Schuldig!: Krimireihe Hartmann
Von Jens R. Willmann
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Schuldig! - Jens R. Willmann
Krimireihe Kommissar Hartmann
www.KrimireiheHartmann.de
Schuldig!
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
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© Jens R. Willmann
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Sämtliche Rechte bleiben der Autorin vorbehalten.
Lektorat & Korrektorat
Von
C. Kirchner
Neuauflage
Copyright © 2013
Erstmals erschienen 2011
im
Autoren-Feder Verlag, Wuppertal
AFV
1
Lange, beinahe zu lange dauerten seine Vorbereitungen. Er hatte von seinem Vater gelernt, immer absolut akribisch vorzugehen, und nun war endlich der Augenblick gekommen, die Theorie praktisch umzusetzen.
Immer und immer wieder hatte er jeden einzelnen Schritt seiner Vorgehensweise in der engen, fensterlosen Kammer im Dachgeschoss an einer kleinen Holzpuppe ausprobiert, Berechnungen in Bezug auf Körpergröße, Gewicht, Fallhöhe und so weiter angestellt – bis er sich sicher sein konnte, dass es funktionieren würde.
Sein »Testopfer« fand er in einer billigen Absteige für Schwule, Nutten, Drogenabhängige und andere aus dieser Gesellschaftsschicht. Denn nur dort konnte er ihn nach so vielen Jahren antreffen, nachdem dessen Familie und sein Freundeskreis ihm ja wegen des damaligen Prozesses so kläglich den Rücken zuwandten. »Verlogene Bande.«
Sich sein Vertrauen zu erschleichen war leicht, wenn auch auf die Gefahr hin, dass dieser seine Maskerade entdecken würde. Er brauchte nicht mehr, als ein bisschen spendabel hier und dort zu sein, und bereits nach drei Tagen konnte er sein Opfer in ein verlassenes, abbruchreifes Wohnhaus locken, wo er ihm schließlich einen Cocktail anbot. Dann ging alles sehr schnell, die K.-o.-Tropfen taten ihre Arbeit. Nach Eintritt der Bewusstlosigkeit band er ihm die Hände auf dem Rücken zusammen und steckte ihm einen Lappen in den Mund. Der Rest schien ein Kinderspiel: Mit dem kurz zuvor gestohlenen Wagen zum Loher Bahnhof fahren, parken und schließlich an den Ort gelangen, den er ausgesucht hatte.
Er hatte diese Stelle lange beobachtet, sowohl tagsüber als auch nachts, und natürlich musste er auch abwägen, wie schnell man seine Tat entdecken könnte, aber seine Bemühungen zahlten sich nun aus. In dem alten Bahnhofsgebäude wohnte nur noch eine Familie im oberen Stockwerk. Die Schlafzimmer befanden sich im hinteren Gebäudetrakt, was er zwar nicht mit Sicherheit wusste, aber er glaubte es daran zu erkennen, dass dort immer als Letztes das Licht erlosch. Die Bewohner bekamen nicht mit, wenn ein Wagen auf den Parkplatz fuhr, auch das testete er mehrere Male. Unmöglich schien es auch, von der Rudolfstraße her etwas zu sehen, da das Grundstück etwas oberhalb lag und die Böschung gut zugewachsen war. Die stillgelegte Bahntrasse wurde fast nur von Schulkindern als Abkürzung genommen und lag auch auf der anderen Seite und der Baum konnte vom Parkplatz nicht gesehen werden, weil er durch eine Hecke halb verdeckt wurde, was ganz in seinem Sinn war, um Zeit zu gewinnen. Und genau die Zeit brauchte er, um seinen eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Er musste nur bis nach Mitternacht warten, da erst dann der Verkehr nachließ. Dies schien genau der richtige Zeitpunkt, um seinen ersten Fall erfolgreich abzuschließen. Also kein Grund, sich um irgendwas Sorgen zu machen.
Das Warten hatte endlich ein Ende und die Show konnte beginnen.
Leichter Wind kam auf, die Wolken zogen weiter und gaben den Mond wieder frei. »Das hätte nicht besser passen können«, dachte er, während sein Blick zu der Sackkarre hinüberwanderte, die nur wenige Meter entfernt stand. Nur schwach konnte er die Silhouette seines Opfers erkennen, was ihn plötzlich an einen Film erinnerte. Wenn ihm auch der Titel nicht einfallen wollte, so hatte er doch diese eine bestimmte Szene klar vor Augen. Seine Mundwinkel formten sich zu einem breiten Grinsen.
»Der Unterschied zwischen dir und diesem Filmtyp ist einfach zu erklären: Er entkam und du wirst sterben.« Obwohl sein Adrenalin zu steigen schien, fühlte er sich innerlich so ruhig wie lange nicht mehr. Genugtuung war es, was er erreichen wollte, für all die unnütz vergeudete Zeit. Zwar diente diese Nacht nur als Experiment, war aber dennoch wichtig und notwendig. Sein Opfer war nur ein kleiner Fisch – oder von ihm auch nur als notwendiges Übel bezeichnet. Jemand, auf den die Menschheit, nicht nur seiner Meinung nach, gut verzichten konnte. Ungeachtet dessen war er sich schon bewusst, dass es beim nächsten Mal nicht mehr so einfach werden würde. Er hatte nur wenig Spielraum für den Ablauf. Trotzdem musste es unbedingt gelingen, denn nun gab es kein Zurück mehr.
Schon zum zweiten Mal versuchte er, das dicke Seil über den Ast der Kastanie zu werfen, die er sich vorher ausgesucht hatte. Anfangs gestaltete sich das schwieriger als gedacht, aber beim dritten Versuch gelang es schließlich doch. Erneut sah er zu seinem Opfer rüber und überlegte, was wohl in dessen Kopf vorgehen mag. Dabei verspürte er weder Reue noch Mitleid, was ihn nach so vielen Jahren immer noch ein wenig beunruhigte. War es nur noch Routine, die diese Gefühllosigkeit auslöste?
Nachdem er das Seil endlich in Position gebracht hatte, kehrte er ruhigen Schrittes über den moosbedeckten Boden zu seinem Opfer zurück. Es schien wieder ein wenig zu Bewusstsein gekommen zu sein.
Im Schein der Taschenlampe entdeckte er an der Hose seines Opfers dunkle Stellen. Auch am Boden neben den Schuhen bildete sich bereits eine kleine Pfütze. Hämisch grinste er seinem Gegenüber ins Gesicht. »Leider habe ich keinen Spiegel.« Sein Lachen durchbrach kurz die Stille der Nacht. Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich plötzlich wieder, das Lachen brach genau so plötzlich ab, wie es eingesetzt hatte, und die Stille der Nacht kehrte zurück. Mit ernstem Blick sah er sein Gegenüber an und glaubte, ein Zittern in dessen Pupillen zu erkennen. »Weißt du, was komisch ist? Dein Opfer hatte auch Angst und sich in die Hose uriniert …«, er stockte. Uriniert? Das Wort schien ihn für einen kurzen Moment zu irritieren, aber dann fuhr er entschlossen fort: »Und genauso soll es dir nun ergehen. Obwohl, ich bin ja dein Kumpel«, sein Grinsen kehrte zurück: »Du hast Zeit, dich an Vergangenes zu erinnern, bevor dein letzter Atemzug das Ende besiegelt. Das ist doch nett, oder etwa nicht?«
Wenn auch mit Mühe, schob er die Sackkarre durch den leicht aufgeweichten Boden näher an den Baum heran und löste die Gummibänder, mit denen er sein Opfer befestigt hatte. »Gar nicht so unpraktisch, diese elastischen Bänder.« Anschließend zog er ihn von der Karre, stieß diese mit einem Fußtritt an die Seite und griff blitzartig nach dem Seil. Nun war er gespannt, ob sich die täglichen Übungen in die Praxis umsetzen ließen. Kurzerhand zog er das Seilende durch die Schlaufe der gefesselten Handgelenke und weiter zum Halsbereich. Dann knotete er seitlich eine Schlinge, die er zwar fest, aber nicht zu fest anzog. Schade, dass sein Opfer sich kaum noch wehrte und sich offensichtlich seinem Schicksal ergeben hatte. Die Nachwirkungen der K.-o.-Tropfen waren wohl noch sehr stark, vielleicht hätte er doch eine kleinere Dosis wählen sollen. Nun noch ein Stück Klebeband auf den Mund und die Prozedur konnte ihren Lauf nehmen.
Als Nächstes zog er das Foto von dem Jungen aus der Jackentasche und zeigte es ihm. »Dies soll deine Erinnerungen ein wenig auffrischen.« Mit der Taschenlampe leuchtete er auf das Bild. Er wusste, dass er damit seinem Opfer die Augen öffnete, seinen getrübten Sinnen einen Tritt gab. »Wusstest du, dass dieser Junge dort drüben im alten Bahnhof mit seinen Eltern eine glückliche Kindheit genoss? Wahrscheinlich nicht, sie endete ja abrupt, als du aufgetaucht bist. Ach ja, und hier habe ich noch etwas.« Aus seiner Tasche holte er einen verknitterten Zeitungsausschnitt und hielt ihm diesen direkt vor die Augen. »Sieh dir an, was dort steht! Er sah keinen Sinn mehr in seinem Leben, genau wie ich keinen mehr in deinem sehe. Heute, mein Lieber, wirst du merken, wie sich das anfühlt, keinen Ausweg mehr zu haben.«
Mit schmerzverzerrtem Gesicht bewegten sich die Augen langsam entlang der Schlagzeile, die durch das Licht der Taschenlampe zynischerweise wie Leuchtreklame auf ihn wirkte. Erst nach einigen Minuten, als sein Peiniger davon überzeugt war, dass er den ganzen Artikel gelesen hatte, faltete dieser das Blatt wieder zusammen und steckte es ein.
»Es könnte jetzt ein wenig unangenehm werden, aber wenn du Glück hast, wird es nicht lange dauern.« Seine Stimme klang rau, wenn auch ruhig und besonnen, während sich das Seil langsam spannte, wurden gleichzeitig die auf dem Rücken zusammengebundenen Arme allmählich aufwärtsgezogen. Durch den Lappen, den er im Mund hatte, und das Klebeband, das auf der Höhe seines vollgestopften Mundes in mehreren Schichten fest um seinen Kopf gewickelt war, war es ihm unmöglich, zu schreien. Nur ein leises Stöhnen war zu hören, was sich aber eher wie der Ruf einer Eule anhörte. Im Mondschein waren nur die weit aufgerissenen Augen, umrahmt vom schmerzverzehrten Gesicht, deutlich zu erkennen. Der Körper war noch zu schwach, um sich genügend zu wehren. Selbst wenn er es versuchen würde – es gab kein Entrinnen mehr.
Nun verloren die Füße jeglichen Kontakt mit dem Waldboden. »Nur noch ein kleines Stück, dann ist es geschafft.«
Auf Basis seiner Berechnungen hatte er eine Stelle am Seil mit einem weißen Isolierband markiert. Er zog den von ihm zum Tode Verurteilten bis zu dieser Stelle hoch. Und wieder hatte er ein hämisches Grinsen auf den Lippen, denn es passte. Der Abstand zwischen Boden und Füßen betrug knapp einen Meter. Jetzt nur schnell das Seil am Stamm des Baumes befestigen! Und es begann die Zeit des Wartens. Eigentlich war er sich sicher, dass dies nicht allzu lang dauern dürfte. Dafür war sein Opfer körperlich nicht mehr in der Lage.
Also trat er ein paar Schritte zurück, stellte sich die Sackkarre so hin, dass er darauf sitzen konnte, und ließ sich nieder. Aus seinem Rucksack holte er eine kleine Thermoskanne und schenkte sich einen heißen Schwarztee ein. Und während er einen Schluck zu sich nahm, überlegte er, nachzuhelfen, zog es dann aber doch vor, zuzusehen, bis es von allein vollbracht war. Außerdem war er ja noch nicht ganz fertig.
2
Hauptkommissar Marc Hartmann, der im Moment nur mit einfachen Bagatelldelikten zu tun hatte, saß in seinem Büro am Schreibtisch und schien angestrengt in einer Akte zu lesen.
Doch so recht konnte er sich nicht konzentrieren. Der Geruch von frischer Wandfarbe weckte Erinnerungen an seinen letzten Fall, der erst ein paar Monate zurücklag. Sein Blick wanderte hinüber zu der nämlichen Stelle. Wo die Frau, die nicht nur ihre Kinder auf dem Gewissen hatte, sondern auch ihren Mann erschoss, sich vor ein paar Monaten eine Kugel in den Kopf jagte.
Auch die immer wiederkehrenden Bilder der drei toten Kinder wollten nicht verblassen. Nachts war es ganz besonders schlimm. Er wachte schweißgebadet auf und irrte dann ziellos im Haus umher. Zwar hatte ihm sein Chef, Dr. Vogel, nahegelegt, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, doch auch hier konnte Hartmann noch keine Besserung feststellen, sodass er es erst einmal dabei beließ. So recht wollte er auch nicht daran glauben, dass er mit seinen Problemen nicht auch selbst fertig würde.
Er wollte auch nicht nur an sich denken, sondern für seine Frau da sein, die zu dem Zeitpunkt gerade schwanger war. Die ganze Schwangerschaft lief so problematisch ab, dass bis zum Schluss nicht feststand, ob alles gut gehen würde. Die ständigen Schmerzen seiner Frau und auch die unregelmäßigen Herztöne seiner inzwischen geborenen Tochter Nadine bereiteten ihm und den Ärzten ziemliche Sorgen. Zwischenzeitlich war sogar von einem Abbruch die Rede. Aber es ging alles gut.
Plötzlich musste Hartmann lächeln, als er sich daran erinnerte, wie ihn seine Frau vor der Geburt anrief, um ihm mitzuteilen, dass sie wieder in die Klinik müsse. Ohne weiter nachzufragen, hatte er einfach aufgelegt und war zum Bethesta Krankenhaus geeilt. Dort in der Neugeborenenabteilung angekommen, fragte er nach seiner Frau. Doch die Schwester konnte ihm nicht weiterhelfen. »Ihre Frau ist nicht hier«, hatte sie ihm geantwortet. Doch er ließ nicht locker. »Wie, sie ist nicht hier? Wir haben eben telefoniert, und sie sagte mir, dass sie wieder in die Klinik müsse.« Doch die Krankenschwester schüttelte nur den Kopf. »Es tut mir leid, ich kann ihnen nicht sagen, wo Ihre Frau ist, aber hier jedenfalls nicht.« Hartmann wurde daraufhin sauer und ärgerte sich über sich selber, weil er wohl wie so oft zu früh aufgelegt hatte. Eilig suchte er nach seinem Handy und rief seine Frau an. Nach dem zweiten Läuten meldete sie sich. »Wo bist du?«, fragte er immer noch völlig aufgelöst. Chantal lachte, wenn es sich auch etwas gequält anhörte. Es dauerte, bis sie antworten konnte. Dann erklärte sie ihm, dass sie erst am nächsten Tag in die Klinik müsste. Hartmann schlug sich mit der Hand an die Stirn und fluchte, nachdem er wieder sehr schnell aufgelegt hatte, über seine Blödheit. Beschämt erklärte er die Situation der Krankenschwester, die sich freundlich lächelnd von ihm abwandte.
Hartmann sah auf die Uhr, die an der frisch gestrichenen Wand in seinem Büro hing, halb neun. Heute schien die Zeit besonders langsam zu vergehen. Er nahm einen Schluck von dem kalt gewordenen Kaffee. Das Fenster stand offen. Der Sommer neigte sich nun endgültig dem Ende zu. Nachts ging das Thermometer schon mal unter die zehn Grad, was er besonders zu spüren bekam, wenn er zum Rauchen auf die Terrasse ging, weil er wieder nicht schlafen konnte. Früher hatte er ja noch sein Raucherzimmer, aber das musste er für die kleine Nadine räumen. Manchmal schritt er auch hinüber zu der großen alten Eiche, die sich im hinteren Teil seines Gartens befand, und setzte sich auf die schon in die Jahre gekommene alte, morsche Holzbank, nur bekleidet mit einem Bademantel. Jedes Jahr nahm er sich vor, dieser alten Bank einen neuen Anstrich zu verpassen, doch auch dieses Jahr würde es wohl nichts mehr werden. Und wenn er dann dort so saß und auf die Morgendämmerung wartete, grübelte er über sein Leben, seine Familie, aber auch ganz besonders über seinen Beruf nach. Natürlich hatte er viel erreicht. Als kleiner Verkehrspolizist hatte er mal angefangen, und nun war er Hauptkommissar. Viele Fälle konnte er mit seiner ganz eigenen, außergewöhnlichen Art lösen. Doch es wurde ihm mehr bewusst, dass gerade die letzten drei Fälle seine Psyche angegriffen hatten und der letzte machte ihm immer noch schwer zu schaffen.
Im Kommissariat Wuppertal Elberfeld, galt er als kalt und gefühlslos, eben als harter Hund. Doch diese charakteristischen Eigenschaften fingen an zu bröckeln. Zwar ließ er bisher keinen Fall so nah an sich heran, aber die Brutalität, mit der die vermeintliche »Stiefmutter« ihre adoptierten Kinder tötete, war für ihn unfassbar. Was ihn damals auch besonders belastet hatte, war der Gedanke, drei Kinder tot, und er würde bald wieder Vater werden. Doch diesen Gedanken sprach er nie offen aus. Eigentlich sollte man solche Dinge in einem Lebensalter von 42 Jahren viel besser verarbeiten können, aber diese Bilder, wie sie die Kinder aufgefunden hatten und wie sich dann am Ende die Mutter erschoss, sie wollten einfach nicht aus seinem Kopf.
Das wirkte sich auch auf seine körperliche Verfassung aus. Seine Frau nannte ihn oftmals liebevoll »Dicker«. Er war immer sehr schlank und sportlich gewesen, mit zunehmendem Alter hatte sich aber so langsam ein kleines Bäuchlein unter dem Hemd abgezeichnet. Doch wenn Chantal es nun sagte, sah er ihren sorgenvollen Blick. Ihm wurde dann wieder bewusst, dass er die letzten zwei Monate wieder ziemlich abgenommen hatte. Aber er verspürte einfach keinen Hunger mehr, Essen war wie eine Strafe geworden, die ihm sein Körper aufbrummte.
Um das alles verarbeiten zu können und endlich zur Ruhe zu kommen, ging er immer mal wieder auf den Friedhof, um die Gräber der Kinder zu besuchen. Meistens hielt er sich etwas abseits auf und so sah er wiederholt eine junge Frau im roten Mantel, die wie aus dem Nichts auftauchte und kurz am Grab der Kinder verweilte. Sie legte jedes Mal eine Blume für jedes der Kinder nieder und verschwand dann genauso schnell wieder, wie sie gekommen war. Ob sie ihn schon einmal wahrgenommen hatte, wusste Hartmann nicht. Er kam auch gar nicht dazu, sie einmal anzusprechen. Sie schien jung, vielleicht Anfang dreißig, lange, dunkle Haare, schlank, beinahe mager, was trotz Mantel zu erkennen war, und sie hatte ein zierliches, blasses Gesicht. Hartmann vermutete, dass sie vielleicht Osteuropäerin
