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Star Trek – Zeit des Wandels 7: Töten
Star Trek – Zeit des Wandels 7: Töten
Star Trek – Zeit des Wandels 7: Töten
eBook449 Seiten4 Stunden

Star Trek – Zeit des Wandels 7: Töten

Von David Mack und Björn Sülter

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Über dieses E-Book

Kurz nach der epischen Schlacht des Raumschiffs Enterprise gegen Shinzon nahmen viele langjährige Besatzungsmitglieder von Captain Jean-Luc Picard neue Posten und neue Herausforderungen an. Unter den vielen Veränderungen war auch William Rikers Beförderung zum Captain und sein neues Kommando, Rikers Hochzeit mit Counselor Deanna Troi und Dr. Beverly Crushers neue Karriere beim Medizinischen Korps der Sternenflotte. Doch die Geschichte, wie es dazu kam, wurde nie erzählt …

BIS JETZT.

Auf dem Höhepunkt des Dominion-Krieges rüstete die Föderation heimlich den neutralen Planeten Tezwa mit verheerenden Waffen aus – als Teil eines Notfallplans gegen das Dominion, falls die Front zusammenbrechen sollte. Jetzt ist Tezwas machthungriger Premierminister nur allzu erpicht darauf, seine neugewonnene militärische Stärke auszuspielen, und bedroht eine nahe gelegene klingonische Grenzwelt. Captain Picard und die Enterprise-Besatzung geraten ins Kreuzfeuer, als die Krise eskaliert. Da die Zeit drängt und Milliarden von Leben auf dem Spiel stehen, kann nur ein Mann die drohende Katastrophe abwenden: Botschafter Worf, der zwischen seinem Eid auf die Föderation und seiner Loyalität zu Martok, dem Kanzler des Klingonischen Reiches, wählen muss …
SpracheDeutsch
HerausgeberCross Cult
Erscheinungsdatum30. Juli 2024
ISBN9783986661755
Star Trek – Zeit des Wandels 7: Töten
Autor

David Mack

David Mack is the multi-award-winning and the New York Times bestselling author of thirty-eight novels of science fiction, fantasy, and adventure, including the Star Trek: Destiny and Cold Equations trilogies. His extensive writing credits include episodes of Star Trek: Deep Space Nine, and he worked as a consultant on season one of the animated series Star Trek: Prodigy. Honored in 2022 as a Grandmaster by the International Association of Media Tie-in Writers, Mack resides in New York City.

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    Buchvorschau

    Star Trek – Zeit des Wandels 7 - David Mack

    01

    U.S.S. Enterprise-E

    Die Entladung der Waffe schoss surreal langsam an Commander William Riker vorbei, nachdem sein Vater, Kyle Riker, ihn im letzten Moment aus der Gefahrenzone geschubst hatte. Man konnte hören, wie der Strahl ihn zischend traf und der alte Mann vor Schmerz aufschrie. Kyle sackte schlaff zu Boden. Sein faltiges Gesicht entspannte sich und nahm einen leeren Ausdruck an. Der letzte hartnäckige Lebensfunke war ihm von einer blutdürstigen Bader geraubt worden. Kyle landete gleich neben Will. Sein vom Alter gebeugter Körper schlug dumpf auf. Der widerlich süße Geruch von verschmortem Fleisch hing in der arktisch kühlen Luft.

    Commander Riker schreckte aus seinem Albtraum hoch. In seinen Augen standen Tränen der Wut. Das verzweifelte Gesicht seines ermordeten Vaters verfolgte ihn wie ein blasses Nachbild.

    Er konnte nur schätzen, wie oft sein Vater ihm in seiner Kindheit diesen einen Satz gesagt hatte: »Jungs weinen nicht, Will.« Und so sehr er auch versucht hatte, sich aus dem Einflussbereich seines Vaters zu befreien, war es ihm doch nie ganz gelungen, sich von diesem verdammten Stoizismus zu befreien.

    Bis jetzt.

    Er drehte sich um und betrachtete Deanna Troi, seine jahrelange Freundin, Kollegin, dann wieder Freundin – und nun Verlobte. Sie schlief neben ihm. Ihr dunkles Haar breitete sich auf den großen Kissen aus. Ihr Gesicht sah im blassen Mondlicht entspannt aus.

    Mit einem Blick auf sein Chronometer sah er, dass es erst vier Uhr war. Er zog vorsichtig seine Arme unter der Decke hervor, um Deanna nicht zu wecken. Dann setzte er sich auf. Erneut gönnte er sich einen Blick auf seine Liebste. Ihre Atemzüge waren regelmäßig und tief. Sie schlummerte ungestört. Ein selbstsüchtigerer Mann hätte sie wohl beneidet. Riker jedoch erfreute sich an ihrem erholsamen Schlaf. Vielmehr musste er lächeln, dankbar für die glückliche Fügung, die seine Imzadi in sein Leben gebracht hatte.

    Er kratzte sich den Bart, stand auf und schlich in den Nebenraum. Mit geschlossenen Augen trat er vor die schrägen, schmalen Fenster und betrachtete die kalte, sterile Schönheit der Sterne. Er atmete tief ein und spürte, wie sein Brustkorb sich ausdehnte. Er hielt kurz den Atem an, genoss den Moment und atmete wieder aus. Dabei nahm er das Gefühl ganz bewusst wahr. Wie oft nahm man die Wogen von Leben und Tod als selbstverständlich hin. Tausendmal am Tag atmen wir ein und sind erfüllt. Tausendmal am Tag atmen wir aus und sind leer.

    Seit dem Tag, an dem er seinen Vater sterben gesehen hatte, begleitete ihn tagein, tagaus dieses Gefühl der Leere. In diesem flüchtigen Moment war vor seinen Augen ein Leben voller ungeklärter Angelegenheiten zu einer Ewigkeit verpasster Chancen geworden.

    Vielleicht war es Ironie des Schicksals, oder ein Beispiel für das Gleichgewicht des Karmas, dass ihn vor einer Woche, kurz nach der knappen und wenig sentimentalen Trauerfeier seines Vaters, Admiral Kathryn Janeway kontaktiert und ihm das Kommando über die Titan angeboten hatte.

    Ihr zufolge befand sich das Schiff noch im Raumdock und durchlief gerade einige Verbesserungen und obligatorische Wartungsarbeiten. In einigen Monaten würde es jedoch bereit sein, wieder in Dienst gestellt zu werden. Riker hatte um Bedenkzeit gebeten, die sie ihm großzügigerweise gewährt hatte. Allerdings hatte sie auch unmissverständlich klargemacht, dass das Angebot nicht ewig gelten würde.

    Für die meisten karriereorientierten Sternenflottenoffiziere bedeutete ein derartiges Angebot eine einmalige Gelegenheit auf ein Kommando. Jene wenigen Glücklichen, die den zentralen Sessel angeboten bekamen, brauchten in der Regel nicht lange, um zuzusagen. Riker hingegen hatte den Verdacht, dass kein anderer aktiver Sternenflottenoffizier so viele Kommandos abgelehnt hatte wie er. Vor fünfzehn Jahren hatte er den Posten als Erster Offizier unter Captain Jean-Luc Picard auf der Enterprise-D angenommen, anstatt das Kommando über die Drake zu übernehmen. Und nur etwa achtzehn Monate später hatte er die Gelegenheit verstreichen lassen, Captain der Aries zu werden.

    Für die meisten Offiziere hätten zwei abgelehnte Kommandos in weniger als zwei Jahren das Ende ihrer Karriere bedeutet. Doch Riker hatte man ein drittes Mal gefragt. Während der Borg-Krise im Jahr 2366 war das Sternenflottenkommando an ihn herangetreten, nein, sie hatten ihn fast bekniet, das Kommando über die Melbourne zu übernehmen. Doch auch diese Chance ließ er verstreichen, wurde aber kurz darauf übergangsweise Captain der Enterprise-D, nachdem Picard von den Borg gefangen genommen und in Locutus verwandelt worden war.

    Einige Tage später hatte Riker Kopf und Kragen riskiert, um seinen kommandierenden Offizier zu retten. Das Getuschel auf den Fluren der Enterprise war ihm damals nicht entgangen. Nicht wenige fragten sich, ob er allen Ernstes die Rückstufung auf den Rang des Commanders akzeptieren und weiterhin als Nummer Eins des Captains dienen würde.

    Das war mittlerweile auch schon mehr als zwölf Jahre her. Damals hatte die Sternenflotte aufgehört, ihm ein eigenes Kommando anzubieten.

    Bis jetzt.

    Er seufzte und fuhr sich gedankenverloren durch seinen graumelierten Bart. Warum jetzt?, fragte er sich. Warum ausgerechnet jetzt?

    Er ging zum Replikator. »Wasser, kalt.«

    Das Summen des Geräts setzte ein und verstummte wieder. Ein schimmernder Wirbel aus Atomen wurde zu einem eckigen Glas, das zu drei Vierteln mit purem, kaltem Wasser gefüllt war. Riker griff zu und trank es mit hastigen Schlucken halb aus. Dann atmete er zufrieden aus und trank den Rest. Er stellte das leere Glas zurück in den Replikator und betätigte das Schaltfeld für die Materierückgewinnung. Während das Gerät das Glas dematerialisierte, drehte er sich um und ging zum Fenster zurück.

    Der von Janeway gewählte Zeitpunkt hätte merkwürdiger nicht sein können, zumindest Rikers Meinung nach. Die letzten Monate waren für die Enterprise-E nicht leicht gewesen. Das galt natürlich insbesondere für Captain Picard. Nach dem Zwischenfall in Rashanar war der Ruf des Captains aus politischen Gründen in den Dreck gezogen worden. Auch Schiff und Besatzung waren davon nicht verschont geblieben. Als Konsequenz dieser Entwicklung hatten mehrere Dutzend Mannschaftsmitglieder ihre Versetzung auf ein anderes Schiff beantragt.

    Gleichzeitig schien es, dass in letzter Zeit nur Personal vom Sternenflottenkommando auf die Enterprise versetzt wurde, dessen Personalakte disziplinarische Probleme, unzureichende Bewertungen oder grenzwertige psychologische Gutachten enthielt.

    Riker und Troi hatten ihr Bestes gegeben, die um Versetzung Bittenden zum Bleiben zu überreden. Dennoch waren sie bis auf einige Ausnahmen nicht in der Lage gewesen, die Abgänge einiger der besten Abteilungsleiter und Unteroffiziere zu verhindern. Und natürlich hatte jeder hochkarätige Verlust dem Ansehen der Enterprise und ihres Captains weiter geschadet. Riker war sich bewusst, dass bereits Gerüchte die Runde machten, die Enterprise sei nun das Schiff, auf dem aussichtslose Karrieren ihr Ende fanden.

    Und nun sollte sich auch noch der Erste Offizier in die Abgänge einreihen, begleitet durch seine zukünftige Frau, die immerhin leitender Counselor des Schiffs war. Die Moral innerhalb der Besatzung könnte irreparablen Schaden nehmen, wenn zwei der wichtigsten Fürsprecher des Captains das Weite suchten. Tratsch und üble Nachrede würden Picards Glaubwürdigkeit als kommandierender Offizier so gut wie ruinieren. Riker fragte sich, ob dieses Angebot ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt vielleicht genau diesem Zweck diente.

    Er wollte Picard in einer solchen Zeit nicht im Stich lassen. Der Captain war für ihn inzwischen mehr als nur ein Vorgesetzter. Er war mehr als ein Kamerad. Riker empfand ihn als wahren Freund, der in vielerlei Hinsicht der Vater für ihn geworden war, der Kyle nie hatte sein können. Andererseits handelte es sich aber auch um das erste Angebot einer Beförderung seit über einem Jahrzehnt. Er konnte sich an einer Hand abzählen, dass er bei einer erneuten Absage nie wieder eine Chance erhalten würde.

    Noch bevor Troi ihre Arme um ihn schlang und ihn zärtlich umarmte, hatte er ihre leisen Schritte auf dem Teppich gehört. »Hast du wieder schlecht geträumt?«, fragte sie und schmiegte sich dabei fest an ihn.

    Er nickte. »Immer der gleiche Traum.«

    Sie legte ihr Kinn auf seine Schulter. »Ich habe es gespürt. Es wird immer schlimmer, oder?« Beide wussten, dass es stimmte, auch wenn er keine Antwort gab. »Bist du sicher, dass du keine …?«

    »Nein«, antwortete er. »Es geht mir gut. Ich bekomme das hin.« Er fühlte sich ein wenig schuldig, weil seine Albträume derartige Auswirkungen auf sie hatten, wusste aber gleichzeitig, dass er nichts dagegen unternehmen konnte. Dank ihrer Herkunft als Halbbetazoidin verfügte sie über empathische Fähigkeiten, die sie im Wachzustand steuern oder ignorieren konnte. Schlief sie jedoch, war auch ihre mentale Kontrolle eingeschränkt. Daher spürte sie jedes Mal, wenn sie das Bett teilten, die Gefühlslage seiner Träume.

    Er drehte sich zu ihr um und hielt sie fest. Ihr Haar fühlte sich weich an und duftete leicht, was bei ihm Assoziationen an Jasmin und Honig weckte.

    Dann sah sie ihn unverwandt an. »Komm wieder ins Bett«, flüsterte sie.

    »Das werde ich.« Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Du gehst vor und ich bin sofort bei dir.« Sie drückte zärtlich seine Hand, lächelte und streichelte seine Wange mit den Fingerspitzen. Dann drehte sie sich um und ging leichtfüßig zurück ins Schlafzimmer.

    Will blickte hinaus auf die Sterne. In den letzten vierzehn Jahren hatte es einiges gegeben, was er seinem Vater gern gesagt hätte. Die meisten Worte wären eher beleidigend gewesen. Er hätte ihn natürlich ausfindig machen können. Kyle hatte sich selten bedeckt gehalten. Riker musste erkennen, dass es letztlich seine eigene Sturheit gewesen war, die ihn davon abgehalten hatte, all die ungeklärten Dinge ein für alle Mal mit seinem Vater auszudiskutieren.

    Er linste in Richtung Schlafzimmer und dachte darüber nach, noch etwas zu schlafen. Dann schloss er die Augen. Die Erinnerung an das Gesicht seines Vaters hallte noch immer in seinen Gedanken nach. Er öffnete die Augen, atmete tief ein und ließ das Bild verblassen. Dann konzentrierte er sich auf das Gefühl der Leere, das es hinterließ, und sehnte den Tag herbei, an dem es sich nicht mehr so vertraut anfühlen würde.

    02

    Tezwa

    Premierminister Kinchawn passte die Einstellungen seiner holografischen Anzeige an. Das Bild war in zwei gleichgroße, breite Rechtecke unterteilt. In der oberen Hälfte konnte man das Antlitz seines Stellvertreters Bilok sehen. Unten war das breite, rundliche Gesicht von Koll Azernal, dem Stabschef des Föderationspräsidenten, zu erkennen. Kinchawn konnte nicht genau sagen, wann es Azernal gelungen war, Bilok zu seinem geheimen Verbündeten zu machen. So wie er die Methoden des Zakdorn einschätzte, war es vermutlich der gleiche Tag gewesen, an dem er um Kinchawns Hilfe im Dominion-Krieg gebeten hatte. So oder so rechtfertigte es seine Abhöraktion.

    »Sind Sie wirklich sicher, dass das funktionieren wird?«, fragte Azernal. Er klang angespannt. Ohne Nackenfedern war das jedoch schwer zu beurteilen. Der Premierminister war ein weiteres Mal erstaunt darüber, wie ähnlich sich viele humanoide Spezies sahen. Dennoch verfügten nur sehr wenige über ein Federkleid wie sein Volk. Die meisten besaßen Haare, was er für einen kläglichen Ersatz hielt. Auch ihre runde Iris empfand er im Gegensatz zur Norm der Tezwa als eigenartig.

    Bilok nickte, sodass die grau-weißen Federn tanzten, die sein ausgezehrtes Gesicht umrahmten. »Kinchawn wird nicht schießen«, sagte er. »Er wird annehmen, wenn Sie eins Ihrer eigenen Schiffe in Gefahr bringen, haben Sie vermutlich eine geheime Abwehrstrategie gegen diese Impulskanonen in der Hinterhand.«

    »Und wenn Sie sich irren?«, hakte der Zakdorn nach.

    Bilok zögerte. »Ohne eine Mehrheit in der Versammlung kann er keinen Krieg erklären. Er wird kein Risiko eingehen.«

    Kinchawn freute sich, wie offen die beiden sprachen. Dadurch wusste er zumindest, dass seine geheime Abhöraktion Biloks privater Übertragungen unbemerkt geblieben war.

    »Das mag sein«, begann Azernal, »aber was schlagen Sie als langfristige Lösung vor?« Kinchawn wurde der Gabe des Zakdorn für Beschönigungen nie überdrüssig. Mit »langfristige Lösung« hatte Azernal selbstverständlich gemeint, Kinchawn seines Amts zu entheben.

    »Die Versammlung ist gespalten und wenn überhaupt, gibt es eine kleine Mehrheit für Kinchawn«, erklärte Bilok. »Sobald er einknickt, wird er vermutlich auch die Unterstützung seiner radikalsten Anhänger verlieren. Dann sollte es ein Leichtes sein, mit einem Misstrauensvotum seinen Rücktritt zu besiegeln.«

    Die flauschigen hellbraunen Federn am Nacken von Kinchawn stellten sich auf und verrieten seine zunehmende Wut. Er hatte Bilok nie vertraut. Schlimmer noch, er hatte den Einfluss des in die Jahre gekommenen Staatsmanns stets beneidet. Bilok gehörte zu den Trinae aus den hohen Bergen. Sie waren größer, kräftiger und, wie viele Tezwa glaubten, auch cleverer als Kinchawns Leute, die Elininae. Macht flog ihnen quasi zu. Doch was Kinchawn an Gerissenheit fehlen mochte, machte er mit seiner Gewaltbereitschaft wett. Nur dadurch war es ihm überhaupt gelungen, Bilok zu überflügeln und die höchste Ebene der Macht zu erreichen.

    »In Ordnung«, sagte Azernal. Irgendetwas schien seinen Argwohn zu wecken. »Können Sie die Versammlung denn unter Kontrolle halten?«

    »Mit angemessenen Anreizen«, erwiderte Bilok, »problemlos.«

    Azernal starrte finster drein, sodass sich die überlappenden Hautsäcke an seinen Pausbacken zusammenzogen. »Ich frage, weil die Kanonen nicht aktiviert werden sollten. Und dennoch ist das der Fall …«

    »Das konnte ich nicht verhindern«, entgegnete Bilok schnell. »Kinchawn hat das an der Versammlung vorbei entschieden und erteilt dem Militär jetzt direkt Befehle.«

    Azernal hob eine Augenbraue. Da diese aus Haaren bestand, war dieser Anblick das Fremdartigste, was Kinchawn in seinem ganzen Leben auf einem Gesicht gesehen hatte.

    »Die Versammlung weiß nichts von den Kanonen?«

    »Nein«, gab Bilok zurück.

    »Gut. Dann belassen wir es dabei.«

    »Wie lange noch?«, fragte Bilok. »Ich befürchte, dass Kinchawn die Versammlung auflösen und eine Militärregierung etablieren wird.«

    »Davon ist auszugehen«, bestätigte Azernal. »Wenn wir Ihnen dabei helfen, Kinchawn aus dem Spiel zu nehmen, können Sie dann die Kommandanten kontrollieren?«

    Bilok verzog das Gesicht. »Das ist schwer zu sagen.«

    Doch Azernal ließ nicht locker: »Wie schwer?«

    »Er hat die meisten von ihnen in den letzten beiden Jahren ersetzt«, erklärte Bilok. »Und sie wiederum haben dann die meisten ihrer Untergebenen ausgetauscht. Ich bin mir also nicht sicher, wie sie reagieren, wenn wir ihn absetzen.«

    »Was ist mit der allgemeinen Bevölkerung?«

    »Sie hat unter seiner Besessenheit, das Militär auszubauen, stark gelitten. Sie wartet also schon ungeduldig auf seinen Sturz.«

    »Gut, sehr gut«, sagte Azernal.

    »Wie schnell können Ihre Leute diese verdammten Kanonen von meinem Planeten wegschaffen, wenn die Krise beigelegt ist?«, wollte Bilok wissen.

    »Wir müssen sehr diskret vorgehen«, antwortete Azernal. »Vielleicht dauert es ein paar Monate, vorausgesetzt, dass Ihr Militär sich nicht einmischt.«

    »Damit kann ich leben«, sagte Bilok erleichtert. »Sie müssen sich aber auch verpflichten, Ärzte und Verwaltungsmitarbeiter herzuschicken, um all die Missstände durch Kinchawns fehlgeleitete Führung auszuräumen.«

    »Das ist für uns selbstverständlich«, versicherte der Zakdorn mit einem Nicken.

    »Und was ist mit unserem Beitrittsgesuch zur Föderation?«

    »Erst mal motten wir diese Kanonen ein. Dann beschäftigen wir uns damit«, entgegnete Azernal.

    »Ich verstehe«, lenkte Bilok merklich enttäuscht ein.

    Kinchawn bemitleidete Bilok für seine fehlgeleitete Vision eines Beitritt Tezwas zur Föderation. Offensichtlich hatte er noch nicht erkannt, dass schwerwiegende ökonomische Kämpfe drohten, die Föderation zu entzweien. Jene Welten, die vom Dominion-Krieg schwer angeschlagen waren, hatten von anderen, die mehr Glück gehabt hatten, nicht die geforderte Hilfe beim aufwendigen Wiederaufbau erhalten. Mitten in dieser Finanzkrise war das Letzte, was die Föderation brauchte, die Verantwortung für eine weitere verarmte Welt wie Tezwa zu übernehmen.

    »In Ordnung«, sagte Azernal schließlich nickend. »Wir bekommen das hin, solange Sie es schaffen, dass er den Finger vom Abzug lässt. Wir haben gerade einen Krieg hinter uns und kein Interesse an einem weiteren. Wenn Kinchawn die Klingonen provoziert, sind Sie auf sich allein gestellt … Azernal Ende.«

    Als beide das Gespräch beendeten, flackerte der Bildschirm kurz auf und wurde dann schwarz. Kinchawn stand auf und ging auf den Balkon, der rings um sein Büro verlief. Er betrachtete die Türme und Kuppeln von Keelee-Kee, der historischen Hauptstadt von Tezwa. Mit seinen dunkelgrauen Augen betrachtete er die Stadt, die sich fast bis zum Horizont zu erstrecken schien. Sie leuchtete golden in der untergehenden Sonne. Die Metropole umgab die Ilanatava, das Nest der Ahnen, und erstreckte sich mit geometrischer Präzision über die Ebene.

    Ein warmer Wind hüllte ihn ein und strich durch seine purpurne Robe und die Federbüschel an seinen Unterarmen. Er atmete tief ein und schluckte seine Wut hinunter. Er will mich also loswerden?, überlegte er. Mithilfe eines wehrlosen Sternenflottenschiffs und einer Föderation, die Blutvergießen nicht ertragen kann?

    Mit seinen schlanken, knochigen Fingern umklammerte er das Balkongeländer. Nicht heute, entschied er.

    03

    Erde

    Präsident Min Zife, Oberhaupt der Vereinigten Föderation der Planeten, drehte seinen Kopf, um seinem Stabschef zuzuhören, der sich zu ihm gebeugt hatte und ihm nun diskret ins Ohr flüsterte: »Herr Präsident, Tezwa hat die Klingonen bedroht.«

    Zife schob seinen halb aufgegessenen Teller Fettuccine Primavera ein paar Zentimeter zur Seite. Ohne Erklärung oder Entschuldigung gegenüber den Hunderten Ehrengästen im prunkvollen Festsaal des Buckingham Palace verließ er das Staatsdinner, bei dem neue Mitglieder des Föderationsrats in ihr Amt eingeführt wurden. Getuschel hinter vorgehaltener Hand, das von der hohen Decke in warmen Burgunder- und Goldtönen widerhallte, begleitete ihn, während er das Podest an der Vorderseite des Raums verließ. Mit Azernal und einer sechsköpfigen Sicherheitsmannschaft marschierte er schnurstracks durch den breiten Gang zwischen den beiden Tischreihen des Banketts. Der scharfe Klang ihrer Schritte und das Echo in der altehrwürdigen Halle übertönten das Gemurmel der Anwesenden.

    Sie verließen den Saal durch eine Tür an der Seite und erreichten einen Korridor. Dort beschleunigten sie ihre Schritte und erreichten einen Ausgang, der von zwei uniformierten Sicherheitsoffizieren bewacht wurde. Azernal, der kleiner und um einiges kräftiger als Zife war, bewegte sich deutlich schneller als der Bolianer mittleren Alters. Einzig das in Zivil gekleidete Sicherheitspersonal um ihn herum verhinderte, dass er zu schnell für den Föderationspräsidenten wurde.

    »Wie lange ist das her?«, wollte Zife wissen. Er war leicht außer Atem.

    »Vor etwa sechs Stunden hat Premierminister Kinchawn die klingonische Grenzkolonie QiV’ol zu tezwanischem Territorium erklärt, Sir.«

    Zife runzelte die Stirn und öffnete den obersten Knopf seines Hemds. Von all den Bräuchen, an die er sich auf der Erde halten musste, war die hiesige Mode am ärgerlichsten. Daher schob er seine Kopfschmerzen, die ihn schon den gesamten Abend plagten, auch auf den unbequemen Kragen seines Hemds. Oft beneidete er Azernal darum, dass er hinter den Kulissen arbeiten konnte, nicht zuletzt, weil es ihm erlaubte, angenehmere, ungezwungenere Kleidung zu tragen.

    Sie näherten sich dem Ende des Korridors. Die beiden Sternenflottenoffiziere öffneten die Doppeltür und führten sie zum sicheren Transporterbereich. Hinter der Konsole erwartete sie ein stämmiger, kräftig aussehender Mensch mit Schnurrbart, kurzen Haaren und drei Knöpfen an seinem Sternenflottenkragen. »Guten Abend, Herr Präsident«, sagte er.

    »Guten Abend, Commander Wexler«, entgegnete Zife.

    »Wohin soll es gehen, Sir?«

    »Zum Place de la Concorde«, antwortete Zife mit makellosem französischem Akzent.

    Wexler nickte. »Verstanden, Sir.«

    Zife schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine Atemzüge, um den Kopfschmerz zu vertreiben. Dabei entging ihm fast das Rauschen und das sonderbare Kribbeln des Transporterstrahls. Als er seine Augen wieder öffnete, befand er sich auf seiner persönlichen Transporterplattform im Hauptquartier der Föderation in Paris.

    Gemeinsam mit Azernal verließ er das Podest und ging raschen Schrittes in Richtung Turbolift zu seinem Büro im obersten Stockwerk. Die Sicherheitsleute in Zivil folgten ihnen in den Aufzug. Die Türen schlossen sich und die Kapsel schoss ohne spürbare Beschleunigung nach oben.

    Obwohl Azernal während der Fahrt schwieg, bemerkte Zife das wilde Funkeln in seinen Augen. Er kannte diesen Blick seines Stabschefs aus der Endphase des Dominion-Krieges, als er sich einen rücksichtslosen Schlachtplan nach dem anderen ausgedacht hatte. Auch wenn viele Mitglieder der Admiralität und des Sicherheitsrats wertvolle und wichtige Beiträge geleistet hatten, war Zife und dem Föderationsrat klar, dass eigentlich Koll Azernal der wahre, unbesungene Held des Krieges war.

    Zife wusste, was kommen würde, als er sah, wie sich Azernals Kiefer anspannte und tiefe Falten seine Stirn durchzogen: Der jähzornige Stratege hatte bereits einen Plan entwickelt.

    Die Türen des Turbolifts öffneten sich in einem weitläufigen, fensterlosen Büro, das wie ein Halbmond geformt war. Gegenüber dem Turbolift ragten ganz rechts und links an der inneren Wand riesige antike Eichentüren mit Messingbeschlägen auf. Jede der beiden Türen wurde von einem bewaffneten Sicherheitsoffizier in Zivil bewacht. Zife näherte sich der linken Tür. Der Sicherheitsmann öffnete sie für ihn und nickte knapp. »Herr Präsident.«

    »Vielen Dank«, sagte Zife und betrat sein Büro, ohne auch nur innezuhalten. Azernal folgte direkt hinter ihm. Die sechsköpfige Sicherheitsmannschaft wartete vor der sich nun wieder schließenden Tür.

    Ein dumpfes Geräusch signalisierte, dass sie hinter dem Stabschef ins Schloss gefallen war. Zife schritt quer durch den großen Raum zu seinem Schreibtisch und drehte sich dann zu Azernal um. »Was zum Teufel treibt Kinchawn da?«

    »Es scheint so, dass es unserem alten Freund nicht mehr reicht, seinen eigenen Planeten zu regieren«, erklärte Azernal. Selbst nach zehn Jahren, die er nun schon als wichtigster Ratgeber an seiner Seite stand, fand Zife es immer noch ablenkend, wie sich die Panzerplatten seiner Wangen ineinanderschoben. »Er hat wohl eine kleine Flotte zur Verfügung – vierundzwanzig Schiffe, einer vertrauenswürdigen Quelle zufolge. Wahrscheinlich stammen sie von den Danteri und somit vom Orion-Syndikat. Unseren Schätzungen nach werden sie in etwa fünf Tagen einsatzbereit sein.«

    »Fünf Tage? Die Klingonen könnten Tezwa sehr viel schneller angreifen.«

    »Sie versammeln bereits eine Flotte im Zurva-Nebel«, bestätigte Azernal. »Botschafter Worf versucht, Kanzler Martok von einem Präventivschlag abzuhalten.«

    »Wie schätzen Sie Worfs Chancen ein?«

    »Ich wage keine Schätzung«, entgegnete Azernal. »Wenn die Klingonen sauer sind, kann alles passieren.«

    Zifes Augen verengten sich. »Aber warum jetzt?«, fragte er. »Warum forciert Kinchawn das gerade jetzt?«

    »Ich denke, das liegt am Trill-Fiasko«, sagte Azernal. »Oder vielleicht an der Genesis-Welle, dem Holostreik oder dem Rashanar-Zwischenfall. Er scheint sich auf jeden Fall nicht bewusst zu sein, unter welchem Druck wir stehen, jetzt, wo der Krieg vorbei ist.«

    Zorn ließ Zifes Gesicht glühen. Denn obwohl sein Pressesprecher alles versucht hatte, diese Vorgänge herunterzuspielen, hatte niemand FNN davon abhalten können, ausführlich darüber zu berichten.

    Rashanar war da nur das neueste Problem. Vor einigen Monaten hatte eine Krise im Rashanar-Sektor zu einer Fehleinschätzung geführt, aufgrund derer zwei Sternenflottenschiffe, die Juno und die Enterprise, von einem Schiff der Ontailianer angegriffen worden waren. Die Juno war zerstört worden und alle Mannschaftsmitglieder hatten ihr Leben verloren, bevor die Situation hatte geklärt werden können.

    Unzufriedenheit und Abspaltung erschütterten ohnehin bereits das politische Fundament der Föderation, also hatte man entschieden, den Ontailianern zu helfen, das Gesicht zu wahren, um ein Auseinanderbrechen des Föderationsrats zu verhindern. Die Ehre der Ontailianer zu wahren hatte allerdings einen Tribut gefordert. Ausgerechnet Captain Jean-Luc Picard und der Enterprise-Besatzung hatte man die Schuld an der Juno-Tragödie angekreidet.

    Zife tupfte sich den Schweiß von seinem zerfurchten blauen Haupt. »Verdammt«, brauste er auf. »Ist Kinchawn klar, was passiert, wenn er die Klingonen angreift?«

    Azernal nickte. »Ohne Zweifel. Ich denke aber, er setzt darauf, dass wir Druck ausüben werden, damit die Klingonen ihm QiV’ol überlassen.«

    Zife stemmte seine Hände auf die glatt polierte schwarze Tischplatte. »Wie kann er allen Ernstes annehmen, dass wir …?« Zife hielt mitten im Satz inne. Dann fixierte er Azernal mit finsterem Blick. »Die Kanonen.«

    »Exakt, Sir.« Azernals Stimme war von Bedauern erfüllt. »Die Kanonen. Er hat sie in Betrieb genommen.«

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