Generation Corona: Über das Erwachsenwerden in einer gespaltenen Gesellschaft
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Über dieses E-Book
Mit der Corona-Krise ist kein neuer Geist in die Gesellschaft gekommen, keine neue Gemeinschaftlichkeit, keine gesteigerte Achtsamkeit für die Nächsten und schon gar keine neue Innerlichkeit und Selbstreflexivität. Die Corona-Pandemie hat nichts anderes bewirkt, als dass vorhandene Widersprüche verstärkt, vorhandene Ungleichheiten größer, alte Ängste drastischer, das allgemeine Gefühl der Fremdbestimmtheit dramatischer geworden sind.
Der Soziologe und Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier über die Folgen der Pandemie für die junge Generation.
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Buchvorschau
Generation Corona - Bernhard Heinzmaier
DIE SOLIDARITÄT
DER AMEISEN
Die Verse des deutschen Lyrikers Günter Bach beschreiben treffend die Zeit, in der unserer Jugend heute zu leben zugemutet wird, eine Zeit des Klassenkampfes von oben, in der die Reichen und Mächtigen bestrebt sind, sich das „Volk" so herzurichten, dass es sowohl in der Produzent:innen- als auch in der Konsument:innenrolle funktioniert, wie es deren Profitinteresse und der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung am besten dienlich ist.
Um nur zwei Beispiele zur Untermauerung dieser pessimistischen Zeitdiagnose aufzuführen: In den Auslieferungslagern von Amazon werden die sogenannten Picker von einem ausgeklügelten elektronischen Überwachungssystem ständig kontrolliert. Dabei wird die Zeitdauer kleinster Handgriffe gemessen und mit der vorgeschriebenen Normzeit verglichen. Ist die Abweichung zu groß, wird ein Vorarbeiter vom System losgeschickt, um nach dem Rechten zu sehen und den Abweichler wieder auf Linie zu bringen. Gleichzeitig observiert der Konzern mit Hilfe des berüchtigten amerikanischen Sicherheitsunternehmens Pinkerton Aktivist:innen von Fridays for Future und Gewerkschafter:innen, also Menschen, die den inhumanen und ausbeuterischen Praktiken des digitalen Kapitals kritisch gegenüberstehen (vgl. Rast in: Junge Welt vom 2. Dezember 2020: 1).
Das Geschäftsmodell von Amazon beruht auf der skrupellosen Ausbeutung seiner Mitarbeiter:innen und der professionellen Bespitzelung von Kritiker:innen. Der Konzern agiert damit nicht allein als Wirtschaftsunternehmen; er ist längst auch zu einem Akteur der Politik geworden, der in den politischen Wettbewerb durch Überwachung und Einschüchterung von politischen Gegner:innen und durch Lobbying eingreift. Amazon steht für Klassenkampf von oben, für den Aufstand der Reichen gegen die Armen.
In einer Marktgesellschaft, in die das Kapital in Kooperation mit einer konformistischen Politik unsere Lebenswelt verwandelt hat, diktiert vor allem das digitale Kapital den Gang der Dinge. Die sogenannten Big-Tech-Unternehmen schrecken nicht davor zurück, jedes Machtmittel, über das sie verfügen, gegen demokratische Staaten einzusetzen, um ihre wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen.
Exemplarisch dafür die Auseinandersetzung zwischen Facebook und Australien im Februar 2020: Dem internationalen Konzern passte es nicht, dass das australische Parlament ein Gesetz beschloss, das auch Facebook dazu verpflichtet, für Nachrichten, die die Plattform von professionellen Anbietern wie Verlagshäusern übernimmt, Lizenzgebühren zu bezahlen. Als Reaktion darauf verhängte Facebook über Australien eine Sperre aller Nachrichteninhalte. Und was besonders perfide war, es wurden auch die Internetseiten von Hilfsorganisationen, dem Katastrophenschutz und von medizinischen Diensten gesperrt.
Die Australier ließen sich aber nicht erpressen. Vielmehr versuchten sie ein Bündnis mit anderen Staaten zu schließen, um dem arroganten und rücksichtslosen Internetgiganten entgegenzutreten. Der australische Ministerpräsident Scott Morrison meinte erbost, dass Big-Tech-Unternehmen agierten, als seien sie größer und wichtiger als demokratisch gewählte Regierungen und von Parlamenten beschlossene Regeln für sie nicht gelten würden. Riesige Unternehmenskonglomerate, deren Führung kein Mensch gewählt hat, tun so, als wären sie die Herren der Welt. Die Staatengemeinschaft wird ihnen, vor allem auch im Interesse der Generation Corona, einen Riegel vorschieben müssen, denn die überwiegende Mehrheit der Nutzer:innen von Facebook, Instagram und TikTok sind junge Menschen, Menschen im Alter von unter 40 Jahren, und es muss verhindert werden, dass diese jungen Nutzer:innen in 20 Jahren in einer Diktatur der Internetmonopole leben müssen (vgl. dazu Hein et al. in: FAZ vom 19. Februar 2021: 17).
Die großen digitalen Monopolbetriebe wie Google, Amazon und Facebook, um nur die bedeutsamsten Köpfe dieser epidemisch wachsenden Hydra zu nennen, bestimmen heute wesentlich, wer mit seiner Meinung zu Wort kommen darf und wer nicht. Die Begründung, warum Bücher aus dem Verkauf genommen oder Videos und Tweets gelöscht werden, sind gespickt mit Großbegriffen wie Wahrheit, Demokratie, Gerechtigkeit, Ethik und Hass, Worte, die, obwohl allgemein und abstrakt, über so große moralische Wucht verfügen, dass sie sich zum Totschlagen jeder Meinung eignen, ohne dass dazu ein vernünftig überprüfbares Argument ins Spiel gebracht werden muss. Das Fatale ist, dass sich die digitalen Monopole dabei einer unschuldigen Sprache aus dem „Reich der religiös-moralischen Idiosynkrasie bedienen, mit der geschickt verschleiert wird, welchem antidemokratischen Vorgehen man hier „den Mantel sublimer Worte
umlegt (Nietzsche 1986: 17).
Von YouTube angefangen über Twitter bis hin zu den Diskussionsforen der Tageszeitungen herrscht heute eine „Cancel Culture", die mit religiösem Eifer durch die Reinigung der Sprache die Welt vom Bösen zu erlösen versucht. Und die digitalen Monopole beteiligen sich gerne an diesem lächerlichen Spiel, weil sie damit hinter der verlogenen Fassade moralischer Ziele ihr wahres Interesse verbergen können, das Erwirtschaften von Profiten, egal wie desaströs die Auswirkungen ihres hemmungslosen Wachstums- und Steigerungsspiels für Gesellschaft, Kultur und Natur sind.
„Cancel Culture" ist mehr, als dass dem durchgedrehten und letztlich abgewählten Präsidenten der USA, Donald Trump, der Twitter-Account gelöscht wird, obwohl er in den letzten Jahren durchaus als Erzeuger von Awareness der Marke Twitter willkommen und nützlich war. Auch das Video des Vorsitzenden der FPÖ, Herbert Kickl, das YouTube löschte, in dem er die tatsächlich erbärmliche Performance der österreichischen Bundesregierung in der Corona-Krise kritisiert, ist nur ein nebensächliches Ereignis. Viel relevanter ist, dass die weltweit herrschenden Wirtschaftsmonopole des digitalen Kapitals auf die Informationspolitik der Medien bereits so großen Einfluss haben, dass deren rücksichtsloser Umgang mit Menschen und Natur von den reichweitenstärksten Zeitungen und TV-Sendern nicht mehr thematisiert wird.
Als Beispiel, um zu zeigen, worum es beim Thema „Cancel Culture" wirklich geht, sei wieder der Konzern des reichsten Mannes der Welt, Jeff Bezos (sein Vermögen wird von Forbes auf 121 Milliarden Dollar geschätzt), angeführt. Jeff Bezos gehört zu den 650 Gigareichen in den USA, die zusammen mehr als 4 Billiarden US-Dollar besitzen. Das Vermögen dieser Superkapitalisten ist damit doppelt so hoch wie das gesamte der ärmeren Hälfte der rund 330 Millionen Einwohner:innen des Landes (vgl. Rast in: Junge Welt vom 31. Dezember 2021: 1).
Jeff Bezos’ Unternehmen gehört zu den großen Profiteuren der Corona-Krise. Die in der Marktgesellschaft systematisch zu Dauerkonsument:innen erzogenen Menschen verlieren den Lebensgrund und stürzen in Depressionen, wenn sie nicht mehr konsumieren können. Im Corona-Lockdown, in Zuge dessen auch Geschäfte und Einkaufszentren, die Kult-Orte der von Gott verlassenen transzendental Obdachlosen, geschlossen blieben, war zum Glück Amazon da, um die leidenden Konsumsüchtigen mit ihren Drogen zu versorgen. Mit dem Lieferservice – auch die Branche der Zusteller:innen und Lieferant:innen wird im wachsenden Maße von Amazon kontrolliert – wurden die begehrten Güter an die Tür der aufgeregt auf Glücks- und Sinnnachschub wartenden Eingeschlossenen gebracht. So konnte Amazon die am Konsumentzug leidenden Verhaltenssüchtigen auch in Corona-Zeiten versorgen und sich selbst mit fetten Profiten noch reicher, mächtiger und einflussreicher machen.
Weniger fürsorglich als mit seinen süchtigen Konsument:innen geht Amazon mit seinen Mitarbeiter:innen um. So weigert sich der Konzern nach wie vor in Deutschland, Gewerkschaften als Verhandlungspartnerinnen zu akzeptieren und über Tarifverträge zu reden. Engagieren sich Mitarbeiter:innen gewerkschaftlich, haben sie mit Repressalien oder gar der Kündigung zu rechnen. Zudem hat Amazon im Jahr 2019 gezielt unter ehemaligen Soldaten um Mitarbeiter für Leitungspositionen geworben. Offenbar soll in den Logistikzentren im Befehlston und mit starker Hand geführt werden (vgl. Lindner in: Junge Welt vom 26. November 2020: 1).
Die letzte große Schlacht um die Mitbestimmung der Mitarbeiter:innen im Amazon-Konzern wurde in den USA, im Bundesstaat Alabama geführt. Im dortigen Logistikzentrum, so nennt man jetzt beschönigend die Auslieferungslager, wo „Picker" unter größtem Zeitdruck die bestellten Waren zusammentragen müssen, haben Gewerkschafter:innen versucht, einen Betriebsrat zu gründen. Dieses Vorhaben hat die Unternehmensführung des Konzerns erbittert bekämpft. Um die Abstimmung über die Einführung des Betriebsrats unter den Mitarbeiter:innen negativ zu beeinflussen, wurde sogar auf den Toiletten Propagandamaterial ausgelegt und eine spezielle Internetseite eingerichtet, auf der gegen die Gewerkschaften gehetzt wurde. Am Ende war der Druck des Konzerns auf die Mitarbeiter:innen zu groß, die Mehrheit sprach sich entgegen ihrer eigenen Interessen gegen die Einrichtung des Betriebsrates aus.
Während der Konzern im Jahr 2020 seinen Umsatz um 38 % auf 386 Milliarden Dollar gesteigert hat und den Jahresgewinn verdoppeln konnte, knausert er bei den Löhnen, setzt seine Mitarbeiter:innen unter permanenten Leistungsstress und Kontrolldruck und ist nicht bereit, die Selbstorganisation seiner Angestellten zu akzeptieren. An diesem Beispiel zeigt sich der massive Unterschied zwischen der europäischen und der amerikanischen politischen und Wirtschaftskultur. Während in Europa eine soziale Marktwirtschaft besteht, die den Arbeiter:innen und Angestellten zumindest Branchenkollektivverträge und die Wahl von gewerkschaftlichen Vertretungen zugesteht, ist in den USA ein Markttotalitarismus am Werk, der auf den Klassenkampf von oben setzt und den Beschäftigten so viel wie möglich vom Mehrwert abpresst, den diese für das Unternehmen erwirtschaften. Während dem europäischen Kapital von der Arbeiterklasse in Klassenkämpfen der Korporatismus, eine Form der institutionalisierten Zusammenarbeit zwischen Unternehmer- und Gewerkschaftsvertreter:innen, aufgezwungen wurde, herrscht in den USA ein Manchester-Liberalismus, der den Arbeiter:innen und der Mittelklasse gerade so viel Subsistenzmittel zugesteht, dass sie überleben können, und mitleidslos dabei zusieht, wie Menschen in Trailer Parks hausen und sich nicht einmal eine Krankenversicherung leisten können. Diese Art Wirtschaftskultur hat den USA vier Jahre Trump beschert und noch bei den letzten Wahlen bewirkt, dass 73 Millionen Amerikaner:innen den republikanischen Wut-Politiker:innen ihre Stimme gaben. Trump war der Knüppel, mit dem die Armen und Unterprivilegierten auf das digitale Kapital und das Finanzkapital einzuschlagen versuchten.
Über all das wird in den reichweitenstarken Medien wenig bis gar nicht berichtet. Um über die Arbeitskämpfe bei Amazon etwas zu erfahren, muss man zu medialen Nischenprodukten wie den Tageszeitungen Junge Welt oder Neues Deutschland greifen. Und genau das ist die wirkliche „Cancel Culture" unserer Tage. Die Mainstreammedien blenden systematisch Nachrichten aus, die das Image der digitalen Großkonzerne schädigen und deren Profite schmälern könnten.
Während das digitale Großkapital seine Arbeitnehmer:innen überwacht, zu Niedriglöhnen arbeiten lässt und gewerkschaftliche Arbeit systematisch behindert, lässt Amazon am 27. November 2020 in einer ganzseitigen Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Geflüchteten als Vorzeigemitarbeiter zu Wort kommen, der in einem Auslieferungslager des Unternehmens offenbar sein großes Glück gefunden hat:
„Ich habe nicht ein Wort Deutsch gesprochen. Als ich aus Syrien hier ankam, habe ich niemanden verstanden. Ich musste
