Über dieses E-Book
Das Haus, die Wohnung, die berühmten vier Wände und das Dach über dem Kopf, im Griechischen der "Oikos", sind Grundelemente menschlichen Existierens. Unstetes Hausen hat die Stetigkeit des Behaustseins als Ziel. Der Oikos ist Initial von Ökologie und Ökonomie in gleichen Maßen. Zu allen Zeiten haben Menschen aus unterschiedlichsten Perspektiven über die großen Zusammenhänge dieser mensch(heit)lichen Existenzialien nachgedacht – mit großartigen Inspirationen, Einsichten, Ideen und Anregungen zur Beantwortung der Grundfragen nicht zuletzt unserer Gegenwart. In 66 fiktiven "Gesprächen", basierend auf Originaltexten seiner "Gesprächspartner", gräbt Kurt E. Becker elementare Schätze zur Sicherung einer für uns alle lebenswerten Zukunft aus, voller Hoffnung und Mahnung. Eine Fundgrube für jeden Suchenden in unserer vielfältig gefährdeten Welt. – Die Nummerierung im Titel ist Programm. Die Reihe fiktiver Gespräche wird fortgesetzt
Kurt E. Becker
Dr. phil. Kurt E. Becker, Journalist, Kommunikationsprofi, Medien- und Executivecoach für Führungskräfte der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens, ist in der Medienbranche in unterschiedlichen Funktionen aktiv. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher zur Frage des Menschseins in unserer Zeit.
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Buchvorschau
OIKOS 1 - Kurt E. Becker
Einleitung
Anthropogene Kipppunkte des Hausens und des Behaustseins
Die uns vertraute Welt ist in Turbulenzen geraten. Krisen, Katastrophen, Kriege. Die große Mehrheit der Menschen vor allem hierzulande zwischen Glücksburg und Sonthofen, Selfkant und Görlitz erlebt die Turbulenzen allerdings noch immer lediglich mittelbar durch die Vermittlung der Medien. Zumindest in unseren Breiten real betroffen ist von Fall zu Fall bislang nur eine Minderheit. Zum Beispiel durch Naturkatastrophen wie die im Ahrtal 2021. Aber ein generelles Unbehagen macht sich allenthalben dennoch breit. Die Bilder aus der Ukraine, Somalia oder dem Gazastreifen, um wenigstens drei Beispiele aktueller Schreckensszenarien am Ende des ersten Viertels des 21. Jahrhunderts zu nennen, gehen unter die Haut. Hinzu kommen die aus den geopolitischen Verwerfungen resultierenden Verlustängste. Europa, so will es scheinen, wird zum Spielball der Autokraten, selbst wenn diese demokratisch gewandet sind wie Donald Trump. Samuel P. Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen vom Ende der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts und dessen damit verbundene Annahme einer „Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert
haben sich auf eine dramatische Art und Weise bestätigt. Die Idee einer Raison d’Être einer in kühnen Träumen möglich erschienenen „Weltkultur" wurde ad absurdum geführt.
Jede Kultur entwickelt noch immer ihre eigene Logik des Überlebens – allen voran die chinesische, russische und US-amerikanische. Trumps „MAGA", Make America Great Again, gilt genauso für Xis China und Putins Russland. Mächtige, monolithische Reiche definieren das geopolitische Einmaleins im ersten Jahrhundert des dritten Jahrtausends nach christlicher Zeitrechnung. Die Kultur der Stärke und der skrupellos Starken ist zurück im planetaren Alltag der Politik.
Und wie steht es in diesem Zusammenhang um uns Europäer, um die europäische Kultur? Lässt sich die überhaupt vereinheitlichen? Mehr noch: Gibt es denn überhaupt eine „europäische Kultur – als Sammelsurium etwa der vielen nationalen Kulturen auf dem alten Kontinent? „Great
wären auch Europas Staatslenker gern. Aber deren Realität spricht aus vielerlei Gründen eine andere Sprache. Zweifellos jedenfalls geht zum Beispiel durch unsere deutsche Gesellschaft ein tiefer Riss: Die politischen Lager und Weltanschauungen sind nur noch begrenzt mehrheits-, kaum noch kompromiss- und schon gar nicht mehr konsensfähig. Nicht anders sieht es in den meisten anderen Ländern Europas aus. Ein fatales Szenario mit dem Potenzial, Demokratie und Freiheit im Mahlwerk tatsächlicher, scheinbarer oder herbeigeredeter Schicksalshaftigkeit der Weltgeschichte pulverisiert zu sehen. Vom möglichen Verlust unseres Wohlstands gar nicht erst zu schreiben. Dabei sind es eben genau die divergierenden ökonomischen Interessen, die dem Spaltpilz den Nährboden liefern. Überall auf der Welt wird halt ein komfortabler Platz an der Sonne gesucht. Und wer ihn gefunden hat, gibt ihn ungern wieder auf. Genau diesen Platz an der Sonne genießen die europäischen Staaten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in bevorzugter Art und Weise und, wie sich nun erweist, mit einer an Naivität grenzenden Selbstverständlichkeit. Dieser Selbstverständlichkeit hat Donald Trump in brachial erfolgreicher Art und Weise unmissverständlich den Garaus gemacht. Das Charisma des selbst ernannten universalen „Dealmakers" hat eine noch nie dagewesene Qualität kommunikativen politischen Handelns in einem demokratischen Staat evoziert, das vor der Präsidentenwahl in den USA so gut wie gar nicht für möglich gehalten worden war. Durch seine mit überwältigender Mehrheit der Wählerstimmen Realität gewordene Wiederwahl konnte Trump sich in einer noch niemals zuvor gesehenen Art und Weise weltpolitisch mit einer Melange aus Egoismus, Eitelkeit, Skrupel- und Ruchlosigkeit sowie der Verfolgung eigennützig persönlicher Interessen positionieren, die westliche Hemisphäre und deren Einflusszonen zum US-amerikanischen, aber auch persönlichen Golfplatz degradierend mit einigen europäischen Politzwergen am Platzrand.
Es macht mich in diesem Zusammenhang nicht froh, diese persönliche Fußnote sei hier gestattet, die Wiederwahl Trumps allen Expertenmeinungen zum Trotz schon sehr früh vorausgesagt zu haben. Demokratisch legitimiert hat Trump mittlerweile einem archaischen Hausen weltweit Tür und Tor geöffnet.
Wie auch immer: Besinnung und nüchterne Distanz sind in Anbetracht dieser so und nicht anders gewordenen Wirklichkeit in unserem 21. Jahrhundert das Gebot larmoyanter europäischer Befindlichkeit einerseits und daraus resultierender realpolitisch notwendiger zukünftiger Entscheidungsfindung andererseits. Verifizierter Fakt ist: Wir haben es demnächst mit einer Weltbevölkerung von zehn Milliarden Menschen zu tun. Folgen wir den hierzulande sozialromantisch noch immer als legitim akzeptierten und respektierten Allgemeinen Menschenrechten, ist jede(r) Einzelne dieser zehn Milliarden ausgestattet mit dem individuellen Anspruch auf Glück und ein gutes Leben in einem friedvollen Behaustsein. Wie aber wollen und können wir diesem Anspruch genügen? Genau das ist die Kardinalfrage unseres mensch(heit) lichen Hausens und Behaustseins, unserer mensch(heit) lichen Zukunft schlechthin. In der von mir traditionell verwendeten Terminologie formuliert: Die Ambivalenz unsteten Hausens strebt nach Ruhe an sich in der Stetigkeit des Behaustseins. Das scheint mir durchaus eine Art Naturgesetz des Menschseins zu sein. Mit dem Behaustsein einher geht ein Besorgtsein um das eigene Wohlergehen einerseits und – in glückseligen Momenten der Weltgeschichte – auch um das Wohlergehen des nahen und des fernen Nachbarn andererseits, sind wir alle doch vorübergehend Gäste auf dem einen Planeten Erde mitten in der kalten Unendlichkeit eines unergründlichen Weltalls. Martin Heidegger hatte diese Überlegungen mit dem Begriff „Wohnen assoziiert, der Weise also, wie wir Menschen in der Welt sind und uns zu ihr verhalten. Damit hebt er ab auf eine existenzielle Erfahrung des Menschseins schlechthin und auf die damit verbundene verantwortende Gestaltung einer spezifischen Umgebung im Besonderen einerseits, sowie auf unsere verantwortende Sorge um das große Ganze im Allgemeinen andererseits. Die umgreifende Verantwortung, wie sie sich in der universalen „Verantwortungsethik
eines Hans Jonas manifestiert, ist im Heute unseres Daseins zum Beispiel im erfolglosen Versuch bürokratischer Reglementierungen à la ESG (Environmental, Social, Governance) versandet. Stattdessen machen Autokraten wie Donald Trump, Putin und Xi ihre eigenen Regeln der Stärke im globalen Spiel um Macht und Einfluss.
Gönnen wir uns in Anbetracht dieser Ausgangslage eines „Global Playing von selbstgewissen Hegemonen, die die Welt als ihre Spielwiese betrachten, den Luxus, einen Blick zurück zu tun und die Gedanken, Theorien und Inspirationen der in der Geistes- und Kulturgeschichte relevanten Vorfahren ein weiteres Mal in Gesprächsform anzuzapfen. Wie schon in meinem Buch „Der behauste Mensch
tue ich dies in Gestalt fiktiver Dialoge. Ich befrage die Goethes, Schopenhauers, Simmels, Webers, Luxemburgs, Weils und Freuds unserer eigenen Vergangenheit, indem ich deren Texte zurate ziehe, mir aus den konkreten geistigen Hinterlassenschaften Antworten auf drängende Fragen der Gegenwart suche. Denn die Fragen sind inspiriert von den Krisen, Katastrophen und Kriegen unserer Gegenwart, die Antworten Ergebnis hinterlassener und von uns notwendig zu revitalisierender Sinnsuche auch und nicht zuletzt im Schönen und im Bewahrenswerten unserer menschlichen Hervorbringungen in der universalen Menschheitsgeschichte. Die Antworten meiner fiktiven „Gesprächspartner" sind also formal authentisch und zitierfähig. Inhaltlich vor allem jedoch eine Inspiration für die komplexe Gemengelage, in die sich die Spezies hineinmanövriert hat – bewusst oder unbewusst, naiv oder mit voller Absicht. Das, je nach Sichtweise, göttliche oder rein zufällige Experiment einer auf dem Planeten Erde hausenden und im Hausen auf eine seltsam bizarre Art vereinten Menschheit geht weiter. Ausgang ungewiss.
Schauen wir an dieser Stelle auf jene generelle Problematik, die die Gemüter speziell in Deutschland und in großen Teilen Europas bewegt: das wie auch immer zu bewertende Missverhältnis von Ökonomie und Ökologie. Zurückgreifend auf meine jüngste Veröffentlichung über Max Himmelheber, den Unternehmer und Ökosophen, zitiere ich mich bei dieser Thematik gern selbst. In medias res also.
Der Oikos
Die Begriffe Ökonomie und Ökologie entspringen der gleichen, einerseits etymologischen, andererseits aber auch weltanschaulich philosophischen Wurzel, dem griechischen Begriff Oikos nämlich. Damit markieren sie zum einen in eben der aufgezählten Reihenfolge – Ökonomie, Ökologie – eine welt- und geistesgeschichtliche Entwicklung – und zum anderen gleichzeitig einen quasi mythischen Seinszustand vor aller Entwicklung, als der Mensch im Oikos noch weitestgehend im Einklang mit der Natur lebte, ein Urwissen hatte vom Zusammen- und Ineinanderwirken von Natur und Oikos. Was also war bzw. ist der Oikos? Der „Oikos steht im Griechischen für „Haus
und war im weitesten Sinn spätestens seit Aristoteles gleichbedeutend mit einer Bewirtschaftung und Verwaltung eben des Hauses im umfassenden Sinn des Wortes – von Ackerbau und Viehzucht bis hin zur Kindererziehung. In der „Oikonomia des Aristoteles wurde die Hauswirtschaft schon früh in der Geschichte des Abendlandes „verwissenschaftlicht
– mit entsprechenden Folgen. Der „Oikos in seiner ursprünglichen Bedeutung hatte aber auch mit Energie zu tun. Er bezog sich nämlich auch auf die Feuerstelle des Hauses, dessen Herd, quasi. Und um den Herd versammelte sich die Familie. In unseren heutigen Begriffen war folglich die „Küche
der innere Versammlungsort der Hausgemeinschaft, der physisch und psychisch wärmespendende Ort.
Auch im und für den Oikos wurde die Natur verändert, ging einher mit einer Kultivierung der nächsten, begrenzten und überschaubaren Umgebung. Für den Menschen im mythischen Oikos, den „behausten Menschen, war der Respekt gegenüber der Natur allerdings eine Selbstverständlichkeit und folgte inneren Gesetzmäßigkeiten, deren Überschreitung frevelhaft gewesen wäre und gleichbedeutend mit einer Hybris gegenüber den Göttern. Das gestaltende „Hausen
war insofern eingebettet in eine natürliche Ordnung und war geprägt von einem existenziellen Sein und Werden. Ein Ausbrechen aus diesem ewigen Kreislauf des Natürlichen hätte eine vorgegebene göttlich kosmische Ordnung gestört und wäre insofern auch prinzipiell sinnlos gewesen. Der Austritt des Menschen aus diesem natürlichen Kreislauf des Werdens und Vergehens erfolgte erst mit der teleologischen Orientierung der Heilsreligionen, namentlich des Christentums. Es war also die Verwissenschaftlichung des Oikos bei Aristoteles in Verbindung mit der vornehmlich christlichen Teleologie, respektive Eschatologie, die eine sich selbst dynamisierende Mixtur schuf, die schließlich in der industriellen Revolution und in einer bis vor wenigen Jahrzehnten noch ungebrochenen Fortschrittsgläubigkeit mündete. Immerhin bis zum 18. Jahrhundert erhalten geblieben ist die Ökonomie als Lehre von der Hausverwaltung. Erst mit dem Kapitalismus und der sich selbst dynamisierenden Technik erhält wirtschaftliches Handeln jene Komplexität, die die Traditionen der aristotelischen Oikonomia endgültig transzendiert. Mit der Transzendierung verbunden war von Anfang an der bis heute global ungebrochene Wachstumswahn der Wirtschaften, den bis dato auch eine sich etablierende ökologische Gegenbewegung trotz Klimawandel, Naturkatastrophen und Umweltzerstörung nicht aufzuhalten vermochte. Zuvörderst Ökonomie und später dann Ökologie als deren tatsächliches oder vermeintliches Korrektiv waren und sind also Folgeerscheinungen nicht zuletzt eines vom Menschen ins Maßlose gesteigerten Oikos, in der sogenannten „Ersten Welt verbunden mit einem ungebremsten Streben nach allem, was das Herz sich wünschen, das Hirn sich ausdenken und der Magen verdauen kann. Ein „Allzeit-Alles
im „Allzeit-Jetzt ist noch immer die Devise der Wohlstandsgesellschaften rund um den Globus, ganz gleich, ob uns das gefällt oder nicht. In „Die Perfektion der Technik
hatte Friedrich Georg Jünger schon Ende der Dreißigerjahre im letzten Jahrhundert in seiner Lesart die großen Zusammenhänge hergestellt: „Wirtschaft setzt den Wirt voraus. Ökonomie ist, in einem Sinne, dem heute wenig Beachtung geschenkt wird, das Wirtschaftsgesetz des Hauses, ist Hauswirtschaft. Sie ist das Hausen des Menschen auf dieser Erde. Der Ökonom ist ein Hausvater, der sich gemäß dem Nomos der Hauswirtschaft verhält. Tut er es nicht, so treibt er Misswirtschaft, und die gröbste Form dieser Misswirtschaft ist der Raubbau. Raubbau ist es, den der in technischer Organisation lebende Mensch an der Erde verübt. Daher mag er produzieren, was er will, und eine solche Fülle von Waren erzeugen, dass der Anschein des Überflusses entsteht, in Wahrheit braucht er die bewirtschaftete Substanz auf und unterhöhlt den Grund aller geordneten Wirtschaft. Deshalb muss er in Schwierigkeiten geraten, denen er zuletzt nicht mehr gewachsen ist, an denen sein Denken scheitert. Sein scharfsinniges Erfinden ist ein fortgesetztes Vernutzen und Verbrauchen im Rahmen der technisch organisierten Arbeit. Jünger weiter: „Die Erde erträgt den Menschen nicht, der sie nur nutzt und verbraucht, und sehr bald verweigert sie ihm ihre Hilfe.
In der oft zitierten Tradition eines Alexander von Humboldt formuliert Friedrich Georg Jünger Folgendes: „Dass in der Natur alles in einer innigen Verbindung steht, ist bekannt und wird nicht beachtet. Dass diese Verbindung nicht mutwillig gestört werden darf, wird vergessen."
Der gesunde Menschenverstand
Dem gesunden Menschenverstand sind diese Zusammenhänge natürlich geläufig. Aber was sind die Konsequenzen aus dieser Einsicht? An erster Stelle: der sogenannte „gesunde Menschenverstand ist nicht generalisierbar. Als Begriff sicherlich ja, in der gelebten menschelnden Praxis nein. Deswegen ist auch die daraus resultierende Einsicht in die Praxis menschlichen Lebens folglich belanglos. Immanuel Kant hatte zwar die selbst verschuldete Unmündigkeit als Hemmschuh jeglicher „Aufklärung
identifiziert, aber seine Erklärung der Unmündigkeit, noch dazu der selbst verschuldeten, greift zu kurz, wenn er feststellt, dass der Mensch nicht gelernt habe, sich seines Verstandes zu bedienen. Ja, welches Verstandes denn bitte?
Wie schreibt José Ortega y Gasset mit kaum zu überbietender Süffisanz: „So haben die Dinge der Politik im Abendland ein Extrem erreicht, in dem, weil jedermann den Verstand verloren hat, schließlich alle glauben, ihn zu besitzen. Nur dass dann der Verstand, den jeder hat, nicht der seinige ist, sondern der, den der andere verloren hat."
Nur im Abendland (?), mein lieber Herr Ortega, möchte ich entgegnen. Es gibt den einen universalen Menschenverstand eben ganz einfach nicht. Und schon gar keinen „gesunden. Im Gegenteil. Wir kranken nicht zuletzt an der Krankheit unseres Verstandes, der uns mit überzeugter und überzeugender Systemlogik Dinge à la MAGA tun lässt, die der Spezies die Lebensgrundlage entziehen. Die systemische Spirale des natürlichen und überlebensnotwendigen menschlichen Hausens auf unserem (noch) blauen Planeten hat einen Punkt erreicht, den ich, analog der sogenannten „Kipppunkte
aus der Klimaforschung, als entwicklungsgeschichtlich anthropogene, als vornehmlich menschengemachte Kipppunkte des Hausens und des Behaustseins bezeichnen möchte, von Alfred Weber 1953 sinngemäß folgendermaßen beschrieben: „… rücksichtslose Bevölkerungsmehrung auf der einen Seite, auf der anderen fast ebenso rücksichtslose Verminderung des der wachsenden Bevölkerung zur Verfügung stehenden Erdpotentials." Wenn wir nicht aufpassen, sind wir schon bald zurück bei Thomas Hobbes’ Bellum omnium contra omnes, dem Krieg aller gegen alle, und dem damit einhergehenden Dictum, der Mensch sei dem Menschen ein Wolf: Homo homine lupus.
Nun aber genug der Vorrede. Schauen wir gemeinsam hinein in die Fundgruben unserer Geistes- und Kulturgeschichte und deren inspirierende Preziosen. Simone Weil, eine französische Philosophin und Sozialrevolutionärin, die in selbst gewählter Armut versucht hatte, das Leben der Menschen in der Arbeiterklasse verstehen zu lernen, hatte bei diesem Experiment am eigenen Leib und Leben Erkenntnisse gezeitigt, die uns alle betreffen. So schrieb sie schon 1934:
„Insgesamt gleicht unsere Situation der von Reisenden, die in einem führerlosen Wagen mit Vollgas durch unbekanntes Gelände rasen …"
LITERATUR ZUR EINLEITUNG
Samuel P. Huntington: Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München 1997
Martin Heidegger: Bauen Wohnen Denken in ders.: Vorträge und Aufsätze, Stuttgart
