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Die Watson Legende
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eBook278 Seiten3 Stunden

Die Watson Legende

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Über dieses E-Book

Verrat, Intrigen, Liebe und Tod.
Carl Janson, ein Profikiller wird von einem Geheimbund westlicher Geheimdienste in die geteilte Stadt geschickt. Sein Auftrag: Ein Agentenaustausch. Doch die junge Republik ist nicht nur zum Spielplatz der Spione und zur Frontstadt zwischen Ost und West zur Zeit des Kalten Krieges geworden, sondern sie hat auch mit ihrer eigenen braunen Vergangenheit zu kämpfen ...
SpracheDeutsch
HerausgeberSWB Media Publishing
Erscheinungsdatum5. Juli 2018
ISBN9783964389671
Die Watson Legende
Autor

Kai Bliesener

Der 1971 in Waiblingen (Remstal) geborene Kai Bliesener ist vor den Toren der Landeshauptstadt Stuttgart in Fellbach aufgewachsen. Inzwischen wohnt er mit seiner Familie in Weinstadt. Bliesener ist Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für das Theaterhaus Stuttgart und freiberuflicher Autor und Texter.

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    Buchvorschau

    Die Watson Legende - Kai Bliesener

    SCHWEIZER ALPEN, APRIL 1964

    Carl Janson trat ins Freie. Sein Blick wanderte über die gezackten, zerklüfteten und rauen Gipfel der zahlreichen Dreitausender um ihn herum, über denen sich ein klarer und strahlend blauer Himmel erstreckte. Eine mächtige und zugleich bedrohliche Kulisse.

    Obwohl es längst Sommer war, umwehte kühle Morgenluft sein Gesicht. Er genoss die Stille und sog die klare und gute Luft mit tiefen Zügen in seine Lungen. Carl mochte die Kälte. Er war sie gewohnt und hatte fast den ganzen Winter durch in seinem abseits gelegenen Chalet im Uri keine Heizung an, duschte sich mit eisigem Bergwasser und ging zu jeder Jahreszeit im nahegelegenen Bergsee schwimmen.

    Carl sprang jeden Morgen um Punkt sieben Uhr aus dem Bett, um die Ruhe des Morgens genießen zu können und um eine Runde von etwa zehn Kilometer im lockeren Dauerlauf mit mehreren Sprintintervallen zu absolvieren.

    Die darauf folgende Stunde gehörte dem Viêt Võ Dao, besser bekannt als Vovinam, einer Sportart, die ihre Wurzeln in Vietnam hat und Thai Chi oder Kung Fu nicht unähnlich war. Wer sie beherrscht, ist in der Lage, einen Angreifer blitzschnell und mit bloßen Händen gezielt auszuschalten, selbst wenn ihn dieser mit einer Waffe bedroht.

    Nachdem er zuerst einige Minuten unter der heißen Dusche und dann unter dem eiskalten Wasserstrahl gestanden hatte, bereitete sich Carl sein Frühstück aus einer speziellen Müslimischung und viel Obst zu. Dazu trank er Wasser und eine kleine Kanne Schwarztee. Die spezielle Mischung wurde ihm extra aus England geliefert und bestand aus verschiedenen Ceylon-, Assam- und Kenia-Sorten, denen ein genau bemessener Anteil des edlen fruchtig-blumigen Keemun-Schwarztees aus China beigemischt wurde.

    Er genoss es, so seine innere Balance zu wahren, während die Welt um ihn herum in ständiger Unruhe war. Es war für ihn die optimale Vorbereitung auf seine Einsätze, von denen wieder einer anzustehen schien.

    Als Kleidung hatte er eine dunkle Baumwollhose, ein schwarzes Poloshirt und eine ebenfalls schwarze Windjacke gewählt. Er bevorzugte grundsätzlich bequeme Kleidung und dunkle, gedeckte Farben. Das half dabei, möglichst unsichtbar zu sein und untertauchen zu können. Eine wichtige Eigenschaft in seinem Beruf.

    Carl hatte gestern einen Anruf aus London erhalten. Eine weibliche Stimme hatte ihn höflich, aber bestimmt darum gebeten, sich am nächsten Tag um 14 Uhr in Andermatt vor dem Hotel Bergidyll einzufinden. Er kannte das unscheinbare und von außen typisch schweizerische Hotel mit seinem kleinen Restaurant. Es lag recht zentral in der malerischen Gemeinde mit eintausendfünfhundert Einwohnern, eingerahmt von massiven Bergen auf einem Hochplateau am Fuß des Oberalppasses. Mehr als den Ort und die Uhrzeit hatte die Frau, die sich als Mitarbeiterin der Osterman Insurance International vorgestellt hatte, nicht gesagt. Er sah die schicke Fassade des unauffälligen Altbaus in der Londoner Innenstadt in der Nähe der Themse vor sich. Ein Haus, in dem Versicherungen und Behörden sonst ihre Büros hatten. In ihm residierte ein mächtiger Krake, der allerorts nur die Organisation genannt wurde und mit seinen Tentakeln tief im Geschäft der internationalen Geheimdienste steckte.

    Carl ging zur Garage. Dort stand sein schnittiger Porsche 356 GS Carrera 2, mit dem er sich im letzten Jahr vom Honorar eines gefährlichen Auftrags selbst belohnt hatte und den er seither hegte und pflegte wie seinen Augapfel. Er mochte es, diesen Flitzer mit Verve durch die Kurven der Gebirgspässe zu jagen. Carl startete den Boxermotor und der grummelnde Sound des Sportwagens erfüllte seine Ohren mit Freude. Gekonnt lenkte er den Wagen durch die Serpentinen des Furkapasses in Richtung Andermatt. Im Autoradio, das ihm seine Wekstatt für teures Geld extra eingebaut hatte, spielten sie die Beatles.

    Knapp fünfundvierzig Minuten später parkte er den Wagen vor dem Hotel an der Straße. Nur wenige Meter weiter vor dem Eingang stand ein anderer Sportwagen, ein silberner Aston Martin DB 5.

    Carl stieg aus. Vor dem Hotel hielten sich zahlreiche Menschen auf. Sie schienen auf etwas zu warten, redeten miteinander oder rauchten. Carl mochte keine Menschenaufläufe und die Situation behagte ihm nicht. Er hielt Ausschau nach seinem Kontaktmann, konnte aber niemanden entdecken. Je länger er sich umschaute, umso mehr kam eine gewisse innere Nervosität in ihm auf und seine Muskeln spannten sich, um jederzeit auf einen möglichen Angriff reagieren zu können. Für einen von der Organisation gewählten Treffpunkt war ihm zu viel Leben an diesem Ort. Das war ungewöhnlich und er fürchtete, womöglich in eine Falle geraten zu sein. Carl beschloss deshalb, nicht lange zu warten. Sein Blick kreiste ein letztes Mal den Bereich rund um das Hotel ab. Aus dem schlichten Eingangsbereich kam ein großer, schlanker Mann in einem maßgeschneiderten grauen Anzug. Im Mundwinkel hing lässig eine Zigarette, das dunkle Haar war sauber und ordentlich gescheitelt und zurückgekämmt. Carl kam das Gesicht bekannt vor, er wusste nur nicht, wo er dem Mann schon einmal begegnet war. Nur einen Augenblick nach dem Mann schritt eine attraktive blonde Frau ins Freie, die gut und gerne ein Modell für einen namhaften französischen oder italienischen Modemacher sein konnte.

    Mit seinen dreiunddreißig Jahren war Carl vermutlich jünger als der Mann und etwas kleiner, aber eine mindestens ebenso sportliche Erscheinung. Seine grauen Augen blickten wachsam umher. An den Seiten des kurzgeschnittenen Haares schimmerte erstes Grau. Das Gesicht war kantig und die gerade Nase stand eine Idee zu lang über den schmalen Lippen.

    Dann erspähte er endlich seinen Kontaktmann auf der gegenüberliegenden Seite und strich sich eine lästige Haarsträhne aus dem Gesicht. Eine Hand in der Tasche der schwarzen Hose vergraben, steuerte Carl mit kräftigen und weit ausholenden Schritten, die ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein demonstrieren sollten, auf den Mann zu. Er tat dies bewusst, um einen möglichen Gegner einzuschüchtern. Das schien in diesem Fall unnötig. Vor ihm stand ein grauer Mann in einem grauen Anzug mit einem grauen Hut auf ergrauten Haaren mit einer schwarzen Aktentasche in der Hand, die schon bessere Tage gesehen hatte. Man schien ihn nicht oft aus dem Büro zu lassen, vermutete Carl. Anders konnte er sich die fahle Gesichtsfarbe nicht erklären.

    »Haben Sie Feuer?«, sprach Carl den Mann an und holte als vereinbartes Zeichen eine Packung Gauloises aus der Tasche, schüttelte eine Zigarette heraus, schob sie sich zwischen die Lippen und sah seinem Gegenüber erwartungsvoll in die Augen.

    »Tut mir leid. Ich rauche nicht. Habe vor zwei Jahren damit aufgehört. Ein schlimmes Laster«, antwortete der Mann und wirkte dabei sehr müde.

    »Das macht nichts, dann gewöhne ich es mir heute auch ab«, schloss Carl das Erkennungsritual ab. »Sie haben eine Nachricht für mich?«

    »Ja. Aber wollen wir nicht an einen Ort mit weniger Trubel gehen? Ich hatte ja keine Ahnung, dass eine internationale Filmproduktion in das beschauliche Schweizer Städtchen eingefallen ist. Die drehen hier gerade den nächsten James-Bond-Film. Haben Sie nicht darüber gelesen? Es stand groß in allen Zeitungen.«

    »Nein«, antwortete Carl knapp. Er las jeden Tag mehrere Tageszeitungen. Neben der Neuen Züricher legte der Postbote täglich außer am Sonntag die Süddeutsche und die Frankfurter Allgemeine in Jansons Postfach. Allerdings beschränkte er die Lektüre meist auf die Politik, auf den Wirtschaftsteil und bei ausreichender Zeit auf das Feuilleton. Lokales sowie Klatsch und Tratsch interessierte ihn dagegen überhaupt nicht. Doch sein Kontaktmann überging Jansons Desinteresse großzügig.

    »Haben Sie letztes Jahr Liebesgrüße aus Moskau gesehen? Spannender Film. Jetzt drehen sie einen neuen. Die ganze Filmcrew ist in dem Hotel abgestiegen, auch Connery und seine Partnerin Tania Mallet. So stand es in der Zeitung.« Der Brite schien aufgrund dieser Tatsachen regelrecht aufgeregt zu sein.

    Carl sah ihn fragend an. »Was wird das hier? Ein Film-Rätsel?«

    »Sie haben natürlich recht, ich schweife ab. Aber die Zentrale hat diese kleine aktuelle Besonderheit bei der Organisation wohl offensichtlich übersehen. Nun gut.« Der graue Mann faltete mit etwas ratlosem Gesicht die Hände zusammen und sah sich um. Carl ließ ihn bewusst etwas schmoren.

    »Machen wir, dass wir wegkommen. Ich habe gesehen, Sie haben einen Wagen dabei. Den können wir sicher nehmen«, stellte Carls Kontaktmann fest. Schon während er sprach, hatte er sich in Richtung des Porsches bewegt. Sein Gang wirkte dabei ebenso müde wie seine Stimme.

    »Steigen Sie ein, fahren wir«, antwortete Carl, der dies einkalkuliert hatte. Da hatte jemand in der Zentrale ordentlich geschlafen, oder es war Absicht gewesen. Das würde sich zeigen, wenn er dem grauen Mann auf den Zahn fühlen würde.

    Carl schnallte sich an, startete den Wagen und fuhr mit röhrendem Motor davon. Sobald die Häuser hinter ihnen lagen, beschleunigte er und jagte in halsbrecherischem Tempo die Serpentinen hoch, verringerte die Geschwindigkeit erst kurz vor den Kurven mit einem heftigen Tritt auf die Bremse und beschleunigte frühzeitig wieder. Seinem Mitfahrer gefielen scheinbar weder die Fahrweise noch die Geschwindigkeit. Er krallte sich verzweifelt an den Sitz, sagte keinen Ton.

    An einer Ausbuchtung mit Blick in ein verlassenes Tal hielt Carl den Wagen abrupt an, stieß die Fahrertür auf, sprang heraus, eilte um das Heck, riss die Beifahrertür auf und zerrte den Mann aus dem Porsche.

    Eine Hand legte er um den Hals des Mannes und sein rechter Daumen drückte leicht auf die Halsschlagader auf Höhe der Carotis. Ein festerer Druck würde innerhalb weniger Augenblicke zur Ohnmacht führen und Schädigungen des Gehirns nach sich ziehen. Wenn er den Nervenknoten des Carotissinuspunktes drückte, konnte er sogar einen Herzstillstand auslösen. Aber im Moment schien das nicht notwendig zu sein. Dem Mann war offensichtlich aufgrund der feindseligen Behandlung unwohl. Er schien Angst zu haben und wirkte verunsichert. Genau das hatte Carl erreichen wollen. Er tastete den erschrocken dreinschauenden Mann ab, dessen graue Gesichtsfarbe langsam zurückkehrte, fand bei ihm jedoch keine Waffen. Dann ließ er ihn los und trat einen Schritt zurück, um für alle Fälle außerhalb der Reichweite zu sein, denn Carl wusste nur zu gut, wie gefährlich ein Mann auch ohne Waffe sein konnte. Der schlaksige Körper des grauen Mannes schlotterte im kühlen Wind.

    Janson lächelte versöhnlich, obwohl er sich eher amüsierte. »Bitte entschuldigen Sie. Aber ich musste auf Nummer sicher gehen. Ich kenne Sie nicht. Normalerweise kenne ich alle, die mir Station Z vorbeischickt. Das ist eine meiner Bedingungen zur eigenen Sicherheit. Warum hat man das nicht vorher erwähnt?« Der Brite zuckte ratlos mit den Schultern.

    Das Z stand in diesem Fall für die Abteilung Zielerfassung. Ein besonders geheimnisvoller Bereich der Organisation. Dort wurden die Ziele identifiziert und dann die Aufträge an die Mitarbeiter verteilt, die in der Folge ihren tödlichen Aufgaben nachgingen.

    »Sie müssen wissen, ich bin ein sehr skeptischer Mensch und vorsichtig obendrein. Besonders dann, wenn sich Unbekannte in meinem Revier tummeln, beginnt meine Nase immer verdächtig zu jucken, denn das riecht meist nach Gefahr. Also, was haben Sie für mich?«

    »Nun, Mister Janson, ich komme direkt aus der Zentrale in London, aber nicht die Station Z schickt mich, sondern Morrisson höchstpersönlich.« Der Mann aus London richtete seinen Körper kerzengerade auf. Vielleicht hoffte er so, etwas mehr Selbstbewusstsein auszustrahlen.

    Morrisson war der Chef der Organisation. Nur wenige kannten sein Gesicht und es gab vermutlich nur eine Handvoll Menschen, denen er sein Vertrauen schenkte. Dieser graue Kerl behauptete, einer davon zu sein. Janson musterte ihn skeptisch.

    »Eigentlich gehöre ich zur Abteilung M, also der Sektion für Mitteleuropa. Morrisson schickt mich, da die Organisation Ihre Dienste benötigt. Die Sache ist extrem heikel, und wenn herauskommen sollte, wer die Aufträge erteilt hat, gerät die Diplomatie der westlichen Welt womöglich in schwere See. Aber genau für solche Angelegenheiten, bei denen die Auftraggeber nicht selbst in Erscheinung treten können, gibt es ja Männer wie Sie.«

    Es schwang etwas Verachtung in der Stimme des Mannes in Grau.

    Janson stand regungslos da, hörte zu und wartete ab. Ihm gefielen weder der leicht überhebliche Ton des Briten, der ihm sehr wohl aufgefallen war, noch die Situation an sich. Der Kerl hatte fast etwas zu schnell wieder Selbstsicherheit gefunden und trat mit der typischen Arroganz der Engländer auf, die das Ende ihres weltumspannenden Empire nach dessen Zusammenbruch noch immer nicht verwunden hatten. Es waren Bürohengste wie er, für die Männer wie Carl ihre Köpfe hinhielten, ihr Leben riskierten und die Kohlen aus dem Feuer holten. Alles dafür, damit Männer wie der Brite ihm gegenüber mit ihren Familien nachts gut schlafen konnten. Doch als der Mann keine Anstalten machte weiterzusprechen, fragte Janson nach seinem Namen.

    »Nennen Sie mich Smith. Das ist natürlich nicht mein richtiger Name.«

    »Nein? Darauf wäre ich vermutlich nicht gekommen«, erwiderte Carl süffisant und irritierte sein Gegenüber damit. »Für mich sehen Sie aus wie Smith und Sie hören sich an wie Smith. Ein durchschnittlicher Mann mit einem durchschnittlichen Namen in einem durchschnittlichen Anzug. Aber genau deshalb verwundert es mich umso mehr, dass mir Morrisson so jemanden schickt. Ich weiß noch nicht, ob ich Ihnen trauen kann. Überzeugen Sie mich, ist alles gut. Bleiben meine Zweifel, dann lernen Sie womöglich heute noch fliegen.«

    Sein Blick wanderte in Richtung des Abhangs hinter Smith. Dessen Augen weiteten sich vor Schreck, als er den Kopf drehte und sorgenvoll hinter sich blickte.

    Carl verband Gesichter gerne mit Namen, egal ob sie echt waren oder gefälscht. Doch dieses Schauspiel überzeugte ihn bisher nicht. Er trat einen kleinen Schritt auf den Mann zu, der automatisch einen großen Schritt zurückwich und dem Abhang ein gutes Stück näher kam.

    »Also gut, Smith, dann kommen Sie doch jetzt mal zum Punkt. Was ist so wichtig, um mich an diesem herrlichen Tag nach Andermatt zu bestellen. Sagen Sie mir, was die Organisation von mir will, oder lassen Sie es bleiben. Aber vergeuden Sie bitte nicht noch mehr meiner kostbaren Zeit.« Carls Stimme war sanft, doch ein kaum hörbarer schneidender Unterton verriet, dass er es ernst meinte.

    Smith antwortete hektisch und die vor Augenblicken selbstsichere Stimme wirkte plötzlich wieder leicht brüchig. »Sie sollen nach Deutschland. Genau genommen nach West-Berlin. Dort werden Sie einen Austausch arrangieren. Ein Russe gegen einen unserer Männer. Das ist alles.«

    Carl war überrascht, zeigte es jedoch nicht. Üblicherweise wurde er dann losgeschickt, wenn es galt, jemanden zu liquidieren. Die Aufträge waren dann immer möglichst geräuschlos und ohne großes Aufsehen und Spuren zu erfüllen.

    »Einen Austausch? Was soll der Unfug? Dafür sind andere zuständig, dafür gibt es Experten in der Organisation. Außerdem wird so etwas üblicherweise über die offiziellen Kanäle vorbereitet. Machen das nicht miefige Beamte wie Sie? Oder schmierige Anwälte, die im Vergleich zu mir ein offizielles Mandat haben? Tut mir leid, ich habe andere Fachgebiete.« Carl sah Smith herausfordernd an.

    »Nein. Das heißt, ja. Eigentlich schon. Aber eben in diesem Fall nicht.« Es verstrichen ein paar Sekunden, ehe er weitersprach. »Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, warum gerade Ihnen dieser Auftrag zugeschanzt werden soll. Und eigentlich ist es mir auch egal. Aber ich bin mir ganz sicher, es gibt fähigere Leute, um ein solches Vorhaben erfolgreich umzusetzen. Die Aktion muss unterhalb des Radars der offiziellen Stellen und auch der Öffentlichkeit bleiben. Es scheint eine sehr sensible Angelegenheit zu sein. Die bisherigen Austauschaktionen sind ja zu einem Spektakel für die Presse verkommen. Das soll dieses Mal um jeden Preis verhindert werden. Sie bestimmen Ort und Zeit, Hauptsache die Zeitungen bekommen keinen Wind davon. Das war es, was Morrisson mir mit auf den Weg gegeben hat.«

    Carl ahnte sofort, dass die Wahrheit womöglich nicht so einfach war, wie Mister Smith sie darstellte. Es gab mit Sicherheit Gründe, warum man ihm einen solchen Auftrag zukommen ließ und ihn auf das gefährliche Pflaster der Hauptstadt der Spione schickte. In Berlin tummelten sich momentan so viele Agenten der einzelnen Geheimdienste und überwachten sich gegenseitig, dass sie sich auf die Füße traten. Er beschloss aber, es zunächst einmal dabei zu belassen. Er würde sich später genauer mit den Hintergründen befassen. Carl war sich sicher, dass Smith ihm nicht mehr dazu zu sagen hätte, selbst wenn er ihn kräftig durch die Mangel drehen würde. Es konnte sein, dass Morrisson ihn nur mit den Informationen versorgt hatte, die er benötigte, um ihn mit dem Auftrag zu ködern. Das würde dem Alten ähnlich sehen. Jeder erfuhr nur so viel, wie unbedingt nötig, und er behielt alle Fäden in der Hand. Manchmal kam es auch vor, dass er die Leinen, an denen seine hilflosen Puppen hingen, ohne Vorwarnung durchtrennte.

    »Na gut, nehmen wir mal an, ich würde den Auftrag annehmen und erfolgreich über die Bühne bringen. Das ist ja, was von mir erwartet wird. Warum sonst sollte mir die Organisation den Marschbefehl geben? Aber was dann? Sie müssen mir schon etwas mehr erzählen. An den Knochen, die Sie mir als Köder hinwerfen, ist kein Fleisch. Ich muss aber wissen, was ich den Roten anbieten kann. Wenn Sie weiter meine Zeit verschwenden, steige ich in meinen Porsche und Sie können zu Fuß zurück, während ich den Rest des Tages genieße. Es dauert dann etwa zwei bis drei Stunden, ehe sie wieder in der Stadt sind, je nachdem, wie gut Sie zu Fuß sind. Aber es wird früh dunkel um diese Jahreszeit. Und auch richtig kalt.« Janson setzte ein mitleidiges Lächeln auf, als er Smith in seinem grauen Anzug betrachtete. »Also, was haben Sie zu bieten? Wie sieht der Köder aus, den wir ins Wasser werfen und der dem fetten Fisch schmecken soll?«

    Smith sah ihn aus den grauen Augen an: »Sie werden Ihrem Ruf voll und ganz gerecht. Morrisson hat mich mehrfach vor Ihnen gewarnt. Er sagte, ich solle mir jedes Wort überlegen, denn Sie hätten einen schnellen und scharfen Verstand und seien gnadenlos – nicht nur mit der Waffe.« Smith starrte ihn an, als warte er auf eine Bestätigung dieser Feststellung. Janson starrte zurück, was den Mann aus der Zentrale erneut verunsicherte.

    Nach einigen Sekunden sprach Smith weiter: »Also gut, dann kommt hier der Rest der Skizze Ihres Auftrages: In Ost-Berlin lebt ein Mann, ein Attentäter, ein Mörder wie Sie. Er hat in den letzten Monaten zahlreiche unserer Agenten kaltblütig ermordet. Das gefällt uns natürlich überhaupt nicht, wie Sie sich wahrscheinlich unschwer vorstellen können. Allerdings wurde er unvorsichtig, übermütig. Er fühlte sich wahrscheinlich zu sicher. Deshalb ist es unseren Leuten gelungen, ihn bei einem seiner Streifzüge zu schnappen. Sie haben ihn in Nizza in eine Falle gelockt, als er gerade einem einflussreichen amerikanischen Bankier das Licht ausblasen wollte, der mit seiner Familie an der Cote d’Azur ein paar Tage Urlaub

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