Entdecken Sie mehr als 1,5 Mio. Hörbücher und E-Books – Tage kostenlos

Ab $11.99/Monat nach dem Testzeitraum. Jederzeit kündbar.

Dabei in der Pfarrei: Unterhaltungsroman
Dabei in der Pfarrei: Unterhaltungsroman
Dabei in der Pfarrei: Unterhaltungsroman
eBook407 Seiten4 Stunden

Dabei in der Pfarrei: Unterhaltungsroman

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Vorschau lesen

Über dieses E-Book

Alles begann damals in der Chorprobe, als die Bässe fehlten. Ein Jahr später hatte St. Philipp Neri neun neue Pfarrangehörige. Na ja, fast neun, definitiv fünf sicher und die anderen in Vorbereitung, sozusagen.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum10. Dez. 2020
ISBN9783347214378
Dabei in der Pfarrei: Unterhaltungsroman

Ähnlich wie Dabei in der Pfarrei

Ähnliche E-Books

Allgemeine Belletristik für Sie

Mehr anzeigen

Verwandte Kategorien

Rezensionen für Dabei in der Pfarrei

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    Dabei in der Pfarrei - Mara C. Moeller

    Worum geht’s denn überhaupt?

    Die katholische Pfarrei St. Philipp Neri verliert Mitglieder. Sie fehlen in den Gottesdiensten, in den Veranstaltungen, und dem Chor laufen die Bässe davon. Die Zusammenlegung mit der Nachbargemeinde soll angeblich bevorstehen, mit den konservativen Gläubigen von St. Elisabeth. Um das zu verhindern, werden vielfältige Aktionen gestartet, um mehr Menschen in die Gemeinde zu bringen, für mehr Chorsänger und ausreichend Orgelspieler. St. Philipp Neri soll blühen und wachsen, damit es nicht Teil einer Pfarrgruppe wird – oder wenigstens mit einer angenehmeren Gemeinde fusioniert.

    Hauptfiguren dieser Erzählung sind der engagierte Ricky Wagner, Chorleiter und Organist, seine frauenbewegte Gattin Resa Binder, Geschäftsfrau und Mitglied im Pfarrgemeinderat, dazu die Neu-Seniorin Frieda, der Theologiekenner und Vorsitzende im Liturgiekreis Hartmut Tanner und Dr. Käthe Mauser, Lehrerin am Gymnasium und eigentlich in der konservativen Gemeinde St. Elisabeth, aber dort ist man ebenfalls nicht erfreut über die bevorstehende Zwangsgemeinschaft.

    Die unterschiedlichen Charaktere haben verschiedene Methoden, um die Pfarrei für Kirchenferne und Abgesprungene interessant zu machen. Der Kirchenmusiker setzt ganz auf Musik, seine Frau auf soziale Medien, zeitgeistige Spiritualität und positive Medienberichte, Seniorin Frieda und ihre Freunde auf das Menschliche, Hartmut Tanner und Dr. Käthe Mauser auf die Vermittlung von Glaubensinhalten.

    Im Laufe eines Jahres, angefangen im August, wird über ihre Aktivitäten berichtet, vom Beginn der Planungen, ersten Erfolge, ersten Pleiten, medienträchtigen Aktionen bis hin zu Streit und Versöhnung. Man darf gespannt sein, ob das Unternehmen gelingt: Können Abgesprungene zurück geholt werden und Kirchenferne in die Pfarrei?

    Neben den Szenen aus dem Gemeinde- und Privatleben stehen 'katechetische Elemente', um christliche Begriffe zu erklären. Dies geschieht in Form der fehleranfälligen Berichterstattung des lokalen Tageblatts und Rundfunks, der Gespräche eines Vaters mit seinem siebenjährigen Sohn und den Verständnisschwierigkeiten eines Ehepaars, das die Straßenaushänge der Pfarrei St. Philipp Neri liest.

    Geistliche, Geweihte und hauptamtliche Pfarrgemeindeangestellte kommen nicht vor, ausgenommen Chorleiter Ricky Wagner und Pfarrsekretärin Becker, einer in mehrfacher Hinsicht geprüften Frau.

    ***

    Alles begann damals in der Chorprobe, als die Bässe fehlten. Ein Jahr später hatte St. Philipp Neri neun neue Pfarrangehörige. Na ja, fast neun, definitiv fünf sicher und die anderen in Vorbereitung, sozusagen.

    Der Eingang lag durch die hohen Bäume im Schatten. Daher blieb das Gemeindehaus von St. Philipp Neri kühl, ein angenehmer Erholungsort in diesen Augusttagen. Sobald sich die Augen der Eintretenden an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannten sie Plakate an den Wänden, Ankündigungen von Konzerten und feierlichen Gottesdiensten mit Chören und Instrumentalisten, alle unter der Leitung von Kirchenmusiker Ricky Wagner, der auch ein namhafter Orgelspieler war. Bach, Schubert, Bruckner, Rutter und die Kirchen-Nacht der Musik. Die Bekanntmachung eines Abends mit Neuen Geistlichen Liedern war durch einen Unbekannten eingerissen worden, an dieser Stelle brachte man umgehend die Einladung zu einem Gottesdienst mit orthodoxen Gesängen an.

    Im großen Saal hingen in der Nähe der Tür Zeitungsausschnitte von erfolgreichen Veranstaltungen der Pfarrei und ein Plakat mit einer großen Abbildung von Georg Friedrich Händel und den ersten Takten seines Hallelujas. Darunter, auf alten Decken, schnarchte Kini, der braune Mischlingshund von Tenor Hartmut Tanner. So wie jeden Dienstag, wenn der Chor von St. Philipp Neri probte.

    „Der komplette Bass fehlt!"

    „Die kommen nicht. Ausgetreten", rief ein Mann von hinten.

    „Wie ausgetreten, aus meinem Chor? Beide?"

    „Nein, aus der Kirche."

    „Dann können sie doch mitsingen. Letzte Woche waren sie noch da. Mitgliedschaft in der Kirche ist keine Voraussetzung für meine Chöre."

    „Nicht einmal singen muss man dafür können", flüsterte Nadja, die jüngste der drei Altstimmen, den anderen beiden zu.

    Der großgewachsene Chorleiter Ricky Wagner drehte sich zu ihnen um: „Hey, hey, das habe ich gehört, ihr seid besser als ihr glaubt. Eine gute Stimme ist Voraussetzung, wir nehmen nicht jeden. Klein aber extra fein!"

    Mit ungewohnt ernstem Gesicht schaute er in die Runde von gerade mal acht Sängern. „Ohne Bass können wir das Lied nicht bringen. Wir brauchen dringend jemanden! Warum machen sie nicht wenigstens bis zu der Festaufführung weiter mit? Was ist das überhaupt für eine überstürzte Idee? Mitten in den Proben! Tenor Hartmut Tanner schaute auf die leeren Stühle. Er trug meist einen schwarzen Anzug mit Krawatte, so war er stets für jeden seriösen Anlass passend gekleidet und wurde häufig für einen Schulleiter oder Bankdirektor gehalten. Er rückte seine randlose Brille zurecht und sagte: „Immer mit der Ruhe, es wird schon einen Ersatz geben. Vielleicht kann man Herrn Müller überreden mitzusingen. Bis vor vier Jahren war sein Bass einer der bekanntesten der Stadt. Auch wenn er jetzt schon Mitte Siebzig sein muss, sicher macht er für eine einzige Veranstaltung mit.

    „Der Karl Müller ist zu seinen Kindern gezogen, nach Norditalien, vor drei Jahren, rief der gutgelaunte Lockenkopf Nadja. „Aber wenn man ihm ein einträgliches Angebot macht, kommt er sicher für ein paar Gastauftritte.

    Drei Altstimmen und zwei Soprane kicherten.

    Die Glocken unterbrachen die Unterhaltung, erst die Schläge zur vollen Stunde und noch weitere sieben.

    Gleich danach hörte man durch die offenen Fenster Rufe von draußen

    „Reinlassen! Lasst uns rein!"

    „Ahh, sagte ich doch, dass es bald neue Sänger geben wird, sagte Chorleiter Ricky Wagner, „sie strömen in Massen!

    „Reinlassen! Aufmachen"

    „Macht uns auf!"

    „Schon wieder, ich hole den Hammer, Hartmut Tanner öffnete einen Schrank. „Wir brauchen übrigens einen größeren, mit dem kleinen muss man zu viel Kraft aufwenden. Einen Moment später hörte man, wie er gegen das Osttor schlug.

    „Und noch mal, gleich ist es soweit", rief jemand draußen.

    „Endlich! Das wird immer schlimmer."

    „Schade, doch keine neuen Sänger, ich dachte schon, die Leute rennen uns die Bude ein." Ricky Wagner schien enttäuscht, aber als er die zwei reinkommenden Männer sah, hellte sich sein Gesicht auf.

    „Hurra, meine Bässe sind da! Herein, Ehrenplätze für euch. Dieses durchtriebene Volk hat behauptet, ihr seid ausgetreten. Aus dem Chor und überhaupt."

    „Nicht ganz. Nach der Festaufführung müssen wir hier leider aufhören, sagte einer der Männer. „Wir werden beim Gregorianischen Choral in St. Elisabeth dabei sein und zwei Chöre sind uns zu viel.

    Nadja sagte: „Aber zwei Abende sind doch nicht die Welt, dann könnt ihr doch immer noch Gregorianische Choräle singen."

    „Das wird zu viel, mehr als einen Chor schaffen wir zeitlich nicht. Und es heißt Gregorianischer Choral. Nicht Choräle. Professor Wegener beginnt in den nächsten Wochen. Er hat uns nach einer Marienandacht in St. Elisabeth angesprochen und eingeladen. Wir sind schon vier Interessierte."

    „Dieses Lateinische? Das würde ich auch gern singen", sagte Nadja.

    „Es handelt sich um einen reinen Männerchor."

    „Wie, keine Frauen?" Sie war überrascht.

    „Keine Frauenstimmen."

    Chorleiter Ricky Wagner wandte sich den beiden Männern zu:

    „Gregorianischer Choral braucht keine Bässe, aber wir hier.

    Überlegt es euch doch bitte noch mal."

    Tenor Hartmut Tanner hatte sich zu ihnen gestellt. „Wenn wir für euch keinen Ersatz finden, steht unser Chor ohne Bässe da, das betrifft uns alle. Dann haben keine Möglichkeit mehr, die klassischen Kirchenmusik zu singen."

    Die Bässe blickten sich schuldbewusst an.

    „Gerade ein vielstimmiger Chor macht das Gemeinschaftliche am deutlichsten, erklärte Ricky Wagner. „Unterschiedliches in vollkommener Harmonie, besonders in den Messen an Festtagen wirkt das besser als eine Predigt. Er schaute ernst wie selten. „Gregorianik ist selbstverständlich großartig, aber auch ein vierstimmiger Gesang gehört zum Schönsten überhaupt. Wenn der erklingt, sind wir dem Himmel näher. Eine Etage höher. Mindestens!"

    Seine beiden letzten Sätze hatten die Chormitglieder, die hinter ihm standen, leise mitgesprochen.

    Die Bässe sahen sich an. „Gut, ja, wir denken noch mal darüber nach, zwei Chöre sind reichlich, ob das überhaupt machbar ist. Da fragen wir besser erst Professor Wegener."

    „Genau, so macht ihr das, Ricky war überzeugt, die zwei Männer zum Bleiben zu überreden, notfalls mit der Unterstützung des Professors. „Beschäftigen wir uns heute Abend mit dem mehrstimmigen Gesang. So, liebe Sänger, bitte einsingen. Für die Kirchweih von St. Elisabeth muss Bruckners 'Locus iste' noch etwas perfektioniert werden.

    Im gesamten Gebiet von Unsertal war der Unserdorfer Tagespiegel konkurrenzlos die Zeitung in jedem Haushalt. Die Bewohner lasen sie seit Generationen. Öffentliche und private Mitteilungen fanden erst dann statt oder hatten erst dann stattgefunden, wenn es einen Artikel darüber im Blatt gab. Selbstverständlich galt das auch für Meldungen aus dem kirchlichen Bereich.

    Hochfest der Aufnahme Mariens

    Unserort (NN). In der katholischen Pfarrei St. Philipp Neri findet morgen am 15. August zum Hochfest der Aufnahme Mariens in die Kirche um 18.30 Uhr ein Festgottesdienst statt, an dem es die traditionelle Kräuterweihe geben wird. Auf den Grünflächen vor dem Eingang sind Blumenteppiche ausgelegt worden, die bis Sonntag liegen bleiben.

    Gelegentlich schlichen sich Fehler ein, die am nächsten Tag umgehend berichtigt wurden.

    Berichtigung

    Gestern, am 14. August, stand im Unserdorfer Tagesspiegel, die Katholiken feiern heute am 15. August die Aufnahme Mariens in die Kirche. Das ist falsch. Richtig ist: Maria wurde nicht in die Kirche aufgenommen. Heute ist das Hochfest Aufnahme Mariens in den Himmel. Wir bitten, den Irrtum zu entschuldigen.

    Um halb neun Uhr am nächsten Morgen schwang sich Chorleiter Ricky Wagner auf sein Sportgerät und fuhr durch die Straßen in Richtung Villenviertel. Die Haare hielt wie immer ein farbiger Haushaltsgummi zusammen, er trug blaue Jeans und ein helles Hemd, dazu kam jetzt noch eine Sonnenbrille. Das Fahrrad war nicht nur ideal zu seinen bewegungsarmen Tätigkeiten sondern auch für die Straßen der Innenstadt. Damit war man schneller am Ziel wegen der vielen Radwege und brauchte keine Minute fürs Parkplatzsuchen. Wenn das Wetter mitspielte, war es ein unschlagbares Transportmittel, solange man nicht in die hügelige östliche Richtung fuhr. Das Ziel von Rickys Fahrt lag am Stadtrand und hatte keine Geschäfte, daher fuhren wenige Autos. Ricky genoss den kühlen Wind, trat heftig in die Pedale und grüßte, wenn ihn Fußgänger und Radfahrer erkannten und ihm zuwinkten.

    Unterwegs ging er noch mal die Argumente durch, die er Professor MC Wegener vorlegen wollte. Sie erschienen ihm wasserdicht, es klappte bestimmt, dass er ihn überreden konnte, den Bässen Mitgliedschaft in zwei Chören zu empfehlen, die Proben des Gregorianischen Chorals in Neri abzuhalten, ihn mitsingen zu lassen und so die ganze Idee als Gemeinschaftsaktion der beiden Pfarreien auszugeben. Mit ihm, Ricky Wagner, als einer der Initiatoren. Schließlich hatte er während seines Studiums einen Schwerpunkt in Alter Kirchenmusik belegt. Seine jahrelangen Versuche, mehr Gregorianik in St. Philipp Neri einzuführen, waren bei Sängern und sonstigen Pfarrangehörigen auf Desinteresse bis unverhohlene Ablehnung gestoßen. Mit etwas Mühe entlockte Ricky seiner gut funktionierenden Verdrängung einen angesetzten Termin, an dem er eine Gruppe gründen wollte. Außer ihm und Hartmut Tanner war niemand gekommen. Na gut, das Endspiel der Europameisterschaft war im Handball gelaufen, überraschenderweise mit deutscher Beteiligung. Aber Handball! Und sie hätten wenigstens absagen können. Hartmut und er stellten ein Null-Interesse für Alte Kirchenmusik fest und das Thema wurde von Ricky nie wieder erwähnt, ebenso wenig wie der erste Treff.

    Kurz vor neun Uhr klingelte Ricky am Eingangstor. Die imposante, dreistöckige Gründerzeitvilla war vom Urgroßvater des Professors gebaut worden. Ein gepflegter Garten umgab das Gebäude, in dem Birken und Kastanien standen.

    „So so, Herr Radfahrer, Sie erheischen Eintritt?", fragte die Stimme des Professors.

    „Ja, nun, wenn's genehm ist. Mach Er bitte auf und benachrichtige seine Herrschaft von meiner Ankunft." antwortete Ricky, als bereits das Summen erklang.

    MC Wegener wartete in der Eingangstür auf ihn. Die beiden gleichaltrigen Männer hatten musikalisch viel gemeinsam, aber äußerlich bildeten sie Extreme. Der Professor hatte mit Mitte Vierzig kaum noch Haare, trug eine schwere Brille, besaß nicht die Figur eines Sportlers sondern die eines Feinschmeckers und war relativ klein gewachsen.

    „Gut, dass du kommst, begrüßte er seinen Gast und führte ihn ins Haus. „Ich wollte dich schon anrufen, mit einer sehr wichtigen Bitte. Hoffentlich lehnst du nicht ab. Ist deine Sache dringend oder können wir das danach besprechen?

    Ricky nahm am großen Besuchertisch auf der Terrasse Platz, goss sich das angebotene Getränk in eine Tasse und war neugierig. „Nein, dringend nicht, kann man verschieben, erst mal deins. Schieß los, MC, um was geht es?"

    „Es hat endlich geklappt! Stell dir vor, es gibt drei Männer, die sich für den Gregorianischen Choral interessieren!, der Professor strahlte. „Das heißt, wir können einen Gruppe bilden, die sich regelmäßig trifft, übt und singt.

    Ricky gelang es, ein „Ach was" unausgesprochen zu lassen.

    „So, und jetzt meine Bitte. Du siehst doch ein, dass wir besser nicht in St. Elisabeth proben sondern in Neri?"

    Ricky war platt, bewahrte aber seine Fassung.

    „Wir können doch in Neri in die Kirche? Du hast die Schlüssel? In Ella ist es immer ein riesiger Umstand, außerhalb der Gottesdienste ins Gebäude zu gehen, meist wird es nicht erlaubt, und wegen eines Chors schon gleich gar nicht."

    „Ja, also, ich müsste erst fragen …"

    „Natürlich, aber im Prinzip?"

    „Ja klar, sicher. So, ich sag' jetzt mal, es geht. Eure Gregorianik könnt ihr in St. Philipp Neri singen." Ricky gelang es, dies nicht

    gönnerhaft klingen zu lassen. Die Überraschung war noch zu stark.

    „Willst du unbedingt in einer Kirche proben?"

    „Ja, gelegentlich ein Stück, wie es klingt, ob man es gut hört. Die Akustik ist in Neri ohnehin besser als in Ella. Aber hauptsächlich ist es ein Terminproblem, bisher könnten die Sänger nur am Sonntagmittag proben und da gibt es in Ella keine Räume mehr, seit sie den großen Saal für Feiern oder Veranstaltungen vermieten. In Neri ist weniger los, an Sonntagen."

    „Stimmt, in Ella brummt der Laden. Außerdem hat Neri den großen Parkplatz neben der Kirche, quasi die Gnade der späten Weihe", sagte Ricky und es gelang ihm damit, wenigstens eins von seinen clever ausgetüftelten Argumenten anzubringen.

    „Die Parkplätze sind ein Glücksfall, Professor Wegener schaute Ricky fragend an „Und noch eins, das kannst du gern ablehnen, aber fragen ist ja erlaubt, nicht? Ricky, was hältst du davon mitzusingen?

    „Oh, sehr gern, sonntags hätte ich auch Zeit für die Proben. Auf der anderen Seite stehen. Das hatte ich schon lange nicht mehr. „Wenn es dir nichts ausmacht, könnten wir auch gemeinsam die Gesänge aussuchen.

    Ricky fühlte sich wie ein Kind an Weihnachten.

    Der Professor erklärte: „Von Chorleitung habe ich wenig Ahnung. Du hast doch im Studium einen Schwerpunkt Alte Kirchenmusik gehabt und die Texte von Solesmes studiert, kaum jemand kennt sich da besser aus. Ricky! MC machte eine Pause und sah seinen Gast eindringlich an. „Ricky, bitte übernimm die Leitung von dem Gregorianischen Choral. Mit mir als Chef wird das nicht so hundertprozent akzeptiert. Die Leute werden denken 'Sieh an, der Herr Mathematikprofessor will vom musikalischen Ruhm seiner Eltern profitieren'. Bitte, tu mir den Gefallen.

    Ricky Wagner überlegte kurz, ob er schon jemals so einen realistischen Traum hatte, nahm einen großen Schluck Kaffee, erkannte, dass er hellwach war und sagte schlicht „Ja, wenn du willst, dann mach' ich's."

    MC Wegener drückte ihm dankbar die Hand und sie verabredeten sich für den nächsten Tag um 8 Uhr zur Planung der nächsten Schritte.

    Die beiden Freunde gingen durch den Garten zum Tor, Ricky schob sein Rad und fragte zum zweiten Mal: „Die Kracenova hat wirklich zugesagt, bei den Festspielen in Hinterbergstätte zu singen?"

    „Sicher, beim letzten Besuch im Festspielbüro habe ich den Brief ihres Managements gesehen und ihre Email. Sie freut sich schon, ist aber noch hin bis September nächsten Jahres."

    „Deine Ahnung als Mitglied der Festspielleitung dürfte niemand kritisieren, lobte Ricky. „Mal sehen, wie die Gregorianik wird. Natürlich werden wir auch mal in den Gottesdiensten von Neri singen. Die Menschen wissen manchmal einfach nicht, was gut ist. Bestimmt wird es ihnen gefallen.

    „Sicher. Obwohl die Leute uns oft genug hören werden, wenn die beiden Pfarreien zusammen gelegt werden", sagte der Professor. Sie waren zum Tor gekommen und Ricky hatte sich gerade aufs Rad gesetzt.

    „Was wird zusammen gelegt?" fragte er erstaunt.

    „St. Philipp Neri hat nicht mehr genug Pfarrangehörige und soll Teil einer Pfarrgruppe werden. Das heißt dann natürlich Fusion mit St. Elisabeth."

    Ricky starrte ihn an. „Wieso natürlich? Woher weißt du das?"

    „Oh, ich dachte, du hättest das schon gehört. Vielleicht ist es nur ein vager Plan für die weitere Zukunft und noch nicht spruchreif. Der Professor schaute auf die Uhr. „Tschüss bis morgen, und danke nochmal.

    Als Ricky zurück in die Innenstadt fuhr, freute er sich immer noch unbändig. Endlich, sein Traum wurde wahr, Gregorianik, die schönste Musik der Welt. Er war glücklich und überlegte Stücke, mit denen die Sänger beginnen konnten. Mit ihm waren es fünf, nicht schlecht für den Anfang. Normalerweise interessierten sich mehr Frauen als Männer für Chöre. Plötzlich fiel ihm ein, wie Nadja am Vorabend geschaut hatte, als sie von einem reinen Männerchor erfahren hatte, und gleich erschien die erste dunkle Wolke am Himmel seines Gregorianischen Chorals, eine Wolke in Form von Geschäftsfrau und Pfarrgemeinderätin Resa Binder, seiner Ehefrau.

    Im Reformhaus unterhielten sich zwei ältere Kundinnen.

    „Jedenfalls sollte die katholische Kirche zu dem Thema besser den Mund halten und vor der eigenen Tür kehren. Bei denen sind die Frauen noch lange nicht gleichberechtigt," sagte eine Frau, die einen riesigen Rucksack trug.

    „So wie du sagst, Jenni, genauso isses", stimmte ihr die andere zu, während sie ihre Einkäufe in einer knallgelben Jutetasche verstaute.

    „Die sind zweihundert Jahre hinter der Entwicklung zurück. Mindestens. Das reinste Mittelalter", bekräftigte die erste.

    Die neu eingestellte Hanna sah sich unsicher nach ihrer Chefin Resa Binder um, die hinter einem Tresen stand und ihr andeutete, besser zu schweigen. Sie war Ende dreißig, rundlich und einen Kopf kleiner als Ricky. Wie er trug sie Jeans und benutzte meist Haushaltsgummis, mit denen sie ihr dunkles Haar zu einem Zopf band.

    In diesem Moment sprach die Frau mit der Jutetasche die Geschäftsinhaberin an: „Sie sind ja auch gläubig, nicht? Sie sind Christin und in der Kirche?"

    Resa nickte freundlich, blieb aber still.

    „Ja, aber Frau Binder ist modern und progressiv eingestellt, erklärte die mit dem Rucksack und zu Resa gewandt: „Sie gehören doch zu den Modernen, zu den Evangelischen?

    Resa antwortete: „Ja, ich gehöre zu den Modernen und Fortschrittlichen."

    Hanna war die Situation unangenehm. Sie arbeitete erst eine Woche im Reformhaus und sollte in allen Geschäften von Resa Binder angelernt werden, also noch im City-Bauernmarkt und im Sanitätshaus. Hanna war Ende vierzig, klein und hatte häufig Angst, etwas falsch zu machen. Sie blickte kurz zu ihrer Chefin und gleich wieder weg, während sie sich auf die Unterlippe biss.

    Resa hatte Hannas Reaktion aus den Augenwinkeln mitbekommen. „Ich bin modern und dafür, dass alte Zöpfe abgeschnitten werden. Aber ich bin katholisch, und das werde ich auch bleiben."

    Die beiden Kundinnen schauten sie überrascht an.

    „Wirklich? Katholisch? Ach", sagte die mit dem Rucksack.

    Die Frau mit der Jutetasche ruderte zurück: „Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wie man immer hört."

    Resa sah sie freundlich an. „Es gibt viele Vorurteile, bei den Katholiken ist es längst nicht so hinter der Zeit, wie ihnen immer vorgeworfen wird."

    Hanna bemerkte, wie die beiden Frauen sich nicht wohl in ihrer Haut fühlten, nachdem sie so deutliche Meinungen geäußert hatten. Sie bewunderte ihre Chefin, die bei aller Kritik ruhig und gelassen bleiben konnte.

    Die Frau mit dem Rucksack lenkte ein: „Da haben Sie bestimmt recht, Frau Binder. Gut, dass Sie bei den Katholiken sind, die haben Frauen wie Sie auch nötiger."

    Die Frau mit der gelben Jutetasche lief zum Ausgang. „Ja, Jenni, da hast du so was von recht. Frau Binder hat bei denen eine Menge zu tun. Dann viel Erfolg bei Ihrem Kampf. Wiedersehen."

    „Wiedersehen" sagte ihre Bekannte und sie verließen das Geschäft.

    Resa und Hanna sahen sich an und seufzten lächelnd.

    „Mammi! Süßes Mammilein!" Resas Zwölfjährige kam in den Verkaufsraum gelaufen und umarmte ihre Mutter.

    „Was willst du?" fragte Resa, während sie die seltene Gelegenheit nutzte und ihre Tochter zurück knuddelte.

    „Ich habe dich nur vermisst." Leonie versuchte ehrlich auszusehen, was ihr aber gründlich misslang.

    „Und was hast du noch vermisst?" Resa kannte ihre Kinder.

    „Für den Ausflug morgen hätte ich gerne deinen neuen Regenponcho, leihst du ihn mir? Du brauchst ihn ja eh nicht, oder?"

    „Nimm ihn dir. Und was gibts für mich dafür?"

    Leonie sagte: „Am Samstag kann ich mitkommen ins Vinzenzvon-Paul-Haus und den Leuten vorsingen. Vielleicht ist auch eine tänzerische Vorführung drin, wenn der Applaus nach mehr verlangt."

    Resa ging jeden Samstag mit einer Kranken aus diesem Heim spazieren. Hanna wollte mal mitkommen und sich bekannt machen.

    Resa freute sich, ihre Kinder und ihr Mann wussten, wie sie ihr einen Gefallen tun konnten.

    Leonie setzte noch einen drauf. „Und außerdem verspreche ich dir, sie machte ein kleine Pause und ihre Mutter schaute neugierig, „außerdem verspreche ich, dass ich nicht Priesterin werde. Beim Rauslaufen ergänzte sie: „Wenigstens nicht katholische!"

    Resa rief ihr „Freche Krabbe! hinterher, was von Leonie mit „Ja, ja, richtig. beantwortet wurde.

    Später sortierten Resa und Hanna Ware ein und unterhielten sich darüber, was die Kundinnen gesagt hatten. Resa prüfte die Artikelnummern und gab sie Hanna zum Einordnen.

    „Keine Sorge! Mit mir wird es in der Pfarrei keine Ungleichbehandlung geben. Vor Gott sind Mann und Frau gleich, mit denselben Rechten und Pflichten, ohne Unterschied. Das werden wir auch in der Gemeinde so halten."

    Hanna legte die neu angekommenen Schachteln mit Heilkräutern in die Fächer, kontrollierte die Mengenangaben auf dem Lieferschein und hakte sie ab. „So habe ich das meiner Bekannten erklärt, aber sie behauptet nach wie vor, dass sie es immer wieder liest, in der katholischen Kirche sind Frauen benachteiligt. Sie hat das als Kind in ihrer Familie so erlebt und deswegen versteht sie nicht, warum ich in St. Philipp Neri mitarbeiten möchte."

    Resa seufzte. „Ja, dieses Unverständnis kenne ich, das ist nichts Neues, hört man immer wieder, sogar aus dem Freundeskreis."

    Hanna sagte zögernd: „Es sind doch viel mehr Männer in der katholischen als in der evangelischen Kirche, nicht die Priester, also in den Gemeinden, die Laien. Oder?"

    „Ja? Kann sein. So, fertig, morgen früh gehe ich den Rest durch, bevor es ins Notebook eingegeben wird. Los, Hanna, auf zum Kaffee."

    Während sie vom kleinen Lager in die Küche des Ladens gingen, fragte Resa: „Von kritisierenden Bekannten abgesehen gefällt es Ihnen doch ganz gut in der Pfarrei? Oder?"

    Hanna nickte. „Aber es ist nicht nur diese eine Bekannte, meine Tochter, die ist jetzt neunzehn, versteht es genau so wenig, sie denkt, ich bin auf einmal spinnig religiös geworden. Wenn es wenigstens Yoga oder Buddhismus wäre, hat sie gesagt."

    Resa musste sich zurückhalten und spannte die Mundmuskulatur an, damit ihr keine Erwiderung raus rutschte. Mit den Produkten aus dem angesprochenen Angebotssegment machten ihre Geschäfte viel Umsatz. Damit die Kunden, meist Kundinnen, nicht in die Kreisstadt fuhren oder online einkauften, hatten sie auch Matten, Tees, alternative Wellness- und Kosmetiklinien im Verkauf, nicht gerade billig und häufig erworben. Sie verstand das gar nicht, so als Frau war man doch eher auf Austausch angelegt als auf Schweigen und Stille, zumindest in der Freizeit. Warum wollten denn alle zur Ruhe kommen? Früher hatten die Menschen mehr gearbeitet und keine Probleme damit. Außerdem gab es im europäischen Raum jede Menge vergleichbarer Methoden und Praktiken. Aber sie wollte dazu nichts sagen, falls die Kundinnen erfuhren, wie sie darüber dachte, wer weiß, welche Auswirkungen das auf das Geschäft haben würde. Schließlich war sie Pfarrgemeinderätin und ihr Mann angestellter Kirchenmusiker von zwei katholischen Pfarreien, das wussten die meisten. Wer christliche Infos wollte, der konnte fragen. Ungefragte Ratschläge gab sie nicht, wenigstens nicht als Geschäftsfrau.

    Beim Kaffee sagte Resa: „Wir müssen unbedingt daran arbeiten, dass die falschen Annahmen über das Christentum und die katholische Kirche korrigiert werden."

    Hanna nickte. „Ja, damit man sich nicht immer wieder entschuldigen muss."

    „Richtig. Und diese unausrottbare Vorstellung, Frauen hätten bei den Katholiken eine minderwertige Stellung, ist sehr hartnäckig. Dagegen muss man angehen, wo man nur kann, Hanna. Aber freundlich bleiben, sich nicht aufregen. Irgendwann werden sie es einsehen."

    Sie räumten das Geschirr weg und machten sich bereit für die letzten Stunden vor der Mittagspause.

    ***

    Besuchs- und Anrufliste vom Pfarrbüro

    8.20 (auf Band): Anruf v. Chorleiter Wagner wg. fehlender Bässe und zu wenigen Tenören, Festaufführungen in Zukunft vielleicht nicht mehr möglich, mehr Werbung für Chor nötig

    11.45 (auf Band): zweiter Anruf v.

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1