Jodeglienen - Moosheim: Chronik eines ostpreußischen Dorfes
Von Rosemarie Keil und Marthina Klüppelberg
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Über dieses E-Book
Rosemarie Keil
Rosemarie Keil wurde 1951 in Freiberg geboren und kehrte wieder in ihre Heimatstadt zurück. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter. In ihrem Berufsleben war sie u. a. als Lehrerin und Angestellte einer Krankenkasse tätig. Jetzt ist sie im Ruhestand und widmet sich ihrem Hobby, dem Schreiben. Bisherige Veröffentlichungen sind die Bücher „Ende eines Sommers, Abschied von Ostpreußen“ (Reiseerzählung, Peter Segler Verlag 2003), „Fremde Heimat Ostpreußen, Spurensuche und Begegnungen“ (Erzählung, Laumann-Verlag 2015), „Jodeglienen– Moosheim, Chronik eines ostpreußischen Dorfes“ (Mitautorin Marthina Klüppelberg; Verlag Tredition 2017) und „Der besondere Weihnachtswunsch – Eine Erzählung aus dem Erzgebirge“ (Verlag Tredition 2018). Weiterhin erschienen Kurzgeschichten und Gedichte in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften.
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Rezensionen für Jodeglienen - Moosheim
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Buchvorschau
Jodeglienen - Moosheim - Rosemarie Keil
Jodeglienen/Moosheim und die deutsche Geschichte
Von den Anfängen bis zum Königreich Preußen
Lage und Ursprünge der Besiedlung
Das kleine Dorf Jodeglienen (auch Jodeglinen oder Jodekinen), 1938 in Moosheim umbenannt, war eine der sechs Neuansiedlungen um den „Altsnappen Sehe" (Willuhner See), die Ende des 16. Jahrhunderts in der Wildnis entstanden¹. Es lag im späteren nördlichen Ostpreußen, etwa elf Kilometer von der litauischen Grenze (Grenzort Schirwindt) und zehn Kilometer von der Kreisstadt Pillkallen, seit 1938 Schloßberg, entfernt.
Einige im ehemaligen Prussia Museum Königsberg aufbewahrte Fundstücke aus prähistorischer Zeit beweisen aber, dass die Gegend schon wesentlich früher besiedelt war². So fand man im Flachmoor nördlich des Nachbardorfes Abschruten unter anderem eine Lanzenspitze aus gespaltenen Röhrenknochen, deren Alter von Forschern auf etwa 11.000 v. Chr. datiert wurde.
Große Aufregung gab es im Jahr 1937 in einigen Jodegliener Familien, als der Abschrutener Lehrer Kurt Diemke mit einer Gruppe seiner älteren Schüler, darunter auch Jodegliener Jungen, selbst auf die Suche nach Fundstücken aus alter Zeit ging und dabei tatsächlich Erfolg hatte. Sowohl der gebürtigen Jodeglienerin Gerda geb. Schneider als auch der Lehrerstochter Ingrid geb. Diemke sind diese Ereignisse, teils aus Erzählungen in der Familie, noch in Erinnerung. Hier das Zitat aus einer Akte des Prussia-Archivs Königsberg, jetzt im Museum für Vorund Frühgeschichte Berlin³ unter der Reg.-Nr. PM-A 1629, Bd. 1 aufbewahrt (der Veröffentlichung wurde am 31.3.2015 zugestimmt):
Im Mai 1937 fand der Lehrer Diemke aus Abschruten mit seiner Klasse beim Absuchen des Geländes bei Jodeglienen auf den Ackerstücken der Besitzer Schneider, Friedrich Stein, Palfner, Giebat und Kniest eine Anzahl Feuersteinstücke und einige Stückchen Holzkohle und Schlacke. Die Fundstücke hat Herr Pliczuweit (Kreispfleger von Pillkallen) dem Museum übergeben. Königsberg/Pr., den 25. Mai 37
Museumsdokument Messtischblatt Jodeglienen mit nummerierten Fundorten: 1-Schneider, 2-Palfner (Feuerstein), 3-Giebat (Feuerstein), 4-Friedrich Stein
Sicher waren die Jodegliener Fundstücke wenig spektakulär für die Wissenschaft. Sie bestätigten aber die Vermutung, dass auch in diesem Gebiet bereits in der Jungsteinzeit (Neolithikum) Menschen gelebt haben.
Weitere Spuren einer Besiedlung im Gebiet des späteren Kreises Pillkallen lassen sich erst zur Ordenszeit (1231–1525) nachweisen. Der Deutsche Orden war allein dem Papst verpflichtet und gründete Städte und Dörfer, wobei er das Land in erster Linie durch Deutschsprachige besiedeln ließ. Am 8. Mai 1422, nach dem Frieden am Meldensee, wurde auch die Gegend um das spätere Pillkallen dem Ordensgebiet angegliedert⁴. Damals gab es in dieser urwaldartigen „Wildnis" zwar noch keine Siedlungen im eigentlichen Sinne, aber doch Menschen, die nun dem Deutschen Orden unterworfen wurden. Es handelte sich bei diesen Ureinwohnern um die Prußen (Namensgeber des späteren Staates Preußen) vom Stamm der Nadrauer und Schalauer, ein heidnisches Volk, das der baltischen Völkerfamilie zuzuordnen ist. Sie waren ursprünglich freie Bauern und lebten von Ackerbau, Vieh- und Pferdezucht, außerdem vom Fischen, Jagen und Sammeln von Wildfrüchten.
Lage von Jodeglienen/Moosheim innerhalb Ostpreußens
Die erste urkundliche Erwähnung der Streusiedlung Schloßbergk (und des Dorfes Schirwint) erfolgte im Jahr 1516, also noch während der Ordenszeit. Erst 1545 nannte man diese Siedlung „Pilkaln (Pillkallen). Im gleichen Jahr 1545 wurde die Siedlung „Welonn
(später Willunen, Willuhnen) gegründet. Dies geschah bereits nach dem Untergang des Ordensstaates im Jahr 1525. Nach mehreren Kriegen, Geldnot des Ordens, schwindender Autorität und zunehmender Unzufriedenheit, insbesondere unter dem Adel und in den einflussreichen Städten, löste der letzte amtierende Hochmeister, Albrecht von Brandenburg-Ansbach, den Ordensstaat auf. Albrechts intensive Kontakte zum Reformator Martin Luther führten schließlich zu seinem Übertritt zum evangelischen Glauben und zur Bildung des Herzogtums Preußen unter dem polnischen König Siegismund I. als weltlichem Oberhaupt. Dieser gab Albrecht die offizielle Belehnung mit dem Herzogtum Preußen, womit dieses Preußen das erste protestantische Land der Welt war⁵.
Der Ausschnitt aus einer Karte des Geografen Kasper Hennenberger von 1576⁶ vermittelt einen Eindruck von der Landschaft des Gebietes zur damaligen Zeit.
Kartenausschnitt von 1576 nach Kasper Hennenberger
In der Zeit des Herzogtums Preußen, das bis 1701 bestand, schlossen sich an die Entstehung der Siedlung Willuhnen weitere Ortsgründungen in diesem Gebiet an. Darunter befand sich auch, wie bereits eingangs erwähnt, das Dorf Jodeglienen. Diesen Namen erhielt es wahrscheinlich von einem seiner ersten Siedler, Jodt Egglinay⁷. Dieses Dorf wurde, so wie andere auch, im Jahr 1595 vermessen und sowohl im Hauptamt Ragnit als auch im Schulzenamt Uschpiaunen aufgelistet. Im Jahr 1621 erfolgte die Gründung des Kirchspiels Willuhnen, zu dem auch Jodeglienen gehörte. Unter einem Kirchspiel versteht man einen Pfarrbezirk, der aus mehreren Ortschaften besteht.
Jodeglienen im Königreich Preußen
Der gesamte Kreis Pillkallen war ein reiner Agrarkreis, und auch Jodeglienen wurde von Bauernfamilien bewohnt. Doch bis zu einem hochentwickelten Agrarkreis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es noch ein weiter Weg. Das Leben in der frühen Neuzeit wurde oft von großer Armut bestimmt, da adlige und landesherrliche Grundherren Abgaben erhoben und Frondienste forderten. Die ehemals freien Bauern verloren immer mehr Rechte⁸. Hinzu kamen Seuchen, witterungsbedingte Notzeiten und mehrere Kriege (Einfall der Polen und Tataren 1656, Nordischer Krieg 1700–1721).
Schließlich entvölkerte die große Pest in den Jahren von 1709 bis 1711 das Land. Im Kreis Pillkallen, auch in Jodeglienen, raffte sie rund 80 Prozent der Bevölkerung dahin. In Jodeglienen konnten 63 Prozent des Bauernlandes nicht mehr bewirtschaftet werden. Im Jahr 1719 listete man die Pestschäden auf (in sog. Hubenschoßprotokollen) und ermittelte, dass in Jodeglienen von den rund 19 Huben Land etwa 12 Huben „wüst" (unbearbeitet) waren (1 Huben oder 1 Hufe entsprach damals rund 16 Hektar). Im Dorf lebten zu diesem Zeitpunkt nur noch vier Scharwerksbauern (mussten auch herrschaftliche Güter bewirtschaften und weitere Dienste verrichten, was sie sehr stark belastete). Hinzu kamen drei Zinsbauern (nur zur Leistung von Abgaben verpflichtet, nicht zur Fronarbeit), die aber erst nach der großen Pest neu angesiedelt wurden⁹.
Im Jahr 1701 hatte sich der inzwischen herrschende brandenburgische Kurfürst und Herzog von Preußen, Friedrich III., in der Hauptstadt Königsberg selbst als Friedrich I. zum König von Preußen gekrönt. Da das neue Königreich (Gesamt-) Preußen auch das Kurfürstentum Brandenburg umfasste, hieß das frühere Preußen von nun an Ostpreußen. Auf Friedrich I. folgte 1713 König Friedrich Wilhelm I., der sich sehr engagiert der Wiederbesiedlung des durch Krieg und Pest entvölkerten Landes annahm. Er holte Glaubensflüchtlinge nach Ostpreußen, so z. B. auch Reformierte aus Hessen-Nassau, dem Siegerland, der Pfalz, Halberstätter und Magdeburger. Den größten Anteil der Neusiedler bildeten jedoch 1732 die Salzburger, die wegen ihres evangelischen Glaubens aus dem Erzbistum Salzburg vertrieben worden waren.¹⁰ In jenen ersten Jahren der Neubesiedlung lebten in Jodeglienen noch keine Bewohner salzburgischer Herkunft, aber bald schon beispielsweise im Nachbardorf Abschruten, wo es sogar eine „Salzburger Schule gab und ein gesonderter „Salzburger Friedhof
angelegt wurde. Die meisten Salzburger sind offensichtlich zunächst im Gumbinner Raum angesiedelt worden und haben sich von da aus erst später weiter verbreitet. Im gesamten Domänenamt (königliches Amt, das den landesherrlichen Besitz verwaltet) Dörschkehmen, zu dem auch Jodeglienen gehörte, lebten (s. Chronik Band 4, S. 409¹¹) nach der großen Neubesiedlung 67 Salzburger Familien.
Empfang Salzburger Exulanten durch König Friedrich Wilhelm I.
Ankunft der Salzburger; Wandgemälde am Eingang zum Pfarrheim der heutigen Salzburger Kirche in Gumbinnen (Gusev)
Zuzug neuer Siedler nach Jodeglienen
Auch in Jodeglienen wurden in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zugewanderte Bauern angesiedelt. Sie setzten sich seitens ihrer Herkunft im Jahr 1736 folgendermaßen zusammen¹²:
Naßauer
(aus Nassau-Siegen, ab 1712 wegen der Gegenreformation geflohen): Andres Stein, Friederich Heße, Peter Scheffer und George Stahl;
Halberstaeter
(aus Halberstadt): Heinrich Misch, Hennig Misch und Andres Heynemann;
Lieffländer
(aus Estland-Livland): Christoff Steffen;
Litthauer: Steps Kummelatis.
Einige dieser Familiennamen blieben über viele Generationen hin in Jodeglienen erhalten, die Namen Stein und Heidemann (gewandelt aus Heynemann) sogar bis zur Flucht 1944.
Nur wenige Jahre später, um 1739/40, hatte das Bauerndorf Jodeglienen insgesamt 57 deutsche und 6 litauische Einwohner¹³. Darunter waren sieben deutsche und ein litauischer „königlicher Amtsbauer" mit ihren Familien. Amtsbauern hatten nur das Nutzungsrecht der Höfe, die jedoch Eigentum des Königs blieben. Außerdem lebten im Dorf ein deutscher Gärtner und ein deutscher Hirte. Bei acht Deutschen arbeiteten zusätzlich Mägde bzw. Knechte, die man als Gesinde bezeichnete.
Prästationstabellen und Mühlenconsignationen
Noch detailliertere Angaben zu den Jodegliener Familien um diese Zeit kann man den Prästationstabellen und Mühlenconsignationen des Domänenamtes Dörschkehmen (königliches Amt, das den staatlichen Landbesitz verwaltet) und des Landkreises Pillkallen aus dem Jahre 1734 entnehmen, die Professor Erwin Spehr bearbeitet, erläutert und veröffentlicht hat¹⁴. Auf die Tabellen für die Jahre 1782 und 1845, die ebenfalls erhalten sind, wird später noch eingegangen.
Das Domänenamt Dörschkehmen, das seinen Sitz im Vorwerk Dörschkehmen hatte, wurde im Jahre 1723 gegründet. Es bestand aus zwei Vorwerken und 58 Dörfern, zu denen auch Jodeglienen und die Nachbardörfer gehörten¹⁵. Erst 1819, nach der Bildung der Landkreise und damit auch des Kreises Pillkallen, wurden die Domänenämter aufgelöst.
Jodeglienen 1734 [aus: PT Dörschkehmen 2, DS. 35]
Tabellenkopf: Nahmen der Wirthe – haben an Saat-Land in Huben/Morgen/Ruthen [Hu Mo Ru] – zahlen an Huben-Zins, Getreide-Pachten, Dienstgelder usw. in Thaler/Groschen/Pfennig [rtl.gr.pf]
Aus den Prästationstabellen (PT) für Jodeglienen 1734
Nach den Erläuterungen von Prof. Spehr¹⁶ sind Prästationstabellen (PT) Listen, in denen man die laufenden Abgaben der ländlichen Bevölkerung mit Grundbesitz (Bauern, Handwerker, Eigenkätner) an das Domänenamt aufgeführt hat. Die Abgabenhöhe hing von der Grundstücksgröße und vom rechtlichen Status des Besitzers ab. 1734 handelte es sich in Jodeglienen ausschließlich um Scharwerksbauern, die an mindestens 30 Tagen im Jahr auf einer königlichen Domäne (Landgut) oder einem königlichen Vorwerk (Nebenhof eines Gutes) „Scharwerk" zu verrichten hatten, was das Bewirtschaften der großen Staatsgüter bedeutete. Hinzu kamen weitere Dienste wie z. B. Holzzufuhr für das Amt und für Kirchen und Schulen, Postfuhren oder Wege- und Kanalbau, wobei ein Teil dieser Dienste vergütet wurde. Die geforderten Abgaben an das Amt wurden in Form von Getreide, Dienstleistungen oder in Bar entrichtet. Allerdings waren noch weitere Zahlungen und Abgaben zu leisten, wie z. B. an Kirche, Schulmeister, Armenkasse, Feuer-Sozietätskasse und an die Garnison, so dass oft die Belastungsgrenze einer Bauernfamilie erreicht war. Insgesamt hatten die 1734 in Jodeglienen ansässigen neun Bauernfamilien 140 Taler (1 Taler = 90 Groschen), 71 Groschen (1 Groschen = 18 Pfennige) und 17 Pfennige an Abgaben zu leisten. Sie bewirtschafteten zusammen eine Saatland-Fläche von 12 Huben/Hufen (damals 1 Hufe etwa 15,65 Hektar) und 24 Morgen (1 Morgen etwa 52,16 Ar). Die Umrechnungsangaben wurden den Erläuterungen zu den Prästationstabellen und Mühlenconsignationen von Professor Erwin Spehr¹⁷ entnommen.
Bei den von 1734 bis etwa 1790 nachgewiesenen Mühlenconsignationen (MC) handelte es sich um Mühlen- oder Mahllisten. Da zu jener Zeit alle Haushalte eines Dorfes zum Mahlen ihres Getreides die gleiche Mühle aufsuchen mussten, wurden zum Erheben der Mahlgebühren dorfweise Listen erstellt. Hierbei richtete sich die Gebührenhöhe nach der Personenzahl eines Haushalts, auch wenn es sich um einen Landarbeiter-Haushalt (also ohne Grundbesitz) handelte. So wurden in Jodeglienen auch der Hirt Frantzkis mit seiner Frau und das „Hirtenweib" Margarete einbezogen. Gebührenfrei waren nur Kinder unter zwölf Jahren, alte Leute über 60 und aktive Soldaten.
Jodeglienen 1734 [aus: PT Dörschkehmen 2 / Mühlenregister, DS. 101-102]
Tabellenkopf: Die Einwohner haben an Familien: Mann und Frau [MF] – Kinder über 12 Jahre [Kü] – Kinder unter 12 Jahre [Ku] – Knechte und Mägde [KMä] – Jungens und Margellens unter 12 Jahre [JMg] – alte abgelebte Persohnen über 60 Jahre [A] – Summe der großen Persohnen [SG] und der kleinen [SK]
Mühlenconsignationen (MC) für Jodeglienen 1734
Wie in den Erläuterungen zu den PT und MC¹⁸ ausdrücklich betont, wurden sowohl die Prästationstabellen als auch die Mühlenlisten ausschließlich zur Abgaben- und Gebührenerhebung angefertigt, nicht aber als Personenstandsregister. Deshalb haben sie nicht die Beweiskraft und Zuverlässigkeit von Kirchenbüchern und können lediglich Vermutungen stützen oder weiterführende Hinweise geben. Außerdem weist Prof. Spehr im Abschnitt Familienkundliche Deutung seiner Erläuterungen auf die stark variierenden Namen in den Listen hin, denn damals gab es noch keine amtlich festgelegte Schreibweise der Personennamen. Der Amtsschreiber hat die ihm mündlich übermittelten Namen so zu Papier gebracht, wie er sie akustisch verstanden hatte und schriftlich umsetzen konnte. Die daraus resultierenden Veränderungen der Namen im Laufe der Zeit werden auch in Jodeglienen deutlich, worauf bei den späteren Tabellen nochmals eingegangen wird und was ebenso bei mehreren Familien im sich anschließenden Familienkapitel Erwähnung findet. Vorsicht ist auch bei der Deutung der Begriffe „Kinder, „Alte
und „Knechte/Mägde in den Mühlenlisten geboten. Als „Kinder
werden hier nicht nur die leiblichen Nachkommen des Hausherrn, sondern auch alle weiteren im Haushalt lebenden Kinder (z. B. Enkel, Neffen, jüngere Geschwister des Bauern) bezeichnet. „Alte können z. B. Schwiegereltern, ältere Geschwister oder alte Knechte und Mägde sein, während zu den „Knechten
und „Mägden" ebenfalls erwachsene Geschwister oder sonstige mit auf dem Hof lebende Verwandte der Bauersleute zählten. Insgesamt kann man aber feststellen, dass die Prästationstabellen und Mühlenconsignationen trotz der nicht immer zuverlässigen Angaben einen lohnenden Einblick in das soziale und wirtschaftliche Dorfleben gewähren.
Eine weitere Prästationstabelle und Mühlenconsignation ist für das Dorf aus dem Jahre 1782 erhalten. Inzwischen war Friedrich II. (König von 1740 bis 1786) an die Macht gekommen. Eine schwere Zeit lag auch hinter Jodeglienen, denn der Siebenjährige Krieg (1756–1763) und die fünfjährige russische Besetzung des Kreisgebietes (1758–1762) hatten viele der unter Friedrich Wilhelm I. (1713 bis 1740) errungenen Fortschritte in der Landwirtschaft vernichtet.
Jodeglienen 1782 [aus: PT Dörschkehmen 8, S. 257-259]
Tabellenkopf: Namen der Einsaaßen und deren Qualität (SchwB = Schaarwerks Bauer) – besitzen an Land nach dem Oletzkoischen und Magdeburgischen Maaß, jeweils in Huben/Morgen/Ruthen [Hu Mo Ru] –
Zinsen davon jährlich in Thaler/Groschen/Pfennig [rtl.gr.pf] – Bemerkungen
Prästationstabellen (PT) für Jodeglienen 1782
Aus den Tabellen für Jodeglienen im Jahr 1782 geht hervor, dass das Land noch immer von Scharwerksbauern bearbeitet wird, deren Anzahl sich jedoch gegenüber 1734 von neun auf zwölf erhöht hat. Auch haben nun alle Bauern (Amtsbauern) mehr als einen Huben Land. Außerdem sind über zehn Huben gemeinschaftlicher Landbesitz aufgeführt: Wiesen und Weide, Busch- und Strauch-Gelände sowie Bau-Stellen. Offensichtlich hat es inzwischen weitere Neuansiedlungen gegeben, denn einige neue Namen treten auf: Habedank, Koszinski, Ruck, Meyer, Westphal und Berchow. Auch hier finden sich Namen, die es, über Generationen hin in teils etwas gewandelter Form, noch 1944 im Dorf gab: Ruck wurde zu Rieck bzw. Riek, Berchow zu Bergau und Meyer blieb in gleicher Schreibweise erhalten.
Weiterhin kann man der Mühlenconsignation entnehmen, dass zu jener Zeit durchschnittlich sechs bis acht Personen zu einem Haushalt gehörten (Summe der Mahlgäste SM plus Summe der nicht zum Anschlag kommenden Personen SN). Somit müssten, bei korrekter Erfassung, 1782 insgesamt 84 Personen in Jodeglienen gelebt haben (SM plus SN).
Jodeglienen 1782 [aus: PT Dörschkehmen 8 / Mühlenconsignation, S. 1210/1211]
Tabellenkopf: Einsaaßen – Wirthe [M] – Wirthinnen [F] – Söhne von und über 12 Jahr [Sü] – Töchter über 12 J. [Tü] – Knechte [Kn] – Mägde [Ma] – Dienstjungen [Ju] – Dienstmädchen [Mg] – beurlaubte Soldaten [Sb] – Summe der Mahlgäste [SM] – alte abgelebte Leute über 60 J. [A] – Söhne unter 12 J. [Su] – Töchter unter 12 J. [Tu] – unter Gewehr stehende Soldaten [Sg] – Summe, die nicht zum Anschlag kommen [SN]
Mühlenconsignationen (MC) für Jodeglienen 1782
Die dritte für Jodeglienen „alias Poesken" erhaltene Prästationstabelle stammt bereits aus dem Jahre 1845. Die Herkunft des Namens „Poesken" (später auch Pöschken) für das Dorf konnte nicht ermittelt werden, wobei den gebürtigen Jodeglienern bzw. Moosheimern diese Bezeichnung noch bekannt ist.
Aus der Tabelle sind wiederum neue Familiennamen in Jodeglienen ersichtlich, die zu einem Teil noch zum Zeitpunkt der Flucht im Dorf zu finden waren, so die Namen Kniest und Palfner. Auch den Namen Koenig (König) gab es bis etwa 1920 noch, als Gustav Stein in den Hof einheiratete.
Beim weiteren Betrachten der Tabelle fällt auf, dass es sich nunmehr bei den Familien um Grundbesitzer und nicht mehr um „Scharwerksbauern", wie aus den vorangegangenen Tabellen zu erkennen war, handelt. Auf Grund der Eigentumsverleihung vom 12.8.1813 (s. Tabellenkopf) ist der Besitz fast aller Jodegliener nunmehr scharwerksfrei-bäuerlich. Zwei der Bewohner sind sog. Eigenkätner (Eigentümer eines nur kleinen Anwesens mit einer Kate). Aus diesen Tatsachen geht hervor, dass sich in Ostpreußens Landwirtschaft bedeutende Änderungen ergeben haben, auf die im Folgenden kurz eingegangen werden soll.
Jodeglienen alias Poesken 1845 [aus: PT Pillkallen 29, DS. 111-121] – (ohne Ergänzungen nach 1845)
Tabellenkopf: Grundbesitzer (vorh. = vorher) – besitzen Land nominaliter nach preuß. Maaß in Morgen/Quadratruthen [Mo qRu] (ÜL = incl. Übermaßland)– Landbesitz nach der Separation in [Mo qRu] (iF = im Feld, iD = im Dorf) – Qualität des Besitzes (sch.fr-b = scharwerksfrei-bäuerlich/Eigentumsverleihung 12.8.1813; Eigenk. = Eigenkathe) – Grundstücksabzweigung (DC = Dismembrations-Konsens) – Gesamt-betrag der jährl. Grundabgaben in Thaler/Silbergroschen/Pfennig [thl.sgr.pf]
Prästationstabellen (PT) für Jodeglienen 1845
Ostpreußens Landwirtschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts
Nachdem Friedrich II. bereits 1763 die endgültige Abschaffung der Leibeigenschaft verfügt hatte, waren die Bauern zwar freie Menschen, aber immer noch wirtschaftlich und persönlich vom Grundherrn abhängig. Im Jahr 1799 leitete Friedrich Wilhelm III. einen weiteren Schritt zur praktischen Befreiung der Bauern ein, die Aufhebung des Scharwerks. Allerdings musste als Gegenleistung ein „Befreiungsgeld" gezahlt werden, was oft große wirtschaftliche Probleme mit sich brachte. Eigentümer von Grund und Boden war jedoch noch immer der Grundherr.
Durch den Krieg gegen Napoleon 1806/07 wurden die Reformbestrebungen zunächst unterbrochen. Viele preußische Soldaten mussten in den Kampf ziehen. Möglicherweise waren unter ihnen drei junge Männer aus Jodeglienen, die als Dragoner (Angehörige der Schlachtenkavallerie) in der Preußischen Armee dienten. Laut Geburts- bzw. Taufbeurkundungen ihrer Kinder, in denen auch Namen und Beruf der Eltern anzugeben waren, handelte es sich hierbei um George Helfensteller, Andreas Misch (geb. um 1775) und Carl Stein (s. auch „Familien, die von 1800 bis etwa 1820 in Jodeglienen lebten"). Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass diese drei Jodegliener erst 1812/13 am Befreiungskampf gegen Napoleon teilnahmen. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Doch auch die Zivilbevölkerung des Grenzkreises Pillkallen hatte unter den Auswirkungen der beiden Kriege schwer zu leiden. Eine verwüstete und ausgeraubte Region, Hunger, Krankheiten und Viehseuchen waren nur einige der Kriegsresultate. Die Hälfte der Pferde und ein Drittel des Nutzviehs waren verloren gegangen, die Bevölkerungszahl sank um etwa 15 Prozent¹⁹.
Nun zurück zur Situation der ostpreußischen Bauern, die noch immer keine Eigentümer an Grund und Boden waren. Dies änderte sich erst nach dem Napoleonischen Krieg von 1806/07 und dem Tilsiter Frieden in einem weiteren, wichtigen Schritt der Stein-Hardenbergschen Reformen in der Landwirtschaft, der Verleihung des Eigentums ohne Gegenleistung im Jahre 1808. Professor Erwin Spehr erläutert die Neuerungen in seiner „Geschichte des Kreises Pillkallen/Schloßberg"²⁰:
Diese unentgeltliche Übereignung von Land und Hofgebäuden war vom Staat auch als Entschädigung für die Belastungen während des Krieges und der französischen Besetzung gedacht. Das lebende und tote Inventar des Hofes wurde den neuen Eigentümern jedoch in Rechnung gestellt. Gleichzeitig wurden auch alle übrigen Dienste […] und Naturalleistungen […] durch Geldbeträge abgelöst. […] Insgesamt brachte die Befreiung den Bauern zwar beträchtliche Erleichterungen und dazu das volle Eigentum an Land und Hof, aber auch eine finanzielle Belastung, die etwa zwei- bis dreimal so hoch war wie vorher. Diese Abgabenbelastung erreichte die Grenze der bäuerlichen Leistungsfähigkeit. […] In unserem Bezirk Gumbinnen (zu dem auch Jodeglienen gehörte – Anmerkung R. K.) war die Übereignung und Berechnung der neuen Abgaben bis 1813 abgeschlossen. […] Bereits in den Notstandsjahren nach 1813 konnten zahlreiche Bauern die jährlichen Beträge nicht bezahlen. […] Immer mehr Höfe mussten versteigert werden.
Schließlich wurden im Jahr 1821 mit der „Ablösungs- und Gemeinheitsteilungsordnung" die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Dorfgemarkungen in einzelne bäuerliche Betriebe aufgeteilt werden konnten. Diese sog. Separation (auch Verkopplung bzw. Auflösung genannt) war der letzte Schritt der preußischen Agrarreformen. Der Historiker Andreas Kossert schreibt dazu in seinem Buch „Ostpreußen – Geschichte und Mythos"²¹ (S. 137f):
Jeder Bauer erhielt ein zusammenhängendes Flurstück. Die Aufteilung des Gemeindebesitzes – der Allmende – brachte ihnen zusätzliche Flächen. Mit der allmählichen Abschaffung der Dreifelderwirtschaft wuchsen die Erträge. […] Die großen, zusammenhängenden Flurstücke erleichterten die Feldbestellung […] und die Anbaufläche (konnte) insgesamt vergrößert werden. Durch die Separation kam es aber auch zur Auflösung der traditionellen Dorfverbände. Staatliche Prämien lockten Bauern in die Abgeschiedenheit der Feldmark, in die Abbauten, wo bisher ungenutzte Flächen unter den Pflug genommen wurden.
Die dort neu entstandenen Höfe wurden auch Ausbauhöfe genannt. Ab 1830 konnte die Landwirtschaft im neu gegründeten Kreis Pillkallen als Folge der Reformen einen beträchtlichen Aufschwung nehmen.
Bei einem erneuten Blick auf die Prästationstabelle für Jodeglienen aus dem Jahre 1845 (s. vorheriger Abschnitt) werden nun einige der dort aufgeführten Fakten klarer, andere bleiben jedoch rätselhaft. Ganz offensichtlich ist zunächst, dass sich der Landbesitz innerhalb des gesamten Dorfes Jodeglienen nach der Separation um etwa die Hälfte vergrößert hat. Die früher als gemeinschaftlicher Dorfbesitz ausgewiesenen Flächen wie Wiesen, Weiden oder Busch- und Strauchgelände sind jetzt aufgeteilt. Lediglich Dorfstraße, Friedhof, Wege und Torfmoor (zur Gewinnung des Heizmaterials) dienen noch der allgemeinen Nutzung. Die Höhe der Gesamtabgaben aller Bauern des Dorfes hat sich gegenüber der PT von 1782 um etwa 70 Prozent erhöht – auch ein Tribut an die nun meist größeren Grundstücke, die nach der Separation oft „im Feld lagen, also außerhalb des bisherigen Dorfes in den „Abbauten
. „Im Dorf selbst gab es überwiegend nur kleinere Saatflächen. Auffällig ist, dass einige wenige Grundbesitzer offensichtlich das Land anderer Bauern mit übernommen haben. So liest man z. B. unter der Nr. 8a: „Kniest, Gottlieb vorher Misch
, wobei ein Misch, Ernst (vorher Misch, Christoph) selbst nach der Separation nur (noch) ein relativ kleines Grundstück besitzt. Interessant ist hierbei, dass der Name Misch, möglicherweise aus wirtschaftlichen Gründen, nach 1850 ganz aus Jodeglienen verschwunden ist, obwohl er um 1800 sehr stark mit mehreren Familien im Dorf vertreten war (s. Kapitel „Familien, die um 1800 bis etwa 1820 in Jodeglienen lebten). Bei Nr. 1b scheint es sich um eine Grundstücksaufgabe zu handeln, denn der Name Schäfer ist in späteren Jahren ebenfalls nicht mehr im Dorf zu finden. Hier hat am 13.11.1844 eine „Grundstücksabzweigung
mit rechtlicher Zustimmung (Dismembrationskonsens) an Nr. 1a, Johann Habedank, stattgefunden.
Derartige Grundstücksaufgaben scheinen zu jener Zeit keine Seltenheit gewesen zu sein. So ist z. B. dem Gumbinner „Öffentlichen Anzeiger zum Amtsblatt No. 51" vom 17.12.1845²² folgende Anzeige zu entnehmen (die damalige Schreibweise wurde beibehalten):
No. 1804. (Nothwendiger Verkauf) Königl. Land- und Stadtgericht zu Pillkallen. Das zu Klein-Tullen, Kirchspiel Pillkallen, unter No. 15 belegene, dem Eigenkäthner Christian Mickelleit gehörige Wohnhaus mit einer Grundfläche von 18 Morgen (1 Morgen = 26 Ar), 100 Ruthen preuß. (1 Ruthe = 14m²) und zufolge der nebst Hypothekenschein und Bedingungen in der Registratur einzusehenden Taxe auf 215 Rthlr. (Reichsthaler) abgeschätzt, soll am 31sten März 1846, vormittags 11 Uhr, an ordentlicher Gerichtsstelle subhaftirt (versteigert) werden.
Auch in Jodeglienen hat es offensichtlich damals, wie in späteren Jahren ebenfalls, Zwangsversteigerungen gegeben. Aus welchen Gründen dies auch immer erforderlich wurde, haben die marktüblichen Preise zu jener Zeit sicher eine maßgebende Rolle gespielt. Interessant in diesem Zusammenhang ist deshalb eine im o. g. Gumbinner Amtsblatt monatlich veröffentlichte Tabelle mit Getreide- und Viktualienpreisen in Insterburg und Tilsit²³ (möglicherweise exemplarisch für den gesamten Regierungsbezirk), hier in No. 47 für Oktober 1845.
Wenn man bedenkt, dass eine Bauernfamilie nur die Einnahmen aus dem Verkauf ihrer Hofprodukte zur Verfügung hatte und, neben den umfangreichen Abgaben, noch zahlreiche Ausgaben für den eigenen Bedarf nicht selbst herstellbarer Waren anfielen (z. B. Salz, Zucker, Petroleum, Kleidung, Schuhe oder Eisenbeschlag von Pferden, Wagen und Ackergeräten), ist ein Bankrott durchaus vorstellbar.
Neben den wichtigen Reformen in der Landwirtschaft waren auch in der Verwaltung inzwischen bedeutende Änderungen erfolgt. Nachdem im Jahr 1815 die Neugliederung des Staates Preußen in Provinzen (hier: Provinz Ostpreußen) und Regierungsbezirke (hier: Regierungsbezirk Gumbinnen) vorgenommen worden war, wurden in der unteren Verwaltungsebene die Domänenämter aufgelöst und Landkreise gebildet. So entstand am 1.9.1818 der Kreis Pillkallen, der sich aus sieben Kirchspielen, darunter das Kirchspiel Willuhnen mit dem Dorf Jodeglienen, zusammensetzte.
Jodeglienen zwischen Reformen und Erstem Weltkrieg
Von den großen politischen Ereignissen ab Mitte des 19. Jahrhunderts (unter der Herrschaft von König Friedrich Wilhelm IV. von 1840 bis 1861) blieben Jodeglienen und der Kreis Pillkallen relativ unberührt. Sowohl die revolutionären Unruhen von 1848 als auch die Kriege von 1864 (Deutsch-Dänischer Krieg), 1866 (Deutscher Krieg, Auflösung des Deutschen Bundes) und 1870/71 (Deutsch-Französischer Krieg) fanden weit weg von Ostpreußen statt. Allerdings gab es auch unter den Jodeglienern mindestens ein Opfer zu beklagen. In den „Verlustlisten der deutschen Armee im Feldzug 1870/71"¹² ist folgender Eintrag zu einem Sergeanten August Horn, dessen Verwandte noch bis zur Flucht 1944 in Moosheim (vorher Jodeglienen) lebten, zu finden:
Schlacht bei Metz am 14.8.1870, Ostpreußisches Infanterie-Regiment Nr. 43: Sergeant Horn, August (*1844) aus Jodiglienen, Kreis Pillkallen, am 14.08.1870 gefallen, 6. Companie.
Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches unter Wilhelm I. im Jahre 1871 (bestand bis 1918) wurde Ostpreußen zu einem Teil des geeinten Vaterlandes.
Nach den landwirtschaftlichen Reformen zu Beginn des Jahrhunderts und der überwundenen Agrarkrise um 1825 ging es auch im Kreis Pillkallen langsam aufwärts. Die erfolgte Separation brachte zwar insgesamt gesehen wirtschaftliche Erfolge, jedoch nicht für alle Eigentümer. Viele mussten wegen der hohen Abgaben Äcker verkaufen, die erfolgreichere Bauern aufkauften. So bildeten sich im Laufe der Zeit Groß-, Klein- und Kleinstbauern heraus⁸. Vorteilhaft für den allgemeinen Aufschwung in der Landwirtschaft wirkten sich in jener Zeit zum Beispiel die Einführung der Fruchtwechselwirtschaft anstelle der bisherigen Dreifelderwirtschaft und der Einsatz von Kunstdünger aus.
Einfahren der Ernte
Roggenernte mit der Sense
Die Separation hatte
