von ihnen. Könnte man einigen von ihnen nicht einen besseren Standort geben? Wie viele es von ihnen gibt! Alle wollen ein großer Baum werden, aber die Schicksals-Nornen wählen aus, unerbittlich.

    Teile des Waldweges sehen aus wie vor Jahren, dann wieder nur tote Stämme.

    Auf dem ehemaligen Todesstreifen sieht es gut aus. Auf beiden Seiten das GRÜN der Fichten. Wenn es mir nicht schon immer bewusst gewesen wäre, dann würde es mir jetzt bewusst werden, wie wichtig das GRÜN ist. Vor vierzig Jahren war ich ein GRÜNER, aber da sie heute die BUNTEN sind, bin ich keiner mehr. Ist ja auch immer die Frage, welches GRÜN man meint: Moosgrün, Flechtengrün, Fichtengrün, Eibengrün, um ein paar zu nennen. Ähnlich ist es mit BRAUN. Ich meine nicht die politische Einstellung hier, sondern das BRAUN der alten Fichtennadeln oder das BRAUN der Stämme, wenn sie noch vital sind, oder das BRAUN des modernden Holzes. Wenn man darauf achtet, sieht man viele Variationen.

    Schon eigenartig, dass es jetzt am Todesstreifen am besten aussieht, was die Fichten betrifft.

    Am HIRSCHKOPFBLICK mache ich heute Kehrt. Ich nenne den Punkt so, weil man von ihm die Hirschköpfe, eine Felsformation, sehen kann.

    Auf dem Rückweg achte ich wieder vor allem auf die jungen Fichten, die mir Hoffnung geben, dass es alles mal wieder so wird, wie es war. Aber der Wendepunkt der Zerstörung ist noch lange nicht erreicht, denke ich, weil sie ja überall auf der Erde noch von ihrer Gier besessen sind und gar nicht ans Aufhören denken.

    Wunderbar erscheinen mir die Zwergfichten, die nur ein paar Zentimeter groß sind. Leben beginnt immer ganz klein. Jeder Baum beginnt ganz klein. Mit einem kleinen Samen oder einem Zwergbäumchen.

    Wie immer besuche ich den Ehrenfriedhof. Die zwei Fichten auf dem Gelände leben noch. Außerhalb des Hags sieht es schlimm aus. Hier und da sehe ich kleine Fichten. Ich nenne den Friedhof mal einfach HAG. Ein anderes, altes Wort aus vergangenen Zeiten. Ob die beiden großen Fichtenhüter überleben werden?, frage ich mich. Ich wünsche es ihnen.

    Vor einem der Grabsteine, auf denen unbekannter Russe steht, liegt ein Gesteck.

    Bei der Infotafel sehe ich herausgebrochene Granitsteine. Spuren von Vandalismus. Die Infotafel steht schief. Das dient keinem, denke ich, einfach nur primitive Wut, die hier ausgelebt wurde.

    Zurück beim Parkplatz denke ich, wie es hier war, noch vor einem Jahr, von zwei Jahren. Wie schnell immer alles zerstört wird. Meister des Osten haben oft erwähnt, dass man jahrelang seinen Geist schulen kann, aber ein Moment der feurigen Wut und des maßlosen Zorns alles zerstört. Auch bei der gegenwärtigen Umweltzerstörung muss man gelassen bleiben, so schwer es fallen mag.

    Waldweg 4 (Elm)

    Ich war noch keine hundert Meter gelaufen, da kam mir schon wieder ein SUV entgegen. Förster.

    Heute wollte ich, nach langer Zeit, mal wieder zum Eilumer Horn. Kein hoher Berg, eigentlich nichts Besonderes im Elm. Nur ein hoher Punkt. Nichts weiter.

    Neben dem langen Forstfahrweg lag viel Holz. Viel altes Buchenholz, das noch aus dem letzten Jahr stammte. Es hatte wohl keiner Interesse. Aber sie sägen munter weiter, egal, ob sich das Holz verkauft oder nicht.

    In der Ferne höre ich die Geräusche einer Motorsäge. Kann man noch in den Wald gehen, ohne dass man dieses Geräusch hören muss? Schüsse höre ich weniger oft, aber ich höre sie auch.

    Oben auf dem Kamm hatten sie ein paar Buchen gefällt. Darunter eine, die an der Wegkreuzung stand. Sie haben keinen Sinn für einen besonderen Baum. Der ist krank und muss weg, sonst fällt er auf den Weg. Die da müssen auch alle weg. Sind tot. Borkenkäferschäden. Müssen alle weg.

    In der Nähe des Eilumer Horns sah es aus wie immer. Ein kleiner Steinhaufen, ein kleines silberfarbenes Kreuz aus runden Stangen, dessen Bedeutung sich mir nicht erschließt. Es hat sicher auch keine. Es fällt ihnen nichts Besseres ein, weil sie eigentlich nichts im Kopf haben. In Bayern haben die Kreuze eine gewisse Bedeutung, hier jedoch nicht, denn der Wald des Elms hat keine Bedeutung. Ein Höhenzug mit Bäumen, die man fällen kann. Ein Höhenzug mit Rehen drin, die man schießen kann.

    Zurück gehe ich einen Buchenpfad. Ein paar der Buchen hatte ein Sturm umgeweht, aber alles in allem war der Pfad in Ordnung.

    Man freut sich immer, wenn im Wald nichts geschehen ist. Das ist am besten. Keine Spuren von Menschen, das ist am besten. Die Waldstücke, in denen ich keine Spuren vom Menschen finde, sind mir die liebsten.

    Eigentlich sollte man nicht mehr in den Wald gehen. Man wird zu oft enttäuscht. Nur, wohin soll ich gehen. In die Stadt, die mich anödet, gehe ich schon lange nicht mehr. Ins Kino, ins Theater, ins Restaurant gehe ich ebenfalls nicht. In die Oper schon gar nicht. Ins Museum nicht. Also bleibt mir nur der Wald, wo ich allerdings immer die Werke der Zerstörung sehe, immer mehr, sei es von Leuten wie den Förstern und Waldarbeitern, oder das Werk der stürmischen Böen oder der bösen Borkenkäfer. Man sieht einfach zu viel Zerstörung. Zeiten der Zerstörung sind es, in denen man lebt, leben muss, die man aushalten muss, obgleich es gar nicht zum Aushalten ist.

    Ich könnte mich darüber stundenlang echauffieren, wie Thomas Bernhard, der österreichische Schriftsteller, und dabei immer übertreiben und mich immer weiter hineinsteigern und kein Ende finden.

    Ich betrachte eine schöne Birke am Feldrand. Ich sollte sie zeichnen. Das beruhigt. Zeichnen ist eine meditative Kunst.

    Waldweg 5 (Asse)

    Ich hatte zwar davon gehört, dass sie in der Asse viele Bohrlöcher gebohrt hatten, für kleine Sprengungen, mit denen sie ein genaues Bodenprofil erstellen wollen, aber ich war doch überrascht, wie viele es waren. Überall orangefarbene Rohre im Boden, daneben weiße Säcke.

    Ich wollte eigentlich die Schwarzkiefern auf dem Kamm der Asse besuchen. Der Kontrast konnte nicht größer sein: ich interessiere mich für die Schwarzkiefern – und die Betreiber des maroden Bergwerks wollen wissen, wie es im Untergrund aussieht. Hätten sie nicht einfach den Atommüll ins Bergwerk geworfen, dann müssten sie jetzt nicht diese aufwendige Aktion machen.

    Mühsam suche ich meinen Weg auf

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