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Tödliche Strömung - Ein Fall für Sullivan: Band 2: Thriller
Tödliche Strömung - Ein Fall für Sullivan: Band 2: Thriller
Tödliche Strömung - Ein Fall für Sullivan: Band 2: Thriller
eBook514 Seiten6 StundenFlorida Crimes

Tödliche Strömung - Ein Fall für Sullivan: Band 2: Thriller

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Über dieses E-Book

Die Schwächsten erwischt es zuerst … Der packende nautische Thriller »Tödliche Strömung« von Christine Kling jetzt als eBook bei dotbooks.

Einsam treibt ein Boot im Ozean – an Bord nur noch eine einzige Überlebende … Die toughe Kapitänin Sullivan stößt im Meer vor der Küste Floridas auf ein führerloses Boot, auf dem sie ein halb verdurstetes Mädchen entdeckt – und die Leiche einer Frau! Was ist den beiden Flüchtlingen aus Haiti zugestoßen? Die junge Solange weigert sich, darüber zu sprechen. Droht ihr nun der nächste Schicksalsschlag – die Abschiebung durch die unerbittliche Einwanderungsbehörde? Sullivan will das hilflose Kind beschützen: Sie setzt alles daran, Beweise für ihren Verdacht zu finden, dass Solanges Vater Amerikaner ist. Doch das bedeutet auch, dass sie den Tod der Frau an Bord aufklären muss – und dabei geraten die beiden schnell ins Visier eines gefährlichen Verbrecherrings ...

»Ein straffer, temporeicher Thriller!« The Miami Herald

Jetzt als eBook kaufen und genießen: »Tödliche Strömung« von Christine Kling ist der zweite packende nautische Thriller aus der Reihe »Florida Crimes« um die scharfsinnige Kapitänin Sullivan, der unabhängig von seinem Vorgänger gelesen werden kann. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
SpracheDeutsch
Herausgeberdotbooks
Erscheinungsdatum1. Aug. 2020
ISBN9783966550307
Tödliche Strömung - Ein Fall für Sullivan: Band 2: Thriller
Autor

Christine Kling

Christine Kling segelt seit mehr als 30 Jahren über den Atlantik, den Pazifik und in der Karibik. Diese Leidenschaft inspirierte sie zu den Spannungsromanen um Floridas tougheste Schleppkahnfahrerin, Seychelle Sullivan. Christine Kling hat ein Masterstudium in kreativem Schreiben an der Florida International University abgeschlossen. Ihre Artikel, Essays und Kurzgeschichten erscheinen regelmäßig in zahlreichen Zeitschriften und Sammelbänden. Nachdem sie lange Zeit als Englisch-Professorin am Broward College tätig war, ist sie heute im Ruhestand und lebt an Bord eines Motorseglers. Bei dotbooks veröffentlichte Christine Kling die beiden nautischen Thriller »Tödliche Entdeckung« und »Tödliche Strömung«. Die Website der Autorin: https://christinekling.com/

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    Buchvorschau

    Tödliche Strömung - Ein Fall für Sullivan - Christine Kling

    coverpage

    Über dieses Buch:

    Einsam treibt ein Boot im Ozean – an Bord nur noch eine einzige Überlebende … Die toughe Kapitänin Sullivan stößt im Meer vor der Küste Floridas auf ein führerloses Boot, auf dem sie ein halb verdurstetes Mädchen entdeckt – und die Leiche einer Frau! Was ist den beiden Flüchtlingen aus Haiti zugestoßen? Die junge Solange weigert sich, darüber zu sprechen. Droht ihr nun der nächste Schicksalsschlag – die Abschiebung durch die unerbittliche Einwanderungsbehörde? Sullivan will das hilflose Kind beschützen: Sie setzt alles daran, Beweise für ihren Verdacht zu finden, dass Solanges Vater Amerikaner ist. Doch das bedeutet auch, dass sie den Tod der Frau an Bord aufklären muss – und dabei geraten die beiden schnell ins Visier eines gefährlichen Verbrecherrings ...

    »Ein straffer, temporeicher Thriller!« The Miami Herald

    Über die Autorin:

    Christine Kling segelt seit mehr als 30 Jahren über den Atlantik, den Pazifik und in der Karibik. Diese Leidenschaft inspirierte sie zu den Spannungsromanen um Floridas tougheste Schleppkahnfahrerin, Seychelle Sullivan. Christine Kling hat ein Masterstudium in kreativem Schreiben an der Florida International University abgeschlossen. Ihre Artikel, Essays und Kurzgeschichten erscheinen regelmäßig in zahlreichen Zeitschriften und Sammelbänden. Nachdem sie lange Zeit als Englisch-Professorin am Broward College tätig war, ist sie heute im Ruhestand und lebt an Bord eines Motorseglers.

    Bei dotbooks veröffentlichte Christine Kling auch »Tödliche Entdeckung«.

    Die Website der Autorin:

    https://christinekling.com/

    ***

    eBook-Neuausgabe August 2020

    Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 2004 unter dem Originaltitel »Cross Current« bei Ballantine Books.

    Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2004 by Christine Kling

    Copyright © der deutschen Erstausgabe 2004 by Bastei Lübbe AG Köln

    Copyright © der Neuausgabe 2020 dotbooks GmbH, München

    Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

    Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Ramunas Bruzas

    eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ae)

    ISBN 978-3-96655-030-7

    ***

    Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: info@dotbooks.de. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

    ***

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    ***

    Besuchen Sie uns im Internet:

    www.dotbooks.de

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    www.instagram.com/dotbooks

    blog.dotbooks.de/

    Christine Kling

    Tödliche Strömung

    Thriller

    Aus dem Amerikanischen von Rolf Tatje

    dotbooks.

    Im Gedenken an Red Koch, Kapitän der Hero

    »Se bon ki ra.«

    Das Gute ist selten.

    Haitianisches Sprichwort

    DANKSAGUNGEN

    Mein Dank geht an Mark Tavani, Tracy Brown, Judith Weber, die Community Policing Division, das Fort Lauderdale Police Department, Bon Mambo Racine Sans Bout Sa Te La Daginen, Fred Rea, Ed Magno, Michael Black, Barbara Lichter, Kathleen Ginestra, den Kapitän der Island Girl Ross Prim, Marcia Spillers, Caren Neile, Neil Plakey, Ginny Wells, Sean Holland, meine Leser, meine Familie, meine Freunde und vor allem an Tim Kling, meinen Sohn.

    Kapitel 1

    Wenn man auf die alte, hölzerne Bahama-Motorjacht Miss Agnes hinunterschaute, die auf der Seite auf dem weißen Sand des Meeresbodens lag, konnte man sich nur schwer vorstellen, dass hier Menschen gestorben waren. Jede Einzelheit – von der abblätternden beigen Farbe bis zu dem gespannten Draht an der Basis der Funkantenne – war so deutlich zu sehen, als würde ich durch die scharf eingestellte Linse einer Kamera blicken. Es sah gar nicht so aus, als läge die Miss Agnes auf dem Meeresgrund. Die Jacht und das Wasser darüber waren so still und klar, dass ich das Gefühl hatte, in der Luft zu schweben, als ich mich über den Bug meines Schiffes beugte.

    »Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ein so kleines Schiff mehr als fünfzig panikerfüllte Menschen transportiert hat.« Ich drehte mich um und sah B.J. vor der Ruderhaustür des Schleppers stehen. Das Meerwasser tropfte an ihm herunter; den Reißverschluss seines Taucheranzuges hatte er bis zur Taille geöffnet, und sein langes, schwarz glänzendes Haar hing glatt auf seinen Rücken. Er kam zu mir an die Reling und starrte hinunter in das kristallklare Wasser. »Weißt du, Seychelle, es war, als ob drei Generationen – alte und junge Leute, sogar Kinder – da hineingestopft waren wie Cocktailwürstchen in der Dose. Eine verdammt ungemütliche Art zu reisen.«

    »Cocktailwürstchen, B. J.?« Ich drehte mich um und warf ihm einen kurzen Blick zu, während ich mich gegen die Schiffswand aus Aluminium hinter mir lehnte. Wir mussten beide schreien, damit wir uns über das Dröhnen des Generators auf dem Lastschiff hinweg verstehen konnten. »Ich hätte nicht gedacht, dass jemand wie du überhaupt weiß, dass es so etwas gibt.«

    B.J. war mein gelegentlicher Decksmann und Mechaniker, eine Art New-Age-Naturkost-Anhänger; der Einzige, den ich je kennen gelernt hatte, bei dem das alles nicht aufgesetzt und abgedreht wirkte. Ganz sicher war er nicht der typische blonde Surfertrottel, denn er hatte im Gegensatz zu mir wenigstens zwei College-Abschlüsse. Er war samoanischer Herkunft, doch sein Blut enthielt außerdem eine Spur jeder ethnischen Gruppe, die in den letzten hundert Jahren jemals durch den Pazifik gezogen war. Obwohl er nie auf seinen Heimatinseln gewesen war, konnte man an seiner glatten braunen Haut und den mandelförmigen Augen erkennen, dass er einen Teil seiner Heimat in sich trug. »Natürlich« war für B.J. kein leeres Wort; es war die Art, wie er sein Leben lebte.

    »Du hast Recht. Ich würde so was nie essen, aber ich beobachte trotzdem gern die Gewohnheiten der Menschen in meiner Umgebung. Nimm zum Beispiel diese Typen da.« Er zeigte mit dem Daumen in Richtung der Männer, die den Kran auf dem Bergungskahn bedienten, an dem die Gorda vertäut war, mein vierzehn Meter langer Schlepper. Wir ankerten ein paar tausend Meter vor dem Leuchtturm des Hillsboro Inlet. »Sie haben drei völlig verschiedene Ansichten darüber, wo sie die Trageseile unter dem Rumpf durchziehen sollen, damit das Wrack nicht in der Mitte auseinander bricht, wenn wir es an die Oberfläche hieven. Und keiner von denen ist bereit, einen Kompromiss einzugehen.«

    Ich blickte zu den Typen hinüber, die B.J. meinte, und hatte den Verdacht, dass alle verkatert waren und keiner von ihnen in den letzten Tagen einen Rasierapparat benutzt hatte. Sie sahen aus, als hätte man sie beim Zapfenstreich im Downtowner Saloon eingesammelt. »Sehe ich das richtig, dass wir eine Weile hier bleiben?«, fragte ich.

    B. J. nickte, bewegte sich dann in den Schatten, setzte sich auf die Deckskiste vor dem Ruderhaus und begann, Abacos Ohren zu kraulen. Abaco war die schwarze Labrador-Hündin, die ich zusammen mit der Gorda, der Sullivan Towing Company and Salvage Company geerbt hatte, als Red Sullivan, mein Vater, vor nicht ganz drei Jahren starb.

    »Ich hatte keine Lust mehr, herumzuschwimmen, bis sie sich zu einem Entschluss durchringen«, erklärte B.J., »also bin ich aus dem Wasser gekommen, um dich zu nerven.« Er schälte seine breiten braunen Schultern aus dem nassen Taucheranzug. »Dafür, dass es noch so früh ist, ist es eigentlich viel zu heiß.«

    Ich riss mich vom Anblick seiner Brust los. Heute musste ich mich aufs Geschäft konzentrieren. Nachdem ich vier Jahre mit B. J. zusammengearbeitet und mir geschworen hatte, nie zuzulassen, dass unsere Beziehung sich in etwas anderes, Romantisches verwandelte, hatte sie sich doch verändert. Das Wie und Warum war eine lange Geschichte, doch kurze Zeit, nachdem ich seine Zahnbürste und Kokos-Seife in meinem Badezimmer vorfand, hatte ich ihn um eine Pause gebeten. Ich war mir noch nicht sicher, ob ich schon bereit war, mein kostbares Singledasein aufzugeben.

    Das Geschäft hier war ein Versicherungsauftrag, den ich dringend brauchte. Für Firmen und Unternehmen zu arbeiten war immer besser als für den kleinen Mann – man schickte ihnen seine Rechnung, und sie bezahlten. Sie jammerten und beklagten sich nicht und versuchten auch nicht, den letzten Cent aus einem herauszuleiern. Die Gorda und ich waren hier, um die Bahama-Motorjacht ins Schlepptau zu nehmen, sobald die Jungs von Gilman Marine sie an die Oberfläche geholt und leer gepumpt hatten. Gilmans Bergungsschiffe waren riesige Monster, dafür gebaut, Schiffe zu heben wie die Miss Agnes, wobei sie den Schleppauftrag an mich weitergaben. Mein Vater hatte die Gorda in den Siebzigern speziell für das Geschäft mit kleinen Booten und Jachten entworfen und gebaut. Ich hatte auf Deck zwei große Dieselpumpen aufgestellt, die 115 Liter pro Minute schafften, und solange die Miss Agnes nicht völlig leck geschlagen war, sollten wir es schaffen, sie leer zu pumpen und die Küste hinunter in Port Everglades in eine Werft zu bringen. Alte Boote aus Holzplanken wie die Miss Agnes leckten normalerweise durch ihre kalfaterten Ritzen, aber meine Pumpen sollten in der Lage sein, auch diesen Zufluss zu bewältigen.

    Ich beugte mich wieder übers Wasser, um mir das Wrack anzusehen, das noch immer auf dem Meeresgrund lag. Der Sand darunter sah aus, als wäre er in saubere Furchen geharkt worden – das Ergebnis der raschen Strömung, die durch die enge Öffnung des Inlets floss. Die Illusion zu fliegen war schwieriger aufrechtzuerhalten, als ich einen Schwarm Gelbstreifen-Grunzer entdeckte, der durch die offenen Fenster des Ruderhauses hinein- und herausflitzte, sowie einen dreißig Zentimeter langen Barrakuda, der regungslos über dem Wrack schwebte.

    »Bist du sicher, dass sie fünfzig Leute gesagt haben, B.J.?«

    »Ja.«

    Eine Zeit lang sprach keiner von uns beiden ein Wort. Das war das Besondere an B.J. – er spürte nie die Notwendigkeit, die Stille mit unnötigen Bemerkungen zu füllen. Als er schließlich redete, war seine Stimme ruhig, und ich musste mich hinüberlehnen, um ihn zu hören. »Siehst du die Mole da hinten, nördlich vom Inlet?«

    Ich blickte zu der Stelle, die er mir bezeichnet hatte. Der Leuchtturm am Hillsboro Inlet stand hinter dem breiten Strand versteckt zwischen den wild wuchernden Nadelbäumen und niedrigen Seetrauben-Bäumen. Der fast hundert Jahre alte Stahlskelettrahmen war vor kurzem gestrichen worden, die untere Hälfte weiß, die obere schwarz. Eine kleine Mole aus Felsen ragte an der sandigen Landzunge unten am Leuchtturm vorbei in den Atlantik hinaus.

    »Es scheint, dass da hinten das Patrouillenboot der Küstenwache gelauert hat«, sagte er und zeigte auf die kleine Bucht, die durch die Landzunge gebildet wurde. »Es war eine mondlose Nacht, wie Schmuggler sie gern haben. Aber das Schlechte daran war, dass sie deshalb auch das Patrouillenboot nicht sahen, bis sie fast im Inlet waren. Als die Küstenwache ihre Scheinwerfer einschaltete, gerieten die Haitianer in Panik. Sie versuchten, sich ihren Weg auf die andere Seite des Bootes zu bahnen. Das Wetter war in der Nacht sehr ruhig, und die Mannschaft hatte alle Fenster und Heckklappen geöffnet. Die Jacht ist einfach gekentert, und – gluck, gluck.«

    »Ich habe gehört, dass sechs Leute ertrunken sind«, sagte ich. Im Miami Herald hatte ich auch gelesen, dass zwei von ihnen Kinder waren, kleine Mädchen, zehn und zwölf Jahre alt, aber das sagte ich nicht laut. Ich wusste, dass B. J. es wusste – genauso wie er wusste, dass ich die meisten Geschehnisse kannte, die sich hier in der vorletzten Nacht abgespielt hatten. Es war allerdings unsere Gewohnheit, über unsere Bergungsfälle zu reden und alle Details bei der Arbeit noch einmal durchzugehen. Allzu oft gab es bei der Bergung havarierter Schiffe auch Todesopfer, und B.J. und ich taten für gewöhnlich, was wir konnten, uns abzulenken, indem wir Witze machten und lachten und uns gar nicht erst vorstellten, wie es geschehen war. Diese Bilder holten mich am Ende ein, oft in jenen dämmrigen Augenblicken zwischen Wachen und Schlafen, wenn meine Fantasie die Vorstellung von den kleinen Mädchen einschmuggelte, wie sie im Wasser kämpften, überrascht von der plötzlichen Kälte, wie sie nach ihren Eltern riefen, wie sie nach Luft schnappten, stattdessen aber nur Salzwasser schluckten.

    »Fünfzig Leute ist wirklich nur eine Schätzung«, sagte B.J. »Heutzutage tun oder zahlen die Haitianer alles, um in die Staaten zu kommen, und so, wie die Schmuggler die Boote vollstopfen, hätten es noch mehr sein können.«

    »Ich hoffe, sie erwischen diese Bastarde und klagen sie wegen Mordes an.«

    B. J. starrte auf den schmalen Sandstreifen und die Mole. »Einige haben es bis zum Strand geschafft und sind in der Stadt untergetaucht. Wahrscheinlich sind sie in Autos gestiegen, die schon auf sie gewartet haben. Die Einwanderungsbehörde hat siebenundzwanzig Illegale aufgegriffen. Sie sind entweder in Abschiebehaft oder schon wieder in Port-au-Prince.«

    »Das Land der Freien«, sagte ich, »aber nur, wenn du von der richtigen Insel kommst.«

    »Gorda, Gorda, hier ist die Outta the Blue, over.«

    Die Worte aus dem Funkgerät des Schleppers waren über das Dröhnen der Generatoren auf dem Bergungskahn hinweg kaum zu verstehen.

    »Verdammt.« Ich schlug mit der flachen Hand auf die warme Oberfläche der Schiffswand aus Aluminium. »Nicht schon wieder.« Als ich mich umdrehte, sah ich B.J. lachen. »Hör auf«, sagte ich. »Das ist nicht witzig.«

    »Ich wette, er hat es wieder getan.«

    »Bei der Wette halte ich auf keinen Fall dagegen.«

    Ich schwang mich durch die Tür des Ruderhauses und schnappte mir das Funkmikrofon, das über dem Steuer hing. »Outta the Blue, hier Gorda. Sollen wir auf Kanal sechs acht wechseln?«

    »Ja. Roger.«

    Ich tippte die Ziffern in die Tastatur ein. »Hey, Mike. Hier ist die Gorda. Was gibt's?«

    »Hey, Seychelle. Ist das nicht eine Bullenhitze für Juni? Und nicht der kleinste Luftzug hier draußen.«

    »Ja, ja, Mike. Ich weiß, dass du mich nicht angerufen hast, um mit mir übers Wetter zu reden. Was ist Sache?«

    »Na ja, ich war die ganze Nacht mit meinem Kumpel Joe D'Angelo hier draußen beim Fischen. Er und ich, wir kennen uns schon ewig. Wir haben immer zusammengearbeitet. Mann, wir hatten 'ne echt gute Zeit in den Achtzigern.« Ich machte eine kreisende Handbewegung, als B.J. mir durch das Fenster des Ruderhauses einen fragenden Blick zuwarf. Mike plapperte weiter.

    Mike Beesting war ehemaliger Polizeioffizier aus Fort Lauderdale, der bei einem verärgerten Arbeiter der Stadtwerke hereingeplatzt war, als der mit seinem Boss reden wollte, wobei er als Argument eine Schrotflinte einsetzte. Das Ergebnis war, dass Mike mehreren Menschen das Leben rettete, aber durch einen Schrotschuss seinen rechten Unterschenkel und den Fuß verlor. Anstatt künftig am Schreibtisch zu arbeiten, kündigte er lieber bei der Polizei und lebte nun dank einer hübschen Abfindung auf seinem Irving-54-Segler an einem Dock am Middle River. Er veranstaltete Cocktailfahrten in den Sonne Untergang und ließ sich für Tagestouren chartern.

    »Komm zur Sache, Mike.«

    »Also, als wir letzte Nacht beim Treibangeln waren, hatten wir nur einen kleinen Scheinwerfer an, aber als wir die ersten Fische fingen, habe ich die großen Scheinwerfer eingeschaltet und später vergessen, sie auszumachen. Joe war nervös, weil er befürchtete, wir könnten hinaustreiben; also hat er darauf bestanden, die ganze Nacht das Ruder zu beobachten, und dann haben wir meine ganze Sammlung Buffet Tunes abgespielt ...«

    »Und jetzt kannst du die Maschine nicht starten. Deine Batterien sind leer. Wieder mal

    »Ich bezahl es dir, Seychelle, das weißt du. Wir sind nur ungefähr sechs oder acht Meilen vor Pompano, glaub ich.«

    »Mike, die letzten beiden Male, als das passiert ist, habe ich dir gesagt, dass du dir jemanden aufs Boot holen sollst, der dir neue Leitungen legt, damit du deine Startbatterie in Reserve halten kannst.«

    »Das werde ich auch tun. Nächste Woche. Ich versprech's.« Mike gehörte zu der Sorte von Schiffseignern – und ich hatte eine Menge wie ihn kennen gelernt –, die ihr Geld lieber für Schnickschnack ausgeben, den man sehen kann, cooles, neues Spielzeug wie einen elektronischen Kartenplotter oder eine Eismaschine, als für etwas Nützliches, aber beinahe Unsichtbares, wie Ersatz für eine angeknackste Ankerkette oder eine Starterbatterie. Er hatte sein Boot so sehr mit technischem Krimskrams vollgestopft, dass es mehr einem schwimmenden Apartment als einem Segelboot glich.

    B. J. erschien neben mir in der Tür des Ruderhauses. Mit seinen ein Meter achtzig war er um einige Zentimeter größer als ich, und einen Augenblick schoss mir der Gedanke durch den Kopf, wie angenehm es wäre, meine Hände um seine Taille zu schlingen und seinen Körper an meinen zu ziehen. Obwohl ich groß und kräftig war und die Schultern einer Schwimmerin hatte, fühlte ich mich oft noch wie das schlaksige Kind, das ich einmal gewesen war; das Kind, das in der fünften Klasse schon einssiebzig maß und das die anderen den »Lustigen Grünen Riesen« nannten. Doch seit wir uns das erste Mal geliebt hatten, hatte ich bei B. J. immer das Gefühl, dass wir so nahtlos zusammenpassten, als gehörte mein Körper in seine Arme. Vielleicht, so dachte ich, war es das, was mir Angst machte, während ich so tat, als würde ich mich für die Vorgänge auf dem Bergungskahn interessieren, als ich zum hinteren Fenster des Ruderhauses ging.

    B. J. sagte: »Ich kenne dich. Jemand ist in Schwierigkeiten, und es juckt dich, hinzufahren und ihn zu retten. Auch wenn es nur Mike ist. Seychelle, es dauert noch mindestens drei Stunden, bis die Jungs diese Jacht gehoben haben, und dann müssen sie sie noch leer pumpen. Du hast also genug Zeit.«

    »Ich weiß, und wie immer brauche ich das Geld, aber ...« Die Männer auf dem Bergungskahn standen noch immer im Schatten des Kranes zusammen und diskutierten. Ich wollte hier alles richtig machen. Für Gilman Marine zu arbeiten bedeutete in der Zukunft zusätzliche Aufträge durch Empfehlung. Ich konnte es mir nicht leisten, dieses Geschäft in den Sand zu setzen.

    Mikes Stimme platzte aus dem Funkgerät. »Seychelle, Joe sagt, dass er wirklich bald zurück muss. Er sagt, er zahlt deinen doppelten Tarif.«

    Ich drehte mich um und grinste B. J. an, als ich den Knopf an der Seite des Mikrofons drückte. »Gib mir einfach deine GPS-Koordinaten, und ich bin unterwegs.«

    B. J. machte meinen Palstek los und reichte mir das sauber aufgerollte Tau. Sobald ich am Steuer im Ruderhaus stand, stieß er den Bug des Schleppers vom Bergungskahn ab. Ich beobachtete das Heck, um sicherzugehen, dass es nirgends anstieß, setzte die Gorda in Bewegung und glitt über die Stelle hinweg, wo in etwa vierzehn Fuß Wassertiefe die gesunkene Motorjacht lag. Ich hatte noch gut sieben Fuß freies Wasser über ihrer Kabine. B. J. ging bis zum Ende des Bergungskahnes und folgte meiner Fahrt, so weit es ging. An der Ecke blieb er stehen und winkte. Abaco flitzte zum Heck, sprang herum und bellte seine kleiner werdende Silhouette an, als wollte sie mir sagen, dass ich einen Fehler machte und jemanden vergessen hatte. B. J. dort stehen zu sehen, mit erhobener Hand, um die Augen abzuschirmen, und nacktem Brustkorb, wie er mir mit seinen strahlend weißen Zähnen zulächelte – das alles veranlasste meinen Magen zu ganz eigenen gymnastischen Übungen.

    Nachdem ich die letzte Fahrrinnenmarkierung hinter mir gelassen hatte, schlug ich mit dem Schlepper bei sechs Knoten einen südlichen Kurs ein, etwa 120 Grad. Ich schaltete den Autopiloten und das Radar ein, fand im Ruderhaus eine Baseballmütze und zog mein schulterlanges Haar durch die Öffnung hinten in der Mütze. In den letzten Jahren, nachdem mein Vater an Hautkrebs gestorben war, hatte ich den Sonnenschutz sehr viel ernster genommen. Ich hoffte nur, es war nicht zu wenig und nicht zu spät. Red hatte die typische Haut der Rotblonden, und obwohl ich mit meiner leicht bräunenden Haut und dem sonnengebleichten braunen Haar mehr nach meiner Mutter kam, hatte ich doch genug Sommersprossen auf Nase und Armen, dass ich mich jeden Morgen dick mit Lichtschutzfaktor 30 einschmierte, bevor ich zur Arbeit ging.

    Draußen auf Deck begann ich damit, die Anlegetaue wegzuräumen und ein Schlepptau für die Outta the Blue vorzubereiten. In regelmäßigen Abständen blickte ich von meiner Arbeit auf und suchte auf 360 Grad den Horizont ab, um zu sehen, ob es um mich her irgendwelchen Schiffsverkehr gab. Es war ein sehr ruhiger Mittwochmorgen, nur ein einzelner Frachter weit draußen im Golfstrom war zu sehen sowie ein kleines Treibanglerboot dichter unter der Küste. Mike hatte mit der Flaute hier draußen Recht gehabt. Es war unmöglich, dass ein Segelboot jetzt aus eigener Kraft nach Hause segeln konnte. Es fühlte sich gut an, sich zu bewegen: Die Brise des Fahrtwindes kitzelte in meinem Nacken, während sie den Schweiß trocknen ließ. Ich zupfte mein nasses T-Shirt von der Haut. So, wie das glatte, silbrige Wasser die hohen Wolken reflektierte, sah es aus, als würde die Gorda durch flüssiges Quecksilber gleiten. Winzige Staubpartikel schwebten über der Wasseroberfläche. Abaco fand einen Platz im Schatten des Ruderhauses und streckte sich mit dem Bauch flach auf dem immer noch kühlen Aluminiumdeck aus, um zu schlafen.

    Ich fragte mich, ob jemals der Tag kommen würde, an dem ich einfach wieder nur B. J.'s Kumpel sein und die Nächte vergessen konnte, die wir zusammen verbracht hatten. In den ersten Jahren, nachdem ich ihn kennen gelernt hatte, als ich als Rettungsschwimmerin am Strand von Fort Lauderdale arbeitete, bis zu den Tagen, als er bei mir auf der Gorda anheuerte, hatte ich beobachtet, wie er eine ganze Reihe von schönen Freundinnen hatte, von denen keine länger als sechs Monate blieb. Auch wenn sie sich immer friedlich getrennt hatten und mit ihm befreundet blieben, hatte ich mir geschworen, nie im Lager von B. J.'s Exfreundinnen zu landen, obwohl ich mich zu ihm hingezogen fühlte.

    Und da war ich nun, nach nur vier Monaten.

    Diesmal war allerdings ich es gewesen, die auf die Bremse getreten hatte. Ich war es gewesen, die »Auszeit« gerufen hatte. Ich musste zugeben, dass es nicht nur daran lag, dass wir praktisch zusammenlebten. Was mir wirklich Angst machte: B.J. hatte angefangen, über eine Familie nachzudenken und zu reden. B.J., der Liebling aller Frauen, redete über Kinder? Obwohl in wenigen Monaten bereits mein dreißigster Geburtstag lauerte und die meisten Frauen in meinem Alter daran dachten, sich einen Mann zu suchen, sich niederzulassen und in den westlichen Vorortsiedlungen ein hübsches kleines Reihenhaus mit einer Kindertagesstätte in der Nähe zu kaufen, konnte ich mir so etwas für mich einfach nicht vorstellen. Allein der Gedanke an Kinder machte mir eine Heidenangst. Ich mag es, allein zu schlafen, die Badezimmertür offen zu lassen, um halb sechs aufzustehen und für einen morgendlichen Lauf an den Strand zu gehen oder um vier Uhr morgens, wenn ich nicht einschlafen kann, für ein Stück Pastete nach Art des Hauses zu Lester's Diner zu fahren. Und für niemanden verantwortlich zu sein außer für mich selbst.

    Ungefähr eine halbe Meile weiter südlich fuhr ein großes Sportfischerboot in meine Richtung. Das Ding zog eine richtige Bugwelle hinter sich her, wobei es ungefähr eine Million Liter Sprit pro Stunde verbrauchte, und da niemand auf der Flybridge stand, konnten sie mich vom Innern des Steuerstandes aus wahrscheinlich nicht sehen. Ich drosselte die Geschwindigkeit und änderte den Kurs, sodass sie vor meinem Schlepper vorbeirauschen würden.

    Über das Heck war der Strand nicht mehr zu sehen, nur die Spitzen der Gebäude. Ich schätzte, dass ich mich ungefähr sieben Meilen vor der Küste und annähernd weit genug südlich befand. Nach dem GPS war ich nur ein paar Meilen von der Outta the Blue entfernt. Ich nahm das Fernglas aus seinem Kasten am Bulkhead-Sitz und suchte den Horizont nach dem Mast des Seglers ab. Außer einem Schwarm kreisender Möwen entdeckte ich nichts. Jetzt, wo die Sonne höher stieg, würde es schwieriger werden, das Segelboot zu entdecken, und die Hitze des Tages löste den Horizont in flirrende Hitzewellen auf.

    Die Bugwelle des Sportfischers erfasste uns, und obwohl der Schlepper beinahe so groß war wie ihr Boot, brachte die Bugwelle ihn zum Rollen und Stampfen. Bevor ich die Fahrtgeschwindigkeit wieder erhöhte, ging ich mit dem Fernglas aufs Vorderdeck hinaus und versuchte ein letztes Mal, Mikes Segler zu entdecken. Ich fing links an und suchte den Horizont ab, wobei ich langsam über das Wasser schwenkte.

    Moment mal. Ich hatte etwas durch den Sucher huschen gesehen. Seevögel. Ich schwenkte das Fernglas zurück und versuchte, mich darauf zu konzentrieren, war mir aber nicht sicher, ob ich überhaupt etwas gesehen hatte. Hatte ich es mir nur eingebildet? Ich schwenkte wieder zurück und fand die Seevögel, die dicht gedrängt über einem kleinen Gebiet kreisten – weiße Vögel, die tief flogen und dann auf irgendetwas auf der Wasseroberfläche hinabstießen. Vielleicht war es nur ein Fischschwarm, und die Möwen schnappten sich die Fische, die aus dem Wasser sprangen.

    Nein. Da. Ich sah etwas. Irgendwelche treibenden Trümmer, vielleicht etwas, das während eines längst abgezogenen Sturmes draußen auf See vom Deck eines Frachters gespült worden war, vielleicht nur ein schwarzer Müllsack, vielleicht auch mehr. Hier im Golfstrom sah man oft Treibholz, alte Kanister, sogar in Plastik eingewickelte Marihuanaballen, die von der Karibik, vom Golf oder sogar von der Küste Südamerikas angetrieben wurden. Einmal hatte ich draußen bei den Bahamas, im Northwest Providence Channel zwischen Great Abaco und den Berry Islands, sogar einen Schiffscontainer entdeckt, so einen, den man hinten auf eine Zugmaschine hängt. Er ragte kaum über die Wasseroberfläche hinaus und wartete nur darauf, dass ein ahnungsloses Boot mit acht Knoten in ihn hineinkrachte.

    Ich versuchte, das Fernglas scharf einzustellen, und erkannte etwas, das wie ein schwarzer Fleck aussah. Das Wasser in seiner Umgebung wirkte kabbelig. Vielleicht war es nichts weiter als ein schwarzer Müllsack, den irgendein Blödmann über Bord geworfen hatte – es gab genügend Trottel auf den Schiffen und Booten, denen es vollkommen egal war, dass sie den Ozean zur Müllkippe degradierten. Natürlich gab es hier draußen manchmal auch andere Dinge, die in Müllsäcke eingewickelt herumtrieben. Die Einheimischen nannten sie »quadratische Zackenbarsche«. Wenn es wirklich ein Ballen war, würde ich weiterfahren; ich hatte keine Lust, irgendwie damit in Berührung zu kommen oder damit zu tun zu haben. Mein Dad hatte mir schon in ganz jungen Jahren eingeschärft, dass Drogen tabu waren, weil die Behörden das Schiff beschlagnahmen konnten. Aber wenn es ein kleines treibendes Boot war, konnte es etwas wert sein. Das schwarze Ding konnte ein Schwimmanker sein.

    »Gorda, Gorda, hier ist die Outta the Blue, over.«

    Mike und sein Kumpel wurden langsam ungeduldig. Ich musste wirklich die Maschinen hochfahren und vorankommen. Hier verschwendete ich nur Zeit. Die Gilman-Crew im Hillsboro Inlet würde sicher verdammt wütend werden, wenn sie das Boot gehoben hatten und ich nicht da war, um es ins Schlepptau zu nehmen.

    Ich legte das Fernglas auf die Deckskiste und wischte meine Hände an den Shorts ab. Verdammt, es war heiß. Ich ging um die große Aluminium-Schleppbeting am Bug herum, lehnte mich mit der Hüfte gegen die Schiffswand und machte einen letzten Versuch. Ich bemühte mich, das Fernglas gerade lange genug still zu halten, um herauszubekommen, wofür sich die verflixten Vögel so sehr interessierten.

    Dann bewegte es sich. Der schwarze Fleck hob sich aus dem Wasser und schien dort mehrere Sekunden lang zu treiben. Ich blinzelte und war mir nicht sicher, was ich dort eigentlich sah. Dann änderte sich die Gestalt des schwarzen Etwas; es drehte sich, und ich erkannte erste Einzelheiten. Meine verschwitzten Finger stellten am Knopf über meiner Nase die Schärfe des Feldstechers ein – und dann atmete ich so heftig ein, dass das Glas wackelte.

    Ich blickte direkt in das dunkle Gesicht eines Kindes.

    Kapitel 2

    Ich ließ das Fernglas sinken und sagte laut: »Was zum Teufel ...« Blinzelnd betrachtete ich das Objekt und versuchte mich zu versichern, was ich wirklich gesehen hatte, so als hätte das Fernglas mir möglicherweise einen Streich gespielt. Ich sichtete den Fleck am Horizont dank der kreisenden Vögel nun problemlos mit bloßem Auge. Mehrere Sekunden vergingen, während ich im Geiste die Möglichkeiten durchging: ein Schiffsuntergang, ein Sturz über Bord, ein gemietetes Dingi, das auf See hinausgetrieben war. Ein weiterer Blick durch das Fernglas. Jetzt war es schwierig, in dem runden dunklen Objekt das Kind zu erkennen. Der Kopf hing herab, das Gesicht lag beinahe im Wasser und bewegte sich nicht mehr.

    Ich stürzte ins Ruderhaus zurück und machte eine Peilung. Nachdem ich den Gashebel auf volle Kraft gestellt und das Steuer so gedreht hatte, dass es gerade rechts an der Peilung vorbeizielte, wollte ich nach dem Mikrofon greifen, hielt dann aber inne.

    Ich kannte die Regeln: Wenn man ein Fahrzeug oder eine Person in Seenot sichtete, benachrichtigte man die Küstenwache. Aber die Regeln für das, was als Nächstes passieren würde, waren beschissen. Wenn es ein sechsjähriger Junge aus Kuba war, würde er eine Berühmtheit. Sie würden ihn nach Disney World bringen und ihm einen jungen Hund schenken. Aber hier endete es für ihn bestenfalls mit einer Fahrt zum Flughafen. Ich beschloss, ein wenig zu warten. Den erforderlichen Anruf bei der Küstenwache konnte ich auch noch machen, nachdem ich mit Sicherheit wusste, was genau hier los war.

    Ich drehte bei, ließ den Schlepper in mehreren hundert Metern Abstand zum Stehen kommen und bereitete mich darauf vor, längsseits zu gehen. Jetzt konnte ich erkennen, dass es ein Holzboot war, –ungefähr viereinhalb Meter lang, wahrscheinlich ein Flussfischerboot, aber voller Wasser. Die Dollborde ragten gerade noch einige Zentimeter über die Oberfläche der ruhigen See. Selbst vollgeschlagen treiben Holzboote noch. Das Wasser im Rumpf sah schmutzig aus und war voller Trümmerteile. Ein großer Haufen Kleidung in knallbunten Farben war am Heck aufgestapelt, und im Wasser dümpelten rostige Dosen, Papierstücke und weiße Wasserkanister aus Plastik, die jetzt leer waren. Wo zur Hölle waren sie hergekommen? Dies war kein Boot, das dazu bestimmt war, das Meer zu überqueren – es gab kein Segel, keinen Außenbordmotor, nicht mal Ruder konnte ich entdecken. Ich hielt es für unmöglich, dass sie in diesem Boot von einer der Inseln im Süden gekommen waren. Aber wenn nicht von dort, woher dann?

    Das Kind saß am Bug des vollgelaufenen Bootes, die Arme um einen hölzernen Pfahl geschlungen. Als ich näher kam, sah ich, dass es ein kleines Mädchen war, vielleicht acht oder neun Jahre alt. Ihr schwarzes Haar war zu mehreren kurzen Zöpfen geflochten. Sie hatte das Geräusch meiner Maschine gehört und blickte kurz hoch, hob zögernd die Hand und winkte; dann senkte sie den Kopf wieder und lehnte ihn gegen den Pfahl. Sie trug ein weißes Kleid – vielmehr das, was einmal ein weißes Kleid gewesen war. Von der Brust abwärts, wo der Stoff Gott weiß wie lange im Wasser gewesen war, das nun voller Müll um ihre Beine herumtrieb, war das Kleid voller rostbrauner Schmutzflecken.

    Als ich etwa fünfzehn Meter vom Boot entfernt war und die Maschine der Gorda auf Schubumkehr schaltete, um das Schiff vollständig zum Halten zu bringen, erkannte ich, dass es nicht einfach ein Haufen bunter Lumpen war, der dort in den Trümmern im Boot trieb.

    »Oh, Scheiße«, sagte ich laut. Es war ein Kleid, und das Gewebe war straff gespannt. Ich konnte jetzt auf die andere Seite der Erhebung blicken und den Kopf sehen. Neben dem Kind, mit dem Gesicht nach unten, trieb der aufgedunsene Körper einer Frau.

    Ich war in meinem Leben noch nicht seekrank gewesen, aber ein paar Sekunden lang glaubte ich, jeden Moment durchzudrehen. Die Vögel hatten ihr Werk an der Leiche bereits begonnen, und das blutleere Fleisch seitlich am Kopf der Toten war bis auf den rosafarbenen Knochen abgelöst.

    »Hallo«, versuchte ich zu sagen, doch meine Stimme klang erstickt. Ich wollte dem Mädchen nicht noch mehr Angst machen. »Hallo. Hey, Kleine, alles in Ordnung mit dir?« Von welcher Insel sie auch kam, sie sprach wahrscheinlich kein Englisch, aber ich musste irgendetwas sagen, damit sie wieder den Kopf hob und mir Beachtung schenkte.

    Die Gorda lag nun ruhig im Wasser, und das Mädchen war ungefähr sieben Meter von der Backbordseite entfernt. Es hatte den Kopf immer noch gesenkt und hatte seine Position ein Stück verändert, sodass ihre großen braunen Augen zu mir hinaufstarrten. Ich hatte erwartet, ein gewisses Maß an Erregung in ihrem Gesicht zu entdecken, die Erkenntnis, dass Rettung nahte und ihre Leiden vorbei waren, doch sie starrte mich nur an; dann senkten sich ihre Augenlider, als hätte sie nicht einmal mehr Kraft genug, um zu hoffen.

    Beim Klang meiner Stimme sprang Abaco auf und trottete herüber. Sie sah das Mädchen über den Rand des Dollbords hinweg und fing an zu bellen. Die Augen des Mädchens öffneten sich; aus Angst brachte sie das letzte bisschen Energie auf, das noch in ihr war. Ich ergriff das Hundehalsband und zog Abaco ins Ruderhaus.

    »Tut mir Leid, Kleine«, sagte ich, während ich die Tür schloss und verriegelte. »Lass mich sie erst mal an Bord holen. Dann kannst du sie kennen lernen.«

    Die Gorda lag in der Strömung südlich des vollgeschlagenen Bootes, und der unablässige Golfstrom würde schließlich die Lücke zwischen uns schließen, aber vielleicht musste das Mädchen mir helfen und ein Tau auffangen. Falls nötig, würde ich selbst ins Wasser gehen, aber nur als letzte Möglichkeit.

    »Wie heißt du?«

    Sie hob den Kopf und öffnete den Mund, brachte aber keinen Laut heraus – jedenfalls nichts, das ich durch das Geräusch der im Leerlauf tuckernden Maschine der Gorda hören konnte. Sie war offensichtlich in schlechter Verfassung, und die Hitze und das Salz ohne Trinkwasser hatten ihr die Stimme geraubt.

    Vom Vordeck der Gorda holte ich das fünfzehn Meter lange Nylontau, das ich vorbereitet hatte, um es der Outta the Blue zuzuwerfen, knotete einen Palstek in das Ende, zog dann eine Schlinge hindurch und formte eine Art Lasso. Ich bin aber kein Cowboy, also benutzte ich den Bootshaken. Als die Lücke zwischen den Booten sich auf etwa drei Meter geschlossen hatte, war es leicht, das Tau mit der Schlinge hinüberzuwerfen.

    »Setz dich gerade hin, hörst du? Geh von dem Holzpfahl weg.«

    Sie bewegte sich nicht.

    »Hey, Kid.« Ich machte eine Bewegung mit meiner freien Hand. »Mach schon. Rutsch rüber. Setz dich gerade hin. Ich will dein Boot an meinem festmachen.«

    Schließlich schien sie zu begreifen, was ich von ihr wollte, aber sie blickte von mir zu der Leiche hinten im Boot und dann wieder zu mir zurück. Ihre Miene änderte sich nicht, aber sie rutschte dichter an

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