Auf dem Weg zum Chimborazo: Bergsteigen in Ecuador und andere Abenteuer
Von Olaf Lorenz
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Über dieses E-Book
Das Buch enthält 38 s/w-Abbildungen.
Olaf Lorenz
Olaf Lorenz wurde 1966 in Jena geboren. Seinen Grundwehrdienst leistete er Ende der achtziger Jahre in der DDR in Ahrensfelde bei Berlin. Er ist Diplom-Bauingenieur, lebt in Berlin und hat zwei Töchter, Nele (11) und Jette (9). Im selben Verlag ist vom Autor bereits ein Abenteuerbuch unter dem Titel „Auf dem Weg zum Chimborazo“ erschienen.
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Buchvorschau
Auf dem Weg zum Chimborazo - Olaf Lorenz
I. Teil
Auf dem Weg zum Chimborazo
Alexander von Humboldt
„Dann endlich, wie ein Schlag ins Gesicht, der erste Anblick des Chimborazo. Nicht Mensch und Tier mehr, auch nicht ihre Geräusche. Nur er, der gletscherhäuptige Riese. 6.310 Meter hoch. Majestätisch, unerschütterlich, unbezwingbar. Ein von der Natur aufgetürmtes Tabu. Die Herausforderung."
„Am 23. Juni 1802 nahmen wir den Chimborazo in Angriff. Er gilt als sehr friedlich, weil sein hartes Gefels bei keinem Erdbeben wankt, weil er kraterlos ist. Der Tag war düster und neblig, wir sahen den Gipfel nur gelegentlich. In der Nacht zuvor hatte es tüchtig geschneit.
Wie alle großen Nevados hatte auch der Chimborazo einst an seinem Fuß große Seen in mehreren Stufen übereinander gebildet, die man heute, ausgetrocknet, als unermessliche Ebenen vorfindet. Das sind die Llanos Luisa und auf 3.700 Meter, der große Llano von Sisgun. In letzterem beabsichtigte ich, die bis zum Gipfel verbleibende Höhe zu messen. Das Gelände ist ausgezeichnet und bietet eine glatte und ausgedehnte Basis. Ich hatte den Sextanten und den künstlichen Horizont mitgenommen, aber das schlechte Wetter verhinderte alles. Auf 4.050 Meter liegt die kleine Lagune von Yanacocha, ein kreisrundes Becken. 290 Meter höher beginnt der nackte Fels zutage zu treten, in einer sehr seltsam schwammigen Art, fast wie Koks. Hier stieg ich vom Maultier, und wir marschierten über viereinhalb Stunden im Schnee. Unsere Begleiter blieben bis zur Grenze des ewigen Schnees im Sattel. Versteinert von der Kälte ließen sie uns im Stich, nur Bonpland, Carlos Montùfar und drei Indios mit dem Barometer und anderen Instrumenten folgten mir weiter. Die Indios blieben auf nahezu fünftausend Meter schließlich auch zurück, trotz aller unserer Verhandlungen. Sie versicherten, vor Atemnot sterben zu müssen, und dabei hatten sie uns noch vor wenigen Stunden mitleidig betrachtet und gesagt, allein würden die Weißen es nicht bis zum Schnee hinauf schaffen.
Wir gelangten höher, als ich es gehofft hatte. Wir fanden ein Felsband, einen sehr bedenklichen Grat von kaum fünf bis sechs und manchmal nicht zwei Zoll breite. Zur Linken fiel der Hang, von einer Firnkruste überzogen, erschreckend steil ab. Zur Rechten lag kein Krümel Schnee, dafür war diese Hangseite mit großen Felstrümmern übersät. Wir durften wählen, ob wir uns an diesen Blöcken, die uns in drei- oder vierhundert Metern Tiefe hübsch empfangen würden, die Glieder zerschmettern oder lieber auf der anderen Seite über das Eis in einen noch tieferen Abgrund sausen wollten. Letztere Aussicht schien uns die schlimmere. Die Kruste war dünn, man würde im Schnee begraben werden ohne jede Hoffnung, das Tageslicht wiederzusehen. Darum hielten wir immer den Körper ein wenig nach rechts geneigt. Wir vergnügten uns damit, Steine über das Eis rollen zu lassen. Wir verloren sie oft aus den Augen, ehe sie zum Stillstand kamen. Über unseren Grat zogen sich die gleichen Geröllreihen, wie sie uns schon vom Antizana (5.790 m) her gut vertraut waren. Diese Ähnlichkeit und die verbrannte Materie, die wir auf Schritt und Tritt fanden, ließen keinen Zweifel, dass wir direkt über Eruptionsgestein aufstiegen. Es wurde bald so steil, dass wir nur mehr auf allen vieren vorwärts kamen. Wir verletzten uns an den spitzigen Steinen, unser aller Hände und Füße bluteten. Man wollte sich festhalten an einem Felsstück, stattdessen brachte man es in dem feinen Sand in Bewegung und gefährdete sich mehr als durch das Hinfallen, das man zu vermeiden trachtete. Wir meinten, inzwischen fast so hoch wie am Antizana zu sein. Das Barometer zeigte 5.540 Meter an.
Wir fanden uns noch ausreichend bei Kräften, obwohl wir vor Kälte kaum noch die Füße spürten, das Schneewasser war uns in die miserablen Stiefel gelaufen, die man hierzulande macht. Wir stiegen weiter, der Grat flachte ab, aber die Kälte nahm mit jedem Schritt zu. Wir litten rasend unter Atemnot, und noch schlimmer quälte uns der Brechreiz. Ein Bauer aus San Juan, der uns besten Willens folgte, ein sehr robuster Mann, versicherte, er habe sich sein Leben lang nicht so schlecht im Magen gefühlt. Außerdem bluteten wir aus dem Zahnfleisch, aus den Lippen, das Weiß unserer Augäpfel war blutunterlaufen. Bei Carlos Montùfar, er besaß den blutvollsten Körper, zeigten sich die Phänomene am erschreckendsten. Wir fühlten Kopfschwäche, einen dauernden, in unserer Situation sehr gefährlichen Schwindel. Der Nebel wurde undurchdringlich. Der Geröllzug hörte nicht auf, und so hatten wir doch einen Schimmer Hoffnung, das Ziel zu erreichen. Wir erkannten einmal wieder, und zwar ganz nahe, den domförmigen Gipfel des Chimborazo. Es war ein ernster, großartiger Anblick. Wir kletterten noch eine halbe Stunde. Doch eine wenigstens 175 Meter tiefe und etwa 20 Meter breite Kluft beendete den Aufstieg. Hier waren uns die Säulen des Herkules gesetzt. Wir standen auf 5.920 Meter Höhe, also über den Gipfeln Antizana und Cotopaxi. Es fehlten uns nur noch 390 Meter. Unser Haar, unsere Bärte und Brauen waren vereist. Mit größter Sorgfalt nahmen wir Luftproben.
Kann man höher gelangen? Von dieser Seite schwerlich. Der Zug von Ausbruchsgeröll setzt sich jenseits der Kluft fort, die folglich jünger sein muss als die Eruption, durch die sie entstand. Aber wie eine Brücke von zwanzig Metern schlagen, wie da hinüberkommen? Und selbst angenommen, es gelänge, der Gesteinszug endet wahrscheinlich gar nicht auf dem Gipfel, obgleich ein Krater, von dem er sich herabzieht, sehr dicht daran liegen müsste. Durch das Fernrohr haben wir gesehen, dass der Gipfel vollkommen beschneit ist, nirgendwo tritt nackter Fels hervor. In den europäischen Alpen läuft es sich gut auf dem Schnee. In dem schärferen Frost, der dort herrscht, gefriert er entweder von oben oder von unten her und trägt einen Menschen. Im Schnee der Provinz Quito kann man zehn Meter tief einsinken, wir haben es am Antizana erfahren, am Pichincha und vor allem hier am Chimborazo, wo Carlos Montùfar sich einmal fast im Schnee verloren hätte. Zweifellos gibt es auch in den hohen Anden steinharte Stücke, ein Gemisch aus Eis und Schnee; wer hier nur kennt, wessen man sich für die Eisgetränke bedient, bildet sich ein, die Gipfel der Nevados bestünden ganz aus diesem versteinten Schnee. Aber davon kann nicht die Rede sein, er nimmt überall nur ein kleines Gebiet ein, und was die Nevados hauptsächlich bedeckt, ist wie Stärkemehl oder ähnelt dem frisch gefallenen Schnee in Frankreich.
Das glaube ich, ist dem Erreichen des Chimborazogipfels hinderlicher als die Atemnot. Es ging uns zweifellos sehr schlecht in 5.920 Meter Höhe, doch uns allen schien, selbst wenn es noch ärger käme, blieben wir bewegungsunfähig. Eigentlich ist schwer zu beurteilen, in welchem Grad die Schwierigkeiten zunehmen, und es könnte durchaus geschehen, dass einem die Lungengefäße bersten und man einen Blutsturz erleidet. Und welchen Nutzen zöge man daraus, seine Instrumente noch 390 Meter höher zu schleppen, wenn das Gebirge ohnehin nicht zu magnetischen Experimenten taugt, weil das Porphyrit-Magnesium-Gestein die Magnetnadel so leicht beeinflusst und selbst Pole besitzt.
Allerdings hätte ich meine Neugierde gern befriedigt und nachgesehen, ob es da oben einen Krater gibt. Betrachtet man den Gipfel durchs Fernrohr, so verliert der Gedanke an Wahrscheinlichkeit. Man sucht in dem einheitlichen Gipfelsegment vergeblich nach Felsen, die eine grundmauerartige Umrandung bilden, wie es auf dem Cotopaxi und wenn auch nicht so deutlich, auf dem Tungurahua der Fall ist. Aber man darf dem Vergleich nicht allzuviel Bedeutung beimessen. Der Gipfel des Rucupichincha, von Puengasì oder Chillos aus gesehen, verrät durch nichts seinen Krater. Unser Blick verfolgte den Geröllzug, über den wir bis zu der Kluft gekommen waren, jenseits noch wenigstens achtzig Meter weiter hinauf, und wir entdeckten darin vier bis fünf Fuß lange poröse, gebrannte Stücke. Dies alles macht den Chimborazo unleugbar eines Kraters verdächtig, der sich wieder geschlossen hat.
Unsere Rast auf der ungeheuren Höhe war mehr als traurig und düster. Der Nebel ließ uns nur zeitweise in die Abgründe ringsum blicken. Kein Lebewesen, kein Insekt, nicht einmal der Kondor, der am Antizana über unseren Köpfen dahingeschwebt war, belebte die Lüfte. Kleine Moose waren die einzigen Organismen, die uns erinnerten, noch der bewohnten Welt anzugehören.
Wir taten gut daran, hinabzusteigen. Noch immer 5.650 Meter hoch, begann es zu hageln und dann, sechshundert Meter tiefer, zu schneien, und zwar so heftig, dass binnen nicht einmal zwanzig Minuten zehn bis zwölf Zoll fielen. Wir trugen kurze Stiefel, einfache Kleidung, keine Handschuhe, sie sind hier kaum bekannt; man stelle sich unser Befinden vor. Die Hände blutig gerissen, mit einem kranken, von Geschwüren bedeckten Fuß jeden Moment an kantige Steine stoßend, jeden Schritt zu prüfen gezwungen, weil der Weg unter dem Schnee verschwunden war – dies meine nicht eben vergnügliche Lage. Doch wer an Strapazen gewöhnt ist, tröstet sich leicht über physische Schmerzen hinweg. Wir sammelten, wie schon beim Aufstieg, viele Steine, von denen wir zwei Kollektionen nach Madrid und Paris schickten und eine dritte bei uns behielten für das königliche Kabinett in Berlin. Wer in Europa würde nicht einen Stein vom Chimborazo haben wollen und wo hätte ein Kabinett bis zu diesem Tag einen besessen? Wir sind die ersten Naturalisten, die dem Koloss eigens einen Besuch abgestattet haben.
Die Chimborazo-Expedition war in mehrfacher Hinsicht bedeutsam für uns. Auf den Tag vor drei Jahren hatten wir auf Teneriffa den Pic de Teide bestiegen. Es war unsere letzte Expedition in den Nevados der Provinz Quito, und wir schlossen mit dem höchsten Berg ab und auf dem höchsten Punkt, den wir und jemals Menschen überhaupt erreicht haben. Schade, dass der Chimborazo von all unseren Schneegipfeln der pflanzenärmste ist. Nichts als Gräser, eine Vegetation ohne Kraft und Lebendigkeit, die nicht zur Schönheit dieses Riesen passt.
Der 25. Juni war der denkbar herrlichste Tag. Welch ein Jammer, diesen Tag hätten wir für den Chimborazo-Aufstieg wählen sollen!"
Humboldt, Reisetagebücher
Alexander von Humboldt korrigierte nach späteren Berechnungen ihre erreichte Höhe von 5.920 Meter auf 5.881 Meter. Man vermutet nach heutigen Erkenntnissen, dass er „nur" auf eine Höhe von ungefähr 5.400 Meter kam. Unter den damaligen Verhältnissen, sicher eine grandiose Leistung.
Die späten Anfänge
Wie kommt man als sogenannter Flachlandtiroler zum Bergsteigen? Vor allem, wenn man in einem 108.333 Quadratkilometer großen Staat aufgewachsen ist, der mit dem 1.214 Meter hohen Fichtelberg im Erzgebirge die höchste Erhebung aufwies und man selbst diese damals noch nicht bestiegen hatte.
Da es inzwischen ja bekanntlich nur noch einen deutschen Staat gibt, konnte ich meinen Horizont, der sich bis dahin nur auf einige RGW-Staaten beschränkt hatte, erweitern. Für diejenigen die es nicht wissen sollten, oder schon wieder vergessen haben, RGW war die Abkürzung für den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe.
Nachdem ich im August 1991, für meine damalige Spielstärke recht erfolgreich, an der Go-Europameisterschaft (asiatisches Brettspiel) im belgischen Namur teilgenommen hatte, wollte ich noch mit Holle zwei Wochen in der Schweiz und in Italien trampen.
Aus einer Bierlaune heraus, ich weiß nicht mehr wann und wo das gewesen ist, beschlossen wir, dass wir bei dieser Gelegenheit einen Dreitausender machen wollten. Wir wussten weder wo, noch wie wir dies bewerkstelligen sollten. Aber wir hatten es uns fest vorgenommen. Bis jetzt beliefen sich unsere Erfahrungen auf ein oder zwei Zweitausender in der Hohen Tatra, das allerdings im Winter. Wir hatten somit schon einige „Winterbesteigungen" aufzuweisen …
St. Moritz, September 1991. Von Lecco am Comer See, über Chiavenna kamen wir schließlich nach St. Moritz. Ein Schweizer Geschäftsmann war so freundlich, uns bis hierhin mitzunehmen. Es war eine sehr rasante und beeindruckende Fahrt für uns. Hier sahen wir unsere ersten Berge, die den Fichtelberg um das Dreifache an Höhe überragten.
Für fünfunddreißig Schweizer Franken quartierten wir uns in die Jugendherberge des 1.822 Meter hoch gelegenen St. Moritz im Oberengadin ein.
Inzwischen waren wir nun schon zehn Tage unterwegs. Da die Zeit langsam knapp zu werden schien, haben wir für St. Moritz nur zwei Nächte und einen Tag vorgesehen. Ein weiterer Grund für unseren sehr kurzen Aufenthalt waren ohne Zweifel die Finanzen. Hier gibt es weder einen McDonald’s noch einen Aldi oder ähnliches. Ihr wisst ja wie das so ist, als Student hat man eben selten genug Geld in der Tasche. Später hat man dann zwar das nötige Geld zur Verfügung, aber leider keine Zeit mehr, so ist halt das Leben. Für uns ist St. Moritz einfach eine Nummer zu groß. Es blieb also nicht sehr viel Zeit, um uns für einen Dreitausender der Umgebung zu entscheiden.
Am frühen Abend schlenderten wir durch St. Moritz, um irgendwelche Informationen über die Dreitausender hier zu erhalten. Mit Schrecken mussten wir feststellen, dass man fast auf jeden dieser Berge mit der Seilbahn hinauffahren kann. So haben wir uns das aber nicht vorgestellt! Einen Dreitausender mit einer Seilbahn zu erreichen, nein das war nun wirklich nicht unser Ziel. Obwohl wir jetzt ein wenig geknickt waren, suchten wir weiter. Nun fanden wir doch noch einen Berg, wo keine Seilbahn hoch fährt und der für uns auch an einem Tag zu erreichen war, denn wir hatten ja nur noch diesen einen.
Wir entschieden uns für den Piz Rosatsch. Dieser Berg liegt östlich vom Champferer See und ist 3.123 Meter hoch.
Nun hatten wir unseren Berg. Aber was nun? Unsere ganze Vorbereitung bestand darin, dass wir uns eine Büchse Bohnen für unterwegs gekauft hatten. Spezielle Ausrüstung besaßen wir auch nicht, so dass es keiner weiteren Vorbereitungen bedurfte. So dachten wir jedenfalls. Wir waren eben die echten Halbschuhtouristen, wie man so schön sagt. Am Abend sind wir weder zeitig ins Bett gegangen noch sind wir am Morgen rechtzeitig aufgestanden. Zehn Uhr empfanden wir als angemessene Startzeit. Wir liefen mit Jeanshosen und mit flachen Turnschuhen.
Es zeigte sich sehr bald, dass das nicht die richtige Anzugsordnung war. Der Piz Rosatsch ist nämlich ein einziger Geröllberg. Auch unser Marschtempo war nicht sehr klug gewählt. Wir liefen viel zu schnell und kamen demzufolge auch sehr schnell ins Schwitzen und mussten deshalb auch öfter Rast machen. Wir überholten regelmäßig einen älteren Mann, der uns mit seinem gemütlichen Tempo bei jeder Rast immer wieder einholte. Kurzum, wir machten alles falsch was man nur falsch machen konnte. Trotzdem gelangten wir bis kurz unterhalb des Gipfels. Jetzt wurde es ein richtiger Kletterberg. Wir waren vielleicht zwanzig Meter unter dem Gipfel. Was jetzt noch vor uns lag, war für uns schwerste Kletterei und vor allem sehr exponiert. Wir beschlossen daraufhin, hier unsere Gipfelfotos zu machen. Im Nachhinein betrachtet, bei unserer damaligen Erfahrung oder besser gesagt Nichterfahrung, eine sehr weise Entscheidung, die wir bis heute nicht bereut haben.
Nun machten wir auf unserem Gipfel die Bohnen, die wir mithatten, warm und aßen sie in aller Ruhe auf. Dabei schenkten wir den bedrohlich näherkommenden schwarzen Wolken keinerlei Beachtung. Ehe wir uns versahen, waren wir bereits im dicksten Gewitter.
Bei dem nun folgenden Abstieg schlug ich eine Abkürzung vor, die, wie es bei fast allen Abkürzungen der Fall ist, keine war. Sie endete nämlich vor einem tiefen Abgrund. Nun beschlossen wir, unseren alten Weg zu suchen und von dort zurückzugehen. Durch das viele Geröll knickten wir unzählige Male um, und unsere Knie schmerzten auch schon etwas. Knöchelschuhe wären wohl doch nicht schlecht gewesen. Jedenfalls kamen wir irgendwann, ich glaube es war so gegen sieben Uhr am Abend, in der Jugendherberge von St. Moritz an und waren stolz auf unseren ersten Dreitausender. Uns fehlten zwar noch rund zwanzig Höhenmeter, aber das war uns egal. Wir hatten jedenfalls unser erstes Bergabenteuer gut überstanden.
Am nächsten Tag hieß es dann wieder Säckel packen und zusehen wie wir hier wieder weiterkommen.
Ein älteres Ehepaar nahm uns mit ihrem Auto gleich bis nach München mit. Als Dank dafür gaben sie uns dann noch zwanzig Mark, damit wir beim Oktoberfest, wo wir unseren Berg feiern wollten, auch auf ihr Wohl anstoßen konnten. Der Piz Rosatsch war eigentlich gar nicht so etwas Besonderes zum feiern, nicht einmal für uns. Wir suchten halt nur irgendeinen Grund. Stimmt's Holle?
Grindelwald, August 1992. In diesem Jahr sollte es nun ein Viertausender werden. Ich gebe ja zu, dass es bis jetzt so aussieht, als ob wir nur in die Berge gehen, um persönliche Höhenrekorde aufzustellen. Zum Anfang war es auch so. Inzwischen verbindet uns doch mehr mit den Bergen als nur ihre Höhen. Wir legen jetzt viel mehr Wert auf die Schönheit der Touren. Uns ist es völlig egal, ob es sich dabei um einen Dreitausender oder einen Viertausender handelt.
Dieses Mal begannen wir mit unseren Vorbereitungen nicht erst zwei Tage vor dem Abmarsch, sondern ein dreiviertel Jahr früher.
Der vorletzte Tag des Jahres 1991 ist gerade angebrochen. Falk und ich wühlen in einer Burgstädter Buchhandlung, Falks Heimatstadt. Wir sind auf der Suche nach einem „brauchbaren" Viertausender für uns. Was würde sich da mehr anbieten als das Land der Eidgenossen. Hier stehen diese Berge mit ihrer für europäische Verhältnisse magischen Grenze nur so herum.
Wir suchen also in den Schweizer Landkarten nach einer Region, wo viele dieser Berge zu finden sind. Schließlich legten wir uns auf das südlich von Bern gelegene Berner Oberland fest. Dort fanden wir nicht weniger als neun Viertausender. Da müsste sich doch einer für uns als passend erweisen. Falk bestellte sogleich ein Bergführerbuch für diese Region und ich erklärte mich bereit, Karten für dieses Gebiet zu organisieren.
Inzwischen ist ein dreiviertel Jahr vergangen. Wir sind mit meinem alten Mitsubishi-Lancer unterwegs nach Grindelwald. Neben Falk ist natürlich auch Holle wieder mit von der Partie.
Grindelwald ist eine 3.600 Seelen große Gemeinde im Schweizer Kanton Bern, am Nordrand der Finsteraarhorngruppe in den Berner Alpen. Es ist ein weltbekannter Luftkurort, der den Ausgangspunkt für viele Hochgebirgs-und Gletschertouren bildet.
Das berühmt-berüchtigte Dreigestirn Eiger-Mönch-Jungfrau ist das Herzstück der Berner Alpen. Seine grandiose Architektur ist einmalig. Man kann sich kaum vorstellen, dass dieses Wunderwerk alpiner Tektonik ehemaliger Meeresboden sein soll, der durch die Kollision zweier Kontinente zusammengestaucht, emporgehoben und durch die nachfolgende Erosion gefurcht und abgetragen wurde. Während der Mönch und die Jungfrau über viertausend Meter aufweisen können, zählt der Eiger mit seiner berühmt berüchtigten Nordwand, zum Glück für uns, nicht zu den Viertausendern. Er fällt somit für unsere Überlegungen erst einmal heraus. Für dieses Jahr zumindest.
Nachdem wir in Grindelwald ankamen, schlugen wir unsere Zelte auf dem Zeltplatz „Eiger-Nordwand" auf. Dort erfuhren wir dann auch von einem Bergsteigerzentrum in Grindelwald, das wir anschließend auch gleich aufsuchten. Hier hörten wir, dass der Mönch ein sehr beliebtes Hochtourenziel ist. Der Grund hierfür ist, dass er vom Jungfraujoch relativ leicht zu erreichen ist. Vor allem seine Anstiege vom Süden sind kurz und verhältnismäßig einfach. Das ist genau der Richtige für uns, beschlossen wir einstimmig.
Für zweihundertundzwanzig Schweizer Franken pro Person können wir sogar einen Bergführer mieten, sagte man uns. Allerdings nimmt er nur zwei Personen mit. Wir bräuchten demnach also zwei Bergführer und das würde uns dann noch viel mehr kosten.
Das ist ja so gut wie geschenkt, dachten wir und gingen erst einmal wieder. Was nun folgte, war eine dreitägige Diskussion. Wir überlegten, ob wir einen Bergführer brauchen oder nicht und wenn ja, ob wir uns den auch leisten können. Den könnten wir uns natürlich nicht leisten, aber wir kamen schließlich zu dem Schluss, dass unsere Sicherheit vorgeht und wir deshalb diese Tour nur mit einem Bergführer machen werden. Wir brauchten also noch einen vierten Mann oder Frau, wie sich später herausstellen sollte, um den Gesamtpreis etwas zu drücken.
Holle
