Entdecken Sie mehr als 1,5 Mio. Hörbücher und E-Books – Tage kostenlos

Ab $11.99/Monat nach dem Testzeitraum. Jederzeit kündbar.

Weitermachen: Journal 2021
Weitermachen: Journal 2021
Weitermachen: Journal 2021
eBook282 Seiten3 Stunden

Weitermachen: Journal 2021

Bewertung: 0 von 5 Sternen

()

Vorschau lesen

Über dieses E-Book

Weitermachen, so lautet die Inschrift auf dem Grabstein Herbert Marcuses auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin. Für Marcuse war das eine politische Losung im Kampf um eine bessere Gesellschaft, jenseits des Kapitalismus. Wir haben das bescheidene Grab eines unserer Heroen von 1968 bei unserem letzten Berlin-Aufenthalt eher zufällig entdeckt.

Weitermachen bedeutet nicht, im alten Trott zu verfahren, in gewohnten Routinen zu verharren oder die Augen vor den Zuständen um uns herum zu verschließen. Auch nicht, zu glauben, es werde schon alles nicht so schlimm kommen. Dieser ruchlose Optimismus (Schopenhauer) ist nicht gemeint. Weitermachen heißt vielmehr, sich zu verändern, neu zu beginnen, seine Möglichkeiten zu erweitern. Es geht darum, seinem Dasein eine zentrierende Tiefe (Wellershoff) zu geben, statt die Zeit, die einem gegeben ist, nur herumzubringen. Zeit, die nutzlos vertan wird, ist pure Gegenwart, die zu nichts führt, ein endloses Auf-der-Stelle-Treten. Als würde man sich damit abfinden, dass keine Veränderung möglich ist, nicht einmal in der Vorstellung. Es ginge nur noch darum, irgendwie weiterzumachen.

Von einigen Versuchen, unseren Alltag sinnvoll zu gestalten, ist im Folgenden gelegentlich die Rede.
SpracheDeutsch
HerausgeberBooks on Demand
Erscheinungsdatum28. Jan. 2022
ISBN9783755706205
Weitermachen: Journal 2021
Autor

Joke Frerichs

Joke Frerichs, Dr. rer. pol., Studium der Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaft. Lange Zeit als Sozialwissenschaftler tätig gewesen. Seit 2006 freier Schriftsteller. Zahlreiche Veröffentlichungen.

Mehr von Joke Frerichs lesen

Ähnliche Autoren

Ähnlich wie Weitermachen

Ähnliche E-Books

Fiktion für Sie

Mehr anzeigen

Verwandte Kategorien

Rezensionen für Weitermachen

Bewertung: 0 von 5 Sternen
0 Bewertungen

0 Bewertungen0 Rezensionen

Wie hat es Ihnen gefallen?

Zum Bewerten, tippen

Die Rezension muss mindestens 10 Wörter umfassen

    Buchvorschau

    Weitermachen - Joke Frerichs

    Inhaltsverzeichnis

    Zu meinem Roman schreibt Klaus

    Schreibe an Klaus zurück

    Daraufhin schreibt Klaus

    Ich schreibe zurück

    Daraufhin schreibe ich zurück

    Klaus schreibt über seine Leseerfahrungen

    Ich antworte wie folgt

    Insa Wilke antwortet wie folgt

    Wolfgang schreibt zu Petras Rezension des Romans Permanns Schweigen

    Klaus schreibt ebenfalls

    Schreibe ihm zurück

    Wolfgang reagiert wie folgt auf meinen Blogtext

    All die Mails, die hin- und hergehen, bedenkend, schreibe ich an Klaus

    Schreibe ihm zurück

    Schreibe an Klaus

    Klaus schreibt zurück

    Petra bespricht einen weiteren Zwischenstand des fünften Bildes

    Klaus antwortet auf Petras Besprechung

    Wolfgang schreibt zurück

    Einige Assoziationen zum 5. Bild des Zyklus von Klaus

    Klaus antwortet

    Das fünfte Bild des Zyklus von Klaus ist fertig. Dazu schreibt Petra

    Klaus antwortet

    Ich schreibe an Klaus

    Darauf antworte ich ihm

    Hinnerick Bröskampf schickt überraschend eine E-Mail

    Einige ungeordnete, vielleicht auch abgehobene Überlegungen zum Zyklus von Klaus

    Klaus antwortet auf den Text wie folgt

    Klaus schreibt zurück

    Klaus reagiert auf meinen Blog-Text

    Klaus hat sehr differenziert auf mein Zimmerschied-Büchlein reagiert. Er schreibt

    Die Gellners haben auf das Zimmerschied-Büchlein reagiert. Sie schreiben

    Ein weiteres Beispiel: die Tochter von Petra und Engelbert aus Zimmerschied, schreibt mir

    Schicke ausführliche Mail an Klaus; einiges über unsere Aktivitäten. Er antwortet

    Petra und ich sind beeindruckt vom Rhönbild von Klaus; daraufhin schreibt er

    Schreibe an Klaus zurück

    Klaus schreibt noch einmal zum Thema Unterströmung

    Weitermachen! – so lautet die Inschrift auf dem Grabstein Herbert Marcuses auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin. Für Marcuse war das eine politische Losung im Kampf um eine bessere Gesellschaft – jenseits des Kapitalismus. Wir haben das bescheidene Grab eines unserer Heroen von 1968 bei unserem letzten Berlin-Aufenthalt eher zufällig entdeckt.

    ‚Weitermachen’ bedeutet nicht, im alten Trott zu verfahren, in gewohnten Routinen zu verharren oder die Augen vor den Zuständen um uns herum zu verschließen. Auch nicht, zu glauben, es werde schon alles nicht so schlimm kommen. Dieser ruchlose Optimismus (Schopenhauer) ist nicht gemeint. ‚Weitermachen’ heißt vielmehr, sich zu verändern, neu zu beginnen, seine Möglichkeiten zu erweitern. Es geht darum, seinem Dasein eine zentrierende Tiefe (Wellershoff) zu geben, statt die Zeit, die einem gegeben ist, nur herumzubringen. Zeit, die nutzlos vertan wird, ist pure Gegenwart, die zu nichts führt, ein endloses Auf-der-Stelle-Treten. Als würde man sich damit abfinden, dass keine Veränderung möglich ist, nicht einmal in der Vorstellung. Es ginge nur noch darum, irgendwie weiterzumachen.

    Von einigen Versuchen, unseren Alltag sinnvoll zu gestalten, ist im Folgenden gelegentlich die Rede.

    *

    Das erste Jahr nach Zimmerschied lässt sich gut an. Der Roman ist in der Welt und das Journal 2020 in Arbeit. Das heißt auch, dass wir dabei sind, unseren Rhythmus zu finden. Wegen der Corona-Einschränkungen werden wir den ganzen Januar über in Köln bleiben. Und wir haben uns vorgenommen, in dieser Zeit eine Weinpause einzulegen; gewissermaßen als Fastenersatz.

    *

    Walter Malzkorn, langjähriger Bevollmächtigter der IG Metall Köln, ist gestorben. Ich habe während meiner Berufstätigkeit viel mit ihm zusammengearbeitet, ihn oft in seinem Büro aufgesucht und mit ihm diskutiert. Er bat mich, in die gewerkschaftliche Bildungsarbeit einzusteigen. Jahrelang habe ich danach Seminare zur Geschichte der Arbeiterbewegung durchgeführt. Und ihm lag daran, dass wir über unsere Forschungsergebnisse zur Arbeitszeitpolitik oder Leiharbeit berichten; z.B. anlässlich der monatlichen Betriebsräte-Konferenzen. Zuletzt sahen wir Walter am Rande einer Mai-Kundgebung; schwer gezeichnet von mehreren Schlaganfällen.

    Elke Malzkorn, der wir wegen des Todes ihres Mannes geschrieben hatten, antwortet: Dass Walter seinen Weg so lange und konsequent gehen konnte, verdankte er Partnern und Freunden wie Euch. Er und sein Freund Hermann Eichelbaum haben immer voller Achtung von Euch gesprochen. So seid Ihr für eine zeitlang wichtige Begleiter gewesen. Dafür danke ich Euch.

    Und sie fragt, ob ich noch Gedichte schreibe und veröffentliche. Daraufhin schicke ich ihr den Gedichtband Die Beständigkeit des Lichts mit den Schwarz-weiß Landschaftszeichnungen von Klaus.

    *

    Das Journal 2020 geht an BoD. Petra hat es in vier Tagen gelesen, korrigiert und gestaltet. Sie meint, es sei auch in literarischer Hinsicht gut gelungen; als Zeitdokument ohnehin.

    *

    Manfred Peter schreibt mir zurück, was mich jedes Mal freut und beruhigt:

    Alles Gute, auch Ihnen lieber Freund,

    Das Alter (85) hat mich mit vielen Plagen heimgesucht, sowohl in Kolumbien als auch in Spanien.

    Das Schreiben von Texten hält mich aufrecht. Ob das so bleibt, ist allerdings fraglich.

    Nochmals: Viel Glück und Erfolg wünschend

    Ihr Manfred Peter

    *

    Petra und ich reden viel über unsere Befindlichkeit in diesen Tagen. Zimmerschied liegt hinter uns, und bisher haben wir diese doch sehr einschneidende Erfahrung ganz gut bewältigt. Noch überwiegt die Erleichterung. Man muss nicht mehr bei jedem Sturm, wie zuletzt Anfang Dezember, befürchten, dass Bäume umfallen o.ä. Auch ist uns nach wie vor klar, dass wir die Belastungen mit dem Grundstück auf Dauer nicht hätten bewältigen können. Als ich das Journal 2020 noch einmal gelesen habe, bin ich wieder tief eingetaucht in diese Welt. Wie gut, dass wir dieses letzte Jahr so intensiv erlebt haben wie kaum eines davor. Mir ist schon klar, dass ich mit Zimmerschied meinen Rückzugsort zum Schreiben verloren habe. All das ist jetzt Erinnerung, und man muss nicht wehmütig, sondern dankbar sein, dass wir die Zeit hier erlebt haben. Mit dieser Einstellung wollen wir versuchen, diesen Lebensabschnitt zu verarbeiten.

    *

    Zu meinem Roman schreibt Klaus:

    Bei der Lektüre der „Zeit der unverhofften Bilder" ist interessant, dass meine Gedanken oder Assoziationen oder Verdichtungen der Kopfmalereien immer stärker zum nächsten Bild gehen. Ich kann das schwer erklären. Ist es eine direkte oder eine Katalysator-Wirkung der geäußerten Gedanken, ist es die geistige Atmosphäre, die durch das Buch geschaffen wird, die mich beflügelt und die fruchtbar werden will? Vielleicht sollte ich gar nicht versuchen, das zu ergründen, sondern mich lieber über die Resultate freuen, die dann vermutlich sichtbar werden. Es fühlt sich jedenfalls gut an!

    *

    Habe eine ausführliche Rezension zum Buch von Stefan Mau über die Ostdeutsche Transformationsgesellschaft für den Blog geschrieben. Lasse den Text wegen der Ereignisse in den USA erst einmal ruhen.

    *

    Ja, die USA, unsere Superdemokratie. Der Sturm aufs Capitol war der bisherige Höhepunkt eines jahrelangen Niedergangs des politischen Systems. Wie sagte doch eine Rednerin während der Proteste gegen den Rassismus: Wann war dieses Land je großartig? Wohl nur in der Legende. In der Realität dominierte immer nur das Geld, so dass man besser von einer Plutokratie hätte reden sollen. Und mit Trump kam dann eine ganz spezielle Variante des Politikers auf. Er hat mit seinen Lügen und Diffamierungen ein Klima geschaffen, in dem die Leute nur noch in ihren Blasen leben oder besser gesagt: in ihren Parallelgesellschaften. Ihm folgen auf Twitter Millionen Leser, und viele haben ihn gewählt, aller Skandale, Lügen und Fehlleistungen zum Trotz. Die amerikanische Gesellschaft ist gespalten wie nie, und sie wird wohl auch nie mehr zusammen kommen. Insofern waren die Ereignisse der letzten Tage nicht überraschend. Und die Trump-Ära ist nicht vorbei. Das Gift wird weiter wirken. Insofern sind die Versuche der Demokraten, Trump mit Hilfe eines Impeachments loszuwerden, eher hilflos. Sie sollen wohl vor allem vom eigenen Versagen ablenken.

    *

    Seit Tagen höre ich früh morgens eine Amsel. Und Petra erzählt von Rotkehlchen auf dem Leipziger Platz, wenn sie morgens die Zeitung holt.

    Es rührt einen an.

    *

    Habe mit den Vorarbeiten für einen resümierenden Text über Zimmerschied begonnen. Sammle Stellen aus den Journalen und Büchern. Vieles ist redundant und muss überarbeitet werden. Petra rät, mir dafür Zeit zu lassen, auch um mehr Abstand zu gewinnen.

    *

    Lese in den kunsttheoretischen Büchern von Max Raphael. Was mir an ihm gefällt ist, dass er den künstlerischen bzw. schöpferischen Prozess in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellt. Nicht die historischen Bedingungen, die Ideen oder Begriffe einer Epoche, sondern das Kunstwerk selbst stellt den Focus seiner Analyse dar. Sehen, Konzipieren, Komponieren, das ist für ihn keine zeitliche Folge, sondern vollzieht sich in wechselseitiger Abhängigkeit gleichzeitig. Die Konzeption bildet die Mitte. Sie ist weder etwas Isoliertes noch etwas Fertiges, sondern etwas, das den ganzen Schaffensprozess leitet.

    *

    Elke Malzkorn, der ich den Gedichtband Die Beständigkeit des Lichts geschickt hatte, schreibt: Welch schöne Überraschung. Vielen Dank für das Buch. Ich habe es mehrfach zur Hand genommen und immer wieder Neues entdeckt. Auch wenn ich mich in der nächsten Zeit von vielen Unterlagen trennen muss- aus Platzgründen. Dein Buch wird bei mir bleiben.

    *

    Wolfgang schreibt einen Text für den Blog zum 90. Geburtstag von Johannes Rau. Ich schreibe ihm daraufhin, worüber er sich zu freuen scheint. Es ist immer wichtig, Rückmeldungen zu geben. Tut einem selbst auch gut.

    *

    Bereiten Texte für meine Homepage vor und hoffen, dass Frau Steffens sie weiterhin betreut, nachdem ihr Partner Faust gestorben ist.

    *

    Klaus schildert uns seine Situation: Handwerker; Anwesenheit und Abschied von Ole und Freundin; Schwierigkeit, ins Lesen und Arbeiten zu kommen. Doch dann gelingt es ihm am zweiten Tag doch. Er schreibt:

    Erstaunlicherweise ging es mit der Lektüre Deines Romans heute dann richtig gut. Schnell war ich in den Themen, bald waren Querverbindungen hergestellt, eine schöne Mischung aus konzentriertem Lesen und produktivem Abschweifen der Gedanken, fast als sei ich Teil des Gesprächs, als sei ich der ‚kluge Schweiger‘, als den Kraiker mich einmal am Anfang des Studiums charakterisierte, der Euren Ausführungen lauschen durfte. Nach etwa 25 Seiten legte ich das Buch zur Seite und verspürte vor allem eine Lust auf mehr: mehr lesen, mehr malen, mehr Gedankenspiele, wie Arno Schmidt das so schön bezeichnete.

    Von den Kunstsendungen auf 3sat habe ich bislang nur die über van Goghs Selbstbildnis sehen können. Mehr werden folgen, denn wir können sie alle über die Mediathek abrufen.

    Geduld ist jetzt Tagesaufgabe in allen Lebensbereichen. Die werden wir hoffentlich nutzen können.

    Ich schreibe ihm abermals, er soll sich Zeit lassen. Und dass ich mich über seine zwischenzeitlichen Lese-Erfahrungen freue.

    *

    Das Journal 2020 Farewell ist angekommen. Habe jetzt 20 Jahre unseres Lebens in meinen Journalen festgehalten. Wie viel an Erfahrungen und Erlebnissen wären uns ohne sie unwiederbringlich verloren gegangen?

    *

    Habe mir ein literarisches Großprojekt vorgenommen: den Ulysses von James Joyce. Parallel dazu lese ich die Biographie über ihn von Richard Ellmann; darin vor allem das Kapitel Die Hintergründe zu ‚Ulysses’. Was mich interessiert, ist weniger die Handlung (ein Tag mit allen Details und Verwicklungen in der Großstadt Dublin), als vielmehr der Erzählstil. Dazu heißt es:

    James Joyce hat in seinem Ulysses einer neuen literarischen Erzähltechnik zum Durchbruch verholfen, die als ‚Stream of Consciousness‘ oder ‚Bewusstseinsstrom‘ bezeichnet wird. Anstelle einer objektiv-äußeren Erzählweise mit einem Erzähler, der die Ereignisse aus der dritten Person (allwissend oder limitiert) berichtend vorträgt, kommt hier der Protagonist selbst zum Zug. Allerdings nicht nach dem gängigen Schema eines Ich-Erzählers, sondern viel unmittelbarer, assoziativer, chaotischer: In der Geschwindigkeit und Unordnung, wie Gedanken durch das Gehirn jagen, wie Erinnerungen sich mit Sinnesreizen verknüpfen oder Gerüche und Melodien das Bewusstsein stimulieren, bringt der Autor die Wahrnehmungen und Gedanken seiner Figuren zu Papier, oftmals in unvollständiger Grammatik. Diese literarische Technik bildet die Gleichzeitigkeit von innerer und äußerer Welt ab.

    *

    19.1.: Gewicht 80,3 kg. Vielleicht ein Ergebnis ausgewogener Ernährung (viel Obst und Gemüse; wenig Fleisch) und Bewegung an der frischen Luft (wenn möglich täglich).

    *

    Morgen soll Joe Biden gewählt werden. Die Sicherheitsvorkehrungen laufen auf vollen Touren. Das Problem: selbst in den Reihen der Sicherheitskräfte kann man nicht sicher sein, dass alle an einem Strang ziehen. Was einzig gut ist: Trump ist weg; der Trumpismus allerdings nicht. Das Land wird zerrissen bleiben, und wie. Ein nicht legitimierter Präsident wird es schwer haben. Und von Biden erwarte ich ohnehin nicht viel.

    *

    Klaus ist mit seiner Lektüre meines Romans fortgefahren, nachdem es einige Unterbrechungen gab (Handwerker; Besuche usw.). Interessant für mich: die Rückschlüsse auf seine Malerei, die er aus dem Stoff zieht. Er schreibt:

    Zwei Nachdenktage liegen hinter mir und ich denke, dass auch noch welche folgen werden. Ist die Lektüre ins Stocken geraten oder, wie ich meine, geht sie jetzt erst richtig los? Hängen geblieben bin ich an dem Gegensatz(?)paar ‚Wirklichkeitssinn‘ und ‚Möglichkeitssinn‘ (S.209). Schon der Kontext, die Diskussion über ‚die‘ Romantik, reizt mich sehr. Sie klammere ich aber aus, auch wenn es schwerfällt, denn: Ich möchte die Fragen, meine Fragen, anwenden auf den entstehenden Zyklus, möchte sie konkretisieren. Im Grunde geht es um ein Wechselverhältnis zwischen diesen Polen, aber wie und inwieweit - und inwiefern kann mich das voranbringen?

    So habe ich die Seiten vom Samstag noch einmal gelesen, ergänzt durch Deinen Text, der den Zusammenhang zwischen den Bildern herstellt. Wie gelungen und hilfreich! Das alles wäre schon komplex genug, würde ich gefühlsmäßig nicht eigentlich schon im nächsten Bild mich befinden, mich dort zu bewegen versuchen, Kicking off-Punkte ausprobieren, würde ich nicht in der Phantasie Fixpunkte zu platzieren versuchen. ‚Fixpunkt‘ ist übrigens gut, denn angefixt bin ich. Soll ich froh sein, dass die anstrengenden Restarbeiten, möglichst bei Tageslicht, noch zu leisten sind, wodurch ich Zeit gewinne? Ich will auch vorankommen, den Spannungsbogen nicht abreißen lassen. (Heute habe ich mich erst um 15.30 Uhr an die Staffelei setzen können, da war nicht mehr viel möglich.)

    *

    Habe meine Doyle-Sherlock Holmes-Lektüre beendet. Sie hat mir viel Vergnügen bereitet. Ich habe beide Erzählbände parallel zu meiner Hauptlektüre (z.Zt. Joyce) gelesen. Es ging um lauter Einzelfälle auf über eintausend Seiten. Petra wird vielleicht noch etwas über die Methode und Persönlichkeit von Holmes schreiben. Auf Seite 434 des ersten Erzählbandes gab es tatsächlich einen Hinweis auf E.A. Poe. Das könnte eine interessante Spur sein, die weiter verfolgt werden sollte.

    *

    Meine Homepage ist wieder auf dem neuesten Stand; erfreulicherweise hat Frau Steffens den Job von ihrem verstorbenen Partner Faust übernommen.

    *

    Schreibe an Klaus zurück:

    Welche Rückschlüsse Du bei der Lektüre des Romans auf Dein Malen ziehst, dass interessiert mich sehr – war es doch ein Motiv von mir, den künstlerischen Prozess mit zu vollziehen und mir klarzumachen, was darin vor sich geht. Das beschäftigt mich auch weiterhin.

    *

    Daraufhin schreibt Klaus:

    Zwei Gedanken. Ich beginne mit der Überlegung, inwieweit das Dargestellte im Makaber-Tanz-Zyklus (MT) mehr ‚Wirklichkeit‘ oder mehr ‚Möglichkeit‘ ist. Bevor ich den Begriff ‚Wirklichkeit‘ ergänze, von ‚Wirklichkeitssinn‘ oder gar ‚Wirklichkeitsveränderung‘ spreche, zunächst diese Frage.

    Ist z.B. die Tatsache nur ‚Möglichkeit‘, dass ich mit übergroßen Figuren spiele, mit bildmächtigen Kick Offs, denn real geht so etwas ja nicht? Oder verdeutliche ich gerade dadurch Wirklichkeit? Feststeht, dass ein Wechselverhältnis besteht. Eine Wirklichkeit abzubilden ohne die Möglichkeiten der ‚Möglichkeit‘ zu bemühen, wäre mir zu ‚journalistisch‘. Ein MT-Zyklus als ‚Möglichkeit‘ ohne Bezug zur Wirklichkeit würde sich im ‚Surrealen‘ verlaufen. Die ‚Möglichkeit‘ überträfe sich sozusagen selbst. Erzähltes wäre mir zu zufällig, zu raunend in seiner Wirkung. So fragt sich, wieviel Zufall und wieviel Spiel bei diesem Thema zulässig sind? Zwischen beiden Polen bewege ich mich auf einem schmalen Grat. Viel Intuition ist gefragt, gerade auf dem Weg ins Nichts. Dazu Hans Blumenberg: ‚Wirklich ist, was nicht unwirklich ist‘.

    Zur Romantik: Wie der Maler im Roman sehe ich darin eine emanzipatorische Kraft, den Mut zu einer Verselbständigung, zu einer ‚geistigen Erneuerung‘. Hier findet keine ‚Kunstbehaglichkeit des großen Zeitablehnungsgenies‘ (Heine über Goethe) statt, sondern ein vorsätzliches Wegsehnen, eine Abkehr vom erlebten Jetzt, eine Sehnsucht nach vergangenen Idealen.

    Hier liegt in Bezug auf den MT-Zyklus aber der entscheidende Unterschied, denn statt eines Weges in die Vergangenheit geht es in die andere Richtung, oft in Formen der Flucht. Ursprünglich habe ich mir vor meinem inneren Auge Motive immer in der Bewegung von rechts nach links vorgestellt. Das ist in der Formensprache aber eine Rückwärtsbewegung. Erst in der Umkehr der Bewegungsrichtung streben die Figuren nach vorne, signalisieren ein ‚Vorwärts‘. Während das allgemein als positiv empfunden wird, führen die Vereinzelung der Personen, die ausbleibende Kommunikation, die sich ausbreitende Gleichgültigkeit, das Ausbleiben der Hoffnung auf gemeinsame Werte -– ins Nichts. Würde ich protestieren, wenn man das Dargestellte im MT-Zyklus als ‚heiteren Nihilismus‘ bezeichnet?

    *

    Ich schreibe zurück:

    Das sind interessante Assoziationen, die

    Gefällt Ihnen die Vorschau?
    Seite 1 von 1