Über dieses E-Book
Andreas Breidert
Andreas Breidert, 1981 in Darmstadt geboren, ist begeisterter Vielleser, Sprachkünstler und heimatverbundener Karnevalist. Seine ersten drei Bücher, allesamt Lokalkrimis in südhessischer Mundart, wurden 2017 mit dem Künstlerpreis des Spirwes Darmstädter Preis für Maulkunst & Lebensart ausgezeichnet.Ein Restaurantbesuch inspirierte Breidert, sich für das Thriller-Genre zu öffnen und mit Das letzte Gericht neue literarische Wege zu gehen. Der Autor lebt im Rhein-Main-Gebiet und ist seit mehreren Jahren als Controller tätig.
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Das letzte Gericht - Andreas Breidert
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
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MEDU%20grau%20f%c3%bcr%20Titelei.tifAndreas Breidert
Das letzte Gericht
Thriller
© 2023 MEDU Verlag
Dreieich bei Frankfurt/M.
Umschlaggestaltung: im Verlag
ISBN 978-3-96352-114-0
Ebenfalls erhältlich als Printversion: ISBN 978-3-96352-106-5
»Der Tod riecht immer gleich. Tritt er unbemerkt hinter dich, verströmt er seinen Geruch: ein zarter Duft, sommerlich und süß, hüllt dich ein. Gaukelt dir vor, du genießt dein Lieblingsessen. Du wirst dich sorglos fühlen. So leicht, dass du seine alles beendende Umarmung zu spät bemerkst. Bitter und faulig drängt sein Duft nun zu dir, hinterlässt einen sauren, blutigen Geschmack auf deiner Zunge. Wenn du dein Gesicht verziehen, deine Nase rümpfen willst, beginnt es. Geruch und Geschmack werden fader. Verschwinden. Du wirst sein Hauchen hören. Das Erlöschen riechen. Dann ist es vorbei. Am Ende bleibt: nichts.
Der Tod ist ein Künstler der Tarnung. Egal wie er dich ereilt oder wessen Hand er führt.«
Manfred Ray-Smith
(Anthropologe)
Menü
Tischgedeck
Besuch aus der Vergangenheit
Schweinelende im Amarettinimantel mit Portweinzwiebeln und Spitzkohl
Dinner
Frankfurter Rippchen mit Birnen-Sauerkraut und Kartoffelstampf
Aperitif
Entrecôte mit Rucola-Birnen-Rote-Bete-Salat
Appetizer
Sommersalat mit karamellisiertem Nussschrot
Vorspeise
Créme brûlée nach Art des Hauses und ein Mineralwasser
Servieren
Tafelspitz mit Salzkartoffeln und Gemüse aus dem Sud
Flambieren
Hackbraten im Speckmantel mit Stiftkarotten und Salzkartoffeln
Blanchieren
Bärlauch-Spaghettini mit Lachs
Hauptgericht
Riesling-Pilzragout mit Wildbrät und Schupfnudeln
Grillen
Gänsekeule in Orangensauce mit Kartoffelkloß und Rotkohl
Tranchieren
Zwiebelgulaschsuppe mit Kümmel-Lavendel-Brot
Abtragen
Tischgedeck
Der Raum lag in Dunkelheit. Die wenigen Kerzen, die verteilt umherstanden, sowie das Windlicht auf dem weißen Tischtuch konnten den verwinkelten Raum nur wenig erhellen. Vereinzelt tanzten Schatten über die abgegriffenen Flächen. Sie waren die einzigen Zeugen dessen, was vor sich ging.
Dieser eine Tisch wirkte in seiner Umgebung wie ein Fremdkörper. Eingehüllt in eine Tafeldecke, die wenn man darauf achtete nach Weichspüler und Stärke roch, wirkte der Tisch wie aus der Zeit gefallen. Die anderen, blanken Sitzmöbel waren ein Stück beiseitegeschoben, als müssten sie dem einen weichen.
Feines Silberbesteck war gedeckt worden, reich verziert und frisch poliert. In gebührendem Abstand hatte man Stoffservietten danebengelegt, akkurat gebrochen wie ein noch nie aufgeschlagenes Buch.
Neben dem Windlicht aus gelbem Satinglas war ein kleines Blumengesteck arrangiert worden. Während die Rose ihre feinen Geruchsnoten nur aus nächster Nähe preisgab, wollten die dazu drapierten Zimtstangen ihr spärliches Aussehen gegenüber ihrer Nachbarin mit einem intensiven Duft ausgleichen. Die Tannenzapfen in diesem Ensemble knackten leise. Sie hatten in der trockenen Luft ihre Glieder von sich gestreckt und steuerten dem Zimtduft eine harzige Note bei.
Es war zwar keine Arbeit eines Floristen. Es war aber auf den ersten Blick zu erkennen, dass es mit Hingabe zusammengestellt worden war. Es sollte etwas Besonderes, etwas selbst Gemachtes sein.
In symmetrischer Ausrichtung zum Besteck standen schlichte Wassergläser neben wuchtigen Rotweingläsern aus Bleikristall. Ihr aufwändiger Schliff bot den flackernden Flammen eine wunderbare Spielfläche, und so schimmerte der Schein der einzelnen Kerzen mal in dieser, mal in jener Facette.
Mit einem Rauschen öffnete sich eine Tür. Ein Lichtstrahl fiel auf einen Teil des Tischtuchs. Sie, die alles arrangiert hatte, trat aus dem Licht in den spärlich beleuchteten Raum. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte und ihre Augen sich an dunklere Umgebung gewöhnt hatten, setzte sie ihren Weg fort. Ihre Hände kontrollierten erneut sämtliche Bestandteile der kleinen Tafel, rückten hier das Messer zurecht und zupften dort an der Serviette. Die trockene Haut, die spröden Fingernägel sowie die zahlreichen Risse und Verletzungen an diesen Händen ließen erahnen, wie müde sie war.
Für einen Moment stand alles still. Ihr Blick fiel auf die funkelnden Weingläser. Ihre Hände griffen ins Dunkel und holten einen Dekanter hervor. Schwerfällig rann der Rotwein in die Gläser, so langsam und mühevoll führten sie die große Weinkaraffe. Kaum war der Wein, der im Schummerlicht beinahe schwarz wirkte, in das erste Glas geflossen, gab er sein reiches Aroma preis. Schwarze Johannisbeere und das Aroma von Vanille, gepaart mit dem typischen Eichenholzduft eines schweren Rotweins, zogen durch den Raum, vermischten sich mit dem Zimt des kleinen Bouquets zu einer weihnachtlich anmutenden Duftkombination.
Nachdem sie den Dekanter wieder in der Dunkelheit verstaut hatte, hob sie das Glas an, schwenkte es und hielt es auf Augenhöhe hoch. Zahlreiche spitze Kirchenfenster hatten sich gebildet und die Tränen des Weines ergossen sich in das dunkelrote Meer. Mit einem kurzen Nicken platzierte sie das Glas auf der Stelle, von der sie es zuvor genommen hatte.
Ihre innere Unruhe ebbte etwas ab. Doch die Anspannung vor dem Zusammentreffen lauerte in ihrem Kopf, vielleicht um später wieder hervorzukommen und ihre Bewegungen weiter zu lähmen.
Sie ging die drei Stufen hinunter zur Eingangstür. Ihre Finger wanderten zu dem kleinen Glaseinsatz, drückten erneut den Klebestreifen des Schildes fest. Geräuschlos glitt die Kuppe über den durchsichtigen Streifen und machte kehrt. Zurück an der Schiebetür streckte sie die linke Hand aus. Als sie den Griff der Tür berührte, überkam sie eine Erinnerung.
Besuch aus der Vergangenheit
2005
Warme Sonnenstrahlen begrüßten Sabine Schneidermann, als sie vor das Haus trat. Die Bäume machten sich daran, ihr spärliches Aussehen gegen frisches Grün einzutauschen. Die Luft war satt vom Frühlingsduft, von der Frische aufkeimenden Lebens, von der zarten Süße der ersten Blüten. Blinzelnd genoss sie das sich ihr bietende Bouquet, bis sich ihre Augen an das schmerzlich vermisste, wohltuende Sonnenlicht gewöhnt hatten.
Sie bog nach links, um zu ihrem Kastenwagen zu gehen. Der nächste Einkauf stand auf dem Programm, und sie war spät dran. Ein schwarzer Tee, ein schnelles Waschen sowie etwas Feuchtigkeitscreme für Gesicht und Hände, für mehr war ihr keine Zeit geblieben. Auf dem Weg zu ihrem Wagen weckten die gerade zurückgekehrten Vögel mit ihren Singstimmen jene Lebensgeister in ihr, die der starke Tee nicht hatte hervorlocken können.
Bei genauerem Hinsehen konnte man die ersten Knospenspitzen ausmachen, die in zartem Grün aus den jungen Trieben der Platanen entlang der Straße hervorlugten. Die Gewächse ließen einen Passanten glauben, sich hier in einem besseren Viertel der Stadt zu befinden. Frisch ausgebesserte Gehwege, viele Bäume und große Grünflächen waren zu sehen. Doch hinter den Mauern dieses Areals lebten Menschen, die für die überteuerte Miete ihrer Unterkunft hart arbeiten mussten. Unzählige schufteten in mehreren Anstellungen, nur um sich und ihren Familien ein Leben in dieser Umgebung ermöglichen zu können.
Durch einen Zufall hatte Sabine eine kleine Wohnung in einem der Mehrfamilienhäuser bekommen, die sich mit ihren verwaschenen Fassaden hinter den Platanen der Stadtbegrünung zu verstecken versuchten. In der Zeit ihrer Errichtung waren sie alle in unterschiedlichen Farben gestaltet worden. Der Zahn der Zeit, der Staub der Vergangenheit und die Zeichen der Veränderung hatten mit den Jahren ihre Spuren hinterlassen. Ein Grauschleier hüllte die Wohneinheiten ein. Er zerstörte jede Hoffnung auf ein Erwachen aus diesem tristen Schlaf.
Als eine Locke ihres braunen, von grauen Strähnen durchzogenen Haares ins Gesicht fiel, bemerkte sie, dass sie ihr Haar noch offen trug. Ein Blick auf die Uhr des kleinen Zeitungsladens auf der anderen Straßenseite bestätigte ihren heutigen Zeitverzug. Sie kramte in ihrer Umhängetasche nach einem Haargummi, während sie mit der anderen Hand begann, ihre schulterlangen Haare nach hinten zu streichen. Unterdessen spürte sie das leichte, wohlige Kribbeln auf der Haut, als ein Sonnenstrahl ihre Nase und die ausgeprägten Wangenknochen streifte. Jede vom Licht berührte Stelle ihres Gesichts sog Wärme in sich auf.
Als sie endlich fündig geworden war, hatte sie ihren von Beulen, Kratzern und Rostflecken überzogenen blauen Wagen erreicht. Dieser hatte wahrlich bessere Zeiten erlebt, doch er war ihr günstig angeboten worden, als sie ihn nötigst gebraucht hatte. Seither hatte er ihr treue Dienste erwiesen. Das Schloss der Fahrerseite war defekt. Abschließen war nicht mehr möglich. Zu stehlen gab es im Wagen aber ohnehin nichts.
Mit einer Hand an den Haaren öffnete sie die Fahrertür, ließ ihre Tasche von der rechten Schulter auf den Sitz rutschen, band sich behände mit dem Haargummi einen Zopf und schwang sich hinter das Steuer. Lass uns in den Tag starten, mein kleiner Hüpfer, dachte sie sich. Wir müssen ein bisschen Zeit rausholen.
Nicht nur weniger Zeit im Großmarkt zu haben war der Preis für ihre Verspätung, auch die Auswahl war nicht mehr jene, die Sabine gewöhnt war. Gleich mehrere Positionen auf ihrer Liste waren bei ihren Stammlieferanten nicht mehr zu haben. Bei ihren Zutaten war sie wählerisch. Sie war keine Sterneköchin, doch alles, was sie für ihre Gäste zubereitete, sollte einwandfrei sein. Essen bedeutete für sie Lebensqualität; und die war nur mit guten Produkten zu erreichen. Verärgerte Gäste kehrten nicht zurück.
Mit den Jahren hatte Sabine gelernt, sich nichts gefallen zu lassen. Für ihre Gaststätte war sie bereit, es mit jedem aufzunehmen. Das wussten die Anbieter des Großmarktes, seit sie einem italienischen Fischhändler die Meinung gesagt hatte.
Jener hatte ihr wunderbar frische Scholle präsentiert, zu einem sagenhaften Preis. Spontan hatte sie ihre Speisekarte ergänzt. Gebratene Hochseescholle mit gedünstetem Speck, dazu hausgemachter Kartoffel-Gurken-Salat. Mit der ihr üblichen Sorgfalt hatte sie die Qualität geprüft und großzügig eingekauft.
Über das lange Wochenende rechnete sie mit einer höheren Zahl an Gästen. Als sie am Abend den ersten Fisch aus der Kühlung holte, stach ihr ein beißender Geruch in die Nase. Die anderen Schollen, die sie den Styropor-Behältern entnahm, wiesen denselben Mangel auf. Da dachte sie an den Händler, an seine braunen Augen, die ihr in der Manier eines italienischen Casanovas zuzwinkerten. »Ich packe Ihnen den frischen Fisch ab, versprochen. Machen Sie schon mal Ihre anderen Einkäufe!«
»Die Scholle ist leider aus«, teilte sie einem Gast eilig mit, als sie das Angebot von der Tafel wischte. Enttäuscht wählte der junge Mann ein Wildragout aus, für das sie sich besondere Mühe gab.
Als sie zu Beginn der folgenden Woche an ihren angestammten Lieferanten vorbei durch die Gänge des Handelszentrums marschierte, sahen diese ihr verwundert nach.
Als der Fischhändler sie in seiner Muttersprache begrüßen wollte, zog Sabine eine der Schollen aus ihrer Umhängetasche, umfasste den Fisch an der Schwanzflosse und schlug sie dem Mann, der einiges kleiner war als sie, mehrfach von rechts und links um die Ohren. Im Rhythmus ihrer Schläge warf sie ihm entgegen: »Wenn Sie – dieses – stinkende – Etwas – Qualität nennen, dürfte – das hier – in Ihren Augen – eine Gesichtsbehandlung sein.«
Dann hatte sie den Fisch dem Verkäufer vor die abgetragenen Lederslipper geworfen und ihren Einkauf um eine Last erleichtert fortgesetzt.
Sie lächelte leicht über die Erinnerung, doch sie schob den Gedanken beiseite. Sie stand unter Druck, weil sie nicht alle Zutaten ergattern konnte. Eine Anpassung der Speisekarte war unumgänglich. Dass jedoch so vieles schief lief an diesem Morgen, damit hatte sie nicht gerechnet.
Erst stellte sich heraus, dass es keinen Rosenkohl mehr gab, den sie als Beilage für ihre Rinderrouladen hatte reichen wollen. Dann teilte der Metzger ihr mit, dass eben die letzte Schweinelende verkauft worden sei. Als schließlich noch die Bourbon-Vanille nicht mehr zu bekommen war, die sie für ihren Schichtpudding benötigte, war ihre gute Laune endgültig dahin. Drei Gerichte auf der Karte für eine knappe Woche zu streichen war eigentlich unmöglich.
Ihre Nebentätigkeit als Putzfrau sowie der Feiertag schmälerten ihre Möglichkeiten.
Sie biss sich angespannt auf die Lippe. Die betroffenen Gerichte waren zu dieser Jahreszeit beliebt. Sie ersatzlos von der Karte zu streichen war daher keine Lösung. Sie drehte eine Extrarunde und ersetzte im Kopf den Rosenkohl durch Wirsing und die Lende durch Lammfilet. So käme sie über die beiden nächsten Tage.
Dann könnte sie außerplanmäßig zum Großmarkt fahren und die Bestände nach ihren Vorstellungen aufstocken. Beim Supermarkt um die Ecke schob sie sich mit den wenigen Vanilleschoten an den Rentnermassen vorbei, die sich am heutigen Morgen zum gemeinsamen Einkauf in diesem Vollversorger verabredet zu haben schienen. Sie zahlte missmutig den von der Kassiererin genannten Betrag. Dafür hätte ich die doppelte Menge im Großmarkt bekommen, ging ihr beim Bezahlen durch den Kopf.
Endlich zurück am Auto, sah sie, dass man ihren Hüpfer zugeparkt hatte. Sie musste von der Beifahrerseite einsteigen. Mit zusammengekniffenen Lippen kroch sie über die Mittelkonsole auf ihren Sitz und legte den Rückwärtsgang ein.
Als sie auf ihr Lokal zusteuerte, deutete sich weiteres Ungemach an. In der Zufahrt zum Hintereingang, die durch einen Torbogen rund um die Gaststätte herumführte, parkte ein dunkelblauer, tiefer gelegter Sportwagen.
Entnervt stützte sie ihren Kopf in die linke Hand, während sie mit der rechten auf die Hupe drückte. So lange, bis neugierig erste Fenster und Eingangstüren geöffnet wurden. Als nach zwei Minuten immer noch kein Fahrer inklusive passendem Schlüssel vor ihr stand, begann sie erneut die Hupe zu quälen. Sie lärmte mehrere Minuten, bis eine Frau um die Ecke bog und mit gemütlichem Schritt auf den Sportwagen zusteuerte. Die Fahrerin musste erkannt haben, dass ihre Parkweise der Anlass für die Dauerbeschallung war, was sie jedoch nicht dazu veranlasste, sich zu beeilen.
Die Augen rollend setzte Sabine ihr Auto jetzt gerade so weit zurück, dass der Sportwagen nur um Haaresbreite hindurchpassen würde. Dann genoss sie das Schauspiel. Mit zuckenden Schultern deutete Sabine auf den hinter ihr wartenden Wagen, als ob sie nicht weiter zurücksetzen könne. Sie überließ die Frau ihrem Schicksal. Nach zahllosen Rangiervorgängen, mehrfachem Lenkrad einschlagen, ängstlichem Abstände einschätzen und mehreren Bissen auf die Unterlippe hatte die Fahrerin den dunkelblauen Flitzer aus der Einfahrt entfernt. Mit Mühe hatte Sabine ihr Gesicht unter Kontrolle zu halten versucht und das Lachen unterdrückt.
Der Blick auf die Uhr über dem Durchgang zur Küche fegte ihr Lachen dahin, wie ein Windstoß einen Blätterhaufen. Sie hätte zwei Stunden früher hier sein müssen. Hastig begann sie mit dem Verstauen der Einkäufe und den Vorbereitungen für den Abend. Sie brauchte einige Augenblicke, um sich zu fokussieren.
Als sie den Ärger beiseitegelegt hatte, ging es ihr reibungslos von der Hand. Salate waschen, Fleisch vorbereiten, Beilagen vorkochen. Die Konzentration, die Sabine beim Kochen an den Tag legte, half ihr enorm, um alles verdichtet und zeitlich aufeinander abgestimmt zu bewältigen. Den Duft jedes einzelnen Lebensmittels wahrzunehmen, die einzelnen Noten zu erleben war für sie jeden Tag neuer Ansporn und Ziel zugleich. Gerüche lenkten sie nicht ab. Im Gegenteil: Das Riechen war für sie genauso wichtig wie das Sehen. Es machte sie aufmerksamer. Riechen hielt sie wach. Kein noch so winziges Aroma wollte sie verpassen – eines der letzten Überbleibsel ihres früheren Lebens.
Sie wollte gerade vom Gastraum in die Küche gehen, als sich die Eingangstür öffnete.
Ein Geruch streifte sie. Sie blieb stehen, nahm ihn auf. Sekundenbruchteile später durchzuckte sie ein Blitz. Unwohlsein stieg in ihr auf, als ihr Blick starr auf die Küchentür gerichtet blieb. Sie suchte in ihrem Kopf nach dem passenden Bild zu diesem Geruch, doch ihre Suche wurde unterbrochen. »Kriegt man hier nichts zu trinken?«, kam es über die Theke. Schon nachdem die ersten Worte an ihr Gehör gelangt waren, lag das passende Bild in ihrem Gedächtnis klar und deutlich vor ihr. Angstschweiß brach ihr aus. Ihre Hände wurden schlagartig kalt und taub.
Sie stürzte in die Küche, ohne sich vorher umzuwenden. Sie wollte sich verkriechen, am besten in die hinterste Ecke zwischen Herd und Fliesenspiegel. Das Gefühl der Angst schnürte ihr die Kehle zu.
Sie hatte alles verdrängt. Nicht mehr daran gedacht. Die Erinnerung verleugnet. Hauptsache es war nicht mehr da gewesen. Doch mit einem Schlag war er wieder in ihr Leben getreten. Dieser Geruch. Dieser Mann. Dieser Tag. Diese quälenden Minuten. Diese Angst.
1988
»Kannst du das glauben? Das war unsere letzte Semesterparty!«, rief Sabine aus. »Bis zu den nächsten Ferien sind wir fertig. Das ist der Wahnsinn, oder?« Sie war wie elektrisiert von dem Gedanken, bald das Studieren hinter sich zu lassen. Nach den vielen Semestern sollte es im Herbst 1988 endlich enden. Danach nie wieder die Abwägung zwischen Geldverdienen und Lernen. Endlich etwas Sinnvolles tun. Eine Aufgabe haben, einem Beruf nachgehen. Das lang ersehnte Ziel war zum Greifen nah.
Einige Wochen zuvor hatte sie ein Gespräch mit dem Leiter des Pharmaproduzenten in der Vorstadt gehabt, bei dem sie während ihres ersten Praktikums einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte. Der Anruf hatte sie unvorbereitet erreicht. Mit dem Thema Jobsuche hatte Sabine sich noch nicht befasst. Man bot ihr eine Stelle in der Forschungsabteilung an, sodass sie nahtlos nach Abschluss der Diplomarbeit anfangen könnte. Es eröffnete sich ihr eine prächtige Aussicht auf die Zukunft. Sie strahlte, leuchtete von innen heraus. Angefüllt mit der Leichtigkeit eines Heliumballons, dessen Schnur endlich durchschnitten war und der für seine große Reise entlassen würde. Beruhigt konnte sie ihre volle Konzentration nun auf die Diplomarbeit legen.
Schon lange hatte sie nicht mehr so gelöst und ausgelassen feiern können. Es war spät geworden. Sie war müde, hatte einige Hütchen getrunken und viel von diesem minderwertigen Rotwein. Den Geschmack hatte sie lange Zeit vergeblich gesucht. Nicht weil der Wein zu wenig geatmet hatte. Nein. Dieser Rotwein hatte so wenig ausgeprägte Geschmacksnoten, dass der Unterschied zu Hagebuttentee mit zu geringer Ziehzeit nur schwerlich zu treffen war. Die übermäßigen Tannine lagen wie ein Pelz auf ihrer Zunge, als hätte sie eine ungeschälte Kiwi gegessen.
Sie verabschiedete sich und machte sich auf den Heimweg. Bevor ihr die Wirkung des Alkohols noch weiter in die Beine fuhr, wollte Sabine im Bett liegen. Als sie vor die Tür trat und den ersten tiefen Atemzug tat, merkte sie, dass es dafür zu spät war. Sie sammelte sich einen Moment, setzte den Stoffriemen ihrer Patchwork-Umhängetasche weiter die Schulter hinauf und wollte in Richtung Bushaltestelle gehen. Da öffnete sich die Tür der Studentenvereinigung, und einer ihrer Kommilitonen trat in die Nacht. »Oh, die Frau Professor Schneidermann! Guten Abend, gnädige Frau!«, kam es hämisch von der Tür herüber, noch bevor sie sich abwenden konnte.
»Lass den Scheiß, Thomas«, forderte Sabine ihren Studienkollegen auf. Bei jeder einzelnen Begegnung merkte sie, wie wenig sie den Kommilitonen leiden konnte.
Seit sie als junge Studentin im zweiten Semester während einer Vorlesung den Dozenten in seinem Vortrag über die elektrolytische Auftrennung hydrophober Kolloide unterbrochen hatte mit der Bemerkung: »Das kann so aber nicht stimmen!«, war sie bei einigen Mitstudenten nicht mehr wohlgelitten. Sabine hatte ihre Sichtweise zu belegen versucht, war aber an der Beharrlichkeit des Vortragenden gescheitert. Wollten sich denn alle anderen stupide auf das verlassen, was ihnen eingetrichtert wurde, ohne es zu hinterfragen?, hatte sie sich damals gefragt.
Eine Woche später musste der Dozent einräumen, einen Fehler bei der Vorbereitung des Stoffs gemacht zu haben. Er entschuldigte sich bei Sabine und bedankte sich im gleichen Atemzug für den Hinweis. In den Tagen danach hatten viele an der Uni sie mit dem Spottnamen »Frau Professor« angesprochen.
Äußerlich war Thomas Darft eine ansehnliche, stattliche Erscheinung. Seine blonden, langen Haare fielen weich auf seine breiten Schultern. Der von ihm seit Kindertagen ausgeübte Schwimmsport hatte ihm einen V-förmigen Oberkörper verpasst, definiert und wohlgeformt, der in einer schmalen Hüfte endete. Bei einer Größe von 1,90 m glich er dem Abbild eines Athletenstandbildes der griechischen Antike. Wenn nicht das Gesicht gewesen wäre. Der dünne Oberlippenbart war eine Modeerscheinung, das konnte man ihm nicht vorhalten. Das noch jugendhafte Gesicht mit den ausgeprägten Tränensäcken war übersät von Mitessern und Pickeln. Dicke Pusteln hatten seine Wangen besiedelt, und mehrere seiner Talgdrüsen waren in den unteren Hautschichten eitrig entzündet.
Was Thomas‘ Gesicht versprach, bewahrheitete sich in dessen Charakter, sobald man ihn kennenlernte. Sabine fand ihn abstoßend, ungepflegt, arrogant und ungehobelt. Sie fühlte sich durch die von Akne geplagte Haut erinnert an den früheren Lebensgefährten ihrer Mutter. Damals hatte sie regelrecht Angst vor diesem Ersatzvater gehabt. Nur Wochen hatte diese Beziehung gehalten, doch Sabines Prägung war über die Jahre erhalten geblieben. Ohne den Grund benennen zu können, überkam sie Unsicherheit, sobald ein Mann in ihre Nähe trat, der diese Seite in ihr zum Klingen brachte. Unfähig zu sein, sich dagegen zu wehren, ihre Unsicherheit zu überwinden und so entschlossen zu handeln wie sonst, machte sie ein ums andere Mal wütend auf sich selbst.
Noch schlimmer war für Sabine: Sie konnte Thomas nicht riechen. Bereits beim ersten Aufeinandertreffen während der Begrüßungsveranstaltung, als »der beste Lover der Stadt« ihr die Tür aufhielt, hatte sie diesen eigentümlichen Körpergeruch wahrgenommen. Es war nicht der übliche Schweißgeruch, der bei diesem Mann eine ausgeprägte Schwefelnote beinhaltete; auch der kalte Rauch seiner Zigaretten, der ihm anhaftete, wäre noch erträglich gewesen. Viel mehr war es eine essigsaure Note, die seinem Körperduft eine derart abstoßende Mischung gab, so dass ihr bei jeder einzelnen Begegnung Bilder von Krankenhausgängen, Aschenbechern, Urinproben und Erbrochenem in den Sinn schossen.
Während des Studiums hatte Sabine sich beim Arbeiten mit geruchsaktiven Verbindungen ihre bildliche Vorstellungskraft zunutze gemacht. Alle Wahrnehmungen formte sie in Bilder um. Konnte sie eine gewisse Verbindung nicht direkt zuordnen, blätterte sie so lange durch Bilder in ihrem Kopf, bis sie fündig wurde.
An diesem Abend lag zusätzlich eine Weinbrandnote in der ihn umgebenden Luft. Er bot ihr seinen Arm an: »Soll ich dich zur Bushaltestelle begleiten?«
»Du brauchst mich wohl als Unterstützung. Du kannst selbst nicht mehr geradeaus laufen. Und jetzt lass mich in Ruhe«, ätzte sie zurück, wandte sich ab und ging. Sie bog nach rechts, um zunächst zum Chemiegebäude zu gelangen und dahinter in Richtung des westlichen Ausgangs zu gehen: der kürzeste Weg zum Bus. Sollte dieser Chauvi sehen, wie er nach Hause kam.
Mit dem ihr eigenen zielstrebigen Schritt durchquerte sie den Campus. In Gedanken war sie in ihrem Kopfkissen versunken, zu Hause in ihrem WG-Zimmer in der Vorstadt. Nur noch ein paar Minuten Fußweg, sieben Bushaltestellen und achtundsechzig Stufen, die in den vierten Stock führten, trennten sie von ihrem Bett. Den morgigen Tag, war sie sich sicher, verbrächte sie am See. Die Mitbewohnerinnen hatten diesen Termin vor einigen Tagen ausgemacht. Da die Prüfungsphase vorbei war, sollte das Zusammenleben wieder mehr in den Vordergrund rücken.
Das Rascheln im Gebüsch rechts von ihr ließ die Studentin anhalten. Sie blickte in die Dunkelheit, konnte jedoch nichts Auffälliges entdecken. Unbehagen keimte in ihr auf. Eine Fledermaus wirbelte pfeilschnell um ihren Kopf. Sie versuchte auf ihre Armbanduhr zu sehen. Den letzten Bus mochte sie um keinen Preis verpassen. Sabine wollte ihren Weg fortsetzen, als erneut ein Geräusch zu hören war. Wieder bemühte sie sich etwas zu erkennen. Einen Stein, den sie vom Boden aufhob, warf sie in die Dunkelheit. Sofort schoss ein Feldhase aus dem Dickicht. Sie lachte.
Von hinten zog plötzlich etwas an ihrer Umhängetasche. Ruckartig wurde sie nach hinten geworfen. Bis sie ein Geräusch von sich geben konnte, hatte sich eine Hand auf ihren Mund gepresst. Die andere Hand griff unsanft zwischen ihre Beine, woraufhin sie sich fast übergeben hätte. Sie spürte, dass ihre Füße die Bodenhaftung verloren, war sich aber nicht sicher, ob sie hochgehoben oder ohnmächtig wurde. Ihre Stirn streifte etwas. Ob es Blätter waren? Oder waren es weitere Hände? Sie konnte es nicht sagen.
Nur Augenblicke später landete sie unsanft bäuchlings auf dem Boden. Kaum hatte sich der Griff gelockert, versuchte Sabine sich trotz des vom Aufprall verursachten Schmerzes umzudrehen und aufzurichten. Der Versuch scheiterte. Mit brachialer Wucht schlug eine Handfläche in ihr Gesicht. Ihr Kopf verdrehte sich schmerzhaft weit zur Seite. Als ihr die Sinne schwanden, bemerkte sie den warmen, an Eisen erinnernden Geschmack in ihrem Mund. Woher sich das Blut den Weg durch ihr Gesicht bahnte, konnte sie nicht mehr ergründen. Die Ohnmacht ergriff Besitz von ihr.
Wie lange sie ohne Bewusstsein gewesen sein mochte, konnte sie nicht einschätzen. Zuerst nahm sie einen stechenden Schmerz im Kopf wahr. Sie merkte, dass sie mit der Brust auf der Erde lag. Als nächstes realisierte sie etwas in ihrem Mund, fühlte, dass die ganze Mundhöhle ausgefüllt war.
Ein übermäßiges Gewicht lastete punktuell auf ihr, sodass sie nicht fähig war, sich zu bewegen. Einen Augenblick verharrte ihre Wahrnehmung in einem Dämmerzustand, bis sie langsam und stetig zu sich kam.
Jetzt erst fühlte sie es. Er war von hinten in sie eingedrungen. Hektisch stieß er zu. Der Würgereflex setzte erneut ein. Mit einer Hand wurden ihr beide Arme knapp unterhalb ihrer Schulterblätter auf ihren Rücken gedrückt. Eine weitere Hand berührte seitlich ihre linke Brust. Jeder der eilig ausgeführten Stöße schmerzte mehrfach. Die Vagina, der Kopf, der Brustkorb, die Hände, das Gesicht – alles schmerzte. Jeder Stoß durchdrang sie wie eine Druckwelle. Überlebe ich diese Tortur? Wird er mich danach umbringen? Vielleicht ist es besser zu sterben, als es noch einmal zu erleben.
Als ihr Peiniger bemerkte, dass sie bei Bewusstsein war, erhöhte er seinen Druck auf ihren Oberkörper. Mit den Füßen versuchte sie den Täter zu erreichen, doch dieser gab sich davon unbeeindruckt. Durch die mit Tränen angefüllten Augen wollte sie ihn ins Visier nehmen, doch das linke Auge lag dem Boden zugewandt und das rechte konnte sich nicht an die Dunkelheit gewöhnen. Wie ein verängstigtes Tier in der hintersten und dunkelsten Ecke des Käfigs kam sich Sabine vor. Schmutzig. Schäbig. Klein und wertlos. Sie gab auf, lehnte sich nicht mehr auf, sondern ließ es über sich ergehen.
Irgendwann drückte sich das Geschlechtsteil noch ein letztes Mal schmerzhaft tief in sie hinein. Es folgte ein lautes Stöhnen.
Dies blieb von einigen Passanten in einiger Entfernung nicht ungehört. »Ficken für Frieden und Freiheit! Viel Spaß!«, konnte Sabine eine fremde Stimme hören. Während ein Lachen folgte, fiel der Oberkörper des schwer atmenden Kerls für einen kurzen Moment auf ihren Rücken. Eilig spannte sich der Mann und stand auf. Sie blieb regungslos liegen.
Das Geräusch seines Hosenreißverschlusses drang an ihr Ohr. Ihre Sinne ließen in ihrem Kopf Bilder entstehen: Krankenhausgänge, Urinproben, Aschenbecher und Erbrochenes. Den aufsteigenden Würgereiz konnte sie nur schwer unterdrücken.
Dreckverschmiert, mit zerrissenem Kleid, Abschürfungen und Blutergüssen war sie im Gebüsch liegen geblieben. Einzig den Knebel hatte sie sich aus dem Mund gezogen. Erst später hatte sie bemerkt, dass er ihr den Ärmel ihres eigenen Kleides in den Mund gestopft hatte. Regen hatte eingesetzt und sie durchnässt. So sehr sie sich gewünscht hatte, der Regen würde das Geschehene oder zumindest die Erinnerung daran wegspülen, so groß war die Enttäuschung über das Scheitern dieses Sehnens.
Als der Himmel begonnen hatte, seine dunkelblaue Farbe abzulegen, war sie zum Parkausgang gestolpert. An der Straße hatte sie ein Taxi angehalten. Der Fahrer hatte sie zwar verwundert angesehen, aber keine Fragen gestellt. Wortlos hatte er sie nach Hause gefahren.
Mit unzähligen Zyklen von Einschäumen und Abduschen versuchte sie, den an ihr haftenden Ekel loszuwerden. Weinend betrachtete sie ihren Körper, den sie – hätte sie nur gekonnt – zu gern zusammen mit dem kaputten Kleid abgestreift und in den Müll geworfen hätte.
Die Handgelenke waren blau. Die Lippe war aufgeplatzt, das linke Auge geschwollen. Die Nase schmerzte, ebenso der Rücken. Ihren Intimbereich blendete sie aus. Er bedeutete nichts als Unwohlsein für sie. Der kleinste Gedanke daran brachte den Impuls, sich zu übergeben, zurück.
Als sie sich im Spiegel in die Augen sah, schämte sie sich. Sie ließ die Hände vor ihre Blöße sinken, hüllte sich in ein Handtuch und flüchtete eilig mit gesenktem Kopf in ihr Zimmer. Hinter der verschlossenen Zimmertür vergrub sie sich schluchzend in ihrem Bett.
Wenig später klopfte es an der Tür. »Hey Süße. Wir wollen los. Kommst du?«
Sabine kauerte am Kopfende ihres Bettes mit der Decke über dem Kopf, den sie ablehnend schüttelte. Als ihre Mitbewohnerin die Frage wiederholte, wischte sie sich mit der Decke durch das Gesicht. Sie vermied es zu klingen, als ob sie weinte. »Ich muss noch ein bisschen schlafen«, gab sie zurück.
»Okay. Du weißt, wo wir sind. Bis später!«
Nur ein einziges Mal hatte der Lebensgefährte ihrer Mutter sie mit seinem schlechten Atem angeschrien. Markerschütternd hatte er sie angebrüllt. Die chauvinistischen und despotischen Züge des Mannes hatte Sabine als Kind nicht erkannt, und doch hatten sie ihre Spuren hinterlassen. Diese eine kurze Begegnung, die dazu geführt hatte, dass ihre Mutter die Beziehung auf der Stelle beendete, hatte die kleine Sabine schockiert. Er hatte sich über sie gebeugt, als sie ihre Mutter etwas fragen wollte. »Wenn ich mit der da rede, hast du still zu sein.«
Sabine war zu einem Gespräch der beiden dazugekommen, nachdem sie im Kinderzimmer der Drang nach etwas Süßem gepackt hatte. Der Ausbruch des großen, massiv gebauten Mannes war so plötzlich über sie hereingebrochen, dass sie zitternd vor dem Spülschrank gestanden hatte. Dann war sie mit zugehaltenen Ohren in ihr Kinderzimmer gerannt.
Die Macht, die er über das vierjährige Kind ausüben wollte, hatte er auch bei ihrer Mutter versucht durchzusetzen. Als Verlassene, Alleinerziehende froh darüber, Halt bei einem Mann zu finden, war Sabines Mutter die ersten Tage nachsichtig gewesen. Sabine wusste, dass in den folgenden Wochen der Beziehung ihrer Mutter Zweifel gekommen waren, ob der Mann der Richtige sei. Die negative Bestätigung hatte sie in jenem Moment erhalten und umgehend gehandelt. Die Mutter hatte sich verteidigen können, doch konnte Sabine den Vorfall nicht vergessen. Sabines Angst vor Männern, die keine Grenzen kannten, hatte damit begonnen.
Die Tür gab nicht nach, und die Türklinke schnappte nach oben. Wieder einmal. »Mach bitte auf«, sagte Ulrike ruhig, während sie verzweifelt das Türblatt ansah. »Du warst seit achtundvierzig Stunden nicht mehr draußen. Wir machen uns Sorgen, Sabine!«
Ulrike, die kleine Frau mit der wilden Lockenmähne und den sonst so ausgeprägten Grübchen, seufzte leise. Sabine war nicht am See erschienen. Die Mitbewohnerinnen hatten gehört, dass sie nach Tagesanbruch von der Semesterparty zurückgekommen war. Dass sie den Tag zum Schlafen genutzt hatte, war nur logisch gewesen. Da Sabine sich allerdings weder am Abend noch am darauffolgenden Tag in der Wohnung hatte blicken lassen, war jeder der vier WG-Bewohnerinnen klar: Etwas war geschehen.
Ulrikes Hand ruhte sanft auf der Tür. Gerade so, als könne ihre Freundin diese Berührung spüren.
Mit kurzen Antworten wie »Migräne!«, »Die rote Königin!« und »Wird schon!« hatte Sabine ihre Zimmernachbarin beruhigen wollen. Bis jetzt blieb die Antwort aus. Lauschend blieb Ulrike vor der Zimmertür stehen. Bewegte sich etwas? Enttäuscht und besorgt sank die Hand an der Tür entlang. Die Küche als Zentrum dieses kleinen Wohnuniversums im Blick, ging sie den Gang entlang. Es war an der Zeit, sich mit den anderen zu beraten, was zu tun war.
Klackend sprang der Riegel nun doch zurück, die Klinke senkte sich und die Tür sprang auf.
In Windeseile machte Ulrike kehrt. Sie stand in dem kleinen Raum, der Sabines Reich war. Der Schreibtisch, dessen Oberfläche übersät war mit kleinen und großen Notizzetteln. Das Bücherregal mit Fachliteratur über Chemie und Studienunterlagen in Ordnern und Heftern. Der alte Bauernschrank von Sabines Urgroßmutter, der mit Blumenmalereien verziert war. Das schmucklose Bett in der Ecke hinter der Tür. Alles sah normal aus. Bevor Ulrike Sabine entdeckte, die wie eine Beduinin in ihre Decke eingehüllt war, fiel ihr Blick auf den Mülleimer zwischen Bett und Schreibtisch. Dort ragte ein Fetzen Stoff hervor. Sie wollte eine Frage stellen, doch als sie zum Bett hinüber und in die geschwollenen Augen ihrer Freundin blickte, war die Frage vergessen. Überflüssig.
Minutenlang hatte Sabine in Ulrikes Armen geweint. Es schien, als wollte sie sich in Ulrike verkriechen, in ihr verstecken. Die Freundin hielt sie, versuchte sie jedoch nicht mehr aktiv zu berühren. Sabine hatte die sich der Schulter nähernde Hand weggeschlagen wie einen Schwarm Stechmücken.
Als das Weinen abebbte, merkte Ulrike, dass Sabines Atmung ruhiger wurde. »Wer?«, fragte Ulrike bemüht sanft.
Blitzartig und mit einem verängstigten Blick warf Sabine die Decke von sich, beugte sich an ihrer Mitbewohnerin vorbei und übergab sich in den Mülleimer. Der eigentümliche Geruch der Magensäure reizte auch Ulrike, die ein Würgen unterdrücken musste. Sofort entfernte sie den Mülleimer aus dem Zimmer und kehrte an Sabines Seite zurück.
Nach weiteren Minuten des Schweigens begann Sabine zu erzählen.
Einen Tag später hatte Ulrike Sabine dazu bewegen können, zur Polizei zu gehen. War sie anfangs noch relativ gefasst aufgetreten, hatte ruhig und detailliert die Geschehnisse zu Protokoll gegeben, war sie mit jeder Zwischenbemerkung des Beamten, der ihre Anzeige aufnahm, kleiner geworden.
»Und das waren nicht irgendwelche ‚Spielchen‘, die Sie da gespielt haben?«, bekamen Sabine und Ulrike zu hören. »Wenn Sie drei Tage brauchen, um eine Anzeige aufzugeben, dann spricht das nicht gerade für Sie«, meinte der Polizist. »Es war also definitiv nicht einvernehmlich?«
Bei der Frage, ob sie den Täter erkannt hatte, konnte Sabine nur noch vor sich hin stammeln: »Also … erkannt … naja … also … nein … aber … also vielleicht … doch … erkannt … aber … nein … Nein!«
»Ja, was denn jetzt?«, herrschte sie der Polizeibeamte an. »Haben Sie ihn erkannt oder haben Sie ihn nicht erkannt?«
Die Tränen kamen einfach, füllten ihre Augen, bis sie überliefen. »Ich … ich habe ihn nicht gesehen … nur … nur … Ich habe ihn am Geruch erkannt.«
Der Polizist schüttelte fassungslos den Kopf. »Die Geschichte wird ja immer besser. Jetzt wollen Sie ihn am Geruch erkannt haben. Erst drei Tage warten, bis man zur Polizei geht und dann den Täter am Geruch identifiziert haben wollen. Sie wollen uns doch hier auf den Arm nehmen, oder? Sie wissen hoffentlich, was für Folgen eine Falschaussage für Sie haben kann?«
Ulrike hatte sich als stumme Begleiterin bisher zurückgehalten, aber nun neigte sie sich im Sitzen nach vorn und taxierte den Beamten. »Wie reden Sie mit ihr? Können Sie bitte objektiv die Anzeige aufnehmen und Ihrer Arbeit nachgehen?«
Der bärtige Beamte lehnte sich mit erhobenen Augenbrauen zurück. »Sie wollen mir also sagen, wie ich meine Arbeit machen muss? Das ist Beleidigung einer Amtsperson.« Er glaubte wohl, die Diskussion auf diese Weise beenden zu können, doch Ulrike ging dagegen.
»Sie können mich wegen Beamtenbeleidigung anzeigen, wenn Sie dieser Frau zugehört haben. Und wenn Sie schon nicht in der Lage dazu sind, zu fragen, wie sie diesen Mann erkennen konnte, dann machen Sie es wenigstens jetzt, nehmen Sie den Namen des Kerls in Ihre beschissene Anzeige auf und kümmern Sie sich drum!«
Grimmig dreinblickend setzte sich der Polizist an seine Schreibmaschine. »In was für Zeiten leben wir eigentlich, dass ich mir sowas bieten lassen muss?«
Ulrike schlug die Beine übereinander, stützte den Arm auf das Knie und legte den Kopf in die Hand: »Im Jahr 1988 leben wir. In den Zeiten, in denen Männer schon lange verstanden haben sollten, dass Frauen den gleichen Rang und Wert haben wie Männer. In einer Welt, in der es an der Zeit ist, dass es egal ist, ob sich ein Mann inner- oder außerehelich an einer Frau vergreift. In Zeiten …«
»Sind Sie mit Alice Schwarzer verwandt?«, wurde sie unterbrochen. »Das hält man im Kopf nicht aus.«
Zornig sprang Ulrike auf.
»Schon gut!«, beschwichtigte er sie. »Ende der Diskussion. Ich muss hier noch eine Anzeige zu Ende aufnehmen.« Mit diesen Worten wandte er sich wieder Sabine zu. »Was haben Sie bemerkt, und wen glauben Sie erkannt zu haben?«
Sie erklärte in kurzen Worten, dass sie angehende Chemikerin sei und den Geruch eindeutig ihrem Kommilitonen Thomas Darft zuordnen konnte. Die genauen Kontaktdaten hatte Ulrike über das Telefonbuch recherchiert. Sie reichte dem Polizisten den kleinen Notizzettel. Nach der Unterschrift des Anzeigeprotokolls verließen sie die Wache.
2005
Die Beschuldigung aufgrund des Geruchs wurde seinerzeit angezweifelt, Aussage hatte gegen Aussage gestanden. Thomas Darft hatte zu Protokoll gegeben, er habe Sabine mehrfach zurückgewiesen, obwohl sie sich unverkennbar an ihm interessiert gezeigt hätte. »Sie will mir das alles nur aus Rache anhängen«, hatte er zu Protokoll gegeben.
Obendrein hatte er sich ein Alibi für die Tatzeit besorgt. Angeblich habe er bis in die Morgenstunden mit seinen Freunden im Haus der Studentenvereinigung gefeiert. Übereinstimmend hatten sie ihn gedeckt. Er war auf ganzer Linie damit durchgekommen. Ulrike war ihm noch ein einziges Mal begegnet, hatte ihm mehrere wüste Beschimpfungen an den Kopf geworfen, doch er hatte nur gelacht: »Du spinnst! Genau wie Sabine.« Und jetzt, siebzehn Jahre später, stand er in ihrem Lokal.
Beide Hände umklammerten die Edelstahlarbeitsplatte, an der sie rücklings lehnte. Ihre Hände waren kalt und blutleer. Zitternd stand sie da. Bebend und völlig im Unklaren darüber, was sie tun sollte. Es war ihr bewusst, dass sie sich nicht vor ihm verstecken konnte, doch wie sollte sie ihm gegenübertreten? Die Erinnerung an diesen Abend war so präsent, dass sie glaubte, die Schmerzen erneut zu spüren. Hektisch flog ihr Blick durch die Küche. Nicht wissend, was ihre Augen eigentlich finden wollten, suchte sie alle Gegenstände ab.
Sie hörte, wie sich Joachim, einer ihrer Stammgäste, hinter die Theke begab, um dem neuen Gast ein Bier zu zapfen. Wenn es in dem kleinen Gastraum hoch herging und Sabine in der Küche Mühe hatte, alle Gerichte auf den Punkt durch den Pass zu bekommen, übernahm Joachim die Theke. Bisher war er immer im richtigen Moment aufgetaucht. Er stellte keine Fragen, er stellte keine Ansprüche. So lange es nötig war, half Joachim, um sich nach geleisteter Hilfe, wie ein normaler Gast, wieder vor die Theke zu setzen.
Sein heutiger Einsatz verschaffte Sabine ein wenig Zeit. Sie besann sich auf das, was man ihr zur Stärkung ihres Selbstbewusstseins beigebracht hatte. In Sunzis ›Die Kunst des Krieges‹ begann der Autor mit der Mahnung, dass Krieg der Weg zum Weiterbestehen oder zum Untergang sei. Auf dieser Mahnung fußte der Ansatz einer Gesprächstherapeutin. Oder hatte sie diesen Gedanken beim Vortrag eines Unternehmensberaters gehört? Sie war sich nicht mehr sicher, aber sie kannte das Büchlein mittlerweile in- und auswendig. »Umsichtiges Reagieren bringt Erfolg. Eiliges Handeln führt ins Verderben. Sei weise und mutig, doch zugleich streng und wohlwollend.« Diese Mantras hatte man ihr mit auf den Weg gegeben. Im Laufe der Zeit hatte Sabine gelernt, diese auf unzählige Alltagssituationen anzuwenden. Wusste sie nicht weiter, brachte sie sich zunächst zur Ruhe, konzentrierte sich auf die Situation und tat dann den nächsten Schritt. Oftmals hatte ihr dieses Handeln geholfen.
Einen tiefen Atemzug später entschied sie: Ich muss mich ihm stellen. Es gibt sogar keine bessere Situation als in der Anwesenheit von Dritten. Das schützt mich. Allerdings schützt das auch ihn. Sabine stutzte. Das schützt auch ihn? Wofür brauchte er Schutz? Schutz vor mir? Ausgerechnet er? Kann ich ihm gefährlich werden? Sie schüttelte den Gedanken ab.
Wieder waren ihre Augen unterwegs durch die Küche, doch diesmal registrierte sie die Gegenstände, die ihr Unterbewusstsein in Betracht zog: das Filetiermesser. Den Fleischerhaken. Das Fleischbeil. Die Fritteuse. Den Gefrierschrank … selbst die Schere für die Küchenkräuter betrachtete sie plötzlich mit anderen Augen. Ein Grinsen huschte über ihr Gesicht, begleitet von dem Gedanken: Was ich damit alles machen könnte! Sabine schüttelte kräftig den Kopf und nahm einen tiefen Atemzug. Sind das wirklich meine eigenen Gedanken?
In all den Jahren hatte sie ihre Erinnerungen verdrängt, sie hatte sie vergessen wollen. Am besten auslöschen. Jetzt dachte sie darüber nach, ihn auszulöschen. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, als säßen ein Engel und ein Teufel auf ihren Schultern.
Der Engel war die gute alte Sabine. Jene Frau, die alles an diesem Vorfall auf sich bezog, sich die Schuld gab und sich mit all den Folgen in ihrer eigenen kleinen Welt auseinandersetzte. Jene Frau, die gezeichnet war, gelitten hatte und sich nur langsam in ein völlig verändertes Leben zurückkämpfte. Die Frau, die sich mit der Veränderung abgefunden hatte. Die es hinnahm, dass es nicht nach ihrem Plan ging. Dieser Engel wollte alles ruhen lassen, sich nicht mit der Vergangenheit anlegen. So war Sabine. So kannte sie sich.
Der Teufel auf der anderen Schulter war ihr unbekannt. Solche Gedanken hatte sie nie gehegt. Sie waren ihr fremd, fühlten sich jedoch nicht befremdlich an. Der teuflische Vorschlag Jetzt ist deine Zeit gekommen! stieß bei ihr auf großen Anklang. Der Gedanke fühlte sich gut an. Er fühlte sich richtig an. Allein diese Tatsache bereitete ihr Unbehagen. Warum gefiel ihr der Gedanke? Vielleicht habe ich all die Jahre falsch damit gelegen, dass ich irgendwie schuld bin an dem, was mir passiert ist. Dass Thomas deswegen unbehelligt davongekommen ist. Vielleicht bin ich gar nicht schuld daran? Und vielleicht ist jetzt
