Über dieses E-Book
Andrea Kayser
Andrea Kayser, * 1958 in Pforzheim, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, liebt das Schreiben von Kurzgeschichten und märchenhaften Erzählungen. Sie lebt und arbeitet seit mehr als dreißig Jahren auf der schweizerischen Seite des Bodensees. 2017 veröffentlichte sie zusammen mit Margit Koemeda das Buch »Mail-Match-Ing«, Neun Etüden für Schlaflose. 2020 erschien ihr Roman »Der Schlagbaum«.
Andere Titel in Von Elfen und Menschen Reihe ( 13 )
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Buchvorschau
Von Elfen und Menschen - Andrea Kayser
Für Ben und Nina
Inhaltsverzeichnis
Von der Elfe, die sich verlaufen hatte
Dimo
Von Zapfen, Tannenhähern und Anderem
Max
Von der Elfe, die sich verlaufen hatte
Kjass schüttelte sein Fell.
Nach erfolgreicher Jagd war er genüsslich im offenen Wasser zwischen den treibenden Eisschollen umhergeschwommen und hielt nun auf die Landspitze zu. Lediglich sein Kopf mit der schwarzen Nase war noch zu sehen. Der große Eisbär kam zügig voran, ein kraftvoller, schneller Schwimmer. Schließlich hievte er sich ans Ufer und stapfte den Hügel hinauf. Der steife Nordwind sträubte sein Fell und ließ die letzten Wassertropfen augenblicklich erstarren. Eine fahle Sonne zeigte sich am Himmel, die Tage wurden bereits wieder länger.
Die Macht des Winters schien gebrochen, der kurze arktische Sommer ließ sich bereits in der kalten Luft erahnen und verhieß Allen bessere Zeiten. Das galt allerdings nicht für ihn. Als Eisbär hasste Kjass die kommenden weißen Tage und Nächte. Die Robben würden sich weit draußen tummeln, im offenen Meer, für ihn unerreichbar. Zu vorsichtig und zu flink waren sie, als dass er sie dort erwischen könnte. Aber jetzt war er satt und zufrieden.
Etwas trieb ihn vorwärts. Der Anstieg vom Ufer war recht steil, Kjass spürte das zusätzliche Gewicht, das er sich angefressen hatte. Ihm wurde warm. Der riesige Eisbär verhielt im Schritt und ließ seine schwarze Zunge heraushängen. Plötzlich sah er sich irritiert um, gleich darauf setzte er sich wieder in Bewegung. Seine empfindliche Nase hatte einen seltsamen Geruch wahr genommen. Diamanten gleich flirrten Kristalle in der Luft.
Kjass überquerte eine Ebene. An einer windgeschützten Stelle lag ein Bündel. Es erinnerte ihn an die Kleider, welche die Menschen an sich trugen. So etwas mochte er nicht. Andererseits: Ob man es essen konnte? Kjass schnupperte daran. Es roch nach Wald. Inmitten von Eis, Schnee, Felsen und braunen Wiesen ein eher fremdartiger Geruch. Es erinnerte ihn an die Pflanzen, die ihm in den nächsten Monaten vielleicht den knurrenden Magen etwas beruhigen würden. Im Notfall. Will heißen, im äußersten Notfall. Lieber waren ihm Vogeleier, die sich während der Brutzeit unterhalb des großen Felsens im Süden der Halbinsel im Gras finden lassen würden.
Neugierig stupste er in dem Bündel herum und schnüffelte. Zwei Augenblicke später knallte ihm etwas auf seine glänzende schwarze Nase. Völlig verdutzt setzte er sich hin. Was war das? Ein schlagendes Bündel, das nach Wald roch und ihn anblitzte. Höchst kriegerisch.
Kjass schluckte. Dann richtete sich auf. Mit seinen achthundert Kilo bei knapp drei Metern Länge ein eindrückliches Bild.
»Beruhige dich«, kam es von unten. »Ist ja schon gut! Es tut mir leid. Ich bin bloß furchtbar erschrocken. Wach du mal auf und hab so ein großes, schnüffelndes Maul im Gesicht. Da muss man doch einfach zu Tode erschrecken, findest du nicht?«
»Wo sie recht hat, hat sie recht, Kjass. Komm mal wieder runter.« Das kam von Lasse.
Lasse war ein schlanker graubrauner Polarfuchs mit dunklen Knopfaugen. Er fraß gerne, was Kjass ihm von den Robben übrig ließ, bevor sich die Möwen darüber her machten. Momentan sah er etwas zerfleddert aus. Sein plüschig weißer Winterpelz begann bereits auszufallen. Lasse kratzte sich ausgiebig hinter dem Ohr.
Schnüffelndes Maul?! Kjass schwieg empört. Eisbären schnüffeln nicht, sie riechen sehr, sehr gut. Kilometerweit übers Eis.
»Wo kommst du denn her, Kleine? So etwas wie dich haben wir hier noch nie zu sehen bekommen«, fragte Kjass, jetzt neugierig geworden.
»Klein!« Empört sprang das in lumpige grüne Fetzen gehüllte Etwas nun seinerseits auf die Füße. Kjass und Lasse registrierten verwundert, dass es kein bisschen rutschte oder nachgab. Oder so etwas wie Angst hatte. Sie fanden das interessant.
»Wer bist du?« fragte Kjass. »Bist du eine Sie?«
»Ich bin Emma«, stellte die Sie sich höflich vor. »Eigentlich heiße ich Emmanuela Fragola Glockenstern. Aber ich finde, Emma passt besser.«
»Aha«, meinte Lasse.
Kjass meinte gar nichts. Er hatte nichts zu tun und keine Lust mehr auf einen Spaziergang. Er begann, sich die Tatzen abzulecken. Sie waren sehr groß. Er brauchte lange.
»Nicht zu fassen«, meinte Lasse in Richtung Kjass. »Das Dings da, Emma, die schläft schon wieder tief und fest. Wo kommen wir denn hin, wenn keiner mehr vor uns Angst hat? Wer schläft denn schon zwei Meter neben einem Eisbären? Und dann noch neben dem König von Spitzbergen, lieber Kjass«, schmeichelte Lasse mit samtweicher Stimme.
