Neloris: Das Schicksal der Elfen
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Über dieses E-Book
Gemeinsam mit ihrem einzigen Freund Haden Aubelle und den mysteriösen Halbelfen Saedra Bhragas und Kivu Keresked begibt sich Arva auf eine Reise in die sagenumwobene Elfenstadt Ardh Mere. Die Gruppe findet sich bald inmitten einer Verschwörung wieder, die das Schicksal der Elfen bedroht.
Während sich die Spannungen zwischen Menschen und Elfen zuspitzen, müssen Arva und Haden entscheiden, auf welcher Seite sie stehen.
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Buchvorschau
Neloris - Mareike Markheiser
1
Arva
Arva Gál beobachtete, wie sich die Menschen auf dem Marktplatz von Syphar aneinander vorbeidrängelten. An einem Stand mit Getreide und frischem Gemüse hatte sich eine große Traube gebildet. »Einer nach dem anderen«, bat der dürre Händler und tupfte sich die Stirn mit einem Tuch ab.
Direkt daneben überreichte eine Händlerin ein Körbchen voll Tränke an eine junge Frau. Sie trug ein einfaches Leinenkleid und eilte mit der Ware davon, sobald sie ein paar Münzen in die ausgestreckte Hand der Händlerin gelegt hatte.
Gegenüber dem Tränkestand bot ein glatzköpfiger Mann edle Schmuckstücke dar. Hier war die Kundschaft überschaubar, dennoch wurde er von zwei bewaffneten Männern flankiert, die die Waren aufmerksam im Blick behielten.
Eine leichte Brise wehte durch die Gasse, in der Arva Deckung gesucht hatte. Sie atmete tief ein und rümpfte die Nase. Es roch nach frischem Fisch. Nicht unbedingt ihr Leibgericht.
Sie zog sich weiter in den Schatten der Häuser zurück und wartete, den Blick auf die Umgebung des Schmuckstandes gerichtet. Diesen Auftrag hätte auch ein weniger talentiertes Mitglied der Schattenläufer übernehmen können.
Und dann sah sie ihn. Vincent Lemont, ein Edelmann aus Syphar, steuerte auf den bewachten Stand zu. Er trug einen eleganten, schwarzen Hut mit einem dazu passenden Mantel. Arva zog sich die Kapuze ihres schwarzen Umhangs tiefer ins Gesicht, und mischte sich unter die Menschen. Es war ein Kinderspiel. Die Leute standen so dicht aneinander, dass Lemont nur langsam vorankam. Sie musste ihn erwischen, bevor er sein Ziel erreichen konnte. Er würde es nicht einmal bemerken, wenn sie ihm das Amulett aus der Innentasche seines Mantels zöge. Zhinon hatte ihr am Morgen die nötigen Informationen gegeben. Er hatte ihr den Namen und das Aussehen der Zielperson beschrieben und ihr seine Ankunftszeit auf dem Markt genannt. Pünktlich war er, so viel war sicher. Die Auftraggeberin kannte sie nicht, wusste nur, dass es eine Frau war. Was es mit diesem Amulett wohl auf sich hatte?
Arva schob sich zwischen einem schlaksigen Jungen mit einem großen Korb in den Händen und einem alten Fischer, dessen Mütze schon bessere Tage erlebt hatte, hindurch und war nun fast direkt hinter Lemont. Die einzige Person, die sie jetzt noch von ihm trennte, war eine füllige Frau mit einem Bündel in der einen und einer vollgepackten Tasche in der anderen Hand. Geschickt schlängelte sich Arva seitlich an ihr vorbei und stieß sie im Gehen gegen Lemont.
Er drehte sich ruckartig um. »Was soll das?«, schnauzte er die Frau mit dem Bündel und der Tasche an. Die Leute um ihn herum hielten inne und sahen ihn verwundert an. Arva tat es ihnen gleich und blieb direkt neben Lemont stehen.
»Das war … Ich weiß nicht … Verzeiht«, stammelte die Frau.
Lemont schüttelte den Kopf und drehte sich wieder um. Sein geöffneter Mantel glitt bei der Bewegung schwungvoll zur Seite und Arva drängelte sich eng an ihm vorbei. Sie war ihm so nah, dass sie sogar seinen Duft nach Tabak einatmete. Blitzschnell griff sie mit einer Hand in die tiefsitzende Innentasche des Mantels, um das Amulett herauszuziehen.
Lemont tastete seinen Mantel ab und schien sofort zu bemerken, dass etwas fehlte. Er drehte sich nach der molligen Frau um, genau wie Arva es geplant hatte, diese war jedoch schon längst wieder in der Menschenmenge verschwunden. Arva drehte sich weg, bevor der Blick ihres Opfers sie streifen konnte, und ließ sich von der Masse verschlucken.
Ein schmales Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie das Schmuckstück in ihrer Hosentasche verstaute. Auftrag erledigt. Sie würde sich bei dem Schattenkönig darüber beschweren, dass er ihre Talente für solch langweilige Missionen verschwendete. Aber das würde bis zum Abend warten müssen.
Obwohl es bewölkt war, schmerzten ihre empfindlichen Augen vom hellen Licht des Tages. Sie zog sich die Kapuze wieder tiefer ins Gesicht und streifte durch die Straßen der Nordstadt. Nebel waberte um ihre Beine. Er ging vom großen See aus und verzog sich selbst im Sommer nur selten aus diesem Teil Syphars. Sie ließ ihren Blick über die schlichten Holzbauten wandern, an deren Fassaden sich der Nebel empor schlängelte. Das dunkle Holz hob sich von dem hellen Dunst ab. Wirklich alles in der Nordstadt war aus demselben Holz erbaut worden. Von den Tempeln der fünf Götter und der Festung Donnerbruch im Tempeldistrikt bis hin zum Fischer- und Hafenviertel. Ja, selbst die Stadtmauer war aus Holz.
Arva eilte durch eine schmale Gasse zwischen zwei Häusern. Mit ihren Stiefeln verursachte sie kaum Geräusche auf den Holzplanken. Konzentriert trat sie auf die Straße hinaus und folgte ihr, bis sich die Umgebung veränderte. Der Weg war hier gepflastert und vor ihr ragte eine Steinmauer in die Höhe, die das Kronenviertel vom Rest der Stadt trennte. Sie ging an der Mauer entlang und nach einigen Minuten kam sie vor einem schmiedeeisernen Tor zum Stehen, das weit offenstand.
Sie hob den Blick und bewunderte die vielen Verzierungen, die links und rechts die Steine der Mauer schmückten. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie das Tor passierte und die erhabenen, steinernen Villen mit ihren großen, klaren Fenstern und den gepflegten Vorgärten die schlichten Holzbauten ablösten. Hier hausten die Adeligen und Reichen und für Arva fühlte es sich jedes Mal so an, als würde sie in eine andere Welt eintauchen. Der Nebel hatte sich im Kronenviertel bereits verzogen und die Menschen hier waren sich ihres Reichtums bewusst. Die gepflasterten Straßen waren nie so belebt wie in der Nordstadt und die wenigen Passanten, die unterwegs waren, trugen teure Kleidung und wertvollen Schmuck. Sie waren aufmerksamer und Arva hatte schon oft beobachtet, wie einige immer wieder nach ihrem Schmuck tasteten, um sich zu vergewissern, dass er noch genau dort war, wo er hingehörte. Genau diese Schwierigkeiten machten die Jagd für Arva schmackhaft. Das Kronenviertel war ihr Revier.
Zielstrebig überquerte sie den ovalen Platz, von dem mehrere Straßen fächerartig in alle Richtungen abführten. In der Mitte stand ein protziger Brunnen, in dem eine goldene Statue von Skeere prangte. Die Göttin des Meeres und des Windes stand in ihrer üblichen Pose mit locker zur Seite ausgestreckten Armen und dem Blick gen Himmel da. Eine Kutsche fuhr an Arva vorbei. Etwas, das man in der Nordstadt niemals zu Gesicht bekommen würde.
Sie bog in die Straße zu ihrer Linken ab und folgte einer Gruppe von jungen Frauen, die aber nach wenigen Metern in einer der Villen verschwanden. Auf leisen Sohlen verschwand Arva zwischen zwei Häusern und folgte der dunklen Gasse bis zur Parallelstraße. Mit ihren Augen fixierte sie ein junges Paar, das seinen Reichtum offen zur Schau trug. Der Mann war in einen seidenen Frack gekleidet, dessen knallige Farben schon von Weitem zu sehen waren. Die Frau trug ein pastellgrünes Kleid mit weitem Rock und einen übertrieben großen Sommerhut mit einer passenden Schleife. An ihrem Handgelenk klimperten mehrere goldene Armreifen und an ihren Fingern glänzten Ringe mit kostbaren Edelsteinen.
Wie könnte Arva ihr den Schmuck wohl am besten abnehmen? Da huschte rechts von ihr jemand in eine Seitenstraße. Sofort änderte sie ihre Richtung, bog in die parallel verlaufende Gasse ab und beschleunigte ihre Schritte. Bevor sie wieder auf die breite Straße hinaustrat, ließ sie ihren Blick umherwandern. Bis auf eine Gruppe älterer Damen, die in Begleitung einer Wache waren, sah sie niemanden. Wo war die Person, die es so eilig gehabt hatte? Arva ging weiter und erntete dank ihres schwarzen Umhangs die skeptischen Blicke der Damen.
Links von ihr verschwand eine Person in einem dunklen, langen Mantel hinter dem Konzerthaus mit den kunstvoll verzierten Säulen. »Was zur Eyada«, murmelte Arva und nahm die Verfolgung auf. Als sie um die Ecke bog, konnte sie die Person sehen und wusste sofort um wen es sich handelte.
Was machte er hier? Hatte er etwa einen Auftrag im Kronenviertel erhalten, während sie sich mit dem Marktplatz hatte begnügen müssen?
Ruckartig drehte er sich um. Es gelang ihr, sich rechtzeitig in einem Hauseingang zu verstecken. Ihr Herz schlug wie wild in ihrer Brust und sie atmete zweimal tief durch, bevor sie ihn weiter verfolgte.
Als er vor einem Haus Halt machte und an die Tür klopfte, hielt Arva inne. Kein Dieb würde jemals bei seiner Zielperson anklopfen. Der Mann schob seine Kapuze zurück und sah sich noch einmal nervös um. Die kurzen braunen Locken waren zerzaust und die lange Narbe unter seinem linken Auge schimmerte auf seiner hellen Haut. Aber Arva war gut versteckt, er konnte sie nicht sehen. Eine junge Frau mit blonden, üppigen Wellen öffnete die Tür. Sein Anblick zauberte ihr ein strahlendes Lächeln ins Gesicht. Was wollte er nur bei dieser Frau? Aber als Haden Aubelle, ihr einziger Freund bei den Schattenläufern, die Türschwelle übertrat und die Frau ihn mit einem innigen Kuss begrüßte, wurde Arva alles klar. Peinlich berührt machte sie kehrt und hielt wieder nach einer geeigneten Zielperson Ausschau.
2
Haden
Haden Aubelle schloss die Tür hinter sich und schenkte Tanya, seiner Liebsten, ein breites Grinsen.
Hatte Arva ihn gerade gesehen? Er hatte die Tashéya erst bemerkt, als er auf Tanyas Schwelle zum Stehen gekommen war. Arva war zwar in ihren schwarzen Umhang gehüllt gewesen, doch ihre lilafarbene Haut und die gänzlich schwarzen Augen würde er überall erkennen.
»Du bist spät«, sagte Tanya und brachte ihn damit wieder zurück in die edle Villa, die ihr Zuhause war. »Ich dachte schon, du hättest meinen letzten Brief nicht gefunden.«
»Den habe ich natürlich entdeckt und es sind doch nur ein paar Minuten«, erwiderte er.
»Wir haben nicht viel Zeit«, flüsterte sie. »Mein Vater wird bald zurück sein.«
Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Er warf seinen Mantel auf den Boden und legte die Hände auf ihre Hüften. »Du hast mir gefehlt«, raunte er ihr ins Ohr und zog sie an sich. Ihre Brüste schmiegten sich an seinen Oberkörper und ihr heißer Atem streifte seine Wange. Ungeduldig nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände und küsste sie. Er drängte mit seiner Zunge in ihren halb geöffneten Mund und nahm ihren Geschmack in sich auf.
Mit seinen Fingerspitzen fuhr er von ihrem Gesicht bis zum Ansatz ihrer Brüste, schob sie hastig wieder ein Stück von sich. Fast ein wenig zu ungestüm umfasste und knetete er die Rundungen, die sie ihm so bereitwillig entgegenstreckte, bis ihr ein Keuchen über die Lippen kam. Er wanderte weiter, strich über ihre Taille, bis seine Hände auf ihrem unteren Rücken und schließlich zu ihrem runden Po gelangen, den er fest packte. Ein leises Seufzen entwich seiner Kehle. In einer fließenden Bewegung hob er Tanya hoch und trug sie zu dem nahestehenden Beistelltisch. Er stützte sich leicht ab und schob mit dem Unterarm die Bücher beiseite, um Tanya abzusetzen. Sie schlang ihre Beine um seine Hüfte und rieb sich an ihm. Für einen kurzen Moment unterbrach er den Kuss und sog scharf die Luft ein. Sein Verlangen wuchs mit jeder Berührung. Leidenschaftlich presste er seine Lippen wieder auf Tanyas.
»Meine Zofe säubert gerade mein Zimmer«, wisperte sie und keuchte zwischen zwei Küssen. »Lass es uns hier tun.«
Mit klopfendem Herzen sah er ihr dabei zu, wie sie seine Hose aufknöpfte. Ein verführerisches Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie sah, wie sehr er sie in diesem Moment begehrte.
Eilig schob Haden ihren Rock hoch und zupfte ungeduldig an dem Höschen, das sie trug. »Das hier stört«, raunte er ihr ins Ohr.
Tanya stütze sich auf dem Tisch ab und sah ihn durch halb geöffnete Lider erwartungsvoll an. Mit beiden Händen hob er ihre Hüfte an und zog ihr das Höschen aus. Ohne zu zögern, schlang Tanya wieder ihre Beine um seine Mitte. Eine Hand presste sie fest auf seinen Rücken, die andere vergrub sie in seinem Haar.
»Tanya«, knurrte er, als sie mit ihren Fingernägeln über seinen Rücken kratzte. Er konnte sich nicht mehr zurückhalten. Viel zu lange schon hatte er ihr keinen Besuch mehr abgestattet. Mit einem heftigen Stoß drang er tief in sie ein und zog ihre Hüften noch näher an sich, als sie sich ihm entgegenbäumte. Er bewegte sich erst langsam in ihr, zog sich genussvoll zurück, um wieder und wieder in sie einzudringen. Leicht öffnete er den Mund, biss sich auf die Unterlippe und steigerte das Tempo seiner Stöße. Er presste seine Hand auf Tanyas Mund, um ihr lautes Wimmern zu unterdrücken. Niemand durfte sie erwischen, nicht einmal ihre Zofe.
Tanya erzitterte, ihr Körper bebte unter der Lust, die er ihre bescherte, und wenige Atemzüge später erstarrte auch Haden in der Bewegung. Er vergrub seinen Kopf in ihrem Nacken.
»Ich liebe dich«, murmelte sie mit belegter Stimme.
»Und ich dich«, antwortete er, doch er meinte es anders als sie. Ja, er liebte sie. Aber nur hin und wieder. Er löste sich von ihr und knöpfte seine Hose zu.
Tanya stieg vom Tisch. Dabei ruhte ihr Blick auf ihm, das spürte er deutlich. »Woher hast du eigentlich diese Narbe?«, fragte sie neugierig.
Haden hob den Kopf und sah sie an, während sie ihre Röcke richtete. Mit der Hand berührte er die Narbe unter seinem linken Auge. »Ich hatte als Kind einen Unfall.«
»Das muss ein seltsamer Unfall gewesen sein«, bemerkte Tanya.
Er fuhr sich durch seine braunen Locken und sah sich im Raum um. Darüber konnte er nicht mit ihr sprechen.
»Triffst du dich eigentlich noch mit anderen Frauen, wenn du in der Stadt bist?«, fragte sie plötzlich und wechselte selbst das Thema.
Aber auch darauf hatte Haden keine wirkliche Antwort parat. Sie fragte ihn sonst nie nach solchen Sachen. Er räusperte sich und starrte auf ein Gemälde an der Wand, das einen großen See mit einem dichten Wald dahinter zeigte. »Nein, Liebste«, brachte er hervor. »Natürlich nicht«, ergänzte er mit einem Lächeln. »Das ist übrigens ein tolles Gemälde«, wechselte er jetzt – hoffentlich beiläufig genug – das Thema.
»Ich wusste gar nicht, dass du dich für Kunst interessierst.« Tanya trat neben ihn. »Das ist der Igwon-See.«
»Hübsch, wirklich hübsch.« Er räusperte sich erneut und trat von einem Fuß auf den anderen.
»Das stimmt.« Tanya verzog ihre sinnlichen Lippen zu einem sanften Lächeln. »Was machst du eigentlich die ganze Zeit, wenn sich dein Vater in Syphar um die Geschäfte kümmert?«
Warum diese ganzen Fragen?, dachte Haden. »Ich …«, begann er. »Ich bin öfter mal im Hafenviertel unterwegs. Manchmal auch auf dem Markt.«
»Interessant«, murmelte Tanya und drehte sich zu ihm. Sie legte ihre Arme um seine Mitte und sah ihn aus neugierigen Augen an. »Ich war ja noch nie im Hafenviertel. Gibt es da etwas Spannendes?«
»Du warst noch nie im Hafenviertel?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Nun, da gibt es ein ganz ordentliches Wirtshaus, natürlich nichts für eine Dame wie dich.«
»Natürlich nicht.« Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter.
»Ich sollte jetzt gehen«, bemerkte er, löste sich von ihr und hob seinen Mantel auf.
»Ja, das solltest du, Liebster.« Tanya folgte ihm und griff nach seinen Händen, mit denen er seinen Mantel umschloss. »Wann wirst du wieder in Syphar sein?«
»Ich weiß es nicht. Ich werde dir einen Brief schicken.«
»Ich kann es kaum erwarten.« Sie drückte ihm einen Kuss auf die Lippen und führte ihn zur Tür. Haden schaute durchs Fenster und wartete, bis die Luft rein war. Dann schlüpfte er durch die halb geöffnete Tür und verschwand in den Straßen des Kronenviertels.
Sein Besuch bei Tanya hatte kaum fünfzehn Minuten gedauert. Das ließ ihm noch genug Zeit, seinen Auftrag zu erledigen und rechtzeitig im Singenden Wal zu sein, bevor die Hafenarbeiter die Kneipe fluteten. Er warf sich seinen Mantel um die Schultern und ließ die frische Sommerluft in seine Lunge strömen. Es war ein guter Tag.
3
Saedra
»Natürlich ist er zahm!«, knurrte Saedra Bhragas und warf dem Wachmann einen bösen Blick zu. Vérek, ihr Wolf, war ihr treuer Begleiter, seit sie von ihrem Stamm auf Reisen geschickt worden war.
»Hm«, brummte der Wachmann. Mit seinen eisblauen Augen fixierte er erst das Tier, dann Saedra. Über sein sonnengebräuntes Gesicht zogen sich feine Linien und sein langes dunkles Haar war zu einem ordentlichen Zopf im Nacken gebunden. »Und die Axt? Sieht ziemlich scharf aus.«
»Sie wäre auch nicht von großem Nutzen, wenn sie stumpf wäre, nicht wahr?« Sie verdrehte die Augen. Seit einer halben Stunde diskutierte sie schon mit verschiedenen Wachmännern am Osttor von Syphar. Noch nie hatte sie solche Schwierigkeiten gehabt, ein Tor zu passieren. Die Menschen strömten an ihr vorbei in die Stadt hinein. Es war Markttag, so viel hatte sie schon erfahren. Und die hölzerne Stadt, die mit ihrem Binnenhafen das Handelszentrum von Neloris darstellte, ging ihr schon jetzt auf die Nerven.
»Was ist nun?«, hakte sie nach.
»Der Hund … Der Wolf hat keine Leine. Und, nun ja, die Axt ist ziemlich groß.«
Saedra schnaubte. »Es ist eine Doppelaxt, die man mit zwei Händen führen muss.«
»Ja, ja. Natürlich«, entgegnete der Wachmann und plusterte sich auf. »Der Wolf muss angebunden werden, Spitzohr, dann darfst du passieren.«
Sie kommentierte die unhöfliche Anrede nicht, das war sie gewohnt. Nur wenige Menschen hielten es für nötig, einer Elfe den nötigen Respekt entgegenzubringen. Sie ging einen Schritt zur Seite und holte ein Seil aus ihrem Beutel heraus, den sie stets bei sich trug. Sie bastelte daraus eine Leine und legte sie Vérek mit einem entschuldigenden Blick um den Hals. Der große Wolf ließ es über sich ergehen. »Besser?«, fragte sie an den Wachmann gewandt.
Er musterte sie erneut mit übertrieben skeptischer Miene, nickte aber schließlich. »Nun gut. Du darfst passieren, Spitzohr. Mach ja keinen Ärger.«
Saedra ging durchs Tor, Vérek direkt neben ihr. Der graue Wolf war ruhig und nahm mit seinen orangenen Augen die Umgebung in sich auf. Das Osttor von Syphar wurde von allen Leuten benutzt, die weder Händler noch Adlige waren. Aufmerksam schaute sich die Halbelfe um. So viele verschiedene Menschen auf einem Fleck hatte sie noch nie gesehen. Die meisten trugen einfache Leinenkleidung, manche auch eine Lederrüstung und Waffen.
Zumindest hatte sie keine Mühe, durch die Menge zu kommen. Viele wichen vor ihr und ihrem großen Wolf zurück, einige hielten die Hände vor ihre Münder und starrten Saedra mit aufgerissenen Augen an, von einigen wenigen erntete sie sogar hasserfüllte Blicke. Für sie alle hatte die Halbelfe ein schmales, selbstbewusstes Lächeln übrig. Sollten sie doch denken, was sie wollten.
Nach wenigen Minuten ließ Saedra die gepflasterte Straße hinter sich und überquerte eine hölzerne Bogenbrücke, die sie zum Herz der Stadt führte, zum Marktplatz. Von ihrer leicht erhöhten Position auf der Brücke hatte sie einen guten Überblick über den Platz. Er war weitläufig und rund, gänzlich aus Holzplanken erbaut und überlaufen von Menschen. Unzählige Stände waren in einem inneren und äußeren Kreis aufgebaut. Neben der Brücke, auf der sie stand, führte eine zweite in den Norden über den Kanal. Zu ihrer Linken grenzte der Marktplatz an Holzhäuser und enge Gassen. Ein Gemisch aus den unterschiedlichsten Gerüchen drang in ihre Nase. Gewürze, Blumen, frisches Gebäck und Schweiß. Am penetrantesten war jedoch der Fischgeruch.
Saedra atmete noch einmal tief durch und tauchte dann in die Menge ein. Hier musste sie sich an den Passanten vorbeizwängen, Vérek so dicht an ihren Beinen, dass sie fast über ihn stolperte. Die Leute waren ganz und gar auf die Waren fixiert, dass sie kaum Blicke für Saedra übrighatten. An einem Stand gab es kostbare Stoffe, an einem anderen, der besonders beliebt war, frisches Gemüse. Die sonstige Auswahl reichte von Schmuck, kleineren Waffen und Werkzeugen bis hin zu Kleidung, Obst und Fleisch. Es gab alles, was man zum Leben brauchte und natürlich Fisch. Sie ließ ihren Blick über den Markt gleiten, verlor sich in den anonymen Gesichtern und schloss kurz die Lider. Ihr war schwindelig und ihre Knie wurden weich. Nicht jetzt, ermahnte sie sich selbst und versuchte, sich zu beruhigen. Schwer atmend konzentrierte sie sich auf ihre Schritte. Ihr Puls schnellte in die Höhe und sie unterdrückte ein Keuchen, als sich die Menschenmasse um sie herum erneut zu verdichten schien. Das hier war definitiv kein Ort für sie. Fest schloss sie ihre Hand um Véreks Leine und drückte mit der anderen ihren Beutel an die Brust. Norden, sie musste nach Norden, wo sie diese zweite Brücke gesehen hatte.
Erst als sie den hölzernen Übergang erreichte, beruhigte sich ihr Herzschlag und sie konnte wieder frei atmen. Sie ließ den Marktplatz hinter sich und richtete ihren Blick nach vorn. Hinter den Schindeldächern konnte sie bereits ein paar Schiffsmasten erkennen. Wie gigantisch groß mussten diese Schiffe sein?
Hier im Hafenviertel der Seestadt waren weit weniger Menschen unterwegs. Die meisten Einwohner zog es um diese Uhrzeit scheinbar zum Markt. An einer Hauswand lehnte ein Mann mit kurzgeschorenen Haaren, der sie aufmerksam beobachtete. Er trug dunkle Lederhosen und eine einfache Tunika. Die Hose wies an einigen Stellen Flicken auf und der Saum der Tunika war ausgefranzt. Quer über den breiten Hals des Mannes zog sich eine wulstige Narbe.
»Was glotzt du so, Spitzohr?«, blaffte er und hob eine Augenbraue.
Saedra wurde klar, dass sie gestarrt hatte und ging schnell weiter. Die breite hölzerne Straße mündete in eine Treppe, die nach unten führte. Dort erhoben sich unzählige Holzpfade und Häuser auf Stelzen aus dem See. Weiter hinten erspähte sie den Binnenhafen, an dem ein halbes Dutzend großer Schiffe angelegt hatte. Nebel kroch zwischen den Holzplanken zu Saedras Füßen hindurch. Ob es hier immer so aussah? So … grau? Die Halbelfe blickte gen Himmel, wo die Sonne die Wolkenfront nicht durchbrechen konnte.
»Suchst du etwas, Spitzohr?«, stichelte ein Mann, dessen Haare entweder vom Schweiß oder von der hohen Luftfeuchtigkeit des Sees fest an seinem Kopf klebten. Vérek knurrte bedrohlich, woraufhin der Mann einen Schritt zurückwich.
Saedra betrachtete ihn abschätzig und beschloss, dass er die Mühe nicht wert war. Das würde nicht einmal als Training gelten. »Ganz recht, werter Herr. Ich suche nach einer Unterkunft für die Nacht«, sagte sie daher, statt ihm den Kopf abzuschlagen.
»Verstehe«, grummelte der Mann und tippte sich mit einem Finger ans Kinn. »In der Südstadt lassen die solche wie dich nicht in Gasthäuser. Aber hier im Hafenviertel ist jeder willkommen.«
»Ganz offensichtlich«, erwiderte Saedra spöttisch.
»Der Singende Wal bietet bequeme Betten und warme Mahlzeiten.« Er deutete mit dem ausgestreckten Arm auf ein Gebäude, das etwas größer als die anderen war. Über der Eingangstür hing ein Schild in der Form eines Wals, auf dem in ausgeblichener Schrift der Name des Gasthauses zu lesen war.
»Habt Dank.« Saedra ging jedoch an der Gaststätte vorbei. Zuerst wollte sie die Schiffe aus der Nähe sehen.
4
Haden
Als Haden am frühen Nachmittag den Singenden Wal betrat, waren kaum mehr als eine Handvoll Gäste anwesend. Es roch nach gebratenem Fisch und Bier. Durch die milchigen Fenster fiel schwaches Tageslicht in das Gasthaus und verlieh dem Raum einen trüben Schein. Eine kleine Gruppe von Hafenarbeitern teilte sich einen Tisch, an dem sie sich gedämpft miteinander unterhielten. Obwohl Haden normalerweise gern in Ruhe sein Bier trank, hätte er an diesem Tag nichts gegen ein bisschen heitere Stimmung gehabt. Aber Samson, der Wirt, engagierte nur ab und zu einen Barden und schon gar nicht zu dieser Tageszeit. Leichten Schrittes ging Haden an den runden Tischen vorbei zur Theke.
»Wie immer?«, begrüßte ihn Samson, der sein lichtes, lockiges Haar zu einem Knoten zusammengebunden hatte.
Haden nickte ihm zu und legte fünf Kupferstücke auf das glatt polierte Holz des Tresens. »Irgendetwas Neues?«, wollte er wissen.
»Nicht wirklich«, plauderte Samson. »Heute sind ein paar Lieferungen aus Gjeska gekommen.« Er stellte das Bier auf die Theke und sammelte die Kupfermünzen auf.
Haden nahm einen großen Schluck. »Etwas Interessantes dabei?«
»Soweit ich weiß, nicht.«
»War zu erwarten.« Aus Gjeska kam für gewöhnlich nur wenig Schmuggelware. Hauptsächlich Bier und Wein, selten Kostbarkeiten wie Edelsteine, noch seltener Waffen.
Die Tür zum Wirtshaus wurde geöffnet. Haden drehte sich um, verschluckte sich an seinem Bier und hustete heftig. Eine Elfe! Und … was war das?
»Bei den Göttern«, stieß Samson aus. Dann veränderte sich seine Stimme zu jener, die er nur benutzte, wenn er betrunkene Streithähne nach draußen verbannte. »Tiere sind hier nicht erlaubt. Erst recht keine Wölfe.«
Die Elfe ging unbeeindruckt zur Theke und knallte eine Goldmünze auf das Holz. »Ich glaube, heute werdet Ihr wohlwollend eine Ausnahme machen.«
Samson machte große Augen und Haden ahnte bereits, dass der Wirt einknicken würde. Hier im Hafenviertel erblickten die Menschen nur selten eine Goldmünze. »Und er ist auch zahm?«, hakte Samson nach.
»Wie ein Baby«, säuselte die Elfe. Sie sah sich kurz in dem Raum um. Auf ihrer Stirn prangte ein verschnörkeltes Tattoo, das sich über ihre Brauen bis zu den Schläfen ausbreitete. Mit ihren dunklen Augen blieb sie an Haden hängen. »Gefällt dir, was du siehst, Bürschchen?«
Haden war gar nicht aufgefallen, dass er sie angestarrt hatte. Schnell wandte er den Blick ab.
Bürschchen?
Die Elfe sah kaum älter aus als er.
»Ich brauche ein Zimmer«, sagte sie an Samson gewandt.
»Für wie lange?«
»Unbestimmt.«
Ganz toll, dachte Haden. Was wollte dieses Spitzohr hier? Er drehte sich wieder um und musterte sie. Obwohl ihm die Situation nicht geheuer war, musste er zugeben, ihre Erscheinung beeindruckte ihn. Sie war groß und muskulös, die edel geschmiedete Axt auf ihrem Rücken diente als stille Warnung für jeden, der sich mit ihr anlegen wollte. Trotz der warmen, dunklen Farbe ihrer Haut, Haare und Augen strahlte sie eine Kälte aus, die ihn tief bis ins Mark traf. Sie erinnerte ihn ein bisschen an Arva. Der graue Wolf mit den orangenen Augen hatte sich zu den Füßen der Elfe hingelegt. Im Moment war er zwar ruhig und brav, doch Haden war sich sicher, dass das Tier, wenn nötig, auch ganz anders konnte.
»Was führt Euch nach Syphar?«, fragte Haden und legte beiläufig seinen Arm auf dem Tresen ab.
Die Elfe drehte ihren Kopf langsam zu ihm, betrachtete ihn wie ihre Beute. Ob es wohl stimmte, dass die Elfen hin und wieder Menschen aßen? Doch dann zog sie ihre Mundwinkel leicht nach oben. »Mein Stamm hat mich auf Reisen geschickt.«
Haden wusste nur wenig über die Elfen, das meiste davon war wahrscheinlich gar nicht wahr. »Ihr seid also eine Halbelfe, die das Ritual absolviert«, mutmaßte er und nahm einen Schluck von seinem Bier. Er hatte gehört, dass junge Halbelfen durch Neloris reisen mussten, um den Menschen zu helfen. »Darf ich fragen, warum Ihr auf Reisen gehen müsst?«
Die Halbelfe schaute ihn überrascht an. »Ihr wisst also ein bisschen etwas über mein Volk.«
Haden lächelte. »Sicher.«
»Sicher«, äffte sie ihn nach. »Ich muss nicht auf Reisen gehen, ich möchte.«
»Und warum möchtet Ihr auf Reisen gehen?«, hakte Haden nach.
»Damit ich ein vollwertiges Mitglied meines Stammes werden kann. Es ist eine ehrenvolle Aufgabe. Als Halbelfe besuche ich jede Stadt in Neloris und biete den Menschen meine Hilfe an. Wir nennen es das Ritual der Aufnahme.« Sie reckte ihr Kinn und richtete sich noch ein bisschen mehr auf, wenn das überhaupt möglich war.
Haden blieb jedoch locker und nippte an seinem Bier. »Und, habt Ihr Spaß auf Euren Reisen?«
Die Halbelfe schaute ihn verwirrt an. »Spaß?«, fragte sie und schüttelte den Kopf. »Darum geht es bei dieser Tradition nicht! Sie dient dazu, dass ich mich meinem Volk näher fühle, indem ich der Engstirnigkeit und der Feindseligkeit der Menschen ausgesetzt werde.«
»Ich … verstehe. Das klingt nach einer … interessanten Tradition.« Haden räusperte sich. »Habt Ihr auch einen Namen?«
»Ich bin Saedra Bhragas, Tochter des ehrenwerten Uzagnae.« Sie legte die rechte Hand aufs Herz.
»Freut mich, Saedra Bhragas. Ich bin Haden. Haden Aubelle.« Er streckte ihr die Hand entgegen.
Anstatt die Geste zu erwidern, wandte sich Saedra an Samson. »Könntet Ihr mir nun mein Zimmer zeigen? Ich habe eine lange Reise hinter mir.«
Haden ließ seine Hand sinken. Saedra Bhragas folgte dem Wirt die Treppe hinauf, ihr grauer Wolf dicht neben ihr.
Tochter des ehrenwerten Uzagnae, imitierte er sie in Gedanken. Was sollte das bitte bedeuten? Er trank den letzten Rest seines Biers und verließ den Singenden Wal, als noch eine Gruppe Hafenarbeiter hereinkam. Eine Halbelfe in Syphar – das gab es wirklich nicht alle Tage. Tatsächlich hatte er noch nie zuvor ein Spitzohr in der Stadt gesehen. Nur als er als Kind mit seiner Familie noch auf einem der Höfe außerhalb von Syphar gewohnt hatte, war ihm hin und wieder ein Elf oder eine Elfe begegnet. Doch das lag schon viele Jahre zurück.
Er schlug den Weg zum Versteck der Schattenläufer ein. Am Kanal, der das Hafenviertel vom Rest Syphars trennte, drängte er sich hinter eines der Häuser, dessen Haustür mit Holzplanken verbarrikadiert war. Dort an der morschen Fassade gab es einen versteckten Treppenabgang, der hinab zum Wasser führte. Er folgte dem Wasserlauf auf dem schmalen, hölzernen Pfad, den man von oben nicht sehen konnte, bis er zu einer Steinwand kam, in die eine Gittertür eingelassen war. Mit seiner Hand strich er über einen der Gitterstäbe und zog ihn fest nach unten. Das Schloss klickte und die Tür sprang auf. Er summte leise vor sich hin und folgte dem feuchten, steinigen Gang, bis er um eine Ecke bog und ihm eine mit Eisen verstärke Holztür den Weg versperrte. Er klopfte zweimal, dann einmal, dann dreimal. Ein Rhythmus, den nur die Schattenläufer kannten. Es erklang ein dumpfes Geräusch, dann wurde die Tür geöffnet.
»Willkommen zurück, Bruder«, sagte Conrad und trat zur Seite. »Die Schatzkammer steht dir offen.« Er trug den für die Schattenläufer typischen schwarzen Umhang. Die Kapuze hatte er zurückgeschlagen und sein Haar hatte sich durch die vorherrschende Feuchtigkeit leicht gewellt.
»Wie lange hast du noch Dienst?«, erkundigte sich Haden und ging an seinem Kameraden vorbei.
Conrad schloss die Tür hinter ihm und ließ sich auf einem Schemel an der Wand nieder. Eine Fackel, die direkt neben ihm stand, erhellte sein kantiges Gesicht. »Nich’ mehr lang«, nuschelte er und balancierte einen Dolch auf seinem rechten Zeigefinger.
Haden verabschiedete sich mit einem Nicken von ihm und ging weiter durch den engen Gang. Bis auf das leise Plätschern des Kanalwassers war es still. Obwohl sich die Schatzkammer direkt unter dem Markt befand, merkte man nichts von der Hektik und dem Lärm dort oben. Es war eine andere Welt. Es war das Zuhause der talentiertesten Diebe in ganz Neloris – den Schattenläufern.
5
Arva
Arva saß an dem langen Tisch, der sich in der weitläufigen Halle der Schatzkammer befand. Drei große, eiserne Kronleuchter erfüllten den steinernen Raum mit warmem Licht. Arva
