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Ein Licht für die kommenden: Wenn aus Überleben Heimat wird
Ein Licht für die kommenden: Wenn aus Überleben Heimat wird
Ein Licht für die kommenden: Wenn aus Überleben Heimat wird
eBook978 Seiten7 Stunden

Ein Licht für die kommenden: Wenn aus Überleben Heimat wird

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Über dieses E-Book

In einer Welt, die im Schatten eines Laborunfalls zerfiel, wächst in der kleinen befestigten Stadt Steinmark etwas, das längst verloren schien: Hoffnung.
Während Horden zielloser Untoter das Land durchstreifen, verteidigen die Bewohner ihre Mauern – und beginnen zugleich, größer zu träumen.

Die Architektin Anna Falkenberg kämpft für eine Zukunft jenseits des bloßen Überlebens. Ihr Rivale und Verbündeter Jonas Mehnert stellt alles infrage, was Steinmark sein kann. Und der ehemalige Sanitäter Marek Krüger ringt mit seiner Vergangenheit, seiner wachsenden Verantwortung – und der Liebe.

Als ein geheimnisvolles Lichtwesen aus den Tiefen der Stadt befreit wird, verändert es den Lauf ihrer Geschichte. Steinmark steht vor einer Entscheidung:
Nur überleben – oder ein neues Kapitel der Menschheit schreiben.

Ein Roman über Mut, Gemeinschaft und den zarten Funken Hoffnung, der selbst im dunkelsten Morgen weiterglüht.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition GmbH
Erscheinungsdatum15. Dez. 2025
ISBN9783384770271
Ein Licht für die kommenden: Wenn aus Überleben Heimat wird
Autor

Rene Schlüns

Ich bin ein Mensch, der seine eigene Stärke aus Erfahrung, Leidenschaft und Zielstrebigkeit schöpft. Geprägt von dem festen Glauben, dass jeder Tag eine neue Möglichkeit bietet, wähle ich bewusst den Weg des Wachstums und der Selbstverwirklichung. Für mich bedeutet Erfolg nicht nur äußere Anerkennung, sondern in erster Linie, seinen eigenen Werten treu zu bleiben und die eigenen Träume Schritt für Schritt Realität werden zu lassen. Meine Energie zeigt sich in der Bereitschaft, Neues zu wagen, Grenzen zu verschieben und Rückschläge als Lektionen zu begreifen. Ich stehe für Authentizität, Mut und innere Stärke – Eigenschaften, die mich antreiben, meine Zukunft aktiv zu gestalten, anstatt sich von mir bestimmen zu lassen.

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    Buchvorschau

    Ein Licht für die kommenden - Rene Schlüns

    Ein Licht für die kommenden

    Wenn aus Überleben Heimat wird

    © 2025 René Schlüns

    Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

    tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

    Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist

    der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die

    Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: René

    Schlüns, Horststraße 14, 21680 Stade, Germany .

    Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: reneschluens@gmail.com

    Inhaltsverzeichnis:

    Kapitel 1 – Der Anfang vom Ende

    Kapitel 2 – Die ersten Mauern

    Kapitel 3 – Blut und Stein

    Kapitel 4 – Die Stimme der Vergessenen

    Kapitel 5 – Schatten über Steinmark

    Kapitel 6 – Die Straße nach Hainburg

    Kapitel 7 – Stimmen im Dunkel

    Kapitel 8 – Das Echo der Flammen

    Kapitel 9 – Schatten über den Mauern

    Kapitel 10 – Das Schweigen des Schnees

    Kapitel 11 – Funken im Eis

    Kapitel 12 – Der kalte Marsch

    Kapitel 13 – Nach dem Sturm

    Kapitel 14 – Stimmen aus der Ferne

    Kapitel 15 – Das Herz von Steinmark

    Kapitel 16 – Der Ruf der Fremden

    Kapitel 17 – Die Flüsternden Wege

    Kapitel 18 – Das Erwachen des Netzes

    Kapitel 19 – Die Stimmen des Bodens

    Kapitel 20 – Der Atem der Erinnerung

    Kapitel 21 – Das Flüstern der Grenzen

    Kapitel 22 – Die Straße nach Westen

    Kapitel 23 – Die Stadt aus Licht Kapitel 24 – Der Preis des Erwachens

    Kapitel 25 – Das Erbe des Lichts

    Kapitel 26 – Der Schatten von Hartholm

    Kapitel 27 – Die Rückkehr nach Steinmark

    Kapitel 28 – Das Flüstern im Regen

    Kapitel 29 – Das Lied der drei Herzen

    Kapitel 30 – Die Wege des Lichts

    Kapitel 31 – Der Atem von Sereth

    Kapitel 32 – Die Schwelle des Erwachens

    Kapitel 33 – Die Stadt, die sich erinnert

    Kapitel 34 – Das Licht, das zweifelte

    Kapitel 35 – Der Ruf der offenen Wege

    Kapitel 36 – Das Labyrinth aus Atem und Licht

    Kapitel 37 – Der Atem des Ungeborenen

    Kapitel 38 – Wenn Schatten atmen lernen

    Kapitel 39 – Die Kante zwischen Licht und Dunkel

    Kapitel 40 – Die Linien, die uns wählen

    Kapitel 41 – Wenn zwei Schatten einander erkennen

    Kapitel 42 – Der Augenblick, in dem Welten kippen

    Kapitel 43 – Wenn das neue atmet

    Kapitel 44 – Die Schwelle nach Steinmark

    Kapitel 45 – Wenn Mauern lauschen

    Kapitel 46 – Das Erwachen der Linien

    Kapitel 47 – Die Last der Stimmen Kapitel 48 – Zwischen Flamme und Schatten

    Kapitel 49 – Die Nacht, die sich erhob

    Kapitel 50 – Wenn Mauern fallen

    Kapitel 51 – Wenn der Abgrund antwortet

    Kapitel 52 – Der Sturm im Herzen der Mauern

    Kapitel 53 – Der Atem des Untergangs

    Kapitel 54 – Wenn die Schatten erzittern

    Kapitel 55 – Der letzte Wille der Schatten

    Kapitel 56 – Der Riss im Himmel

    Kapitel 57 – Wenn der Abgrund atmet

    Kapitel 58 – Wenn Mauern sprechen

    Kapitel 59 – Die Nacht, die sich weigert zu enden

    Kapitel 60 – Der Morgen, der alles entscheidet

    Kapitel 1 – Der Anfang vom Ende

    Der Morgen roch nach Regen und Metall. Niemand im Labor von Biotek Nord ahnte, dass heute der letzte gewöhnliche Tag beginnen würde. In einem unscheinbaren Flügel des Forschungszentrums, tief unter Beton und Sicherheitsschleusen, stand eine Reihe gläserner Zylinder. Darin schwebte, was man nur als Hoffnung bezeichnen konnte – oder als Hybris: ein Virus, genetisch modifiziert, entworfen zur Heilung degenerativer Hirnerkrankungen. Ein Fehlversuch zu viel, ein Protokoll zu wenig geprüft.

    Als das Alarmsystem aufleuchtete, glaubten die meisten an einen Fehlton. Doch binnen Minuten verwandelte sich Routine in Panik. Gasdüsen verriegelten, Lichter flackerten. Ein Techniker – ein junger Mann namens Reichel – riss sich im Versuch zu retten die Maske vom Gesicht, hustete, fiel um. Die Sicherheitskameras zeichneten auf, wie er wieder aufstand. Nur seine Augen waren nicht mehr seine.

    Drei Stunden später meldeten die regionalen Sender: Unbestätigte Vorfälle bei Biotek Nord, Leipzig. Bitte bleiben Sie zu Hause. Niemand blieb. Menschen strömten auf die Straßen, suchten Antworten, suchten Verwandte. Das Militär riegelte die Stadt ab. Da war es schon zu spät.

    Erst war da nur ein dumpfer Ton über den Hochhäusern, dann das Kreischen metallener Stimmen, das sich durch die Straßen bohrte. Menschen rannten, manche mit Aktenmappen, andere barfuß, als wäre der Alltag gerade eben noch heil gewesen. Autos stießen zusammen, Lichter flackerten, Schreie mischten sich mit dem Brummen der Stadt, die ihren eigenen Untergang nicht begriff.

    Im Viertel rund um das Labor stieg Rauch auf. Feuerwehrleute versuchten, einen Brand zu löschen, während jemand auf sie zurannte – ein Mann in Sicherheitskleidung, blutverschmiert, mit leerem Blick. Einer der Einsatzkräfte packte ihn am Arm, rief nach einem Arzt. Sekunden später schrie er selbst. Dann Schüsse, kurz, abgehackt. Der Rauch nahm den Rest.

    In einem Krankenhaus auf der anderen Seite der Stadt kämpfte Marek Krüger noch darum, Ordnung zu halten. Die Flure waren voller Patienten, manche bewusstlos, manche taumelnd. Die Ärzte schrien durcheinander, Funkgeräte piepsten, jemand rief nach mehr Morphin, nach irgendetwas. Marek beugte sich über eine Frau mit fiebernder Stirn – sie atmete flach, zu flach. Dann hörte er das Knacken ihrer Gelenke, als sie sich aufrichtete. Ihre Augen waren milchig. Marek wich zurück. Das Stethoskop fiel zu Boden.

    Er rannte hinaus, durch den Korridor, vorbei an einem Mann, der mit einer Infusionsstange nach einer Krankenschwester schlug. Blut klebte an den Wänden, die Lampen flackerten. Am Ausgang sah er Soldaten, junge Männer mit zittrigen Händen, die Befehle brüllten, die keiner mehr befolgte.

    „Bleiben Sie in Ihren Häusern!" rief einer durch einen Lautsprecher, doch niemand hörte. Eine Mutter mit Kind wollte auf die Ladefläche eines Militärwagens springen, doch sie wurde zurückgestoßen. Dann das Rattern einer Maschinenpistole. Panik brach wie eine Welle. Marek duckte sich, stolperte, lief weiter, bis er draußen war, in der kalten Luft, jenseits des Krankenhauses.

    Er fand einen Rettungswagen, Motor noch warm, Schlüssel steckte. Er zögerte, dann startete er. Die Straßen waren verstopft mit zurückgelassenen Autos. Radios spielten noch Notdurchsagen, überlagert von Stimmen, die weinten, beteten, fluchten. „Infektionsherd unter Kontrolle", sagte eine Stimme. Dann rauschte es nur noch.

    Als er die Stadtgrenze erreichte, stand dort ein Kontrollpunkt. Ein junger Soldat trat hervor, hob das Gewehr. „Haben Sie Symptome?" fragte er, die Stimme brüchig.

    „Ich bin Sanitäter, antwortete Marek. „Ich kann helfen.

    Der Soldat sah ihn lange an, dann schüttelte er den Kopf. „Dann helfen Sie sich selbst. Niemand kommt mehr durch."

    Marek legte den Rückwärtsgang ein, fuhr quer über einen Acker. Hinter ihm explodierte ein Tanklaster, der Himmel brannte in Orange. In seinem Rückspiegel verschwand Leipzig – eine Stadt, die an einem einzigen Tag Geschichte wurde.

    Die Nachrichten erreichten Leipzig schneller, als die Sirenen schrien. In den Vororten rannten Familien mit Koffern und Kindern über verstopfte Kreuzungen. Der Himmel färbte sich aschgrau vom Rauch brennender Tankstellen, und die Polizei verlor jede Kontrolle.

    Im Stadtzentrum kämpften Soldaten an den Barrikaden, doch zwischen den Schüssen hörte man Schreie, die länger hielten als das Echo der Gewehre. Busse voller Menschen fuhren Richtung Westen, doch kaum jemand wusste, wohin überhaupt. Einige Fahrer verließen mitten auf der Strecke ihre Fahrzeuge und liefen einfach davon.

    Eine Nachrichtensprecherin im lokalen Fernsehen versuchte, die Fassung zu wahren. Sie las von ihrem Zettel, während hinter ihr das Studio dunkel wurde. Die Behörden bitten... – der Strom brach ab. Das letzte Bild war ihr Gesicht, halb beleuchtet, halb im Schatten, bevor die Übertragung in statisches Rauschen kippte.

    Auf der Straße vor dem Labor irrte eine Gruppe Sanitäter umher, einer davon Marek Krüger. Sein Atem stand in weißen Schwaden, der Geruch von Desinfektionsmittel und Blut brannte in der Nase. Sie wollten Verletzte bergen – stattdessen fanden sie Bewegungen im Dunkeln, zu schnell, zu unkoordiniert, zu menschlich.

    Ein Kollege, Jens, rannte voraus und verschwand zwischen den Autos. Sekunden später hörte Marek das Schlagen einer Faust gegen Blech, ein Röcheln, dann nichts. Er sah, wie eine Gestalt im Schutzanzug taumelnd auf ihn zukam, die Hände krampfend, die Augen milchig. Er schoss nicht, weil er nicht wusste, dass man schießen musste.

    Später würde er sich an den Moment erinnern, als er den Zündschlüssel drehte und einfach losfuhr. Hinter ihm brach die Stadt zusammen wie ein Kartenhaus im Sturm. Er fuhr durch Dörfer, in denen Fenster eingeschlagen und Türen verrammelt waren. Auf einem Feldweg begegnete er einem Bus voller Flüchtlinge – Türen offen, Motor aus, keine Stimme mehr im Inneren. Nur Wind.

    Steinmark, eine kleine Ortschaft, vierhundert Kilometer westlich, schien zunächst unberührt. Ein Ort, der in Vergessenheit leben durfte. Anna Falkenberg stand an jenem Nachmittag auf dem Gerüst des alten Rathauses, wo sie die Renovierung leitete. Regen zog über die Felder, das Dach tropfte, und sie betrachtete die alte Stadtmauer, die halb verfallen, halb romantisch wirkte. Sie ahnte nicht, dass diese Steine bald Leben retten würden.

    Wenn wir den Nordbogen neu aufziehen, hält das vielleicht noch zwanzig Jahre, rief Jonas Mehnert von unten. Er hielt die Pläne fest, sein Gesicht halb im Schatten, halb im Regen. Anna mochte seine Stimme nicht – zu trocken, zu sicher. Aber er wusste, was er tat. Zwei Architekten, gezwungen zusammenzuarbeiten, seit die Stadt sich keine Konkurrenz mehr leisten konnte.

    Zwanzig Jahre sind utopisch, rief sie zurück. Aber wenigstens hält’s den Herbst!

    Er grinste flüchtig. Da vibrierte ihr Handy. Eine Nachricht, dann noch eine. Schlagzeilen: Seuchenausbruch in Mitteldeutschland – Regierung ruft Notstand aus. Sie starrte auf den Bildschirm, das Wasser sammelte sich in der Schutzhülle. Jonas… du solltest das sehen.

    Unten trat er näher, sah auf ihr Handy. Für einen Moment schwieg er. Fake-News, murmelte er, aber seine Stimme verlor an Gewicht.

    Am Abend traf Marek Krüger mit seinem alten Jeep in Steinmark ein. Ehemaliger Sanitäter, jetzt Nomade zwischen den Ruinen. Er war zwei Tage zuvor aus Leipzig geflohen, nachdem er gesehen hatte, wie seine Station überrannt wurde. Das Bild seines besten Freundes – blutverschmiert, taumelnd, mit grauen Pupillen – hatte sich eingebrannt.

    Die Nacht nach Mareks Flucht war schwarz und voller Geräusche. Kein Motor heulte mehr, nur das ferne Bellen von Hunden und das Knacken von Holz in verlassenen Dörfern. Er fuhr mit gedämpftem Licht über Nebenstraßen, vorbei an Feldern, die vom Nebel verschluckt wurden. In einem Dorf hielt er an, um Benzin zu suchen. Ein kleiner Laden stand offen, die Tür schwang sacht im Wind. Drinnen lagen Konservendosen und umgestürzte Regale. Hinter der Theke lag ein Mann – tot, aber nicht lange. Marek zog die Jacke über die Nase, nahm zwei Dosen Bohnen, zitterte, als irgendwo etwas fiel.

    Er übernachtete im Wagen. Kein Schlaf, nur das Warten auf ein Geräusch, das nicht kam. Irgendwann dämmerte es, blass und leblos. Die Welt hatte ihre Farbe verloren. Einmal glaubte er, Stimmen zu hören, Kinderlachen vielleicht, aber es war nur Wind, der durch einen alten Spielplatz fuhr.

    Am nächsten Tag begegnete er einer Gruppe Überlebender. Drei Männer und eine Frau, abgerissen, müde, mit improvisierten Waffen. Sie winkten ihm, baten um Mitfahrt, doch der Wagen war voll mit Verbandsmaterial. Ich fahre nach Westen, sagte er. Einer der Männer, mit einer alten Uniformjacke, nickte nur. Dann fahr weiter. Wir halten hier. Wir warten auf jemanden. Ihre Gesichter verschwanden im Rückspiegel, als er die Landstraße verließ.

    Gegen Nachmittag zog der Himmel zu. Regen fiel in langen, müden Schleiern, als er die Hügel von Thüringen erreichte. Über Funk rauschte eine Stimme: ein alter Notsender, kaum verständlich. Wenn Sie hören ... Schutzgebiet ... Steinmark ... westlich ... Dann brach das Signal ab. Er sah auf die Karte, tippte mit dem Finger auf einen Punkt nahe einer kaum sichtbaren Linie. Ein Name, fast vergessen. Steinmark.

    Er fuhr weiter, mit der letzten Tankfüllung, während hinter ihm die Welt schwieg. Kein Vogel, kein Flugzeug, kein Zeichen von Ordnung. Nur Wind, Regen und das ferne Brummen der Leere.

    Er parkte am Ortsschild, der Regen hatte den Asphalt in Spuren verwandelt. An der Straße standen Bauern mit Gewehren, als wären sie plötzlich Teil einer Miliz. Einer von ihnen, Timo, der Jäger, hielt Marek an. Woher kommst du?

    Leipzig.

    Das reichte. Timo hob das Gewehr, nicht aus Hass, sondern aus Angst. Dann bleib stehen.

    Ich bin nicht infiziert, sagte Marek leise und hob die Hände. Ich bin Sanitäter. Ich kann helfen.

    Ein Schweigen. Dann trat eine Frau hervor – Anna. Ihre Augen musterten ihn, misstrauisch, wach. Wir brauchen Leute mit Ahnung. Aber wenn du lügst, erschießen wir dich. Ihre Stimme zitterte nicht.

    Er nickte. Fairer Handel.

    In der Nacht trafen die ersten Wagen aus dem Osten ein. Flüchtlinge, manche blutverschmiert, manche verstummt. Marek half, die Verletzten in die alte Schule zu bringen. Rieke, die Lehrerin, hatte die Bänke beiseite geräumt. Saskia, die Heilerin, suchte nach Alkohol, fand nur Apfelschnaps. Elias, der Schmied, kam mit Metallplatten, um Fenster zu verriegeln.

    Anna und Jonas standen vor dem Rathaus und sahen die Wagenlichter im Dunkeln flackern. Wenn das wahr ist, sagte Anna, brauchen wir mehr als eine Mauer.

    Jonas verschränkte die Arme. Dann bauen wir eben noch eine.

    Womit? Mit Luft und Hoffnung?

    Mit allem, was bleibt.

    Sie hielt seinem Blick stand. Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund, dann Stille. Das Summen der Motoren verklang, und mit ihm der Gedanke, dass die Welt da draußen noch existierte.

    Drei Tage später begann der Strom zu flackern. Funksignale brachen ab. Die letzte Nachricht aus der Hauptstadt war eine Notfrequenz: Bleiben Sie in geschlossenen Räumen. Meiden Sie Kontakt zu Infizierten. Die Regierung arbeitet an einer Lösung. Danach nur noch Rauschen.

    David, der ehemalige Pastor, versammelte die Menschen auf dem Marktplatz. Dies ist keine Strafe Gottes, sagte er. Es ist unsere Prüfung. Seine Worte hallten zwischen den Mauern, während Marek neben Anna stand und in die Ferne sah. Hinter dem Wald brannte es.

    Jonas kam mit Karten und Maßbändern, redete von Erweiterungen, Gräben, Kontrollpunkten. Anna hörte nur halb zu. Etwas in ihr wusste: Steinmark würde nicht nur überleben, sondern wachsen. Aber zu welchem Preis?

    Am nächsten Morgen fand man am Nordtor den ersten Untoten. Ein Mann, barfuß, der Kopf schief, die Haut grau. Er schlug gegen das Tor, während die Sonne aufging. Die Stille vor dem Schuss dauerte ewig.

    Dann fiel der erste Zombie in Steinmark.

    Kapitel 2 – Die ersten Mauern

    Der Schuss hallte noch, als das Tor sich wieder schloss. Niemand sprach. Nur das metallene Klicken des Riegels zerriss die Stille. Der tote Mann draußen war kaum noch als Mensch zu erkennen – doch Marek hatte ihn lange angesehen, ehe er abdrückte. Es war kein Triumph, kein Sieg. Nur Notwendigkeit.

    Der Morgen danach roch nach feuchter Erde, Asche und Angst. Der Regen hatte aufgehört, aber das Dorf lag unter einem grauen Himmel, schwer und still. Rauch stieg von kleinen Feuern auf, die man zum Trocknen der Kleidung entzündet hatte. Anna stand auf dem Wehrgang und blickte auf das Tor hinab. Marek überprüfte die Verriegelung, während Jonas mit einem Maßband in der Hand an der alten Stadtmauer entlangging. Seine Schritte klangen abgezählt, wie der Beginn eines Plans, der größer war als die Nacht, die sie überlebt hatten.

    „Das hält vielleicht ein paar Wochen, sagte er. „Aber nicht, wenn sie zu Hunderten kommen.

    „Dann bauen wir höher", antwortete Anna, ohne den Blick vom Horizont zu lösen.

    „Und breiter. Und dicker." Jonas’ Stimme klang wie Metall – fest, aber ohne Wärme.

    „Und du willst das alles allein messen?"

    Er sah auf, die Augen müde, aber klar. „Ich dachte, du hilfst mir."

    Sie stieg vom Wehrgang, trat neben ihn. Zwischen ihnen roch es nach feuchtem Stein und altem Kalk. Ein kurzer Moment von Nähe, bevor Mareks Stimme sie aus der Stille holte: „Wir brauchen Wachen. Und Waffen. Elias schmiedet nicht genug für alle."

    „Elias kann kaum schlafen, sagte Anna. „Er hämmert Tag und Nacht.

    „Dann werden wir alle hämmern. Jonas sah zu ihr, fast ein Lächeln. „Steinmark wird nicht sterben, nur weil niemand den Hammer hebt.

    Im Dorf herrschte fiebrige Bewegung. Rieke unterrichtete Kinder im alten Gemeindehaus, damit sie nicht sahen, was draußen geschah. Greta pflanzte zwischen Ruinen Kartoffeln, während Timo und Sven auf die Mauern stiegen und das Land beobachteten. In der Ferne, hinter den Hügeln, hing Rauch wie ein Schatten am Himmel. Helene nähte in der Ecke eines verlassenen Ladens zerrissene Jacken, Luisa malte mit Ruß an die kahlen Wände des Marktplatzes – kleine Blumen, die jemand als Spott und andere als Hoffnung sah.

    Clara, das Waisenmädchen, saß auf der Treppe vor der Schule und wusch ihre Hände im Regenwasser. Marek ging an ihr vorbei, hielt kurz an. „Du solltest drinnen bleiben."

    „Ich hab keine Angst, sagte sie leise. „Die da draußen sind schon tot. Ich warte lieber auf die Lebenden.

    Er wollte etwas sagen, doch ihre Augen hielten ihn fest – ruhig, fast trotzig. Er nickte nur und ging weiter. Später würde er sich fragen, warum dieser Blick ihm näherging als all die Schreie der Nacht zuvor.

    Im Schmiedefeuer von Elias loderten Funken, als er ein Stück Metall auf den Amboss legte. „Wenn ich die Nägel schärfer ziehe, splittern sie nicht im Kalkstein, murmelte er. Marek trat neben ihn, roch den Schweiß und den Brandgeruch. „Du brauchst Ruhe.

    Elias schnaubte. „Ich brauche Stahl. Ruhe kommt später."

    Gegen Mittag versammelte Jonas die Bewohner am Marktplatz. Auf einem wackligen Tisch lag eine Karte – alt, vergilbt, mit Kreisen und Pfeilen, die Anna in roter Tinte eingezeichnet hatte. „Wir brauchen eine zweite Mauer, sagte Jonas. „Hier, südlich des alten Grabens. Wenn wir das Gelände ausweiten, können wir Felder anlegen, Unterkünfte bauen. Wir müssen größer denken.

    „Größer? Greta lachte trocken. „Wir sind nicht mal sicher.

    „Eben darum, entgegnete Anna. „Wenn wir stillstehen, sterben wir. Wenn wir bauen, leben wir.

    Ein Murmeln ging durch die Menge. David, der Pastor, trat vor. „Ihr sprecht von einer Stadt, wo nur ein Dorf war. Aber vielleicht braucht Hoffnung ja Mauern, um zu wachsen."

    „Und wer verteidigt die Mauer, wenn sie fertig ist? fragte Otto, der alte Veteran, mit kratziger Stimme. „Stein allein hält nicht, wenn Mut fehlt.

    Jonas rollte die Karte ein. „Dann lehren wir Mut. Wir beginnen morgen."

    Am Nachmittag begann der Himmel aufzureißen, als hätte jemand mit einem stumpfen Messer durch die Wolken geschnitten. Sonnenlicht fiel in gebrochenen Strahlen über die Dächer, ließ das nasse Pflaster glänzen. Für einen Atemzug wirkte Steinmark beinahe friedlich. Doch der Wind trug den Geruch von Rauch und Metall mit sich – Erinnerung daran, dass der Frieden nicht echt war.

    Anna ging über den Platz, den Blick auf die Karte gerichtet, die Jonas auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Er arbeitete unermüdlich, zeichnete Linien, radiert sie wieder aus. „Wenn wir die Mauer dort ziehen, verlieren wir den Flusszugang, sagte sie. „Aber wir gewinnen eine Verteidigungslinie. Risiko gegen Versorgung.

    Jonas nickte. „Wir müssen lernen, in Kompromissen zu überleben." Seine Finger zitterten leicht, als er mit der Kohle über das Papier strich. Anna bemerkte es, sagte aber nichts. Stattdessen wandte sie sich zu den Leuten, die Baumaterial sortierten: Bretter, Ziegel, rostige Nägel. Sie wirkten wie Bausteine einer neuen Ordnung.

    In der alten Schmiede schlug Elias unermüdlich weiter. Marek trat ein, den Ärmel hochgekrempelt. „Wie viele Pfeilspitzen hast du noch?"

    „Zu wenige. Aber ich finde Wege. Elias tauchte das glühende Eisen in Wasser, ein Zischen erfüllte den Raum. „Ich habe den Schmied meines Vaters gehasst, weil er mich nie aus der Werkstatt ließ. Jetzt danke ich ihm jeden Tag.

    Marek nickte und griff nach einer fertigen Klinge. „Du hast Talent."

    „Ich habe Wut. Das reicht."

    Draußen verteilte Rieke Decken an die Kinder. Leon, der älteste der Waisen, weigerte sich, eine anzunehmen. „Ich will Wache stehen, sagte er. Otto lachte trocken. „Du kannst kaum den Eimer halten, Junge.

    „Dann lerne ich’s. Leons Stimme bebte, aber sein Blick war entschlossen. Otto sah ihn einen Moment an, dann drückte ihm ein altes Holzgewehr in die Hand. „Üben. Wenn du triffst, kriegst du echtes Holz.

    Ein Lächeln huschte über Leons Gesicht. Zum ersten Mal seit Tagen.

    Saskia bereitete in einer alten Küche Kräutersud zu. Der Geruch von Pfefferminze mischte sich mit Rauch. Clara kam herein, hielt ein zerrissenes Hemd in den Händen. „Für Marek, sagte sie. „Er hat kaum was zum Wechseln. Saskia nahm das Hemd, nähte mit schnellen, geübten Stichen. „Manchmal sind die kleinen Dinge, die man repariert, die einzigen, die nicht verloren gehen."

    „Denkst du, alles wird wieder normal?" fragte Clara.

    Saskia hielt kurz inne. „Nein. Aber vielleicht wird es anders, nicht schlechter. Nur… anders."

    Gegen Abend zogen sie die ersten Pfosten am Graben hoch. Das Klopfen der Hämmer hallte über die Felder, ein gleichmäßiger Herzschlag, der Mut machte. Jonas stand im Regen, der inzwischen feiner geworden war, und kontrollierte jeden Winkel. Anna kam zu ihm, reichte ihm einen Mantel. „Du frierst."

    „Ich arbeite besser, wenn ich’s tue."

    Sie trat neben ihn, beide sahen auf die beginnende Konstruktion. „Es sieht nach nichts aus", sagte Anna.

    „Noch nicht. Aber eines Tages wird es Geschichte sein."

    Der Gedanke schien beide kurz zu wärmen.

    Als die Sonne unterging, brachte Greta Brot, noch warm vom Ofen. Der Duft breitete sich aus, Menschen versammelten sich spontan um den Tisch. Es war das erste gemeinsame Mahl seit Tagen. Marek saß still, beobachtete, wie Clara lachte, wie Helene mit Luisa stritt, welche Farbe am besten zu Steinmark passe. Lila, fand Luisa, weil das die Farbe zwischen Leben und Tod sei.

    David hob den Kopf, sprach ein leises Gebet, aber niemand senkte den Blick. Sie hörten einfach zu – nicht aus Glauben, sondern weil Stille sich anfühlte wie Verrat.

    Später, als der Wind auffrischte, ging Marek zum Wehrgang. Er sah die Felder, die wie ein schwarzes Meer im Nebel lagen. Anna trat neben ihn. „Du denkst an Leipzig?" fragte sie.

    Er nickte. „Manchmal. Aber weniger, wenn ich hier bin."

    „Das ist gut."

    „Oder gefährlich. Vergessen heißt, dass man bereit ist, wieder zu verlieren."

    Sie antwortete nicht. Unten brannte das Feuer, Funken stiegen auf. Kinder schliefen in Decken eingerollt, und irgendwo summte Luisa wieder ihr Lied. Jonas kam später hinzu, die Ärmel verschmiert von Kohle. „Die erste Mauer wird halten, wenn wir sie doppelt stützen. Aber wir brauchen mehr Hände."

    „Wir werden sie finden, sagte Anna. „Menschen ziehen dorthin, wo Licht ist.

    Jonas blickte auf das Feuer. „Dann lass es brennen."

    Über ihnen zog der Wind aus Osten auf, schwer und träge. Niemand bemerkte das leise, ferne Echo von Stimmen jenseits des Feldes – noch nicht.

    Die Nacht brachte Nebel. Marek saß mit Timo und Sven am Nordtor. Das Feuer knisterte leise, die Luft schmeckte nach Rauch. „Wie viele glaubst du, kommen noch?" fragte Sven.

    „Genug, dass wir bald keine Namen mehr wissen", sagte Marek.

    „Manchmal träume ich von Leipzig, flüsterte Timo. „Von meiner Frau. Sie war im Krankenhaus, als es passierte.

    Niemand antwortete. Nur der Wind strich über das Tor, und im Dunkeln knackte ein Ast. Sven griff nach dem Gewehr, doch es war nur ein Hund – dünn, verfilzt, suchend. Marek warf ihm ein Stück Brot zu. „Er weiß nicht, dass die Welt zu Ende ist", murmelte er.

    „Vielleicht ist sie das gar nicht, sagte Sven leise. „Vielleicht fängt sie hier neu an.

    Am nächsten Tag begann der Bau. Die Bewohner arbeiteten schweigend, nur das Klirren der Werkzeuge hallte. Elias schmiedete Nägel, Anna zeichnete Linien in den Boden, Jonas vermaß jede Strecke. Kinder sammelten Steine, und Rieke brachte ihnen Wasser. Marek band Wunden, bevor sie aufrissen. Selbst der alte Otto, der Veteran, stand mit Schaufel am Rand und korrigierte die jungen Männer beim Graben: „Nicht zu flach. Wenn ihr Gräben baut, baut sie, als wolltet ihr sie überleben."

    Saskia kam mit Kräutern aus dem Wald zurück. „Ich hab Bärlauch gefunden und etwas, das wie Salbei riecht. Es heilt nicht, aber es hilft. Anna lächelte schwach. „Das reicht.

    Am Abend sank die Sonne blutig über die Felder. Anna saß auf dem Wehrgang, die Hände voller Staub. Jonas kam mit zwei Bechern Bier, reichte ihr einen. „Auf Steinmark", sagte er.

    „Auf das, was davon bleibt."

    „Du glaubst nicht, dass wir es schaffen?"

    Sie sah ihn an, die Müdigkeit in den Augen wie Glut. „Ich glaube, wir müssen. Glauben kommt danach."

    Er nickte, trank. Zwischen ihnen lag Schweigen – schwer, aber nicht leer. Unten lachten Kinder. Für einen Atemzug war Steinmark wieder eine Stadt. In der Ferne summte das Radio auf einer alten Frequenz – ein Lied ohne Sender, nur ein Brummen, das wie Hoffnung klang.

    Doch die Nacht kam anders. Gegen Mitternacht hörte man Schüsse vom südlichen Feld. Marek rannte mit Timo und Sven hinunter. Nebel hing tief, das Gras war nass. Sie fanden nur Fußspuren und Blut. Kein Leichnam. Nur Bewegung am Waldrand, Schatten, die sich lösten und wieder verschwanden.

    „Zurück zur Mauer! rief Marek. „Sie kommen nicht einzeln! Ein Grollen ging durch den Nebel – kein Donner, sondern Stimmen, viele. Der erste Angriff begann.

    Fackeln flackerten, Pfeile zischten. Jonas stand auf dem Wehrgang und schrie Befehle, während Anna versuchte, das Tor zu verriegeln. Marek feuerte, spürte die Rückstoßkraft, zählte nicht mehr. Blut mischte sich mit Regen. Die Toten kletterten über ihre eigenen Körper. Timo fiel, Sven zog ihn zurück, Elias schleuderte brennendes Öl über die Mauer. Schreie mischten sich mit dem Knistern von Flammen.

    Als die Sonne graute, war es still. Dampf stieg von der Erde auf, als hätte sie selbst geatmet. Zwölf Tote. Drei vermisst. Aber Steinmark stand noch.

    Die Überlebenden begruben ihre Gefallenen im Morgengrauen. David sprach leise Gebete, während Marek schweigend Erde schaufelte. „Man sagt, die Erde nimmt alles an, flüsterte er. „Aber wie viel kann sie tragen? Niemand antwortete.

    Anna wischte sich das Blut von der Wange, sah zu Jonas. „Das war erst der Anfang."

    Er nickte, wortlos. Marek trat neben sie. Hinter der Mauer, im Dunst, bewegte sich etwas. Nicht viele. Nur einer – ein Kind vielleicht, das torkelnd aus dem Nebel kam.

    Anna hob das Gewehr, dann senkte sie es. „Er lebt."

    Marek trat näher. Das Kind sah sie an, die Lippen rissig, die Augen leer. Kein Blut, keine Bisswunden. Nur Angst.

    Jonas flüsterte: „Dann haben sie überlebt."

    Anna sah in die Ferne, wo Nebel und Licht sich mischten. „Dann beginnt jetzt das, was wir bauen müssen."

    Hinter ihnen begann jemand zu singen – leise, brüchig, aber echt. Es war Luisa, die Künstlerin. Die Melodie war einfach, fast kindlich, und sie trug über die Mauer hinweg. Die Menschen hielten inne. Zum ersten Mal seit Tagen klang Steinmark nach Leben.

    Kapitel 3 – Blut und Stein

    Der Morgen nach dem Angriff war still, zu still. Nebel hing noch immer zwischen den Bäumen, und der Boden roch nach Eisen und verbranntem Fleisch. Marek stand am Rand des Grabens, die Hände auf die Knie gestützt. Seine Finger waren taub, nicht vom Frost, sondern von der Nacht. Timo lag im provisorischen Lazarett, zwischen Decken und Blutlaken, atmete flach. Jeder Atemzug klang wie ein Bekenntnis, dass er noch nicht aufgegeben hatte. Neben ihm flüsterte Saskia leise Gebete, die kaum noch jemand verstand.

    Anna ging schweigend an den Reihen der Gefallenen vorbei. Zwölf frische Gräber. Die Namen waren in Holz geritzt, krumm und ungleichmäßig. Kinder hatten die Buchstaben geschrieben. Über jedem Grab lag ein Stein. Das war Jonas’ Idee gewesen – etwas Dauerhaftes, wenn Worte es nicht mehr waren. Die Erde war noch feucht, und die Luft trug den Geruch von Lehm und Tod. Anna blieb vor dem letzten Grab stehen. Der Name darauf lautete „Leni". Sie hatte die Frau kaum gekannt – eine Schneiderin, die sich geweigert hatte zu fliehen. Jetzt war sie Teil der Mauer aus Erinnerung, die sie alle umgab.

    Jonas selbst saß auf dem Wehrgang, den Blick nach Süden gerichtet. Die Sonne drängte durch den Nebel, aber sie schaffte es nicht bis zu ihm. In seinen Augen spiegelte sich der Rauch, der noch über den Feldern stand. Als Anna sich ihm näherte, sagte er leise: „Wir müssen die Leichen draußen verbrennen. Sonst kommen sie zurück."

    „Ich weiß. Ihre Stimme war heiser. „Aber sag es niemandem vor dem Essen. Lass sie atmen.

    Er nickte, doch sie sah, dass er nicht loslassen konnte. Er dachte schon wieder an Mauern, an Winkel, an Schwachstellen. Jonas konnte Trauer nicht fühlen, nur berechnen. Sie fragte sich, ob das ein Fluch war oder ein Segen.

    Marek verbrachte den Vormittag mit den Verwundeten. Saskia wechselte Verbände, Clara reichte Wasser, während David still Gebete murmelte. Marek beobachtete die Bewegungen der Hände, wie jeder Griff Bedacht verlangte. Kein Platz für Fehler. Einer der Verletzten, ein junger Mann namens Paul, packte Marek am Arm. „Ich hab gesehen, was im Wald war, flüsterte er. „Nicht nur sie. Menschen. Bewaffnete. Sie haben gewartet.

    Marek erstarrte. „Du meinst, Überlebende?"

    Paul nickte, schwach. „Aber nicht wie wir. Keine Angst in ihren Augen. Nur Hunger."

    Marek legte ihm die Hand auf die Schulter. „Ruh dich aus." Doch die Worte blieben in seinem Kopf hängen wie ein Splitter. Später, als Paul im Schlaf starb, stand Marek lange an seinem Bett. Das Flackern der Kerze spiegelte sich in seinen Augen, während er sich fragte, wie viele sie noch verlieren konnten, bevor sie selbst verloren waren.

    Am Mittag rief Anna eine Versammlung ein. Der Platz vor dem Rathaus war voll, doch niemand sprach. Die Gesichter waren hohl, der Rauch der Feuer legte sich wie ein Schleier über alles. Jonas stand auf einem umgestürzten Fass, hielt den Helm in der Hand.

    „Wir haben überlebt, begann er. „Das war nicht Glück. Das war Arbeit. Jeder von euch hat etwas getan, damit Steinmark steht. Und wir werden weiterbauen – stärker, größer, klüger. Denn draußen gibt es nichts mehr, was uns schützt. Nur das, was wir selbst erschaffen.

    Ein Murmeln ging durch die Menge. Greta, die alte Bäuerin, trat vor. „Und wenn sie wiederkommen? Wir haben kaum Munition, kaum Nahrung."

    „Dann holen wir sie uns, sagte Anna. „Aber wir holen sie mit Verstand. Wir bilden Gruppen. Kundschafter. Wenn dort draußen noch Menschen sind – dann müssen wir wissen, wer sie sind, bevor sie uns finden.

    Marek hob den Blick. „Ich gehe."

    Jonas wollte widersprechen, doch Anna legte ihm die Hand auf den Arm. „Er kennt das Land, und er weiß, was er tut."

    „Niemand geht allein, sagte Jonas schließlich. „Sven und Timo, sobald er wieder kann. Zwei Tage Erkundung, dann zurück.

    David trat hervor. „Ich bete nicht oft für Mut, sagte er, „aber vielleicht solltet ihr welchen mitnehmen.

    Ein schwaches Lächeln ging durch die Menge. Zum ersten Mal seit Tagen.

    Als sich die Menge zerstreute, blieb Anna zurück. Sie beobachtete, wie Jonas die Karte wieder entrollte und neue Linien zog. Seine Hände zitterten kaum merklich. „Du kannst auch mal aufhören zu denken", sagte sie.

    „Wenn ich das tue, sterben wir", entgegnete er.

    „Oder du stirbst an dir selbst", erwiderte sie. Ihre Worte verhallten, und er sah sie kurz an – ein Blick zwischen Misstrauen und Sehnsucht.

    Der Nachmittag verging mit Aufräumen. Man zählte Pfeile, zählte Nägel, zählte Atemzüge. Luisa übermalte Blutflecken an der Mauer, nicht aus Eitelkeit, sondern aus Notwendigkeit. „Wenn wir es sehen, wird es echt, sagte sie. „Wenn wir es verdecken, bleibt es Vergangenheit.

    Helene nähte neue Verbände aus alten Laken. Rieke sammelte die Kinder um sich, erzählte Geschichten von der Zeit, als Mauern noch nur Geschichte waren. Ihre Stimme war brüchig, aber die Kinder hörten zu. Manchmal lachten sie. Das Lachen hallte über den Platz, kurz und hell, wie ein Vogelruf im Nebel.

    Anna ging über den Wehrgang, die Hände auf das Geländer gelegt. Jonas stand neben ihr, sah auf die Arbeiter unten. „Wir müssen den südlichen Abschnitt verstärken. Wenn sie nochmal kommen, dann dort."

    „Du redest immer nur von sie, sagte Anna. „Aber ich glaube, das Schlimmste kommt nicht von draußen.

    Er sah sie an, irritiert. „Was meinst du?"

    „Menschen werden anders, wenn sie Angst haben. Wir bauen Mauern, ja. Aber irgendwann bauen wir sie gegeneinander."

    Jonas schwieg, und für einen Moment klang das Schweigen lauter als jedes Argument. Dann sagte er leise: „Dann müssen wir schneller bauen, als die Angst wächst."

    Am Abend zog Marek mit Sven auf Kundschaft. Der Himmel war kupferfarben, der Wind roch nach verbranntem Holz. Sie bewegten sich lautlos durch den Wald, ihre Schritte weich, ihre Waffen geladen. Hinter ihnen lag Steinmark wie eine Trutzburg aus Atem und Hoffnung. Die Sonne sank tief, warf rote Schatten zwischen die Stämme.

    „Denkst du, sie haben recht? fragte Sven leise. „Dass da draußen noch andere sind?

    Marek nickte. „Sicher. Aber die Frage ist, ob sie Freunde sind."

    Sie fanden Spuren – Fußabdrücke, frisch, zwei Tage alt. Keine Infizierten. Menschen. Eine zerschlissene Plane, ein Rest Lagerfeuer, Brotkrumen. Und dann – ein Stück Stoff mit Symbolen, Kreidezeichen. Eine Sonne, eingeritzt in Holz.

    „Was ist das?" fragte Sven.

    „Ein Zeichen, sagte Marek. „Vielleicht eine Gruppe. Vielleicht eine Warnung.

    Sie folgten den Spuren bis an einen alten Bahnübergang. Dort sahen sie Rauch aufsteigen, dünn, blau. Marek hob die Hand zum Halt. Zwei Gestalten am Feuer, bewaffnet. Einer drehte sich um. Kein Zombie. Ein Mann, vielleicht vierzig, mit vernarbtem Gesicht. Neben ihm ein Mädchen, kaum zwanzig, die Hände voller Verbände.

    Marek trat aus dem Schatten. „Wir wollen keinen Ärger."

    Der Mann lachte rau. „Das sagen sie alle, bevor sie schießen."

    „Wir kommen aus Steinmark, sagte Marek ruhig. „Wir suchen Handel, Verbündete.

    Die Frau trat einen Schritt näher. Ihre Augen waren müde, aber wach. „Steinmark? Ich hab davon gehört. Eine Stadt hinter Mauern."

    „Noch ist sie ein Dorf, sagte Marek. „Aber sie lebt.

    Der Mann musterte ihn lange, dann nickte. „Ich bin Farid. Das ist Alina. Wir handeln mit dem, was übrig ist. Er deutete auf den Wagen hinter ihnen – Medikamente, Dosen, Metallteile. „Ihr habt Schutz. Wir haben Ware. Vielleicht reden wir.

    Sie sprachen noch lange am Feuer. Farid erzählte von Städten, die sich selbst verbrannten, um nicht von den Infizierten überrannt zu werden. Von Flüssen, die voller Leichen trieben, und Dörfern, in denen man mehr Angst vor den Lebenden hatte als vor den Toten. Marek hörte zu und schwieg. Jede Geschichte war wie ein ferner Donner, der sich näherte.

    Der Abend fiel kalt über den Wald, und das Feuer knisterte leise. Der Rauch brannte in den Augen, aber niemand wagte, sich zu rühren. Farid hatte Geschichten erzählt, von den alten Straßen voller Autowracks, von Kindern, die auf Supermarktparkplätzen spielten, weil sie nichts anderes kannten. Alina hörte ihm kaum zu; sie saß mit angezogenen Knien da, starrte in die Dunkelheit. Marek folgte ihrem Blick, aber er sah nur Schatten.

    „Ihr habt also Mauern, sagte Farid schließlich. „Wie hoch?

    „Hoch genug, um uns zu schützen", antwortete Sven.

    Farid grinste schief. „Das dachte ich auch mal. In Halle hatten sie Beton und Stacheldraht. Hat sie nicht gerettet."

    „Was ist passiert?" fragte Marek.

    Farid legte das Holzstück beiseite, das er bearbeitet hatte. „Sie haben sich selbst eingeschlossen. Niemand durfte rein, niemand raus. Dann kam der Hunger. Und der Hunger ist schlimmer als jedes Monster."

    Eine Weile sagte keiner etwas. Nur das Knacken der Flammen blieb. Schließlich hob Alina den Kopf. „Ich hab dort gelebt. Ich war achtzehn. Mein Vater wollte mich rausschmuggeln, als sie anfingen, sich gegenseitig zu essen. Ihre Stimme zitterte nicht, aber ihre Finger umklammerten den Stoff ihres Mantels. „Farid hat mich gefunden, als alles vorbei war.

    Marek sah sie an, suchte Worte, fand keine. Er nickte nur, und in seinem Blick lag mehr Verständnis, als jedes Mitleid tragen konnte.

    Der Wind frischte auf, und die Bäume knarrten. In der Ferne hörten sie dumpfe Schläge, als ob etwas Schweres zu Boden fiel. Sven griff nach seiner Waffe. „Was war das?"

    Farid horchte. „Vielleicht nichts. Vielleicht das, was immer kommt, wenn man zu lange bleibt."

    Sie löschten das Feuer, packten ihre Sachen. Der Himmel hatte die Farbe von Ruß, und in der Dunkelheit schien jede Bewegung lauter. Während sie gingen, spürte Marek, wie Alina näher an ihn rückte. „Ich hab Angst vor der Stille, flüsterte sie. „Sie klingt wie früher, bevor alles kaputtging.

    „Dann bleib bei uns, sagte er leise. „Steinmark ist keine Zuflucht, aber es ist echt.

    Am Weg zurück fanden sie ein Schild, halb verrottet, halb überwuchert: „Willkommen in Wittlingen". Darunter hatte jemand mit roter Farbe geschrieben: Bleibt fern.

    Sven blieb stehen. „Glaubst du, sie leben noch hier?"

    „Nein, sagte Farid. „Wenn sie lebten, hätten sie kein Schild gebraucht.

    Als sie weitergingen, zog Nebel über die Straße. Marek spürte, wie seine Gedanken sich verdunkelten. Alles, was sie fanden, schien Warnung zu sein. Doch irgendwo in seinem Innern brannte ein schwaches Licht – die Vorstellung, dass vielleicht doch noch jemand Steinmark suchte, nicht um es zu zerstören, sondern um darin zu leben.

    Kurz vor Mitternacht hielten sie an einer Anhöhe. Unten lag das Tal, und in der Ferne schimmerte schwach das Feuer von Steinmark. Es war klein, aber warm, ein Zeichen in der Nacht.

    „Das ist es, sagte Marek. „Unser Herzschlag.

    Farid nickte langsam. „Dann bewahrt ihn gut. Jeder Herzschlag zieht andere an – auch die falschen."

    Zwei Stunden später kehrten Marek und Sven mit Farid und Alina nach Steinmark zurück. Die Tore öffneten sich zögernd. Jonas stand oben, das Gewehr in der Hand. „Wer sind sie?"

    „Händler, antwortete Marek. „Und vielleicht Freunde.

    Farid trat vor, hob die Hände. „Ich will nur reden. Ihr habt Mauern. Ich hab, was ihr braucht."

    Anna trat hinzu. „Und was willst du im Gegenzug? „Sicherheit. Und vielleicht ein Zuhause.

    Jonas blickte misstrauisch zwischen den vieren hin und her. „Niemand kommt rein, ohne geprüft zu werden."

    „Dann prüft mich, sagte Farid. „Aber lasst das Mädchen nicht draußen.

    Anna nickte. „Sie bleiben in der Schmiede. Marek, bleib bei ihnen."

    Als die Tore sich hinter ihnen schlossen, flackerte das Feuer auf dem Platz. Menschen traten näher, neugierig, misstrauisch. Alina senkte den Blick, hielt den Mantel fester. Marek bemerkte, dass sie eine Tätowierung am Handgelenk trug – das gleiche Sonnensymbol wie auf dem Holzstück im Wald.

    In der Nacht konnte Marek nicht schlafen. Farid saß am Feuer, Alina schlief zusammengerollt neben den Werkzeugen. „Ihr habt einen guten Ort hier, sagte Farid. „Aber jeder gute Ort zieht das Dunkle an.

    Marek sah ins Feuer. „Wir wissen."

    „Dann wisst ihr auch, dass Mauern nicht ewig halten."

    „Sie halten so lange, bis wir etwas Besseres finden."

    Farid lachte leise. „Etwas Besseres gibt’s nicht. Nur neue Mauern."

    Draußen heulte der Wind über die Felder. Im fahlen Licht des Mondes schien Steinmark zu atmen – wie ein

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