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Reich mir deine Hand
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eBook378 Seiten4 Stunden

Reich mir deine Hand

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Über dieses E-Book

Sahara wächst in einem friedlichen Dorf im Sudan auf, weitgehend von der Welt abgeschottet. Dieser Zustand hält aber nicht lange an und sie gerät in die Hände von Menschenhändlern, die sie gewaltvoll aus ihrem alten Leben hinausreißen und ihre Freunde zu Kindersoldaten machen oder zur Prostitution zwingen.


Doch sie erhält unverhoffte Hilfe und schafft es, aus ihrer entsetzlichen Lage nach Deutschland zu entkommen, wo sie eingeschult und mit den Problemen einer digitalen Welt konfrontiert wird. Social Media hat vieles verändert. Apps wie TikTok und Instagram machen es leicht für Saharas Mitschüler, sie auszuschließen und mit beleidigenden Videos und Nachrichten an den Rand einer Depression zu bringen. Es liegt nun an ihr, sich trotzdem durchzusetzen und ihr wahres Ich wiederzugewinnen, doch ohne Bezugspersonen und in einem fremden Land fällt ihr das doppelt schwer …
SpracheDeutsch
HerausgeberPapierfresserchens MTM-Verlag
Erscheinungsdatum13. Okt. 2021
ISBN9783960745129
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    Buchvorschau

    Reich mir deine Hand - Victoria Pachner

    Impressum

    Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

    Besuchen Sie uns im Internet - papierfresserchen.de

    © 2021 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

    Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

    Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchauflage erschienen 2021.

    Lektorat + Herstellung: CAT creativ - cat-creativ.at

    Cover: © Rebecca Kayser

    ISBN: 978-3-96074-511-2 - Taschenbuch

    ISBN: 978-3-96074-512-9 - E-Book

    *

    Inhalt

    Prolog

    Sudan

    Deutschland

    Epilog

    Danksagung

    Die Autorin

    Impressum

    *

    Liebe

    Wir sehen die fliehenden Menschen

    In ihren Herzen suche ich nach Liebe, ich würd’s ihnen gönnen

    Doch um sie herum sind alle am Kämpfen

    Und am Ende gibt es niemanden, den sie lieben können

    Die Herzen der Menschen zeugen von Verrat

    Die Unterdrückung reicht weit, vom Berg in das Tal

    Mach’ dies, mach’ das, lieb’ ihn, lieb’ den Staat

    Sie müssen es tun, sie haben keine andere Wahl

    Wenn man weiter blickt,

    In die Städte, in denen das Licht nie vergeht

    Wo, um zu reden, man Nachrichten schickt

    Und die Liebe nur aus Herzchen auf Instagram besteht

    Doch die Liebe blüht immer wieder auf

    Sie ist da, in allen Ländern

    Aber wir nehmen viel zu viel Hass in Kauf

    Sollten wir das nicht einmal ändern?

    Rund um die Welt reichen sich Menschen die Hand

    Sie helfen einander, geben etwas davon ab, was sie bekommen haben

    Jeder Mensch, jedes Volk, jedes Land

    Die Liebe erstrahlt in allen Farben

    Aber abgesehen von den großen Taten

    Hat jeder ein Herz für sich allein

    Jeder kann eine gute, liebevolle Aktion starten

    Und wenn das nicht Liebe ist, was soll es dann sein?

    Victoria Pachner

    *

    Prolog

    Fokus. Konzentration. Ich bin diese Strecke schon unzählige Mal gelaufen, doch jetzt zählt es. Ich höre die Kommentatoren, die dieses Event durch das ganze Stadion aufhypen und finde mich endlich in den Startlöchern ein. Ich habe noch genügend Zeit, mich mit einem einzigen Atemzug zu sammeln ... schon ertönt der Startschuss. Ich bin weg, laufe, laufe so schnell wie noch nie. In atemberaubenden 9,96 Sekunden bin ich fertig. Als ich diese Zeit auf dem Bildschirm aufleuchten sehe, breche ich erleichtert in Tränen aus. Mir wird die deutsche Flagge gereicht und ich laufe eine kurze Ehrenrunde über das Feld.

    „Sahara! Sahara!", höre ich überall. Alle rufen meinen Namen!

    „Wie fühlt es sich an, die erfolgreichste deutsche Leistungssportlerin zu sein?"

    „Du hast den Weltrekord gebrochen! Wie erstaunlich ist das denn?"

    Ich kann nur lächeln. Mein Traum ist endlich wahr geworden. Die Siegerehrung findet statt, und ich fühle mich so stolz wie noch nie. Danach finde ich mich in einem Konferenzraum ein, wo jeder Fragen stellen darf. Ich beantworte sie alle, immer noch leicht benebelt von den Ereignissen, die vor einer Stunde geschehen sind. Dann aber höre ich eine Frage, die mein Interesse weckt.

    „Sahara, du bist eine so inspirierende Figur. Du hältst zahlreiche Weltrekorde und hast schon sieben Goldmedaillen gewonnen. Aber wie ist das alles gekommen? Was ist deine Geschichte? Wie bist du zur besten Läuferin der Welt geworden?"

    Ich sehe den Fragenden erstaunt an. Das hat mich in der Tat noch niemand gefragt.

    „Das ist eine lange Geschichte", sage ich schließlich.

    „Dürfen wir sie hören?", fragt er.

    *

    Sudan

    Das Erste, was ich an jedem frühen Morgen spüre, ist die weiche, geflochtene Grasmatte, auf der ich liege. Ich streiche oft über die Oberfläche, sodass ich die wunderschönen Muster ertasten kann, die meine Großmutter sorgfältig kreiert hat. Neben meinen Kopf hat sie einen Vogel hineingearbeitet, sodass meine Gedanken sich frei und unabhängig entfalten können, und zu meinen Füßen schlummert ein großer Tiger aus Gras, der mich immer beschützt. Die zwei Tiere sind mit Mustern umgeben, die mich an eine andere Welt erinnert, die sagenhafte Welt der Geister, mit denen mein Großvater kommuniziert. Er ist Schamane unseres Dorfes und erzählt oft von Erscheinung, die nicht in diese Welt gehören.

    Langsam öffne ich meine Augen und werde sofort von der Sonne begrüßt, die durch das Strohdach unserer Hütte scheint. Die Lücken im Dach wurden so eingerichtet, dass das goldene Muster eines Sattelstorchs auf unserem Boden erscheint und durch die wandelnde Sonne lebendig wird. Auch bei Regen entsteht der Vogel und ist so immer bei uns. Ich warte noch einige Minuten, um völlig wach zu werden, und stehe dann flink auf.

    Nachdem ich die Matte vorsichtig zusammengerollt und verstaut habe, mache ich mich auf dem Weg zum Fluss, der in einiger Ferne neben unserem kleinen Dorf fließt. Auf dem Weg dorthin treffe ich ein paar Dorfbewohner, die sich alle bei mir erkundigen, wann mein Großvater seine nächste Zeremonie halten wird. Sie sagen, dass die letzte doch schon lange her sei und dass sie dringend mit den Geistern sprechen müssten.

    Ich verstehe das natürlich und bitte sie um Geduld. Ich weiß, dass mein Großvater erst in die andere Welt blickt, wenn er den Draht dazu verspürt. Er meint immer, dass seine Gabe wäre wie die Jahreszeiten. Die Energie, die er zwischen den beiden Welten spürt, ist nicht immer dieselbe und muss immer genährt werden, bis sie stabil genug ist, um eine vollständige Kommunikation zu erreichen. Ich habe ihn einmal gefragt, ob ich das auch könnte, diese Kraft in mir zu spüren und zu nutzen. Doch er antwortete nur: „Erst wenn du bereit dazu bist." Er erwähnte dabei nicht, wie ich das schaffte.

    Ich beobachte, wie die Sonne langsam über den Horizont gleitet, und versuche dabei, so viel Wärme wie möglich in mich aufzunehmen. Währenddessen lasse ich meinen Blick über die leere Ebene vor mir gleiten und öffne meinen Geist. Ich wurde nach dieser Wüste benannt und fühle dadurch eine große Verbindung zu der großräumigen Fläche, die sich vor mich ausbreitet, die Tiere und Pflanzen beherbergt und die einzige Wasserquelle bereitstellt, die wir nutzen können. Dorthin gehe ich jetzt und habe selbstverständlich einen Eimer dabei, damit die Tiere in unserem Haushalt auch etwas zu trinken haben.

    Wir besitzen zwar einen Brunnen, der glücklicherweise eine verlässliche Wasserquelle ist, doch niemand will das einzige kostbare Gut, das wir besitzen, mit den entkräfteten Tieren teilen, die sich in unserem Innenhof herumtreiben. Deshalb sorge ich dafür, dass sie genug Kraft finden, die sommerliche Hitze zu überstehen. Der Sand beginnt, sich langsam aufzuwärmen, und ich weiß, dass ich mich jetzt beeilen muss, bevor ich mir schwere Verbrennungen zuziehe. Ich spreche aus Erfahrung, dass das sehr schmerzhaft und qualvoll ist.

    Nach einer knappen Stunde habe ich das Flussbett der kleinen Abzweigung des Nils erreicht und tauche meine Füße in das kühlende Wasser, das in einem trägen Strom nach Norden fließt. Ich frage mich oft, was hinter dem sagenhaften Nildelta liegt. Dort sei der Boden sehr fruchtbar, heißt es. Überall gäbe es Felder und genug zu essen.

    Davon können wir nur träumen. In Mittelafrika gibt es nur begrenzt Anbauflächen und es gibt immer wieder katastrophale Dürren. Die Händler, die von der Küste anreisen, verlangen sehr hohe Preise für etwas Weizen und ein wenig Fisch. Doch glücklicherweise hat unser Dorf ein sehr gutes Verhältnis zu einem Bauer, der aus Al Bahr, einer Küstenregion, kommt und der uns mit Getreide und Früchten im Austausch gegen Unterkunft, Wasser und Weidefläche versorgt, wenn er in den Süden reist, um andere Kundschaft zu beliefern. Das ist der einzige Grund, warum sich unser Dorf überhaupt noch über Wasser halten kann.

    In der Zeit meiner Urgroßeltern gab es viele Siedlungen am Rande der Sahara, immer in erreichbarer Nähe zum Nil. Doch dann kam eine so schreckliche fünfjährige Dürre, die nach und nach eine Siedlung nach der anderen auslöschte. Seitdem sind wir allein auf der großen Fläche der Sahara und bekommen nur gelegentlichen Besuch von Hilfsorganisationen, die uns in Notzeiten aushelfen oder manchmal sogar Teilzeitlehrer bereitstellen, die aber nie länger als ein Jahr bleiben.

    Ich suche mir einen flachen Stein inmitten des Flusses und beginne, mich zu waschen. Hier habe ich komplette Privatsphäre und kann die vitalisierende Wirkung des Nilwassers vollkommenen genießen. Außerdem liebe ich es, wie die Wassertröpfchen die Sonnenstrahlen einfangen und auf meiner dunklen Haut glitzern. Ich fühle mich dadurch manchmal wie eine überirdische Göttin, die aus dem Fluss nach ihrer Wiedergeburt gestiegen ist. Ich stecke mir meine langen, dicken Haare hoch und befestige sie an meinen Hinterkopf mit einer vornehmen Nadel, die mein Großvater mir zu meinem zehnten Geburtstag geschenkt hat. Ich will nicht mal versuchen, mir auszumalen, was ihn die gekostet haben muss. Ich ziehe mich wieder an, dann befülle ich den Eimer. Anfangs konnte ich immer nur die Hälfte anfüllen, da die Ladung zu schwer für mich war, doch jetzt kann ich den vollen Eimer problemlos zu meinem Zuhause tragen.

    Ich mache mich langsam auf dem Weg, da ich rechtzeitig dort sein will, um meiner Mutter mit dem Mittagessen zu helfen. Sie mag es nicht, wenn ich zu lange wegbleibe, da es trotz der Wüste Raubtiere geben kann, die umherstreifen und womöglich Hunger haben. Außerdem gibt es viel mehr Gefahren, wie zum Beispiel die tödliche Hitze oder giftige Schlangen, die oftmals unter den Steinen lauern. Glücklicherweise bin ich noch nie in Schwierigkeiten geraten, was sicherlich an meiner Halskette liegt, die beschützende Kräfte besitzt. Doch das beruhigt meine Eltern immer noch nicht. Deshalb muss ich die letzten Meter laufen, damit sie sich keine unnötigen Sorgen um mich machen.

    Ich spüre bald den festgestampften Weg unter meinen Füßen, das erste Zeichen dafür, dass ich mich in meiner Heimat befinde. Der feste Boden erinnert uns daran, dass wir nie den unerbittlichen Umständen nachgeben dürfen. Ein kleiner, hölzerner Zaun umgibt unser Territorium, damit vorbeireisende Nomaden unser Gebiet erkennen und es nicht ausnutzen. Doch würden sie es angreifen, würde die dürftige Mauer nicht lange halten, fürchte ich. Vor dem kleinen Eingang steht Ibrahim, ein guter Freund unserer Familie. Ich spiele oft mit seinen Töchtern Bahira und Ruba. Bahira ist schon zwölf Jahre alt und eine meiner besten Freundinnen. Mit Ruba habe ich nicht so viel zu tun, da sie erst fünf Jahre alt ist und vor einigen Monaten von einer schweren Krankheit befallen wurde. Die ganze Familie versucht noch immer, die Krankheit auszutreiben, doch die einzige Möglichkeit, die sie jetzt noch hat, ist, Ruba in die Stadt zu einem erfahrenen Doktor zu bringen, was sehr schwierig sein wird.

    Trotz dieser traurigen Lage lächelt Ibrahim mich an und sagt: „Na, Sahara? So früh schon unterwegs?"

    Ich lache und nicke. Er lässt mich vorbei und ich betrete das Dorf. Es war schon immer klein und schlicht, da wir keine Ressourcen haben, um es zu erweitern. Glücklicherweise umspannt es aber trotzdem ein großes Gebiet, damit wir genug Platz haben, um richtig leben zu können. Ich war schon mal in einem benachbarten Dorf zu Besuch, damit meine Eltern dort begehrten Handel treiben konnten. Es war dort so eingeengt, dass in einer Hütte teilweise drei Familien schlafen mussten. Bei uns haben wir breite Wege, damit ein einkehrender Nomade auch genug Platz hat, um seine Tiere durch das Dorf zu führen. Wir besitzen sogar eine kleine Weidefläche, die aber kaum ausreicht, um selbst Tiere zu halten. Wir halten auch einige Hühner und Kühe, aber mehr Tiere nicht.

    Aufgrund des steten Wassermangels ist das ganze Gebiet in einen gelblichen Schein getaucht, der durch den Sandboden und die Strohhütten noch mehr verstärkt wird. Mir gefällt diese gelbe Farbe, da ich sie automatisch mit Wärme und Geborgenheit assoziiere. An manchen Stellen unterbricht ein grüner Punkt die gelbe Ebene, da bei uns nur bedingt Bäume wachsen. Um diese Zeit herrscht reges Treiben, da es noch nicht so heiß ist, dass sich jeder in seine Hütte zurückziehen muss. Mittlerweile hat sich eine lange Schlange vor dem Brunnen gebildet, wie üblich. In solchen Momenten wird mir immer klar, wie wertvoll das Wasser für uns ist, ohne das wir verloren wären. Wir leben in steter Angst vor einer schweren Dürre und deshalb kann man in dieser Situation nichts für selbstverständlich nehmen. Ich weiß es sogar zu schätzen, dass ich Kleider am Leib trage, um keinen Sonnenbrand zu erleiden. Verbrannte Haut ist sehr unangenehm und in einigen Fällen führt sie zu schweren Krankheiten.

    Während ich mich auf dem Weg zu unserer Hütte mache, die in der Mitte des Dorfes liegt, da mein Großvater das Oberhaupt und Schamane unseres Volkes ist, fällt mir auf, dass ein leichter Wind weht. Sofort stelle ich meinen Eimer auf den Boden und tauche meine Finger in das mittlerweile schon lauwarm gewordene Wasser, um es auf meinem Arm zu verteilen. Durch die Nässe kann ich die Brise besser spüren und für einen Moment spüre ich sogar etwas Kälte. Meine Großmutter würde jetzt sagen, dass es ein schlechtes Zeichen sei, dass etwas Fremdes, Ungewöhnliches in unsere warme Welt eindringen wird, doch ich kann das kaum glauben. Wir sind durch die Kraft der Natur geschützt, wie sollte uns da etwas passieren? Schnell hieve ich den Eimer wieder hoch und gehe auf unser Haus zu. Es ist das einzige, das eine private Umzäunung besitzt, und das einzige, das so groß ist. Ich betrete es und stelle den Eimer vor die Tür, wo es unter dem Vordach vor der Sonne geschützt ist.

    Sobald ich eintrete, weht mir der Duft von Gemüse entgegen und mir überkommt ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht schon früher gekommen bin, um zu helfen.

    Doch meine Mutter begrüßt mich nicht mit einem strengen Gesichtsausdruck, sondern lächelt mich voller Liebe an. „Komm, Sahara, sagt sie. „Ich habe bereits früher angefangen, damit du keinen Hunger bekommst.

    „Danke, Mama", antworte ich und laufe zum Kochfeuer, wo eine Suppe brodelt. Ich rieche daran und mir steigen alle köstlichen Gewürze auf einmal in die Nase. Ein besonderer, süßer Duft überkommt mich, sodass ich fast ohnmächtig vor Glück werde. Meine Mutter bemerkt das und zieht mich sofort vom heißen Topf weg, bevor ich mich verbrenne. Schmollend verziehe ich mich zum ungehobelten Tisch, wo meine Großmutter den Tisch deckt. Die Teller aus Ton sind zwar dick und klobig, dafür halten sie allem stand.

    Mein Vater hat schon öfter darüber Witze gemacht, dass er sie als Helm während eines Krieges tragen könne, was ich total lächerlich finde. Krieg. Natürlich weiß ich von den furchtbaren Attacken und Anschlägen – es sind schon genug Flüchtlinge durch unser Dorf auf den Weg nach Uganda gezogen – doch mir ist nie in den Sinn gekommen, einen Krieg selbst hautnah erleben, geschweige denn eine Suppenschüssel als Schutzhelme tragen zu müssen.

    Ich nähere mich dem Tisch vorsichtig, um meine Großmutter nicht zu erschrecken.

    Sie bemerkt mich und ruft mir zu: „Sahara, sei doch ein Schatz und hole Wasser aus dem Brunnen. Wir haben ziemlich wenig im Haus und ohne Wasser wirst du krank!"

    Großmutter hatte schon immer eine Hörschwäche, die, wie sie erzählt, von einem brüllenden Löwen kam, der ihr einst zu nahegekommen war. Seitdem hütet sie mich ganz besonders vor allen Gefahren, da sie selbst weiß, wie plötzlich etwas Kleines einem zum Verhängnis werden kann.

    Und noch bevor ich mich noch umdrehen kann, ruft sie: „Vergiss nicht dein Löwen-Amulett! Es sollte dich vor allen Gefahren schützen!"

    Ich seufze und zeige ihr das Amulett um meinen Hals, das ich nie abgelegt habe, seitdem sie es mir gegeben hat. Es ist kostbar, ein kleiner Löwe aus einem Stück Jade geschnitten. Es ist in Familienbesitz seit Generationen und deshalb weiß ich es auch sehr zu schätzen.

    Meine Großmutter lächelt mich an, ihre Augen strahlen förmlich, wenn sie den blitzgrünen Stein erfassen. „Du siehst wunderschön aus, mein kleiner Wüstling, sagt sie und streicht mir die Haare hinter das Ohr. „Und mach schnell, die Geparden sollen dich begleiten, damit wir genug Wasser zum Mittagessen haben!

    Ich trete wieder hinaus, doch dieses Mal wirft mich die Hitze fast um. Die Sonne steht auf ihrem Höhepunkt und brennt erbarmungslos auf uns hinunter. Ich packe einen Eimer, der vor dem Tor liegt, und haste zum Brunnen, der dank unserer Lage nicht weiter weg liegt als fünf Minuten.

    Dort angekommen, befestige ich den Eimer an dem inzwischen schon verrosteten Haken und lasse ihn hinunter. Das Seil verlängert sich langsam und ich höre das dumpfe Plätschern, das in den steinernen Brunnenwänden widerhallt. Ich warte einige Sekunden und schließe währenddessen meine Augen, um mein Gesicht in die strahlende Sonne wenden zu können. Nachdem ich den Eimer hochgehievt habe, nehme ich ihn wieder an mich und grüße die Frau hinter mir, die ebenfalls Wasser für ihre Familie holt.

    Nach einigen Minuten bin ich wieder zu Hause und sehe gerade rechtzeitig, wie meine Cousins eintreffen. Sie essen manchmal bei uns, doch sie heute hier zu sehen, überrascht mich ein wenig. Ihr Vater, also mein Onkel, ist vor kurzer Zeit an Cholera gestorben und seitdem haben sie sich nur selten in der Öffentlichkeit blicken lassen. Ich stelle den Eimer behutsam neben der Tür ab und gehe sofort zu ihnen, um sie zu grüßen. Der ältere, Thabo, sieht mich zuerst und ruft mir zu: „Sahara! Wie geht’s?"

    Ich schlage in seine Hand ein und lächle zu ihm auf. Er ist wahrlich sehr groß. „Nicht schlecht. Und euch?" Die Frage ist höflich gemeint, doch ich kann sehen, wie sich der Schatten zeitgleich über ihre Gesichter legt.

    „Genauso, antwortet Abadi. Er ähnelt seinem Bruder sehr, obwohl sie keine Zwillinge sind. „Wir sind hier, weil wir etwas sehr Wichtiges mit deinem Vater besprechen müssen.

    Ich nicke. Die beiden koordinieren den Außenhandel unseres Dorfes, eine sehr wichtige Aufgabe. Während sie sich an den Tisch setzen und meine Großmutter überschwänglich begrüßen, sehe ich, wie eine Frau die Haustür vorsichtig aufschiebt. Die Frau ist klein und geht in gebückter Haltung. In der Ferne würde man meinen, sie wäre alt und gebrochen. Doch als ich in ihr Gesicht blicke, sehe ich ein vertrautes Gesicht. „Tante!", rufe ich und gehe auf sie zu.

    Aber als ihre wirren Augen mich erblicken, weicht sie zurück. Stutzig bleibe ich stehen und runzle verwirrt die Stirn. Mein Cousin ruft mir von der anderen Seite des weitflächigen Raumes zu: „Sahara, möchtest du deine Tante nicht zum Tisch begleiten? Wir haben euch Wichtiges mitzuteilen."

    Ich seufze innerlich. Dieses Essen wird anstrengend werden, voller Diskussionen und Debatten. Trotzdem halte ich meiner Tante vorsichtig den Arm hin, damit sie einen Halt hat. Sie in dieser verkrümmten Haltung zu sehen, tut mir wahrhaftig in der Seele weh. Obwohl ich sie nicht so oft sehe, erinnere ich mich daran, wie sie, genauso wie mein Vater, aufrecht und stolz in die Menge blickte und reines Selbstbewusstsein ausstrahlte.

    Als wir den Tisch erreichen, kommen meine Eltern gerade herein. Mein Vater setzt sich sofort an das Ende des Tisches, während meine Mutter die Suppe verteilt. Sobald ich dran bin, merke ich, dass die Suppe anders riecht als sonst. Salziger. Ich bemerke, dass sich meine Mutter extra viel Mühe beim Kochen gegeben hat und sogar mehr als notwendig von dem kostbaren Salz benutzt hat, das es eigentlich nur für Festmahle gibt.

    Wir alle warten noch kurz, bis mein Großvater an den Tisch herantritt und einen kurzen Segen spricht. Als er sich an das andere Tischende setzt, hebe ich die Suppe zu meinem Mund und trinke einen Schluck. Die sinnliche Welt von perfekt ausbalancierten Geschmäcken ist eine wunderbare. Ich muss vor lauter Genuss meine Augen schließen, um ja keine Note zu verpassen. Ich schmecke vor allem das Basilikum heraus und versuche, die anderen Gewürze zuzuordnen. Viele von ihnen sind mir bekannt, doch ich schmecke auch etwas Neues. Meine Augen fliegen auf. Von allen Seiten höre ich, wie meine Mutter in höchsten Tönen für die Mahlzeit gelobt wird. Ich stimme mit ein, denn ohne dieses köstliche Essen wäre mein Leben wahrscheinlich nur halb so gut.

    Meine Mutter lächelt uns alle breit an und dankt uns für die Komplimente. „Ohne Chili wäre es aber gar nicht möglich gewesen, fügt sie noch hinzu. „Davon brauche ich bald wieder Nachschub. Sie wendet sich an meine Cousins. „Habt ihr irgendwelche Informationen, wann der Händler kommen wird?"

    Meine Großmutter nickt energisch. „Ja, ich brauche seit Langem wieder einen Kamm! Meiner ist gebrochen und ich kann mich nicht ungepflegt sehen lassen!"

    Thabo lächelt spärlich und wendet sich meinem Vater zu. „Onkel, beginnt er. „Wir sind dem Händler entgegengereist und haben uns nach seinem Wohlbefinden und seiner Reiseroute erkundigt. Er hält inne. Ich sehe, wie mein Vater sich interessiert nach vorne lehnt. „Es verläuft eine Dürre durch Äthiopien und Somalia. Er möchte einen höchstmöglichen Profit ausschlagen und wird deshalb in diese Länder reisen, bevor er zu uns kommt. Er meint, dass es ihm leidtut, doch er muss an sich selbst und seine Familie denken."

    Ich begreife zunächst nicht, was das für uns bedeutet. Ich starre nur meinen Vater an, der, soweit ich erkennen kann, keinerlei Regung zeigt. Eine Minute vergeht, in der keiner etwas sagt. Ich höre nur das rhythmische Streichen über Stoff, das meine Tante verursacht.

    Endlich spricht mein Vater: „Hat er erwähnt, wie lange die Reise dauern könnte?"

    Abadi nickt langsam und sagt: „Er startet in Port Sudan, um seine Fracht abzuholen. Allein die Reise nach Addis Abeba dauert mit etwas Glück 30 Stunden, mal ganz von den Grenzkontrollen und Zwischenstopps abgesehen. Er möchte dann dort einige Wochen bleiben, um sich zu erholen und seine Ware möglichst teuer zu verkaufen."

    Meine Mutter gibt ein entrüstetes Schnaufen von sich. „Er nutzt die armen Menschen doch nur aus! Sie verhungern, aber er will nur, dass sein Reichtum wächst!", ruft sie. Mein Vater gibt ihr mit einem Blick zu verstehen, dass sie still sein soll.

    Mein Cousin macht eine kurze Pause und schlürft seine Suppe, die inzwischen nur noch lauwarm ist. „Er meint, dass er danach wieder nach Port Sudan reisen wird, um sein Geld abzuladen und seine Familie zu besuchen. Außerdem möchte er mehr Ware für die Leute in Somalia holen."

    „Warte mal kurz, unterbricht meine Mutter ihn. „Somalia, das ist doch das Land mit dem Problem der Kindersoldaten, oder?

    „Ja. Tatsächlich hat nicht nur Somalia dieses Problem. Ich habe gehört, dass es einen ähnlichen Überfall hier in der Nähe gab, in einem Dorf, das vielleicht sechs Stunden Autofahrt entfernt ist."

    Ich fange an, leicht zu zittern. Vor fünf Jahren sind viele Flüchtlinge aus Somalia zu uns gezogen und haben uns erzählt, wie die Kinder gestohlen und zu Soldaten gemacht wurden. Ohne Erbarmen wurden sie in den Krieg geschickt – mit Waffen, die größer waren als sie selbst. Ich kann mir so etwas nicht vorstellen und mag deshalb darüber nicht nachdenken.

    Mein Großvater antwortet ihr. „Ja, ich denke auch, dass es nicht sehr weise von ihm ist, in so ein Kriegsgebiet zu reisen. Vor allem mit solch teuren Gütern. Sie werden ihm alles nehmen, was er hat. Dagegen hilft auch seine kleine Pistole nicht."

    Mein Vater goutiert diese Bemerkung mit einem finsteren Blick. „Nur, dass wir uns im Klaren sind, zischt er. „Dieser Mann ist unsere einzige Verbindung zur großen Außenwelt. Ohne ihn haben wir viel größere Probleme. Außerdem möchte ich mir diese Nachricht gerne weiter anhören, da sie uns alle betrifft. Mein Großvater verzieht verärgert seinen Mund. Er will nicht, dass wir so mit ihm reden.

    Schnell meldet sich Abadi wieder zu Wort, bevor noch ein Streit ausbricht. „Also, das sind dann weitere zwei Tage für die Reise und ein weiterer Monat für den Aufenthalt, hat er gemeint. Danach reist er in die Hauptstadt von Somalia, Mogadischu, was ebenfalls um die zwei Tage dauert, ohne Grenzkontrollen und ohne Zwischenstopps. Erst danach könnte er Zeit für uns einplanen, doch dann ist die fruchtbare Saison höchstwahrscheinlich vorüber."

    „Wir bekommen also alle Waren, die keiner davor haben wollte?, ruft meine Großmutter. „Und davon sollen wir die nächsten fünf Monate leben?

    „Wenn wir überhaupt etwas bekommen, sagt mein Großvater grimmig. „Und wenn er mit all seinen Reisen fertig ist und nicht ermordet oder überfallen wurde, wann können wir denn mit ihm rechnen?

    Thabo denkt kurz nach und erwidert: „Wenn seine Angaben stimmen, dann frühestens in drei Monaten."

    „In Ordnung, sagt mein Vater. „Normalerweise würden wir ihn ja in zwei Monaten erwarten, also müssen wir nur einen Monat überbrücken. Das schaffen wir schon. Wir benutzen unsere Notrationen und einige von uns können ja einen anderen Händler suchen gehen. Mit einem richtigen Plan können wir das Ganze gut steuern.

    Erleichterung breitet sich in mir aus und ich bin auf einmal wieder glücklich. Während der Rede meines Cousins hatte ich nämlich ziemliche Angst, dass etwas Schlimmes passieren würde.

    „Also, ich habe auch etwas zu sagen, sagt meine Mutter, bevor jemand dazwischenreden kann. „Ich habe heute die Wäsche gewaschen mit Mali und Kiara und sie haben mir erzählt, dass Schlangen im Dorf gesichtet wurden. Ihre Männer haben Reparaturen vorgenommen und haben insgesamt drei Schlangen gesehen.

    Mein Vater lacht auf. „Und warum haben diese mutigen Männer das nicht gemeldet?"

    Meine Mutter zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung. Vielleicht wollten sie keinen Ärger bekommen, weil sie die Tiere nicht umgebracht haben."

    Mein Vater lacht auf. „Ja, das hätten sie tun sollen. Wir können es uns nicht leisten, eine Schlangenepidemie zu bekommen."

    Das Gespräch dreht sich noch um die verschiedenen Arten von Schlangen und ob sie wohl giftig sind. Ich konzentriere mich lieber auf die Suppenreste, die ich schnell aufesse. Ich möchte heute noch raus, bevor der Tag zu Ende geht. Meine Mutter sieht das Glitzern in meinen Augen und mahnt mich: „Kümmerst du dich heute um den Abwasch, Sahara? Und wie sieht es eigentlich mit den Hausaufgaben aus? Ich dachte, du musstest deine Rechenaufgaben noch machen?"

    Schnell schüttle ich den Kopf. „Ich habe sie gestern Abend schon gemacht, Mama, zusammen mit Bahira. Außerdem findet der Unterricht diese Woche nicht statt, weil das Dach von der Schule repariert werden

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