Über dieses E-Book
Bis es entfernt von der Erde zu einer Begegnung mit einem seit Jahrhunderten verschollenen Großraumschiff kommt. Spaceship Libelle kann Hilfe leisten und den Verschollenen die Rückreise zur Erde freimachen. Graf Lancelot schöpft Hoffnung, dass auch ihm die Rückkehr gelingt.
Mehr von Kris Han lesen
Die Hure von Armageddon Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPharao Dedumose und der Stab des Propheten: Ein Roman über Pharaonen und das alte Ägypten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Ähnlich wie Sturz durch den Urknall
Ähnliche E-Books
Beinahe Alaska Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBrennpunkt Candor: Terra-Utopia - Band 5 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAtlan 98: Das Tefroder-Problem: Atlan-Zyklus "Im Auftrag der Menschheit" Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPerry Rhodan 547: Die Sonne warf keinen Schatten: Perry Rhodan-Zyklus "Der Schwarm" Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLady Trents Memoiren 5: Im Schutz der Drachenschwingen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPerry Rhodan 2177: Das Zirkular: Perry Rhodan-Zyklus "Das Reich Tradom" Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenKolonien - Welt unter Dampf: Steampunk Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPerry Rhodan 822: Ein Fremder auf Luna: Perry Rhodan-Zyklus "Bardioc" Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPerry Rhodan 2024: Intrigen in Mirkandol: Perry Rhodan-Zyklus "Die Solare Residenz" Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenVoll Dampf: Fiktionale Steamgeschichten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie rechtlosen Rattenfänger vom Redonda Ritz: KD Fischler jagt auf den Kleinen und Großen Antillen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAtlan 752: Aufbruch aus dem Zeitversteck: Atlan-Zyklus "Im Auftrag der Kosmokraten" Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenSeewölfe - Piraten der Weltmeere 94: Im Packeis gefangen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAtlan 361: Sklaven des 3. Planeten: Atlan-Zyklus "König von Atlantis" Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPerry Rhodan 2862: Das Geschenk des Odysseus: Perry Rhodan-Zyklus "Die Jenzeitigen Lande" Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLetzte Rettung für Gan Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPerry Rhodan 2031: Die Sprinter von Ertrus: Perry Rhodan-Zyklus "Die Solare Residenz" Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenLovecrafts Schriften des Grauens 33: Diese alten und dreckigen Götter Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenRaumschiff Promet - Von Stern zu Stern 43: Ximenas Martyrium Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAuf der Fährte des Höhlenlöwen: Roman aus den Wildnissen der Eiszeit Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie geheimnisvolle Insel (Vollständige Ausgabe): nexx classics – WELTLITERATUR NEU INSPIRIERT Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDrachensafari: Tarnas B300433-A Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenIn Trümmern versunken Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Stadt der Regenfresser Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenFlugstein #3: Ein Mellovien-Abenteuer Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPerry Rhodan Neo 330: Die neue Macht: Staffel: Primat Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenAuf zwei Planeten Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenWild Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Katzen von Key West: Ein futuristischer Detektivroman Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDer Rote Planet Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Science-Fiction für Sie
Doctor Who: SHADA Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Starship Troopers: Der Science Fiction Klassiker von Robert A. Heinlein Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Perry Rhodan 32: Die letzte Bastion (Silberband): 12. Band des Zyklus "Die Meister der Insel" Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Perry Rhodan 55: Der Schwarm (Silberband): Erster Band des Zyklus "Der Schwarm" Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Perry Rhodan 39: Paladin (Silberband): 7. Band des Zyklus "M 87" Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Wie künstlich ist Intelligenz?: Science-Fiction-Geschichten von morgen und übermorgen Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenOne Second After - Die Welt ohne Strom Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Perry Rhodan 25: Brennpunkt Andro-Beta (Silberband): 5. Band des Zyklus "Die Meister der Insel" Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenReise zum Mittelpunkt der Erde: Vollständige deutsche Ausgabe Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPerry Rhodan 57: Das heimliche Imperium (Silberband): 3. Band des Zyklus "Der Schwarm" Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Perry Rhodan 21: Straße nach Andromeda (Silberband): Erster Band des Zyklus "Die Meister der Insel" Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Perry Rhodan 27: Andromeda (Silberband): 7. Band des Zyklus "Die Meister der Insel" Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPICKNICK AM WEGESRAND: Die beste Science-Fiction der Welt Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPerry Rhodan 1: Die Dritte Macht (Silberband): Erster Band des Zyklus "Die Dritte Macht" Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Perry Rhodan Neo 1: Sternenstaub: Staffel: Vision Terrania 1 von 8 Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie ersten Tiger: Zweiter Weltkrieg, Ostfront 1942 - Der schwere Panzer Tiger I greift zum ersten Mal an Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPerry Rhodan 56: Kampf der Immunen (Silberband): 2. Band des Zyklus "Der Schwarm" Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenBinti 1: Allein Bewertung: 3 von 5 Sternen3/5Red Rising - Das Dunkle Zeitalter Teil 1 Bewertung: 5 von 5 Sternen5/5Neobiont Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPerry Rhodan 23: Die Maahks (Silberband): 3. Band des Zyklus "Die Meister der Insel" Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDas Kaufhaus der Träume Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPerry Rhodan 24: Die Para-Sprinter (Silberband): 4. Band des Zyklus "Die Meister der Insel" Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenHell Divers - Buch 1: Thriller Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenDie Gesellschaft zur Erhaltung der Kaijū-Monster Bewertung: 0 von 5 Sternen0 BewertungenPerry Rhodan 33: Old Man (Silberband): Erster Band des Zyklus "M 87" Bewertung: 4 von 5 Sternen4/5Ring Shout: Thriller Bewertung: 0 von 5 Sternen0 Bewertungen
Rezensionen für Sturz durch den Urknall
0 Bewertungen0 Rezensionen
Buchvorschau
Sturz durch den Urknall - Kris Han
Die Blockhütte in Alaska
Der Tanaka ist ein Nebenfluss des Yukon im Herzen Alaskas. Quirlig rauschend fließt sein klares Wasser durch die arktische Landschaft, um sich schließlich in den Fluten des größeren Stromes zu verlieren. Viele kleinere Zuläufe lassen mit Beginn der Schneeschmelze die Wassermassen des Tanaka ansteigen. Vom Ufer einiger Nebenflüsse kann man bei klarer Sicht den vereisten Gipfel des 4216 Meter hohen Mt. Hayes sehen.
Philip Berger hat die Augen geschlossen. Für einen Moment spürt er nicht den kalten Wind, der ihm ins Gesicht bläst. Wie oft hat er schon die majestätische Erscheinung des Berges bewundert, wenn sich die Strahlen der untergehenden Sonne an dessen Gipfel spiegelten. Doch heute empfindet er nur Hass für den Berg.
Jahrhundertelang schien es so, als würde der Berg die Schmach dulden, die ihm der Mensch auferlegt hatte. Eine Staumauer aus Fels und Geröll, von Menschenhand errichtet, gebot dem Lauf des Gletscherwassers auf seinem Weg zum Tanaka Einhalt, legte dem Gebirgsbach Fesseln an, zumindest bis zur Katastrophe am letzten Wochenende.
Philip ist in einem Stimmungstief. Leise spricht er zu sich selbst: „Nein, der Mensch kann die Natur nicht bezwingen."
Er öffnet die Augen, will die düsteren Gedanken verdrängen. Dr. Lambert liegt tiefgefroren im Krankenhaus Fairbanks, und falls man ihn zu neuem Leben erwecken kann, wird er ein ganz anderer Mensch sein, nicht wissen, dass er bereits einmal gelebt hat.
Philip schüttelt den Kopf und grübelt. Es war nicht seine Schuld. Nun ja, schließlich hatte er den Glühweinabend für die ehemaligen Absolventen des technischen Gymnasiums Bari hier am Polarkreis organisiert, hierher zu sich nach Hause. Viele waren der Einladung gefolgt, die einstigen Mitschüler und auch Dr. Kevin Lambert, der Geografielehrer, der sie zum Abitur geführt hatte, den seine Schüler Lampe nannten.
Philip blickt noch einmal zum Berg, streckt ihm die Faust entgegen, als ob der die Drohung ernst nehmen könnte. Dann geht er über den Staudamm zurück. Nur fünfundzwanzig Minuten sind es bis zur Blockhütte. Er bleibt noch einen Augenblick stehen und sieht auf die Eisschollen des kleinen Sees. So war es auch vor drei Tagen. Lampe stand auf einer Scholle. Dalia hatte ihn noch gewarnt, nicht zu weit zu gehen. „Wenn die Windrichtung von Süd auf Ost schwenkt, wird ein großer Eiszapfen am Wasserfall abreißen, und die Flutwelle wird das Eis des Sees aufbrechen. Das kann schon in zwei Minuten passieren!", rief sie Dr. Lambert zu.
Der lachte und antwortete: „Dann werde ich auf einer schwankenden Eisscholle stehen, und ihr dürft mir Beifall klatschen!"
Kurz darauf geschah es. Eine Wand aus Eis und Schnee, die der Wintersturm oben in der Schlucht aufgetürmt hatte, konnte dem Druck des Schmelzwassers nicht länger standhalten.
Zischend rollte die Flut durch den Canyon. Der Eispanzer des kleinen Stausees brach, eine Eisscholle schob sich über Doktor Lambert. Alle sahen zu, und keiner konnte ihm helfen.
Warum gerade Lampe, der war zum ersten Mal hier. Wie oft hatte Philip dagegen schon auf dem Eis des Sees gestanden, um zu angeln. Dabei hatte er immer ein Loch in das Eis geschlagen. Manchmal lief er über das Eis, nur um den Weg durch die Schlucht abzukürzen.
Es wurde dämmrig, als Philip das schmale Seitental erreichte. Von hier konnte man eine kleine Hütte sehen, sein Zuhause. Aus dem Schornstein stieg Rauch auf. Im Kamin knisterten schon seit zwei Wochen mehrere Stämme künstliches Holz. Will man hier nicht erfrieren, muss man acht Monate lang gut heizen.
Das Blockhaus befand sich trotz der Jahrhunderte, die es bereits auf dem Buckel hatte, in einem guten Zustand. Seine Erbauer waren Abenteurer aus einer Zeit, in der man in Öfen Holz und Kohle verbrannte, die Ärzte Rheuma noch nicht heilen konnten oder Kranke aufschnitten, um schlimme Leiden zu kurieren. Wem ist heutzutage noch bewusst, dass sich die Menschen vormals bei Fehlsichtigkeit eine Brille mit dicken Gläsern auf die Nase setzen mussten, und sich nicht davor ekelten, das Fleisch geschlachteter Tiere zu essen.
Dalia und Philip Berger hatten sich an diesem abgelegenen Ort vor acht Jahren niedergelassen. Ihre engsten Freunde aus der Jugendzeit, Monique und Eric Bekaert, waren gekommen, sie zu besuchen.
Auf der Terrasse bastelte Dr. Eric Bekaert etwas ungeschickt an seiner Ausrüstung. Die dicken Handschuhe behinderten ihn. Es war sein erster Aufenthalt in Alaska.
„Du schaffst das schon", ermunterte Philip den Freund.
„Das hat mir deine Frau auch gesagt. Meine spottet darüber, weil ich mit Handschuhen keinen Knoten binden kann", erklärte ihm Eric.
„Da hat Monique vielleicht doch nicht ganz unrecht, lachte Philip, „alles will gelernt sein. Ganz sicher werden sich die Strapazen lohnen. Wenn du deine, wie hast du die Dinger genannt, Lichtalgen, gefunden hast, wird man dir eventuell sogar den Nobelpreis für Biologie verleihen.
„Na ja Phil, ich bin nicht der Einzige, der auf diesem Gebiet tätig ist. Und nun dieser Unfall, Lampe wollte mir mit Rat und Tat zur Seite stehen. Ist das wirklich passiert, zeitweilig glaube ich, das ist ein böser Alptraum. Nur einen schien das nicht zu berühren, Greg Polansky. Der war in der Parallelklasse oder ein Jahr weiter. Hast du seine Augen gesehen, die haben so unheimlich geleuchtet, als die Flut heranbrauste. Monique sagt, ich würde mir das nur einbilden. Aber nein, vorhin bin ich im Sessel eingenickt, ein grauer undurchdringlicher Nebel fiel auf mich nieder, und darin leuchteten wieder Gregs Augen, wie ein böses Omen. Als ich aufwachte, standen mir Schweißperlen auf der Stirn", sagte Eric mit leiser Stimme.
„Unsere Gedanken spielen verrückt, da bildet man sich alles Mögliche ein. Greg Polansky hat bei Lampe eine Prüfung vermasselt und hinterher geflucht und ihm gewünscht, er solle zu Eis erstarren. Dass es so kam, war sicherlich nur ein schlimmer Zufall. Doch wer kann schon das Geschehene umkehren? Es wird kälter. Komm, wir sollten uns am Kamin aufwärmen, die Frauen haben einen Früchtetee bereitet."
Das Klima ist in Alaska äußerst rau, mit sehr kalten Wintern und kühlen Sommern. Der Yukon ist von Oktober bis Mai zugefroren. Die Pflanzenwelt ist artenarm und erst am Ende der letzten Eiszeit wieder eingewandert. Der während des Winters steinhartgefrorene Boden, taut auch im Sommer nur wenige Meter tief auf. Aber nur die Gebiete, die vom ewigen Eis bedeckt sind, oder deren Julimittel unter 0° C liegt, sind ausgesprochene Kältewüsten und tragen keinerlei Pflanzenwuchs. In geschützten Lagen und Tälern, ja sogar auf den Moränen, zwischen den Gletschern und am Rande des Inlandeises, schmiegen sich Flechten und Schneealgen dem Boden an und färben ihn während der Blütezeit zartrosa. Diese Kältewüstensteppe wird in klimatisch günstiger gelegenen Breiten von der Kältesteppe abgelöst, der Tundra, die in Nordamerika als Barron Grounds bezeichnet wird. Sie sind auf weiten Strecken von einem dichten Teppich von Moospolstern, Gräsern und Kräutern, niedrigen Gebüschen und kriechenden Holzgewächsen bedeckt. Unter der langen Sonneneinstrahlung des Polartages entwickelt sich rasch eine Blütenpracht. Zahlreiche Beeren, die an Größe, Farbe und Aroma die der gemäßigten Zone übertreffen, reifen in wenigen Tagen. Diesen rauen Bedingungen hat sich eine verschiedenartige Tierwelt angepasst. Moschusochse, Karibu, Polarwolf, Polarfuchs, Hermelin, Polarhase und Lemmingarten sind hier heimisch. An den Küsten nisten Eiderenten, und im Inneren sind Schneehühner, Schneeeulen und Schneeammern anzutreffen. Unzählige Mückenschwärme tummeln sich in der nassen Tundra während der warmen Jahreszeit über der sumpfigen Erde.
Eric Bekaert befand sich auf der Suche nach einer bestimmten Form einer Schneealgenart, deren Existenz von Professor Labrasseur, dem Lehrstuhlinhaber für Bioenergetik niederer Pflanzen an der Yale Universität, hier vermutet wurde, die der Professor aber auf mehreren Exkursionen nicht finden konnte. Die Alge sollte in der Lage sein, Energie zu speichern, die sie unter bestimmten Bedingungen, als masselose Strahlungsteilchen überlichtschnell wieder freigeben konnte.
Eric war guter Dinge diese Schneealgenform zu finden, nachdem er sich bereits als Student der Bioenergetik in Heidelberg, ausführlich mit diesem Thema befasst hatte. Philip und Dalia Berger konnten ihm für sein Unterfangen wertvolle Tipps geben. Seit Beendigung ihrer Ausbildung verbrachten die Bergers regelmäßig einen großen Teil des Jahres in Alaska. Philip war als Geologe an vulkanologischen Untersuchungen zur Energiegewinnung beteiligt, Dalia an der gleichen Unternehmung als Meteorologin.
„Wie sieht es aus, der Tee hat mich aufgewärmt. Na los, wir könnten aufbrechen?" Eric wollte vor dem Dunkelwerden noch zwei Messsonden installieren.
„Ich würde gern mitkommen, aber Dalia hat uns Stubenarrest verordnet, in vier Stunden wird in dem Gebiet um Fort Yukon der Winter noch einmal für ein paar Tage Einzug halten und mit einem Schneesturm anrücken. Wir werden auch hier nicht verschont bleiben. Glaub mir, was das Wetter anbelangt, behält meine Frau immer recht. Der Sturm würde unsere Ausrüstung wegblasen oder zuwehen, sobald wir damit den Polarjet verlassen hätten. So einem Unwetter in freier Natur ausgesetzt zu sein, ist eine ganz unangenehme Angelegenheit. Ich habe das schon ein paarmal erlebt", versuchte Philip seinem Freund den Aufschub zu erklären.
„Dann eben nicht, dabei sieht es hinter der Fensterscheibe so gut aus. Ich wollte heute nur zwei Sonden installieren, Prototypen, das Neueste, was es gibt, wenn die hier funktionieren, sollen weitere Messstationen am Toten Meer aufgebaut werden. Dort könnte die Lichtalge auch vorkommen. Im Spätherbst will ich deshalb für ein paar Monate dorthin reisen. Kennst du Benjamin Weizmann, er wird mich einweisen."
„Na klar, Ben war ein Semester vor mir fertig. Wir sehen uns regelmäßig auf der Geotagung, die alle zwei Jahre in Peking stattfindet. Er ist der beste Kenner der Wüste rund um das Tote Meer. Einen besseren konntest du nicht finden."
Die Frauen saßen am Kaminfeuer. Monique sah unwillig zu den Männern, die auf der Veranda eine Messsonde auf den Boden gestellt hatten und rief: „Kommt rein zu uns. Das Wetter wird bald wieder schöner werden. Müsst ihr immer nur über eure Arbeit reden? Lasst uns lieber ein paar alte Erinnerungen rauskramen, aus unserer Studentenzeit in Heidelberg. Noch besser, erzählt uns eine Story von euren Erlebnissen in der Arktis. Ich möchte diese Urtümlichkeit der Natur und die Schönheit der Landschaft genießen, und mir wird bewusst, was ich bisher verpasst habe. Ich muss gestehen, dass ich euch beneide. Ach, es ist toll, wie ihr die eine Hälfte des Jahres ganz allein für euch seid."
„Du wirst bald erleben, ganz so romantisch ist es bei uns nicht immer, und Zeit zum Streiten bleibt auch. Da tut ein Glühwein wirklich gut. Ich habe soeben einen angesetzt", unterstützte Dalia den Vorschlag ihrer Freundin, froh darüber, dass die Männer so einsichtig waren, auf besseres Wetter zu warten und nur einen kurzen Spaziergang zum nahegelegenen Fluss unternahmen.
Kaum dass Dalia Plätzchen und die Warmhalteplatte mit dem Glühwein auf den Tisch gestellt hatte, kündeten die ersten Schneeflocken den Beginn des Wetterumschwungs an.
„Kann ich dir behilflich sein, Dalia? Wo habt ihr denn euren Haushaltsrobbi?"
„Danke Monique, stell bitte noch die Gläser auf den Tisch. Wir haben hier keinen Küchenrobbi, und den Unirob nimmt meistens Philip in Beschlag. Momentchen, jetzt wird es höchste Zeit, ich werde unsere Männer zurückrufen, bevor wir sie freischaufeln müssen."
Es schien ein langer, gemütlicher Abend zu werden, und irgendwie war das Gespräch auf die ersten Kindheitserlebnisse gekommen. „Du bist so still, hörst nur zu. Na los Philip, verrate uns ein Abenteuer aus deiner Kindheit", stichelte Monique.
Philip hatte sich gemütlich im Sessel zurückgelehnt. Einen Augenblick sah er unentschlossen seine Gäste an, räusperte sich, dann begann er: „Gut, ich will die Geschichte berichten. Ich kenne einen Mann, den ich kennengelernt habe, als ich noch zur Schule ging. Ich bin sehr stolz darauf, dass er mich in seinen engsten Freundeskreis aufgenommen hat. Bisher habe ich niemandem außer Dalia darüber erzählt."
„Also leg los! Zu blöd, dass ich im Sender Agadir nur die Kulturredaktion vertrete. Ich bin gespannt, ob für mich vielleicht eine exklusive Abenteuerreportage herausspringt", spornte ihn Monique an.
„Kultur kann alles sein. Der Butterfleck an der Decke ist Kunst, so er von einem berühmten Irren herrührt. Was schaut ihr mich so an? In ihrer Diplomarbeit hat Monique die Literaturkritik des späten 20. Jahrhunderts, erforscht. Manchmal haben wir ganze Abende damit zugebracht, alte Reportagen anzusehen, und ich habe mich dabei nie gelangweilt. Es war, äh, Augenblick, gleich fällt es mir wieder ein, der Mann mit dem Charme einer Kneifzange, Professor Brabbel Reitz Rawitzly, dessen Beiträge mir immer so gut gefielen", lästerte Eric.
„Das war eine große Persönlichkeit. In seiner Jugend hat er grauenhafte Dinge erlebt. Sein Name wird auf einer Stufe mit Luther oder Voltaire genannt. Deine Späße machen mir keinen Spaß. Von der Literatur des Industriezeitalters verstehst du so viel wie ein Nilpferd von Kuchenbacken! Geh lieber deine Lichtalgen suchen!", fauchte Monique ihren Mann an.
Philip unterbrach die beiden: „Hey, das war deftig, vertagt euren kleinen Disput. Sei nicht traurig Monique, es wäre die Story, auf die eine Journalistin nur einmal im Leben stößt, aber trotzdem bitte ich dich, hör nur zu und verzichte auf die Reportage. Es sind die Erlebnisse des Quent Lancelot, die mit denen des Odysseus oder des Christoph Kolumbus vergleichbar sind."
Erstaunt blickten Monique und Eric zu Philip. Die Geschehnisse rund um den Jungfernflug des Versuchsraumkreuzers Libelle, der vor über 100 Jahren, nach langem Irrflug, zur Erde zurückgekehrt war, gaben immer noch Rätsel auf.
„Du hast Quent Lancelot wirklich gekannt und nie ein Wort darüber verloren? Wir sind mehr als 30 Jahre befreundet, seit unserer gemeinsamen Oberschulzeit, und du kommst erst jetzt mit so einer Wahnsinnsstory? Los, fang endlich an zu erzählen", drängte Eric seinen Freund, der etwas zögernd ein Memoset aus einem Fach seines Schreibtisches herausnahm.
Die Geschichte, mit der Philip seine Gäste unterhielt, war so fantastisch, dass mehrere Abende am Kaminfeuer vergingen, und Eric vorerst den Grund seines Hierseins vergaß.
„Ich war acht Jahre alt", begann Philipp. „Nahe den Großeltern wohnten meine Eltern einige Zeit in einer Unterwassersiedlung vor der griechischen Küste. Für mich war bereits damals klar, dass ich einmal Geologe oder zumindest Schatzsucher werden würde, obwohl ich von solcherlei Dingen noch keine rechte Vorstellung besaß. Am liebsten streifte ich mit Gleichaltrigen, oder auch mit meinem Opa Charles, in der freien Natur herum. Manchmal ging ich allein los. So auch an einem Mittwoch im September, ich kann mich noch gut daran erinnern, als wäre es eben erst geschehen. Ich hatte mich zur felsigen Insel Ithaka auf Entdeckungstour begeben. Hier gab es nichts Aufregendes zu sehen. Ich wollte den Heimweg antreten, als ich auf einem Felsvorsprung einen alten Mann sitzen sah. Er hatte langes schneeweißes volles Haar und trug einen grauen Overall mit dem Emblem der Sternenflotte. Neben ihm stand ein junger Mann, den er Winton nannte. Ich war der Meinung eine gute Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis zu besitzen, konnte jedoch nicht erkennen, dass Winton ein von Menschenhand geschaffener hoch spezialisierter Roboter war, der Begleiter des alten Mannes während seiner Weltraumodyssee.
Meinen Gruß erwiderte der Alte lächelnd. Ich wollte schon weiterlaufen, als er mich nach meinem Namen fragte, und weshalb ich es so eilig hätte. Nachdem ich ihm seine Fragen beantwortet hatte, verriet ich auch meinen Berufswunsch, und dass ich mich auf dieser Insel schon einmal etwas umgesehen habe, sie aber langweilig fände".
„Schau nur richtig hin, und lass deiner Fantasie freien Lauf, dann wirst du bemerken, dass es hier einige Geheimnisse gibt, sprach er. „Siehst du dort drüben das Felsplateau, auf ihm hat vor langen Zeiten einmal eine Fürstenburg gestanden. Da, wo du jetzt stehst, führte ein Weg zur Burg, und auf dieser Felsnase, auf der ich gerade sitze, haben früher die Hirten beim Weiden ihrer Schafe gesessen
.
„Woher weißt du das alles, wie heißt du?"
„Ich bin Quent Lancelot, und der Fürst, der diese Insel einst regierte, hat mir seine Heimat vor langer Zeit ganz genau beschrieben. So wie ich, musste er sehr viele Irrungen und Strapazen erleiden, bevor er den Weg zurück in seine Heimat fand. Deshalb zieht mich dieser Ort so an", antwortete mir der alte Mann.
„Bist du der berühmte Raumpilot, dann musst du doch tausend Jahre alt sein und hast zehn Leben?"
„Ja, das stimmt. Ich war der Pilot des Raumkreuzers Libelle. Jedoch, tausend Jahre lebt niemand. Und bedenke, wenn zehn Leben in dir sind, musst du auch zehn Tode sterben."
„Hattest du keine Furcht? Warum muss man schneller als das Licht reisen, wo es so große Raumkreuzer gibt?", wollte ich wissen.
„Das Weltall ist für Reisen nur mit Lichtgeschwindigkeit viel zu groß, doch die Menschen wollen wissen, wie weit die Welt reicht. Dabei übersehen sie, wie herrlich unsere Erde ist."
So verging der restliche Nachmittag. Ich plauderte interessiert mit dem alten Mann und als es anfing dämmrig zu werden, musste er mich darauf aufmerksam machen, dass es Zeit zum Heimgehen sei.
„Komm mich bald wieder besuchen, dann werde ich dir mehr erzählen, und richte deinem Großvater meinen Gruß aus. Wir sind gut bekannt, haben einige Abende gesessen, als er mir mein Heim entworfen hat", sprach er, als ich den nachhause Weg antrat.
„Diese bescheidene Hütte? Was muss man da herumsitzen, oder gab es guten Wein zu verkosten?", lästerte ich.
„Du wirst staunen, dein Opa ist ein begnadeter Architekt. Mein Heim passt sich jeder Situation an. Es ist ein perfektes Falthaus. Bin ich allein, genügt mir die Hütte. Kommen viele Gäste, hat es die Größe, dass darin alle Platz finden."
Das war der Beginn meiner Freundschaft mit Quent Lancelot. Mein Interesse war geweckt, ich kam immer wieder zur Insel Ithaka, wo mir der alte Mann freimütig seine Erlebnisse erzählte. Manchmal klang aus seinen Worten eine gewisse Verbitterung durch, doch wenig später leuchteten seine Augen voller Begeisterung, als würde er das Geschehene nochmals durchleben. Er besaß eine Aura, die mir zunächst rätselhaft blieb, wie ich sie bei keinem anderen Menschen kannte. Mein Freund lebte keineswegs weltabgeschieden, regelmäßig kamen seine ehemaligen Kollegen auf die kleine Insel, sein Urenkel wurde schnell einer meiner Kumpel.
Nach seiner Rückkehr zur Erde hat Commander Lancelot bloß die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Testfluges mit dem Raumkreuzer Libelle zur Auswertung freigegeben. Seine persönlichen Erlebnisse hat er nur seinen allerbesten Freunden erzählt. Ich darf stolz sein, dazu gehört zu haben. Ich war lange Zeit unsicher, ob ich das Recht habe, jemandem die Geschichte zu erzählen. Doch einmal, als wir an einem milden Herbstabend beim Betrachten des Sternenhimmels über Geheimnisse ferner Galaxien rätselten, sagte er zu mir: „Herrlich und vollkommen ist die Schöpfung, unendlich und unergründlich, ein ständiges Entstehen und Vergehen der Dinge. Mit jeder neuen Erkenntnis sehen wir auch, dass die Dinge, die wir nicht wissen, mehr geworden sind. Wenn von mir nur noch die Erinnerung geblieben ist, und mein treuer Begleiter Winton seine Programme abgeschaltet hat, dann erzähle deinen Freunden meine Geschichte. Ich habe oft geweint und mit meinem Schicksal gehadert, war verzweifelt, voller Heimweh, nur von dem Wunsch beseelt zurück in meine Welt zu kommen, und Augenblicke später hat mich das Unbekannte, das sich vor mir auftat, unwiderstehlich in seinen Bann gezogen."
„Aber irgendwann werden die Menschen die Grenzen der Welt erreicht haben, und es wird nichts mehr übrigbleiben, was es noch zu entdecken gäbe. Man wird die letzten Bausteine des Universums kennen. Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten", plapperte ich naseweis.
Mein Freund lächelte. „Kannst du mir die Ewigkeit und die Unendlichkeit erklären? Niemand kann das. Ich bin schon lange Jahre an diesem Ort und grübele viel darüber, doch mein Verstand kann die Dinge nicht fassen. Das Wissen der Menschheit wird endlich bleiben. Weißt du, ob es nur ein Universum gibt oder viele? Nur der, der alles erschaffen hat, ist ewiglich und seine Schöpfung ist unendlich. Und daher ist er auch allmächtig. Wie viel tiefer stehen da wir Menschen!"
So eine Erklärung machte mich stutzig, aber auch neugierig. „Dann will ich auch solche Dinge erleben, wie du es konntest und ein Loch in die Unendlichkeit ritzen. Wenn ich doch endlich mitmachen könnte, immer nur Schule, das ist langweilig, und ich muss noch ewig da hingehen", beschwerte ich mich.
Quent lachte. „Vor langer Zeit habe ich genauso gefühlt. Jedoch alles hat eine feste Reihenfolge, die Weisheit kommt erst mit dem Alter. Du kannst dein kindliches Ungestüm nicht bändigen, kannst nicht abwarten den lieblichen Zwängen der Kindheit zu enteilen, dich dürstet danach, Abenteuer zu erleben. Glaube nicht, ein Erwachsener hätte mehr Freiheiten. Wenn du den Zenit überschritten hast, wird dich die Sehnsucht nach Kindheit und Jugend einholen, aber keine Magie kann sie dir zurückbringen. Viele vertraute Menschen aus jenen Zeiten, es gibt sie nicht mehr. Einstige Spielkameraden sind nun alte Leute. Was einmal war, kommt nie wieder zurück. Vor dem Alter kann sich niemand verstecken, keiner kann ihm entfliehen."
„Wie wahr er sprach. Hört man seine Erlebnisse, erkennt man schnell, wie aus einem vorlauten, frechen, manchmal sogar rüpelhaften Abenteurer der weise alte Mann wurde, den ich erlebt habe. Nun denn, schauen wir uns die Geschichte an, und lassen wir Quent Lancelot selbst erzählen." Philip schaltete das Memoset ein. Es war, als würde ein Vorhang geöffnet werden, um die Sicht auf eine vergangene Zeit freizugeben. Dahinter tauchte ein kleiner Junge auf, der in räumlichen Bildern begann, seine Geschichte zu erzählen. Man konnte genau nachverfolgen, wie er nach jeder Episode etwas älter geworden war. Bald fühlten sich die Zuhörer direkt mit den Geschehnissen verbunden, die vor mehr als 100 Jahren ihren Anfang genommen hatten, als hätten sie sich erst vor kurzem zugetragen. Und dann war der kleine Philip neben seinem berühmten Freund zu sehen.
Hyperlight
Gäbe es ein weiteres Leben, und könnte ich wählen, dann würde ich trotz aller Entbehrungen die ertragenen Strapazen nochmals auf mich nehmen. Jedoch wird einem jeden sein Schicksal nur einmal in die Wiege gelegt, ohne dass der Einzelne darauf Einfluss nehmen kann.
Man sagt, der Orient ist die Heimat alles Wunderbaren und Geheimnisvollen, der Wohnsitz des Mythos und das Land der Weisen. Der Mythos ist der Weisheit letzter Schluss, seit Jahrtausenden existent, von niemandem zu ergründen. Fern jeder wissenschaftlichen Deutung, gehört er zur Geschichte der menschlichen Erkenntnis. Betrachte ich meinen Geburtsort aus geografischer Sicht, so bin ich im Morgenland beheimatet.
Ich heiße Quent Graf Lancelot und habe im Jahre 2954, in einem Wüstenspital nahe der alten Königsstadt Riad, auf der arabischen Halbinsel das Licht der Welt erblickt. Es war ein Tag, an dem orkanartige Stürme die Landschaft terrorisierten.
„Nur alle tausend Jahre einmal schneit es in dieser Wüste. Wer an so einem Tag geboren wird, dem hat die Vorsehung Großes beschieden, denn der Hauch des Universums umgibt seine Wiege. Höre Frau, nur Allah weiß, warum heute die Natur so zürnt. Aber ihr Europäer achtet vieles nicht. Ja, Zahlen und Formeln, die kennt euer Verstand, aber viele andere Dinge bleiben euch fremd. Darum wundere dich nicht, ich weiß wohl, dein Sohn wird es weit bringen und viele Abenteuer bestehen", sprach ein alter Sheikh zu meiner Mutter, dem am Tag meiner Geburt im gleichen Klinikum seine Hühneraugen behandelt wurden. Ich bin unentschieden, war es Glück oder Unglück, der Spruch des Orientalen sollte sich bewahrheiten.
Meine Eltern waren Mitglieder im Archäologenteam Professor Husseins, das damals aus fünfzehn Mitarbeitern bestand und Ausgrabungen am Rande der Wüste Nefud durchführte. Mein Vater betreute dabei die technische Ausrüstung. Meine Mutter war Ärztin.
Der Stammbaum meiner Familie lässt sich weit zurückverfolgen. Eine alte Urkunde nennt einen Ritter Lancelot, der im Jahr 1066 n. Chr. an der Schlacht von Hastings teilgenommen haben soll, ob im Heer König Harolds oder in der Normannenarmee Wilhelm des Eroberers, wird nicht erwähnt. Meine Vorfahren sollen auch Ländereien in Frankreich besessen haben. Ich kann belegen, dass diese Überlieferung keine Legende ist.
Auf mir lastet der Ruhm, der erste Mensch zu sein, der mit einem überlichtschnellen Raumkreuzer geflogen ist, ein Globetrotter zwischen den Zeiten, Spielball des Universums. Und ja, es war ein Zufall, der mich wieder zurück zur Erde brachte.
Doch dieser Weltraumfahrer war ich nicht von Anfang an. Jeder erwachsene Mensch hat eine Kindheit, und irgendwann so ab dem vierzehnten Lebensjahr legt man die kindliche Unbekümmertheit ab. Es folgt eine kurze intensive Zeit, die man nie vergisst, an die man sich im Alter gern erinnert.
Ich bin im Süden Italiens, in Reggio di Calabria, im Haus meiner Großeltern zusammen mit meiner älteren Schwester Diana aufgewachsen. Meine Eltern waren beruflich viel unterwegs, überall dort, wo es Reste der frühen Neuzeit zu finden gab, und meistens nur die drei Tage an Wochenenden zu Hause.
Großeltern sind, was die Erziehung der Enkel betrifft, weitaus nachsichtiger als deren leibliche Eltern und nehmen ihren Nachkommen die Kinderstreiche nicht übel.
Es konnte nicht ausbleiben, dass nach einer gröberen Verfehlung meinerseits, meine Eltern zu dem Entschluss kamen, mich mit zu sich zu nehmen, um mehr Einfluss auf meine Erziehung zu bekommen. Die Begebenheit, die dazu führte, hat für viel Aufregung gesorgt, wurde sogar weltweit in den Medien vermeldet.
Kinder, die allein spielen, entwickeln selten dumme Gedanken, doch finden sich die richtigen Kumpels, kann es schon mal krachen. In den Schulferien oder an freien Tagen kam regelmäßig mein Cousin Spencer, der vier Jahre älter als ich war, zu Besuch. Wir waren schnell gute Freunde. Meistens tummelten wir uns am Strand oder trieben uns in den Gassen der Altstadt und auf dem Marktplatz herum. Hier saß vor dem Brunnen oftmals ein alter Mann. Er hatte einen grauen Stoppelbart, paffte genüsslich seine Wasserpfeife. Seinen Kopf bedeckte ein großer Turban. Um ihn standen immer sehr viele Kinder und manchmal auch Erwachsene, denn er konnte auf eine ganz eigene Art und Weise spannende Geschichten erzählen. Wie er hieß, wusste niemand. Die Leute nannten ihn Machmut der Märchenerzähler.
„Hey, rauchen verpestet die Umwelt, die Luft, die wir zum Atmen brauchen", rief Spencer.
Der Alte machte noch einen Zug aus seiner Pfeife und bliess die Qualmwolke aus. Er unterbrach seine Erzählung, sah meinen Cousin belustigt an und sprach. „Naseweiser Spund, was erdreistest du dich, die Erde hat schon ganz andere Katastrophen als den Menschen überlebt!" Danach wandte er sich wieder seinen Zuhörern zu.
Mein zweites Schuljahr ging zu Ende. Mit Beginn der Ferien reiste Spencer wieder an. Er hatte sein Geburtstagsgeschenk, einen neuen Masseprojektor, mitgebracht. Mit dem Gerät ließen sich diverse Welten durch die Kraft der Gravitation realitätsnah darstellen, als säße man mittendrin. Die erzeugte Umgebung besaß feste Konturen, Gerüche und Lichteffekte wurden wahrnehmbar, Schwerkraftänderungen spürbar.
„Nachher probieren wir das Ding aus, besichtigen die Planetenmonde und erkunden, wie unsere Ahnen gewohnt haben", sprach der Cousin zu mir.
„Was sind Ahnen?", wollte ich wissen.
„Nun, das sind die Menschen, die lange vor unseren Großeltern gelebt haben, du wirst das gleich erleben."
Abends, wir sollten eigentlich schon schlafen, ließen wir uns in eine Schule des 21. Jahrhunderts versetzen und als das langweilig wurde, konnten wir wenige Augenblicke später in einer Erkundungskapsel die bizarre Eiswelt des Saturnmondes Titan überfliegen. Licht und Dunkel wechselten in rascher Reihenfolge einander ab. Zerklüftete Felsmassive rasten auf uns zu, hinter denen jäh wieder tiefe Abgründe und Schluchten auftauchten. Grässliche Geräusche entstanden, wenn Eisstürme gegen die feste Außenhaut peitschten.
Dabei war alles nur Illusion. So glitten in der Tiefsee riesige Meerestiere an uns vorüber, andere wurden durch die Suchscheinwerfer aufgescheucht. Jedoch wenn der Projektor erkannte, dass sich jemand fürchtete, stand er still, und man befand sich zurück in der realen Welt.
Anderntags trieben wir uns wieder in der Stadt herum und blieben am Marktplatzbrunnen bei Machmut stehen, der gerade die Geschichte von den singenden Eisblöcken auf dem Transpluto erzählte, die schon manchem Raumfahrer Verderben brachten, weil derjenige, der sie klingen hört, so betört ist, dass er das Gefühl für Raum und Zeit verliert.
Am späten Vormittag hatten sich immer mehr Kinder und auch einige Erwachsene um den alten Mann eingefunden. Machmut begann von dem unterirdischen Reich der Zwerge in den Dolomiten und ihrem König Laurin zu erzählen, der nur einmal im Jahr, und zwar am 21. Juni an die Erdoberfläche kommt, um seine Zauberwiese, den Rosengarten zu betreten.
„Das ist ja komisch, ist deine Story wirklich wahr? Ich glaube nicht an solchen Spuk und an keine Geister." warf Spencer ein, als Machmut geendet hatte.
„Allah ist groß und Mohammed sein Prophet!, rief der beleidigt. „Allah hat in seiner unendlichen Güte selbst euch Ungläubige mit so viel Verstand ausgestattet, dass sogar ihr König Laurins Rosengarten finden könntet. Und der Dämonen gibt es viele. Ihr könnt sie nur nicht mehr sehen, weil sie der weise König Salomo vor über viertausend Jahren von der Erde verbannt hat. Nur der Gnom Laurin hat sich damals vor den Häschern des Königs verstecken können. Beim Barte des Propheten! Alles, was ich erzähle, ist so wahr, dass vieles davon in den Lesebüchern der Schulanfänger aufgeschrieben steht.
Doch bald hatte sich das Gemüt des Alten etwas beruhigt, und er begann von seiner ersten Pilgerfahrt nach Mekka zu berichten.
Sollte es Laurin wirklich geben? Nach dem Abendessen kam ich auf eine Idee: „Spencer, du kannst doch mit dem Projektor das Zwergenreich und den steinernen Rosengarten herholen?" Tatsächlich zeigte sich alles so, wie es Machmut beschrieben hatte, und wie es auch in meinem Schulbuch stand.
„Was hältst du von einem Ausflug in die Dolomiten?, sagte Spencer nach einer Weile. „Übermorgen ist der 21. Juni. Da öffnet Laurin sein unterirdisches Labyrinth.
Ich fand den Vorschlag gut, und wir begannen unverzüglich die Vorbereitungen. Spencer war ein technisch sehr begabter Junge. Bezüglich der Programmierung von Haushaltshelfern konnte er mit diplomierten Technikern mithalten. Die Art und Weise, wie er es bewerkstelligte, dass wir unbemerkt entkommen konnten, hat viele Fachleute erstaunt.
„Um die Ausrüstung müssen wir uns persönlich kümmern, der Hausrobbi darf nichts merken. Wir fangen gleich an, dann ist morgen früh alles fertig", sprach Spencer.
Das größte Problem bestand darin, unsere Reise anzutreten, ohne in der Schutzleite einen Alarm wegen unseres Verschwindens auszulösen.
„Uns fehlt eine Legitimation. Die beiden müssen dran glauben, nur solange wir unterwegs sind." Spencer fand die Lösung, indem er aus zwei von Großvaters selten genutzten Inforobotern die Identitätsplatinen entfernte und die Geräte durch ihre interne Energieversorgung aktiv hielt. Den Platinen programmierte er eine Reiselegitimation für uns beide ein. Damit wurde der Anschein erweckt, als seien wir in Begleitung von zwei Robotern unterwegs und konnten alle öffentlichen Verkehrsmittel ohne aufzufallen benutzen.
Die Kammertür ging auf. „Na meine Herren, bei euch geht es ja noch lustig zu. Plant ihr eine neue Schelmerei? Ab nach Federhausen, morgen ist ein neuer Tag. Gute Nacht, schlaft gut und träumt was Schönes." Der Schreck saß tief, aber Großmutter hatte nichts bemerkt.
Spätestens jetzt verließ mich der Mut: „Großvater wird sehr böse werden, vielleicht ist es besser, wir warten bis nächstes Jahr, dann kommt Laurin auch wieder auf die Erdoberfläche."
Mein älterer Cousin wollte davon nichts wissen: „Quatsch, Opa wird gar nicht erfahren, dass wir verschwunden sind. Sobald wir zurück sind, repariere ich die Robs wieder."
Wir schlichen uns am frühen Morgen aus dem Haus, bestiegen den Gravoliner nach Marseille und gelangten von hier mit der altertümlichen Vakuumbahn, die nur noch für den Nahverkehr genutzt wurde, direkt nach Ortisei in den Dolomiten. Den Rest des Weges wollten wir mit einem Gravojet bewältigen. Gerade noch rechtzeitig fiel meinem Cousin ein, dass dann der Schwindel auffliegen würde, denn beim Benutzen des Viersitzers mussten der Schutzleite die gefälschten Roboteridentitätsmarken auffallen.
„Das letzte Stück gehen wir eben zu Fuß, ich fühle es förmlich, bis zum Rosengarten ist es nicht mehr weit, drei Stunden. Nur der Höhleneingang ist in dem Geröllfeld nicht leicht zu finden", erklärte mir Spencer voller Enthusiasmus.
Der Trip dauerte nicht lange. Mit dem ersten Hahnenschrei hatten wir die Haustür hinter uns geschlossen. Zum Abendessen saßen Spencer und ich wieder an Großmutters Küchentisch. Dass wir so bald aufgespürt wurden, war Großvater zu verdanken, der unser Verschwinden frühzeitig bemerkt hatte, sowie der Besatzung des Raumtransporters Polarstern, der eine automatische Messstation vom Triton zum Mond überführen sollte, aber anstatt dort zu landen, seinen Kurs änderte und sofort die Suche nach uns aufnahm.
Spät am Abend erschienen meine Eltern. Schon vorher hatte Tante Pat meinen Cousin Spencer abgeholt, ein böses Omen. Trotzig erwartete ich die Standpauke. Vater marschierte nervös in der Stube auf und ab. „In der Tat, das ist eine wirklich üble Sache, die du uns eingebrockt hast. Ich bin etwas in Sorge, um nicht zu sagen sehr in Sorge, deine Entwicklung könnte aus dem Ruder laufen. Wir müssen deiner Erziehung wohl oder übel mehr Aufmerksamkeit widmen."
„William triff jetzt keine vorschnellen Entscheidungen, es ist schließlich alles gut ausgegangen. Kinder tun manchmal Dinge, die ihre Eltern erzürnen. Erinnere dich an deine Kindheit und unseren Urlaub in Kasachstan, wir mussten drei Stunden nach dir suchen, als du im Hühnerstall Eier abnehmen wolltest und dort eingeschlafen bist", sagte Großvater.
„Ich glaube, das kann man so nicht miteinander vergleichen. Es bleibt dabei, wir nehmen unseren Sprössling mit, zumindest so lange bis ihm die Flausen vergangen sind", sprach mein Vater, der vierundsechzigste Earl Lancelot, in seiner betont vornehmen britischen Art, Mutter wischte sich die Tränen von ihrem Gesicht ab.
Ich nahm mir vor Reue zu zeigen und sagte: „Aber ich mache doch so was nie wieder, ich will nicht mit nach Arabien, ich will hier bei den Kumpels bleiben, mit Spencer spielen!"
„Hör ihn sich einer an. Unser Spross will nicht bei den Eltern sein, möchte mit Spencer spielen, neue Missetaten begehen, als ob es nicht reicht, dass die ganze Raumflotte nach ihm suchen musste? Nichts da, Strafe muss sein. Und du brauchst gar nicht noch zu grinsen, steh gerade, wenn ich mit dir rede!", prustete Vater.
„Ich habe jetzt aber nichts gemacht, und es war nur ein Raumkreuzer", warf ich ein.
„Nichts gemacht? Wenn ich dir zwei Streichhölzer gebe, kannst du damit trommeln, so zappelig stehst du da!"
„Was sind Streichhölzer?"
„Üble Streiche vollführen, die Eltern blamieren und nicht wissen, wie mühsam die Menschen sich in vergangenen Tagen ihr wärmendes Feuer anzünden mussten! Hast du im Unterricht nicht aufgepasst? Aber was kann man von einem Ausreißer schon erwarten."
„Ich habe aufgepasst, nur dass man mit Feuersteinen, wie sie im Schulmuseum in der Vitrine liegen, auch trommeln kann, das habe ich nicht gewusst."
Zwecklos, nun schnaufte Vater vor Wut, sein Gesicht rötete sich immer mehr. Ich begriff erstmals in meinem Leben, man muss an der richtigen Stelle resignieren können, und so beschloss ich, mein Schicksal ohne Murren zu ertragen. Bei allem Unbehagen konnte ich der Sache auch einen positiven Aspekt abgewinnen; Tante Jacobina, eine Erzieherin in der Grundschule, eine echt blöde Kuh, würde ich einige Wochen los sein. Die sagte immer: „Du musst deinen Spinat schön abessen, sonst gibt es Regenwetter."
Als ob da zwischen Regen und Spinat ein Zusammenhang bestehen würde. Ich wusste genau, für den Sonnenschein war der Wetterfrosch von meinem Kumpel Luigi zuständig, wenn der auf der Leiter ganz oben saß, konnte es nicht regnen.
Den nächsten Sonnenaufgang erlebte ich bereits in einem Archäologencamp in der Wüste, unweit von Al-Kafah am Rande des Gebirges Djabal Schammar. Gleichaltrige Spielgefährten gab es hier nicht. Anfangs sah ich den Ausgräbern bei ihrer Arbeit zu, die darin bestand, die Ruinen eines alten Solarkraftwerkes freizulegen und zu rekonstruieren.
Nun musste ich in Buraydah zur Schule gehen, saß dort neben Abdullah, mit dem ich mich rasch anfreundete.
„Stimmt es, dass man in Europa in Unterwassersiedlungen oder in hängenden Häusern wohnt? Im Uralgebirge habe ich Holzhäuser gesehen. Bei uns in der Oase wachsen nur Palmen und wir wohnen in Zelten, fast so wie die Nomaden, die hier vor tausend Jahren lebten. Das ist auch bequem", sprach mich Abdullah an.
„Mir gefällt das, bei euch ist vieles anders. Die Leute sind hier gelassener, sogar mein Vater mault weniger, man kennt keine Eile und keine Hektik. Ich finde es klasse, in so einem Zelt wohnt man echt gemütlich. Aber sobald ich wieder zurück nach Reggio darf, musst du mich unbedingt einmal besuchen kommen."
Die Familie des Freundes lebte schon seit undenklichen Zeiten in dieser Gegend. Abdullahs Vater, der Sheikh Ali Ibn al Hussain, war ein gefragter Architekt. Er besaß zwei Araberhengste und vier Kamele, nur noch so als Hobby. An vielen Abenden durften wir Kinder mit am Lagerfeuer der Beduinen sitzen, für einen Knirps wie mich ein einmaliges Erlebnis. Die Freundschaft mit Abdullah hält schon viele Jahre an.
Irgendwann war der Zorn meiner Eltern verrauscht. Ich durfte zum Großvater nach Reggio di Calabria zurückkehren. Der Vater hielt mir eine letzte Gardinenpredigt, die ich, mir keiner Schuld bewusst, über mich ergehen ließ.
Die Schule von Reggio befand sich im Mittelmeer auf einer künstlichen Insel. Meine schulischen Leistungen konnten sich sehen lassen, sodass ich den allgemeinen Grundkurs, der normalerweise fünf Jahre dauerte, bereits nach vier Jahren beenden konnte. Der Notenausgabe musste ich wegen einer fiebrigen Erkältung fernbleiben.
Großmutter kam mit dem Zeugnis und einer Neuigkeit an mein Krankenlager: „Nein, nein, sind das Zeiten geworden. Jetzt dürfen schon Kinder Ausflüge jenseits des Mondes machen. So was gab es in meiner Jugend nicht, wozu das nur gut sein soll? Hier lies es selbst." Noch etwas vor sich herbrabbelnd, gab sie mir das Schriftstück, in dem stand, dass als Auszeichnung die besten Schüler der hiesigen Grundschule das Raumfahrtforschungslaboratorium Sonar besuchen dürfen. An dritter Stelle von oben stand mein Name. Meine beiden Freunde Luigi Benedetto und Frank Ironside sowie die zickige Salima Abdul durften auch an diesem Flug teilnehmen.
Die Raumfähre Nordlicht benötigte für den Flug zur Station Sonar drei Tage. Mit uns flog die Ablösung, die das Forschungsschiff für die nächsten fünf Monate übernehmen sollte.
„Ich gehe in das astrophysikalische Observatorium, so klar kann man die Sterne auf der Erde nicht sehen", sagte Frank und verschwand. Salima folgte ihm nach. Luigi und ich streunten durch die verwinkelten Gänge und Decks des Frachters.
„Na Jungs, wollt ihr mal sehen, wie das Schiff gelenkt wird?" Der erste Offizier führte uns in die Kommandozentrale, und wir durften im Pilotenstand Platznehmen.
Auf der Bildwand konnte man das Raumfahrtlaboratorium deutlich erkennen. Die Solarfolien und Gravitationsgeneratoren, die den 4800 Meter langen Zylinder flankierten, leuchteten dunkelblau im Sonnenlicht.
„Irgendwie sieht die Raumstation unheimlich aus. Ich werde einmal einen Beruf auf der Erde ergreifen. Vor dem unendlichen Weltraum habe ich Angst", sprach Luigi zu mir. Doch ich konnte seine Empfindungen nicht teilen. Ich wusste, was ich einmal werden würde.
„Erst einmal angetreten, und dann mir nach!" Auf der Sonar wurden wir vom Obersteward Frantisek Baur in unsere Kabinen geleitet. Der Raumfahrtveteran entpuppte sich als ein rechter Spaßvogel. Er band uns einen Weltraumbären nach dem anderen auf.
Das Weltall birgt große und kleine Abenteuer, und manchmal sind es nicht die unerforschten Planeten und Monde, die dessen Faszination ausmachen, sondern die ganz alltäglichen Dinge. Eine gelungene Überraschung stellte die Weltraumtaufe dar, eine Zeremonie, die mit der Äquatortaufe bei den Seefahrern vergangener Zeiten vergleichbar ist. So wie ich, hatten die meisten meiner Mitschüler schon von dem Spaß gehört, den die alten Raumfahrer mit den Neulingen veranstalteten, und keiner wollte sich hereinlegen lassen. Die Überrumpelung kam aber trotzdem für alle überraschend.
„Die neu angereisten Besucher werden gebeten, sich im Konferenzraum zur Bekanntgabe der Stationsordnung einzufinden", verkündete eine freundliche Stimme. Um auf schnellstem Wege dorthin zu gelangen, musste man den Swimmingpool der Station passieren. Etwa dreißig Personen, die Schülergruppe, unsere Lehrerin Fräulein Soraya, zwei Professoren, einige Techniker und ein etwas vorlauter Journalist nutzten die Abkürzung. Der Trupp befand sich gerade am Rand des Pools, der ungefähr die Ausmaße eines Fußballfeldes hatte, da geschah etwas Sonderbares. Die Schwerkraft ließ allmählich nach und wir schwebten zusammen mit den Wassertropfen des Badebeckens, die als bizarre Gebilde über uns schwappten, durch die Halle. Im Nu waren alle bis auf die Haut durchnässt. Die beste Haltungsnote vergaben wir anschließend Fräulein Soraya, die anfangs mit beiden Händen versuchte ihren Rock am Aufsteigen zu hindern, bis dieser klatschnass eng am Körper anlag. Ja, wir hatten noch eine richtige Lehrerin, nicht so wie an Schulen, an denen seelenlose Hologramme die Schüler unterrichteten.
„Das ist überhaupt nicht lustig, ich hasse Wasser!" Der Journalist, der lauthals über den gelungenen Spaß schimpfte, musste wegen seines vorlauten Mundwerks einiges davon schlucken, bis er nur noch husten konnte. Die beiden Professoren ließen alles in stoischer Gelassenheit über sich ergehen. Allmählich nahm die Schwerkraft wieder zu, und manch einer, vorneweg der Journalist, landete im Becken. Riesige Sauger fischten die Gebadeten heraus. Ein warmer Wind trocknete die Anziehsachen in kurzer Zeit. Würdevoll stopfte sich einer der beiden Professoren seine Pfeife und paffte genüsslich drei Züge. Er hatte nicht lange Freude an seinem Laster. Der Rauchmelder unter der Trockenhaube sprach an, eine Dusche löschte die Pfeife und durchnässte seine fast trockenen Kleider aufs Neue, sehr zum Leidwesen des Journalisten, der neben dem Professor saß und ebenfalls einiges von der Dusche abbekam. Nach bestandener Tortur kamen als Sternenkobolde verkleidete Besatzungsmitglieder, um den Täuflingen ihre Weltraumpässe auszuhändigen.
Im Vergleich zu anderen Stationen, zum Beispiel der Raumschiffswerft Meridian, in der die interstellaren Raumkreuzer montiert wurden, war Sonar ein Winzling. In Sonar sollten vollkommen neuartige Testraumschiffe ausgestattet werden. Ich erwähne das, da hier jenes Projekt angeschoben wurde, mit dem mein weiteres Schicksal eng verknüpft sein sollte. Doch das wusste ich damals noch nicht.
Der Besuch auf Sonar formte meinen Wunsch Raumpilot zu werden. Ein Traum, den viele Mädchen und Jungen hegen, der aber nur bei ganz wenigen in Erfüllung geht, so war das schon im Zeitalter der Eisenbahn, als die Schulbuben davon träumten Lokomotivführer auf einer Dampflok zu werden.
Es gibt noch einen Ort, an den ich viele nette Erinnerungen habe. Als kleiner Junge reiste ich sehr oft mit den Eltern zu den Urgroßeltern, Opa Michael und Oma Jessica, die in der Nähe von Kufstein in einem uralten Wirtshaus wohnten. Gelegentlich kehrten dort sogar Urlauber zum Übernachten ein. Hier waren alle Jahreszeiten einzigartig. Damals waren die Sommer noch wärmer und die Winter kälter, zumindest in meinen Erinnerungen. An eine sehr schmerzhafte Begebenheit kann ich mich besonders gut erinnern.
Ich war gerade mal drei, saß mit dem Urgroßvater in dessen Garten am Haus und sah dem Treiben der Insekten und Schmetterlinge zu. „Opa, was sind das dort für große Fliegen, die immer in die Kästen krabbeln", wollte ich wissen.
„Das sind die fleißigen Bienen, die von den Blumen den Honig sammeln, den du zum Frühstück so gern auf deinem Brötchen isst", erklärte der mir.
Zu viel Neugier kann Schmerzen bereiten. Großvater war durch eine Arbeit abgelenkt, ich lief zu den Bienenstöcken und stocherte mit einem Stock in einem der Schlitze. Die Folge waren zwei schmerzhafte Bienenstiche. Laut schreiend rannte ich zum Opa. „Die Bienen sind böse. Die beißen!"
„Die Bienen sind nicht böse, sie haben sich nur gewehrt, versuchte der mich zu beruhigen, „aber warte, morgen gehen wir hin und kneifen den Bienen die Zähne ab.
Anderntags hatte der Großvater seine Bemerkung schon wieder vergessen, aber ich wollte wissen, wann wir zu den Bienen gehen würden, um denen die Zähne abzukneifen.
„Warte noch ein bisschen", antwortete er mir, wohl in der Hoffnung ich würde das Späßchen bald vergessen haben. Doch nichts da, ich holte mir aus einem Abstellschrank eine alte Kneifzange, ein Werkzeug, wie es die Menschen schon vor dreitausend Jahre zu benutzen wussten. Damit lief ich erneut zu den Bienenstöcken und wurde noch einmal von einem der wehrhaften Insekten gestochen. Seit jener Zeit mache ich um Bienenhäuser immer einen großen Bogen.
Regelmäßig, mit Beginn der Schulferien, kam ich zu den Urgroßeltern. Irgendwann erwacht in jedem das Interesse an seinen Ursprüngen. Durch Zufall stieß ich auf die Spuren einer weit zurückliegenden Vergangenheit, als ich unter dem Dachboden in einer hölzernen Truhe einen Packen gut konservierter Bilder entdeckte.
Ich fand sie deshalb so interessant, weil auf ihnen die Bildnisse meiner Vorfahren zu erkennen waren. Als würde es sie noch geben, sahen sie mich an. Was wollten sie mir sagen? Voller Ehrfurcht und scheu betrachtete ich ein Bild nach dem anderen. Die ältesten waren über tausend Jahre alt und in schwarz-weiß. Aber mithilfe eines Wandlers konnte man sie in Farbe und dreidimensional anschauen. Auf einigen Bildern fanden sich auf der Rückseite Schriftzeichen. Ihr Sinn war mit einem Lesegerät leicht zu entziffern. Meine Vorfahren hatten hier ihre Urlaubserinnerungen festgehalten, aus einer Zeit, als man mit Arbeit noch seinen Lebensunterhalt verdienen musste. Nach etwa einhundert Jahren war die Bilderzeit vorbei. Ich fand kleine Kassetten und Scheiben, doch die bewegten Bilder besaßen nicht die würdevolle Ausdruckskraft der Fotos. Seltsam, die Sprache der Vorfahren, ich konnte ihre Worte nicht verstehen. Das junge Mädchen auf dem Segelboot, ein Teenager, das schwarze Haar vom Wind zerzaust. Ihre braunen Augen blickten mich frech an, bevor sie ins Wasser sprang. Fast tausend Jahre zurück, zu gern hätte ich mit der Urahnin ein paar Worte gewechselt.
„Ich habe mir die Bilder auch angesehen. In einigen hundert Jahren wird man uns genauso betrachten, das kann niemand anhalten", sprach Cousin Spencer zu mir, als ich die Bodentreppe herunterstieg. Damals studierte er in München Bionik und hatte eine Dachkammer im Haus der Urgroßeltern bezogen.
„So einfach will ich es mir nicht machen. Ich will wissen, wie unsere Vorgänger gelebt und was sie gefühlt haben. Wenn es ginge, würde ich tausend Jahre zurückreisen und der Ururoma beim Backen zusehen", äußerte ich meinen Wunsch.
Spencer nahm mich auf die Schippe: „Vielleicht erfindet man noch einen Zeitkreisel, dann kannst du durch das Mittelalter fegen. Aber denke nicht so viel an die Vorzeit, genieße die Freiheit. Koste deine Jugend aus. Halte dich bereit, ich habe eine Schlittenfahrt organisiert."
Der Winter verwandelt die Alpen in eine mystische Zauberwelt. Uralte Bräuche werden hier noch genauso wie vor Jahrhunderten gepflegt. Ende Dezember, während der Rauhnächte, da sind die Perchten unterwegs, um den Winter auszutreiben, wenn er noch seine ganze Macht zeigt. Die Perchten sind Fabelwesen mit zwei Gesichtern, einem guten und einem bösen. Die Ursprünge dieses Brauches liegen im Dunkel einer heidnischen Vergangenheit verborgen, vielleicht waren die Kelten die Erfinder dieser Tradition, oder sie kam von den alten Germanen, vielleicht sogar aus noch grauerer Steinzeit. Bereits als ich ein kleiner Bub war, hat mich das wilde Treiben immer magisch angezogen.
Später hatte auch ich eine hölzerne Maske und ein Kostüm. Zusammen mit Spencer, meiner Schwester Diana und einigen Studenten schloss ich mich, so ausgestattet, dem Umzug an, der in jedem Jahr auf derselben Route vom nahegelegenen Ort, vorbei an einer alten Kapelle zu Großvaters Wirtsstube und wieder zurück in das Dorf führte. Spencer, der hier quasi zu Hause war, wusste immer, wo etwas abging.
Ich war siebzehn, und mir begannen die ersten Barthaare zu sprießen. Etwas ausgepowert hockten wir abends in Großvaters Stube. Bevor wir zur Nachtruhe übergingen, erklärte mir mein Cousin etwas altklug: „Morgen startet eine tolle Party, du könntest mitkommen, natürlich nur, wenn du willst und fit bist, so ein Gaudi kann hart werden."
„Das erinnert mich etwas an König Laurins Rosengarten, selbstverständlich bin ich dabei, wenn die Sau rausgelassen wird. Ich bin immer fit", entgegnete ich cool.
Am Nachmittag des folgenden Tages kamen zwei mit Spencer befreundete Studenten, um uns abzuholen. „Hey Spencer, zieh die Lederhose an und mach dich schick, wir wollen feiern gehen!", rief einer von ihnen ausgelassen.
„Wenn ich mit euch gehe, reicht es, wenn ich meine ältesten Socken anziehe, die mit den größten Löchern!", konterte Spencer. Nichtsdestotrotz dauerte es noch zwanzig Minuten, ehe mein Cousin endlich erschien, mit Gel
