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Warum wir die Welt nicht retten können: es ist bereits zu spät
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Warum wir die Welt nicht retten können: es ist bereits zu spät
eBook807 Seiten9 Stunden

Warum wir die Welt nicht retten können: es ist bereits zu spät

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Über dieses E-Book

Seit den Veröffentlichungen des "Club of Rome" in den 70ern ist die Menschheit angezählt. Aus heutiger Sicht können wir nur resigniert feststellen: Seitdem ist zu wenig geschehen, um den Verfall der Ökosysteme aufzuhalten. Mittlerweile sind wir in die katastrophische Epoche eingetreten. Starkregenereignisse, Dürren usw. sprechen eine eindeutige Sprache. Der Klimawandel ist in vollem Gange und ein Zurück zum unversehrten Ausgangspunkt gibt es nicht mehr. Eine Notbremsung würde außerdem eine wirtschaftliche Katastrophe nach sich ziehen. Der Autor untersucht die Gründe im sozialpsychologischen, politischen und anthropologischen Bereich, warum wir es nicht geschafft haben und sehenden Auges auf den Niedergang zusteuern. Dabei kommt auch das globale finanzkapitalistische System in Betracht mit seinen Sachzwängen, das uns gerade durch seine Erfolge in den Ruin treibt. Auch die Religionen haben zu einer Entfremdung von unseren natürlichen Anlagen beigetragen. Der Autor kritisiert auch das ungezügelte Bevölkerungswachstum, das auf Kosten der Artenvielfalt geht. In seinem Realismus verbreitet das Buch keinen unbegründeten Optimismus mehr. Alle Kulturen und Religionen kennen auch apokalyptische Szenarien. Dass diese nun von uns Menschen selbst ausgelöst werden, ist das eigentlich Überraschende. Wir befinden uns nicht in einer Umwelt-Krise, sondern wir selbst sind diese Krise.

Klaus Windhöfel studierte Theologie, Philosophie und Physik in Bochum, Wuppertal und Bonn. Er war 25 Jahre in Wetzlar als Pfarrer im Schuldienst tätig und unterrichtete Religion, Ethik und Anthropologie. Seit 2014 im Vorruhestand.
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum21. Feb. 2022
ISBN9783755750666
Warum wir die Welt nicht retten können: es ist bereits zu spät
Autor

Klaus Windhöfel

geschieden, drei Kinder, zwei Enkelkinder geboren am 18.06.1953 Ich bin Pfarrer im Ruhestand und habe 25 Jahre als Pfr. im Schuldienst an zwei Berufsschulen in Wetzlar Religion, Ethik und Anthropologie unterrichtet. Davor habe ich insgesamt 3 Jahre Gemeindepraxis gesammelt als Pastor bzw. Vikar in Wuppertal und Waldbröl, wo ich auch Krankenhausseelsorger war. Davor habe ich eine Lehre in der Druckerei absolviert und insgesamt 3 weitere Jahre in verschiedenen Jobs als Hilfsarbeiter gearbeitet. Besuch der Ingenieurschule in Wuppertal für Druckereitechnik Abitur auf dem Bergischen Kolleg in Wuppertal; Studium der Theologie, Philosophie und Physik in Bochum und Bonn (Phil. u Physik ohne Abschluss); Ausbildung in Klinischer Seelsorge (Ehe- und Lebensberatung im; ständige Fortbildungen zum Themenkomplex Naturwissenschaft, Physik und Theologie in Marburg; langjährige Mitarbeit im Friedenskreis der Braunfelser Synode; Ein zweiter Ausbildungsweg betrifft die Suchtkrankenhilfe. Habe 10 Jahre ehrenamtlich im Blauen Kreuz mit jugendlichen Alkoholkranken gearbeitet und die Ausbildung zum Suchtkrankenhelfer im Diakonischen Werk der EKD absolviert. Seit August 2014 befinde ich mich im Ruhestand. Bisherige Veröffentlichungen: Trilogie Failed Species (Roman) bei BoD im Selbstverlag 2016 Unser fabriziertes Universum (Sachbuch) bei BoD im Selbstverlag 2018 Ist da wer? Zur Gottesfrage im modernen naturwissenschaftlichen Weltbild bei BoD im Selbstverlag 2019 Warum wir die Welt nicht retten können es ist bereits zu spät (bei BoD im Selbstverlag 2021)

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    Buchvorschau

    Warum wir die Welt nicht retten können - Klaus Windhöfel

    Das Erwachen der 70er Jahre

    Mit den Büchern des „Club of Rome wurden wir erstmalig mit der Tatsache konfrontiert, dass wir auf einer Erde leben, die sich grundsätzlich durch Endlichkeit, Begrenztheit ihrer Vorräte und Limitation ihrer Aufnahmekapazität für alle möglichen Formen von Abfällen auszeichnet, angefangen von den üblichen Stoffwechselprodukten der Wohlstandsgesellschaft, von denen die meisten nicht recycelbar sind, über die Umweltverschmutzung bis hin zu den Emissionen einer hochtechnisierten Industrie und den unvermeidlichen chemischen Endprodukten bei der Energiegewinnung. Das Wort „Umwelt oder „Umweltschutz war in den 60er Jahren überhaupt nicht bekannt. Die Studentenbewegung Ende der 60er Jahre verfolgte nur politische Ziele. Natur, Tierschutz, Folgewirkungen kapitalistischer Wirtschaftsformen für die Lebensqualität von Menschen kamen in ihrem Vokabular schlicht und einfach gar nicht vor. Diese an sich gut informierten intellektuellen Studierenden lebten wie alle anderen auch unbedarft in den Tag hinein, so als hätten wir noch eine Erde in Petto, wie jedes Auto – damals zumindest – ein Ersatzrad mit sich führte für den Fall einer Reifenpanne. Langsam sprach sich herum, dass der Planet Erde wie ein großes Raumschiff gesehen werden kann, in dem wir die geduldeten Insassen sind, das mit uns durch den Weltraum driftet. Der Raum mag sehr groß sein, den die Erde umfasst, aber es ist endlicher, begrenzter Raum. Alles was wir wegschmeißen, energetisch und chemisch umsetzen, die Kräfte, die wir aus dem Atom entfesselt haben, um sie waffentechnisch und energetisch zu nutzen nebst deren tödlicher Strahlung – das alles treibt mit uns fortan auf dem Raumschiff Erde. Allein die mangelnde Vorstellung von diesem zwar sehr großen, aber dennoch gemessen an kosmischen Maßstäben sehr engen Raumes bietet eine gewisse Entschuldigung für ein an sich extrem unvernünftiges Verhalten. Aus den Augen, aus dem Sinn! Der Sperrmüll holt die Exkremente der Konsumgesellschaft ab; und bei uns „kommt der Strom aus der Steckdose. Man hat keinen direkten sinnlichen Bezug zu dem persönlichen Beitrag an Umweltbelastung. Wir werden in den folgenden Kapiteln sehen, dass nicht alles auf uns Menschen schuldhaft zurückfällt. Die evolutionäre Herkunft aus der Primatenlinie hat uns mit bestimmten Merkmalen und Eigenschaften ausgestattet, gleichwohl auch mit Schwächen und Unzulänglichkeiten, bei denen es schwerfällt, mittels der Vernunft gegenzusteuern. Zu den kollektiv ererbten Stärken ge hört zweifellos ein hohes Maß an Fürsorge. So kümmert man sich in der Regel rührend um seinen Nachwuchs und trägt für einen Raum Sorge, zu dem man ein emotionales Verhältnis hat und den man überschauen kann. Unsere fernen Ahnen auf der Kulturstufe der Jäger und Sammler und der Bauern nach der Revolution von Ackerbau und Sesshaftwerdung 12000 Jahre vor heute hatten ganz und gar keine Ahnung von der Größe der Erde, ganz zu schweigen von ihrer Kugelgestalt und der Weite der Ozeane, trotzdem sie schon sehr mutig und waghalsig waren, wurde doch der Kontinent Australien bereits vor 45000 Jahren vom Homo sapiens besiedelt. Das war gewiss kein harmloses „Inselhopping". Dazu bedurfte es schon seetüchtiger Boote und Grundkenntnisse in Navigation. Wir sind ja auch nicht gegen diese Eigenschaften von Mut, Entschlusskraft, Ehrgeiz und Wagnis, die von den Vormenschen auf uns vererbt worden sind. Wir profitieren davon, dass die Art des Homo sapiens, nicht selten auch mit Gewalt und Aggression, sich erfolgreich fortzupflanzen verstand, indem sie sich wehrte gegen Bären und Säbelzahntiger und ihr Territorium verteidigte, andernfalls würde es uns gar nicht geben. Doch es war eben nur der Bereich des Eigenen, des Stammes, des Clans, der Großfamilie, des Territoriums, das man für sich beanspruchte zum Jagen und Sammeln, das eigene bebaute Stück Acker, die Höhle oder Lehmhütte, für die man sich verantwortlich fühlte. Jenseits dessen begann das Fremde und Bedrohliche. Einer der Gründe für das Scheitern des Homo sapiens ist ein Horizontproblem. Was jenseits dessen liegt, geht mich nichts an. Dahin kann alles Böse projiziert, alles Unbrauchbare, Wertlose abgelagert werden; es geht mich dann nichts mehr an. Aus den Augen, aus dem Sinn! Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich um physikalische Altlasten, Jahrhunderttausende strahlender atomarer Restmüll oder um Junk-Bonds, wertlose Anleihen, die in Bad-Banks entsorgt werden, handelt von eher unkonkreter Natur. Das Prinzip ist immer dasselbe: was aus dem Gesichtskreis fällt, scheint keine Wirkung mehr auszuüben. Kein normaler Mensch würde auf die Idee kommen, seinen Garten zu vermüllen und Altöl vom letzten Ölwechsel dort zu vergraben; kein Hobbyaquarianer würde sein Aquarium freiwillig vergiften. Warum sollte er das tun? Er liebt seine Fische, erfreut sich an deren Wohlergehen und achtet peinlich auf den regelmäßigen Wasserwechsel, weil er weiß, dass auch die beste Filterung nicht alle Abbauprodukte entsorgen kann. Was für Fische gilt, gilt für alle Lebewesen, demnach auch für den Homo sapiens, der immer noch ein Säugetier geblieben ist und sich nach wie vor im Naturzustand aufhält, auch wenn er sich weit daraus entfernt glaubt.

    Seit langem ist die chemische Reaktionskette Nitrat – Nitrit – Nitrosamine bekannt, wobei sich Nitrat im Grundwasser ansammelt und am Ende der Nahrungskette krebserregende Nitrosamine in unseren Körpern entstehen. Warum funktioniert das Aquarien-Modell im großen Maßstab nicht mehr? Ich wohne in einer landwirtschaftlichen Gegend in Dithmarschen. Abenteuerlich große Tankwagen, von gigantischen Traktoren gezogen, die mich jedes Mal zwingen, vom Rad abzusteigen, wenn sie mir auf den kleinen Nebenstraßen begegnen, verbringen Jahr für Jahr ungeheuerliche Mengen Gülle auf die Felder, vorgeblich zur Düngung der nächsten Saat. Man hat aber eher den Eindruck, dass die reichlich anfallende Gülle als Resultat der industriellen Massentierhaltung entsorgt werden muss. Nicht nur der unnatürliche Gestank (ein Misthaufen früherer Zeiten roch ganz anders) ist ein Ärgernis, sondern auch die Inspektion der Entwässerungsgräben rings um die Felder, denn sie sind voll von einer bräunlichen Flüssigkeit. Die Äcker können so viel Gülle gar nicht aufnehmen, zumal auch noch ein einträgliches Geschäft gemacht wird mit der von Holland nach Deutschland verkauften Gülle, die dann noch zusätzlich auf die Äcker verklappt wird. Der Landwirt kalkuliert nur ökonomisch-rational. Was sich da im Grundwasser anreichert an Nitrat, entschwindet seinem Horizont. Das Gesamtsystem hochindustrialisierte Landwirtschaft – Rentabilität – niedrige Verbraucherpreise endet für ihn dort, wo sich die Kreise von Kreditlinien, Gewinnströmen, Absatzmärkten schließen. Die Spätfolgen einer Grundwasserverseuchung oder das Tierwohl, Belastung der Lebensmittel mit Pestiziden usw. sind Rechnungsgrößen, die ausgelagert werden, oder für die der Steuerzahler aufkommen muss. Wohlgemerkt: derselbe Landwirt könnte in seinen Mußestunden begeisterter Aquarianer sein, der keinesfalls dulden würde, dass seine Fische in derselben Weise geschädigt werden durch nitrathaltiges Wasser, was er bei den Trinkwasserkonsumenten in der Region billigend in Kauf nimmt als Kollateralschaden des Ökonomismus. Und was das Sonderbarste ist: ich begrüße besagten Landwirt freundlich; er ist mein Vereinskamerad, und wir begegnen uns mit gegenseitiger Höflichkeit. Wir neigen dazu, solcherart Umweltfrevel zu verdrängen und uns dem allgemein anerkannten ökonomischen Prinzip zu unterwerfen; mit anderen Worten: wir würden in einer ähnlichen Situation gleich handeln. Wie es zu solchen schizophrenen Situationen kommt, werden wir herausarbeiten müssen. Wenn wir wirklich umfänglich und hinreichend informiert wären über den ins Finale schlitternden Zustand der Welt, müssten wir morgen in den Generalstreik treten, alle Autobahnen sperren, die öffentlichen Plätze besetzen und das Parlament stürmen. Aber es geschieht nicht. Das muss seine Gründe haben. Mir war es wichtig, hier den Begriff „ökonomische Rationalität" einzuführen, die offensichtlich nur eine Scheinrationalität sein kann, denn aufs Ganze gesehen, bezogen auf eine Menschenpopulation, verhalten wir uns eben zutiefst unvernünftig. Zudem gibt es seit geraumer Zeit Grenzwerte für den Nitrateintrag ins Grundwasser und die EU-Gremien mahnen Deutschland an, die Grenzwerte einzuhalten, die bei uns lange schon über dem erlaubten Niveau liegen – und: nichts geschieht! Das kann nur am Lobbyismus der Landwirtschaft liegen. Aber das sind Einzelthemen, die prinzipiell politisch lösbar wären. Um die soll es hier nicht gehen; ich möchte nur die allgemeinen, tiefliegenden Gründe analysieren, die das Projekt Menschheit zum Scheitern verurteilen.

    Zum Umdenken der 70er Jahre gehörte die Entdeckung systemischer Zusammenhänge, die unter dem Begriff Ökosystem inzwischen zu einem Gemeinplatz geworden sind. Evolution und Natur agieren in rückbezüglichen, teils verstärkenden, teils hemmenden Regelkreisen. Nach den Forschungen Ilya Prigogines sind alle Lebensstrukturen dissipative autopoietische Systeme fernab vom physikalischen Gleichgewicht. Nur so können sie auf Zeit ein stabiles Muster bilden, das der entropischen Tendenz entgegenwirkt. Ein dauerhafter Energiedurchfluss ist notwendig (Stoffwechsel), um das fragile Gleichgewicht zu gewährleisten. Verbrauchte Energie muss generell wieder abgegeben werden können. Das ist mindestens so wichtig wie die Energieaufnahme in Gestalt von Sonnenlicht und Nahrung. Das Leben schwimmt gewissermaßen auf einem bleibend chaotischen Untergrund und weist deswegen nur eine geringe Toleranz gegen Veränderungen der inneren und äußeren Verhältnisse auf. Es ist in bestimmten Grenzen einer ständigen Veränderung unterworfen. Kein Leben bleibt mit sich vollkommen identisch über die Zeit hinweg. Lebensstrukturen bleiben stets vom Tode bedroht; Eigenzeitlichkeit ist ihr Charakteristikum. Nun lässt sich diese Erkenntnis über die Lebensstrukturen auf höhere Ebenen übertragen und wir gelangen zu einer Vielzahl nur bedingt abgrenzbarer Ökosysteme, die aus der Interaktion verschiedenster Akteure bestehen. Typisch ist ein immer nur vorläufiges Gleichgewicht zwischen allen Akteuren. Alle Subsysteme haben einen begrenzten Autonomiestatus, sind aber gleichzeitig Bestandteile höherer Regelsysteme, z.B. in der Jäger-Beute-Population. Insofern arbeiten theoretisch unbegrenzt viele Komponenten selbstregulativ zusammen. Wir sind eingebettet in eine Vielfalt von Leben; wo wir auch hinsehen, selbst in dem unscheinbarsten Moos, in jedem Quantum Wald- oder Gartenerde begegnet uns Lebendiges, Insekten, Kleinsttiere, Mikroben, selbst Viren. Jede Pflanze und Blüte bietet wiederum den Lebensraum für speziell an ihr Habitat angepasste Spinnen und Insekten. Wir sind vollständig von Leben umgeben, Leben, das leben will, inmitten von Leben, das genauso wie wir leben will (Albert Schweitzer). Die Evolution gleicht einem zwecklosen Spiel, aus dem wir infolge unserer Bewusstheit seltsam herausragen. Das mag zu der Entfremdung von allem Natürlichen beigetragen haben. Ein Ergebnis oder ein Endstadium dieses spielerischen Umgangs mit dem Zufälligen ist dabei prinzipiell nicht vorgesehen. Alle vorläufigen Gleichgewichte der Ökosysteme sind grundsätzlich labil wie das Leben selbst und können jederzeit zusammenbrechen oder in andere Ordnungszustände übergehen. Mittlerweile haben sich die Begriffe „Kipppunkte oder „Tipping-Points eingebürgert, wohinter sich physikalisch das Umschlagen nichtlinearer Systeme von Ordnung ins Chaos verbirgt. Besorgniserregend daran sind die s.g. „Schmetterlingseffekte. Winzige, kaum messbare Ursachen bringen ein Ökosystem, das bisher einigermaßen stabil zu sein schien, ins Trudeln. Niemand kennt diese mikroskopisch kleinen Ursachen genau, und das Verhalten des Systems ist generell nicht vorausberechenbar. In Bezug auf den unvermeidlichen Klimawandel springen die Gefahren unmittelbar ins Auge. Wann sind diese Kipppunkte erreicht? Wenn die Permafrostböden auftauen? Wenn zu viel Eis der Polkappen in den Ozeanen schmilzt und sich ihre Salzkonzentration ändert? Wenn die „Albedo (das von den Gletschern reflektierte Sonnenlicht) durch Abschmelzen der Gletscher sich vermindert? Wir wissen es nicht. Wir kennen auch nicht die Auswirkungen der dann zu erwartenden schlagartigen, wahrscheinlich lebensfeindlichen Veränderungen. Inzwischen sind die erdgeschichtlichen Katastrophen z.B. am Ende der geologischen Epoche des Perm (vor 300 bis 252 Millionen Jahre) und am Ende der Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren, als die Saurier ausstarben, durch populärwissenschaftliche Sendungen hinreichend bekannt, die globale ökologische Umwälzungen apokalyptischen Ausmaßes zur Folge hatten. Überall, wo im Unterricht oder in Seminaren seit dem Umbruch der 70er Jahre von Ökosystemen die Rede ist, wird man das „Anthropozän behandeln, jene Epoche in der Erdgeschichte, die unwiderruflich vom Menschen und seinem Naturzugriff bestimmt wird, verbunden mit der dringenden Warnung, dass die nächste ökologische Katastrophe menschengemacht sein wird. Nach dieser Lesart ist also der Mensch der ökologische Übeltäter, der sich nicht anpassen kann oder will. Der Grund dafür ist unsere Ignoranz der unverbrüchlichen Verquickung mit den Ökosystemen und Lebensstrukturen der Erde, deren Teil wir sind und von deren Funktionieren unser Leben abhängt. Man kann darüber streiten, in welchem Maße diese systemischen Lebenszusammenhänge vor 1970 bereits bekannt waren, aber gänzlich unbekannt dürften sie jedenfalls nicht gewesen sein. Deswegen ist es eigentlich unverständlich, dass wir uns diese fundamentalen Zusammenhänge erst wieder zurückrufen mussten ins Bewusstsein durch eine angepasste schulische und öffentliche Pädagogik, ausgelöst durch den Schock einer nicht unbegrenzt belastbaren Erde. Trotzdem müssen wir anthropologisch und philosophisch die Frage stellen, seit wann und warum sich der Mensch nicht mehr spontan und authentisch als natürliches Wesen begreifen konnte. Man kann ja beim besten Willen historisch keine beständige Harmonie zwischen Mensch und Natur konstatieren. Für diese Differenzerfahrung gibt es Erklärungsansätze. Vermutlich haben das Aufkommen von Bewusstheit im evolutionären Prozess und die Freisetzung eines Abkömmlings der Primatenlinie von der Sicherheit des Instinktes zu Irritation und dem Gefühl von Fremdheit geführt. Man verstand sich nicht mehr primär als Naturwesen, sondern als eine herausgehobene und abgehobene Schöpfung einer geistigen Welt. Religiös konnte sich der Mensch auf diese Weise als „Krone der Schöpfung verstehen, was die Distanz zu Natur und Kreatur noch einmal verstärkte. In der Neuzeit hat man keineswegs die Krone abgelegt, sondern nur ihre vermeintliche Herkunft von Gott; mit dem Aufkommen des Atheismus hat sich eigentlich in der Grundsubstanz nichts geändert. Wir verdanken unsere Existenz nicht mehr einem höheren metaphysischen Wesen, sondern wir sind zu Selbst-Schöpfern geworden mit demselben Anspruch, Krone oder Herrscher über die Erde zu sein wie zu biblischen Zeiten, niemandem Rechenschaft schuldig außer uns selbst. Die neue Krone, die wir uns selbst aufgesetzt haben, bedeutet Weltmeister zu sein in allen möglichen Disziplinen. Wir dürfen uns als die absoluten Sieger verstehen im Darwin´schen Wettkampf ums Überleben und in der geschickten Fitness der Anpassung an die widrigsten Lebensbedingungen. Wie gesagt: seit den 70ern sind wir diesbezüglich etwas bescheidener geworden, trotzdem halten wir an einem globalen Wirtschafts- und Finanzsystem fest, das uns mittlerweile an den Abgrund gebracht hat. In unserer Wirtschaftsweise, dem Zusammenwirken vieler halbfreier Märkte und im internationalen Finanzwesen spielen erkennbar ebenfalls selbstregulatorische, wechselwirkende und rückbezügliche Vorgänge die Hauptrolle analog zu den Lebensstrukturen, doch die daraus resultierende Eigendynamik ist künstlich und nicht natürlich. Ja mehr noch: diese künstlichen Prozesse schmiegen sich nicht harmonisch an das Naturgegebene an, sondern stehen ihm entgegen; gegenwärtig sind sie sogar zu einer tödlichen Bedrohung angewachsen. Insofern man in der Kultur ein Weitergehen der Evolution mit anderen Mitteln sehen möchte, so hat sie uns in eine Sackgasse manövriert, in der ein Wendemanöver immer schwieriger wird. Die systemischen Prozesse des wissenschaftlich-technischen Systems mit kapitalistischer Verwertung sind offensichtlich mit den natürlichen organischen und ökologischen Vorgängen nicht kompatibel. Das erkennen wir an den Reibungsverlusten und Bruchlinien, die aktuell immer deutlicher werden, wo eine künstliche kulturelle Welt sich nicht mehr mit den natürlichen Ökosystemen verträgt. Man hört heutzutage oft von der undurchschaubaren Komplexität der Welt und meint dabei nichts anderes als ein vielfach rückgekoppeltes, marktkonformes regulatives System, bei dem acht Milliarden Menschen die Akteure sind, vielfach vernetzt, kooperierend und konkurrierend. Nur darf man diese Form der Regulation und Vernetzung, so komplex sie auch sein mag, nicht mit den Lebensstrukturen vergleichen. Schon gar nicht sollte man von einem höheren Seinszustand sprechen, der die Lebensstrukturen, etwa in der Cyberwelt, weit hinter sich gelassen und überwunden hätte.² Eher scheinen sie das Gegenteil zu verkörpern. Was der Mensch künstlich erschaffen hat, scheint sich in der Gegenwart eher wie ein giftiges Mycel, eine feinfasrige, unnatürliche Matte rund um die Erde und über die Weltmeere auszubreiten mit erstickender Folgewirkung. Dass auch unsere Lebensgrundlage dadurch bedroht ist, brauche ich nach dem bisher Ausgeführten nicht extra zu erwähnen. Die künstliche Welt, die der Mensch erschaffen hat, verhält sich zur Natur so fremd, wie er sich offenbar selbst in ihr immer vorzufinden glaubte: als ein Ausgestoßener, Entlassener, als ein Emporgehobener, kurz: als ein Fremdling und Sonderling, als ein Zwitter zwischen Tier und Engel. Das inzwischen tödliche System wäre dann der Reflex eines falschen Selbstverständnisses des Menschen, das wir viel früher als vor 50 Jahren hätten korrigieren müssen. An diesbezüglichen Versuchen hat es ja nicht gemangelt: ökologischer Landbau, Zurück-zur-Natur-Bewegung, natürliche Medizin, Rückkehr zu den natürlichen Verhältnissen und Rhythmen, Fortschritts- und Technikkritik usw. Wenn wir uns in der Gegenwart umschauen und den anhaltenden Ökozid beobachten, dann können wir nur die Schlussfolgerung ziehen: das alles hat nicht ausgereicht; der Bewusstseinswandel ging nicht tief genug und hatte keine Breitenwirkung. Man muss leider auch das nüchterne Fazit ziehen, dass die Erweiterung des ökologischen Wissens allein um die natürlichen Zusammenhänge und unsere Beteiligung daran, die in den 70ern Fahrt aufnahm, weder ein Umdenken noch eine Abkehr von hedonistischkonsumtiven Verhaltensweisen in der Breite befördert hat. Menschen sind auch Weltmeister im Umgang mit kognitiven Dissonanzen. Man weiß, dass es falsch ist oder umweltschädlich und tut es trotzdem. Man bastelt sich stets eine Selbstrechtfertigung je nach den Bedürfnissen des Augenblicks. Alle Fakten liegen seit 50 Jahren auf dem Tisch, wir kennen die schützende Wirkung der atmosphärischen Erdhülle, wir wissen, dass die natürlichen Ökosysteme lebenserhaltende Funktionen besitzen und dass sie jüngst in eine gefährliche Kollision geraten sind mit unseren künstlich-technischen Systemen. Trotz dieses Wissens fand keine radikale Umkehr vom falschen Weg statt. Eben diese Prognosen des Club of Rome waren seit den 70ern bekannt, und nun reiben wir uns verdutzt die Augen, weil wir tatsächlich sehen – und nicht mehr nur phantasieren oder mutmaßen -, wie aus diesen wissenschaftlichen Extrapolationen eine sich ereignende und vollziehende Prophetie geworden ist. Selbst das „World Ökonomic Forum", das jährlich zu einem Treffen der Weltelite in Davos einlädt, plädiert jetzt für einen nachhaltigen, grünen Kapitalismus. Warum nicht viel früher, als es noch nicht zu spät war? Man kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass der Kapitalismus nach neuen grünnachhaltigen Brennzonen sucht, nachdem er seit Jahrzehnten mit den fossilen Energien maximale Gewinne eingefahren hat. Nun will er auch Geld verdienen am Reparaturbetrieb und an erneuerbaren Energien.³

    James Lovelock zufolge können Ökosysteme wie Organismen aufgefasst werden von höherem Rang, die sich die Bedingungen ihrer Existenz selber erschaffen. Wenn die Natur so gewirtschaftet hätte wie wir seit 200 Jahren, hätte sie sich selber längst verbraucht. Eine einseitige Expansion nur eines Akteurs wurde regelmäßig durch gegenläufige Kräfte in Schach gehalten. Ein System, das wie der globalisierte Kapitalismus immer nur wächst und sich unaufhörlich positiv verstärkt, kann nicht funktionieren; es wächst sich auf Dauer zu Tode. Falls die Evolution sich dieses Prinzips bedient hätte, würden wir überhaupt nicht existieren. In Jahrmillionen evolutionär erprobt, hat die Natur ein perfektes Recyclingverfahren entwickelt. Alle Abfälle werden in ihre Einzelbestandteile zerlegt und der Wiederverwertung zugeführt. Ein Kadaver zersetzt sich in seine Proteinbausteine unter der Mitwirkung von Mikroorganismen und Pilzen, die diese zu neuem Leben synthetisieren und in der Nahrungskette weiter nach oben transportieren. Die Kohlenstoffverbindungen, aus denen die Aminosäuren und Proteine bestehen und die wir im Körper tragen, entstanden einst in großen Sonnen, die längst in Supernovae explodiert sind; seitdem sind sie durch unzählige Stationen geschleust worden; sie fanden sich in interstellaren Staubwolken, in Einzellern, Pflanzen und Tieren. Sie wurden synthetisiert zu größeren Gebilden, wieder abgebaut und anderen Verwendungen zugeführt. Nie hörten sie auf zu sein. Dass erst der Mensch diese eherne Regel der Evolution massiv durchbrochen hat, dürfte mittlerweile jedem klar sein, der die neueste Hiobsbotschaft der nicht abreißenden Umweltdeformation zur Kenntnis genommen hat von der Verseuchung unserer Lebenswelt und der Weltmeere mit Mikroplastik bis hin zum menschengemachten Klimawandel. Dabei fügen wir primär der Tierwelt unglaubliche Qualen zu, die nicht unterscheiden kann zwischen brauchbarer und vergifteter Nahrung, zwischen Plankton und Plastik, und sekundär schädigen wir uns damit selbst. Sollte der Mensch eines Tages wieder aussterben, dann wird man seine Hinterlassenschaft noch Jahrhunderte später wahrnehmen. Radioaktiver Restmüll, Stahl und Beton, Plastik und chemischer Abfall sind im Recyclingprogramm der Natur eben nicht vorgesehen. Deswegen hat der Mensch jetzt schon Erde, Weltmeere, Flora und Fauna unwiderruflich geschädigt. Der Begriff „Umweltschutz, der sich im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts einbürgerte, ist im Grunde ein einziger Euphemismus. Er suggeriert die Mittelpunktstellung von nur einer Primatenspezies; es komme lediglich darauf an, „unsere Umwelt sauber zu halten und alles werde sich wie von selbst wieder einregeln und zum unversehrten Naturzustand zurückführen lassen. Inzwischen ist die Selbsttäuschung dieser Begrifflichkeit ganz offensichtlich geworden. Lange haben wir uns der Illusion hingegeben, wir könnten die ärgsten Verfehlungen gegenüber der Umwelt wieder beheben. Anfängliche Erfolge bei der Substitution des FCKW und Maßnahmen gegen das Waldsterben schienen den Optimisten Recht zu geben. Die Bremswege waren noch kurz genug. Zudem wirkte es wie ein Wunder: die Wirtschaft nahm überhaupt keinen Schaden. Mit den technischen Innovationen ließ sich gutes Geld verdienen. Nach Bekanntwerden der Problematik der Ausdünnung der Ozonschicht durch überflüssige Fluor-Kohlenwasserstoffe, die als Kühl- und Treibmittel bei der Aufschäumung von Kunststoffen sowie in diversen Sprayflaschen Verwendung fanden, reagierte die Politik energisch und radikal mit Verbot dieses Teufelszeugs, so wie sie es nie zuvor getan hatte.⁴ Keine Regierung, ob demokratisch oder diktatorisch, konnte sich erlauben, ihrer Bevölkerung eine höhere Rate an Hautkrebs zuzumuten als hinnehmbarer Preis des technischen Fortschritts. Das Trügerische am FCKW war ja seine chemische Trägheit. Es war in keiner Weise gesundheitsschädlich, deswegen setzte die Industrie dieses Gas in anfänglich träumerischer Unschuld auch bedenkenlos ein. Aber zum ersten Mal wurde deutlich, dass ein für unbedenklich gehaltenes Produkt auch mittelbar und langfristig extrem gefährlich werden kann analog zu der neu gewonnen ökologischen Erkenntnis, dass alles, was wir an Abfall in die Natur oder in die Atmosphäre entsorgen, dort auch verbleibt, sich anreichert, chemisch umwandelt, und – wie im Fall des FCKW – erst in großen Höhen chemisch aktiv wird, indem es dort das Ozon zerstört, welches einen Schutzschild bildet gegen schädliche ultraviolette Strahlung. Der vermeintliche Vorteil der chemischen Trägheit des FCKW erwies sich demnach langfristig als ein Trojanisches Pferd. Es konnte eben nicht „vorher" reagieren mit den Stoffen der Atmosphäre und der Troposphäre und sich auf diese Weise neutralisieren. Ein Lehrstück in Sachen Komplexität von Ökosystemen. Beim Waldsterben verhielt es sich ähnlich. Die schiere Masse des Autoverkehrs und die industrielle Rauchentwicklung erzeugten den schwefelsauren Regen, der den Wäldern zum Verhängnis wurde. Auch hier reagierte man verhältnismäßig rasch und führte Filteranlagen und Katalysator ein.⁵ Umweltschutz wurde fortan zu einem einträglichen Geschäftszweig und schuf neue Arbeitsplätze. Gleichwohl erzeugt alles, was man dem ökonomischen Gewinnstreben unterwirft, bedenkliche Nebenfolgen, die dem ökologischen Prinzip Hohn sprechen. In der Mülltrennung und Müllentsorgung kam es immer wieder zu Exzessen und berechtigter öffentlicher Kritik, sobald ruchbar wurde, dass Plastikmüll in Drittweltländer entsorgt und Elektronikschrott in Afrika umweltschädlich verbrannt wurde und Kinder damit beschäftigt waren, das wertvolle Kupfer aus der Asche und den noch rauchenden Trümmern herauszuklauben. Wir haben uns heute daran gewöhnt, mehrere Mülltonnen zu bedienen, und dafür Geld zu bezahlen. Die Kehrseite der Medaille hat neue illusionäre Bewusstseinslagen erzeugt, als ob wir generell und unter allen Umständen in der Lage wären, begangene Fehler zu erkennen und ökonomisch effizient unschädlich zu machen. Doch der einsetzende lukrative Umwelt-Reparaturbetrieb hat seine Grenzen.

    Der Klimawandel erfordert in jedem Fall Bremswege, die deutlich zu lang sind. Fossile Energieträger sind eben nicht so rasch zu ersetzen wie FCKW, zumal zahlreiche politische und wirtschaftliche Machtfaktoren dem entgegenstehen. Die notwendige Dekarbonisierung trifft das Herz der Industrie und der weltweiten kapitalistischen Wirtschaftsweise. Ohne Energie läuft gar nichts. Substitution von FCKW und Einsatz von Katalysatoren als Massenprodukte vollzogen sich innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Dekarbonisierung bringt den gesamten Kapitalismus ins Wanken. Seine Basis ist die ständige Energiezufuhr und das Finanzsystem, dem ich wegen seiner Wichtigkeit ein eigenes Kapitel gewidmet habe. Was eigentlich jetzt absolut dringlich und notwendig wäre angesichts der deutlichen Symptome des Klimawandels und des Eintritts in eine katastrophische Epoche, nämlich der sofortige Stopp der Emission aller Treibhausgase, um wenigstens noch einen Rest Hoffnung zu bewahren auf eine lebenswerte Zukunft, würde unmittelbar den Blutkreislauf der Weltwirtschaft lähmen und alles zusammenbrechen lassen. Diesen Exitus wird kein Land verantworten wollen, und man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, was kommen wird: es wird alles so weitergehen wie bisher! Einmal mehr zeigt sich die fatale Abhängigkeit, in die wir uns begeben haben. Das globale System funktioniert so effizient, dass wir es nicht mehr kontrollieren können. China ist ein gutes Beispiel dafür, wie man binnen 50 Jahren infolge Einschaltens des kapitalistischen Turbos mit den alten Industrieländern gleichziehen kann. Doch man braucht dafür sehr viel schmutzige Energie. Deswegen ist verständlich, dass China erst für 2060 Klimaneutralität versprochen hat, während es gleichzeitig noch weitere Kohlekraftwerke ans Netz gehen lässt.

    Es gibt rührende Versuche, hier Abhilfe zu schaffen. Ich möchte beispielhaft den „Green new Deal" in Amerika erwähnen, der u.a. von der US-Aktivistin Naomi Klein publizistisch vorangetrieben wird⁶, und die „Fridays for Future-Bewegung mit Greta Thunberg als Symbolfigur. Selbst ein so reiches Land wie Deutschland tut sich schwer, die Klimaziele einzuhalten. Die Partei der Grünen liegt in diesem Land inzwischen bei über 20%. Angesichts der eindeutigen Symptome des Klimawandels (Jahrhunderthochwasser in NRW und Südwestdeutschland, Überschwemmungen in China, Hitzewellen in Südeuropa und im Westen der USA, Auftauen des Permafrostbodens in Sibirien usw.) könnte es sein, dass die Grünen bis zur Bundestagswahl im September 2021 noch zulegen, weil man ihnen die größte Kompetenz in Umweltsachen zuspricht. So sehr ich den Grünen den Erfolg gönne, so deutlich muss man auch die Illusion bekämpfen, die vermutlich das bürgerliche Lager umtreibt: wir wählen grün und haben dadurch eine Garantie für die Reparatur des Klimas, als ob man mal eben einen Schalter umlegen könnte, und alles regeneriert sich zu einem Zustand vor der Industrialisierung. Das funktioniert natürlich nicht. Als die Grünen 1980 in den hessischen Landtag einzogen in legerer Kleidung und mit Sonnenblumen als Symbol für den Naturschutz, waren sie noch Öko-Revoluzzer. Sie wurden allgemein im verkrusteten Politikbetrieb als Provokation wahrgenommen. Seitdem hat die Partei jedoch einen bürgerlichen Anpassungsvorgang durchlaufen, der beispiellos ist. Linke und Öko-Fundamentalisten wurden entweder auf Linie gebracht oder aus der Partei hinausbefördert. Ein Vergleich der heute vertretenen Positionen mit dem Elan der Anfangsjahre zeigt die Entwicklung zu einer bildungsbürgerlichen urbanen Eliten-Partei, die aufgrund von Kompromissfähigkeit und Abschwächung der radikalen Forderungen für ein städtisch-junges, multikulturell-akademisches, im Ganzen gut verdienendes Publikum wählbar geworden ist. Wer die Anfänge dieser Partei miterlebt hat, der kann sich schwerlich über die notwendige Desillusionierung hinwegtäuschen als Preis für Macht und Regierungsbeteiligung. In der rot-grünen Koalition von 1998 bis 2005 mit Gerhard Schröder als Bundeskanzler und Joschka Fischer als Außenminister, der die Turnschuhe, mit denen er seinerzeit in den hessischen Landtag einzog, mit dem Nadelstreifenanzug vertauscht hatte, wurden die ungerechte und unsoziale „Agenda 2010 beschlossen, ein Schlag ins Gesicht der Arbeiterklasse und der mutmaßliche Auslöser für den schleichenden Niedergang einer Arbeiterpartei, sowie die Zustimmung zum Einsatzbefehl „Activation Order der NATO. Dieser machte die Luftangriffe gegen serbische Stellungen möglich. Zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg befanden sich somit deutsche Soldaten erneut im ausländischen Kampfeinsatz und dies unter Mitbeteiligung einer pazifistischen Partei. Da passte offenkundig einiges nicht mehr zusammen beim Spagat zwischen den links-fundamentalistischen und öko-pazifistischen Prinzipien und der Realpolitik der jeweiligen Zeitgeschichte als Preis der Macht. Wie man diesen Kampf zwischen „Realos und „Fundis auch bewerten mag, fest steht, wer regieren will, muss sich anpassen – auch den ehemals kritisierten wirtschaftlichen Realitäten. Wer geglaubt hatte, dass mit dem Einzug der Grünen in die Parlamente sich jener wünschenswerte und notwendige radikale Wandel in der Ökopolitik vollzogen hätte, sah sich getäuscht. Das Gegenteil ist eher der Fall. Abgeschwächte Positionen der Grünen sind inzwischen in allen Parteien hoffähig geworden, und für viele dürfte die Wahl der Grünen heutzutage einem Sedativum für ihr Umweltgewissen gleichkommen. Man will schließlich für die Umwelt und für das Tierwohl nur das Beste; natürlich bevorzugt man die alternativen Energien und hält auf Nachhaltigkeit, solange dadurch keine Arbeitsplätze gefährdet werden und es nichts kostet. Gut verdienende Grünen-Wähler geben natürlich gerne etwas mehr aus für den Klimaschutz und für die Regeneration kaputter Ökosysteme.⁷ Verwässerte Forderungen einer ehemals radikalen Umweltpartei sind das eine, die verbreitete Selbstlüge bürgerlicher Kreise das andere: Umweltschutz zum Nulltarif und als Stimulanz für technischen Fortschritt und Wirtschaftswachstum. Das ist die gefährlichste aller Illusionen, dass unser Wirtschaftssystem den Schaden, den es angerichtet hat, mit verbesserten Mitteln und reichlich staatlichen Subventionen wiedergutmachen wird. E-Mobilität, Austausch alter Heizungen, Wärmedämmung, Müllvermeidung und Mülltrennung, Fotovoltaik auf dem Dach, Windräder, erneuerbare Energien – diese Schlagwörter suggerieren uns, dass wir doch wohl auf dem richtigen Wege sind. Wir retten doch das Klima, indem wir nötigenfalls auch bei FfF mitmarschieren und Geld spenden; wir reparieren die Schäden der „Um-Welt und bleiben wie selbstverständlich als die wichtigsten Akteure im Mittelpunkt. Dabei sind wir selbst das Problem! Nicht die Umwelt steckt in der Krise, sondern wir selbst sind diese Krise. Meines Erachtens hat sich das noch nicht deutlich genug herumgesprochen in den vergangenen 50 Jahren. Was wir auch in den Blick nehmen: Technik, Wissenschaft, Wirtschaft, Finanzsystem, Übermacht über die Tierwelt, Ausbeutung aller natürlichen Ressourcen, Konsumismus, Materialismus, Sozialisierung ehemaliger Privilegien der Reichen – überall sind wir die Urheber und Nutznießer. Nichts geschah als ein über uns verhängtes Fatum, alles ist geschichtlich unter Einwirkung des Erfindungsgeistes unserer Vorfahren und durch unser Tun und Unterlassen so entstanden, wie es sich in seinem ganzen Dilemma der heutigen jungen und der älteren Generation, die die Wende der 70er selbst erlebt und mitgestaltet hat, darstellt. Nichts hätte so kommen müssen; unter Nutzung kollektiver politischer und individueller Vernunft hätte es auf keinen Fall so kommen dürfen. Die meisten Zeitgenossen der Gegenwart werden wohl glauben, dass wir die Umwelt-Krise noch meistern werden – jetzt, nachdem das Kind schon in den Brunnen gefallen ist -, während wir das Problem als ein technisch zu lösendes auf Abstand halten. Wir fühlen uns selber daran gar nicht beteiligt. Deswegen wollen wir auch so weiter leben wie bisher und unsere Gewohnheiten nicht über Gebühr ändern. Sind wir in der Lage, uns selbst als die eigentlichen Urheber einer ungeheuren globalen Schieflage und einer beispiellosen Dauerkrise zu realisieren? Man müsste gegen sich selbst und seinen eigennützigen, verschwenderischen, habgierigen Lebensstil auf die Straße gehen. Wären wir in der Lage und willens, öffentlich ein solch notwendiges kollektives Schuldbekenntnis vorzunehmen mit dem Versprechen echter Reue, d.h. radikaler Abkehr vom bisherigen Lebensstil hin zu mehr Bescheidenheit, Verzicht und ökologischer Verträglichkeit? Ich glaube nicht. Darin liegt mein Pessimismus im Wesentlichen begründet. Man kann gegen alles Mögliche demonstrieren und für alles Erdenkliche protestieren, was unseren Lebensstandard verbessert, aber gegen sich selbst eine Kundgebung anzumelden, gegen die eigenen, elementaren Interessen, wird vermutlich kaum einen Teilnehmer mobilisieren. Das käme ja dem Eingeständnis falscher Entscheidungen in der Vergangenheit gleich, woran zumindest die ältere Generation noch beteiligt war. Man müsste sich selbst durchleuchten. Die Älteren müssten bei den Jüngeren Abbitte tun; die Jüngeren müssten alternative Konzepte ersinnen, die die Fehler der Alten vermeiden. Alles müsste auf den Tisch: der Konsumismus als Ersatzreligion, das Denken in Status-Begriffen, die Vormachtstellung des Geldes als den einzigen, zweifelhaften Zentralwert, der Wunsch, Karriere zu machen, das Wachstums-Mantra nicht nur der kapitalistischen Wirtschaft, sondern fast aller privaten Lebensentwürfe, die vom „Mehr, „Weiter, „Besser", vom Komparativischen und Superlativen beeinflusst sind, Geld für´s Alter anzusparen, in Urlaub zu fliegen, alle politischen und sozialen Alternativmodelle, über die man bisher zu reden sich nicht getraut hat. Nichts dürfte tabuisiert und ausgespart bleiben. Ich glaube nicht daran, dass dieser gesellschaftliche Diskurs auf globaler Ebene – das wäre die unabdingbare Voraussetzung! – jemals geführt werden könnte. Er wurde seit den 70ern nur in milder, harmloser und abgeschwächter Form in unserem Land geführt mit dem Ergebnis einiger sinnvoller Reformen, aber unter Hintanstellung des Kernproblems, weil das zu schmerzhaft gewesen wäre und unser Wirtschaftsmodell infrage gestellt hätte.

    Dass wir alle Urheber dieser Misere sind, erhellt ein einfacher Zusammenhang: Die ganze Umweltproblematik beruht auf einem einfachen Summierungseffekt. Wenn ich plane, nächsten Samstag zum Baumarkt zu fahren, um Waren einzukaufen für die Verschönerung meines Hauses oder meiner Wohnung, dann ist das weder böse noch umweltschädlich, solange ich nicht jeden Tag 20 km fahre (bei mir auf dem Land sind diese Distanzen zu den Baumärkten üblich), weil ich wieder einmal ein wichtiges Teil vergessen habe. Einzig und allein die Addition vieler unnötiger Einkäufe und Fahrten zu diversen Geschäften erzeugt die unvermeidliche Katastrophe. Die meisten Dinge, die wir erwerben, brauchen wir nicht zum Leben. Sie dienen der Befriedigung von Luxusbedürfnissen künstlicher Natur, die hauptsächlich durch die Werbeindustrie erzeugt werden. Das erweckt subjektiv den Eindruck: der einzelne ist kein Umweltsünder; er tut nur, was alle tun oder was er aufgrund kultureller und werbetechnischer Vorgaben tun soll; die Summierung ist das Problem. In einem reichen Land mit viel Einkommensüberschuss wollen viele Menschen Haus und Garten verschönern – daraus entsteht ein Masseneffekt, und das Gesamtsystem entwickelt sich zu einem tödlichen Krebsgeschwür. Wohlgemerkt: der einzelne Akteur merkt nichts davon. Wir haben für das globalisierte Gesamtsystem keinen Blick, außer einen erst durch Information und Vernunft zu erwerbenden. Wir sind überdies kaum in der Lage, uns die Gleichzeitigkeit mit weiteren acht Milliarden Wirtschaftssubjekten auf der Erde wirklich vorzustellen. Während meiner Studienreise durch China sind wir über Land auf schlaglochträchtigen Staubpisten gefahren. Vereinzelt waren Häuser zu sehen, die erheblich abwichen von unseren gewohnten Baustandards und Vorstellungen von Schönheit. Einfache eingeschossige Betonklötze mit Flachdach ohne Vorgarten säumten rechts und links die Straßen. Jeder Baumarkt, der sich in diesen ärmlichen Gegenden niederlassen würde, würde nach wenigen Monaten Insolvenz anmelden müssen. Was sollten die Chinesen dort kaufen? Für arme Menschen ist nur die Schutzfunktion eines Hauses wichtig; alles Überflüssige wird weggelassen, weil es zu viel Geld kosten und Folgekosten nach sich ziehen würde. In den Gärten wird bestenfalls Nützliches angebaut; Blumenästhetik rangiert an letzter Stelle. In wohlhabenden Ländern beobachten wir das exakte Gegenteil. Häuser sind Status-Objekte, die ständig verschönert werden. Sie zeigen den Luxus, den man sich leisten kann. Die Hofeinfahrt wird neu gepflastert, das Dach frisch eingedeckt, weil es so hässlich aussah, obwohl es noch dicht war. Die Gärten und Balkons übertrumpfen sich gegenseitig an Gepflegtheit und Blumenpracht. Häuser sind in unseren Breiten keineswegs nur den Reichen vorbehalten, es sei denn, man würde durchschnittlich verdienende Normalbürger bereits als reich bezeichnen, was man aus politischen Gründen meist unterlässt. Wer sich so als reich darstellt, kann schlecht noch mehr Lohn fordern. Es kommt natürlich auf den Maßstab des Vergleichs an. In der demokratischen Republik Kongo als dem ärmsten Land der Welt beträgt das Durchschnittseinkommen pro Monat umgerechnet 39 €. Allein das Kindergeld für das erste Kind ist bei uns höher als das Durchschnittseinkommen in Indien. Falls man in China auf dem Land das Durchschnittseinkommen überhaupt erreichen sollte, das bei 775 € liegt, kann man gewiss keine großen Sprünge damit machen; die Preise eines Baumarktes würden in China umgerechnet nicht wesentlich unter denen in Deutschland liegen. Deswegen werden die Marktanalysen solange vom Investment abraten, wie sich das Verhältnis des Einkommens zur Verschönerung von Haus und Garten nicht eines Tages günstiger darstellt. Das reichste Land der Erde ist übrigens Monaco mit sagenhaften 10543 € pro Monat (!), nicht etwa pro Jahr an Durchschnittseinkommen für jeden Bürger und für jede Bürgerin. Deutschland steht keineswegs ganz vorn unter den Top Ten, sondern erst an 19. Stelle mit 3612 €. Dass die Einwohner von Bermuda und Macau fast doppelt so viel Einkommen beziehen wie das fleißige Deutschland, hat natürlich finanztechnische Gründe. In diesen Ländern einschließlich Monaco wohnen viele Superreiche. Was den Summierungseffekt anbetrifft, so liegt das Problem nicht darin, dass die Einwohner von Monaco nun wegen ihres Reichtums besonders oft zum Baumarkt fahren würden (vermutlich lassen sie die Arbeiten ohnehin von einem Gärtner machen, der als Gastarbeiter beschäftigt ist), sondern dass die Bevölkerung von China und Indien eines Tages so viel Geld verdienen wird, dass man es unbedenklich ausgeben kann. Dazu zählt auch eine Verringerung der Sparquote bei Verbesserung der Rahmenbedingungen der staatlichen Alters- und Gesundheitsvorsorge. Im Augenblick verzeichnen wir in China noch eine hohe Sparquote, weil man einfach gezwungen ist, für das Alter vorzusorgen. Doch das wird sich früher oder später unserem Niveau angleichen. Man muss sich einmal vorstellen, dass auch nur ein nennenswerter Teil von 1300 Millionen Chinesen in den nächsten Jahren vermehrt in der Lage sein sollte, Auto zu fahren und in Baumärkten einzukaufen, um Haus und Garten zu verschönern, dann springt der Summierungseffekt sofort ins Auge. All die Güter müssen hergestellt, angeboten, beworben, transportiert, gewartet und früher oder später ersetzt und entsorgt werden. Indien hat etwa 1400 Millionen Einwohner; Industrialisierung und Kapitalismus sind dort in vollem Gange. Man kann niemandem verdenken, dass er zumindest für seine Kinder den sozialen Aufstieg wünscht, die nicht mehr in Lehmhütten leben und Auto fahren sollen statt Fahrrad. Als ich das erste Mal in Peking war, hatte ich damit gerechnet, unzählige Fahrräder anzutreffen. Doch mein Bild von China war veraltet; es stammte noch aus den maoistischen 60er Jahren. Ich habe selten so viele Autos – nicht wenige Nobelkarossen deutscher Herkunft darunter – gesehen wie in chinesischen Großstädten. Das ist der natürliche Grund, warum deutsche Autokonzerne so sehr auf das China-Geschäft pochen trotz Problemen beim Patentschutz und menschenrechtlicher Bedenken. Kurioserweise sichert dieser reißende Absatz deutscher Automobile in China und anderswo hier im Lande die gutbezahlten Arbeitsplätze. Menschenrechtliche Bedenken haben da wie immer zurückzutreten. Deswegen ist die Schuldfrage in doppelter Hinsicht völlig fehl am Platze. Die freien Märkte sind unberührt von moralischen Vorgaben. Wer das Geld hat, darf sich auch ein teures Auto kaufen. Und wir Bürger und Bürgerinnen reicher Länder haben schon gar nicht das Recht, das Aufstiegsverlangen der Schwellenländer zu diskreditieren. Japan, Südkorea haben vorgemacht, wie rasch man dem Vorbild der industrialisierten Staaten folgen kann, China, Indien, Afrika werden folgen. Und die Karawane des Kapitalismus wird weiterziehen durch Verlagerung ihrer Brennzone.

    Wie wir gerade gesehen haben, sind unsere durchschnittlichen alltäglichen Kaufentscheidungen so minimal, dass sie einzeln gar nicht ins Gewicht fallen. Und für die Akkumulation von Müll, Giftstoffen, Feinstäuben, CO² etc. fehlt uns einfach das Sensorium. Wie will man sich konkret ausmalen, wie die Welt aussehen wird, wenn 1, 3 Milliarden Chinesen und 1,4 Milliarden Inder Auto fahren und in Baumärkten und anderswo Luxusgüter einkaufen werden? Wir haben allenfalls eine schwache Ahnung davon, dass das nicht gutgehen kann. Andererseits leben wir seit Jahrzehnten im Luxus und können anderen Ländern schlecht Bescheidenheit und Verzicht predigen. Der Kapitalismus will möglichst aus allen Menschen gute Konsumenten machen und auf das gleiche Niveau hieven. Mental haben wir uns demzufolge ebenfalls in eine Sackgasse manövriert. Selbst wenn wir freiwillig von heute auf morgen auf allen Luxus verzichten würden, um mit gutem Beispiel in den aufstrebenden Schwellenländern voranzugehen und sie von sinnlosem Konsum abzuhalten, könnten wir schwerlich das Argument entkräften, dass uns der Luxus wenigstens für eine bestimmte Epoche vergönnt gewesen sei, sie aber nun von vornherein darauf verzichten sollten, um für jene Schäden aufzukommen üppigen Konsums, den sie ja gar nicht zu verantworten hätten. Das klingt jetzt wie eine Entschuldigung. Wollten wir uns selber haftbar machen für die Krise, die wir selbst sind, müssten wir die Vernunft überstrapazieren. Sie ist zweifellos das jüngste, zarte Pflänzchen der Evolution, und gegen die Jahrmillionen alten natürlichen Anpassungen des limbischen Tiergehirns kommt der Neo- oder Isocortex nur schwer und indirekt, zeitlich sehr verzögert an. Nur der Rekurs auf eine an Bildungsvoraussetzungen geknüpfte Vernunft vermag den globalen Blick, der notwendig wäre, um das gesamte Dilemma zu überschauen, zu schärfen. Unsere Sinne schmecken weder den Feinstaub in den Städten noch reagieren sie mit Schmerz auf Radioaktivität. Sie lassen sich aber ansprechen von Hochglanzbroschüren der Autoindustrie, und unser limbisches Gehirn belohnt uns mit positiven Emotionen, wenn wir uns etwas kaufen und unsere Begierden befriedigen. Dass das Waldsterben im Amazonasgebiet durch Brandrodung oder die Waldbrände in Kalifornien und Südeuropa etwas mit dem Gewinnstreben des Menschen zu tun haben und mit dem Klimawandel, dazu muss man informiert sein, um die ursächlichen Zusammenhänge zu erkennen. Wer sich informieren will, braucht Zeit und Muße, zudem Motivation und Interesse. Ich kann mir kaum vorstellen, dass selbst jemand in einem reichen Hochbildungsland wie Deutschland abends noch Zeit und Muße aufbringt, sich mit einem komplexen Umweltthema zu befassen, nachdem er einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich hat und anderntags wieder früh aus den Federn muss, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. So werden die Umweltthemen zu Luxusthemen und man muss sich nicht wirklich wundern über Leugner des Treibhauseffektes. Das ist für die meisten sowohl zeitlich als auch räumlich zu weit weg, weswegen man sich im Schein wiegen kann, nicht betroffen zu sein. Wie der Zustand nach Erreichen eines „Kipppunktes sein wird, dafür fehlt uns die Vorstellungskraft. Jedenfalls wird es dann zu spät sein, und man wird unter Fluchen und Wehklagen unter der neu entstandenen Situation vegetieren müssen, falls das überhaupt noch möglich ist. Darüber hinaus stellt unsere Eventgesellschaft auch jene medialen Mittel zur Verfügung, die der Zerstreuung und nicht der Sammlung und Konzentration dienen. Aus den üblichen Programmen der Privatsender lässt sich die Nachfragesituation eines Massenpublikums ableiten nach schlichtester, oftmals geist- und niveauloser Unterhaltung. Zentral ist die Einschaltquote, die wiederum die Höhe der Werbeeinnahmen bestimmt, über die sich die Privatsender ausschließlich finanzieren. Dieser Trash wird natürlich telemedial auch in die Schwellenländer exportiert, und zusätzlich wird noch massiv Werbung gemacht und Fehlanreize geschaffen für unseren verschwenderischen und unverantwortlichen Lebensstil durch Dauerbombardement von Werbespots und Softpower der Unterhaltungsindustrie. Wir exportieren also die Rezepturen zur Zerstörung der Erde. Im Lichte der Vernunft betrachtet ist das kindisch und dumm, aber durch die Freiheitsrechte abgesegnet. Mit welchem Recht wollten wir das verbieten? Corona hat gezeigt, wie sehr wir unter den Einschränkungen der Freiheit leiden. Ich denke, keiner von uns Menschen, gleich auf welchem Kontinent - auch nicht die Vernünftigen und Gebildeten -, möchten in einer Ökodiktatur leben. Demzufolge darf nur das freiwillige Vorbild maßgebend sein. Je tiefer wir in die Materie einsteigen, desto auswegloser erscheint die Lage; laufend stehen wir vor unlösbaren Problemen, auch in Bezug auf die mentale Seite der Umweltkrise. Von einer Vorbildfunktion wird keine Massenbewegung ausgehen, vor allem wenn sie sich nicht auf das Vergnügen, sondern auf den viel schwierigeren Verzicht erstreckt. Die Familie von Greta Thunberg z.B. führt nach allem, was ich darüber gelesen habe, einen ökologisch korrekten Lebensstil. Das ist bewundernswert, doch manchmal kommt es mir so vor wie bei der Lektüre von Heiligenlegenden früherer Zeiten, als die Menschen noch frömmer waren. Man hatte Hochachtung vor diesen Frauen und Männern, wusste aber zugleich, dass man niemals ihr moralisches Niveau würde erreichen können. Sie schufen eine Distanz zwischen den Normalbürgern und jenen, die etwas Besonderes zu sein schienen. Heute ist dieser Respekt vor dem außergewöhnlichen Leben einem teils inakzeptablen und unverständlichen Hass in den sozialen Medien gewichen. Man versucht, mit allen unerlaubten Mitteln das Heilige und Vorbildliche zu demontieren, madig zu machen, und man sucht nach den Flecken auf der reinen Weste. Der Grund dürfte darin zu suchen sein, dass man die Anfrage und Infragestellung des persönlichen chronisch falschen Lebensentwurfs nicht aushält und mit negativen Emotionen reagiert. Natürlich ist es schwer, wenn einem angeblich etwas weggenommen werden soll, das man seit langem und wie selbstverständlich zum persönlichen Besitzstand zählt. Vor allem wird man immer fragen: was habe ich denn davon? Was bringt mir das, wenn ich mein Leben radikal auf ökologische Correctness umstelle? Lohnt es sich, ein Umwelt-Heiliger zu werden? Werde ich dadurch glücklicher und zufriedener? Viele der Anhänger der Fridays-for-Future-Bewegung tun das Richtige: sie opfern einen Schultag in der Woche, um überhaupt noch eine Zukunft zu haben, in der sie leben müssen, eine Familie gründen und Kinder haben wollen. Die Logik ist unabweisbar: wenn wir keine Zukunft mehr haben, nützt uns auch die beste Schulausbildung nichts. Sie demonstrieren – böse Zungen sagen: sie schwänzen den Unterricht -, während die anderen fleißig büffeln und sich einen Vorteil verschaffen in der Leistungsgesellschaft. Dabei tun sie etwas, was typisch und anerkennenswert ist für die Individualethik, sie opfern einen Teil ihres Lebens für einen höheren Wert. Sie verzichten für sich persönlich auf ihr Bildungsrecht um der Zukunft willen. Gleichwohl müssen auch sie irgendwann einen Abschluss erzielen und sich dem ökonomischen System eingliedern, um ihre Existenz zu sichern. Damit berühren wir einen gigantischen Komplex aus Notwendigkeit, Sachzwängen, einer ungeheuren wirtschaftlichen Dynamik, der so wichtig ist, dass wir ihn in einem eigenen Kapitel erörtern müssen. Niemand kann so ohne weiteres aus dem ökonomischen System aussteigen, jedenfalls nicht, ohne erhebliche private Nachteile in Kauf zu nehmen. So sehr ich diese jungen Leute achte, so wenig darf ich von ihnen verlangen, dass sie ihre Karriere aufs Spiel setzen. Sie müssen sich bis zu einem gewissen Grad anpassen; das ist unvermeidlich. Komplett aus dem kapitalistischen System auszusteigen, funktioniert nur unter spezifischen Rahmenbedingungen oder unter erheblichen Einbußen an Lebensqualität. Damit die Leistungsgesellschaft funktioniert, benötigen wir ehrgeizige junge Frauen und Männer, die bereit sind, ein langes Studium auf sich zu nehmen oder die Weiterbildung zum Techniker und Meister selber zu bezahlen, andernfalls gibt es bald keine Ärzte mehr oder es findet sich niemand mehr, der ihr Dach repariert. Der Anreiz ist eben die gut bezahlte Stelle im Krankenhaus, die eigene Praxis oder die Aussicht, als Dachdecker ein Geschäft zu eröffnen und im Endeffekt mehr zu verdienen als ein Facharbeiter. Was man dann mit dem Geld macht, ist schlussendlich den individualethischen Präferenzen überlassen. Man kann Greenpeace damit unterstützen, sein Haus abbezahlen, fürs Alter sparen oder für den nächsten Urlaub. Wer arbeitet, will auch einen gewissen Ausgleich haben. Dazu zählen ganz allgemein Freizeitaktivitäten und Urlaube. Für die schönste Zeit des Jahres sind immerhin rund sechs Wochen vorgesehen. Man kann in jene Länder fliegen, die eine Sonnengarantie aufweisen oder einen Tauchurlaub planen, in welchem man die noch intakten, aber durch den Klimawandel bedrohten Riffe bestaunen möchte. In einem einheimischen See abzutauchen, macht wenig Sinn, weil es dort nichts Spektakuläres zu sehen gibt. Ich habe mir auch einige Studienreisen leisten können, als ich noch im Berufsleben stand und ein überdurchschnittliches Einkommen bezog. Rechtfertigen lässt sich letzten Endes alles an den Notwendigkeiten für den Umweltschutz vorbei. Auf dem weiten chinesischen Kontinent hat man wenig Lust, durch lange Zug- und Busfahrten Zeit zu vergeuden; also fliegt man im Land hin und her, wenn man sich das leisten kann. Wir sind Meister darin, die kognitiven Dissonanzen zwischen Urlaubswunsch und ökologischer Verträglichkeit zu überdecken, indem wir unser Recht auf Urlaub reklamieren oder die Notwendigkeit einer Studienreise mit dem Unterrichtsgewinn für die Schüler und Schülerinnen rechtfertigen. Einer meiner Vereinskameraden bucht mit seiner Frau während einer Kreuzfahrt gleich die folgende im nächsten Jahr, um den Frühbucherrabatt zu nutzen. Man tut das, weil man es sich leisten kann und die Preise für das ehemalige Luxussegment von Kreuzfahrten in den Massentourismus abgesunken sind. Wem will man daraus einen Vorwurf ableiten? „Flugscham ist z.B. ein Phänomen, das sich kaum verträgt mit unserer Ideologie des liberalen Humanismus. Man ist allein selbst für sein Verhalten verantwortlich, und man wird sich verständlicherweise dagegen wehren, wenn ein Fremder einem einreden will, man solle sich gefälligst schämen, wenn man eine Flugreise buche. Einerseits lässt sich zwar das Recht auf Selbstschädigung aus den Freiheitsrechten ableiten – z.B. beim Rauchen -, nicht aber das Recht auf Fremdschädigung – Rauchen in Gaststätten. Eine Übertragung auf Umweltstandards ist legitim, aber in diesem Fall müssten Flugreisen, Urlaube, Kreuzfahrten, Autofahren erheblich verteuert werden. Die Folge wäre eine empfindliche Störung der sozialen Gerechtigkeit, die kein demokratischer Politiker*in hinnehmen würde. Die Bevölkerung würde es als ungerecht empfinden, wenn die Straßen endlich vom Stau befreit wären, weil dort nur noch wenige „Tesla fahren würden und Urlaub wieder zu einem Privileg der Reichen werden würde. Das wäre ein Segen für die Umwelt, jedoch eine Katastrophe für die Demokratie. Die Reichen dürften außerdem gar kein Interesse daran haben, falls sie mit wiedergewonnenen Privilegien in den Fokus der Öffentlichkeit gerieten. Es gibt schon in der Gegenwart genügend exklusive Bezirke, abgetrennte Strände oder Golfclubs mit einem Jahresbeitrag von 40000 Dollar, wo sie unter sich sind, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Gemeinhin wird der Radius der möglichen Befriedigung von Konsumwünschen nur vom Geld eingeschränkt und von individualethischen Leitlinien rein privater Natur. Der Politikbetrieb wird sich hüten, die wahren Umweltkosten auf die Preise umzulegen, weil dies die Garantie für das Abfallen von Parteien in der Wählergunst nach sich ziehen würde. An der öffentlichen Umweltdebatte muss ich mich erst gar nicht beteiligen. Die Freiheitsrechte schließen auch die Freiheit von politischer und staatlicher Bevormundung mit ein. Demokratische Regierungen wollen auf jeden Fall wiedergewählt werden. Die Austauschbarkeit des Personals ist ja gerade die Stärke von Demokratien. Sie müssten eigentlich in der Konkurrenz um Wählerstimmen schwierige Überzeugungsarbeit leisten. Die Tendenz geht inzwischen zu einer Simplifizierung der Parteiprogramme, weswegen sie sich kaum noch unterscheiden. Komplexe Sachverhalte lässt man außen vor. Wen wundert es da, dass an sich notwendige Umweltmaßnahmen nur in homöopathischen Dosen der Wählerschaft zugemutet werden. Vor allem muss alles gerecht vonstattengehen. Belastungen und Kosten sind bekanntlich viel schwieriger gerecht zu verteilen als Überschüsse. Man darf die Geringverdiener nicht überbelasten, denn man braucht auch deren Stimmen. Am besten, man verkauft den Umweltschutz so, dass angeblich alle davon profitieren, neue Arbeitsplätze geschaffen und von den alten möglichst wenige abgebaut werden. Er kostet selbstverständlich den Verbrauchern kein Geld, da alles markttechnisch einwandfrei umgesetzt wird. Auf diese Weise entstehen die Umweltlügen, als ob z.B. die E-Mobilität nicht angewiesen wäre auf s.g. „Seltene Erden für die leistungsfähigen Batterien. Die müssen in Schwellenländern erst einmal gewonnen werden, nicht selten unter fragwürdigen Methoden und mittels Kinderarbeit. Die Batterien werden nicht ewig halten und müssen ausgetauscht werden. Der Strom, der die Batterie speist, muss am Ende auch irgendwoher kommen. Energie kann nur umgewandelt werden, sie entsteht nicht aus dem Nichts. In naher Zukunft wird man Unmengen an grünem Strom benötigen, z.B. für die Herstellung von CO² neutralem Stahl. Den grünen Strom kann man in unserem Land nur über Windkraftwerke und Fotovoltaik-Anlagen erzeugen. Diese wiederum benötigen sehr viel Platz und treten in Konkurrenz mit anderen natürlichen Ressourcen wie die Habitate von Tierpopulationen sowie mit der Ästhetik der Landschaft. Große Hochspannungsleitungen müssen den Strom von Nord nach Süd transportieren. Da sind die möglichen Probleme mit Elektrosmog der Anwohner solcher unnatürlichen Transportmethoden vorprogrammiert. Außerdem ist mir schleierhaft, wie große Tanker, die mit Schweröl betrieben werden, Traktoren, Steinbruchbagger und LKW, die in der modernen Welt unverzichtbar sind, auf Batteriestrom umgerüstet werden sollen. Wenn überhaupt, werden sich Elektrokleinwagen für den städtischen Nahbereich lohnen. Für Langstrecken sind sie kaum geeignet. Man lässt sich nur zu gern darüber hinwegtäuschen bei angeblich umweltverträglichen Produkten, dass diese ja auch erst mal hergestellt werden müssen und am Ende ihres technischen Lebens zudem entsorgt, was wiederum Energie und Geld kostet, selbst wenn man die Materialien recycelt. Sahra Wagenknecht rechnet in einem Video auf ihrem YouTube Kanal mit der E-Mobilität ab⁸, indem sie darlegt, dass unter Berücksichtigung aller relevanten Faktoren bei der Herstellung eines Elektromobils und Einbeziehung der benötigten Rohstoffe einschließlich ihrer Verarbeitung sowie der Lieferwege das Umweltauto erst nach sieben Jahren Betriebsdauer mit einem normalen Kleinwagen mit Diesel-Verbrennungsmotor gleichzieht; erst nach langen sieben Jahren schlägt ein Elektroauto in der Umweltbilanz positiv zu Buche. Das sagt eigentlich alles. Die generelle Lösung des Themas kann nur in einer erheblichen Reduzierung des Individualverkehrs liegen bzw. im Verzicht auf den Autokauf und ggf. der Teilnahme an Sharing-Modellen. Dieses Format künftigen Ortswechsels dürfte wesentlich effizienter sein, als wenn ein eigenes Auto nur selten benutzt wird und die meiste Zeit in der Garage, auf Parkplätzen oder im Stau stillsteht. Wenn ich in Berlin wohnen würde, bräuchte ich kein Auto. Der öffentliche Nahverkehr ist dort vorbildlich ausgebaut. Hier in Dithmarschen ist es unmöglich, ohne Fahrzeug auszukommen. Es gibt schlicht und einfach keinen öffentlichen Nahverkehr.

    Aus dieser Gemengelage wird schon der begründbare Pessimismus deutlich. Wir wollen ja glauben, dass wir das Rechte tun und unseren Kindern und Enkeln noch ein Stück Zukunft überlassen. Wir wollen ja glauben, dass wir die Wende zur Klimaneutralität hinbekommen ohne harten Ausstieg unter Schonung des Geldbeutels und Wahrung der sozialen

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