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Das Ende der Erschöpfung: Wie wir eine Welt ohne Wachstum schaffen
Das Ende der Erschöpfung: Wie wir eine Welt ohne Wachstum schaffen
Das Ende der Erschöpfung: Wie wir eine Welt ohne Wachstum schaffen
eBook336 Seiten3 Stunden

Das Ende der Erschöpfung: Wie wir eine Welt ohne Wachstum schaffen

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Über dieses E-Book

Wir sind am Ende - also fangen wir anders an: Denken wir eine Welt ohne Wachstum!

Die Klimakrise verändert die Welt unwiederbringlich. Unser Wirtschaftssystem gerät an seine Grenzen und die Ungleichheiten verstärken sich weiter. Unser Alltag, unser Weltbild und unser Vorstellungsvermögen werden von multiplen Krisen erschüttert. Woher also die Kraft nehmen, sich jetzt auch noch mit Wirtschaftstheorie zu beschäftigen? Ganz einfach: Unsere Existenz ist davon abhängig. Katharina Mau stellt Lösungsansätze und Ideen vor, die wirtschaftliche, ökologische und soziale Ressourcen berücksichtigen und sich nicht nur an höher, schneller, weiter orientieren. Denn sich vorzustellen, wie eine gerechtere Zukunft funktionieren kann, macht Mut.

Kein Wachstum ist auch eine Lösung
Unsere Wirtschaft ist auf Wachstum ausgerichtet - nicht darauf, dass Reichtum möglichst gleich verteilt ist oder dass es allen Menschen möglichst gut geht. Genau an diesem Punkt setzt Katharina Mau an und zeigt, wie stark unsere Art zu wirtschaften mit alltäglichen Dingen verknüpft ist. Und hier kommt Degrowth ins Spiel. Dabei geht es weniger um Verzicht als um eine neue Denk- und Wirtschaftsweise, in der das Wohlergehen von Menschen, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit im Fokus stehen. Große Themen, die Katharina Mau auf unseren Alltag umlegt und zeigt, in welche Richtungen wir uns entwickeln können, um eine faire, lebenswerte Basis für alle zu schaffen.

Alltag im Wandel – wie schaut das jetzt konkret aus?
Katharina Mau stellt Menschen und konkrete Konzepte vor, die zugänglich machen, wie unsere Gesellschaft funktionieren kann. Dazu gehören Ideen wie: Arbeitszeitverkürzung, Grundversorgung für alle, günstigere Mieten, freier Zugang zu Medien und Internet, Vermögensbegrenzungen sowie die Neubewertung von Care-Arbeit. Reden wir z. B. darüber, warum die Pflege von Älteren oder die Verantwortung für eine Familie einen höheren Stellenwert bekommen sollte, und das nicht nur in der Theorie. Darüber hinaus lädt dieses Buch dazu ein, sich auf neue Gedankenmodelle einzulassen und Utopien zuzulassen. Denn ohne sie, ist es gar nicht möglich, über eine neue Welt zu sprechen und der kollektiven Erschöpfung entgegenzuwirken.

- Realutopie - eine neue Welt zum Anfassen: Wie leben bereits in der Veränderung, die Welt ist im Wandel - also fragen wir uns gemeinsam: Wohin soll es gehen? Wie will ich leben? Was ist wirklich wichtig? Dieses Buch ist ein Leitfaden zum Nachdenken darüber, wie das Morgen funktionieren kann.
- Wir sind alle erschöpft - Natur, Mensch und Wirtschaft: Zeit für Lösungen - Katharina Mau bietet in ihrem Buch eine einfache Problemanalyse, sie erklärt, warum unsere Gesellschaft so verunsichert und überfordert ist, und: wagt einen Blick in eine Welt, in der wir nicht mehr vom Wachstum abhängig sind.
- Ich habe keinen Bock mehr - und jetzt soll ich auch noch die Welt retten? Wenn wir nicht über eine gute Zukunft nachdenken, gibt es sie auch nicht - und das betrifft jede*n Einzelne*n von uns. Die Auseinandersetzung mit einem positiven Ausweg und realen Projekten motiviert. Die Entdeckung der vielen Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet eine Alternative.
SpracheDeutsch
HerausgeberLöwenzahn Verlag
Erscheinungsdatum25. Apr. 2024
ISBN9783706629386
Das Ende der Erschöpfung: Wie wir eine Welt ohne Wachstum schaffen

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    Buchvorschau

    Das Ende der Erschöpfung - Katharina Mau

    Illustration

    KATHARINA MAU

    Das Ende der Erschöpfung

    Illustration

    WIE WIR EINE WELT OHNE

    WACHSTUM SCHAFFEN

    Illustration

    Inhalt

    Illustration

    Einleitung

    TEIL 1

    Unsere Wirtschaft ist auf Wachstum ausgerichtet, nicht auf Wohlbefinden

    1. WIRTSCHAFTSWACHSTUM ZERSTÖRT UNSERE LEBENSGRUNDLAGEN

    Emissionen steigen mit dem BIP

    Auch erneuerbare Energien brauchen Rohstoffe

    Neue Technologien werden es nicht richten

    2. REICHE LÄNDER BEUTEN DEN GLOBALEN SÜDEN AUS

    Vom Kolonialismus zum ökologisch ungleichen Tausch

    Der Globale Süden muss wachsen dürfen

    3. GELD IST SEHR UNGLEICH VERTEILT

    Wohlstand durch Wachstum: aber für wen?

    Wer trägt wie viel zur Klimakrise bei?

    4. WIR HABEN SCHWIERIGKEITEN, UNS GUT UM ALLE ZU KÜMMERN

    Pseudo-Wachstum: Care-Arbeit verlagert sich

    Schlechte Arbeitsbedingungen und Fachkräftemangel

    Pflegekräfte aus dem Ausland fehlen oft in ihren Heimatländern

    Viele Menschen leiden unter der Doppelbelastung von bezahlter und unbezahlter Arbeit

    5. WIR STECKEN IM HAMSTERRAD

    Statuskonsum ist wie ein Wettkampf

    TEIL 2

    Degrowth: eine neue Art zu wirtschaften

    Wünsche sind unbegrenzt – Bedürfnisse nicht

    Das gute Leben

    Genug für alle: Konsumkorridore

    1. SCHLUSS MIT ARMUT: ALLGEMEINE GRUND-VERSORGUNG

    Wieso nicht lieber ein bedingungsloses Grundeinkommen?

    Auf einen Blick

    2. ARBEIT NEU DENKEN

    Was bedeutet ernsthafter Klimaschutz für Arbeitsplätze?

    Arbeit im Kapitalismus

    Wenn Arbeit zerstört

    Arbeit für das gute Leben

    Endlich mehr Zeit: Ciao, 40-Stunden-Woche

    Sollte der Staat Jobs für alle garantieren?

    Auf einen Blick

    3. DER STAAT HAT (EIGENTLICH) IMMER GENUG GELD

    Der größte Richtungsstreit des 20. Jahrhunderts

    Der Staat schöpft Geld aus dem Nichts

    Die Inflation ist die Grenze

    Keine eigene Währung: die Eurozone

    Willkürlich festgelegte Schuldengrenzen: Regierungen machen sich selbst arm

    Auf einen Blick

    4. WAS WÄRE, WENN WIR REICHTUM ABSCHAFFEN?

    Reichtum gefährdet die Demokratie

    Weniger Reichtum, weniger Emissionen

    Vermögen: Obergrenze, Abgabe, Steuer?

    Sollten Menschen unbegrenzt viel verdienen können?

    Auf einen Blick

    5. DEMOKRATIE MITGESTALTEN

    Vom Gesetzesvorschlag zum „Heiz-Hammer"

    Politik mitgestalten, statt bloß zu konsumieren

    Bürger*innenräte fordern mehr Maßnahmen für Klimaschutz

    Deliberative und repräsentative Demokratie kombinieren

    Von den Bedürfnissen der Menschen ausgehen

    Auf einen Blick

    6. GUT LEBEN DURCH GESELLSCHAFTLICHE GRENZEN

    Von planetaren zu gesellschaftlichen Grenzen

    Von globalen zu lokalen Grenzen

    Der Markt verteilt weder ökologisch noch gerecht

    Auf einen Blick

    7. GRENZEN EINHALTEN: DEMOKRATISCH PLANEN

    Investitionen in eine ökologische Gesellschaft

    Emissionen müssen teurer werden

    Subventionen für klimaschädliche Industrien stoppen

    Wir sollten mehr über Verbote sprechen

    Fossile Brennstoffe im Boden lassen: sozialer Widerstand und Kompensationen

    Auf einen Blick

    8. DEGROWTH IN DER PRAXIS

    Was macht ein transformatives Unternehmen aus?

    Von der Nische in die Breite?

    Auf einen Blick

    9. REPARATIONEN FÜR DEN GLOBALEN SÜDEN

    Entschädigungen für die Folgen der Klimakrise

    Auf einen Blick

    AUSBLICK: IST DAS NICHT SUPER UNREALISTISCH?

    Wir haben nicht genug Zeit

    Es wäre eine Befreiung

    DANKE

    LITERATUR- UND QUELLENVERZEICHNIS

    Für meine Eltern. Eure Küchenbank ist

    für mich immer noch zuhause.

    Für Stef. Danke, dass du tröstest,

    anstatt Probleme zu lösen.

    Für Alina, meine Wahlschwester.

    Einleitung

    Illustration

    Ich sitze im Wohnzimmer meiner Schwiegereltern in Athen. Ein paar Tage, nachdem heftige Regenfälle große Teile Griechenlands in einen See verwandelt haben. Mein Schwiegervater hat den Fernseher angemacht, ohne Ton, um niemanden zu stören. Auf dem Bildschirm sehe ich 2 Menschen in einem Ruderboot. Ein Mann, der vielleicht ein Helfer vor Ort ist – und die Reporterin, die ihm immer wieder ihr Mikro hinhält. Das Wasser ist ruhig, es ist etwas bewölkt, aber es regnet nicht. Langsam gleitet das Boot zwischen Häusern hindurch. Ich sehe Balkone, hier und da Bäume.

    Es könnte eine der Reisereportagen sein, die ich als Kind manchmal mit meiner Oma angesehen habe. Ein Trip durch Venedig, wo sich Menschen auf Kanälen wie auf Straßen bewegen. Musik, die ich jetzt nicht höre und immer wieder eine Anekdote des Reiseführers. Wenn die Balkone nicht zu niedrig über dem Wasser hängen würden, wenn nicht nur die Spitzen des schwarzen Eisenzauns zu sehen wären.

    Knapp 2 Monate früher fliehen Menschen auf der Insel Rhodos zu Fuß vor Waldbränden – bei der größten Feuer-Evakuierung in der griechischen Geschichte.1 Während Bewohner*innen ihre niedergebrannten Häuser besuchen und anfangen zu begreifen, wie viel sie verloren haben, bemüht sich der griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis, den Image-Schaden für den Tourismus zu begrenzen. „Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass Rhodos heute gastfreundlicher ist als je zuvor, sagt er eine gute Woche nach den Bränden einem britischen Fernsehsender. „Die Insel ist zur Normalität zurückgekehrt.2 Wer wegen der Waldbrände seinen Urlaub habe abbrechen müssen, bekomme im kommenden Jahr von der griechischen Regierung einen Aufenthalt geschenkt.

    Ich habe in diesen Tagen im Sommer 2023 viel darüber nachgedacht, wie absurd das alles ist. Durch die Klimakrise werden Extremwetterereignisse wie Waldbrände und Überschwemmungen heftiger. Tourismus ist Teil des Problems. Jeder Urlaubsflug nach Griechenland erhöht die globalen Treibhausgasemissionen. Eigentlich müsste die griechische Regierung darauf hinarbeiten, Flüge und ihre Emissionen zu verringern. Gleichzeitig sind die Menschen in Griechenland auf den Tourismus angewiesen. Sie brauchen ihn, um Jobs zu finden und ihre Miete zu bezahlen.

    Das ist natürlich nur ein Beispiel, ein kleiner Ausschnitt. Nicht nur Flüge verursachen Emissionen und Griechenland könnte nicht allein die Klimakrise lösen. Aber das gleiche Dilemma finden wir in vielen anderen Bereichen. Viele Ökonom*innen und Politiker*innen behaupten, wir könnten das Problem mit neuen Technologien lösen. Synthetische Kraftstoffe würden die Flugbranche klimaneutral machen. Wir könnten so weitermachen wie bisher – nur eben ohne Emissionen.

    Sehr viel deutet darauf hin, dass das nicht funktionieren wird. Was genau, erkläre ich im Abschnitt Wirtschaftswachstum zerstört unsere Lebensgrundlagen ab Seite 14. Aber selbst, wenn es funktionieren würde: Was für ein Wirtschaftssystem verteidigen wir, wenn wir an dem festhalten, was wir gerade haben? Es ist ein System, das auf der Ausbeutung von Menschen im Globalen Südeni basiert. Ein System, das Reiche immer reicher macht, während sich gleichzeitig mehr und mehr Menschen bei den Tafeln anstellen, um etwas zu essen zu bekommen. Es ist ein System, in dem wir uns nicht ausreichend um alle kümmern können und zu wenig Zeit für Freund*innen haben. Im ersten, kurzen Teil dieses Buches möchte ich festhalten, was in unserem Wirtschaftssystem nicht gut funktioniert.

    Der zweite, größere Teil ist für Lösungen reserviert. Welche Möglichkeiten gibt es, um die Wirtschaft so umzubauen, dass nicht mehr Geld und Machtinteressen im Mittelpunkt stehen, sondern das Wohl aller Menschen? Die Ideen und Konzepte, die ich vorstelle, basieren auf der Forschung von Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen, die man zum Großteil dem Bereich Degrowth zuordnen kann.

    Was beutet Degrowth? So wie ich es verstehe und in diesem Buch beschreibe, heißt es: in einem demokratischen Prozess die Produktion und den Konsum in reichen Ländern herunterzufahren, um die Erderhitzung und Naturzerstörung zu stoppen. Und dabei gleichzeitig die Wirtschaft gerechter zu gestalten und darauf hinzuarbeiten, dass alle Menschen weltweit gut leben können.3 Was bedeutet gut leben? Darauf gehe ich ab Seite 46 ein.

    Degrowth wird im Deutschen auch mit Postwachstum übersetzt, manche verwenden die Begriffe synonym. Allerdings ist der Begriff Postwachstum auch stark von einer Degrowth-Strömung geprägt, die sich vor allem auf individuellen Konsumverzicht fokussiert. Deshalb verwende ich den Begriff Degrowth.

    Einige wachstumskritische Konzepte finden Anklang in der rechten Szene, etwa die Idee, wieder mehr lokal zu produzieren. Degrowth-Forschende grenzen sich an mehreren Stellen klar von einer Vereinnahmung durch rechte Gruppen ab und das möchte ich an dieser Stelle auch tun.

    Ich möchte dich dazu einladen, dich auf die Vorschläge in diesem Buch einzulassen. Die meisten Gesellschaften im Globalen Norden sind so sehr vom Streben nach Wachstum durchdrungen, dass viele sich ein anderes System nur schwer vorstellen können: ein System, in dem es keine Sanktionen bei der Grundsicherung gibt, in dem wir weniger erwerbsarbeiten und mehr Zeit für uns und andere haben, in dem zum Beispiel Öl- und Gasunternehmen nicht mehr die Freiheit haben, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören.

    Die ersten 3 Kapitel des zweiten Teils (ab Seite 44) drehen sich um die Frage: Was brauchen wir, damit es Menschen gut geht, alle teilhaben können und niemand zurückfällt? Hier schwingt auch mit: Wie können Menschen offen gegenüber Veränderungen sein? Wie kann Klimaschutz geben, statt wegzunehmen? Und das, ohne sich nur darauf zu stützen, dass alles schlimmer wird, wenn wir nichts tun. Das stimmt, aber es ist nicht besonders motivierend.

    Die 4 darauffolgenden Kapitel (ab Seite 117) fragen: Wer hat Macht zu entscheiden, was wir mit unseren begrenzten Ressourcen tun? Wieso dürfen Milliardäre in den Weltraum fliegen und Tonnen an Treibhausgasen in die Welt pusten, während andere versuchen, nur noch am Wochenende Fleisch zu essen und im dicken Pulli in der Wohnung sitzen, anstatt die Heizung hochzudrehen? Ich stelle Vorschläge vor, um den Reichtum und damit die Macht Einzelner zu begrenzen. Es geht um Ideen, wie unsere Demokratie demokratischer werden könnte. Und um Mittel, die sicherstellen sollen, dass Investitionen dort hinfließen, wo wir sie brauchen und nicht, wo sie am meisten Geld erwirtschaften. Gegen Ende des Buches analysiere ich am Beispiel der Solidarischen Landwirtschaft, wie sich Degrowth-Ansätze in die Praxis übertragen lassen (Seite 190). Außerdem gehe ich darauf ein, wieso eine faire Transformation echte Reparationen für den Globalen Süden beinhaltet (Seite 204).

    Das Buch hat nicht den Anspruch, DEN Masterplan für eine Degrowth-Transformation vorzulegen. Nicht alles ist schon 100-prozentig durchdacht. Und auch innerhalb der Degrowth-Bewegung gibt es zu vielen Details Kontroversen, unterschiedliche Ansätze und Meinungen. Ich stelle die Vorschläge so vor, wie ich sie verstehe. Dabei beziehe ich mich auf zahlreiche wissenschaftliche Publikationen, Gespräche mit Forschenden und Menschen aus der Praxis.

    Meine persönliche Perspektive ist die einer weißen Frau, die finanziell sehr privilegiert ist. Wenn ich über Armut spreche, dann nicht aus eigener Erfahrung. Wenn ich über Reichtum spreche, meine ich mich oft mit.

    Für viele der Ideen, die ich beschreibe, müssten wir Gesetze ändern und Details klären. Und natürlich können das alles nur Vorschläge sein. Am Ende können wir nur demokratisch entscheiden, in welcher Welt wir leben wollen. Deshalb möchte ich dich auch dazu einladen, mir zu widersprechen, kritisch zu sein, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Denn was wir aus meiner Sicht dringend brauchen, sind andere Debatten über die Krisen, in denen wir stecken, und vor allem über passende Lösungen. Eine gerechtere Wirtschaft ist möglich – wenn mehr und mehr Menschen daran arbeiten.

    _______

    iDie Begriffe Globaler Norden und Süden sind jeweils Sammelbegriffe für privilegierte Länder (Norden) und solche, die im globalen System benachteiligt sind (Süden), sowohl in gesellschaftlichen als auch in politischen und ökonomischen Bereichen.

    TEIL 1

    Unsere Wirtschaft ist auf Wachstum ausgerichtet, nicht auf Wohlbefinden

    Illustration

    Ich weiß, dass die Klimakrise die Welt unwiederbringlich verändert. Ich weiß, dass Extremwetter häufiger werden. Ich weiß, dass Menschen darunter leiden, ihr Zuhause verlieren, sogar sterben. Ich kenne die Fakten und wenn ich es zulasse, fühle ich sie auch. Trotzdem verändert sich im Sommer 2023 etwas. Weltweit folgt ein Extremwetterereignis auf das andere und die Klimakrise fühlt sich für mich noch einmal anders nah an.

    Anfang Juli, nur ein paar Wochen vor den Waldbränden auf Rhodos, wird die spanische Stadt Zaragoza nach heftigen Regenfällen überflutet. Die Straße hat sich in einen Fluss verwandelt, der mehrere Autos mit sich reißt. Auf einem davon kniet eine Frau. Sie schaut nach vorne, duckt sich etwas, beide Hände flach auf das Autodach gestützt. Ihr Auto schiebt ein anderes zur Seite. Es sieht fast aus wie bei einer Wildwasserbahn im Freizeitpark – als wären hier nicht Menschen in Lebensgefahr. Ich sitze am Schreibtisch und sehe das Video auf Social Media.4 Und wieder ist da diese Angst, die gerade immer öfter in mir hochkommt.

    In diesem Juli 2023 wird auch der weltweit heißeste Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gemessen – nur um gleich danach von noch heißeren Tagen übertroffen zu werden.5 Forschende stellen fest, dass die extremen Temperaturen bei Hitzewellen in den USA, Mexiko und Südeuropa ohne die Klimakrise praktisch unmöglich gewesen wären.6

    Auf Social Media sehe ich immer wieder ähnliche Grafiken: Sie zeigen die Oberflächentemperatur des Nordatlantiks.7 Dutzende Linien stehen für die Entwicklungen der Vorjahre. Die Linie für das Jahr 2023 entfernt sich deutlich von allen anderen. So deutlich, dass Wissenschaftler*innen sich eindeutig Sorgen machen – so unwahrscheinlich ist solch eine Abweichung statistisch gesehen. „Habe selten meine Klimawissenschaftler-Timeline so nervös gesehen wie angesichts der gerade sprunghaft steigenden Temperaturen", schreibt der Journalist Rico Grimm.8

    Die Klimakrise ist schlimm genug, wenn die Dinge so passieren, wie die Wissenschaft sie seit Jahrzehnten voraussagt. Dass die Temperaturen nun unerwartet so plötzlich ansteigen, zeigt nur einmal mehr, in was für einem riesigen Experiment wir uns gerade befinden. Anfang Februar 2024 teilte der EU-Klimawandeldienst Copernicus mit: Die globale Durchschnittstemperatur der vergangenen 12 Monate habe zum ersten Mal 1,5 °C höher gelegen im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Mit anderen Worten: Im Zeitraum von Februar 2023 bis Januar 2024 haben wir die 1,5-Grad-Grenze überschritten.9

    Ab 1,5 °C wird es immer wahrscheinlicher, dass wir sogenannte Kipppunkteii überschreiten und die Welt, auf der wir leben, unwiederbringlich verändern – mit schrecklichen Folgen für die meisten Lebewesen auf der Erde, auch uns Menschen. Aber wann das genau passiert, wissen wir nicht. Es ist klar, dass wir die Emissionen schnellstmöglich drastisch senken müssen. Doch bisher passiert das nicht.

    Deshalb habe ich mich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie eine Wirtschaft aussehen könnte, die uns hilft, die Klimakrise einzudämmen. Bevor ich Lösungen vorstelle, möchte ich darauf eingehen, was in unserem Wirtschaftssystem alles schiefläuft. Denn auch wenn „die Wirtschaft" auf den ersten Blick vielleicht abstrakt erscheint, trägt der Fokus auf Wirtschaftswachstum dazu bei, dass viele nicht genug Zeit für Hobbys und Freund*innen haben. Dass Menschen erschöpft sind, obwohl wir kollektiv weniger erwerbsarbeiten könnten. Dass Pflegekräfte sich nicht in Ruhe um alte Menschen kümmern können. Und dass die Erde sich immer weiter erhitzt.

    _______

    ii Forschende gehen davon aus, dass es im Erdsystem verschiedene Kippelemente gibt. Dazu gehören etwa der Grönländische und der Westantarktische Eisschild, der Amazonas-Regenwald, die Korallenriffe oder die Atlantische Umwälzströmung (AMOC). Es gibt jeweils einen bestimmten Punkt, den Kipppunkt, an dem diese Systeme in einen neuen Zustand überwechseln – mit erheblichen Auswirkungen. Bei den Eisschilden bedeutet das zum Beispiel, dass sie, wenn sie den Kipppunkt überschreiten, einfach weiter abschmelzen, auch wenn wir es danach schaffen, die globale Erhitzung zu stoppen. Würde die Atlantische Umwälzströmung zusammenbrechen, würde sich das Klima in Europa komplett verändern.

    1. WIRTSCHAFTSWACHSTUM ZERSTÖRT UNSERE LEBENSGRUNDLAGEN

    Es gibt diesen schönen Satz, den Robert Kennedy, der Bruder des US-Präsidenten John F. Kennedy, bei einer Rede 1968 gesagt hat: „Das Bruttoinlandsprodukt misst alles, außer dem, was das Leben lebenswert macht."10 Das Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP, entspricht dem Wert der Waren und Dienstleistungen, die ein Land innerhalb eines Jahres produziert.11 Wenn das BIP wächst, sprechen wir von Wirtschaftswachstum. Das BIP ist der bekannteste Indikator, mit dem wir über die Wirtschaft sprechen. Vielleicht hattest du auch schon einmal eine Push-Nachricht auf deinem Handy, dass die Wirtschaft, und damit das BIP, im vorigen Quartal um soundsoviel Prozent gewachsen oder geschrumpft ist. Wir messen dem BIP unglaublich viel Bedeutung bei.

    Vor der Einführung des BIP berechneten Staaten vereinzelt ihr Volkseinkommen. In der politischen Debatte war dies aber vollkommen unwichtig.12 Erst mit dem Zweiten Weltkrieg änderte sich das. Damals wollten die Regierungen in Großbritannien und den USA wissen, wie sich die Produktion von Waffen, Panzern und Kampfflugzeugen auf andere Wirtschaftsbereiche auswirken würde. Dazu mussten sie die Produktivität der Wirtschaft berechnen und dafür entwickelten Wissenschaftler*innen den Vorläufer des BIP.13 Der wirtschaftliche Boom nach dem Krieg hat vor allem Menschen im Globalen Norden Wohlstand gebracht. Und der wiederum ist in vielen Köpfen eng mit dem Wirtschaftswachstum verknüpft. Dabei ist das BIP kein besonders guter Indikator für Wohlstand.

    Wenn sich etwa Eltern Zeit für ihre Kinder nehmen und deshalb weniger arbeiten, sinkt das BIP. Wenn sich ein Investmentbanker entscheidet, seinen Beruf aufzugeben, von seinem Ersparten zu leben und ehrenamtlich Menschen im Altersheim zu besuchen, sinkt das BIP. Dabei würden viele zustimmen, dass eine Gesellschaft, in der Eltern ihren Kindern vorlesen und alte Menschen nicht einsam sein müssen, eine gute Gesellschaft ist.

    Nachdem die Flut im Ahrtal das Zuhause von Tausenden Menschen zerstört hatte, stieg das BIP. Denn Handwerker*innen begannen, Häuser wieder aufzubauen, Menschen kauften neue Möbel. Doch die Flut war eine Katastrophe: Mehr als 130 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt.14 Viele Häuser waren auch 1,5 Jahre später noch unbewohnt.15 Wenn an heißen Tagen mehr Menschen kollabieren, weil die Klimakrise Hitzewellen verschlimmert, geht es zwar den Menschen schlechter, aber das spiegelt sich kaum im BIP wider. Wenn sie anschließend im Krankenhaus eine Infusion bekommen, steigt das BIP sogar.

    Wir sprechen davon, dass unsere Wirtschaft floriert, wenn das BIP wächst. Dabei spielt es keine Rolle, ob Einkommen

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