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Tobias Blank Spielverderber: Eine Detektivgeschichte aus der Zeit, als der Tiger im Tank steckte
Tobias Blank Spielverderber: Eine Detektivgeschichte aus der Zeit, als der Tiger im Tank steckte
Tobias Blank Spielverderber: Eine Detektivgeschichte aus der Zeit, als der Tiger im Tank steckte
eBook545 Seiten6 Stunden

Tobias Blank Spielverderber: Eine Detektivgeschichte aus der Zeit, als der Tiger im Tank steckte

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Über dieses E-Book

Die Entwicklung eines neuen Produktes kann sehr kostspielig sein. Eine Methode Geld zu sparen, ist die Werksspionage. Es schien ein interessanter Fall für den Detektiv zu werden. Doch überraschenderweise stoppte der Auftraggeber vorzeitig die Ermittlungen. Eigentlich hätte Tobias Blank die Stadt Bamberg sofort wieder verlasssen können. Da kreuzte eine attraktive junge Umweltschützerin seinen Weg und bat ihn um Hilfe. Dazu konnte Tobias nicht Nein sagen.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition GmbH
Erscheinungsdatum8. Apr. 2015
ISBN9783732334407
Tobias Blank Spielverderber: Eine Detektivgeschichte aus der Zeit, als der Tiger im Tank steckte
Autor

Hans-Joachim Haake

Hans-J. Haake wurde am 2.12. 1951 in Braunschweig geboren. Seit 2007 schreibt er Detektivgeschichten. Dies ist der neunte Roman der Tobias-Blank-Reihe.

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    Buchvorschau

    Tobias Blank Spielverderber - Hans-Joachim Haake

    Freitag 15.35 Uhr

    Auf dem Bahnsteig stehend schaute Blank dem Regionalzug hinterher, bevor er den Mitreisenden folgte, die zum Ausgang eilten. Er ließ es ruhig angehen und schlenderte zunächst quer durch die Bahnhofsvorhalle. Dort hatte Blank einen Kiosk erspäht.

    Wie erhofft konnte er eine Karte der näheren Umgebung von Bamberg mit dazugehörigem Stadtplan erwerben. Es war ein lieb gewordenes Ritual, das Blank nach der Ankunft in einer ihm fremden Stadt stets als Erstes zu tun pflegte. Eigentlich gehörte auch noch ein ausgiebiger Stadtrundgang dazu, wobei sich der Ermittler einige markante Örtlichkeiten einprägte. Das tat er nicht, weil er sich für die Touristenattraktionen interessierte, sondern um sich besser orientieren zu können.

    Heute musste Blank darauf verzichten, denn der Grund seiner Anwesenheit in dieser Stadt ließ keine Verzögerungen zu. So hatte es der Auftraggeber formuliert. Trotz der Dringlichkeit ließ sich Blank nicht aus der Ruhe bringen. Selbst wenn er es gewollt hätte, wäre er nicht schneller hier gewesen. Nachdem ihn der Partner über diesen neuen Auftrag informiert hatte, war Blank im Büro erschienen, um seine Reisevorbereitungen zu beginnen.

    Das hörte sich schlimmer an, als es war. Im Grunde hieß es bei Blank nur eines: Er ließ sich bei der Bahn die schnellste Zugverbindung zwischen zwei Orten heraussuchen und reservierte einen Sitzplatz. Viel mehr war nicht erforderlich, um einen Auftrag zu übernehmen. Eine Reisetasche mit allen notwendigen Utensilien für die ersten Tage in der Fremde stand immer griffbereit parat.

    Im Prinzip hätte Blank auch schon gestern Abend mit dem Auto in Richtung Süden aufbrechen können. Jedoch wäre er dann irgendwann in der Nacht in Bamberg angekommen und er hätte ziellos nach einer Unterkunft suchen müssen. Wenn es sich irgendwie vermieden ließ, verzichtete Blank auf unbedachten Aktionismus. Die Erfahrung als verdeckter Ermittler hat gezeigt, dass Geduld und Bedacht auch zum Ziel führen und zuweilen sind bewusst eingeschlagene Schlenker sogar zielführender, als der direkte Weg.

    Es war also gut so, wie es ist.

    Nachdem der erste Ansturm auf die Taxis abgeklungen war, stieg Blank in eines der zurückkehrenden Droschken. Indem er diesen Service in Anspruch nahm, konnte er gleich zwei Dinge erledigen. Zum einen wurde er als ortsunkundiger Besucher auf dem schnellsten Weg zum Betrieb des Auftraggebers befördert und zum anderen konnte er unterwegs den Taxifahrer nach einem ruhigen Gästehaus fragen.

    „Sind Sie sicher, dass Sie mir die richtige Adresse angegeben haben?, fragte der Taxifahrer und er stellte fest: „So wie es aussieht, ist hier schon längst Feierabend.

    In der Tat war die Zufahrt zum Betriebsgelände durch ein geschlossenes Gittertor versperrt und der von außen sichtbare Firmenhof wirkte wie ausgestorben. Ein Pförtnerhaus war zwar vorhanden, schien aber nicht besetzt zu sein. Blank ließ sich davon nicht abschrecken. Er blickte auf den Taxameter, fingerte einen Zwanziger aus seiner Brieftasche und gab den Schein weiter mit den Worten: „Danke, stimmt so."

    Der Mann hinter dem Lenkrad blickte den Fahrgast scheinbar mitleidig an, zuckte noch kurz mit den Schultern und fuhr davon.

    Was der Taxifahrer nicht wissen konnte, Blank war mit dem Firmeninhaber verabredet. Allerdings hatte die Bemerkung des Chauffeurs durchaus seine Berechtigung. Zwar hatte Blank kein Begrüßungskomitee erwartet, aber das überhaupt niemand zu sehen war, konnte schon Zweifel aufkommen lassen.

    Vielleicht hatte er sich doch zu viel Zeit gelassen, dachte Bank, denn es war ausgemacht worden, das er keinesfalls vor 16.00 Uhr erscheinen sollte. Wenngleich Blank den Grund nicht nachvollziehen konnte, hatte er diese ungewöhnliche Vorgabe mehr als eingehalten, womöglich aber etwas zu großzügig ausgelegt.

    Wie dem auch sei. Seit der Ankunft in der fränkischen Stadt waren gerade mal vierzig Minuten vergangen. Mit der ihm eigenen Gelassenheit wartete Blank auf die Dinge, die da noch kommen mochten.

    Doch zunächst geschah nichts.

    Die angeblich so dringende Angelegenheit schien wohl doch nicht so wichtig zu sein.

    Weitere zehn Minuten stand Blank tatenlos vor dem verschlossenen Tor herum. Allmählich drängte sich der Gedanke in den Vordergrund, dass die andere Anmerkung des Taxifahrers zutreffen könnte. Nämlich das Blank die falsche Adresse angegeben hatte. Jedoch genügte ein Blick auf die drei Meter entfernt angebrachte Messingtafel an der Mauer. Dieses umfriedete Grundstück gehörte zweifellos zur Firma Greiner.

    Ein quietschendes Geräusch riss Blank aus seinen Gedanken. Das Gittertor hatte sich, wie von Geisterhand angestoßen, ein Stück weit nach rechts bewegt. In der entstandenen Lücke stand ein Mann. Er schaute den Besucher neugierig an.

    Blank hielt den Blicken stand und betrachtete seinerseits den mittelgroßen grauhaarigen Herrn. Die Brüche im Gesicht zeugten offensichtlich nicht nur von Sorgen, sondern insbesondere um die Augen hatten sich Lachfältchen eingegraben. Das allein verlieh dem Gesicht schon einen sympathischen Ausdruck. Verstärkt wurde dieser erste Eindruck durch das gegenwärtige Lächeln, welches Blank unwillkürlich erwiderte.

    Als weiteren Pluspunkt registrierte der Ermittler die ruhige und sonore Stimme des Mannes: „Herr Blank, nehme ich an. Schön das Sie hier sind."

    Die kurze und knappe Begrüßung empfand Blank ebenfalls als angenehm und er schloss daraus, dass Herr Greiner genau wusste, was er wollte und nicht lange um den heißen Brei herum redete. Dieser Eindruck relativierte sich in der Folgezeit, als der Betriebsinhaber über die Geschichte seiner Firma referierte. Dabei wurde der Gast durch alle Bereiche des Betriebes geführt. So erfuhr er unter anderem auch, wieso heute nicht gearbeitet wurde. Gleich nach der Mittagspause hatte es eine Betriebsversammlung gegeben und danach hat der Chef allen Mitarbeiter freigegeben.

    Freitag 18.47 Uhr

    „Der Mann scheint einen bleibenden Eindruck bei dir hinterlassen zu haben", stellte Miko fest.

    Blank hatte dem Geschäftspartner einen kurzen Bericht über seine erste Begegnung mit Egmund Greiner durchgegeben.

    „Ich kann es nicht leugnen. Der alte Knabe gefällt mir", stellte Blank zustimmend fest.

    „Kann ich daraus schließen, dass wir den Auftrag annehmen?", wollte der Freund wissen. Das war mal wieder typisch, dachte Blank. Der Partner war der geschäftstüchtigere der beiden gleichberechtigten Betreiber des Sicherheitsbüros MIKOS. Der Firmenname war aus dem Familiennamen des Freundes abgeleitet: Mikolajusewitsch. An dem Wort hatten sich schon viele die Zunge verbogen. Daher wurde der Freund nur Miko gerufen. Von da war es nicht mehr weit zum Geschäftsnamen.

    „Ich denke, die Aufgabe könnte mich reizen", erwiderte Blank noch ein wenig zurückhaltend.

    „Das ist keine Antwort auf meine Frage", maulte Miko enttäuscht.

    „Also gut, dann sag du es mir, was wir machen sollen, schlug Blank vor und er berichtete ausführlicher, was ihm Herr Greiner erzählt hat: „Seit 1905, in dritter Generation, stellt die Firma Greiner Spielwaren her. Der Großvater hat damit begonnen und in einer kleinen Manufaktur den Grundstein gelegt. Zunächst wurden ausschließlich einfache Holzspielzeuge hergestellt. In den vierziger Jahren hat der Sohn des Gründers die Produktpalette erweitert und den Betrieb zu einem florierenden Unternehmen ausgebaut. Die Zahl der Mitarbeiter hatte sich kontinuierlich vergrößert und heute arbeiteten knapp zweihundert Personen in dem Familienbetrieb. Ein Großteil der Belegschaft war seit vielen Jahren im Betrieb und Herr Greiner hat mir versichert, dass in der Firma ein besonders gutes Betriebsklima herrsche. Aber dennoch seien am Horizont finstere Wolken aufgetaucht. Zumindest empfand das der Betriebsinhaber so. Deshalb möchte er, dass wir ihn in Sachen Sicherheitsvorkehrungen beraten, bevor sich ein Unwetter zusammenbrauen konnte. Die ersten Anzeichen, meint Herr Greiner, hätte er anlässlich der letzten Spielwarenmesse in Nürnberg bemerkt. Dort ist eine neue Spielzeugidee vorgestellt worden, die ihn stutzig gemacht hat. Herr Greiner hat zwar eingeräumt, dass es eine Vielzahl von Unternehmen gibt, welche sich mit der Herstellung und dem Vertrieb von Spielwaren beschäftigen. Sicherlich gibt es auch in diesen Firmen kreative Köpfe, die neue Spiele ersinnen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass in zwei Betrieben an denselben Ideen gearbeitet wird, ist doch eher gering. Deshalb, meint Herr Greiner, ist es nicht auszuschließen, dass Pläne aus seiner Firma geklaut oder verraten wurden. Um sich die aufwendige und kostspielige Entwicklung eines neuen Produktes zu ersparen, mochte es durchaus den einen oder anderen unseriösen Hersteller geben, der sich solch eine Gelegenheit nicht entgehen lassen würde.

    „Ich verstehe dein Problem nicht. Im Grunde ist doch klar, was der Auftraggeber wünscht. Wir sollen herausfinden, ob es in seiner Firma eine undichte Stelle gibt", stellte Miko scharfsinnig fest.

    „Soweit war ich auch schon, entgegnete Blank und erklärte, was ihn noch beschäftigte: „Es ist aber ein himmelweiter Unterschied, ob ich innerbetrieblich nach einem Verräter oder nach einem externen Dieb suchen muss.

    „Also, ich bitte dich, Tobi. Genau das ist doch etwas für deinen ausgeprägten Spürsinn. Ich denke, so einen relativ einfachen Auftrag sollten wir uns nicht durch die Lappen gehen lassen. Doch ich überlasse dir die endgültige Zusage, alter Freund. Melde dich wieder, wenn du eine Entscheidung getroffen hast."

    Bevor Blank etwas erwidern konnte, hatte der Freund die Verbindung getrennt.

    Diesen Anruf hätte ich mir auch sparen können, dachte Blank ein wenig verärgert. Doch immerhin hatte der Partner ihm die endgültige Entscheidung überlassen. Die sollte jedoch nicht über das Knie gebrochen werden und gut überlegt sein.

    *****

    Einige Minuten später verließ Blank sein Zimmer, das er auf Empfehlung des freundlichen Taxifahrers in einem Gasthof nahe der Regnitz angemietet hatte. Dieses Domizil lag nicht nur in der Nähe von Greiners Betrieb, sondern zum besonderen Behagen des Ermittlers, gehörte auch eine Wirtsstube dazu. Dass die drei wesentlichen Grundbedürfnisse, Essen, Trinken und Schlafen unter einem Dach vereint waren, war allerdings nicht der ausschlaggebende Grund für Blanks Entscheidung gewesen, hier Quartier zu beziehen. Dies war vielmehr dem Umstand geschuldet, dass man durch einen separaten Eingang ungesehen den Wohnbereich im ersten Stock erreichen konnte.

    Wer wollte, konnte die Zimmer selbstverständlich auch von der Gaststube aus erreichen. Eben diesen Weg hatte Blank eingeschlagen. Drei Männer hockten vor halb vollen Bierkrügen am Stammtisch. Weitere Gäste hatten sich nicht hierher verirrt, obwohl der Gastwirt versichert hatte, dass diese Gaststätte zu den gern besuchten Ausflugslokalen der Stadt gehören würde. Vielleicht hatte der Mann etwas übertrieben oder gar geschwindelt. Ungeachtet dessen setzte sich Blank an einen freien Tisch im hinteren Teil der Gaststube.

    Die Gäste am Stammtisch beachteten den Ankömmling nicht weiter und setzten die Unterhaltung fort. Verstehen konnte Blank allerdings kaum etwas, obwohl man sich nicht bemühte leise zu sprechen. Die fränkische Mundart war für norddeutsche Ohren ohnehin schon gewöhnungsbedürftig und, wenn die Einheimischen unter sich sprachen, nahezu unverständlich. Aber Blank war schließlich nicht hier, um zu lauschen. Er hatte eine Entscheidung zu treffen und sinnierte darüber nach.

    Erst als sie unmittelbar vor dem Tisch stand, bemerkte Blank die fesche Person.

    „Sie sehen so aus, als ob Sie Sorgen hätten und ein kühles Bier vertragen könnten", stellte die Sprecherin fest.

    Sonst nicht auf den Mund gefallen, konnte Blank die junge Frau zunächst nur wie hypnotisiert anstarren. Eine derartige Erscheinung hätte er in diesem Lokal nicht erwartet. Lange blonde Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden umsäumte ein ebenmäßiges Gesicht mit smaragdgrünen Augen. Doch der absolute Blickfang war das farbenfrohe Dirndl. Ohne Zweifel war der Trägerin bewusst, welchen Eindruck diese Kleidung auf den Betrachter machte. Wie zur Unterstreichung schaute sie den Gast mit einem freundlichen Lächeln an.

    „Meine Sorgen sind geradewegs verflogen und ein Weißbier wäre jetzt genau das Richtige", sagte Blank charmant, wobei er verschmitzt lächelte.

    „Ich habe Sie noch nie hier gesehen", stellte die Blondine als Nächstes fest.

    „Wie auch, ich bin erst seit ein paar Stunden in der Stadt, sagte Blank und er fügte schmeichelnd hinzu: „Hätte ich allerdings geahnt, wie hübsch die Bambergerinnen sind, wäre ich bestimmt schon viel früher einmal hergekommen.

    „Ach, was Sie nicht sagen", meinte sie vieldeutig. Dabei beugte sie sich nach vorn, sodass Blank zwangsläufig in den freizügigen Ausschnitt der Dirndlbluse blicken musste.

    So abgelenkt bemerkte er nicht, wie der Wirt den Gastraum betrat.

    „Guten Abend, Herr Blank, sagte der füllige Mittfünfziger, wobei er näher herankam und fragte: „Ist alles zu Ihrer Zufriedenheit?

    Erst als beide direkt nebeneinanderstanden, wurde deutlich, dass die stattliche Kellnerin einen ganzen Kopf größer war, als der Wirt.

    „Danke für die Nachfrage. Ich wüsste wirklich nichts, was ich beanstanden könnte", antwortete Blank schmunzelnd.

    „Ein Weißbier also. Aber gerne doch", sagte die Bedienung und ging.

    „Na ja, das Wetter könnte vielleicht etwas besser sein. Letztes Jahr hatten wir im April schon wesentlich wärmere Temperaturen und deshalb auch mehr Gäste", erzählte der Wirt ein wenig wehmütig.

    „Es wird schon werden", sagte Blank höflich ohne sich festzulegen, ob er das Wetter oder die Gästeanzahl meinte. Da er sich hier nicht zu seinem Vergnügen aufhielt, war ihm eigentlich beides egal.

    „Wie auch immer. Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall einen schönen Aufenthalt in unserer schönen Stadt", sagte der Wirt, bevor er sich entfernte und zu den Männern am Stammtisch gesellte.

    „Der alte Griesgram ist nie zufrieden, wisperte die Kellnerin, als sie das hohe schlanke Glas mit dem schäumenden Inhalt brachte. Die hochgewachsene Person musste sich zwangsläufig nach vorne beugen, um das Bierglas zu servieren. Ob sie den Oberkörper absichtlich weiter vorbeugte, als es notwendig war, wusste Blank zwar nicht. Aber dem tiefen Einblick konnte er nicht widerstehen. Währenddessen flüsterte die Kellnerin abgeklärt: „Mir ist die momentane Ruhe durchaus recht.

    Blank fühlte sich etwas unbehaglich. Er lenkte seine Blicke auf das Bierglas und erwiderte: „Aber geht Ihnen dadurch nicht das eine oder andere Trinkgeld verloren."

    Die Kellnerin lächelte hintergründig und erklärte freimütig: „Ich habe diese Anstellung nur vorübergehend angenommen und im Übrigen bin ich auf Almosen nicht angewiesen."

    Demnach scheint sie keine Studentin zu sein, die sich das Studium erarbeiten muss, konstatierte Blank und laut fragte er: „Wenn Sie es nicht wegen des Geldes tun müssen. Wieso verdingen Sie sich dann als Kellnerin?"

    „Sie sind ziemlich neugierig", entgegnete die Blondine, statt auf die Frage zu antworten.

    „Entschuldigen Sie. Es geht mich selbstverständlich nichts an. Ich dachte halt nur, dass eine so gut aussehende und intelligente junge Frau …, „verbiegen Sie sich nicht die Zunge, unterbrach sie und sagte weiter: „Es geht Sie in der Tat nichts an. Ich sage es Ihnen aber trotzdem: Ich bin noch auf der Suche und eines ist mir glaube ich inzwischen klar geworden. Dieser Job ist nicht mein Ding."

    Die Offenheit überraschte Blank und jovial sagte er: „Falls Sie nicht auf der Stelle kündigen wollen, könnten Sie mir vielleicht die Speisekarte bringen."

    Wider Erwarten blieb die Kellnerin neben dem Tisch stehen. Sie schien nach den richtigen Worten zu suchen und schließlich sagte sie: „Darf ich Sie auch etwas fragen?"

    „Aber sicher doch."

    „Ich möchte nicht unverschämt erscheinen. Aber, ich frage mich, welcher Tätigkeit Sie eigentlich nachgehen. Einzelne Touristen verirren sich eher selten hierher."

    „Ach, ist das so! Nun, was sollte ich Ihrer Meinung nach sonst hier tun?"

    „Ich habe nicht den geringsten Schimmer", sagte die Bedienung.

    „Jetzt mal nicht so schüchtern. Irgendeine Vermutung werden Sie doch haben", ermutigte er sie.

    „Ich kann mir so einiges vorstellen. Nur befürchte ich, dass ich wohl völlig daneben liege und auf keinen Fall will ich Sie in irgendeiner Form beleidigen. Möchten Sie es mir nicht einfach sagen."

    Gut gekontert dachte Blank. Wohl oder übel musste er jetzt etwas erwidern.

    „Mir geht es ähnlich wie Ihnen. Ich bin auf der Suche."

    Die ausweichende Erklärung kam bei der jungen Frau nicht sonderlich gut an. Sie wandte sich ab und sagte pikiert: „Ich verstehe schon. Es geht mich nichts an."

    „Halt! Bitte warten Sie. So habe ich das nicht gemeint", sagte Blank und machte ein trauriges Gesicht.

    „Möchten Sie noch etwas, mein Herr?", fragte die Kellnerin offensichtlich eingeschnappt.

    „Äh, ja – möglicherweise. Kommt darauf an, was sie anzubieten haben", erwiderte Blank. Er dachte dabei an die Speisekarte. Die Worte schienen jedoch völlig falsch angekommen zu sein. Es sah so aus, als ob die Kellnerin daran dachte auszuholen, um Blank eine Ohrfeige zu verpassen. Sie konnte sich aber zurückhalten und wandte sich mit giftigen Blicken wortlos ab.

    Was ist der denn über die Leber gelaufen, dachte Blank. Er war sich keiner Schuld bewusst und verstand nicht, was die Frau gekränkt haben könnte.

    Er trank einen Schluck und sah der Kellnerin hinterher. Ihr aufreizender Hüftschwung, welcher die Rockfalten hin und her schwingen ließ, erinnerte Blank an diese Vorführdamen, die irgendwie unnatürlich über den Laufsteg stolzieren. Ob sie wohl etwas in dieser Richtung suchte, überlegte Blank weiter. Eine ansehnliche Figur hätte sie jedenfalls. Obwohl – die Damen welche man bei Modeschauen zu sehen bekam, waren doch eher Hungerhaken. Die Blondine hingegen hatte ordentlich Holz vor der Hütte, wie man hier in Bayern sagen würde.

    Freitag 23.05 Uhr

    Blank lag entspannt auf dem Bett und dachte darüber nach, was er am Wochenende in dieser fremden Stadt unternehmen sollte. Es war zwar nicht sein erster Aufenthalt im Freistaat. Doch diese bayerische Region war für Blank weitestgehend unbekanntes Territorium. Das heißt, bei genauerer Überlegung fielen ihm zumindest ein paar der größeren Nachbarstädte ein: Nürnberg, Bayreuth und als passionierter Biertrinker selbstverständlich Kulmbach. Neben Bamberg sicherlich allesamt lohnende Ausflugsziele, dachte Blank noch und allmählich wollte ihn der Schlaf übermannen.

    Ein Geräusch schreckte ihn auf. Er war sich allerdings nicht ganz sicher, ob er vielleicht schon geträumt hatte.

    Erneut wurde an die Tür geklopft.

    Blank war sofort wieder hellwach. Wer mochte um diese Zeit noch stören, fragte er sich und sprang aus dem Bett. Das Einfachste war wohl nachzusehen.

    „Ja Bitte!", rief Blank durch die noch geschlossene Tür.

    „Ich bin es, Korinna – die Kellnerin. Haben Sie einen Augenblick Zeit?"

    Das nenne ich mal eine Überraschung, dachte Blank und er öffnete die Tür. Jedoch nur einen Spaltbreit.

    „Entschuldigen Sie die Störung. Ich hoffe, Sie haben noch nicht geschlafen", sagte die späte Besucherin

    „Nicht wirklich. Aber finden Sie es nicht etwas spät für eine Aufwartung", gab Blank zu bedenken. Er blieb hinter der Tür stehen und blickte nur mit dem Kopf durch die Lücke.

    „Ich habe Licht gesehen und – nun, ich hatte gehofft, dass Sie noch wach sind", erklärte Korinna.

    Blank meinte, Nervosität zu spüren.

    „Wie Sie hören können, bin ich noch wach. Aber, was treibt Sie um?"

    „Darf ich rein kommen?", fragte sie anstatt einer Antwort.

    Blank stockte kurz und sagte dann: „Ich halte das für keine gute Idee."

    „Oh! Sie sind wohl nicht allein", stellte die Blondine offenbar überrascht fest.

    Eine Schlussfolgerung, die Blank so sehr verblüffte, dass er nichts erwiderte. Was die Kellnerin offenkundig in ihrer Annahme bestätigte und sie drehte sich um: „Verzeihen Sie. Es war eine saublöde Idee. Eine schöne Nacht noch."

    So überraschend, wie sie erschienen war, verschwand die Kellnerin auch wieder. Blank stand in der nun geöffneten Tür und schaute ihr bereits zum zweiten Mal, jedoch nicht weniger nachdenklich hinterher.

    Samstag 10.36 Uhr

    Nach einem ausgiebigen Frühstück fragte Blank den Wirt, was er sich in der Stadt unbedingt anschauen sollte. Diese Frage hätte er sich besser verkneifen sollen, denn der gebürtige Bamberger wollte gar nicht mehr aufhören die Sehenswürdigkeiten seiner Heimatstadt, die Perle des Frankenlandes, anzupreisen. So schwärmte der Wirt nicht nur von dem alten Rathaus auf der Brücke über die Regnitz, sondern auch von dem wohl bekanntesten Wahrzeichen, dem Bamberger Reiter im Dom der Stadt. Vermutlich hätte der Gastwirt noch stundenlang weiter referiert, wenn das Telefon nicht geklingelt hätte. Diese Gelegenheit kam Blank gerade recht, um sich aus dem Staub zu machen. Denn da der Wirt vormittags allein war, musste er den Anruf entgegen nehmen.

    Mit dem Bus waren es nur 15 Minuten bis in die Innenstadt. Hier angekommen spazierte Blank gemächlichen Schrittes vom Alten Rathaus durch die Fußgängerzone in Richtung Marktplatz. Das kühl-feuchte Wetter lud zwar nicht zum Bummeln ein, dennoch waren viele Leute unterwegs. Das bevorstehende Osterfest dürfte der Grund dafür sein. Auf den Straßen und Fußwegen zeugten ein paar Pfützen davon, dass es in der Nacht geregnet hatte. Eine Gruppe Passanten kam Blank entgegen. Er blieb stehen und wartete, da er nicht in die weitflächige Wasserlache, die sich unmittelbar vor ihm in einer Senke aufgetan hatte, hineintreten wollte.

    Nachdem die letzte Person vorüber war, machte Blank einen weiten Schritt am Rand der Pfütze vorbei. Dabei achtete er genau darauf, wohin er seinen Fuß setzte. Nur im rechten Augenwinkel bemerkte Blank, wie sich etwas näherte. Für ein Ausweichmanöver war es jedoch zu spät. Der Zusammenstoß war unvermeidlich. Blank wurde von der Person, welche mehrere aufeinandergestapelte Kartons in den Händen hielt, angerempelt. Zwei der Pappbehälter knallten Blank vor die Füße und platzten auf. Eine Unmenge von Zetteln wurde auf dem Fußweg zerstreut.

    „Kruzitürken! Können Sie nicht aufpassen!", wurde Blank von der Frau angefaucht, die geradewegs aus einem Ladengeschäft heraus gestolpert war.

    „Entschuldigen Sie, da haben wir wohl beide nicht …", Blank unterbrach seinen Satz, denn in diesem Augenblick erkannte er die Person. Anders als gestern trug sie heute Jeans, einen Rollkragenpullover und ihre glatten blonden Haare hingen lose auf den Schultern.

    Möglicherweise hatte sie noch einen weiteren Fluch auf den Lippen gehabt. Diesen schluckte sie aber ebenso überrascht herunter. Sie starrte Blank an und sagte perplex: „Sie!"

    „Ich bin untröstlich, Fräulein Korinna. Ich habe Sie wirklich nicht gesehen", entschuldigte sich Blank zuvorkommend, obwohl die Blondine eher Grund dazu gehabt hätte. Doch daran schien die Kellnerin keinen Gedanken zu verschwenden.

    „Da du schon mal hier bist, könntest du mir auch helfen, sagte sie ohne Umschweife. Beinahe schon unverschämt drückte sie Blank den noch intakten Karton in die Hände und erklärte: „In den grünen Kombi. Ich hole rasch den Rest.

    So unversehens in die Pflicht genommen, blieb Blank gar nichts anderes übrig. Auch wenn er gewollt hätte, wäre ihm keine Zeit geblieben sich zu sträuben, denn die Blonde war schon auf den Weg zurück in den Laden.

    Also trug er den Karton zu dem angegebenen Fahrzeug, welches mitten in der Fußgängerzone stand. Dort angekommen balancierte Blank die Pappschachtel auf dem angehobenen linken Bein, während er mit der anderen Hand die Heckklappe des Opel Kadett öffnete. Gerade noch rechtzeitig konnte er das Herunterrutschen des Kartons verhindern und ihn sicher in den Gepäckraum befördern.

    Hilfsbereit, wie er nun einmal war, ging Blank zurück, um die heruntergefallenen Zettel aufzusammeln. Erst dabei überflog er die fett gedruckten Worte. Er kam aber nicht dazu, Einzelheiten zu lesen, denn Korinna kam mit drei weiteren Kartons in den Händen aus dem Geschäft und sagte gehetzt: „Lass die schmutzigen Zettel liegen. Ich muss mich beeilen."

    Blank nahm ihr galant die Kartons ab, sagte aber vorwurfsvoll: „Das entspricht aber nicht den Parolen, die auf diesen Blättern propagiert werden."

    Die Blonde fragte skeptisch: „Du interessierst dich für die Umwelt?"

    „Ich habe zwar nur die Überschriften gelesen. Doch es ist wohl unbestritten, dass die Umwelt uns alle in irgendeiner Form angeht", stellte Blank fest.

    Unvermittelt folgte die nächste Frage: „Hast du heute Abend schon etwas vor?"

    Hoppla, worauf sollte das hinauslaufen, dachte Blank neugierig. Nur wollte er sein Interesse nicht zeigen und er zögerte die Antwort heraus. Was Korinna wohl als Aufforderung verstand, die Frage zu begründen: „Eigentlich habe ich das gestern schon vorgehabt. Ich möchte dich zu einer umweltpolitischen Podiumsdiskussion einladen. Na wie wär’s? Oder hast du schon etwas Besseres vor – so wie letzte Nacht."

    Mit solch einer Offerte hatte Blank nicht gerechnet. Doch bevor er etwas darauf erwiderte, erschien es ihm erforderlich zu sein, einiges ins richtige Licht zu rücken. Dass ihn die wesentlich jüngere Person duzte, konnte Blank tolerieren. Doch die letzte Bemerkung musste er relativieren. Er war der Gelegenheitskellnerin zwar keinerlei Rechenschaft schuldig, jedoch falsche Vermutungen wollte er gleich im Keim ersticken.

    „Wären Sie etwas länger geblieben, hätten Sie bemerkt, dass ich keinen Besuch hatte", sagte Blank etwas vorwurfsvoll.

    „Dann hättest du mich ja hereinbitten können", konterte Korinna.

    „Das hätte ich unter anderen Umständen auch getan."

    „Was für Umstände sollten das denn sein? Ich wollte nur kurz mit dir sprechen. Nichts weiter. Oder dachtest du, ich wollte dir an die Wäsche."

    „Eine bizarre Vorstellung. Zumal es kaum möglich gewesen wäre", stellte Blank schmunzelnd fest.

    „Ach nee! Traust du mir das nicht zu?"

    Vorsicht - warnte Blanks innere Stimme. Die Blonde will dich auf vermintes Gebiet locken. In dem Dirndl hatte sie zwar sehr verführerisch ausgesehen, doch daraus sollte man keine falschen Schlüsse ziehen. Jedoch gefiel Blank die kokette Art und er sagte: „Ich traue dir gewiss so einiges zu. Aber einem nackten Mann an die Wäsche zu gehen, wäre dir sicherlich nicht gelungen."

    „Oh!, rief Korinna aus. Um kurz darauf amüsiert festzustellen: „Eigentlich schade, dass mir dieser Anblick vorenthalten wurde.

    „Wie bitte?", entfuhr es Blank verblüfft.

    „Ich muss jetzt los. Man wartet bestimmt schon ungeduldig auf meine Rückkehr, stellte Korinna unvermittelt fest. Sie öffnete die Fahrertür und schlug plötzlich vor: „Wenn du nichts weiter vorhast, könntest du mich ja begleiten – um unsere Gruppe kennenzulernen.

    Trotz einiger Bedenken stimmte Blank spontan zu: „Okay, warum eigentlich nicht."

    „Dann aber schnell. Ich bin spät dran."

    „Was ist mit den herumliegenden Zetteln?", fragte Blank.

    „Mach dir keinen Kopf. Ich habe im Laden Bescheid gesagt. Die Flugblätter werden aufgesammelt und entsorgt. War ohnehin nur noch ein Restbestand. Die wichtigeren Broschüren sind im Kofferraum."

    Korinna hatte es tatsächlich sehr eilig. Kaum saß sie hinter dem Steuer, startete sie den Motor. Blank gelang es gerade noch die Beifahrertür zu schließen, da fuhr sie auch schon los. Innerhalb der Fußgängerzone noch einigermaßen rücksichtsvoll. Doch kaum hatten sie den verkehrsberuhigten Bereich verlassen, trat Korinna auf das Gaspedal. Den Gedanken die eine oder andere Sehenswürdigkeit zu Gesicht zu bekommen, vergaß Blank ganz schnell wieder. Er mochte kaum aus dem Wagen schauen. Wie vom Teufel verfolgt, raste Korinna durch die Stadt – bis der bewohnte Bereich hinter ihnen lag. Die rasante Fahrt ging nun weiter durch ein Waldgebiet und Blank fragte etwas besorgt. „Wohin wollen Sie mich eigentlich entführen?"

    „Wir sind gleich am Ziel. Du wirst schon sehen, es lohnt sich. Vom Hof der Altenburg, hat man einen grandiosen Blick auf die Stadt", versprach die Pilotin.

    Vorausgesetzt wir kommen heil dort an, dachte Blank. In der Tat ging es jetzt bergauf. Doch erst als die Zufahrt um eine enge Biegung führte, verringerte sie das Tempo drastisch. Zunächst sah Blank von der versprochenen Burg nur den steinernen Turm, der über den Baumgipfeln in die Höhe ragte.

    „Nur wegen einer Ruine und der schönen Aussicht bist du hoffentlich nicht wie ein Kamikaze gefahren?", fragte Blank beim Anblick des alten Gemäuers.

    „Höre ich da etwa Kritik an meinem Fahrstil", entgegnete Korinna hörbar gekränkt, sie lächelte aber dabei.

    „Es ist weniger der Fahrstil, vielmehr Ihre großzügige Auslegung der Verkehrsregeln, was mir ein wenig Sorgen macht", sagte Blank diplomatisch.

    „Eh! Was bist du denn für ein Spießer! Haste noch nie fünf gerade sein lassen. Außerdem habe ich dir doch erklärt, dass ich spät dran bin", rechtfertigte sie sich.

    Ausgerechnet Blank als Spießer zu titulieren, war gelinde ausgedrückt unverschämt. Doch er hielt das ihrer jugendlichen Unbekümmertheit zugute und murmelte nur: „Ist ja noch einmal gut gegangen."

    Um ein Haar wäre Blanks Wohlwollen doch verfrüht gewesen. Korinna nahm die letzte Kurve so eng, dass gerade noch ein Blatt Papier zwischen Beifahrertür und Mauer gepasst hätte. Ungeachtet dessen fuhr sie über den kopfsteingepflasterten Burghof. Die aufregende Fahrt endete vor einer kniehohen Brüstung.

    „Den Rest des Weges müssen wir laufen", sagte Korinna und stieg aus.

    Nach einem Stoßseufzer, der dem Erfinder des Sicherheitsgurtes gewidmet war, folgte Blank ihrem Beispiel.

    Immerhin hatte Korinna in einer Hinsicht nicht übertrieben. Fasziniert blieb Blank vor der Einfriedung stehen und musste anerkennen, dass man von hier oben eine grandiose Aussicht auf die Stadt hatte.

    „Pass auf! Dort wo du stehst, soll erst kürzlich ein Tourist in den Burggraben gestürzt sein", warnte Korinna.

    Blank trat vorsorglich einen Schritt zurück und fragte: „Freiwillig?"

    „Nein, betrunken, antwortete Korinna und sie erklärte: „In dem noch bewohnbaren Teil dieser alten Burg wurde eine Gastwirtschaft eingerichtet. Es gibt auch einen Saal, den wir für das Wochenende angemietet haben.

    Blank ging zum hinteren Teil des Opel Kadetts, wo Korinna bereits die Heckklappe geöffnet hatte und er fragte: „Wer sind eigentlich wir?"

    „Unsere Gruppe gehört zur GAL, der Grün-Alternativen Liste in Bamberg. Wir haben unter diesem Dach eine Initiative gegen die Gewässerverschmutzung ins Leben gerufen. Uns gehen die Maßnahmen des Stadtrates nicht weit genug und wir halten sofortige und drastische Schritte für notwendig. Wenn es dich wirklich interessiert, dann solltest du unsere Broschüre lesen oder gleich mit unserem Sprecher reden – da kommt er übrigens."

    Tatsächlich kam ein Mann über den Burghof geschlurft, der vom Erscheinungsbild dem Klischee eines weichgespülten Ökofreaks zu entsprechen schien. Allerdings waren seine Worte eher derb: „Wo hast du dich so lange herumgetrieben?"

    „Reg dich wieder ab, Eddie. Es ist alles im grünen Bereich", erwiderte Korinna beruhigend.

    Doch der langhaarige Umweltaktivist, in seinen weiten Hosen, den offenen Sandalen und dem grobmaschigen Strickpullover, wollte sich offensichtlich nicht beruhigen lassen.

    „Dein dickes Fell möchte ich haben. Du weißt genau, was noch alles zu erledigen ist und von dem phlegmatischen Wirt werden wir keine Unterstützung bekommen."

    „Bis heute Abend ist noch Zeit genug. Außerdem habe ich Verstärkung mitgebracht", beschwichtigte Korinna.

    „Wie schön für dich. Das ist aber kein Grund so herumzutrödeln. Also, kommt gefälligst in die Gänge", erwiderte der schlecht gelaunte Öko. Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, ging der altersmäßig schwer einzuschätzende Mann zurück zum Gebäude.

    Blank, eigentlich ein gutmütiger Zeitgenosse, den nichts so schnell aus der Ruhe brachte, wollte nur ein wenig helfen, weil er nichts anderes vorhatte. Das bedeutete aber nicht, dass er sich grundlos anmaulen ließ. Mit unverhohlener Verärgerung blickte er Korinna an und sagte: „Vielen Dank, dass Sie mir diesen Aussichtspunkt gezeigt haben. Ich denke, es wird jetzt aber Zeit, sich zu verabschieden."

    „Bitte bleiben Sie doch noch. Ich entschuldige mich für Eddie. Er ist sonst eigentlich nicht so. Ich vermute, es ist nur die Aufregung. Die heutige Veranstaltung ist sehr wichtig für uns."

    Auf eine Art fühlte sich Blank überrumpelt, irgendwie aber auch geschmeichelt, denn der sympathischen jungen Frau konnte er einfach nichts abschlagen. Sie hatte so ein einnehmendes Wesen, dem sich Blank nicht zu entziehen vermochte.

    „Also gut, ein wenig Zeit habe ich noch", sagte er schließlich und packte mit an.

    Mit jeweils zwei Kartons in den Händen gingen sie auf das Haus zu und Korinna erzählte: „In den letzten fünf Monaten haben wir nahezu 6000 Unterschriften gesammelt. Das entspricht in etwa 10 Prozent der Einwohner von Bamberg. Damit konnten wir ausreichendes Interesse bekunden, um eine Abordnung des Stadtrates zu einer öffentlichen Bürgeranhörung zu zwingen."

    „Meint ihr wirklich, dass sich mit Zwang irgendetwas verändern lässt", gab Blank zu bedenken.

    Korinna ließ sich nicht beirren und sprach selbstbewusst weiter: „Vielleicht habe ich mich nicht ganz richtig ausgedrückt. Selbstverständlich wollen wir niemanden zu etwas zwingen, sondern davon überzeugen, dass etwas getan werden muss. Die Gewässerverschmutzung in unserer Stadt hat ein Ausmaß erreicht, dem sofort entgegen gewirkt werden muss. In einigen Monaten wird ein neuer Stadtrat gewählt. Sechstausend Wählerstimmen sind ein guter Grund, um sich unsere Argumente zumindest einmal anzuhören."

    „So gesehen kann ich nur viel Erfolg wünschen", entgegnete Blank.

    „Du könntest unsere Sache aktiv unterstützen, indem du heute Abend an der Versammlung teilnimmst. Je mehr Leute dabei sind, desto überzeugender werden wir bei den verantwortlichen Behördenvertretern Eindruck schinden", meine Korinna.

    Womit sie vermutlich recht hatte, dachte Blank. Aber, im Grunde hatte er mit den Problemen dieser Stadt nichts am Hut. Doch so direkt mochte er der Frau keine Absage erteilen. Daher erwiderte er ausweichend: „Mal sehen, ob ich es einrichten kann."

    Korinna wollte wohl noch etwas sagen, doch sie kam nicht dazu. Die Tür, vor der sie eben angekommen waren, wurde aufgestoßen. Ein sommersprossiger dürrer Bursche mit grellroten Haaren stand im Türrahmen.

    „Eddie hat mich geschickt, um dir zu helfen. Aber, wie ich sehe, hast du schon jemanden eingespannt."

    Augenscheinlich schien ihm Blanks Anwesenheit nicht zu passen.

    „Sei nicht kindisch. Im Auto sind noch mehr Kartons, sagte Korinna und zu Blank gewandt erklärte sie: „Darf ich vorstellen. Das ist Rudi. Ein Aktivist der ersten Stunde, Mitbegründer dieser Initiative und ein guter Freund.

    „Freud mich", sagte Blank.

    „Brunzverreck! A Preiß!, rief der Rothaarige, „so einer hat uns gerade noch gefehlt.

    Das war zu viel für Blank. Er drückte dem jungen Burschen die Kartons in die Hände und sagte aufgebracht: „Ich habe noch etwas anderes vor, wie mit gerade einfällt."

    „Nicht doch! Rudi meint es nicht so", versuchte Korinna erneut zu vermitteln.

    „Ich weiß nicht. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich nicht erwünscht bin", stellte Blank fest.

    „Sehr gut beobachtet. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Wir kommen ganz gut allein zurecht. Aus dem Norden daher geschissene Schlaumeier brauchen wir nicht", sagte Rudi und drehte sich ab.

    Korinna versuchte, den rothaarigen Heißsporn umzustimmen. Doch Rudi winkte ab. „Mach doch, was du willst!", rief er und verschwand.

    Das wollte Blank eigentlich auch tun.

    Korinna stellte sich ihm in den Weg. „Es tut mir leid. Ich weiß nicht, was heute in die Kerle gefahren ist. Im Moment liegen wohl bei allen die Nerven etwas blank. Wenn der heutige Abend in die Hose geht, war unsere Arbeit der letzten Monate für die Katz."

    „Mag ja sein. Das ist aber kein Grund so

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