Ich möchte freundlich behandelt werden: Wer kämpft, verliert - wie Selbstwahrnehmung vor Angriffen schützt
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Über dieses E-Book
Menschen machen ständig etwas mit uns, das entspricht unserer Biologie. Unser Gehirn ist seit Millionen von Jahren darauf trainiert, das Zusammenleben mit unseren Artgenossen zu verhandeln und zu regulieren. Die Regulation sozialer Interaktionen ist für den Erfolg unserer Spezies verantwortlich. Nicht individuelle Intelligenz oder persönliches Streben haben den Menschen auf diesem Planeten so erfolgreich gemacht, sondern unsere Fähigkeit zu kooperativem und sozialem Handeln. Als Konsequenz ist unser Denken, Fühlen und Handeln mit der Regulation von zwischenmenschlichen Abläufen beschäftigt. Für unser Leben unter heutigen Umgebungsbedingungen erzeugen diese Handlungsmuster jedoch zum Teil dramatische Fehlfunktionen. Es ist der machtvolle Handlungsimpuls in bedrohlich erlebten Konfliktsituationen, der uns unter Spannung und unter "Druck" stehen lässt.
Diese anhaltende energetische Aktivierung macht unser Leben anstrengend. In der psychosomatischen Medizin finden sich solche Zustände permanenter innerer Kampfenergie z.B. als Panikattacke, als körperliche Symptome ohne organische Ursachen oder "Burn-Out-Syndrom" wieder. Insofern habe ich ein Buch über die alltäglichen Bedrohungswarnungen geschrieben, die unser Gehirn mit unangemessenem Alarm, innerer Kampfaktivierung und auch Energiebereitstellung beantwortet. Ich sollte mich also auf der einen Seite tatsächlich gegen Feindseligkeit, Aggression und Dominanz wappnen können. Auf der anderen Seite benötigte ich dafür viel weniger an Kampfenergie, als mein Gehirn mir reflexartig dafür zur Verfügung stellt. Mit diesem Buch möchte ich helfen, dies dem eigenen Gehirn schrittweise beizubringen: Wie es mir dabei helfen kann, mich leichter, effektiver und auch "energiesparend" gegen Bedrohungen aus unserer Umwelt zu schützen. Deshalb der möglicherweise provozierende Untertitel: "Wer kämpft, verliert".
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Buchvorschau
Ich möchte freundlich behandelt werden - Wilfried Kochhäuser
Einleitung
Verteidigung ist nicht alles, aber ohne Verteidigung ist alles nichts
Menschen machen ständig etwas mit uns, das entspricht unserer Biologie. Unser Gehirn ist seit Millionen von Jahren darauf trainiert, das Zusammenleben mit unseren Artgenossen zu verhandeln und zu regulieren. Die Regulation sozialer Interaktionen ist für den Erfolg unserer Spezies verantwortlich. Nicht individuelle Intelligenz oder persönliches Streben haben den Menschen auf diesem Planeten so erfolgreich gemacht, sondern unsere Fähigkeit zu kooperativem und sozialem Handeln. Und unsere Biologie ist wohl am Stärksten auf das Überleben unserer Art und weniger auf unser individuelles Überleben ausgerichtet, wie Richard Dawkins in seinem Buch „Das egoistische Gen" darlegt. Trotzdem verhalten wir uns nicht permanent selbstlos oder gar selbstmörderisch. Als Konsequenz ist unser Denken, Fühlen und Handeln mit der Regulation von zwischenmenschlichen Abläufen beschäftigt. Wir erleben dies als individuelles Streben oder Scheitern und interpretieren beispielsweise einen charakterlichen Zug zur Unterwerfung als individuelles Problem.
Für unser Leben unter heutigen Umgebungsbedingungen erzeugen diese Handlungsmuster jedoch zum Teil dramatische Fehlfunktionen. Es ist der machtvolle Handlungsimpuls in bedrohlich erlebten Konfliktsituationen, der uns unter Spannung und unter Druck
stehen lässt.
Diese anhaltende energetische Aktivierung macht unser Leben anstrengend. In der psychosomatischen Medizin finden sich solche Zustände permanenter innerer Kampfenergie z.B. als Panikattacke, als körperliche Symptome ohne organische Ursachen oder Burn-Out-Syndrom
wieder.
Selbst depressive Menschen leiden bei genauerer Erforschung ihrer körperlichen Wahrnehmung nur vordergründig unter einem Mangel an Energie, sondern bei genauerer Betrachtung an einem zu viel
, an einer Energieproduktion ohne funktionierenden Ansatzpunkt.
Wir sind unruhig, wälzen uns überwärmt im Bett, erleben uns als reizbar. Ein geringes Energieniveau sieht anders aus, nach einem solchen Zustand körperlicher Schwere sehnen wir uns, wie etwa körperliche Arbeit in der Winterkälte den Kopf angenehm leer macht
.
Wir leben im Beruf und im Privatleben in permanenter gedanklicher Beanspruchung und der daraus erwachsenden Aktivierung von Angst- und Bedrohungsreaktionen. Das kann auf niedrigem Niveau seinen Anfang nehmen: Komme ich gleich zu spät zum Bäcker, gibt es keine Brötchen mehr?
, aber endet auch schnell bei existenziellen Bedrohungsgedanken: Behalte ich meinen Job? Wie kriege ich meine Kinder durch die Ausbildung? Ich habe mein Leben nicht im Griff
. Und gar nicht so selten bei Gedanken, die vielen Menschen kommen: Wo ist noch der Sinn für das alles? Warum tue ich mir das alles an?
Ich möchte, ausgehend von solch trübsinnigen Einführungen, das Buch auf den Ursprung dieser Katastrophengedanken lenken.
Die subjektive Bedrohung durch den Anderen, durch unsere eigene Spezies, ist genau das, was in unserem inneren Gefahrenreport die höchste Bedeutung besitzt. Untersuchungen über die Auswirkungen von traumatischen Erlebnis zeigen, dass durch Andere
verursachte Traumata das Schlimmste darstellen, was uns das Leben antun kann, stärker als Naturkatastrophen. Jean Améry beschrieb nach eigener Konzentrationslagererfahrung die Unmöglichkeit, wieder in der Welt heimisch zu werden.
Ich habe jedoch kein Buch über Folter und Trauma geschrieben, sondern über die alltäglichen Bedrohungswarnungen, die unser Gehirn mit unangemessenem Alarm, innerer Kampfaktivierung und auch Energiebereitstellung beantwortet. Unser Gefahrenscanner registriert ständige Gefahr für unser Leben und unsere seelische sowie körperliche Integrität. Diese ständige Alarmreaktion unseres Gehirns auf die, ja tatsächlich häufig unfreundlichen, aggressiven und dominanten Verhaltensweisen anderer ist Gegenstand des Buches.
Ich sollte mich also auf der einen Seite tatsächlich gegen Feindseligkeit, Aggression und Dominanz wappnen können. Auf der anderen Seite benötigte ich dafür viel weniger an Kampfenergie, als mein Gehirn mir reflexartig dafür zur Verfügung stellt. Mit diesem Buch möchte ich helfen, dies dem eigenen Gehirn schrittweise beizubringen: Wie es mir dabei helfen kann, mich leichter, effektiver und auch energiesparend
gegen Bedrohungen aus unserer Umwelt zu schützen. Deshalb der möglicherweise provozierende Untertitel: Wer kämpft, verliert
.
Wie wende ich dieses Buch an?
„Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden."
Immanuel Kant
Vieles von dem, womit ich den Leser in Kontakt bringe, mag zunächst entfernt von unserer Alltagserfahrung erscheinen. Ich werde in diesem Buch Gefühle als fest verankerte Steuerungsimpulse innerhalb unserer Gruppe
einordnen. Unsere Gefühle sind vielfach mit Handlungsimpulsen verschmolzen, die uns einen möglichst sicheren Platz in unserer sozialen Gruppe sichern sollen.
Denn außerhalb der Gruppe lauert für das „Beutetier Mensch, zumindest sozial und emotional, der Tod. Innerhalb der Gruppe sind die Spielregeln vorgegeben. Ich muss innerhalb der Gruppe kämpfen, wenn ich aufsteigen und somit weniger durch andere dominiert werden will. Und ich muss mich unterwerfen, wenn ich einen Kampf verliere oder befürchte zu verlieren, denn sonst bin ich draußen. Für Zwischentöne gibt es, so wie die Evolution unser emotionales Gehirn über Jahrtausende entwickelt hat, keinen Platz. Entsprechend machtvoll sind die zugehörigen emotionalen Handlungsaufforderungen. Rasch überwältigend wird die Hilflosigkeit, wenn ich versuche, diesen Gefühlen entgegenzuhandeln oder sogar nur innezuhalten und nicht sofort auf meine Umwelt zu reagieren. Zu allem Überfluss halten wir wir uns heute zudem in sehr vielen unterschiedlichen Gruppen parallel auf. Da sind unsere Partner und vielleicht Kinder, der Freundeskreis, die Herkunftsfamilie, die Fahrgemeinschaft, der Straßenverkehr, die Arbeitsstelle – die dann mit Konferenzen, Meetings, Außendienst usw. wieder verschiedene Gruppen beinhaltet. Jeder kann das für sich individuell fortsetzen mit Sportvereinen, Elternabenden und Nachbarn. Für diese Komplexität an ständig wechselnden sozialen Gruppenbeziehungen wurde dieses „System zur sozialen Sicherung
nicht entwickelt. Das Gehirn unserer Vorfahren kannte innerhalb seiner Gruppe in aller Regel vielleicht einige Dutzend Menschen persönlich und alle nicht bekannten Gesichter lösten, als potentielle Feinde, rasch Bedrohungsgefühle aus. Ich werde erlernbare Techniken vermitteln, um öfter aus Machtkämpfen auszusteigen, die in unserer heutigen Lebensumwelt keinen Sinn machen und unnötig Kraft kosten. Die Beschäftigung mit solchen Techniken wird meistens jedoch erst dann in Gang kommen, nachdem wir überhaupt bemerkt haben, dass etwas nicht oder nicht mehr richtig funktioniert.
Wie kann ich bemerken, dass ich gerade etwas mache, was nicht gut funktioniert?
Wie kann ich produktiv mit der entstehenden Hilflosigkeit umgehen, wenn ich aus einem Machtkampf aussteige? Denn mein uraltes Gehirn wird mir zuschreien: „So hast Du auf jeden Fall verloren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren! Für die notwendigen Veränderungen zeige ich Techniken, die jeder lernen kann. Dafür wird kein Hochschulabschluß benötigt - jedoch Mut - was aus meiner Sicht schwieriger zu erlangen ist. Aber auch Mut kann ich mit diesem Buch „üben
. Erst nachdem wir Techniken erlernt haben, um nicht sofort zu handeln, können wir die Strategien aus den nächsten Kapiteln zunehmend sicherer anwenden. Wenn ich in einem Konflikt lerne, intensiv auf mich und meinen Körper mitsamt seinen emotionalen Reaktionen zu schauen, dann werde ich zunächst „Angst in mir feststellen. Es wird aber im Laufe des Buches durchaus nicht nur um die reine Verteidigung gehen, sondern auch um die neu gewonnenen Freiheiten zur Umsetzen eigener Wünsche und Ziele. Verteidigung ist somit nicht alles - aber ohne funktionierende Verteidigung ist alles nichts. Deshalb geht es darum, die Verteidigung funktionieren zu lassen. Wenn ich weiß, dass meine Verteidigung funktioniert und ich gleichzeitig akzeptieren kann, was für mein Gehirn weiterhin paradox bzw.
gefährlich erscheint, habe ich neue Freiheiten gewonnen. Mich so deutlich zu machen, dass ich mehr von dem bekomme, was ich mir wünsche. Ein wichtiges Ziel ist Leichtigkeit, die mich hinter der Freiheit erwartet. Freiheit strengt nicht an, sondern Unfreiheit macht müde. Nicht mutiges Handeln brennt mich aus, sondern wenn ich in meiner Angst stecken bleibe.Dieses Buch beschäftigt sich mit Verhaltensabläufen, die uns oft nicht bewusst sind, dies macht einen durchgängigen
technischen Aufbau schwierig. Weil jeder Mensch unterschiedliche Gewohnheiten und Fähigkeiten aufweist, sich neuen Herausforderungen anzunähern, ist dieses Buch auch für unterschiedliche Lerngewohnheiten konzipiert. Es hat somit keinen rein logischen Aufbau und ist eher vergleichbar mit einem Kochbuch. Zum Beispiel mit einer Einführung in grundlegende Küchentechniken, gefolgt von der Vorstellung landestypischer Zutaten und einem gewissen kulturellen Hintergrund. Vielleicht macht ein einzelnes Rezept dann Appetit und Sie beginnen mit dem Experimentieren. Manche Menschen mögen aber keine Rezepte und lassen sich durch ein Kochbuch ausschließlich inspirieren. Sie arbeiten dann „nach Fehler und Irrtum
- auch das ist mit diesem Buch machbar.
Wäre es mir möglich gewesen, dieses Buch logisch zu schreiben, dann hätte ich nicht den Vergleich mit einem Kochbuch herangezogen, sondern eher etwas wie eine „Aufbauanleitung für das Leben, ähnlich einer Gebrauchsanweisung für Ikea-Regale. Das wäre meiner Ansicht nach ein absurder Versuch, aber so sind Ratgeberbücher häufig aufgebaut. Mit der Illusionen: Wenn ich bestimmte Techniken oder Einzelbausteine nutze, dann wird sich auf einen Schlag mein ganzes Leben zum Guten ändern. Insofern hoffe ich auf Neugierde und die Wirkung von Appetithäppchen, die Lust auf mehr machen, aber nicht immer leicht verdaulich sind. Im letzten Kapitel findet sich eine komprimierte Zusammenfassung in Form eines „Arbeitsbuches
im Buch. Vieles ist zum Teil ohne die vorher gelieferten Hintergrundinformationen nicht oder nicht vollständig verständlich. Und trotzdem bietet dieses Kapitel denjenigen eine Einstiegsmöglichkeit, die lieber sofort praktisch anfangen. Insofern kann jeder „Lerntyp dieses Buch unterschiedlich nutzen. Für viele Menschen wird die Theorie erst verständlich, wenn sie
greifbar Anschluss an das eigene Erleben gefunden hat. Ich habe viele Geschichten auch meinem eigenen Leben und dem meiner Patienten entnommen. Mir ist aufgefallen, dass sich vieles davon universell in unser aller Leben zuträgt. So sind aus Geschichten
Prototypen geworden, die ich auch zum Schutz der Persönlichkeit vieler verschiedener Menschen verfremdet und daher in der
Ich-Perspektive" geschrieben habe. Es wäre also falsch zu behaupten, dass diese Geschichten frei erfunden sind und an keiner Stelle mit der Realität zu tun hätten. Im Gegenteil, ich hätte sie ohne meine Einblicke in das Leben vieler Menschen nicht schreiben können. Sie bilden ab, was die Realität in unserem Leben ist:
Die Hilflosigkeit in kleinen und großen Machtkämpfen - ob wir diese nun selbst angezettelt haben oder sogar (selten genug) ganz ohne unser Zutun hineingezogen wurden.
1.Kapitel
Wie bemerke ich, dass etwas nicht gut funktioniert? Warum lohnt es sich, mit meiner „Angst" in Kontakt zu treten, um mich wirksam zu schützen?
Beide Fragen hängen miteinander zusammen. Nur wenn ich meine Wahrnehmung ausweite, gelingt mir der Blick auf die Dinge, die im meinem Leben nicht gut funktionieren. Angst blockiert diesen Blick und so auch die Möglichkeit zur Veränderung.
Der Blick auf die Angst lohnt sich, weil wir allzu schnell dem verführerischen Instinkt nachgeben, dass dort, wo keine Angst ist, die Welt für mich sicher sei. Und obwohl es diesen Ort für uns nirgendwo gibt, folgen wir diesem Drang. Entweder, indem wir den Dingen, denen wir sowieso ins Auge sehen müssen, allzu lange aus dem Weg gehen, oder indem wir unsere Angst in Wut ummünzen und versuchen, uns auf irgendeine Art mächtig und groß zu machen. Aber funktioniert das eigentlich, was wir da gerade tun?
Wie erkenne ich eine Verbindung zwischen Müdigkeit und Angst?
Es scheint eine große Müdigkeit umzugehen. An vielen Orten, und nicht nur in unserem Land, scheinen die Menschen dagegen anzukämpfen. Wir versuchen unsere Fitness zu verbessern, unsere Ernährung und sonst noch alles Mögliche umzustellen. Aber die Müdigkeit nimmt anscheinend zu. Viele von uns versuchen mit einer verzweifelten Anstrengung die eigene Leistungsfähigkeit, das Zeitmanagement und natürlich die Life-work-balance
zu perfektionieren. Trotz alledem scheint sich im Verborgenen etwas abzuspielen, gegen das wir nicht so richtig ankommen.
Vor einigen Jahren gab es bereits einmal das Thema der Deutschen Angst
(„The German Angst!, ein Buch von Sabine Bode). Und kontinuierlich scheint unser Angstbarometer immer wieder auf Höchststände zu klettern. Der Soziologe Heinz Bude schreibt in seinem Buch
Gesellschaft der Angst", wie aus seiner Sicht die Angst zur zentralen sozialen Kraft geworden. Welche Effekte hat das für uns?
Typische Sprichwörter zur Bedeutung von Angst liefern hierzu einen Hinweis:
Angst ist ein schlechter Ratgeber.
- Aus England
Angst macht den Alten laufen.
- Aus Deutschland
Angst verleiht Flügel.
– Ebenfalls aus Deutschland
Leonardo da Vinci sagte: Die Menschen werden jenes Ding verfolgen, vor dem sie am meisten Angst haben.
Angst lässt ihm zur Folge also unseren Blick nach außen, auf das Objekt der Angst lenken.
Die Menschen auf den Osterinseln haben merkwürdige Steinfiguren zurückgelassen, die mit weit aufgerissenen, bedrohlichen (wie man heute zu wissen glaubt „auch gemalten) Augen ins Landesinnere geschaut haben. Diese Kultur ist möglicherweise auch an ihrer Angst untergegangen. Diese Menschen haben sich durch Überbevölkerung und Ausbeutung von Ressourcen in eine bedrohliche ökologische Krise gebracht, die sie dann durch dieses „Sich-selbst-bange machen
noch verstärkt haben. Es handelt sich also wohl nicht um ein typisch deutsches, sondern um ein universell menschliches Phänomen, Angst als Antreiber und Druckmittel einzusetzen.
Angst macht aber müde, lähmt und raubt Kreativität. Wenn ich mich sonntagnachmittags schlapp und antriebsarm fühle, weil die Arbeitswoche auf mich zukommt, dann ist das Angst. Und ebenso, wenn ich mich am Montagmorgen nur schwer aus dem Bett bewegen kann. Wovor, werden sich viele fragen, sollte ich aber Angst haben, geht es hier nicht mehr um so etwas wie Frustration, Motivationsmangel und Perspektivlosigkeit - oder einfach um Faulheit? Wie kann ich also rausbekommen, ob und wovor ich gerade Angst habe?
Ich möchte jetzt 3 Fragen an unsere Selbstwahrnehmung einführen:
Weiß ich, was ich gerade mache?
Habe ich mir das selbst ausgesucht?
Funktioniert es?
In einem Zeitungs-Porträt (FAZ vom 31.01.2010) über die Vorsitzende der Mozilla - Stiftung Mitchell Baker (Internetbrowser „Firefox) entsteht in diesem Zusammenhang ein ungewöhnliches Bild einer Managerin, die als Hobbys
Trapez-Kunst und
Nähen angibt. Insbesondere das Training als Trapezartistin habe ihr ein Gefühl für Angst näher gebracht. Seit sie „fliege
- und zeitweilig habe sie dreimal in der Woche am Trapez trainiert – erkenne sie Angst besser und schneller, schildert Baker. Es habe ihr den Zugang zu diesem Zustand erst eröffnet, weil sie dieses Gefühl jetzt besser und schneller wahrnehme. So könne sie verhindern, aus einer zunächst oft unbewussten Angst heraus Dinge zu tun, die nicht gut funktionierten. Oder sich von nicht mehr sinnvolllen Aktivitäten zu lösen.
In diesem Porträt wird die persönliche Erfahrung einer erfolgreichen Frau lebendig. Mitchell Baker hat ihre steinzeitlichen Steuerungsmuster der Angst vor anderen Menschen und ihre ebenso steinzeitliche Panikreaktionen über das regelmäßige körperliche Hineinversetzen in ihre eigene Angst besser kennen gelernt. Die beschriebenen regelmäßigen Abenteuer in die Angst hinein
, wie es diese Managerin betreibt, scheinen offensichtlich die Möglichkeiten unserer eigenen „Benutzeroberfläche für ein produktiveres und selbstbestimmtes Umgehen mit Angst zu ermöglichen. Nicht nur für ängstliche Naturen würde es sich lohnen, regelmäßige kleine Abenteuer zu praktizieren. Es gibt durchaus viele Menschen, die sich intuitiv und regelmäßig mit ihrem Angstsystem in Kontakt bringen. Die anderen, wir Normalen, unternehmen aber häufig alles, um genau das zu vermeiden. Jeder von uns vermeidet für ihn ganz typische Lebensbereiche, die
unangenehm" sind.
Es ist die Vermeidung, als Folge von Angst, die uns müde macht. Wenn ich nicht mehr dahin gehe, wo ich mal hin wollte und vielleicht Spaß, Lebensfreude und Sinn fände, dann werde ich, häufig genug angespannt in meiner Vermeidung
, immer müder. Und überall dort, wo ich aus äußerem Druck heraus weiter hin muss, beispielsweise an meinen Arbeitsplatz, raubt es mir dann die allerletzten Reserven und ich laufe Gefahr „auszubrennen".
Für mich wird über das Porträt der Managerin folgendes zugespitzt:
Wir bekommen unsere Angst oft gar nicht mit!
(Und erleben stattdessen Anspannung und körperliche Beschwerden bis hin zu chronischen Schmerzen).
Wir können dabei als menschliche Wesen ganz gut mit Angst umgehen - vor allem, wenn wir uns gezielt, bewusst und entschieden damit beschäftigen (zum Beispiel Trapez fliegen, Horrorfilme ansehen, Kajak oder Motorrad fahren...).
Vor allem die bewusste und selbst gewählte Konfrontation mit unseren sozialen Ängsten haben die Wenigsten von uns gelernt. Ein regelmäßiges, auch körperliches Angstbewältigungstraining trainiert unseren Organismus offensichtlich auch, mit sozialen Ängsten klüger umzugehen.
Können wir unser Angstsystem robuster machen, indem wir unsere Flucht- und Kampfimpulse wahrnehmen lernen, ohne automatisch darauf zu reagieren?
Wie bemerken wir, wovor wir Angst haben - was vermeiden wir denn gerade?
„The essence of beeing a mammal (and, most essentially, we are mammals) is the need for, and the ability to participate in, interpersonal relationships. The interpersonal dance begins at least as early as birth and ends only with dead."
L.S. Benjamin, Interpersonal diagnosis and treatment of personality disorders
, Guilford press, New York, London 1996, Vorwort vii).
Die Autorin betont als Grundannahme ihres Buches die zentrale Regulationsaufgabe unseres Gehirns, zwischenmenschliche Beziehungen - von der Geburt bis zum Tod - zu gestalten.
Auch der Autor Thomas Fuchs beschreibt in seinem Buch „Das Gehirn - ein Beziehungsorgan unser Großhirn als ein Organ, welches sich in erster Linie zur Vermittlung und Umformung unserer Beziehungen zur Umwelt entwickelt hat (hier vor allem der Beziehungen zwischen Menschen). In seinem umfangreichen Werk
Gewalt und Mitgefühl: Die Biologie des menschlichen Verhaltens" illustriert der Neuroendokrinologe und Primatenforscher Robert Sapolsky ebenfalls neurobiologische Grundlagen der Regulation zwischenmenschlichen Verhaltens, auf denen die pragmatischen Lösungsansätze dieses Buches aufbauen.
Folgerichtig möchte deshalb ich die Frage erneut und präziser formulieren:
„Vor wem habe ich denn (als nächstes) Angst?"
„Burn-Out beispielsweise ergibt sich aus dieser Perspektive heraus als chronische Hilflosigkeit in der Selbstregulation anderen Menschen gegenüber. Das mag von der Erfahrung geprägt sein, immer wieder in Streit und eskalierende Auseinandersetzungen zu geraten und am Ende „der Doofe
zu sein. Es kann aber auch die hilflose Überforderung angesichts der Bedürftigkeit unserer Familie, der Kinder, Partner oder Eltern bedeuten. Die entsprechenden Gefühle von Angst und Ohnmacht entstehen also an der Grenze zum Anderen. Und es finden sich beruflich viele Entwicklungen, welche die Regulationsanforderungen in den Unternehmen und für Freiberufler immer höher schrauben und so zu einem dauerhaften Druckgefühl in uns führen. Das ist der Druck des Kunden auf den Mitarbeiter, der Druck des Mitarbeiters auf seine Kollegen, der Druck von Kollegen auf den Chef und wieder zurück. Und auch der Druck des Patienten, Klienten, Mandanten auf den Selbstständigen und Freiberufler.
Ich selbst bin nicht meiner Machtkämpfe müde geworden, sondern kann auch nicht erkennen, dass sie mir jemals entscheidend weitergeholfen hätten. Vor allem deshalb versuche ich aus Machtkämpfen auszusteigen, sobald ich sie mitbekomme.
Für einen Machtkampf braucht es mindestens zwei, die mitmachen.
Und ich kann mich immer entscheiden, nicht mehr dabei zu sein!
Wie können wir einen mutigen Blick für unsere Angst vor anderen Menschen entwickeln?
Ein Beispiel:
Die Tage waren gleichförmig für sie, das war fast das Schlimmste. Niemand ging ja wirklich offen gegen sie vor. Aber immer wieder war sie einfach Luft für ihre Vorgesetzten und auch für Kollegen. Gähnende Leere in den Ablagefächern starrten sie morgens öde an. Meine Patientin arbeitete in einem Unternehmen der Versicherungsbranche. Sie hatte Betriebswirtschaft studiert und konnte nach einem Abschluss mit guten Noten in verschiedenen vergleichbaren Unternehmen Berufserfahrung sammeln. Sie hatte sich sehr über ihre neue Stelle gefreut und endlich einen Arbeitsplatz in der Nähe gefunden.
„Im Grunde kann ich gar nicht beschreiben, was mit mir los ist. Ich stelle mir ständig alle möglichen Fragen, ich drehe mich damit aber nur im Kreis.
Ich verstehe nicht, wieso ein Wirtschaftsunternehmen (ich bin da über die letzten zweieinhalb Jahre praktisch ohne Funktion) mich hochbezahlt zum Inventar zählt. Ich bin da, ich koste Geld, ich frage regelmäßig nach Arbeit, nach Einbindung in den Kollegenkreis nach und nichts passiert. Eher selten ist jemand wirklich böse zu mir, häufig kommen Antworten wie: Ach, ich habe da noch was für Sie, ich lege Ihnen das ins Fach
. Aufgrund meiner Erfahrungen im Außendienst wird tatsächlich hin und wieder eine konkrete Information von mir verlangt. Wenn ich mich dann fast wie an Weihnachten fühle, dann betrachte ich mich im gleichen Atemzug schon als fast durchgeknallt – über soetwas freue ich mich jetzt schon?
Eine Zeit lang konnte ich mich mit der immer weniger werdenden Arbeit arrangieren, ich habe mich fortgebildet, das Internet am Arbeitsplatz für mich genutzt und auch angefangen, am Arbeitsplatz Romane zu lesen. Ich habe mich zunehmend für alternative Stellenangebote interessiert - aber ich bin familiär mit meinen Kindern nicht mehr so flexibel.
Ich kann nur mit wenigen Menschen über diese Situation reden, weil sie mir extrem peinlich ist. Selbst meinem Mann möchte ich das nicht mehr zumuten. Ich gehe da jeden Tag hin und bekomme mein Geld fürs Nichtstun. Wenn meine Eltern dies so wüssten, dann würden Sie mir die Schuld dafür geben. Im Grunde sehe ich es genauso. Die Situation ist absurd, ich fühle mich auch schon nicht mehr wirklich in der Realität, wenn ich dieses Büro beziehungsweise die Abteilung betrete. Ich fühle ich mich mir selbst zunehmend fremd. Das Einzige, was immer wieder ein Stück Realität in dieses bizarre Berufsleben hineinbringt, sind dann unerwartete offene und feindselige Attacken. Wie zum Beispiel, die unvermutete Ansprache an mich in einer Konferenz.
„Sie, Schneider, Sie können dann ja mal Protokoll führen. Sie sind ja sowieso öfter nicht da. Das sind Situationen, in denen ich wie gelähmt dasitze und an gar nichts mehr denken kann, keinen Ton herausbekomme und beginne, wortlos mitzuschreiben. Genau so wurde ich wohl zuletzt in der 11. Klasse des Gymnasiums. „Sie, Schneider ...
behandelt. Wenn
