Johann Georg August Wirth: Ein politisches Leben zwischen Restauration und Revolution
Von Axel Herrmann
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Über dieses E-Book
Auf diesen Sockel möchte ihn der Autor nicht stellen. Vielmehr zeichnet er ein differenziertes Bild mit allen Brüchen und Schattenseiten des Lebens von Wirth, der sich auch als Jurist, Nationalökonom und historischer Schriftsteller zu seiner Zeit einen Namen gemacht hat.
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Buchvorschau
Johann Georg August Wirth - Axel Herrmann
kleine bayerische biografien
herausgegeben von
Thomas Götz
AXEL HERRMANN
Johann Georg August Wirth
Ein politisches Leben zwischen
Restauration und Revolution
kleine bayerische biografien
Biografien machen Vergangenheit lebendig: Keine andere literarische Gattung verbindet so anschaulich den Menschen mit seiner Zeit, das Besondere mit dem Allgemeinen, das Bedingte mit dem Bedingenden. So ist Lesen Lernen und Vergnügen zugleich.
Dafür sind gut 100 Seiten genug – also ein Wochenende, eine längere Bahnfahrt, zwei Nachmittage im Café. Wobei klein nicht leichtgewichtig heißt: Die Autoren sind Fachleute, die wissenschaftlich Fundiertes auch für den verständlich machen, der zwar allgemein interessiert, aber nicht speziell vorgebildet ist.
Bayern ist von nahezu einzigartiger Vielfalt: Seine großen Geschichtslandschaften Altbayern, Franken und Schwaben eignen unverwechselbares Profil und historische Tiefenschärfe. Sie prägten ihre Menschen – und wurden geprägt durch die Männer und Frauen, um die es hier geht: Herrscher und Gelehrte, Politiker und Künstler, Geistliche und Unternehmer – und andere mehr.
Das wollen die KLEINEN BAYERISCHEN BIOGRAFIEN: Bekannte Personen neu beleuchten, die unbekannten (wieder) entdecken – und alle zur Diskussion um eine zeitgemäße regionale Identität im Jahrhundert fortschreitender Globalisierung stellen. Eine Aufgabe mit Zukunft.
DR. THOMAS GÖTZ, Herausgeber der Buchreihe, geboren 1965, studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie. Er lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Regensburg und legte mehrere Veröffentlichungen, vor allem zu Stadt und Bürgertum in Bayern und Tirol im 18., 19. und 20. Jahrhundert, vor. Darüber hinaus arbeitet er im Museums- und Ausstellungsbereich.
Inhalt
I.Johann Georg August Wirth – eine Annäherung an seine Person
II.Mitgift seines Lebens
Die preußische Ära in Franken / Die Textil- und Handelsstadt Hof / Die Familie Wirth / Schule und Bildung / Hof wird bayerisch
III.Auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben
Ein Armutszeugnis für Wirth / Karl Ludwig Sand und die Burschenschaften / Eintritt in Berufs- und Ehestand
IV.Die Bayreuther Jahre
Biedermeier in Bayreuth / Bayerisches Rechtswesen / Nationalökonomie / Die Krankheit des Staates / Romantisches Geschichtsbild / Die Idee der Freiheit und Menschenwürde
V.Im Kampf um die Pressefreiheit
Die Julirevolution in Frankreich und ihre Folgen / Der »Kosmopolit« / Allianz mit Cotta / Johann Friedrich Freiherr Cotta von Cottendorf, Medienzar und Industriepionier / Vormärz / Die Deutsche Tribüne / Die Rheinpfalz – Bayerns freiheitlicher Westen / Der Deutsche Press- und Vaterlandsverein / Philipp Jakob Siebenpfeiffer – Wegbereiter und Weggefährte Wirths / Freiheitsbäume
VI.Das Hambacher Fest
Die Vorgeschichte / Inszenierung des Festes / Schwarz-Rot-Gold / Wirths Hambacher Rede / »Das Volk liebt, wo die Könige hassen« – aus Wirths Hambacher Rede / Nachwirkungen und Reaktionen
VII.In den Mühlen der Justiz
Untersuchungshaft in Zweibrücken / Assisengericht / Assisenprozess in Landau / Die Rechte des deutschen Volkes – Wirths Verteidigungsrede / »Der ideale Staat« – aus Wirths Verteidigungsrede / »Der überzeugte Republikaner« – aus Wirths Verteidigungsrede / Zuchtpolizeisträfling in Zweibrücken und Kaiserslautern / Die Kulturgeschichte der Menschheit / Festungshaft in Passau
VIII.Verbannung und Exil
Verbannung in Hof / Die Ehre, nicht Wohnort von Wirth zu sein / Im französischen Exil / Amalie Lemmé, Mäzenin und Priesterin der Freiheit / Das Schweizer Exil / Die Rheinkrise 1840 / Historiker oder politischer Schriftsteller? / Wirth über die Bedrohung Deutschlands durch »gallo-romanische« und slawische Völker
IX.Der verspätete Revolutionär
Zwischen Evolution und Revolution / Wirth über die Rolle deutscher Fürsten in der Revolution 1848 und die Aufgabe von Republikanern bei Staatsumwälzungen / Wirths Wahl in die Nationalversammlung / Die Wahlen zur Frankfurter Nationalversammlung / Der allzu frühe Tod des Abgeordneten Wirth
X.Nachleben im Wandel der Zeit
Johann Georg August Wirth – ein zweiter Moses? / Wo steht Wirth? / Gedenken in Wirths Vaterstadt Hof
Anhang
Zeittafel / Literaturverzeichnis / Bildnachweis
I.Johann Georg August Wirth – eine Annäherung an seine Person
Als im Vorfeld der Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag und zum 150. Todestag von Johann Georg August Wirth 1998 in Hof der Gedanke aufkam, für den großen Sohn der Stadt ein Denkmal zu errichten, waren sich die Beteiligten, darunter der Autor dieser Biografie, einig, Wirth als Person nicht auf einen Sockel zu stellen. Vorbei waren die Zeiten, wo man gekrönte Häupter, aber auch Geistesgrößen und Dichterfürsten wie Goethe und Schiller erhöhte, damit sie vom Volk ehrfurchtsvoll bestaunt werden konnten. Eine solche Vorgehensweise hätte sicher nicht im Interesse Wirths gelegen. In Hof entschied man sich daher für einen Entwurf des ebenfalls in der Saalestadt geborenen Künstlers Andreas Theurer, der einen zentralen Aspekt aus dem Leben des Publizisten Wirth herausgriff und ihn in Form einer aufgeschlagenen Seite der Deutschen Tribüne in den Blickpunkt des Betrachters rückte.
Auch der Verfasser will Wirth nicht auf einen Sockel stellen, sondern im Gegenteil ihn wieder erden. Wirth war kein Übermensch und erst recht kein Mythos, zu dem er von einigen Gralshütern der freiheitlich-parlamentarischen Demokratie stilisiert worden ist. Freilich darf man die Bedeutung Wirths auch nicht auf seine Rolle beim Hambacher Fest reduzieren. Er besitzt in herkömmlichen Darstellungen über den Vormärz einen festen Stammplatz und in diesem Zusammenhang tauchen Philipp Siebenpfeiffer und Johann Georg August Wirth wie Dioskuren im Spotlight der Geschichte auf, um dann meist ebenso, wie sie erschienen sind, wieder im Dunkeln der Vergangenheit zu verschwinden.
Worin bestehen aber die Gründe, sich heute noch mit der Biografie eines Mannes zu beschäftigen, der in seinem Leben vielleicht mehr Niederlagen einstecken musste, als er Erfolge feiern konnte. Wirth war bekanntlich kein Staatsmann oder herausragender Politiker in einem festen Amt; als Publizist stand er eher in der zweiten oder dritten Reihe aller politisch aktiven Persönlichkeiten. Gerade deswegen sollte er aber im Hinblick auf seine Breitenwirkung nicht unterschätzt werden. Denn mit dem konsequenten und unerschrockenen Auftreten Wirths mussten sich sogar der bayerische König Ludwig I. und der beinahe allmächtige österreichische Staatskanzler Fürst Metternich mehr beschäftigen, als es ihnen lieb war. Mit anderen Worten: Auch die Männer der ersten Reihe waren niemals so autonom, wie es ein verkürztes Geschichtsdenken glauben macht. Ihr Handeln war im positiven wie im negativen Sinne zum großen Teil ein Reflex auf die Meinungen und Einflüsse nachrangiger Gestalten. An dieser Tatsache hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn immer mehr Frauen in führende Positionen einrücken. Wenn man also historische Prozesse wirklich verstehen will, kommt es auch auf die biografische Erhellung scheinbar untergeordneter Mitspieler an. Im Spiegel jener Personen lassen sich überdies die spezifischen kulturellen und sozioökonomischen Verhältnisse einer bestimmten Epoche sichtbar machen.
Eine gute Biografie zeichnet sich u. a. dadurch aus, dass sie nicht vom Lebensende der betreffenden Person her erzählt wird. Nur so kann vermieden werden, dass erst für eine spätere Lebensphase geltende Einsichten und Urteile den Blick auf die Entwicklung eines Menschen in ihrer Gesamtheit verstellen. Genauso wenig darf die Darstellung auf ein besonderes Ereignis – im Falle Wirths das Hambacher Fest – fokussiert werden. Die vorliegende Biografie versucht deshalb, das Leben von Johann Georg August Wirth mit all seinen Möglichkeiten und Brüchen, Höhen und Tiefen in der gebotenen Kürze chronologisch nachzuzeichnen. Der Autor ist sich bewusst, dass mit der fesselnden Lebensbeschreibung von Michail Krausnick aus dem Jahre 1997 und der quellenmäßig sehr fundierten und detailreichen Dissertation von Elisabeth Hüls 2004 bereits biografische Maßstäbe für Wirth gesetzt wurden. Dennoch bleiben nicht nur Fragen offen; die Quellenlage eröffnet auch manche Spielräume für andere Akzentsetzungen und andere Interpretationen. Letztlich teilt Johann Georg August Wirth das Schicksal mit so vielen anderen Menschen, dass man sich seiner Person nur so gut wie möglich annähern kann, ohne den Anspruch zu erheben, ihn vollständig erfasst und verstanden zu haben.
II.Mitgift seines Lebens
Man schrieb das Jahr 1798, als Johann Georg August Wirth am 20. November in Hof im »Voigtlande« geboren wurde. In diesem Jahr hatte Napoleon seine Expedition nach Ägypten begonnen, deren kulturelle Frucht die wissenschaftliche Erforschung des Landes am Nil werden sollte. In Wien erlebte derweil das Oratorium Die Schöpfung von Joseph Haydn seine Uraufführung und Friedrich Schiller vollendete seine Ballade Die Bürgschaft. Solche geistigen Bereicherungen des Lebens wurden in der fränkischen Provinzstadt wohl kaum wahrgenommen, dafür aber die Teuerung der Getreidepreise und ein gewisser Niedergang des produzierenden Gewerbes umso mehr. Als Ursache sah der damalige Verfasser der Hofer Altstadtchronik das Wirken der französischen Revolutionsarmeen. Aus der zeitlichen Distanz heraus darf konstatiert werden, dass die wirtschaftliche Lage im Geburtsjahr Wirths noch keineswegs so dramatisch war, wie sie der Chronist glauben machen möchte.
DIE PREUSSISCHE ÄRA IN FRANKEN
Bereits 1791 waren die fränkischen Fürstentümer Ansbach und Bayreuth an Preußen gefallen, nachdem der des Regierens überdrüssige Markgraf Karl Alexander zugunsten der hohenzollernschen Verwandten in Berlin Verzicht geleistet und sich mit der Dame seines Herzens, Lady Craven, nach England ins Privatleben zurückgezogen hatte. König Friedrich Wilhelm II. sandte seinen Leitenden Minister Karl August Freiherr von Hardenberg mit vizeköniglichen Vollmachten ausgestattet nach Franken, um von den beiden Markgrafschaften Besitz zu ergreifen und sie im Geiste der Aufklärung des Spätabsolutismus zu reformieren. Begünstigt durch den Frieden von Basel 1795, mit dem Preußen aus der Reihe der Koalitionäre im Krieg gegen Frankreich ausschied, brach Hardenberg die verkrusteten, teilweise noch aus dem Mittelalter stammenden Verwaltungsstrukturen auf. Seine große Leistung bestand neben der Einführung des Allgemeinen Preußischen Landrechts in der Trennung von Justiz und Verwaltung sowie in einer klaren Gliederung der Behörden. Gerade diese Form von Gewaltenteilung sah der erwachsene Wirth später für eine unabhängige Justiz und einen liberalen Staat als unabdingbar an. In Hof blieb die Selbstverwaltung der Stadt durch einen Magistrat unter Aufsicht eines Polizeidirektors bestehen. Gleichzeitig stärkten die Reformen die Wirtschaftskraft der Stadt. Das Bürgertum und mit ihm die Familie Wirth fühlte sich in dem moderneren und größeren Staatswesen gut aufgehoben.
Diese hoffnungsvolle Entwicklung Hofs endete abrupt im Jahre 1806 mit der unbedachten Kriegserklärung Preußens an Frankreich und der vernichtenden Niederlage der preußischen Armee bei Jena und Auerstedt. Mit dem Aufmarsch französischer Truppen auf der Heerstraße über Hof erlebte die Bevölkerung wie im Dreißigjährigen und im Siebenjährigen Krieg wiederum die Schrecken militärischer Einquartierungen. Nach dem Frieden von Tilsit 1807 fand sich das Fürstentum Bayreuth dann als Provinz im französischen Kaiserreich wieder. Der französische Gouverneur Camille de Tournon beließ es bei den preußischen Verwaltungsstrukturen und bemühte sich redlich, die Kriegslasten so gering wie möglich
