Tod im Töttchen
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Über dieses E-Book
Nach dem „Treffer in Telgte“ ist dies der zweite Krimi, den eine Gruppe örtlicher Autoren unter dem Pseudonym M. Ord(t)schreiber verfasst hat. Die Leser dürfen sich auf ein Wiedersehen mit vielen kauzigen Typen aus dem Erstlingswerk freuen.
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Buchvorschau
Tod im Töttchen - M Ord(t)schreiber
ASCHENDORFF
CRIMETIME
M. ORD(T)SCHREIBER
TOD IM
TÖTTCHEN
KRIMINALROMAN
A_Verlag_Signet_Grau.epsAschendorffs
EPUB-Edition
Vollständige E-Book-Ausgabe des im Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Umschlagabbildung: Heinrich Schwarze-Blanke
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Copyright © 2010/2012 Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG, Münster
ISBN der EPUB-Ausgabe: 978-3-402-19671-7
ISBN der Druckaugabe: 978-3-402-12878-7
Sie finden uns im Internet unter
www.aschendorff-buchverlag.de
Vorwort
Vorbemerkung
Alle eventuell auftretenden Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig. Ähnlichkeiten mit real existierenden Örtlichkeiten sind dagegen durchaus beabsichtigt. Allerdings haben wir uns erlaubt, diese nach unseren Bedürfnissen, d.h. denen unserer Handlung, umzugestalten. So haben wir in der Herrenstraße ein Restaurant eröffnet, welches man dort vergeblich suchen wird. Eine Gräfin von Gallenhausen hat weder auf Haus Langen gelebt noch an der Realschule unterrichtet, und selbstverständlich sind weder die Realschule noch Haus Langen jemals Schauplatz solch krimineller Machenschaften gewesen, wie wir sie im Folgenden beschreiben!
Die AutorInnen
1
1.
Wie sie das hasste. Sie stand vor ihrem Kleiderschrank und wusste mal wieder nicht, welche Klamotten sie einpacken sollte. Sechs Tage würde sie in Telgte bleiben. Ihre Eltern freuten sich schon. So oft kam das schließlich nicht vor, dass Tanja Bergmann sie besuchte. Seit acht Jahren lebte sie in Köln. Der Job hatte sie dorthin verschlagen. Beim Lebensmittelüberwachungsamt der Domstadt war damals eine Stelle ausgeschrieben. Sie hatte sich beworben und wurde genommen. Weg aus Telgte, weg aus der kleinbürgerlichen Enge. Sie wollte raus. Auch deshalb, weil kurz zuvor ihre Beziehung zu Sven in die Brüche gegangen war. Seine großkotzige Art ging ihr irgendwann tierisch auf den Wecker. Wenn sie allein waren, konnte er so liebevoll sein. Aber wehe, sie tauchten gemeinsam irgendwo auf. Da ließ Sven immer öfter den Macho raushängen. Wenn er obendrein was getrunken hatte, konnte er richtig eklig werden. Nein, irgendwann war sie so weit, dass sie das nicht länger ertragen wollte, zumal die Lebensmittelkontrolle beim Kreis Warendorf, wo sie fünf Jahre gearbeitet hatte, auch immer langweiliger geworden war. Sie kannte zwischen Wadersloh und Everswinkel längst jede Pommesbude und jeden Supermarkt. Es reichte. Deswegen war sie froh, dass sie mit ihrem Umzug nach Köln alles hinter sich lassen konnte. Sollten andere doch denken, dass es wie eine Flucht ausgesehen habe. Das war ihr schnurz.
Jetzt würde sie Sven wieder sehen. Denn für den 30. April hatten Klara, Sabine und Ute zum Klassentreffen eingeladen. Vor 20 Jahren hatten sie die Realschule verlassen. Normalerweise mochte sie solche Revival-Veranstaltungen nicht sonderlich. Aber dieses Mal würde es ja möglicherweise ganz lustig werden. Immerhin hatte sie die meisten Mitschüler von einst schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr gesehen. Und Freya von Gallenhausen hatte auch zugesagt. Die Klassenlehrerin. Eine unglaublich taffe Frau, die inzwischen längst pensioniert war. Sie verstand den Lehrerjob schon damals nicht nur als Beruf, sondern als Berufung. Sie wusste alles über Schüler. Ob die Eltern noch zusammen waren, ob die Kinder morgens ohne Frühstück zur Schule kamen, ob der Vater die Mutter schlug.
„Gabi, leist du mir deinen grauen Cardigan? rief Tanja rüber in die Küche. Dort brühte sich ihre Mitbewohnerin gerade einen Kaffee auf. Gabi würde demnächst schon 50. Sie bildeten schon eine merkwürdige WG. Zwei Frauen, der große Altersunterschied. Sie selbst eine 36-jährige Beamtin, ihre Freundin eine arbeitslose Buchhändlerin. „Klar, kein Problem.
Gabi trug ebenfalls Kleidergröße 40 und war nicht eigen mit ihren Klamotten. Und eitel schon gar nicht. Beide bevorzugten bequeme Sachen. Keine teuren Fummel. H & M, Esprit, ruhig auch Takko, das waren die Läden, in denen die Frauen fündig wurden. Ein, zwei Hosenanzüge hatte Tanja auch im Schrank. Für die offiziellen dienstlichen Anlässe, wenn sie irgendwo ein Restaurant von Amts wegen schließen musste. Wegen unhaltbarer hygienischer Zustände. Kam nicht oft, aber es kam halt vor.
Die Hosenanzüge blieben im Schrank. Sie hatte nicht vor, sich fürs Klassentreffen oder auch für die Tage zu Hause bei ihren Eltern sonderlich aufzubrezeln. Ihre Mutter legte darauf sowieso keinen Wert. Ihr Vater schon gar nicht. Beide wohnten noch immer in ihrem kleinen Einfamilienhaus in der Winkhaus-Siedlung. Ihr Vater hatte in dem Industriebetrieb 44 Jahre an der Werkbank gestanden. Ihre Mutter hatte ein paar Mark dazuverdient, als Aushilfe in einem Friseursalon auf der Königstraße, den es längst nicht mehr gab. Große Sprünge konnten sie sich zeit ihres Lebens nicht leisten. Im Sommer mal 14 Tage an die Nordsee, das Haus musste abbezahlt werden. Ihre Eltern waren jetzt 69 und 71. Ihr Rentnerdasein lief in festen Bahnen. Einmal in der Woche ging ihre Mutter zum Strickclub, ihr Vater zum Doppelkopfspielen. Sie hätten so gerne Enkelkinder gehabt. Im Moment fehlte es Tanja dafür am passenden Partner. Und eine Änderung der Situation zeichnete sich weit und breit nicht ab.
„Wir freuen uns auf dich, Kind, hatte ihre Mutter vor ein paar Tagen am Telefon gesagt. „Kind
, das hatte sie wirklich gesagt und wohl auch so gemeint. Einmal Kind, immer Kind. Egal, ob sechs oder 36 Jahre alt. Tanja nahm es so hin. Sie hatte keine Lust, über solche Belanglosigkeiten mit ihrer Mutter zu streiten. Und was sie essen wolle, hatte die Mutter gefragt. Ob sie „Spanisch Frikko kochen solle. „Oh ja, gerne
, hatte Tanja geantwortet. Bei diesem Gericht wurden Kindheitserinnerungen wach. Ein einfaches Essen: klein geschnittene Kartoffeln, viel Zwiebeln und zerbröseltes Gehacktes, ein Brühwürfel, scharf gewürzt mit Pfeffer, Salz und Fondor wurden als Eintopf gekocht. Daran konnte sich Tanja als Kind sattessen. „Spanisch Frikko" – das kannte sonst niemand. Eben ein bergmannsches Familiengericht.
„Tschüss dann, ich bin nächsten Freitag wieder da." Tanja umarmte ihre Mitbewohnerin, griff nach der blauen Reisetasche und ließ die Wohnungstür ins Schloss fallen. Knapp zwei Stunden später fuhr sie mit ihrem grünen Renault Clio von der Autobahn ab und bog auf die B 51 ein. Kurz vor Telgte blickte sie erstaunt aufs Rochus-Hospital. Der riesige Gebäuderiegel war verschwunden. Einzelne, frei stehende Häuser waren entstanden.
Keine fünf Minuten später hielt sie vor ihrem Elternhaus am Knapp.
„Schön, dass du da bist." Ihre Mutter hatte vor lauter Freude die Tränen in den Augen stehen. Der Kaffee war fertig. Frisch gebackene Nussecken standen auf dem Tisch. Mutter und Tochter quatschten über Gott und die Welt. Tanjas Vater hatte sich hingelegt. So konnte er das angeregte Gespräch wenigstens nicht stören.
Das Klassentreffen, so hatte sie der Einladung entnommen, würde im „Töttchen stattfinden. Als sie das letzte Mal in Telgte war, gab‘s das noch nicht. Deshalb schlenderte sie am späten Nachmittag schon mal durch die Stadt, um es sich anzusehen. Von außen wirkte das Lokal sehr einladend. Das Fachwerkhaus in der Herrenstraße hatte lange leer gestanden. „Das Essen soll nicht schlecht sein
, hatte ihre Mutter von Frauen ihres Strickclubs gehört, die schon mal drin gewesen waren.
Tanja wollte sich überraschen lassen. Am Nachmittag des nächsten Tages zog sie ein weißes Top zu Gabis Cardigan an, dazu eine schlichte Jeans. Ihr schulterlanges, blondes Haar band sie zu einem Pferdeschwanz zusammen. „Ich geh’ dann", gab sie ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange und steckte ihren Kopf auch noch kurz ins Wohnzimmer, wo ihr Vater die Nachrichten guckte.
Er begann wie jeder Tag. Alexa Solinger stand früh auf, um sich für die Morgenrunde fertig zu machen. Seit sie in Telgte die Stelle als Dorfpolizistin hatte, joggte sie jeden Morgen die gleiche Strecke, um den Kreislauf in Schwung zu bringen.
An der Kirche vorbei, über die beiden Emsbrücken, ein Stückchen an der Ems entlang und im Bogen wieder zurück. So genoss sie es auch dieses Mal wieder, die klare Frühlingsluft mit jeder Faser ihres Körpers zu spüren. Obwohl Feiertag war, hatte sie es im Bett nicht mehr ausgehalten. Zu dieser Zeit traf sie selten eine Menschenseele, höchstens mal einen völlig verschlafenen Gassigänger. Ja, Telgte hatte schon manchmal den Anschein eines verschlafenen kleinen Dorfes gemacht. Und um diese Uhrzeit am ersten Mai erst recht. Anfangs hatte sie beim besten Willen nichts Positives an Telgte gefunden. Aber allmählich hatte sie das beschauliche Städtchen kennen und lieben gelernt, auch wenn die Arbeit sie nach wie vor stark unterforderte. Doch mit den Aufstiegschancen bei der Polizei sah es im Moment leider schlecht aus, und da sie keine Lust auf den ganz normalen Wach- und Wechseldienst hatte, hatte sie das Stellenangebot in Telgte nach langem Zögern angenommen.
Wie sie so ihren Gedanken nachhing, hatte sie ihre Runde schon fast beendet. Sie schaute noch einmal nach links, um Paul, den Mann im Schwimmreifen, zu grüßen. Ein kleines Ritual, das sie sich angewöhnt hatte. Sie wusste selbst nicht, warum. Schließlich konnte der gemütliche Dicke nicht zurückgrüßen. Er war ein Relikt der „Alltagsmenschen", einer Ausstellung, die Telgtes Ruf als Kulturhauptstadt des Münsterlandes noch weiter gestärkt hatte.
Irgendetwas kam Alexa komisch vor. Irgendwie sah Paul anders aus. Hatten etwa randalesüchtige Jugendliche versucht, ihn zu zerstören? Sie kehrte noch einmal zurück, um ihn genauer zu betrachten. Nein, Paul an sich war unversehrt, aber da schwamm etwas, irgendwas hatte sich wohl an Paul verhakt. Es kam häufiger vor, dass sich dort ein Ast verhakte. Aber das war kein Ast, dafür war es viel zu groß. Da ist ja… das gibt´s ja wohl nicht… „Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?! Kommen Sie sofort da raus!" schrie sie noch, dann stolperte sie auch schon die steile Böschung hinunter und sprang in die Ems. Sie merkte gar nicht, dass das Wasser eiskalt war, sie war nur darauf fixiert, nicht abzutreiben und dem Wehr gefährlich nahe zu kommen. Sie war eine gute Schwimmerin. Bei Paul angelangt sah sie, dass das Gesicht der Person sich komplett unter Wasser befand. Sie riß sich zusammen und faßte den leblosen Körper an. Bevor sie sich beherrschen konnte, entglitt ihr ein spitzer Schrei. Die Person war eiskalt. Es war eine Frau. Alexas Blut gefror. „Komm schon, du bist ein Profi, und du benimmst dich jetzt gefälligst auch
